Der Klosterjaeger: Roman aus dem XIV. Jahrhundert
Part 19
Die Tür begann zu zittern unter den schweren Tritten, die sich näherten. Haymo biß die Zähne übereinander. Der Frater Küchenmeister kam, um seinem jungen Freunde den ersten Krankenbesuch abzustatten. Als er sich auf den Rand des Bettes niederließ, krachten die Bretter in allen Fugen.
»Schau nur, was man dir für eine Ehr antut im Kloster!« lachte der Frater. »Das kracht ja wie ein Herrenbett!« Dann plauderte er weiter, rühmte die göttliche Vorsehung, die alles Böse für Haymo zum guten gewendet, und jammerte über das schlimme Aussehen des Jägers, über den matten Blick seiner Augen. »Aber warte nur,« sagte er, »ich will dich schon wieder herausfüttern wie ein Hühnl, das den Zipf gehabt hat. Ja, und daß ich nit vergesse -- Vergeltsgott will ich dir auch sagen. Der Knecht, der heut mit dem Saumpferd gekommen ist, hat mir die Nieswurzen gebracht. Die sollen mir ein hilfreicher Beistand werden in meiner unseligen Atemnot. Mit dem Schnaufen geht's allweil härter bei mir, von Tag zu Tag. Oft ist mir, als hätt ich im Hals einen Igel, der sich einspreizt und nimmer in die Höh will. Aber hast du die Wurzen auch zur rechten Zeit gegraben? Hat die Schneeros völlig verblüht gehabt?«
Ein Erblassen ging über Haymos Wangen. »Ja, Frater, die Schneeros hat ausgeblüht. Für mich!« Da war seine Kraft zu Ende. Mit den Zähnen knirschend, warf er sich gegen die Wand, so daß der Frater erschrocken die Hände ineinanderschlug. --
Gittli hatte den Platz vor dem Tor der Klostervogtei gerade erreicht, als die Oberin zurückkam, von Herrn Heinrich begleitet. Der machte verwunderte Augen, als er das Mädchen gewahrte. »Ich hab's doch gewußt!« flüsterte die Oberin. Er nickte dem Mädchen einen freundlichen Gruß zu und trat in das Tor zurück.
»Denke nur, Dirnlein,« lächelte die Oberin, »Herr Heinrich hat mich gescholten, weil ich dich allein ließ. Er glaubte wahrhaftig, du würdest davonlaufen.«
Ein müdes Lächeln huschte um Gittlis Mund, und von der Mauerecke ließ sich ein leises Kichern hören. Die Oberin guckte, aber Waltis Nase war schon hinter der Mauer verschwunden.
Als Gittli das Nonnenkloster erreicht hatte, ließ sie alles mit sich geschehen, stumm und geduldig wie ein Lamm, das geschoren wird. Die neuen Kleider, die man ihr anlegte, weckten keinen Laut auf ihren Lippen. Sie schämte sich wohl, als sie das lange, blaue Gewand nach der Sitte der Zeit bis über die Schultern ausgeschnitten sah; aber sie sagte nichts, denn sie bekam auch gleich ein weißes, bis zu den Ellbogen reichendes Mäntelchen um den Hals. Ein Gürtel aus weißem Leder umspannte die schlanke Hüfte. Um die Stirn und das offene Haar wurde ein blaues Band geknüpft. Als sie die gelben Schuhe mit den scharfgespitzten, spannenlangen Schnäbeln an den Füßen hatte, staunte sie scheu an sich hinunter.
Die Oberin und die beiden dienenden Schwestern lachten, als Gittli so hilflos dastand, mit seitwärts gestreckten Armen, als wage sie das Kleid nicht zu berühren; sie zitterte und getraute sich keinen Schritt mehr zu tun, denn wenn sie auftrat, knickten die unheimlichen Schuhschnäbel gleich spitzigen Dolchen in die Höhe. Und je lauter die anderen lachten, desto näher kam ihr das Weinen. Plötzlich stürzte sie auf die Türe zu, und als sie die Tür verschlossen fand, sank sie schluchzend zu Boden.
Man hob sie auf, man schalt und tröstete, man säuberte das verstaubte Kleid, und dann wurde sie zu Sepha hinübergeführt, damit sie von der Schwäherin und dem kleinen Buben Abschied nehmen und noch mit ihnen schwatzen könnte.
