Der König Candaules: Drama in drei Akten

Part 2

Chapter 23,808 wordsPublic domain

GYGES: Der, der ein Glück hält, soll sich gut verstecken! Und besser noch: sein Glück vor Andern. Hier wird Candaules seine Schmeichler lehren, an seinem Reichtum reich zu werden. Ich kann nicht schmeicheln, nicht schön reden, und stärker als meine Zunge sind meine Arme. Ich, der arme Gyges, hab' nichts, als vier Dinge auf der Welt: Meine Hütte, mein Netz, mein Weib und meine Armut. Ein Fünftes noch: die Kraft, mit der ich mir meine Hütte und meinen Stolz baute, die sich am Strand die Binsen brach, mein Haus zu decken. Ebbt das Meer, so sammle ich den Tang -- getrocknet gibt er ein rauhes duftendes Lager, auf dem wir müde ruhn, ich und mein Weib. Zum Morgenaufgang zieh' ich aus, im einen Arm mein Netz, im andern meine Kraft. Ich fing den Fisch hier. Ich fing ihn, mein Weib, das wird ihn braten; seit zwei Tagen arbeitet sie draußen in den Palastküchen. -- Wie wenn sein Glück ihm zu groß für einen einzelnen Menschen schiene, ruft der freigebige Candaules die Könige und Großen seines Reiches um sich. Man feiert Feste. -- Ehemals kannte ich, der arme Gyges, Candaules, den König. Wir sind gleichen Alters und da wir beide jung waren, kam der kleine Candaules oft herab zur Küste und spielte da. Er spielte und wollte alle seine Spiele mit mir teilen, denn er hatte ein gebendes Wesen. Er erinnert sich nicht mehr daran, weil er reich ist, aber in dem Leben eines Armen bleibt alles. Seit jener Zeit sah ich ihn nicht mehr. Doch liebe ich Candaules und leide daran, daß ich ihn von solchen schamlosen Schmeichlern und Dummköpfen umgeben sehe, die seine gütige Art nützen und ihn preisen, ohne ihn verstehen zu können. Es lebe Candaules! Alle schönen Redensarten der Schmarotzer sind nicht das eine «Danke!» wert, das ihnen der König gibt. Aber was macht es Candaules, daß ich ihn liebe? Der Blick der Mächtigen schaut über die Kleinen weg und sieht sie nicht. Drum geh' ich, wenn auch zum Feste in den Küchen eingeladen, das endet spät, und später noch der Rausch. Und morgen fehl' ich dann den Fang. -- Auf Gyges du Stolzer, Gyges du Nüchterner, trag deine nassen Netze in die Küche; dann warte an der Tür -- schau' nicht viel um -- bis daß dein Weib die Teller abgewaschen und mit dir geht in's Haus des Fischers Gyges. Komm', Gyges.

(Er geht ab.)

Erste Szene.

Der Koch und mehrere Diener mit Schüsseln treten ein.

DER KOCH: Überallhin Früchte ... He! Gyges! Du gehst?... Nein, nicht hierher den Salat!... Gyges, bleib doch bei uns. Der König lädt' heut' Alles, was vorbeikommt in sein Haus. Ich lade Dich im Namen der ganzen Küche. Der König will, daß heute so viel Wein vergossen werde, daß er bis auf unsere Tische fließt und daß der kleinste Küchenjunge betrunken darunter liegt.

GYGES (der mit seinen Netzen beladen zurückkommt): Ich bin kein Diener des Königs.

DER KOCH: Was macht das? -- Wenn des Königs Tisch zu voll ist und überläuft: mach' Dir's zu Nutzen.

GYGES: Es gefällt mir nicht, den König zu nutzen. (Er geht ab nach links.)

DER KOCH: Was für ein Tölpel! -- Ein Glück, daß sein Weib es leichter nimmt. (Zu den Dienern): Eilt Euch, eilt Euch!

