Der Klosterjaeger: Roman aus dem XIV. Jahrhundert

Part 18

Chapter 183,954 wordsPublic domain

»Nein, Dietwald, sage: seine Liebe verdienten, so sehr, daß die Stimme der Natur zum Schweigen kam und sich verwandelte. Es wird lange währen, bis mit diesem Kind von einem neuen Vater zu reden ist. Sie darf, daß sie ein Herrenkind ist, nicht erfahren, bevor sie sich nicht ans Herrenleben gewöhnt hat. Inzwischen, und während du fort bist, will ich forschen. Und wenn auch der Mund, den dieser Tag geöffnet und geschlossen, nicht wieder reden sollte -- _eine_ Fährte wird sich wohl finden lassen, der ich folgen kann. Und gebe Gott, daß ich dir gute Botschaft senden darf.«

»Und dann, dann,« stammelte Desertus, »wenn ich sie auch nicht halten darf in meinen Armen, wie ein Vater sein Kind, so darf ich mich ihrer doch freuen in verschlossenem Herzen, mich erquicken an ihrem sonnigen Dasein, darf bauen helfen an ihrem Glück!«

Es war Nacht geworden; hoch vom Himmel funkelte in die enge Schlucht hernieder ein heller Stern; der Wildbach rauschte, und plätschernd gingen die Wellen im See.

»Dietwald? Wie lang ist es her, daß wir so wie jetzt an dieser Stelle saßen? Damals schien die Sonne.«

»Und es war Nacht in mir. Jetzt liegt die Finsternis um mich gebreitet, und eine Freude geht auf in meinem Herzen, hell wie ein Frühlingstag.« Desertus stürzte auf das Knie. »Herr Heinrich! Mein Falter fliegt.«

»So?« lächelte der Propst. »Mir scheint, er liegt erst recht zu Boden. O du Mensch!« Zärtlich strich er die Hand über den Scheitel des Chorherren.

»Als ich den Bären jagte in meinem Forst, ward mir mein Dirnlein geboren. Als ich den Bären schlug in diesem Wald, ward mein Kind mir neu gegeben. O Wege Gottes!«

»Natürlich! Der liebe Gott muß eigens die Bären erschaffen und von ihnen die Menschen zerreißen lassen, nur damit du seine Wege erkennst! Du Fliege du! Gib acht, daß du dir die Flügel nicht versengst! Nun aber steh auf! Ich höre die Ruder klatschen. Es ist Zeit, daß du reitest und Arbeit findest. Und _wiege_ dich nicht in der Hoffnung! Sie soll dich _beleben_! Du nimmst ein schweres Werk auf dich. Sie haben harte Köpfe, der Papst und seine Kardinäle. Aber schlage dich für deinen Kaiser, als trügest du noch die Rüstung und das Schwert. Und wenn du vor dem Papste stehst, so sei vorerst ein Mann! Vergiß aber auch nicht, daß du ein Priester bist. Und sollte der Papst dich fragen, weshalb sein >getreuer Kaplan< Heinrich von Berchtesgaden der Satzung zuwider die Kirchen offen hält und die Sakramente spendet, derweil der Kaiser im Bann ist, so sag ihm mit meinen ehrfurchtvollsten Grüßen: erstens, weil meine Bauern und Lehensleute die Kirche und die Sakramente _brauchen_ -- zweitens, weil Heinrich von Inzing ein _deutscher_ Kirchenfürst ist, und in ^hoc titulo^ steht das Deutsch _vor_ der Kirche -- und drittens -- da kannst du wieder von vorne anfangen. Jetzt aber komm! Dort warten sie mit dem Schiff.«

Herr Heinrich schritt dem Ufer zu. Desertus eilte in die Klause; als er wieder ins Freie trat, hielt er Gittlis Veilchenkränzlein in den Händen; er drückte einen heißen Kuß auf die welkenden Blüten und barg sie an seiner Brust.

»Wie steht es mit dem Wolfrat?« fragte Herr Heinrich.

