Der Klosterjaeger: Roman aus dem XIV. Jahrhundert

Part 22

Chapter 223,824 wordsPublic domain

»Jetzt kenn ich Euch erst, Herr Pater!« sagte Wolfrat mit schwankender Stimme. »Euch muß ich ein festes Vergeltsgott sagen. Hättet Ihr selbigsmal nur ein kleines Weil später zugestoßen, dann wär's aus gewesen mit mir.«

»Sieh, Wolfrat,« fiel Herr Heinrich ein, »da kannst du deinem Retter gleich ein Liebes erweisen! Pater Desertus möchte hören, wie es kam, daß Gittli deine Schwester wurde. Erzähl es ihm!«

»Wohl! Setzet Euch nur her!«

Desertus ließ sich neben dem Lager auf einen Sessel nieder, und Wolfrat begann: »Wisset, Herr, ich bin im zweiundzwanziger Jahr bei dem Salzburger Erzbischof als Reisiger gestanden und hab den Ampfinger Tag mitgemacht. Auf der feindlichen Seit. Gewurmt hat es mich freilich, daß ich hauen und stechen soll gegen meine eigenen Landsleut. Aber was hab ich machen können? Ein Eid ist allweil ein Eid. Ich hab meine Pflicht getan als richtiger Soldat. Aber ungern hab ich's nit gesehen, wie der Kaiser obenauf gekommen ist, und wie die Unsrigen auf den Abend das Laufen angefangen haben. Da hat keiner mehr stehen können, einen jeden hat's mitgerissen. Wer nit laufen hat wollen, hat laufen müssen. Vier, fünf Tag ist es allweil hergegangen um unser Leben, keiner hat die Gegend gekannt, und die bayrischen Reiter sind hinter uns her gewesen wie die ledigen Teufel. Ich hab mich mit ein Stücker vierzig von den Unsrigen zusammengehalten. Und da war's in einer stürmischen Nacht. Da sind wir in einen Markt gekommen.«

»Wie hieß der Markt?«

»Ich weiß es nit. Aber ich besinn mich noch, daß gleich bei der Tafern eine Kirch gestanden ist. Die hat hint und vorn einen Turm gehabt und ein ebenes Dach.«

»Pfarrkirchen war es!« sagte Desertus in lateinischer Sprache zu Herrn Heinrich. »Zwei Wegstunden von meiner Burg.«

»Die Tafern war gesteckt voll mit flüchtigem Volk. An die dreihundert sind da beisamm gewesen. Es war ein fürchtiges Gejammer, was man jetzt anfangen soll, und wo man Zehrung hernimmt? Und da war einer unter uns, ein Salzburger Rottführer, Klees hat er geheißen --«

»Klees?« stammelte Desertus; und lateinisch sagte er zu Herrn Heinrich: »Der Mann hat einen Monat in meiner Schar gedient. Ich hab ihn fortjagen müssen, weil er mich bestahl.«

»Der Klees ist auf den Tisch gesprungen und hat geschrien: er wüßt ein Mittel, daß man die Säck vollstopfen könnt. Nit weit vom Markt wär ein reicher Herrensitz. Der tät einem Ritter gehören, der in der Ampfinger Schlacht mit dem Flamberg unter uns herumgehauen hätt wie der Mähder mit der Seges[32] im Traidfeld. Die Handvoll Leut auf der Burg könnt man leicht überrumpeln. Wie er das gesagt hat, da hat's einen Höllenlärm gegeben, und die meisten sind gleich dabei gewesen, daß man den Handstreich wagen sollt. Ein paar haben freilich dawider geredt. Ich selber auch. Aber da hat's geheißen: man wär in Feindsland, und Krieg wär Krieg. Wer sich noch lang gewehrt hätt, ich glaub, den hätten die anderen niedergeschlagen. Der Klees hat Wein anfahren lassen, und wie wir heiße Köpf gehabt haben, da ist der Klees zum Hauptmann ausgeschrien worden. Und da hat er auch gleich die richtige Stund ausgenutzt. Noch in der Nacht sind wir fort aus der Tafern, und allweil durch Wald ist der Weg gegangen, den der Klees uns geführt hat. Ich muß schon sagen, die Sach hat mir nit gepaßt. Aber wie der Mensch ist! Wo hundert laufen, da lauft man mit. Und der Wein hat uns allen die Köpf dumper gemacht. Ich glaub, der Klees ist der einzig gewesen, der gewußt hat, was es gilt. So um die zweite Morgenstund muß es gewesen sein, da sind wir aus dem Holz ins Feld gekommen, und ganz schwarz sind die Burgmauern vor uns aufgestiegen in der Nacht.«

[Fußnote 32: Sense.]