(Sebas und Archelaos sind eingetreten und gehen umher.)

SEBAS (nimmt eine Feige und ißt sie): Haben wir gute Plätze?

DER KOCH (zeigt ihm einen Platz):

SEBAS: Nah bei den Flötenspielerinnen, hoff' ich.

DER KOCH: 's gibt heut' keine.

SEBAS und ARCHELAOS: Oh!

DER KOCH: Die Königin will keine.

ARCHELAOS: Da werden wir uns mit dem Anblick der Königin trösten.

SEBAS: Sie wird also beim Fest sein?

DER KOCH: Das erste Mal, daß sie sich öffentlich zeigt.

SEBAS: Weshalb verbirgt sie sich? -- Hält sie sich für zu häßlich?

ARCHELAOS: Im Gegenteil: für zu schön.

SEBAS: Stolz also?

ARCHELAOS: Scham.

(Beide lachen.)

SEBAS (nimmt wieder Feigen, ißt und reicht dem Archelaos davon): Das macht Appetit! -- Ich bin verzweifelt, mein teurer Archelaos: Sie geht wieder!

ARCHELAOS: Wer denn?

SEBAS: Die Köchin!

ARCHELAOS: Dein Schatz von gestern Abend?

SEBAS: Ihr Mann holt sie nach dem Essen.

ARCHELAOS: Das tut mir leid für Dich.

SEBAS: Es tut mir leid für sie, das arme Kind ... (Sie entfernen sich.) Also Flötenspielerinnen ...

(Man hört):

ARCHELAOS: ... Was ein Narr!!

(Nicomedes, Syphax, Pharnaces treten auf.)

NICOMEDES: Das kleine Fest kündet sich nicht übel an, mein lieber Syphax. Was denkst Du?

SYPHAX: Bess'res vom Fest als von Candaules.

PHARNACES: Und doch ist er besser als das Fest.

NICOMEDES: Glaubst Du?

PHARNACES: Gewiß -- denn dieses Fest läßt uns nur einen Candaules sehn, während Candaules uns viele Feste sehen läßt.

DER KOCH (zu den Dienern): Feigen hierher.

SYPHAX (kommt mit Nicomedes vor): Ich fange wirklich an zu glauben, daß es weder Politik noch Dummheit ist, was den König veranlaßt, uns mit Festen und Geschenken zu überschütten, es ist vielmehr, wie Du es sagtest, so eine Art unentschiedener Gnädigkeit.

NICOMEDES (bestätigt): Das ist es.

DER KOCH: Da fehlen noch zwei Becher.

SYPHAX (fortfahrend): Und das ist gerade, was mich geniert. So lang ich auch den König schon verachte, ich nahm seine Geschenke gern; aber wenn er wirklich der ist, den ich ihn zu glauben anfange, so bin ich es, den ich nun verachten will.

NICOMEDES: Ach laß doch! Du nimmst doch nichts sonst, als was er Dir anbietet. Komme das Gute nun vom Himmel oder vom Menschen -- die Wohltat freudig hinnehmen, das ist das Geheimnis des Glücks.

DER KOCH: Nun ist wohl alles fertig.

(Er zieht sich mit den Dienern zurück. -- Die Herren entfernen sich.)

Phedros und Simmias, freundschaftlich verschlungen, Philebos.

PHEDROS: Nein, glaub' mir, Lieber: Der König Candaules ist weiser als Du zugibst. Es ist eine große Weisheit, sich für glücklich zu halten.

SIMMIAS: Ist er denn wirklich glücklich, oder scheint er es bloß?

PHEDROS: Noch mehr Weisheit braucht es dazu, glücklich zu scheinen.

PHILEBOS: Sich glücklich glauben, ist mehr wert, als es zu sein suchen.