Vor der Mauer des Nonnenklosters wartete eine Sänfte, die zwischen gegabelten Stangen von zwei Maultieren getragen wurde. Man mußte Gittli hineinheben; aus freien Stücken wäre sie nimmer eingestiegen. Die Oberin setzte sich zu ihr. Zwei Knechte führten die Maultiere, und ein dritter, der gewaffnet war, ritt nebenher.
Die Leute auf der Straße blieben stehen, als sie die Sänfte kommen sahen, und spähten neugierig hinein; niemand erkannte die Schwester des Sudmanns; ihr schmales, blasses Gesicht verschwand fast in der weißen, über dem Scheitel steif geschnäbelten Haube, die man ihr für die Reise aufgesetzt hatte.
Da gingen zwei Mädchen vorüber; brennende Röte flog über Gittlis Wangen: die beiden, das waren die Zenza und eine Magd des Eggebauern.
»Du, da schau,« flüsterte die Magd, »was ist denn das für ein Fräulen?«
»Ich kenn's nit,« sagte die Zenza, »es muß ein Fremdes sein.«
Die Sänfte war vorüber; wie ein Schwindel fiel es über Gittli, alles wirbelte. Die Häuschen an der Straße, das Salzhaus, dem sie sich näherten, die rauschende Ache mit Ufer und Bäumen, der Berg mit dem Kloster, alles, alles versank vor ihrem Blick, und es war ihr, als sähe sie eine weite, sonnige Alm; grasend, mit läutenden Glocken ziehen die Kühe, und in der Sennhütte singt eine Mädchenstimme; da kommt vom Bergwald ein Jäger über das Almfeld hergegangen, vor der Hütte steht er still, lehnt das Griesbeil an die Blockwand und stößt die genagelten Schuhe gegen die Schwelle; die singende Stimme verstummt, und der Jäger fragt: »Darf man einkehren, Sennerin?« Aus der Hütte klingt die lachende Stimme der Zenza: »Freilich, Haymo, komm nur herein!« --
Die Frau Oberin in der Sänfte war erschrocken aus ihren Gedanken erwacht; denn das Mädchen an ihrer Seite hatte sich mit gellendem Schrei die weiße Haube vom Kopf gerissen, war aufgesprungen und wollte sich aus der Sänfte stürzen.
»Aber Kind! Kind!« stammelte die Oberin, Gittli mit beiden Armen umschlingend. Der gewaffnete Knecht kam herbeigeritten -- verstört sah Gittli zu ihm auf, dann fiel sie in die Polster zurück und drückte die Fäuste auf die Brust, als wäre ihr das Herz zersprungen.
Ein paar Leute waren zusammengelaufen. Die Knechte trieben die Maultiere an, und immer rascher, immer weiter schwankte die Sänfte.
23.
Am andern Morgen wandelte Herr Heinrich zu früher Stunde im Garten auf und nieder. Was war in diesen wenigen sonnigen Tagen alles gewachsen und erblüht! Bäume und Sträucher standen in vollem Grün, und jeder Windhauch war gewürzt mit dem Duft der jungen Blumen.
Frater Severin arbeitete an einem kahlen Beet. Um sich das Bücken zu erleichtern, stand er mit weitgespreizten Füßen und schnaufte wie ein Roß, wenn es schwer zu ziehen hat. Dicke Schweißtropfen perlten ihm von der Stirn.
»Guten Morgen, Bruder!« grüßte Herr Heinrich.
»Guten Morgen, ^Reverendissime^!« Frater Severin richtete sich auf und drückte, eine schmerzliche Miene ziehend, die Faust in den Rücken.