Desertus drückte die Fäuste auf seine Brust.

»Beherrsche dich, Dietwald!« mahnte Herr Heinrich in lateinischer Sprache. »Der Mann soll nicht wissen, wie nahe dich berührt, was er erzählt.« Und zu Wolfrat sich wendend, sagte er: »Sprich nur weiter!«

»Der Klees hat uns halten lassen. Keinen Laut und keinen Tritt hat man gehört. Dann ist der Klees bis an den Burgwall hingegangen und hat den Torwart angeschrien. Ich hab's nit recht hören können, ich bin einer von den letzten gewesen. Aber ich mein', er hat dem Torwart zugeschrien, daß er eine Botschaft brächt vom Burgherrn, und die Sach hätt Eil. Hat der Klees die Losung gewußt, oder war der Torwart so ein guter Hascher, der gleich das erste Wörtl geglaubt hat? Ich hab noch kaum gemerkt, was los ist, da war die Zugbrück schon herunt, eine Hauerei und ein fürchtiges Geschrei ist losgegangen, und bis ich nach einer Weil mit den letzten hineingekommen bin in den Burghof, sind die paar Herrenknecht schon im Blut herumgelegen, die unsrigen haben schon alle Türen eingedrückt, und die brennenden Pechkränz sind in alle Fenster geflogen. Da bin ich nüchtern geworden. Wie ein steiniges Manndl bin ich gestanden und hab mir an den Kopf gegriffen. Und gegraust hat mir in der tiefsten Seel. Hätt mich einer am Ampfinger Tag niedergeschlagen, mir wär wohler gewesen. Ich hab freilich keinen Finger gerührt und keine Hand gestreckt. Aber dabei gewesen bin ich halt doch! Und die ganzen Jahr her, so oft was Unguts über mich und meine Heimleut gekommen ist, allweil hab ich an dieselbige Nacht denken und mir sagen müssen: Jetzt mußt du zahlen dafür!«

Wolfrat schwieg, und Stille herrschte in der Klause. Das Gesicht des Chorherren war bleich, seine Augen irrten ins Leere.

»Wie die Flammen herausgeschlagen sind aus jedem Dach, da haben sie's drunten im Dorf gemerkt, was vorgeht, und haben die Sturmglock geläutet. Haufenweis sind die hörigen Leut aus dem ganzen Burgbann herbeigelaufen, die einen mit Schwert und Spieß, die andern mit Dreschflegeln und Segesen. Da ist die Hauerei aufs neu wieder angegangen. Ich hab mir gedacht, ich will mit einer so schiechen Sach nichts mehr zu schaffen haben. Aber wie ich beim Tor hinausschleichen und abschieben will, hör ich ein Gejammer von einer Weiberstimm. Und wie ich aufschau, steht auf dem Turmaltan, mitten im Feuer, eine junge, schöne Frau. Ein kleines Bübl ist bei ihr gestanden, und auf dem Arm hat sie ein Kind im Wickel gehalten. >Jesus Maria!< hab ich geschrien und bin zugesprungen und hab gemeint, ich könnt noch hinauf in den Turm und helfen. Derweil tut's schon einen fürchtigen Krach. Das ganze Sparrenwerk ist eingefallen, und als wär die Höll zersprungen, so fliegt der Turm auseinander in lauter Feuer.«

Am ganzen Körper erzitternd, schlug Desertus die Fäuste vor die Augen.