PHEDROS: Trotz aller seiner Schätze, weiß er doch den Wert der Freundschaft. Er weiß, sie ist nicht mit Gold zu kaufen. So macht er sich wenig aus der Freundschaft seiner Schmeichler und schätzt nach ihrem Preis ihre Worte, und bezahlt er sie, so tut er's ohne Glauben. Mehr noch -- ich sah ihn gegen nichts sonst aufgebracht, als gegen diese süßen Worte.

PHILEBOS: Wenn eines noch sein Glück beunruhigt, ist es dies, um sich und eben wegen seines Reichtums nur Höflinge zu spüren -- und nicht einen Freund.

SIMMIAS: Er hat seine Frau.

PHILEBOS: Die Frau -- der Freund ist nicht dasselbe.

SIMMIAS: Man sagt, er liebe sie leidenschaftlich.

PHEDROS: Da tut er recht.

SIMMIAS: Man sagt, sie sei ganz wunderbar schön.

PHILEBOS: Nur hat sie noch niemand sehen können.

SIMMIAS: Man sagt, sie würde heut' Abend beim Fest erscheinen.

PHILEBOS und PHEDROS: Wer sagt das?

(Währenddem ist Candaules mit einigen der Herren nähergekommen. Er hört die letzten Worte, und)

SIMMIAS (wendet sich zu ihm und sagt): Aber Candaules selbst.

Zweite Szene.

CANDAULES: Ja, Candaules sagt es. Ja, die Königin Nyssia wird an diesem Abend das Fest schmücken. -- Ein köstlicher Abend ... die Schönheit dieses Tages wuchs bis zu dieser Stunde, wie eine Freudenhymne, die bis zum höchsten Klingen stieg, daß sie die Sinne kaum mehr noch vernehmen. Nun ruhigt alles und verklingt ... doch draußen da, auf der kleinen Terrasse, kaum eine Stunde ists her, da war's ein Schwelgen, Wollust ... Ihr hättet mit uns kommen sollen, süßer Philebos. Der Lorbeer unten steht in Blüten und ist im Schatten ein Duft davon ...

SYPHAX, NICOMEDES und PHARNACES: ... köstlich.

CANDAULES (immer zu Philebos, der sich noch zu Phedros und Simmias hält): Ihr geniert Phedros und Simmias.

SIMMIAS (lächelnd): Oh ... nicht ...

CANDAULES: Die Beiden -- ja, von denen verlange ich nicht, daß sie mit mir kommen. Ihre Freundschaft sucht die Einsamkeit und füllt sie aus. Ich bin eifersüchtig auf Deine Freundschaft, schöner Simmias. Sie ist kostbarer als all mein Gut, und ich will, daß all mein Gut sie schütze. Sebas, für Dich ließ ich von weit her weiße Feigen pflücken, ich mag es gern, daß Dein guter Geschmack sie den andern vorzieht -- Du findest sie wie ich süßer und duftender. Pharnaces, Dein Witz hat mich unterhalten, morgen mußt Du mir die Geschichte weitererzählen. Die Verse, die Du mir lasest, lieber Syphax, sind hübsch, ich werde sie in Musik setzen lassen. -- Armer Archelaos, diesen Abend gibt es keine Flötenspielerinnen ... die Königin wird da sein ... Siehst Du sie wieder an wie gestern, wird ihre Scham es ungern merken. Werte Herren, -- verzeiht, ich schäme mich des Verlangens: daß Ihr bedacht in Euren Reden seid: die Königin wird hier sein. Gleich komme ich mit ihr. (Er entfernt sich, kommt indes ein Weniges zurück.) Was für ein köstlicher Abend!... Wir hatten, süßer Philebos, auf der Terrasse, die süßesten Sorbetts, die Du träumen kannst ... -- O Fülle meines Glückes! Wie hätte ich an meinen Sinnen allein genug, es zu erschöpfen! So sei Euch, Ihr Herren, Dank dafür, daß Ihr mir helft, das Ende dieses Tages auszupressen, wie den Saft der Traube, alles, was der Tag an Trunkenheit und Glück enthält. Eine Freude, mit Euch geteilt, ist zwiefach. -- Und morgen wiederholen wir diesen schönen Tag ... (Er geht.)