»Er liegt in bösem Fieber,« sagte der Knecht, »und Pater Eusebius nähet an ihm, wie der Schneider an einer ledernen Hos. Der arme Teufel hat Löcher, daß man sieben könnt durch seine Haut.«

Sie bestiegen das Schiff. Schnell ging die Fahrt vonstatten. Als sie das Seedorf erreichten, sagte Herr Heinrich: »Fahret morgen zeitig hinüber zu der bösen Stelle und suchet meine Waffen zusammen! Ich weiß nicht, wo sie liegen.«

»Und was soll mit dem Bär geschehen?«

»Streifet ihm die Haut ab. Den Leib soll man mit Steinen in den See versenken. Niemand soll davon essen!«

Einer der Knechte ging mit brennender Fackel voran, als Herr Heinrich und Desertus an der rauschenden Ache entlang die Wanderung durch das nächtige Tal begannen. In allen Hütten waren schon die Fenster dunkel, auch am Haus des Sudmanns, das sie nach einer Stunde erreichten. Pater Desertus blieb in tiefer Bewegung stehen.

»In dieser elenden Hütte lebte mein Kind!«

»Dein Kind?« lächelte Herr Heinrich. »Ach so! Du meinst das Herrenkind, dessen Vater wir finden müssen? Nein, Dietwald, da darfst du die Hütte nicht schelten. In keiner Burg hätte das Mädchen holder an Gemüt und Herz geraten können, als es in dieser Hütte geschah. Zum Dank dafür muß ich morgen Kummer und Schmerz unter dieses Dach tragen. Komm, Dietwald!« Er zog den Widerstrebenden mit sich fort.

Als sie vorübergingen, warf der Fackelschein eine falbe Helle durch das Fenster in die Stube.

Sepha richtete sich auf und lauschte.

»Noch allweil kommt er nit!« seufzte sie und ließ sich wieder zurücksinken.

Neben ihr schlief der Bub; er hatte Mimmidatzis Plätzchen geerbt; immer wieder tastete Sepha zu ihm hinüber, ob er auch zugedeckt wäre. Dann lag sie wieder ruhig und starrte in die Nacht hinein. Draußen rauschte die Ache, und in dem Pfosten der Tür, die zu Gittlis Kammer führte, tickte ein Holzwurm.

Mit jeder verrinnenden Stunde der Nacht wuchs Sephas Angst. Freilich, sie hatte sich so recht von Herzen auch nicht freuen können, als Gittli in die Stube hereingestürmt war mit den Worten: »Seph, Seph, sie haben ihn freilassen müssen, der Haymo hat für ihn gezeugt.« Der schwerste Stein war ihr wohl von der Brust gefallen: ihr Mann war frei. Aber getan hatte er's doch!

Nun lag sie und wachte, warf sich hin und her, wartete und lauschte, setzte sich auf und fiel zurück, weinte in die Hände und drückte die nassen Augen wieder in die Polster. Und die Sorge um ihren Mann wechselte mit dem Kummer um ihr verlorenes Kind.

Ach, solch eine Sorgennacht! Jede Minute wird zur qualvollen Ewigkeit. Jeder Kummer wächst dir ins Riesenhafte, ins Ungemessene. Wohin du in der Finsternis auch blickst, überall siehst du ihn -- das Dunkel hat keine Grenzen, und so weit es reicht, so weit hin stehen die Gespenster deiner Sorgen, eins am andern; sie drängen näher, sie ziehen an dir vorüber, und jedes hält eine Weile still, sieht dich an mit drohenden Glotzaugen und drückt dir die knöcherne Faust auf die Brust, daß dein Atem fast ersticken will. Ach, solch eine Sorgennacht!

Sepha hielt es nimmer aus. Sie sprang auf, kleidete sich an und machte Licht. Mit erhobener Kerze leuchtete sie in Gittlis Kammer. Das Mädchen lag mit offenen Augen -- ein Bild, wie aus Dietwalds Träumen herausgelöst: das weiße Gesicht auf schwarzem Kissen, nein, das sind die gelösten Haare, die um ihre Wangen gebreitet liegen wie schwarze Seide.

