Der König der dunklen Kammer

Part 2

Chapter 23,675 wordsPublic domain

Aber sie begehren nie etwas. Kein Bettler wird je den König kennen. Der größere Bettler sieht in den Augen des kleineren Bettlers wie ein König aus. O Narr, der Mann, der heute auf die Straße gegangen ist, in Purpur und Gold angetan, um dich anzubetteln -- ihn posaunst du als deinen König aus! ... Ah, da kommt mein toller Freund! O kommt, meine Brüder! wir dürfen den Tag nicht mit eitlem Streiten und Schwatzen verbringen -- geben wir uns jetzt toller Lustbarkeit, wildem Entzücken hin!

Der tolle Freund tritt auf, singend.

Lächelt ihr, Freunde? Lacht ihr, Brüder? Ich streife herum und suche den goldenen Hirsch! Ja, ach ja, ich schaue den Leichtfuß, und immer entwischt er mir!

Oh, er flitzt und blinkt wie ein Blitz und schon ist er weg, der wilde Waldvagabund! Nahe dich ihm, und im Nu ist er fern; ein Gewölk von Dunst und Staub bleibt dir zurück! Doch streif ich herum und suche den goldenen Hirsch, wenn ich ihn nimmer auch fangen mag in dieser Wildnis! Oh, ich streife und wandre durch Wälder und Felder und namenlose Gefilde wie ein rastloser Landstreicher und denk nicht an Umkehr.

Ihr alle kommt zum Kauf auf den Markt und kehrt heim mit Waren und Vorrat beladen: mich aber haben die wilden Winde aus unerklimmbaren Höhen gestreift und geküßt; ich weiß nicht wann und wo.

All meine Habe hab ich von mir geworfen, um zu erlangen, was nie mein worden ist! Und ihr wähnt, mein Klagen und meine Tränen gelten den Dingen, die so ich verlor!

Mit Lachen und Singen im Herzen hab ich Kummer und Gram weit hinten gelassen: Oh, ich streife und wandre durch Wälder und Felder und namenlose Länder -- und denk nicht daran, meine Fahrt zu enden.

II.

Ein dunkles Gemach. Königin Sudarschana. Ihre Ehrendame, Surangama.

_Sudarschana_

Licht, Licht! Wo ist Licht? Wird in diesem Gemach nie die Lampe entzündet werden?

_Surangama_

Meine Königin, all deine andern Gemächer sind erleuchtet -- will es dich nie verlangen, aus dem Licht in einen dunkeln Raum wie diesen zu entrinnen?

_Sudarschana_

Aber warum soll dieser Raum dunkel gehalten werden?

_Surangama_

Weil du sonst weder Licht noch Dunkelheit kennen würdest.

_Sudarschana_

Durch deinen Aufenthalt in dieser dunklen Kammer bist du dazu gekommen, dunkel und seltsam zu reden -- ich kann dich nicht verstehen, Surangama. Sag mir aber, in welchem Teil des Palastes liegt dies Gemach? Ich kann weder den Eingang zu dieser Kammer erkennen noch den Weg hinaus.

_Surangama_

Diese Kammer liegt tief drunten, ganz im Herzen der Erde. Der König hat dies Gemach eigens um deinetwillen gebaut.

_Sudarschana_

Nun, er hat doch keinen Mangel an Gemächern -- warum brauchte er diese dunkle Kammer eigens für mich machen lassen?

_Surangama_

Du kannst andre in den hellen Zimmern empfangen: doch deinen Herrn nur in diesem dunklen Gemach.

_Sudarschana_

Nein, nein -- ich kann nicht leben ohne Licht -- ich habe keine Ruhe in dieser erstickenden Finsternis. Surangama, wenn du ein Licht in diese Kammer bringen kannst, schenke ich dir mein Halsband hier.

_Surangama_

Es steht nicht in meiner Macht, o Königin. Wie kann ich Licht an einen Ort bringen, den er immer im Dunkel gehalten haben will!

_Sudarschana_

Seltsame Treue! Und doch -- ist es nicht wahr, daß der König deinen Vater bestraft hat?

_Surangama_

Ja, das ist wahr. Mein Vater hatte sich dem Spiel ergeben. Alle jungen Leute des Landes pflegten in meines Vaters Haus zusammen zu kommen -- und da tranken sie immer und spielten.