SYPHAX: Candaules ist doch wundervoll!

ARCHELAOS: Er ist schön.

SEBAS: Er ist groß.

NICOMEDES: Seine Art, uns zu empfangen, ist einfach glänzend.

PHARNACES: Ja, wahrhaftig, das ist sie.

SYPHAX: Wir müssen dann gleich auf das Glück des Candaules trinken.

PHARNACES: Das ist gefährlich, Syphax.

SYPHAX: Für wen? -- Für mich?

PHARNACES: Für ihn.

SYPHAX: Ah! Woher könnte ihm das Unglück kommen?

NICOMEDES: Vielleicht von seiner Frau.

PHEDROS: Es gibt keine, die treuer wäre.

PHILEBOS: Oder ... von ihm selbst ...

SIMMIAS: Still! Schweig -- da sind sie.

Dritte Szene.

CANDAULES (zur Königin): Schlage den Schleier zurück: Alle sind meine Freunde.

DIE KÖNIGIN: So viele Freunde, hoher Herr! Ich wußt Euch reich, doch dacht' ich Euch es nicht so sehr. Und seien Alle mir willkommen, da Ihr mich neben ihnen an diesem Tische wollt.

(Alle setzen sich. Eine gewisse Verlegenheit folgt den Worten der Königin.)

ARCHELAOS (zu Pharnaces): So sprich doch was!

PHARNACES (halblaut): Ich weiß nicht, was sagen, als daß die Königin sehr schön ist.

ARCHELAOS (zu Philebos): Sprich Du ...

PHILEBOS (macht eine stumme Geste).

DIE KÖNIGIN: Wie das? Ihr schweigt -- ist's meinetwegen? Wie groß auch mein Vergnügen sei, dem, was Candaules will, zu dienen und ich mich, wie ich's tat, an diese Tafel setzte -- könnt' ich denken, daß ich die Festfreude nur in Etwas störte, so stünde ich wohl gleich auf und ginge wieder, denn die laute Freude ist besser hier am Platze als die Königin.

NICOMEDES: Nichts wag' ich sonst der Königin zu sagen, als dieses, daß es die ungewohnte Schönheit ihres Angesichts, die jeden von uns so sehr in Staunen setzt, daß unser Schweigen nichts anderes ist als stumm schauende Bewunderung.

CANDAULES: Laß, Nicomedes! Das ists gerade, was die Königin nicht wollte und fürchtete: daß man sie preist. -- Nyssia, ich bitt' Euch, antwortet ihnen. Wacht Ihr mir darüber nicht, passiert's den Herren, daß sie dem Feste nichts sonst bieten als ein langweiliges Hin und Her von wohlgesetzten Komplimenten und Worten ohne Witz und Laune. Wohl macht das Ungewohnte Eurer Gegenwart so sie leicht gezwungen, ängstlich. Doch glaubt mir, sonst wissen sie wohl bessere Worte, leichtere Rede. Mög' Euer Witz ihnen gnädig zuhülfe kommen, das Übel heilen, das Eure Schönheit ihnen antat ... wir wollen ein Fest begehen.

DIE KÖNIGIN: Ist wirklich mein Gesicht die Schuld daran, mein hoher Herr, ist's leicht zu machen, daß es nicht mehr schade. Erlaubt, daß ich vor seiner Röte einen Schleier lege, den ich nur gezwungen hob, vor Andern als vor Euch.

CANDAULES (erregt): Nein, Nyssia, nein ... noch solche Worte mehr und unser Fest ist ohne Freude. Schlag' den Schleier zurück, Nyssia. Und wir, Ihr Herren, wir trinken den ersten Becher auf die Freude! Die Freude dieses Festes schläft noch, auf! Der Lärm der Stimmen soll sie wecken! -- (Bewegung.) Nyssia! -- trink auch, Nyssia!