»Gelt, Herr? Das greift einem ans Herz!« murmelte Wolfrat. »Ich bin gestanden, als wär in mir drin alles ein Eisbrocken worden. Und wie mich das Grausen wieder aufschauen laßt -- von dem armen Weiberleut und dem Bübl hat kein Aug mehr was zu sehen gekriegt -- aber auf einem spitzigen Balken, der aus dem Gluthaufen herausgestanden ist, hab ich das Kindl hängen sehen, das sich am Wickel verfangen hat. Da hab ich keine Glut und kein Feuer gescheut und bin hineingesprungen und hab das schreiende Würml gepackt. Und das Glück hat's wollen: ich bin herausgekommen. Da springt der Klees auf mich zu. >Gib her,< schreit er, >hörst ja, das Kindl weinet nach seiner Mutter.< Er will mir's wegreißen, aber ich hab ihm mit der Faust eins übers Gesicht gewischt, daß er hingeschlagen ist wie ein Ochs. Derweil hat's schon geschienen, als täten die hörigen Leut Herr werden über die unsrigen. Der Klees ist wieder aufgesprungen und auf mich zu mit der blanken Wehr. Und wie's der Zufall will, springt ein scheues Roß gegen mich her. Ich erwisch es bei der Mähn, komm in einem Schwung hinauf, und zum Tor hinaus geht's in einem Sauser, gleich über zwanzig Köpf weg!«

»Kein Zweifel mehr!« rief Desertus mit bebender Stimme. Mühsam seine Erregung beherrschend, stammelte er in lateinischer Sprache: »Das war mein Weib! Das ist mein Kind! Mein Kind!«

Erschrocken sah der Sudmann zu ihm auf und warf einen fragenden Blick auf den Propst.

»Sprich weiter, Wolfrat!« sagte Herr Heinrich.

»Ich bin auf dem scheuen Roß gehangen wie der Frosch auf dem Mühlrad und hab nur allweil das Kind an mich hingedruckt. Und das Roß ist fortgesaust, fort und fort, bis weit hinter mir das brennende Schloß untergesunken ist in der finsteren Nacht. Wie der Tag gegrauet hat, sind dem Roß die Kräft ausgegangen. Eine Weil ist es stehen geblieben und hat den Grind hängen lassen. Dann ist es wieder fortgetrabt. Das Kind hat geschlafen, und ich hab's auf dem Arm gehalten und hab nit gewußt, was ich anfangen soll. Ich hab die Gegend nit gekannt, und in ein Dorf hab ich mich nit hineingetraut. Ich hab gemeint, es müßt alle Welt schon wissen, was in der Nacht geschehen ist. So bin ich allweil zu und zu geritten, weil ich nichts anderes gedacht hab, als grad das einzig: schau nur, daß du weit, weit fort kommst von dem Fleck! Auf Mittag hab ich einen Einödhof gefunden mitten drin im Holz. Einer Dirn hab ich ein Reindl Milch abgebettelt für das Kind. Und so bin ich weiter geritten, allweil zu, bis ich auf die Nacht an ein Wasser gekommen bin und bald darauf in einen Markt. Da hab ich mich ausgekannt: das Wasser ist die Vils gewesen, und der Markt hat Velden geheißen. Und von da sind's keine drei ganzen Stund mehr in mein Heimatl gewesen. Wie hätt mir ein anderer Weg einfallen sollen! Ich bin geritten und geritten, bis ich daheim war. Meiner Mutter hab ich das Kind auf den Arm gelegt. Aber wie ich dazu gekommen bin, das hab ich verhehlt. Ich hab mich gescheut vor Mutter und Vaters Aug. Dabei gewesen bin ich halt doch!«

Wolfrat vermochte kaum mehr zu sprechen, seine Stimme zitterte vor Schwäche.