»Heute hält's wieder schwer mit dem Bücken, gelt? Hab schon gehört: gestern hat es wieder unchristlich lange gedauert im Kellerstübl.«
»Nit durch meine Schuld!« stotterte Severin. »Aber der Vogt hat gestern gar nit weichen wollen.«
»Haben ihn denn die Knechte der Frau Cäcilia nicht geholt?«
»Wohl, Herr, aber er ist nit gegangen, er hat ihnen ein Pergament mit heimgegeben und ist hocken geblieben.«
»Und da habt ihr ihm Gesellschaft leisten müssen?«
Frater Severin machte ein ehrerbietiges Gesicht. »Er ist der Vogt, Herr! Wer seiner Würde nit achtet, beleidigt das Kloster.«
»Natürlich! Nur immer eine gute Ausrede! Ich werde dieser Höflichkeit einen Riegel vorschieben müssen. Aber sag, was machst du da?«
Der Frater atmete auf, als er das heikle Thema beendet sah. Eilfertig gab er zur Antwort: »Die Nieswurz reiß ich wieder aus.«
»Die Nieswurz? Wie kam sie in den Garten?«
»Ich hab gemeint, ich könnt ein Beet mit Schneerosen anlegen, und da hab ich vergangen Jahr im Frühling ein paar Dutzend Wurzen heruntergenommen von der Röt, hab sie hier eingelegt und hab getan, was ich nur allweil gemeint hab, daß es gut wär. Aber nit eine einzige hat getrieben im Winter, und wie ich jetzt nachschau, find ich, daß alle Wurzen vertrocknet sind. Schauet nur!« Er nahm eine der ausgerissenen Wurzeln, brach sie entzwei und zeigte dem Propst das dürre Gewebe. »Kein Tröpfl Saft mehr! Eine Schneeros laßt sich halt nit verpflanzen. Die will Felsen, Bergstürm und Lahnen. Die Luft im Tal und der feine Boden tun ihr nit gut. Da kann einer machen, was er will. Eine Schneeros laßt sich halt nit verpflanzen.« Er warf die dürren Strünke von sich. »Schad um die Wurzen! Droben hätten sie geblüht.«
Herr Heinrich blickte sinnend vor sich hin; sein Blick folgte der Straße im Tal, die über Schellenberg hinausführte gegen Salzburg. Er nickte. Und wortlos ging er davon.
Als er eine Weile später sein Gemach betrat, hörte er von der Vogtstube her das alte, polternde Gewitter. Er ging den grollenden Lauten nach, und als er die Tür öffnete, beförderte Herr Schluttemann soeben unter einem Hagelwetter von dröhnenden Scheltworten einen Zinsbauern zur Stube hinaus. Da der Vogt den Propst gewahrte, wurde er verlegen.
»Ist das die Wirkung des Urteils?« fragte Herr Heinrich.
Vogt Schluttemann kraute sich hinter den Ohren.
»Man sagte mir doch, daß Ihr gestern Eurer Hausfrau das Urteil gesendet habt?«
»Das hab ich freilich getan, ^Reverendissime^!« gab der Vogt kleinlaut zur Antwort.
»Nun? Und was sagte sie, als Ihr nach Hause kamt?«
»Nichts.«
»Und heute früh?«
»Auch nichts! Aber --« Herrn Schluttemanns Nase begann zu brennen, »aber das Urteil hat sie mir um den Kopf gehauen. Was sagt Ihr, ^Reverendissime^? Eine solche Mißachtung -- des Gesetzes!«
Herr Heinrich verwand das Lächeln. »Das muß streng geahndet werden. Bringet mir das Urteil, ich will ihm Wirkung verschaffen.«
In heimlicher Schadenfreude rieb sich Herr Schluttemann die Hände, als der Propst die Stube verließ.
Eine Stunde später stieg Herr Heinrich zu Pferd, um nach dem See zu reiten. Als er den Hag des Eggehofes erreichte, sah er Zenza beim Immenhäuschen stehen. Er rief das Mädchen zu sich heran.
»Bist du die Tochter des Bauern?«
»Wohl, Herr!« sagte sie, trotzig zu ihm aufblickend.
»Ist dein Vater daheim?«
»Wohl Herr!«
»So ruf mir deinen Vater, ich habe mit ihm zu reden.«
Zenza ging davon. Der Eggebauer erschrak nicht wenig, als das Mädel mit dieser Botschaft kam; er saß gerade in Hemdärmeln am Tisch und löffelte die Morgensuppe. In der schreckhaften Eile warf er den Napf um, fuhr in den verkehrten Rockärmel und rannte mit dem Ellbogen an den Türpfosten. Keuchend lief er um das Haus herum; je näher er dem Propste kam, desto langsamer wurde sein Gang, desto scheuer sein Blick.