»Gelt?« nickte das Weib. »Kannst auch nit schlafen?«

Gittli seufzte: »Wie ein Spinnrädl geht's mir herum im Kopf und laßt mir keine Ruh nimmer.«

»Machst du dir Sorgen um den Polzer?«

Verwundert blickte Gittli zu der Schwäherin auf. »Um ihn? Warum denn? Sie haben ihn doch freigelassen. Ich hab's doch selber gehört und gesehen.«

»Aber er müßt doch lang schon daheim sein.«

»Geh, du! Ich hab dir's doch erzählt, daß er noch was schaffen hat müssen für den Herrn. Er wird halt lang gebraucht haben dazu und hat nimmer heim können vor der Nacht. Wirst sehen, er hat in der Almhütt geschlafen, und in der Früh ist er daheim, noch vor das Glöckl im Sudhaus läutet.«

»Weswegen mußt du dich sorgen, wenn um den Bruder nit?«

Gittli schob die Hände unter den Nacken.

»Aber so red doch!«

»Geh! Tu mich du auch noch plagen!« Sie drehte das Gesicht gegen die Wand.

Sepha stellte das Licht in die Fensternische und ließ sich seufzend auf den Rand des Bettes nieder. Lange schwiegen sie.

Da begann an der Tür der Holzwurm wieder zu pochen.

»Hörst du ihn klopfen?« flüsterte Sepha, während ein Frösteln über ihre Schultern lief. »Das erstemal hab ich ihn gehört in der Nacht, in der über mein Kind der Krank gekommen ist. Jetzt weiß ich, was der Würbel[26] selbigsmal hat sagen wollen!« Sie schlug die Hände vor das Gesicht.

Gittli richtete sich auf, legte den Arm um Sephas Schultern und tröstete sie mit herzlicher Rede. Sie hatte sich Wort um Wort alles gemerkt, was Herr Heinrich mit ihr von dem Kinde gesprochen. Als Sepha endlich ruhiger wurde, begannen sie von Mimmidatzi zu plaudern. Sie erinnerten sich an jeden heiteren Zug des Kindes, an jedes verstümmelte Wort, das der kleine Mund geplappert, an jede drollige Gebärde. Und Gittli verstand es so gut, die Weise des Kindes nachzuahmen, daß zuweilen sogar ein schüchternes Lächeln über Sephas Lippen huschte. Darüber verging ihnen Stunde um Stunde, so daß sie kaum merkten, wie draußen der Tag zu grauen begann. Sie wurden es erst gewahr, als das niedergebrannte Talglicht mit hoher Flamme zu lodern begann.

»Schau, Seph, es taget schon!« sagte Gittli. »Geh, tu dich noch für ein Stündl hinstrecken. Ich mein' doch, du tätst die Ruh brauchen.«

[Fußnote 26: Der Totenwurm.]

Sepha löschte das qualmende Licht. »Jetzt muß er bald kommen!« seufzte sie und wollte die Kammer verlassen. Noch einmal kam sie zurück. »Du, Gittli, sag, was ist das eigentlich mit dem Schatz?«

»Mit was für einem Schatz?«

»Der Polzer hat mir gesagt, du tätst einen Schatz wissen, der zu heben wär, und du hättest den Schlüssel dazu?«

Gittli schüttelte den Kopf zu dieser unverständlichen Sache.

Durch das Fenster klang von der Straße her der ferne Hufschlag mehrerer Pferde. An der Achenbrücke zogen sie vorüber und lenkten auf den Weg ein, der zur Grenzwarte des Klosterlandes, zum festen Hallturm führte, und von dort hinunter in das Reichenhaller Tal, hinaus in das ebene Land. Zwei gewaffnete Knechte zu Pferd, jeder ein beladenes Saumpferd führend. Ihnen voran ritt Desertus auf einem Eisenschimmel, dessen violette Schabracke, fast auf der Erde schleifend, in jedem Zipfel das Wappen des Klosters zeigte. Desertus trug nicht mehr die weiße Kutte, sondern das festliche Kleid des Chorherren: das Pelzbarett, den mit Otterfell verbrämten Mantel, und darunter den seidenen Talar, der, für den Ritt berechnet, bis zum Gürtel geschlitzt war. Es klirrte bei jedem Tritt des Rosses. Über dem Talar trug Pater Desertus den Harnisch und das Schwert.

Ein Lächeln spielte um seinen Mund, und träumend blickten seine Augen in den erwachenden Tag.

22.

