Part 3
_Rohini_
Das kann ich nicht glauben. Sie tut nur so, als ob sie ihn kennte. Niemand kann dafür bürgen, daß sie den König kennt. Wären wir so schamlos wie sie, es wäre nicht schwer für uns gewesen, mit unserer Bekanntschaft mit dem König zu prahlen.
_Sudarschana_
Aber nein, sie prahlt niemals.
_Rohini_
Bloße Ziererei, weiter nichts; damit kommt man oft weiter als mit offenem Prahlen. Sie ist zu allen Streichen fähig: drum mochten wir sie nie leiden.
_Sudarschana_
Aber sag, was du willst, ich hätte sie gern gefragt, wenn sie hier wäre.
_Rohini_
Sehr wohl, Königin. Ich werde sie holen. Sie muß glücklich sein, wenn sie der Königin unentbehrlich ist, um den König zu erkennen.
_Sudarschana_
O nein -- es ist nicht darum -- aber ich hörte es gern von aller Welt bestätigt.
_Rohini_
Sagt es nicht alle Welt? Da, höre nur hin, die Jubelrufe des Volks dringen sogar bis zu dieser Höhe empor.
_Sudarschana_
Dann tu mir den einen Dienst: lege diese Blumen auf ein Lotusblatt und bringe sie ihm.
_Rohini_
Und was soll ich sagen, wenn er fragt, wer sie sendet?
_Sudarschana_
Du wirst nichts zu sagen brauchen -- er wird es wissen. Er meinte, ich würde nicht imstande sein, ihn zu erkennen: ich kann ihn nicht fortlassen, ohne ihm zu zeigen, daß ich ihn herausgefunden habe.
Rohini geht mit den Blumen.
_Sudarschana_
Mein Herz ist voll Unruhe heute abend: so war mir nie zuvor zumute. Das weiße, silberne Licht des Vollmonds überflutet den Himmel und perlt nach allen Seiten wie der sprudelnde Schaum des Weins... Es faßt mich wie ein Taumel von Sehnsucht. Halt, wer ist da?
Eine Dienerin tritt auf.
_Dienerin_
Was befehlen Majestät?
_Sudarschana_
Siehst du dort die fröhlichen Knaben, wie sie singend durch die Laubgänge und Alleen der Mangobäume ziehen? Rufe sie her, bring sie zu mir: ich möchte sie singen hören.
Die Dienerin geht und kehrt mit den Knaben wieder.
Kommt, lebendige Sinnbilder des jugendfrischen Frühlings, hebt euren Festgesang an! Meine ganze Seele und mein Leib ist heute abend Gesang und Musik -- doch die unaussprechliche Melodie will mir nicht von der Zunge: singt ihr denn an meiner Statt!
_Gesang_
Mein Leid ist mir süß, heut in dieser Frühlingsnacht. Mein Schmerz greift in die Saiten der Liebe und läßt sie leise erklingen. Lockende Bilder, aus meiner Sehnsucht geboren, gleiten im Mondschein dahin. Der Duft aus der Tiefe der Wälder verirrt sich in meine Träume. Worte kommen flüsternd an mein Ohr, ich weiß nicht, woher, Und die Glöckchen an meinen Fußspangen zittern und klingen im Takt zum Tanz meines Herzens.
_Sudarschana_
Genug, genug -- ich ertrag' es nicht länger! Euer Gesang hat meine Augen mit Tränen gefüllt... Mich wandelt es an -- Sehnsucht kann nie ihren Gegenstand finden -- sie braucht ihn nicht zu finden. Welch lieblicher Sänger der Wildnis hat euch dies Lied gelehrt? O, daß meine Augen den sehen könnten, dessen Gesang meine Ohren gehört haben! Ach, wie ich mich sehne -- mich sehne, in Liebesverzückung im Waldesdickicht des Herzens mich zu verlieren! Liebe Knaben der Waldwildnis! wie soll ich euch lohnen? Dieses Halsband ist nur aus Juwelen, aus harten Steinen gemacht -- ihre Härte wird euch weh tun -- ich besitze nichts dergleichen wie die Blumenkränze, die euch zieren.
Die Knaben verbeugen sich und gehen ab.
Rohini tritt auf.