»Die Nacht drauf bin ich wieder fort. Aber das Kriegshandwerk hab ich satt gehabt bis an den Hals. In Landshut hab ich mich eingedingt als Flößer. Es hat lang gedauert, bis ich die schieche Sach in mir hab geschweigen können. Ich hab mir freilich allweil fürgesagt, daß ich ein Unrecht tu, wenn ich das Kindl um Recht und Namen bring. Aber ich hab mir nit getraut, daß ich umfrag und red. Da hätt's mir leicht an den Kragen gehen können, wenn ich mich verschnappt hätt. Sein Bröckl Leben hat jeder gern. Und wie ich wieder heimgekommen bin nach Dorfen und gesehen hab, daß meine Mutter mit ganzer Seel an dem lieben Kindl hängt, da hab ich erst recht nimmer reden können und hab mir gedacht: laß halt alles gehn, wie's geht, in Gottesnam!«

»Und niemals,« fragte Desertus, »niemals wieder hast du von jener furchtbaren Nacht gehört? Nie den Namen jener Burg erfahren?«

Wolfrat schüttelte den Kopf.

»Aber es muß doch ein Bild jener Burg in deiner Erinnerung haften?«

Wolfrat schien sich zu besinnen. »Mein, es hat halt ausgeschaut, wie es ausschaut in einer Burg. Türm und Mauern, ein weiter Hof und ein großmächtiges Haus!« sagte er mit matter, kaum noch verständlicher Stimme. »Aber -- wohl, Herr, auf eins besinn ich mich noch. Über dem Tor und über der Turmtür hab ich im Feuerschein ein gemaltes Wappen gesehen.«

»Sprich, Wolfrat, sprich!« klang es mit erstickten Lauten.

Wolfrat bewegte lallend die Zunge; man verstand nicht mehr, was er sprach: die Erregung hatte seine schwachen Kräfte völlig erschöpft, er schien einer Ohnmacht nahe.

»Sprich, Wolfrat, sprich!«

Mit erlöschenden Sinnen rang Wolfrat nach Sprache: »Das Wappen -- war -- ein weißer Falk -- im blauen Feld.«

»Das Wappen meines Hauses!« schrie Desertus. Sich erhebend schlug er die Hände vor das Gesicht, wankte hinaus, als erdrücke ihn der enge Raum, und ließ sich niedersinken auf die Hausbank.

Herr Heinrich eilte ihm nach. Im gleichen Augenblick legte ein Boot mit zwei Schiffern und einem Reisigen am Ufer an.

»Dietwald, ermanne dich!« flüsterte der Propst. »Es kommen Leute!« Er ging dem fremden Kriegsknecht entgegen. »Wen suchst du?«

»Herrn Heinrich von Inzing, den Propst.«

»Wer bist du?«

»Ein Salzburger Fronbot. Die Oberin der Domfrauen schickt Euch diese Botschaft.« Er reichte dem Propst ein versiegeltes Pergament.

Herr Heinrich las; er erschrak nicht; nur ein Lächeln glitt um seinen Mund. »Du kannst heimkehren!« sagte er zu dem Boten. »Man soll dir im Kloster den Botenlohn reichen und dich köstigen.« Der Knecht ging zum Ufer zurück. Herr Heinrich wartete, bis das Boot abgestoßen war, dann wandte er sich zu Desertus. »Willst du lesen, Dietwald? Eine Botschaft von deinem Kind!«

Mit hastigen Händen griff der Chorherr zu und entfaltete das Pergament. Er erblaßte. »Mein Kind? Aus dem Kloster entflohen?«

»Entflohen? Weshalb das hohe Wort?« meinte Herr Heinrich lächelnd. »Sag lieber: davongelaufen!«

Desertus faßte die Hand des Propstes. »Herr! Ich bitt Euch! Lasset uns gleich zurückkehren! Im Seedorf stehen unsere Pferde. Wir wollen nach Salzburg reiten.«

»Nach Salzburg? Nein, Dietwald, ich weiß einen näheren Weg, um dein Kind zu finden. Wir wollen hinaufsteigen in die Röt.«

Desertus erschrak. »So meint Ihr -- nein, nein! Es ist unmöglich! In dieser einen Nacht sollte das zarte Kind einen Weg bezwungen haben, der die Kräfte eines rüstigen Mannes erschöpfen würde?«

»^Omnia vincit amor!^« lächelte Herr Heinrich. »Komm, Dietwald!«

Schweigend folgte Desertus dem Propst an das Ufer. Ein Knecht holte zwei Bergstöcke, der Einbaum wurde ins Wasser geschoben, rasch war die schmale Wasserzunge übersetzt, und die beiden stiegen empor durch den sonnigen Bergwald.