Herr Heinrich kehrte von einem schweren Gang in das Kloster zurück. Welch eine Stunde des Jammers hatte er im Hause des Sudmanns erlebt! Mit zögernder Vorsicht hatte er dem armen Weibe den bitteren Trank gereicht -- und doch, als Sepha das volle Unglück erkannte, stürzte sie bewußtlos nieder, wie von einem fallenden Balken auf die Stirn getroffen. Dazu das Mädchen in seinem ratlosen Kummer und das kleine Bürschl, das sich schreiend an die Mutter klammerte!

Was sollte nun weiter werden? Sepha war krank, ernstlich krank. Das hatte Herr Heinrich von ihren Wangen und Augen abgelesen. Hier war Hilfe nötig wie Feuer im Winter.

Als der Propst das Stift erreichte, ließ er die Oberin der frommen Schwestern rufen, die in einem freundlichen Kloster auf dem Nonnberg hausten. Er hatte mit ihr eine lange Unterredung, die, wie Herr Schluttemann mit Kopfschütteln bemerkte, hinter verschlossener Tür geführt wurde. Der Vogt war an diesem Morgen merkwürdig still; Frau Cäcilia hatte ihn zwar nicht sanfter behandelt als sonst; im Gegenteil, sie hatte in einer einzigen Stunde ausgegeben, was sie als gute Hausfrau während dieser Tage der Trennung zusammengespart hatte an spitzigen Dolchblicken und bitterscharfen Worten. In Herrn Schluttemann aber hatte die Predigt des Propstes nachgewirkt. Dazu reifte unter seiner gefurchten Stirne ein verwogner Plan. Mit rollenden Augen und gesträubtem Schnauzbart, die Arme verschränkt, wanderte er in seiner Amtsstube rings um den Tisch. Die Sache mußte wohl überlegt werden, denn sie konnte auch ein schiefes Ende nehmen.

Endlich war er mit sich im reinen. Er ließ einen Schreiber kommen und befahl ihm, den Gänsekiel fein säuberlich zu spitzen und aus dem Pergamentkasten das schönste Blatt hervorzusuchen. Als nun der Schreiber zum Werk bereit war, stellte sich Herr Schluttemann in kühner Haltung vor den Tisch und begann zu diktieren: »Urteil -- in Sachen der zänkischen Hausfrau --« Er unterbrach den hohen Ton und sagte: »Den Platz für den Namen laß nur einstweilen frei, den Namen wird Herr Heinrich einzeichnen, wenn er das Urteil unterschreibt.« Wieder diktierte er: »^In nomine Reverendissimi et Celsissimi Principis Praepositi Henrici^ von Berchtesgaden wird anmit zu Rechtes Kraft gesprochen: weil genannte Hausfrau das Pagen und Keifen gegen den ihr von Gott zum Herrn gesetzten Ehegatten gar nicht lassen will, so soll ihr der Fronbot den Pagstein um den Hals hängen und soll sie an hohem Feiertag nach der Messe eine ganze Stund durch die Gassen führen, im Wiederholungsfall aber zwei Stund, und so immer deß mehr um eine ganze Stund.«

Herr Schluttemann schnaufte. Er diktierte noch die übliche Schlußformel des Urteils, dann fiel er erschöpft in den Lehnstuhl.

Als nun Herr Heinrich die Oberin durch die Vogtstube zur Treppe geleitet hatte und zurückkam, wurde ihm das Urteil zur Unterschrift vorgelegt. Er zeichnete den Namen der Frau ^Caeciliae Schluttemanae^ in die Lücke ein und unterschrieb. Herr Schluttemann warf sich stolz in die Brust; der Propst aber lächelte, als er sagte: »Das wird Eurer Hausfrau einen gehörigen Schreck einjagen! Ich hoffe, Ihr werdet Ruhe haben für lange Zeit!«

Eine Stunde später traf die Oberin mit zwei dienenden Schwestern im Haus des Sudmanns ein. Sepha sollte, um gute Pflege zu genießen, in das Kloster auf dem Nonnberg verbracht werden. Stumpf und willenlos ließ das kranke, von Kummer gebrochene Weib alles mit sich geschehen, ohne Frage, ohne ein Wort. Gittli war ein Bild der Verzweiflung und Sorge. Was sollte mit Lippele geschehen? Der dürfe bei der Mutter bleiben. Und mit den beiden Ziegen, mit den Hennen? Und wer würde die Bienenstöcke und das Haus bewachen, den Garten mähen und den Klee schneiden? Sie selbst müsse doch ihre Zeit jetzt teilen: einen Tag bei der Schwäherin, den andern beim Bruder! Es hieß, sie möge sich beruhigen, Herr Heinrich hätte für alles gesorgt.