_Sudarschana_
Ich habe nicht recht getan -- ich habe nicht recht getan, Rohini. Ich schäme mich, dich zu fragen, was geschah. Ich habe jetzt eben erkannt, daß keine Hand in Wahrheit die größte der Gaben geben kann. Doch laß mich alles hören.
_Rohini_
Als ich dem König die Blumen gab, sah er nicht so aus, als verstünde er etwas davon.
_Sudarschana_
Das kann nicht sein! Er verstand nicht --?
_Rohini_
Nein; er saß da wie eine Puppe, ohne ein einziges Wort zu äußern. Ich glaube, er wollte nicht zeigen, daß er nichts verstand, daher tat er den Mund nicht auf.
_Sudarschana_
Pfui über mich! Meine Schamlosigkeit ist gerecht bestraft worden. Warum hast du meine Blumen nicht zurückgebracht?
_Rohini_
Wie konnte ich? Der König von Kantschi, ein sehr gewitzigter Mann, der neben ihm saß, begriff alles mit einem Blick, und er lächelte nur eben ein bißchen und sagte: »Majestät, die Königin Sudarschana sendet Euch ihre Grüße mit diesen Blumen -- mit Blumen, die dem Gott der Liebe gehören, dem Freund des Frühlings!« Der König schien mit einem Male aufzuwachen und sagte: »Das ist die Krone all meiner Königsherrlichkeit heute Nacht.« Ich wandte mich, ganz außer Fassung, zum Gehen, als der König von Kantschi dem König dieses Juwelenhalsband abnahm und zu mir sagte: »Freundin, dies Königsgeschmeide will zu dir, zum Dank für das frohe Glück, das du gebracht hast.«
_Sudarschana_
Wie, Kantschi mußte dem König all das begreiflich machen! Weh mir, dies nächtliche Fest hat die Tore der Schmach und Schande weit vor mir geöffnet. Was andres konnte ich erwarten? Verlaß mich, Rohini; ich muß eine Weile allein sein. (Rohini geht ab.) Ein furchtbarer Schlag hat all meinen Stolz zu Staub zerschlagen, und doch ... ich kann diese schöne, bezaubernde Gestalt nicht aus dem Gedächtnis löschen! Kein Stolz ist mir geblieben ... ich bin geschlagen, vernichtet, gänzlich hilflos ... ich kann nicht einmal die Augen von ihm abwenden. Oh, wie mir wieder und wieder der Wunsch kommt, Rohini um diese Kette zu bitten! Aber was würde sie denken! Rohini!
Rohini kommt.
_Rohini_
Was ist dein Wunsch?
_Sudarschana_
Welchen Lohn verdienst du für deine heutigen Dienste?
_Rohini_
Nichts von dir -- aber ich bekam meinen Lohn von dem König, wie sich's gebührt.
_Sudarschana_
Das ist keine freie Gabe, sondern eine erzwungene Belohnung. Ich möchte nicht etwas an dir sehen, was auf so gleichgültige Art gegeben wurde. Leg es ab, ich gebe dir meine Armspangen, wenn du es hier läßt. Nimm diese Armspangen und geh nun. (Rohini geht ab.) Welch neue Schmach! Ich hätte dieses Halsband wegwerfen sollen -- aber ich kann nicht! Es sticht mich, als ob es ein Dornenkranz wäre -- aber ich kann es nicht wegwerfen. Das also hat mir der Festgott heute zur Nacht beschert -- dieses Halsband der Schmach und Schande!
V.
Großvater nahe am Tor des Lusthauses.
Eine Gesellschaft von Männern.
_Großvater_
Habt ihr genug davon bekommen, Freunde?
_Erster Mann_
Oh, mehr als genug, Großvater. Sieh nur, sie haben mich über und über rot gemacht. Keiner ist davongekommen[A].
_Großvater_
Wirklich? Haben sie die Könige auch mit rotem Puder beworfen?
_Zweiter Mann_
Wer konnte ihnen denn nahe kommen? Sie waren alle sicher auf ihrem eingehegten Platz.
_Großvater_
So sind sie euch entkommen! Konntet ihr nicht die geringste Spur Farbe auf sie werfen? Ihr hättet euch den Weg dahin erzwingen sollen.