»Grüß Gott, Eggebauer!«
Der Bauer zog die Kappe.
»Ich höre, dein Weib war krank. Wie geht es jetzt?«
»Es macht sich, Herr, jawohl!« Der Bauer seufzte und strich mit der Hand übers Haar. »Der Bader meint, sie könnt in acht Tagen schon wieder aufstehen.«
»So? Das hör ich gern.« Herr Heinrich tätschelte beruhigend den Hals des Pferdes, das ungeduldig mit den Hufen scharrte. »Ja, ja, Eggebauer, du mußt gut angeschrieben stehen beim lieben Herrgott. Schau nur, dir schickt er Freude und Genesung ins Haus, und deinem Nachbar, dem armen Sudmann, hat er Not und Tod geschickt.«
Der Eggebauer schlotterte an Händen und Füßen.
»Nun? Du fragst gar nicht, wie es dem Wolfrat geht? Ich höre doch, du wärst allweil sein bester Freund gewesen? Hast ihm doch an Ostern das Lehent geliehen?«
»Wohl, Herr, ja, das Lehent, ja, das hab ich ihm geliehen, weil -- weil er so ein armer Hascher ist!« lallte der Bauer. »Wohl! -- Und -- freilich, Herr, freilich -- da möcht ich schon fragen, wie's ihm geht, dem Wolfrat?«
»Schlecht, Eggebauer! Der arme Teufel geht seinem letzten Stündl entgegen.«
Der Bauer atmete auf; einer, der vor dem letzten Schnaufer steht, so dachte er, kann nimmer reden!
Herr Heinrich blickte auf den Sattelknauf und schüttelte nachdenklich den Kopf. »Was mag der Wolfrat nur getan haben, daß Gott eine so schwere Straf über ihn schickt? Er war doch allweil ein braver, redlicher Mensch. Wenn er was Übles getan hat,« Herr Heinrich blickte auf, »da muß ihn ein anderer dazu verhetzt haben. Meinst du nicht auch, Bauer?«
»Wohl, Herr -- allweil ist er ein braver Mensch gewesen -- der Wolfrat -- allweil!« Dem Eggebauer trat der kalte Schweiß auf die Stirn.
»Gelt, ja! Wenn ich nur den herausfinden könnt, der den Wolfrat auf dem Gewissen hat! Dem wollt ich warm machen.« Das Pferd bäumte sich, denn Herr Heinrich hatte die Zügel unsanft angezogen.
Erschrocken trat der Bauer zurück und fuhr sich mit dem Arm über die Stirn.
»Was hast du, Eggebauer?« fragte der Propst.
»Schwül, Herr -- schwül ist mir. Ich mein', die Sonn wird heut noch richtig brennen.«
»So? Meinst du?« Herrn Heinrichs Augen blickten hinüber nach dem benachbarten Gehöft. »Das ist doch das Haus des Sudmanns, gelt?«
»Wohl, Herr!«
»Jetzt liegt der arme Mensch verblutend in der Klause, und sein krankes Weib liegt droben bei den frommen Schwestern. Wer behütet jetzt das Lehen? Wer schaut auf Gras und Klee? Wer sorgt für die Hennen, für die Immen und für die Geißen?«
»Das könnt ich besorgen!« fiel der Bauer hastig ein. »Ich hab Leut genug im Haus.«
»Brav, Eggebauer! Das will ich dem Wolfrat gleich erzählen, wenn ich in die Klause komm.«
»Ja, Herr! Saget ihm nur, was ich ihm für ein guter Freund bin!« sprudelte es über die bleichen Lippen des Bauern. »Und -- schauet, Herr -- weil sich die armen Leut so fretten müssen -- da hab ich schon oft so gemeint, man könnt an das Haus einen Stall anbauen? Und -- ich könnt ihm eine Kuh hinüberstellen. Und ich tu's auch, meiner Seel! Ja, Herr! Und saget es ihm nur gleich, was ich alles für ihn tu.«
»Der Wolfrat wird nimmer viel davon haben. Aber doch sein armes Weib. Und das wird dem Mann ein Trost sein in der letzten Stund. Ja, Bauer, tu's nur! Und damit deine Kuh nicht einschichtig steht, stell ich eine andere dazu. Und weil es doch Klostergut ist, das du verbesserst, will ich auch mein Teil dazu geben. Das Holz, das du nötig hast zum Bau, kannst du in meinen Wäldern schlagen, und das Eisenwerk, das du brauchst, magst du in der Klosterschmiede holen. So bleibt dir nur die Arbeit zu leisten. Und wenn du schon grade dran bist, magst du auch gleich das ganze Haus ein wenig nachbessern, neue Dielen legen, im Dach die Lücken schindeln -- was halt nötig ist. Gelt?«
»Wohl, Herr!« nickte der Eggebauer mit versagender Stimme, während ihm der Schweiß in dicken Tropfen herunterkollerte über die fahlen Backen. »Und saget es ihm nur gleich, was ich alles für ihn tu!«
»Das will ich ihm sagen. Fang nur gleich an zu schaffen! Und alles fest und gut, Eggebauer! Gelt? Ich werde nachschauen jede Woch.«
Lächelnd, doch ohne Gruß, ritt Herr Heinrich davon.