_Sudarschana_

Und gab es dir nicht die Empfindung bitterer Bedrückung, als der König deinen Vater in die Verbannung schickte?

_Surangama_

Oh, es machte mich ganz rasend. Ich war auf dem Weg zu Untergang und Vernichtung: als diese Bahn mir verschlossen war, schien ich mir ohne irgendeine Hilfe zurückgeblieben, ohne Beistand noch Schutz. Ich raste und tobte wie ein wildes Tier im Käfig -- wie verlangte es mich alles in Stücke zu zerreißen in meiner ohnmächtigen Wut!

_Sudarschana_

Aber wie kamst du zu dieser Hingebung an eben den nämlichen König?

_Surangama_

Wie kann ich es sagen? Vielleicht faßte ich Vertrauen zu ihm, gerade _weil_ er so hart, so unbarmherzig war!

_Sudarschana_

Wann trat dieser Stimmungswechsel ein?

_Surangama_

Das könnte ich nicht sagen -- ich weiß das selbst nicht. Es kam ein Tag, wo all der Aufruhr in mir sich geschlagen gab, und dann beugte sich meine ganze Natur in demütiger Ergebung in den Staub der Erde. Und dann sah ich ... ich sah, daß er an Schönheit ebenso ohnegleichen war wie an Schrecknis. Oh, ich war gerettet, ich war erlöst.

_Sudarschana_

Sage mir, Surangama, ich flehe dich an, willst du mir nicht sagen, wie der König aussieht? Ich habe ihn noch nicht ein einziges Mal gesehen. Er kommt zu mir in Dunkelheit, und läßt mich wieder in diesem dunklen Gemach zurück. Wie viele Menschen habe ich nicht gefragt -- aber sie geben alle unbestimmte und dunkle Antworten -- es scheint mir, daß sie alle mit etwas zurückhalten.

_Surangama_

Die Wahrheit zu sagen, Königin, so könnte ich nicht gut angeben, wie er aussieht. Nein -- er ist nicht, was man schön nennt.

_Sudarschana_

Das ist doch wohl nicht dein Ernst? Nicht schön!

_Surangama_

Nein, meine Königin, er ist nicht schön. Ihn schön zu nennen, wäre viel zu wenig von ihm gesagt.

_Sudarschana_

So sind all deine Worte -- dunkel, seltsam und unbestimmt. Ich kann nicht verstehen, was du meinst.

_Surangama_

Nein, ich will ihn _nicht_ schön nennen. Und eben weil er nicht schön ist, ist er so herrlich, so wunderbar!

_Sudarschana_

Ich verstehe dich nicht ganz -- obwohl ich dich gern von ihm reden höre. Aber ich muß ihn um jeden Preis sehen. Ich besinne mich nicht einmal auf den Tag, wo ich ihm angetraut wurde. Ich hörte Mutter sagen, daß vor meiner Hochzeit ein weiser Mann kam und sagte: »Der eure Tochter ehelichen will, ist ohnegleichen auf dieser Erde.« Wie oft habe ich sie gebeten, mir sein Äußeres zu beschreiben, aber sie antwortet nur unbestimmt und sagt, sie kann es nicht sagen -- sie sah ihn durch einen Schleier, schwach und dunkel. Aber wenn er der beste der Menschen ist, wie kann ich stillsitzen, ohne ihn gesehen zu haben.

_Surangama_

Spürst du nicht ein leises Lüftchen wehen?

_Sudarschana_

Ein Lüftchen? Wo?

_Surangama_

Merkst du nicht einen leisen Duft?

_Sudarschana_

Nein!

_Surangama_

Das große Tor hat sich geöffnet ... er kommt; mein König naht.

_Sudarschana_

Wie kannst du es merken, wenn er kommt?

_Surangama_

Ich kann's nicht sagen: mir ist, als hörte ich seine Tritte in meinem Herzen. Da ich die Magd seiner dunklen Kammer bin, habe ich einen Sinn entwickelt -- ich kann erkennen und fühlen, ohne zu sehen.

_Sudarschana_

Ich wollte, ich hätte diesen Sinn auch, Surangama!