_Dritter Mann_
Mein lieber Alter, sie haben eine andere Sorte Rot, die ihnen vorbehalten ist. Ihre Augen sind rot; die Turbane ihrer Wachen und ihres Gefolges sind auch rot. Und die letztern schwangen ihre Schwerter so in der Luft herum, daß eine weitere Annäherung von unserer Seite ein reichliches Zutagetreten der grundlegenden roten Farbe bedeutet hätte.
_Großvater_
Wohlgetan, Freunde -- haltet sie immer in einiger Entfernung. Sie sind die Verbannten der Erde, und wir haben das Amt, dafür zu sorgen, daß es so bleibt.
_Dritter Mann_
Ich gehe heim, Großpapa; Mitternacht ist vorüber.
Geht ab.
Eine Schar Sänger kommt singend herbei.
Schwarz und Weiß ist nicht mehr geschieden, Ist rot geworden -- rot wie eure Füße gefärbt sind. Rot ist mein Wams und rot meine Träume, Mein Herz schwankt und schwingt wie ein roter Lotus.
_Großvater_
Vortrefflich, meine Freunde, glänzend! So hattet ihr wirklich genußreiche Stunden!
_Die Sänger_
Oh, und wie sehr! Alles war rot, rot! Nur der Mond am Himmel ließ uns im Stich: er blieb weiß.
_Großvater_
Er sieht nur von außen so unschuldig drein. Hättet ihr nur seine weiße Maske weggenommen, ihr hättet seine Schelmerei schon gesehen. Ich habe beobachtet, was für rote Farben er heute nacht auf die Erde wirft. Und doch, sollte man es für möglich halten, daß er dabei die ganze Zeit weiß und farblos bleibt!
_Gesang._
Auf dich seh ich's ab, Liebe, mein Lieb! Mein Herz ist toll, gibt sich nimmer besiegt, Meinst du, ungefärbt zu entkommen, Wenn du mich mit rotem Puder rötest? Könnt ich nicht dein Kleid färben mit dem roten Blütenstaub meines Herzens?
Sie gehen ab.
Der »König« und Kantschi treten auf.
_Kantschi_
Du mußt genau tun, was ich dir gesagt habe. Daß du mir nichts übersiehst!
_»König«_
Ich werde nichts übersehen.
_Kantschi_
Die Gemächer der Königin Sudarschana liegen in den...
_»König«_
Ja, Herr, ich habe den Ort gemerkt.
_Kantschi_
Was du zu tun hast, ist, im Garten Feuer anzulegen, und dann wirst du aus dem Durcheinander und der Verwirrung Vorteil ziehen, um deine Aufgabe zielbewußt zu vollbringen.
_»König«_
Ich werde daran denken.
_Kantschi_
Sieh einmal, Herr Prätendent, ich glaube doch, daß unsere Furcht ganz unbegründet ist -- es gibt in Wahrheit keinen König in diesem Lande.
_»König«_
Mein einziges Ziel ist, dieses Land aus der Anarchie zu retten. Der gemeine Mann kann ohne König nicht leben, ob dieser nun echt ist oder falsch! Anarchie ist immer eine Quelle der Gefahr.
_Kantschi_
Frommer Wohltäter des Volkes, deine wundervolle Aufopferung sollte wirklich uns allen ein Beispiel sein. Ich gedenke dem Volke diesen außerordentlichen Dienst in eigener Person zu erweisen.
Sie gehen ab.
VI.
Im Garten.
_Rohini_
Was gibt es denn? Ich kann nicht herausbekommen, was all das ist! (Zu den Gärtnern) Wohin geht ihr alle in solcher Eile?
_Erster Gärtner_
Wir gehen aus dem Garten.
_Rohini_
Wohin?
_Zweiter Gärtner_
Wir wissen nicht, wohin -- der König hat uns gerufen.
_Rohini_
Aber der König ist doch hier in diesem Garten. Welcher König hat euch gerufen?
_Erster Gärtner_
Das wissen wir nicht.
_Zweiter Gärtner_
Der König, dem wir unser Lebtag gedient haben, natürlich.
_Rohini_
Wollt ihr alle gehen?
_Erster Gärtner_
Ja, alle -- wir müssen sofort gehen. Sonst könnten wir zu Schaden kommen.
Sie gehen ab.