Es schien, als wäre dem Eggebauer schwindlig geworden. Er griff in die Hecke. Mit starren Augen blickte er dem Propste nach, und als er ihn zwischen den Bäumen verschwinden sah, wischte er sich den Schweiß vom Gesicht, trocknete die nassen Hände an der Hüfte und murmelte: »Da hab ich mir eine schöne Supp eingebrockt! Jetzt friß, Bauer, friß!«
In frischem Trab ritt Herr Heinrich durch das frühlingsblühende Tal. Als er den See erreichte, sah er neben einer Fischerhütte die mit Stangen ausgespreizte Bärenhaut zum Trocknen in der Zugluft eines schattigen Platzes stehen.
Das Pferd wurde versorgt, und ein Knecht ruderte den Propst im Einbaum nach der Bartholomäer Klause.
Stiller Friede atmete um die kleine steinerne Kirche, die den hochgetürmten Wänden des Wazmann zu Füßen lag: ein Bröselein Menschenwerk neben dem ewigen Riesenbau des Schöpfers. Das Sonnenlicht glitzerte über dem weißen Kiesgrund, aber vom nahen Gletscher der >Eiskapelle< wehte eine kühle Luft. Weit draußen in der Wiese sang ein Knecht, der am hohen Hag das von den Lawinen zerdrückte Flechtwerk besserte.
Nah bei der Kirche stand die aus Blöcken erbaute Klause, in welcher Pater Eusebius mit einem Laienbruder und zwei Knechten hauste.
Eusebius, der das Boot schon hatte kommen sehen, erwartete den Propst am Ufer.
»Nun, wie geht es ihm?« fragte Herr Heinrich, während sie zur Klause gingen.
Der Pater zuckte die Schultern. »Er kann noch Tage, noch Wochen kämpfen. Seine Riesennatur wehrt sich gegen den anstürmenden Tod, wie im Bett des Wildbaches ein Felsblock gegen das anstürzende Wasser; aber das Wasser läßt nimmer nach, der Block muß weichen. Bis vor einer Stunde lag der Mann in wildem Fieber.« Eusebius blieb stehen. »Wisset Ihr, Herr, daß der Mann eine schwere Schuld auf dem Gewissen hat?«
»Was meinst du?«
»Im Fieber hat er's ausgeredet: er war es, der den Haymo gestochen hat.«
»Ich weiß es. Und du, Eusebius, bewahre, was der Mann dir im Fieber gebeichtet hat! Ist er jetzt bei Sinnen?«
»Ein Weilchen immer, bis die Schwäche wieder kommt.«
»Und daß er das Fieber überstand, das gibt keine Hoffnung?«
Eusebius schüttelte den weißen Kopf. »Die größte Gefahr liegt dort, wo ich nicht hin kann mit meinen Händen, in der Brust. Drei Rippen sind gebrochen und in die Lunge gedrückt. Die äußerlichen Wunden hätte seine Natur vielleicht noch überstehen können. Freilich, die Schulter sieht bös aus! Alle Nervenstränge sind zerrissen, der Arm ist tot und die Schulter lahm.«
»Die Schulter? -- In die Schulter hat er dem Haymo das Messer gestoßen.«
»Ja, ja,« sagte Eusebius, während ein feines Lächeln seinen welken Mund umspielte, »der liebe Gott schickt mitunter merkwürdige Zufälle.«
Herr Heinrich tat, als hätte er das Wort überhört.