Ungeduldig eilte Pater Desertus voran.

Herr Heinrich rief ihm lachend zu: »Dietwald, willst du nicht hinter mir gehen? Weißt du, ich möchte mit ganzer Lunge droben ankommen.«

27.

Am Morgen, noch vor Tag, hatte Haymo die Jagdhütte verlassen, um die Grenzen seines Bergreviers zu umwandern. Nahe den Funtensee-Tauern traf er mit dem Jäger Renot zusammen, der am Grünsee hauste. Unter den steilen Wänden saßen sie eine Stunde lang beisammen: das jubelnde Glück neben der Schwermut.

»Hast du meine Gundi nie gesehen?« fragte Renot.

Haymo schüttelte den Kopf.

»Zwei Jahr lang bin ich ihr schon um den Weg gegangen. Und da war's in der letzten Mondzeit, da komm ich einmal hinauf zum Funtensee und hör auf den Halden das Almvieh läuten. Denk ich mir: jetzt muß ich doch schauen, was für eine Sennerin der Bauer geschickt hat. Ich geh auf das Hüttl zu, und wie ich hineinschau, steht die Gundi vor mir. Vor lauter Seligkeit hab ich einen Luftsprung getan, daß ich mir an der Tür das Hirnkastl angeschlagen hab. Und, du -- ein Sommer ist das jetzt! Jeder Tag eine Freud, die vom Himmel fallt. Gelt, das hast du doch auch schon gespürt: es gibt nichts Lieberes auf der Welt, als wenn zwei junge Leut zusammenhalten mit Herz und Hand. Und auslassen tu ich nimmer. Bis der Frühling kommt, wird Hochzeit gehalten. Und Kindstauf gleich dazu! Juhuuu!«

Von allen Wänden klang das Echo des hallenden Jauchzers.

Lachend schaute Renot in Haymos Gesicht. Da verstummte sein Lachen, und erschrocken fragte er: »Bub, was ist dir denn?«

Haymo sprang auf und schüttelte den Kopf; er konnte nicht sprechen.

»So red doch, Bub, was hast du?«

Wortlos nickte Haymo einen Gruß und ging seiner Wege.

Renot sah ihm betroffen nach. »Mir scheint, dem ist die Lieb überzwerch gelaufen.«

Als Haymo zum Saum des Lärchenwaldes kam, hörte er den am Fuß der Felswand hinsteigenden Jäger singen:

»Der Winter ist zergangen, In Bluh steht alle Heid, Da kam zu mir gegangen Gar süße Augenweid, Mir war das Herzl froh, Zum Schätzl sprach ich so: Gelt, du bist mein? Nein, ich bin dein: Der Streit, der muß wohl allweil sein! Jo ho! Jo ho! So blank allsam ein Härmelein[33] Sind ihre nackten Ärmelein. Mein Schätzl, das ist fein und schmal, Gar wohl geschaffen überall. Jo ho! Jo ho! Mein Herzl, das ist froh!«

Lang war die jubelnde Stimme schon verhallt, und immer noch klang es wie quälender Spott an Haymos Ohr: »Jo ho, jo ho! Mein Herzl, das ist froh!«

[Fußnote 33: Wie ein Wiesel.]

Er hatte die Landtaler Wand erreicht, über deren schroff bis zum See abfallende Felsen ein schmaler Wildsteig hinwegführte. Einzelne Steine lösten sich unter den Schuhen des Jägers und stürzten prasselnd in die Tiefe; mit heißen Augen sah Haymo ihnen nach; er konnte ihre sausenden Sprünge mit dem Blick verfolgen, bis sie nahe dem See auf dem schräg verlaufenden Griesbett liegen blieben.