_Rohini_
Ich kann ihre Worte nicht verstehen... Ich fürchte mich. Sie rennen davon wie wilde Tiere, die in dem Augenblick entfliehen, ehe die Flut den Damm durchbricht.
Der König von Koschala tritt auf.
Rohini, weißt du, wo dein König und Kantschi hingegangen sind?
_Rohini_
Sie sind irgendwo im Garten, aber ich kann nicht sagen, wo.
_Koschala_
Ich verstehe wirklich nicht, was sie vorhaben. Ich habe nicht wohl daran getan, mein Vertrauen auf Kantschi zu setzen. Ab.
_Rohini_
Was ist das für eine dunkle Sache, mit der sich diese Könige abgeben? Etwas Schreckliches bereitet sich vor. Werde ich in diese Sache hineingezogen werden?
Avanti tritt auf.
_Avanti_
Rohini, weißt du, wo die andern Fürsten sind?
_Rohini_
Es ist schwer zu sagen, wo sie alle hingekommen sind. Der König von Koschala ging jetzt eben in dieser Richtung hier vorbei.
_Avanti_
Ich denke nicht an Koschala. Wo sind euer König und Kantschi?
_Rohini_
Ich habe sie seit langer Zeit nicht gesehen.
_Avanti_
Kantschi weicht mir immer aus. Er plant gewiß, uns alle zu betrügen. Ich habe nicht wohl daran getan, meine Hand in diese Wirrnis zu stecken. Freundin, könntest du mir freundlich einen Weg aus diesem Garten weisen?
_Rohini_
Ich weiß keinen.
_Avanti_
Ist niemand hier, der mir den Weg hinaus zeigen kann?
_Rohini_
Die Diener haben alle den Garten verlassen.
_Avanti_
Warum taten sie das?
_Rohini_
Ich konnte nicht genau verstehen, was sie meinten. Sie sagten, der König hätte ihnen befohlen, den Garten sofort zu verlassen.
_Avanti_
Der König? Welcher König?
_Rohini_
Sie konnten es nicht genau sagen.
_Avanti_
Das klingt nicht gut. Ich muß um jeden Preis einen Weg hinausfinden. Ich kann hier keinen Augenblick länger bleiben.
Geht eilig ab.
_Rohini_
Wo kann ich den König finden? Als ich ihm die Blumen gab, die die Königin gesandt hatte, da schien er sich nicht viel um mich zu kümmern; aber seit der Stunde hat er Gaben und Geschenke auf mich gehäuft. Diese grundlose Freigebigkeit macht mich noch ängstlicher... Wohin fliegen die Vögel zu dieser Stunde der Nacht? Was hat sie plötzlich aufgeschreckt? Das ist nicht die gewohnte Zeit ihres Fluges, gewiß nicht... Warum rennt der Königin zahmes Reh dieses Wegs? Tschapata! Tschapata! Es hört nicht einmal meinen Ruf. Ich habe nie eine Nacht wie diese gesehen. Der Horizont wird auf allen Seiten plötzlich rot, wie das Auge eines Wahnsinnigen! Die Sonne scheint zu so ungewohnter Stunde auf allen Seiten zugleich unterzugehen. Welcher Wahnsinn des Allmächtigen ist dies! ... Oh, ich fürchte mich! ... Wo kann ich den König finden?
VII.
Am Tor zum Palast der Königin.
_»König«_
Was hast du getan, Kantschi?
_Kantschi_
Ich wollte nur diesen Teil des Gartens beim Palast in Brand stecken. Ich hatte keine Ahnung, daß das Feuer sich so schnell nach allen Seiten verbreiten würde. Sag mir schnell den Weg aus diesem Garten.
_»König«_
Ich kann ihn dir nicht sagen. Die uns hierher geführt haben, sind alle entflohen.
_Kantschi_
Du bist ein Eingeborner dieses Landes -- du mußt den Weg wissen.
_»König«_
Ich habe diese inneren Königsgärten nie zuvor betreten.
_Kantschi_
Ich will davon nichts hören -- du mußt mir den Weg zeigen, oder ich spalte dich in zwei Teile.
_»König«_
Du kannst mir auf diese Weise das Leben nehmen, aber es würde dir wenig helfen, den Weg aus diesem Garten zu finden.
_Kantschi_
Warum liefst du dann herum und sagtest, du wärest der König dieses Landes?