_Surangama_

Du wirst ihn bekommen, o Königin ... dieser Sinn wird in dir eines Tages erwachen. Deine Sehnsucht, ihn zu sehen, raubt dir die Ruhe, und darum ist all dein Sinn gespannt und in die falsche Richtung gelenkt. Wenn du diesen Zustand fieberhafter Ruhelosigkeit hinter dir hast, wird alles ganz leicht werden.

_Sudarschana_

Wie kommt das, daß es dir, der Magd, so leicht ist, und mir, der Königin, so schwer?

_Surangama_

Eben weil ich eine bloße Magd bin, hemmt mich keine Schwierigkeit. Als er am ersten Tag dies Gemach meiner Obhut vertraute und sagte: »Surangama, du wirst diese Kammer immer für mich in Bereitschaft halten, das ist deine ganze Aufgabe«, da sagte ich nicht, nicht einmal in Gedanken: »Oh, gib mir die Arbeit derer, die für das Licht in den andern Gemächern sorgen.« Nein, sondern sowie ich all meinen ganzen Sinn auf diese Aufgabe richtete, erwachte eine Gewalt in mir und wuchs und wurde ohne Widerstand Herr über jeden Teil von mir... Oh, da kommt er!... er steht draußen, vor der Tür. Herr! O König!

_Gesang von außen_

Öffne die Tür. Ich warte. Die Fähre des Lichts von Dämmrung zu Dunkel ist ruhen gegangen, Der Abendstern steht am Himmel. Hast du Blumen bereit, das Haar dir geflochten, Umfließt dich weiß dein Kleid zur Nacht? Das Vieh kam heim in den Pferch und die Vögel in ihre Nester. Die wirr sich kreuzenden Pfade sind in Dunkel getaucht. Öffne die Tür. Ich warte.

_Surangama_

O König, wer kann deine eignen Tore vor dir versperrt halten? Sie sind nicht geschlossen oder verriegelt -- sie werden sich weit aufschwingen, wenn du sie nur mit dem Finger berührst. Willst du sie nicht nur ein wenig berühren? Willst du nicht eintreten, bis ich gehe und die Tore öffne?

_Gesang_

Mit einem Hauch kannst du meine Schleier lüften, Herr! Wenn ich im Staub entschlafe und deinen Ruf nicht höre, würdest du warten, bis ich erwache? Würde die Erde nicht beben unter dem donnernden Rad deines Streitwagens? Würdest du nicht das Tor zertrümmern und ungebeten eingehn in dein eigenes Haus?

Dann geh du, o Königin, und öffne die Tür für ihn: er wird sonst nicht eintreten.

_Sudarschana_

Ich sehe nichts deutlich im Dunkel -- ich weiß nicht, wo die Tür ist. Du kennst hier alles -- geh und öffne die Tür für mich.

Surangama öffnet die Tür, verbeugt sich tief vor dem König und geht hinaus. Der König bleibt während dieses ganzen Stückes unsichtbar.

_Sudarschana_

Warum erlaubst du mir nicht, dich im Licht zu sehen?

_König_

So willst du mich zwischen tausend Dingen im hellen Tageslicht sehen! Warum sollte ich nicht das einzige sein, was du in dieser Dunkelheit fühlen kannst?

_Sudarschana_

Aber ich _muß_ dich sehen -- mich verlangt es brennend nach deinem Anblick.

_König_

Du wirst nicht imstande sein, meinen Anblick zu ertragen -- er wird dir nur Qual bereiten, brennend heiße Qual.

_Sudarschana_

Wie kannst du sagen, daß ich deinen Anblick nicht zu ertragen vermöchte! Oh, ich kann schon in diesem Dunkel fühlen, wie lieblich und wunderbar du bist: warum sollte ich im Licht vor dir erschrecken? Aber sage mir, kannst du mich im Dunkel sehen?

_König_

Ja, ich sehe dich.

_Sudarschana_

Was siehst du?

_König_

Ich sehe, daß die Dunkelheit der unendlichen Himmel, ins Dasein geschleudert durch die Gewalt meiner Liebe, das Licht von Sternenmyriaden in sich gesogen und sich verkörpert hat in einer Gestalt von Fleisch und Blut. Und in dieser Form, was für Äonen von Denken und Ringen, was für ungezählte Sehnsüchte grenzenloser himmlischer Räume, welche Fülle der Gaben aus dem Meer der Zeiten!