Auf einer Bahre wurde Sepha zum Nonnenkloster getragen und in einer kleinen freundlichen Stube untergebracht. Lippele versöhnte sich rasch mit seinem neuen Aufenthalt, da er den großen, sorgsam gepflegten Garten gewahrte, den eine hohe Mauer umzog. Als Sepha versorgt war und nach dem Buben fragte, war er schon verschwunden. Nach langem Suchen wurde er im Garten gefunden; er hockte am Ufer eines kleinen Teiches und warf Steinchen nach den erschrocken hin und her schießenden Forellen.

Auf Gittli wartete im Zimmer der Oberin eine seltsame Überraschung. Sie solle gleich zu Herrn Heinrich kommen, hieß es; aber bevor sie ginge, solle sie die neuen Kleider anziehen, die der Herr Propst ihr geschenkt hätte.

»Aber schauet doch her, Frau Mutter,« lispelte das Mädchen, »ich hab doch eh schon mein gutes Häs an. Ich brauch kein neues.«

Weder durch freundliches Zureden, noch durch ernste Worte war sie zu bewegen, die schönen Kleider anzulegen. Sie schüttelte immer den Kopf, wehrte mit den Händen, und Zähre um Zähre perlte aus ihren angstvollen Augen.

Auch zu Herrn Heinrich, zu dem die Oberin sie begleitete, ging sie nicht gern; sie wäre lieber bei der Schwäherin geblieben.

Als sie dann im Zimmer des Propstes stand, hob sie keinen Blick vom Boden und zitterte, als stünde sie fröstelnd im Schnee. Herr Heinrich faßte sie bei der Hand, zog sie an seine Seite und redete zu ihr mit herzlich tröstenden Worten. Es wäre freilich ein schweres Unglück, das über den Wolfrat und die Seph gekommen. Aber man dürfe die Hoffnung nicht verlieren; die Seph würde ganz gewiß in guter Pflege wieder genesen. Aber was sollte inzwischen mit ihr selbst geschehen? Sie könnte doch nicht allein im Lehen bleiben. Im Kloster auf dem Nonnberg wäre kein Platz mehr, und in der Bartholomäer Klause wäre ihr nach kirchlicher Satzung der Eintritt verboten.

»Und sieh, mein Kind, da hab ich nun dem Wolfrat in seiner Not gelobt, daß ich sorgen will für seine Leute. Für die Seph hab ich's ja schon getan.«

Ein dankbarer Blick traf ihn aus Gittlis Augen.

»Jetzt muß ich aber auch an dich denken. Und schau, da wüßt ich einen guten Platz für dich in Salzburg bei den Domfrauen.«

Gittli erbleichte vor Schreck.

»Nun, was meinst du?«

»Ich bitt schön, Herr,« stammelte sie mit versagender Stimme, »lasset mich hier bleiben! Ich müßt sterben vor Angst, wenn ich nit alle Tag hören tät, wie's der Schwährin und dem Bruder geht.«

»Das wirst du hören, jawohl. Es gehen viele Salzkarren vom Sudhaus weg nach Salzburg. Da schick ich dir täglich eine Botschaft, ich versprech es dir.«

»Ich bitt, Herr, bitt, lasset mich bleiben! Und wenn ich schon kein Heimatl mehr haben soll, schauet, ich tät mich gern eindingen bei einem Bauern. Meine Händ und Arm sind freilich ein lützel mager, aber ich kann deswegen doch schaffen wie eine richtige Dirn.«

»So? Und was möchte dein Bruder dazu sagen? Er ist kein Höriger, sondern ein freier Mann. Soll er sich jetzt in seiner Not noch kümmern, wenn seine Schwester dienen muß?«

»Schaffen ist keine Schand, Herr! Er hat doch auch geschafft seiner Lebtag.« Und da kam ihr plötzlich ein Gedanke, den sie in sprudelnden Worten hervorstürzte: »Herr! Aufs Almen tät ich mich auch verstehen, vielleicht nimmt mich der Eggebauer auf seine Alm in die Röt hinauf.«

»In die Röt hinauf?« wiederholte Herr Heinrich mit wehmütigem Lächeln. »Nein, mein Kind, das ist zu harte Arbeit für dich. Und sieh, ich hab nun einmal deinem Bruder versprochen, daß ich für dich sorgen will. Oder willst du mich zum Lügner machen? Hab ich dir so viel Böses getan, daß du mir nicht vertrauen kannst?«

Gittli verstummte in ratloser Qual.