_»König«_
Ich bin nicht der König -- ich bin nicht der König.
Wirft sich mit gefalteten Händen zu Boden.
Wo bist du, mein König? Rette mich, oh, rette mich! Ich bin ein Empörer -- strafe mich, aber töte mich nicht!
_Kantschi_
Was nützt es, sich zu krümmen und in die leere Luft zu schreien? Nutze die Zeit lieber und such nach dem Wege!
_»König«_
Ich will mich hierher legen -- ich rühre mich nicht von der Stelle. Komme was will, ich werde nicht klagen.
_Kantschi_
Ich will all diesen Unsinn nicht dulden. Wenn ich verbrennen muß, sollst du mir zum letzten Ende Gesellschaft leisten.
_Stimme von außen_
Oh, rette uns, rette uns, König! Das Feuer kommt von allen Seiten über uns!
_Kantschi_
Narr, steh auf, verliere keine Zeit mehr.
_Sudarschana_ (tritt auf)
König, o mein König! rette mich, rette mich vor dem Tode! Ich bin vom Feuer umzingelt.
_»König«_
Wer ist der König? Ich bin kein König.
_Sudarschana_
Du bist nicht der König?
_»König«_
Nein, ich bin ein Heuchler, ich bin ein Schuft.
Seine Krone zu Boden werfend.
Mag mein Trug und Heuchelei zu Staub zerstieben!
Ab mit Kantschi.
_Sudarschana_
Kein König? Er ist nicht der König? Dann, o du Feuergott, verbrenne mich, vernichte mich zu Asche! Ich will mich dir selbst in die Arme werfen, o du großer Reiniger; verbrenne meine Schmach, mein Verlangen, meine Begierde zu Asche.
_Rohini_ (tritt auf)
Königin, wohin gehst du? All deine innern Gemächer sind in rasendes Feuer gehüllt -- geh nicht hinein.
_Sudarschana_
Ja, ich will in diese brennenden Räume hineingehn! Es ist mein Totenfeuer!
Sie geht in den Palast.
VIII.
Die dunkle Kammer. Der König und Sudarschana.
_König_
Fürchte dich nicht -- du hast keinen Grund zur Angst. Das Feuer wird nicht in dies Gemach dringen.
_Sudarschana_
Ich habe keine Angst -- aber oh, die Scham verfolgt mich wie ein rasendes Feuer. Mein Gesicht, meine Augen, mein Herz, jeder Teil meines Körpers wird von ihren Flammen versengt und verbrannt.
_König_
Es wird eine Zeit vergehen, ehe du über diesen Brand hinwegkommst.
_Sudarschana_
Dieses Feuer wird nie aufhören -- wird nie aufhören!
_König_
Verzage nicht, Königin!
_Sudarschana_
O König, ich will dir nichts verbergen... Ich trage eines anderen Kette um meinen Hals.
_König_
Auch diese Kette ist mein -- wie sonst hätte er zu ihr kommen sollen? Er stahl sie aus meiner Kammer.
_Sudarschana_
Aber sie ist _sein_ Geschenk an mich: und doch konnte ich diese Kette nicht fortschleudern! Als das Feuer brüllend von allen Seiten kam, dachte ich daran, diese Kette ins Feuer zu werfen. Aber nein, ich konnte nicht. Mein Geist flüsterte: »Behalte diese Kette im Tode an«... Was für ein Feuer ist das, o König, in das ich, die hinausgegangen war, dich zu sehen, sprang, wie eine Motte, die der Flamme nicht widerstehen kann! Welch eine Qual ist das, oh, welch ein Todeskampf! Das Feuer brennt so wild weiter wie je, und doch lebe ich weiter in seinen Flammen!
_König_
Aber du hast mich schließlich gesehen -- deine Sehnsucht ist gestillt worden.
_Sudarschana_
Aber suchte ich dich denn mitten in diesem grauenhaften Verderben? Ich weiß nicht, was ich sah, doch mein Herz pocht noch wild vor Angst.
_König_
Was sahest du?