_Sudarschana_

Bin ich so wunderbar, bin ich so schön? Höre ich dich so reden, so schwillt mein Herz von Freude und Stolz. Aber wie kann ich die wundervollen Dinge glauben, die du mir sagst? Ich kann sie in mir nicht finden!

_König_

Dein eigener Spiegel kann sie nicht wiedergeben -- er setzt dich herab, beschränkt dich, läßt dich klein und unbedeutend erscheinen. Doch könntest du dich in meinem Geist gespiegelt sehen, wie groß erschienest du! In meinem Herzen bist du nicht mehr das alltägliche Einzelwesen, das du zu sein meinst -- du bist in Wahrheit mein andres Ich.

_Sudarschana_

Oh, zeig' mir für einen Augenblick, wie man mit deinen Augen sieht! Gibt es für dich gar nichts wie Dunkelheit? Ich fürchte mich, wenn ich daran denke. Diese Dunkelheit, die für mich wirklich und stark wie der Tod ist -- ist sie für dich einfach nichts? Wie kann dann überhaupt eine Gemeinschaft zwischen uns sein, an einem Ort wie diesem? Nein, nein -- es ist unmöglich: es besteht eine Schranke zwischen uns beiden: nicht hier, nein, nicht an diesem Ort. Ich muß dich finden und sehen, wo ich Bäume und Tiere, Vögel und Steine und die Erde sehe --

_König_

Nun gut, du kannst versuchen, mich zu finden -- aber niemand wird mich dir weisen. Du wirst mich erkennen müssen, wenn du kannst, du selbst. Und selbst wenn jemand sich anheischig macht, mich dir zu zeigen, wie kannst du gewiß sein, daß er die Wahrheit sagt?

_Sudarschana_

Ich werde dich kennen; ich werde dich wiedererkennen. Ich werde dich aus einer Million Menschen herausfinden. Ich kann mich nicht irren.

_König_

Gut also, heute nacht, während des Frühlingsvollmondfestes, magst du versuchen, mich von dem hohen Turm meines Palastes aus herauszufinden -- suche nach mir mit deinen eigenen Augen unter der Volksmenge.

_Sudarschana_

Wirst du unter ihr sein?

_König_

Ich werde mich wieder und wieder zeigen, überall unter der Menge. Surangama!

Surangama kommt herein.

_Surangama_

Was gebietest du, Herr?

_König_

Heute nacht ist das Frühlingsvollmondfest.

_Surangama_

Was soll ich heute nacht tun?

_König_

Heute ist ein Festtag, kein Werktag. Die Lustgärten stehen in voller Blüte -- du wirst da an meinem Feste teilnehmen.

_Surangama_

Ich werde tun, was du wünschest, Herr.

_König_

Die Königin will mich heute nacht mit ihren eigenen Augen sehen.

_Surangama_

Wo soll die Königin dich sehen?

_König_

Wo die Musik am süßesten spielt, wo die Luft von Blütenstaub schwer ist -- dort im silbernen Hain voll weichem Dämmerlicht.

_Surangama_

Was kann dort, wo Dunkel und Licht Versteck spielen, zu sehen sein? Dort ist der Wind wild und ruhlos, alles ist Tanz und rasche Bewegung -- wird es die Augen nicht verwirren?

_König_

Die Königin ist neugierig, mich herauszufinden.

_Surangama_

Die Neugier wird enttäuscht und in Tränen heimkehren!

_Gesang_

Ach, sie lüstet's zu fliegen, die ruhlosen schweifenden Augen, die wilden Vögel des Waldes! Doch die Zeit der Ergebung wird für sie kommen, zu Ende ihr Hin- und Herflug, wenn Die Zaubermusik sie verfolgt und ihre Herzen durchbohrt. Ach, die wilden Vögel verlangt's zu entflieh'n in die Wildnis!

III.

Vor den Lustgärten.

Es treten auf Avanti, Koschala, Kantschi und andere Könige.

_Avanti_

Wird der König dieses Ortes uns nicht empfangen?

_Kantschi_

Was ist das für eine Art, ein Land zu regieren? Der König hält ein Fest in einem Wald, wo selbst das niedrigste und gemeinste Volk ungehindert Zutritt hat!