SYPHAX: Sprech ich im Namen Aller?

EINIGE: Sprich, Syphax, sprich zu!

CANDAULES: Füll' erst Deinen Becher wieder.

SYPHAX: Im Namen von Candaules' Freunden bringe ich dies der vollendeten Schönheit von Nyssia, Candaules Weib ...

CANDAULES: Laß, Syphax!...

SYPHAX: Und dem Candaules, der ein so seltenes Gut sein Eigen nennt und, statt es zu verbergen und für sich allein zu halten, erlaubt, daß unsere ehrfurchtsvollen und entzückten Blicke sich dran berauschen.

EINIGE (heben ihren Becher): Gut! Gut gesagt, Syphax! Es lebe Candaules!

CANDAULES: Nicht doch, meine Werten! Ihr sollt mir es nicht danken, daß ich diesem Feste die Schönheit der Königin gewähre. Wahrhaftig: ich litt zu sehr daran, sie nur allein zu kennen. Je mehr mein Staunen vor ihr wuchs, so mehr fühlte ich auch, wie ich Euch Alle darum beraube. Wie ein habsüchtiger Wuch'rer kam ich mir vor, der ohne Recht das Licht zurückhält.

PHARNACES: Ohne Recht, Candaules? Ist es nicht Recht, daß jeder sein Gut verwendet, wie es ihm beliebt?

CANDAULES: Vielleicht, -- doch war mir, als täte ich Diebstahl an dem Gut, mit dem ich ganz allein zur Freude war.

SEBAS: Man kann einen sublimen Gedanken nicht schöner ausdrücken.

DIE KÖNIGIN (zu Candaules): Ihr scheint, Gebieter, zu vergessen, daß _ich_ das Gut bin, von dem man spricht.

CANDAULES: Verzeiht, Ihr gebt den Worten falschen Sinn! Ich dachte, Nyssia, an Euch nicht mehr und was ich sagte, sagte ich nur so im allgemeinen.

PHILEBOS: Und Ihr, Frau Königin was denkt Ihr von dem Mitbesitz und Teilen?

SIMMIAS (zu Phedros): Philebos ist sehr kühn.

DIE KÖNIGIN (zu Philebos): Ich denke, man tötet lieber manches Glück, als daß man's teilen könnte.

(Das Fest wird nach und nach belebter. -- Die Stimmen drängen sich, und Sebas, Phedros und Candaules antworten fast gleichzeitig.)

CANDAULES (gereizt, als ob er nur die Antwort der Königin gehört hätte): Es kommt d'rauf an, mit wem ...

PHEDROS (zu Simmias): Hast Du gehört, wie fein die Königin das gab?

SEBAS: Man kann nicht hübscher auf eine doch so heikle Frage antworten.

CANDAULES: Laß, Sebas! Gieb Dich lieber mit den Feigen ab. (Er wirft ihm eine zu.) Phedros! Du trinkst nicht? Reich' mir Deinen Becher, komm! Ich habe mir vorgenommen, Euch Alle auf die Probe zu stellen.

NICOMEDES: Uns auf die Probe, Candaules? -- Und womit?

CANDAULES: Mit dem Rausch.

PHEDROS: Ich bin ein trauriger Trinker, und aller Rausch erschrickt mich. Erlaß es mir, Candaules.

CANDAULES: Was fürchtest Du, Phedros? Der Rausch zeigt nichts sonst, als was wir in uns tragen. Was fürchtest Du ihn, der Du nur Edles in Dir hast? Die Trunkenheit entstellt nicht, übertreibt nur, nein, sie zeigt von jedem, was er sonst aus falscher Scham verborgen hält: Dir Phedros Deine Klugheit; dem Pharnaces und Syphax ihren Witz, dem Archelaos -- nichts, dem Sebas die Feigen, mit denen er sich vollstopft.

PHEDROS: Der König fängt an, viel zu sprechen.