_Sudarschana_
Grauenhaft -- oh, es war grauenhaft! Ich fürchte mich, auch nur noch daran zu denken. Schwarz, schwarz -- o du bist schwarz wie die ewige Nacht! Ich habe dich nur einen einzigen entsetzlichen Augenblick gesehen. Der Feuerschein fiel auf deine Züge -- du sahst wie die schaudervolle Nacht aus, wenn ein Komet unheilverkündend über uns schwebt -- oh, da schloß ich die Augen -- ich konnte deinen Anblick nicht mehr ertragen. Schwarz wie die drohende Wetterwolke, schwarz wie das uferlose Meer mit dem gespenstischen Rot des Zwielichts auf seinen tosenden Wogen!
_König_
Habe ich dir nicht vorausgesagt, daß man meinen Anblick nicht ertragen kann, wenn man nicht schon darauf vorbereitet ist? Man möchte vor mir zum Ende der Welt fliehen. Habe ich das nicht zahllose Male gesehen? Darum wollte ich mich dir langsam und allmählich enthüllen, nicht gar zu plötzlich.
_Sudarschana_
Aber es kam die Sünde und vernichtete alle deine Hoffnungen -- die bloße Möglichkeit einer Gemeinschaft mit dir ist für mich nun undenkbar geworden.
_König_
Sie wird mit der Zeit möglich werden, meine Königin. Die gräßliche düstere Schwärze, die dich heute bis in die Seele mit Furcht geschlagen hat, wird eines Tages dein Trost und dein Heil sein. Wofür sonst kann meine Liebe da sein?
_Sudarschana_
Es kann nicht sein, es ist nicht möglich. Was will _deine_ Liebe allein noch tun? _Meine_ Liebe hat sich nun von dir abgewandt. Die Schönheit hat ihren Zauber auf mich geworfen, diese Raserei, dieser Rausch wird mich nie mehr verlassen -- sie hat meine Augen mit ihrem Glanz geblendet und entflammt, sie hat ihren goldenen Schimmer bis in meine Träume geworfen! Ich habe dir nun alles gesagt -- strafe mich, wie dir beliebt.
_König_
Die Strafe hat schon begonnen.
_Sudarschana_
Doch willst du mich nicht strafen so stoße mich von dir. Ich will dich verlassen --
_König_
Du hast vollkommene Freiheit, zu tun, was dir beliebt.
_Sudarschana_
Ich kann deine Gegenwart nicht ertragen! Mein Herz ist böse auf dich. Warum warst du -- aber was hast du mir getan?... Warum bist du so? Warum haben sie mir gesagt, du wärest stattlich und schön? Du bist schwarz, schwarz wie die Nacht -- ich werde dich nie, ich kann dich nie liebhaben. Ich habe gesehen, was ich liebe -- es ist sanft und weich wie Samt, zart wie die _Schirischa_-Blume, strahlend wie ein Schmetterling.
_König_
Es ist falsch wie eine Fata Morgana, leer wie eine Seifenblase.
_Sudarschana_
Mag sein -- aber ich kann deine Nähe nicht ertragen -- ich kann einfach nicht! Ich muß von hier fliehen. Eine Gemeinschaft mit dir, das kann nicht möglich sein! Sie kann nichts anderes sein als ein falscher Bund -- mein Geist muß sich unweigerlich von dir abkehren.
_König_
Willst du es nicht einmal ein wenig versuchen?
_Sudarschana_
Ich habe es seit gestern versucht -- aber je mehr ich versuche, um so mehr empört sich mein Herz. Wenn ich bei dir bleibe, werde ich beständig von dem Gedanken verfolgt und gehetzt, daß ich unrein bin, daß ich falsch und treulos bin.
_König_
Nun wohl, du kannst so weit von mir gehen, als dir beliebt.
_Sudarschana_
Ich kann von dir nicht fliehen -- gerade weil du mein Gehen nicht hinderst. Warum hältst du mich nicht mit Gewalt an den Haaren zurück und sagst: »Du sollst nicht gehen?« Warum schlägst du mich nicht? O strafe mich, triff mich, schlag mich mit gewaltiger Hand! Aber dein widerstandsloses Schweigen macht mich wild -- oh, ich kann's nicht ertragen!
_König_
Warum glaubst du, daß ich in Wirklichkeit still bin? Woher weißt du, daß ich nicht versuche, dich zurückzuhalten?
_Sudarschana_
Oh, nein, nein! -- Ich kann das nicht ertragen -- sag mir laut, befiehl mir mit der Stimme des Donners, zwinge mich mit Worten, die alles andere übertönen -- laß mich nicht so leicht, so mild von dir!