»Gelt nein? Und sieh, wenn ich sorge für dich, will ich es so tun, daß es dir zum guten ausfällt, zu deinem Glück! Ich bin dir zu Dank verpflichtet. Du hast für meinen Jäger so viel getan --«

Da schlug sie die Hände vors Gesicht und brach in Schluchzen aus.

Die Oberin wollte das Mädchen beruhigen. Herr Heinrich aber sagte: »Lasset das Kind nur, es soll sich ausweinen!«

Die Stille beängstigte Gittli; sie hörte zu schluchzen auf und ließ die Hände in den Schoß sinken.

»Schau, Gittli, wer Gutes getan hat, muß sich auch den Dank gefallen lassen. Wenn du dich wehrst dagegen, müßte der Haymo glauben, daß dich wieder reut, was du für ihn getan hast.«

Mit zuckenden Lippen und nassen Augen blickte sie zu Herrn Heinrich auf.

»Gelt ja? Und nun wirst du mir auch folgen in allem?«

»Wenn es sein muß,« lispelte sie, »in Gottesnam!«

»So ist's recht, mein Dirnlein! Und jetzt sei tapfer, du gehst einer freundlichen Zeit entgegen. Wenn ich dich einmal besuche, wirst du lachend auf mich zukommen. Und jetzt sträube dich nimmer und laß dir auch die Kleider anlegen, die ich dir geschenkt habe!«

Verloren vor sich hinstarrend, nickte sie zu allem, was Herr Heinrich sagte. Sie fand auch kein Wort, als er ihr glückliche Reise wünschte, und ließ sich zur Tür hinausziehen, ohne recht zu wissen, daß es geschah.

Auf der Straße sagte die Oberin: »Warte hier ein Weilchen, ich habe Herrn Heinrich noch was zu fragen.«

Gittli stand allein; die Knie zitterten ihr, daß sie sich kaum aufrecht zu halten vermochte; sie mußte sich auf den Eckstein neben der Tür niederlassen. Da spürte sie einen Puff an der Schulter. Erschrocken blickte sie auf. Walti stand vor ihr.

Mit beiden Händen faßte sie ihn an der Brust. »Walti! Sag mir! Wo ist der Haymo?«

»Drin liegt er im Kloster. Es geht ihm wieder schlechter seit gestern. Was sagst du, was das für eine Sach mit dem Bär gewesen ist! Ganz schütteln tut's mich vor Grausen, wenn ich dran denk.«

»Walti! Schau, ich tu dich bitten, führ mich nur grad zu ihm!«

»Zum Haymo? Bist du denn närrisch? Ins Kloster darf doch keine Dirn hinein.«

»Ich muß, ich muß zu ihm!«

Walti zog die Brauen in die Höhe und schob das Käppl in die Stirn. Das tat er immer, wenn er schwer zu denken hatte. Dann guckte er sich forschend um und flüsterte: »Seine Stub geht in den Garten hinaus, und das Fenster ist gar nit hoch. Aber -- kannst du denn über die Mauer kraxeln?«

»Wenn sie so hoch wär wie der Wazmann und seine Kinder,« stammelte sie, »ich müßt hinüber!«

»So komm!«

Sie huschten um die Ecke und schlüpften durch das Gebüsch zur Klostermauer. Zwischen wirrem Gezweig kletterte Walti in die Höhe, setzte sich rittlings auf die Zinne der Mauer und half dem Mädchen mit beiden Händen empor. Von oben sprangen sie in den Garten hinunter. Walti spähte durch das offene Fenster. »Er ist allein!« tuschelte er, schwang sich auf die Fensterbrüstung und zog das Mädchen nach.

Es war eine kleine weiße Zelle, in welcher Haymo auf einem mit Wildschuren überdeckten Lager ruhte.