CANDAULES (zu den Dienern): Zerlegt den Fisch!

NICOMEDES: Wenn er nur braun genug ist.

CANDAULES: Ich wette, er war dort im Meer daheim, wo sich die Sommersonne zur Ruhe legt. Seht ...

DER KOCH (zeigt den Fisch).

ARCHELAOS: Es ist ganz köstlich.

DER KOCH: Es ist ein Goldkarpfen.

CANDAULES: Trinken wir auf die Pracht dieses Fisches! Und Du, Pharnaces, machst uns die Verse auf den Karpfen!

PHARNACES: Der König scheint zu vergessen, daß die Fische stumm sind.

SYPHAX: Nicht alle! Man erzählt von einem der Orakel gab.

PHARNACES: Mach Du die Verse, Syphax!...

EINIGE: Den Spruch! Die Verse!

SYPHAX: Paßt auf ... um so schlimmer, wenn sie schlecht sind:

Du Sonne, deren letzten Strahlen Dich Karpfen durchaus goldig malen, Laß auch den Dichter ohne Qualen Dir diesen Spruch als Dank bezahlen.

PHARNACES und CANDAULES: Bravo, Syphax!

NICOMEDES: Hoffen wir, der Fisch ist besser als das Gedicht. (Man reicht den Fisch.)

CANDAULES: Wie findet Ihr ihn, Pharnaces? Archelaos?

PHARNACES: Ausgezeichnet ...

ARCHELAOS (mit einem Schrei): Hölle! Was ist das? -- Beinahe hätt' ich einen Ring gegessen!

NICOMEDES und ANDERE: Einen Ring? --

ARCHELAOS: Und habe mir zwei Zähne daran ausgebrochen.

SYPHAX (leise): Was ein gefräßiges Tier!

ARCHELAOS: Er war im Fleisch des Fischs versteckt. Ihr lacht dazu?!

SYPHAX und ANDERE (lebhaft widersprechend): Durchaus nicht! Nicht im geringsten!

SEBAS: Du nimmst eben zu große Bissen.

ARCHELAOS: Ich hätte dran ersticken können.

SYPHAX: Mindestens.

NICOMEDES: Zeig' doch den Ring.

PHILEBOS (gibt ihn ihm): Er ist nicht übel.

NICOMEDES (nimmt ihn in der Reihe): Im Fisch, sagst Du?

SYPHAX: Höchst sonderbare Nahrung.

NICOMEDES: Der Stein darin ist hübsch.

CANDAULES: Ein ganz gewöhnlicher Saphir, nichts weiter. Ich hab' mehr solche, größer noch und reiner. Morgen sollst Du sie sehen, Nicomedes.

SYPHAX (zu dem nun der Ring, der die Runde gemacht, gekommen): Wem gehört er nun, der Ring?

ARCHELAOS: Mir gab ihn der Fisch und ich geb ihn dem König.

SYPHAX: Für Archelaos ist das Wort sehr hübsch.

EINIGE: Dem König den Ring, dem Candaules!

PHEDROS (der den Ring genommen, um ihn dem König zu geben): Halt, da ist was eingeschrieben.

NICOMEDES (neigt sich schauend zu Phedros): Syphax hat Recht: der Karpfen hat gesprochen.

DIE KÖNIGIN und CANDAULES: Was sagt er?

NICOMEDES: Ich seh' nicht deutlich.

PHEDROS: Pharnaces hat scharfe Augen.

PHARNACES (erhebt sich und geht mit dem Ring zu einer der Fackeln, die die Diener mittlerweile gebracht hatten): Zwei griech'sche Worte.

CANDAULES: Und heißen?

PHARNACES: εὐτυχίαν κρύπτω

PHEDROS: «Ich verberge das Glück.»

EINIGE: «Ich verberge das Glück»? Was für ein Glück?...

NICOMEDES: Das Wort ist dunkel.