»Da drunten findet jeder seine Ruh! Ein jeder!«

Nun löste er absichtlich Stein um Stein und lauschte, wie ihr Fall, der mit lautem Lärm begann, immer leiser und leiser wurde. Und jeder fallende Stein redete zu ihm: »So könntest du dein schreiendes Herzleid auch geschweigen. Wirf's hinunter! Es tut keinen Laut nimmer, wenn es drunten liegt.«

Mit der Hand an einem Felszacken sich anhaltend, beugte er sich vor, daß sein ganzer Körper über dem Abhang schwebte. Die verwitterten Schrofen, die aus dem steilen Gewände ragten, waren anzusehen wie tausend steinerne Arme, die sich streckten nach ihm. Und in der gähnenden Tiefe lag der Obersee wie ein großes, rundes Auge; es blickte herauf zu ihm, und dieser Blick hatte Sprache: »Ich seh dich. Komm nur! Schau, ich warte.«

Immer weiter beugte Haymo sich vor, ein Frösteln überlief seine Glieder, seine Knie begannen zu zittern, an der Hand, die den Felszacken umklammert hielt, zuckten schon die Finger, als wollten sie sich öffnen.

Da tönten linde, schwebende Klänge durch die Luft empor. In der Bartholomäer Klause läutete die Glocke zur Frühmesse.

Haymo richtete sich erblassend auf und fuhr sich mit der Hand über die Stirn, wie um einen bösen Traum zu verscheuchen. Aufatmend bekreuzte er sich und stieg mit ungestümer Eile über die Wand hinweg. Es schien ihm erst wieder wohl zu sein, als er den Bergwald erreichte, um dessen Wipfel der erste Glanz der steigenden Sonne schimmerte.

Schon aus weiter Ferne hörte er das Gebrüll des Almviehs.

»Was die Rinder nur haben mögen?« fragte er sich. Vielleicht missen sie die Sennerin, meinte er. Sie wird wohl tags zuvor hinuntergegangen sein in das Klosterdorf, um dem heiligen Umgang beizuwohnen. Aber das hätte sie doch dem Hüter sagen müssen. Wohl an die hundert mal hatte Haymo am vergangenen Tag, bald im Gewänd, bald auf den Almen, bald im Bergwald den Hüter schreien hören: »Zenzaaah! Hoidoooh!«

Als Haymo die Alm erreichte, sah er die Kühe unruhig um die stille Hütte traben, brüllend und mit den Schweifen schlagend. Ihre Euter strotzten. Und die Tiere litten Schmerzen; sie hatten das Milchbrennen. Langsam kamen dem Jäger, da er sich der Hütte näherte, die Kühe entgegen, streckten keuchend die Köpfe, und eine Blessin fuhr ihm mit der rauhen Zunge über die Hand. Er kraute ihr die Stirn, und mit läutender Glocke lief sie ihm nach bis zur Hütte. Er trat in die Tür. Die Hütte war leer. »Zenza!« rief er. Keine Antwort kam. Er lehnte das Griesbeil an die Wand, legte die Armbrust ab und setzte sich auf den Herdrand. In der Asche lagen noch glimmende Kohlen; er stöberte sie zu einem Häuflein zusammen, legte Späne darüber und blies in die Glut. Eine Flamme züngelte über das Holz, die Späne knisterten und krachten, und als das Feuer wuchs, legte Haymo, in träumende Gedanken versunken, Scheit um Scheit in die Flammen.

Er hörte nicht mehr das Brüllen und Läuten der Kühe -- Immer summte es in seinen Ohren: »Jo ho, jo ho! Mein Herzl, das ist froh!«

Weit drüben, in der Sennhütte am Funtensee, flammte jetzt wohl auch ein Feuer auf dem Herd, und Renot saß bei seiner Gundi und hielt sie umschlungen und zog sie an seine Brust und lachte: »So blank allsam ein Härmelein, sind deine weißen Ärmelein --«

Haymo schlug die Hände vor die Augen, als möchte er das Bild verscheuchen, das mit seinem jauchzenden Glück ihn quälte und verhöhnte, ihn und sein brennendes Leid, seine dürstende Sehnsucht.