Als der Jäger das Mädchen erblickte, hob er sich erschrocken auf und starrte Gittli an, als könnte er seinen Augen nicht trauen.

»Ich geh an die Tür und paß auf, ob keiner kommt.« Walti huschte zur Zelle hinaus.

Als Gittlis Augen dem Blick des Jägers begegneten, war es wieder zu Ende mit ihrem Mut. Zitternd strich sie mit der Hand über ihre Stirn. Weshalb war sie nur eigentlich hieher gekommen?

»Gittli? Bist du's wirklich?« stotterte Haymo. »Sag mir doch um Herrgotts willen, was ist dir denn eingefallen? Hast ja den Klosterbann gebrochen! Schau, in mir drin ist alles völlig kalt vor lauter Angst. Wenn einer käm und tät dich finden, sie täten dich ausweisen aus dem Klosterland.«

»Ich muß eh fort!« lispelte sie mit gesenkten Augen.

Haymo schwieg und seufzte.

»Weißt du's vielleicht schon?« fragte sie und blickte zögernd auf.

Er nickte. »Vor einer Weil ist Herr Heinrich dagewesen und hat mir's gesagt.«

Rasch trat sie auf Haymos Lager zu. Ihre Hände ballten sich, ihre Lippen wurden schmal, und ein funkelnder Blick erwachte in ihren Augen. »Ich will aber nit fort. Weil -- weil ich bleiben möcht, Haymo! Bleiben!«

Seine Hände zitterten; er wagte nicht aufzuschauen.

Sie beugte sich flüsternd zu seinem Ohr. »Was meinst du? Wenn ich davonlaufen tät, jetzt gleich, und tät mich verstecken, daß mich keiner mehr findet? Und dir allein tät ich sagen, wo ich bin!«

Da griff er nach ihren Händen und stammelte ihren Namen. Dann wieder schüttelte er den Kopf und atmete schwer. »Sie täten dich allweil finden. Und -- Herr Heinrich hat gesagt, daß es dein Glück sein wird. Dein Glück! Da tät ich mir lieber die Zung abbeißen, als daß ich eine Widerred dagegen hätt. Gar jetzt, wo ich durch meine Unsinnigkeit das Unglück über deinen Bruder gebracht hab!«

»Du? Über ihn?« flog es bebend aus ihr heraus. »Es ist halt gekommen, wie es kommen hat müssen. Wenn ich du gewesen wär, ich hätt das arme Hundl auch nit im Stich gelassen. Und wenn ich der Wolfrat gewesen wär, ich hätt auch zugegriffen und den Bär an der Drossel gepackt, wenn er mich gleich zerrissen hätt.«

Haymos Augen blitzten, als das Mädchen so vor ihm stand: mit funkelndem Blick, die Fäuste vorgestreckt, die Lippen halb offen, daß man die übereinandergepreßten Zähne sah. »Gittli!« stammelte er, und ein Wort, das heiß empordrängte aus seinem Herzen, kämpfte gegen den erlöschenden Willen, der es unterdrücken wollte. Da stürzte Walti in die Stube. »Dirn! Mach, daß du weiterkommst! Der Frater Küchenmeister hatschet den Gang herauf, gleich wird er da sein!«

Haymo erblaßte. »Gittli! Fort! Fort! Fort!« Mit beiden Händen drängte er sie vom Lager weg.

Bleich und zitternd stand das Mädchen, nach Atem und Worten ringend. »Ja. Ich geh schon. Aber sag mir, Haymo -- oder ich kann nit gehen -- bist du mir noch allweil harb?«

»Ich? Harb sein? Dir?« stammelte er. »Wie kannst du denn so was denken?«

Da lachte sie in Tränen, und von dem Buben fortgerissen, schwang sie sich auf die Fensterbrüstung. »Behüt dich Gott, Haymo!« Er streckte die Arme nach ihr, sie zögerte. Aber Walti versetzte ihr einen Puff, daß sie springen mußte. Draußen klang noch die zischelnde Stimme des Buben, ein Rascheln im Gebüsch. Und alles war still.

Haymos Augen hingen am leeren Fenster. »Jetzt seh ich sie nimmer. Nimmer!« Er fiel zurück und schlug die Arme über das Gesicht.