PHARNACES (als ob er noch etwas sähe): Wartet! -- Da ... (Alle in Erwartung.) Nein -- es ist alles. König Candaules, ich stecke diesen rätselvollen Ring an Deinen Finger.

CANDAULES (hält mit einer Geste Pharnaces zurück): Koch! -- Woher kommt der Fisch?

DER KOCH: Ein Mensch bracht' ihn vorhin. Der Fisch war schön, so kaufte ich ihn.

CANDAULES: Wo ist der Mensch?

DER KOCH: Er ist heim.

CANDAULES: Weshalb hast Du ihn nicht zum Gelage in der Küche zurückgehalten?

DER KOCH: Er wollte nicht.

CANDAULES: Ich seh's nicht gern, daß man zurückweist, was ich biete ... Was für ein Mensch?

DER KOCH: Ein armer Fischer, weiter besond'res nichts.

CANDAULES: Und Du, Du gabst ihm für den Fisch?

DER KOCH: Vier Silberstücke.

CANDAULES: Gold verdiente er dafür.

DER KOCH: Er ist so unglücklich, daß Silber ihm genug ist.

CANDAULES: Es gibt nur Glückliche in meinem Reich, -- oder es ist, daß ich ihn nicht kenne. Wie heißt er?

DER KOCH: Er hat, zu dienen, den Namen Gyges.

CANDAULES: Man suche ihn. Ich will ihn kennen. Ich schwöre es, kein Finger kommt in diesen Ring, bevor ich nicht den Mann gesehn. Gyges sagst Du?

DER KOCH: Ja, Gyges.

CANDAULES: Bevor ich nicht mit Gyges, dem Fischer, gesprochen. Geh! Such' ihn!

DER KOCH (gibt einem Mann Befehle): Auf der Stelle.

(Ein ziemlich langes Schweigen begleitet das Schweigen des Königs. Dann hört man):

SEBAS: Es ist luftiger hier als drinnen im Saal.

PHILEBOS: Und diese Stelle hier im Garten ist wundervoll zur Nacht.

NICOMEDES: Was für ein Blick! Ich hab' es gern, wenn man so bis aufs Meer sieht: -- wo sich, da seht, der wachsende Mond heraufhebt.

NYSSIA: Was ist das für ein Leuchten?

PHILEBOS: Es ist der Mond, hohe Frau.

NYSSIA: Nein! Da, da unten, ganz am Rand der Küste.

PHARNACES: Man möchte sagen, eine Hütte brennt.

NICOMEDES: Es sieht sehr schön aus, so in der Nacht, das Brennen.

SEBAS: Diese Fasane sind vorzüglich.

ARCHELAOS: Ich habe eine Wachtel genommen.

SYPHAX: Candaules spricht kein Wort und scheint bekümmert.

CANDAULES: Man sieht fast nichts mehr ... bringt Fackeln, mehr Fackeln. (Man bringt Fackeln.) -- Mein Becher ist leer. Der Eure auch. Philebos! Pharnaces ... der Wein verdirbt.

(Philebos, dem man Wein eingießen will, weist zurück.) Und wenn Du schon nicht trinkst, so sprich -- ich bin voll Unruh ... dies Wort im Ring ... was denkst Du davon? Philebos? Ich kann mein Denken nicht davon wenden.

PHILEBOS: Weshalb, Candaules? Ich glaube, nichts weiter ist's als solcher doppelsinniger Worte Spiel, wie sie im Brauche der Orakel. Was sie Geheimnisvolles haben, ist nur der Glaube, den man ihnen gibt. Mit vieler Mühe findet man am Ende nichts weiter in dem Rätsel als eine ganz gemeine Alltagswahrheit.

PHARNACES: Und öfter noch findet man überhaupt nichts.

CANDAULES: So meint Ihr, die Worte wollen fast nichts sagen?

PHILEBOS: «Ich verberge das Glück» --? Nein ... nichts.

CANDAULES: So besser so. Ich hätte mich davon beunruhigen lassen.