Ganz in sich verloren saß er und hörte nicht, wie draußen die Kühe läutend zusammendrängten nach einer Stelle; er merkte nicht, daß ihr lautes Brüllen jäh verstummte; er hörte die raschen Schritte nicht, die sich der Hütte näherten; es war ihm nur, als hätte sich plötzlich die Tür verfinstert. Mit müden Augen blickte er auf. Und da traf es ihn wie ein Blitz. Er schnellte in die Höhe, streckte mit ersticktem Laut die Arme und stand wieder wie versteinert. War es Wirklichkeit oder nur ein Traum? War sie es wahrhaftig, die vor ihm unter der Türe stand, über und über mit Staub bedeckt, im weißen Rock, dessen zerfetzter Saum über die Knöchel der nackten, vom Gestrüpp zerkratzten Füße hing, ein weißes Mäntelchen um die schmalen Schultern, die gelösten Haare um den Hals geknotet, mit erschöpften Zügen, aber mit lachendem Mund und leuchtenden Augen?

Jetzt rührte sie die Lippen. »Haymo!« stammelte sie.

»Gittli!« schrie er. Und sie flogen einander entgegen, hingen Mund an Mund und hielten sich mit zitternden Armen umschlungen, fest, als wollten sie sich nimmer lassen.

»Haymo!«

»Gittli!«

Das war alles, was sie sprachen zwischen Küssen und Küssen.

Und als wäre das Glück über sie hergefallen, so groß und so erdrückend, daß sie es nicht mehr zu tragen vermochten auf ihren schwachen Schultern, so sanken sie auf den Herdrand nieder. Und da streichelte Gittli Haymos Gesicht mit beiden Händen und lispelte: »Gelt? Jetzt tust du mir nimmer sterben?«

»Sterben? Vor Freud!« Was er weiter noch stammeln wollte, erstickte wieder in einem heißen dürstenden Kuß.

Zenza stand in der Tür, mit geballten Fäusten und kalkweißem Gesicht. Sie konnte den Anblick dieses taumelnden Glückes nicht ertragen. Heiser auflachend wandte sie sich ab, rannte wie eine Wahnsinnige hinaus über das Almfeld, schlug die Fäuste an ihre Stirn und schrie: »Gibt's auf der Welt noch einen Narren, wie ich einer bin! Erschlagen hätt ich sie sollen heut in der Nacht! Ins Wasser werfen! Und ich selber hab sie hergeholt. So ein Narr! So ein Narr, wie ich einer bin!«

Unter einer einsam stehenden Fichte warf sie sich auf die Erde nieder, grub die Nägel in den Rasen und schluchzte.

Dann sprang sie wieder auf. »Da heroben bleib ich keine Stund nimmer!« Ihr heißer Blick spähte über das Almfeld, während sie mit gellender Stimme schrie: »Jörgi! Jörgi!« Der Ruf verhallte, keine Antwort ließ sich hören. Eine Weile wartete sie. Und wiederholte den Ruf. Alles blieb still. Nur die Kühe trabten ihr brüllend entgegen. »Meinthalben! Mag alles hin sein, das Vieh und alles! Ich bleib und ich bleib nimmer.«

Sie ging dem Steige zu. Die Kühe zogen ihr nach. Mit Steinwürfen trieb sie das Vieh zurück. An der Stelle, wo der Pfad sich in den Wald verlor, blieb sie stehen und blickte, zornig auflachend, noch einmal zurück nach der Hütte. »So ein Narr, wie ich einer bin!« Immer wieder lachte sie, während sie dem talwärts ziehenden Pfade folgte.

Über eine Stunde war sie schon gewandert, als sie, schwer ermüdet, auf einen Steinblock sank. Die zwei durchwachten und durchwanderten Nächte hatten ihre Kraft erschöpft. Sie schluchzte und lachte, immer eins ums andere. Lang ertrug sie das ruhige Sitzen nicht. Während sie weiterlief, raffte sie einen dürren Stecken auf und zerschlug mit zornigem Hieb jeden grünen Zweig, der über den Pfad hereinhing.

Schon hatte sie den tieferen Bergwald erreicht. Da hörte sie eine rufende Stimme, halb erstickt vom dumpfen Rauschen des nahen Wildbachs.

»Zenza! Zenza! Hoidoooh!«

Es war ein wild kreischender, angstvoller Ruf.

Lauschend blieb sie stehen. Da klang es wieder, ein wenig näher schon:

»Zenza! Zenza! Hoidoooh!«