_Koschala_

Wir hätten wohl Anspruch auf einen besonders für uns reservierten und zu unserem Empfang hergerichteten Platz.

_Kantschi_

Wenn er einen solchen Platz nicht vorbereitet hat, werden wir ihn zwingen, einen für uns errichten zu lassen.

_Koschala_

All das macht natürlich zweifelhaft, ob dieses Volk überhaupt einen König hat -- es sieht aus, als ob ein unbegründetes Gerücht uns irregeführt hätte.

_Avanti_

Das mag sein, was den König angeht, aber Sudarschana, die Königin dieses Orts, ist durchaus kein unbegründetes Gerücht.

_Koschala_

Nur um ihretwillen hatte ich überhaupt Lust, hierher zu kommen. Es liegt mir nichts daran, jemanden zu sehen, der sich nie sehen läßt, aber es wäre ein törichter Fehler, wenn wir fortgingen, ohne das Wesen gesehen zu haben, um dessentwillen sich eine Reise im höchsten Grade lohnt.

_Kantschi_

Laßt uns denn einen bestimmten Plan entwerfen.

_Avanti_

Ein Plan ist ein treffliches Ding, solange man sich nicht selbst darein verwickelt.

_Kantschi_

Zum Henker, was ist das für ein Geschmeiß, das dort herumschwärmt? He! wer seid ihr?

Großvater und die Knaben treten auf.

_Großvater_

Wir sind die lustige Schar der Habenichtse.

_Avanti_

Die Einführung war überflüssig. Aber ihr werdet euch etwas weiter zurückziehen und uns in Frieden lassen.

_Großvater_

Wir leiden nie unter Mangel an Raum: wir können es uns leisten, euch einen so weiten Spielraum zu lassen, wie euch beliebt. Das Wenige, das uns genügt, ist nie der Zankapfel zwischen streitenden Parteien. Nicht wahr, meine kleinen Freunde?

Sie singen.

_Gesang_

Wir sind die Habenichtse, fürwahr, wir haben gar nichts! Wir singen lustig trallerala! trallerala! 's gibt Leute, die bauen sich hohe Mauern aus Häusern Auf Sümpfen mit goldenem Sand. Wir stellen uns vor sie und singen Trallerala! trallerala! Taschendiebe kreisen um uns Und ehren uns mit lüsternen Blicken. Wir schütteln die leeren Taschen und singen Trallerala! trallerala! Schleicht der Tod, der alte Knochenmann, vor unsre Tür, Wir schlagen ihm lachend ein Schnippchen, Und singen im Chor mit fröhlichen Trillern Trallerala! trallerala!

_Kantschi_

Sieh da drüben hin, Koschala, was sind das für Leute, die da des Weges kommen? Eine Pantomime? Der eine hat sich als König maskiert.

_Koschala_

Der König dieses Orts mag alle diese Narrenspossen dulden, wir aber werden dagegen einschreiten.

_Avanti_

Es ist vielleicht ein Häuptling vom Lande.

Wachen zu Fuß treten auf.

_Kantschi_

Aus welchem Land stammt euer König?

_Erster Soldat_

Er ist der König dieses Landes. Er rüstet sich, das Fest zu leiten.

Sie gehen weiter.

_Koschala_

Wie, der König dieses Landes kommt zum Fest!

_Avanti_

Wahrhaftig! Dann werden wir uns mit seinem Anblick begnügen und umkehren müssen -- ohne die reizvolle Königin gesehen zu haben.

_Kantschi_

Glaubst du wirklich, daß der Bursche die Wahrheit sagte? Jeder kann sich als König dieses königlosen Landes aufspielen. Kannst du nicht sehen, daß der Mensch wie ein aufgeputzter Maskenkönig aussieht -- viel zu sehr herausgeputzt?

_Avanti_

Aber er sieht hübsch aus -- seine Erscheinung ist nicht ohne einen gewissen gefälligen Reiz.

_Kantschi_

Er mag deinem Auge gefällig sein, aber wenn du ihn genau genug betrachtest, kannst du ihn nicht verkennen. Du wirst sehen, wie ich ihn vor euch allen entlarve.

Der falsche »König« tritt auf.