Sie traten in die Stube, in welcher Wolfrat gebettet lag; er ruhte auf blutigen Kissen, die Brust mit wulstigen Verbänden umschnürt, die Arme geschindelt und gebunden, damit er sie nicht rühren könnte; das Gesicht war mit Leinwand überklebt, so daß man kaum die Augen und den Mund erkannte.
Er war bei Bewußtsein. »Herr! Guter Herr!« klang es mit leisem Stöhnen.
»Geh, Eusebius, laß mich allein mit ihm!« sagte Herr Heinrich.
Eusebius verließ die Stube und setzte sich vor der Klause auf die sonnige Bank. Drinnen klang in Zwischenräumen die Stimme des Propstes; er schien Frage um Frage zu stellen, auf welche Wolfrat mit matten Lauten Antwort gab. Eusebius lauschte nicht. Mit verschränkten Armen saß er an die Wand gelehnt, und seine klugen, forschenden Augen schauten langsam umher, als läge die Natur vor ihm wie ein aufgerolltes Pergament: jeder Baum ein Buchstabe, jeder Fels ein Wort.
Da fühlte er ein leises Kribbeln auf der Hand; eine Ameise lief über seine Finger; er bückte sich und ließ das verirrte Tierchen von seiner Hand auf die Erde kriechen; hier fand es Gesellschaft, eine zweite Ameise kam eilig über den Kies gehuscht; auf einem flachen Steinchen trafen sich die beiden; sie stutzten voreinander, hielten erregte Zwiesprache mit den Fühlern, liefen ein wenig zurück, dann wieder vor, und plötzlich fielen sie sich kämpfend an.
»Es ist doch allweil das gleiche!« lächelte Pater Eusebius und tippte die Streitenden mit dem Finger an, daß sie erschrocken auseinanderfuhren. »So groß ist die Welt! Es könnt doch eines am andern vorbeigehen in Ruh und Fried. Aber nein, just nicht! Raufen müssen sie, beißen, schlagen und stechen.«
Herr Heinrich trat aus der Klause. Eine tiefe Erregung sprach aus seinen Zügen und Augen. Mit eindringlichen Worten empfahl er den Sudmann der Pflege des Paters. »Und was ich dir sagen will: du brauchst den Mann nicht mehr zu fragen wegen seiner Schwester.«
Mit raschen Schritten ging der Propst dem Ufer zu, um die Heimfahrt anzutreten.
Als er eine Stunde später am Haus des Sudmanns vorbeiritt, sah er den Eggebauer schon im verlassenen Gehöft umherspazieren, die Hände hinter dem Rücken, mit verdrossenen Augen das Dach und die Mauern musternd.
Der Bauer schien mit seiner Freundschaft für Wolfrat große Eile zu haben; schon am folgenden Morgen begann er die Arbeit, zum keifenden Verdruß seines Weibes, auf dessen scheltende Fragen der Bauer nur immer die kleinlaute Antwort wußte: »Es muß sein. Der Herr will's haben. Frag ihn, warum!«
Tag um Tag verging.
Bei Sepha war eine schwere Krankheit zum Ausbruch gekommen. Und die Nachrichten aus der Bartholomäer Klause lauteten immer gleich: ein zähes, doch nutzloses Ringen wider den Tod. Mit den Salzfuhren aber ging täglich die freundliche Botschaft nach Salzburg: Gittli möge sich trösten, es stünde besser. -- --
Nach der zweiten Woche war Haymo so weit genesen, daß er seinen Hegedienst in der Röt wieder antreten konnte. Aber seine Wangen wollten sich nicht wieder färben, seine Augen blieben trüb und müde. Dieser heitere, lebensfrohe Bursch war ein stiller, in sich versunkener Mann geworden. Mit eisernem Fleiß versah er seinen Dienst. Das Bleiben in der Hütte war ihm eine Qual; und als die Nächte wärmer wurden, legte er sich, wo der Abend ihn überraschte, unter freiem Himmel schlafen. Lange Stunden saß er oft dem Kreuz in der Röt zu Füßen und starrte die Nägel an, von denen der Föhnsturm Gittlis Schneerosen hinausgeweht hatte in die brausenden Lüfte. Wohin? Wohin?