NICOMEDES: Und dann, wenn Worte dieser Art schon einem nüchternen Menschen widerspenstig scheinen, sind wir, der eine nicht und nicht der andere, glaub' ich, jetzt im Stand, das Rätsel zu lösen.

SYPHAX: Du hast recht, Nicomedes! Trinken wir kurz und gut auf das Glück des Candaules. Er macht es dem Ring nicht nach, er verbirgt sein Glück nicht, im Gegenteil! --

PHARNACES (erhebt sich, um mit den Anderen anzustoßen): Es lebe Candaules, der glücklichste Mensch der Erde!

CANDAULES (schlägt mit der Faust heftig auf den Tisch): Was! Mein Glück! Was wißt ihr von meinem Glück!? Was!

PHEDROS: Nichts, Candaules.

CANDAULES (sich besinnend): Verzeiht, Ihr werten Herren -- ich weiß nicht, was mich so bewegen konnte ... Und Ihr, Nyssia, die Ihr schweigt, wenn man an Euch nicht ganz besonders das Wort richtet -- sagt, was denkt Ihr von meinem Glück?

NYSSIA: Daß es ist wie ich, hoher Herr.

CANDAULES (von Neuem erregt): Rätsel! Wieder Rätsel! -- Was meint Ihr damit? Sprecht!

NYSSIA: Ich wollte sagen, das Glück verwelkt, wird es entschleiert.

CANDAULES (in dem der Wein zu wirken beginnt): So bedeckt Euch! Es liegt mir nichts mehr daran nun Jeder Euch gesehen hat.

NYSSIA (macht eine Bewegung traurigen Erstaunens).

CANDAULES: O, verzeiht, Nyssia!... Was habe ich sagen können? Ach Schmerz ... ich will Euch keinen Schmerz antun. Doch weil mein Glück, weil mir mein unverborg'nes Glück im Andern seine Kraft und seine Heftigkeit zu schöpfen scheint, so kommt's mir vor, oft kommt's mir vor, es existierte nur im Wissen, daß die Andern davon haben und daß ich's erst besitze, wenn Andere wissen, daß ich es besitze. Dies schwör' ich Euch, Ihr Freunde, wenig läg' mir daran, die Erde mein zu nennen, wär' ich allein auf ihr und keiner da, der wüßte, daß die Erde _mein_ ist. Glaubt mir dies: ich fühle meinen Reichtum nur, da Ihr ihn nützt. Ich bin so reich ...! Kein Rausch ist stark genug, daß er mich dieses übertreiben machte: ich bin sehr reich. Und da ich vorhin unwillig ward, als Ihr mein Wohl, das Wohl des reichsten Menschen dieser Erde tranket, so war es nur, weil Ihr ja gar nicht wißt, wie reich ich bin.

PHEDROS: Nicht auf Deinen Reichtum tranken wir, Candaules, wir tranken auf Dein Glück.

CANDAULES (beugt sich vor, sich ereifernd): Das ist das Schlimm're! Was? Was wißt Ihr von meinem Glück? Weiß ich denn selbst davon? Kann man sein Glück denn ansehn, greifen? Man sieht nur das der Anderen. Das eigene fühlt man nur, wenn man's nicht ansieht. -- Die Luft ist schwül heut Nacht und ihre Wollust drückend ... Und dieser Gyges! Was ist's mit ihm! (Er erhebt sich und schwankt ein wenig, aber ganz wenig.) Wenn Gyges kommt, so wollen wir ihn betrunken machen. (Man gießt ihm ein. -- Er nähert sich Phedros.) Und Du weißt nicht, Phedros, noch nicht weißt Du -- ein Geheimnis ...

(Er setzt sich zwischen Phedros und Simmias. Die Tafel ist etwas in Unordnung, wie bei unsern Mahlzeiten, wenn der Kaffee gereicht wird. Nicomedes nähert sich der Königin und spricht zu ihr.)