_»König«_

Willkommen, Fürsten, in unserm Reich! Ich hoffe, meine Würdenträger haben geziemend für euren Empfang gesorgt?

_Könige_ (mit verstellter Höflichkeit)

O ja -- es fehlte nichts am Empfang.

_Kantschi_

Wenn irgend etwas fehlte, so ist es reichlich aufgewogen durch die Ehre, den Anblick Eurer Majestät genießen zu dürfen.

_»König«_

Wir zeigen uns nicht vor der großen Öffentlichkeit, aber eure große Ergebenheit und Treue macht es uns zum Vergnügen, uns euch nicht zu entziehen.

_Kantschi_

Die Gnade Euer Majestät ist wahrhaft überwältigend für uns.

_»König«_

Wir fürchten, wir werden hier nicht lange verweilen können.

_Kantschi_

Ich dachte mir es schon: Ihr seht nicht aus, als ob ihr es lange aushieltet.

_»König«_

Wenn ihr indessen uns um irgendwelche Gunst bitten möchtet --

_Kantschi_

Das möchten wir: aber wir möchten Euch gern vor etwas weniger Zeugen sprechen.

_»König«_ (zu seinem Gefolge)

Zieht euch etwas von unsrer Gegenwart zurück. (Sie ziehen sich zurück.) Nun könnt ihr euer Begehren ohne Rückhalt vorbringen.

_Kantschi_

Wir werden uns schon keine Zurückhaltung auferlegen; wir fürchten nur, daß ihr es für euch selbst werdet nötig finden.

_»König«_

O nein, in der Hinsicht könnt ihr unbesorgt sein.

_Kantschi_

Komm also, huldige uns, indem du uns deinen Kopf zu Füßen legst.

_»König«_

Es scheint, meine Diener haben den Varunibranntwein in den Empfangslagern zu freigiebig verteilt.

_Kantschi_

Falscher Betrüger, du bist es, der sich in einem Rausch der Überhebung befindet. Dein Kopf wird bald den Staub küssen.

_»König«_

Ihr Fürsten, solche derben Späße sind eines Königs nicht würdig.

_Kantschi_

Männer, die gebührend mit dir scherzen werden, sind zur Stelle. General!

_»König«_

Nicht weiter, ich fleh' euch an. Ich sehe wohl, ich schulde euch allen Huldigung. Der Kopf beugt sich von selbst hernieder -- es bedarf nicht der Anwendung irgendwelcher scharfer Maßnahmen, um ihn zu Boden zu legen. So, hier beuge ich mich tief vor euch allen. Wenn ihr mir freundlich erlaubt, mich davonzumachen, werde ich euch mit meiner Gegenwart nicht länger lästig fallen.

_Kantschi_

Warum solltest du dich davonmachen? Wir werden dich zum König dieses Ortes machen -- führen wir unsern Scherz zu seinem regelrechten Ende. Hast du irgendwelchen Anhang?

_»König«_

O ja! Alle, die mich auf den Straßen sehen, laufen hinter mir her. Als ich ein mageres Gefolge hatte, betrachtete mich erst jeder argwöhnisch, aber nun mit dem wachsenden Haufen zerstreuen sich die Zweifel immer mehr. Die Menge wird von ihrer eigenen Größe hypnotisiert. Ich brauche nun gar nichts weiter zu tun.

_Kantschi_

Ausgezeichnet! Von diesem Augenblick geloben wir alle, dir zu helfen und zu dir zu stehen. Doch wirst du uns einen Gegendienst leisten müssen.

_»König«_

Eure Befehle werden mir so heilig sein wie die Krone, die ihr mir aufs Haupt setzt.

_Kantschi_

Gegenwärtig wünschen wir weiter nichts, als die Königin Sudarschana zu sehen. Du wirst dafür sorgen.

_»König«_

Ich werde mir alle Mühe darum geben.

_Kantschi_

Zu deinen Bemühungen haben wir nicht viel Vertrauen -- du wirst einfach dich nach unsern Anweisungen richten. Nun aber kannst du gehen und dich mit allem möglichen Glanz und Prunk an dem Fest im königlichen Garten beteiligen.

Sie gehen fort.

Großvater und eine Schar von Bürgern treten auf.

_Erster Bürger_

Großvater, ich kann mir nicht helfen -- ja, und fünfhundertmal will ich es wiederholen -- unser König ist ein vollkommener Schwindel.