Zwei weitere Wochen, und es war Almenzeit geworden. Die Niederalmen waren schon mit Jungvieh befahren; nun ging es mit den Milchkühen auf die Hochalmen.
An einem sonnigen Morgen war im Gehöft des Eggebauern Bewegung und Leben. Die freigelassenen Kühe rannten mit gestreckten Schweifen umher und brüllten, aber nicht laut genug, um die kreischende Stimme der Eggebäuerin zu übertönen, die seit Tagen schon das Krankenbett verlassen hatte und wieder in Haus und Hof umherfuhr -- der Bauer pflegte zu sagen: wie der ledige Teufel.
Zwei Knechte standen vor einem Ziehkarren bereit, auf den das Almgerät geladen war. Auch Zenza hatte sich schon zur Bergfahrt gerüstet, Hut und Griesbeil mit Blumen geschmückt.
Der Eggebauer sah brummend umher, bis ihm Zenza zurief: »Was ist denn, Vater, wo bleibt der Hüter? Du wirst doch einen gedingt haben?«
»Wohl! Vor vier Wochen hat sich schon einer angetragen. Nur die Zehrung hat er verlangt, keinen Heller Lohn. Da hab ich ihn freilich genommen. Schau, da kommt er.«
Zenza blickte auf und sah den Kropfenjörgi das Gehöft betreten. Sie lachte zornig hinaus; aber sie sagte kein Wort.
Die Bergfahrer sammelten sich um die Bäuerin, die den Almsegen sprach und Menschen und Vieh mit geweihtem Wasser besprengte.
Dann begann die Almfahrt, mit Lärm und Geschrei, mit Brüllen und Läuten.
Spät am Abend wurde die Sennhütte in der Röt erreicht; am Morgen zogen die Knechte wieder ab, und am folgenden Tag war alles auf der Alm im Geleise.
Mit fahriger Verdrossenheit tat Zenza ihre Arbeit; über ihrem Wesen lag eine fiebernde Unruh, die sich steigerte von Tag zu Tag.
Eines Abends ging Haymo nah bei der Hütte vorüber. Zenza sprang mit brennendem Gesicht zur Tür. »Haymo! Willst du nit ein lützel einkehren?«
»Vergeltsgott, Sennerin! Ich hab keine Zeit.« Er rückte die Kappe und stieg seines Weges weiter.
Erblassend trat sie in die Hütte zurück. Ihre Fäuste ballten sich. »Das war das letzte Wörtl, das ich ihm gegeben hab.«
Der Kropfenjörgi kam; er erschrak, als er Zenzas Gesicht erblickte. »Was hast du, Sennerin?« fragte er. »Bist du letz?«
»Laß mich in Ruh, du Täpp!«
Er setzte sich in den Herdwinkel und starrte sie mit seinen glotzenden Augen an, bis sie ihn aus der Hütte jagte.
Tag um Tag verging, und Zenza wurde immer stiller und verdrossener. Der Kropfenjörgi hatte viel mit der Herde zu schaffen, aber in jeder freien Minute lief er hinter dem Mädel her wie ein Hund hinter seinem Herrn. Mit dem Spürsinn der Eifersucht fand er bald heraus, wo die Ursach ihrer schlimmen Laune zu suchen wäre. Zenzas Augen blickten nie so finster, als wenn Haymo auf seinem Hegergang in die Nähe des Almfeldes kam.
»Sennerin? Hat dir der Jäger was getan?« fragte der Kropfenjörgi zu dutzendmalen.
Zenza hatte immer die gleiche Antwort: »Laß mich in Ruh!«
Eines Abends trat ihr der verschlossene Zorn doch auf die Lippen. Da saßen sie am Herdfeuer. Draußen ging ein Schritt vorüber. Zenzas Augen flammten, und ihre Hände zitterten.
Jörgi schlich aus dem Winkel hervor. »Sennerin?« fragte er mit heiserer Stimme. »Sag mir's! Hat dir der Jäger was getan?«
»Ja. Einen Schimpf hat er mir angetan, an dem ich erstick! Und jetzt laß mich in Ruh und frag nimmer!«