_König_
Ich werde dich frei lassen, aber warum sollte ich zulassen, daß du dich von mir losreißest?
_Sudarschana_
Das willst du nicht zulassen? Wohlan denn, ich muß gehen!
_König_
Geh denn!
_Sudarschana_
So bin ich gar nicht zu tadeln. Du hättest mich mit Gewalt zurückhalten können, aber du tatest es nicht! Du hast mich nicht gehindert -- und nun werde ich fortgehen. Befiehl deinen Wachen, mich nicht gehen zu lassen!
_König_
Niemand wird dir in den Weg treten. Du kannst so frei gehen wie die zerrissene Wetterwolke, die vom Sturm gepeitscht wird.
_Sudarschana_
Ich kann nicht mehr widerstehen -- etwas in mir jagt mich vorwärts -- es treibt mich von meinem Anker! Vielleicht werde ich versinken, aber ich werde nie mehr zurückkehren.
Sie stürzt hinaus.
Surangama tritt auf.
_Surangama_ (singt)
Was hat dein Wille mit mir vor, daß er mich in die Weite sendet? Zu deinen Füßen werde ich wieder von meiner Wanderschaft zurückkehren.
Deine Liebe ist es, die sich hinter dem Schein der Nachlässigkeit verbirgt, deine zärtlichen Hände stoßen mich fort, um mich wieder in deine Arme zu ziehn! O mein König, was ist's für ein Spiel, das du überall in deinem Reiche treibst?
_Sudarschana_ (kehrt zurück)
König, o König!
_Surangama_
Er ist fortgegangen.
_Sudarschana_
Fortgegangen? Wohlan denn ... dann hat er mich endgültig verstoßen! Ich bin zurückgekehrt, aber er hat nicht einen einzigen kleinen Augenblick auf mich warten können! Sehr gut denn, ich bin nun vollkommen frei. Surangama, hat er dich geheißen, mich zurückzuhalten?
_Surangama_
Nein, er hat nichts gesagt.
_Sudarschana_
Warum sollte er etwas sagen? Warum sollte er sich um mich kümmern? ... Ich bin also frei, vollkommen frei. Aber, Surangama, ich wollte den König etwas fragen, konnte es aber in seiner Gegenwart nicht herausbringen. Sag mir, ob er die Gefangenen mit dem Tode bestraft hat.
_Surangama_
Mit dem Tode? Mein König straft nie mit dem Tode.
_Sudarschana_
Was hat er ihnen denn getan?
_Surangama_
Er hat sie in Freiheit gesetzt. Kantschi hat seine Niederlage anerkannt und ist in sein Königreich heimgekehrt.
_Sudarschana_
Ach, was für eine Erlösung!
_Surangama_
Meine Königin, ich habe eine einzige Bitte an dich.
_Sudarschana_
Du brauchst deine Bitte nicht auszusprechen, Surangama. Alle Geschmeide und Schmucksachen, die der König mir gab, lasse ich dir -- ich bin nicht würdig, sie von nun an zu tragen.
_Surangama_
Nein, ich brauche sie nicht, meine Königin. Mein Herr hat mir nie irgendwelchen Schmuck zu tragen gegeben -- mein schmuckloses Aussehen ist für mich gut genug. Er hat mir nichts gegeben, womit ich vor den Leuten prahlen könnte.
_Sudarschana_
Was willst du sonst von mir?
_Surangama_
Ich will mit dir gehn, meine Königin.
_Sudarschana_
Bedenke, was du da sagst; du verlangst, deinen Herrn zu verlassen. Was für eine Bitte ist das für dich!
_Surangama_
Ich werde nicht weit von ihm fortgehen -- wenn du unbehütet fortgehst, wird er bei dir sein, dicht dir zur Seite.
_Sudarschana_
Du redest Unsinn, mein Kind. Ich wollte Rohini mit mir nehmen, aber sie wollte nicht. Was gibt dir den Mut zu dem Wunsche, mit mir zu kommen?
_Surangama_
Ich besitze weder Mut noch Kraft. Aber ich werde gehen -- der Mut wird von selbst kommen, und auch die Kraft wird kommen.
_Sudarschana_