_Großvater_

Warum nur fünfhundertmal? Kein Grund zu so heldenmütiger Selbstbeherrschung -- du kannst es fünftausendmal sagen, wenn das dein Vergnügen erhöht.

_Zweiter Bürger_

Aber du kannst eine tote Lüge nicht für immer aufrechterhalten.

_Großvater_

Sie hat mich lebendig gemacht, mein Freund.

_Dritter Bürger_

Wir werden der ganzen Welt verkünden, daß unser König eine Lüge ist, der reinste und leerste Schatten!

_Erster Bürger_

Wir werden es alle von unsern Dächern schreien, daß wir keinen König haben -- mag er tun, was er will, wenn er existiert.

_Großvater_

Er wird gar nichts tun.

_Zweiter Bürger_

Mein Sohn wurde mit fünfundzwanzig Jahren innerhalb einer Woche von einem hitzigen Fieber vorzeitig dahingerafft. Hätte mich solch ein Unglück unter der Herrschaft eines tugendhaften Königs betreffen können?

_Großvater_

Aber dir sind immer noch zwei Söhne geblieben: während ich all meine fünf Kinder hintereinander verloren habe.

_Dritter Bürger_

Und was sagst du dazu?

_Großvater_

Was denn? Soll ich meinen König dazu verlieren, weil ich meine Kinder verloren habe? Für so einen ungeheuren Narren müßt ihr mich nicht halten.

_Erster Bürger_

Eine schöne Sache, zu streiten, ob ein König da ist oder nicht, wenn man aus Mangel an Nahrung einfach Hungers stirbt! Wird der König uns retten?

_Großvater_

Bruder, du hast Recht. Aber warum nicht den König suchen, dem all die Nahrung gehört. Mit deinem Jammern zu Hause wirst du ihn sicher nicht finden.

_Zweiter Bürger_

Sieh nur die Gerechtigkeit unsres Königs! Dieser Bhadrasen -- ihr wißt was es für ein rührender Anblick ist, wenn er von seinem König spricht -- der rührselige Dummkopf! Er ist auf einen solchen Grad von Armut herabgesunken, daß selbst die Fledermäuse, die bei ihm hausen, den Ort zu ungemütlich finden.

_Großvater_

Nun, seht nur mich an! Ich schufte und rackre Tag und Nacht für meinen König, aber ich habe für meine Mühen noch nicht einen roten Heller bekommen.

_Dritter Bürger_

Nun, und was hältst du davon?

_Großvater_

Was soll ich davon halten? Bezahlt denn jemand seine Freunde? Geht, Freunde, und sagt, wenn ihr wollt, unsern König gebe es nirgends. Auch das gehört mit zur Feier dieses Festes.

IV.

Turm des Königspalastes.

Sudarschana und ihre Freundin Rohini.

_Sudarschana_

Du magst dich irren, Rohini, aber ich kann mich nicht irren: bin ich nicht die Königin? Der dort, sicher der dort muß mein König sein.

_Rohini_

Er, der dir so hohe Ehre verliehen hat, kann nicht lange zögern, sich dir zu zeigen.

_Sudarschana_

Seine Gestalt macht mich ruhlos wie einen Vogel im Käfig. Suchtest du, dich zu vergewissern, wer er ist?

_Rohini_

Ja. Jeder, den ich fragte, sagte, es sei der König.

_Sudarschana_

Von welchem Land ist er der König?

_Rohini_

Von unserm, König dieses Landes.

_Sudarschana_

Du meinst doch den dort, dem ein Sonnenschirm aus Blumen über das Haupt gehalten wird?

_Rohini_

Eben den: der, auf dessen Banner die Kimschuk-Blüte gemalt ist.

_Sudarschana_

Ich erkannte ihn natürlich sofort, aber du hattest deine Zweifel.

_Rohini_

Wir können uns leicht irren, meine Königin, und wir fürchten dich zu erzürnen, falls wir unrecht haben.

_Sudarschana_

Ich wollte, Surangama wäre da! Dann wäre kein Zweifel mehr möglich.

_Rohini_

Hältst du sie für klüger als uns alle?

_Sudarschana_

O nein, aber sie würde ihn sofort erkennen.