Der Klosterjaeger: Roman aus dem XIV. Jahrhundert
Part 13
Jetzt lächelte Gittli. »Da seid nur ganz ruhig, Herr Heinrich, ich will schon hineinstopfen in ihn, was Zeug hat!«
Frater Severin kam bereits mit der Schüssel. »Nimm, Dirnlein, nimm!« flüsterte er und zwinkerte mit freundlichen Augen. »Die besten Bröcklen hab ich für ihn gefischt.«
»Vergeltsgott!« sagte sie, nahm die Schüssel und ging mit achtsamen Schritten davon, die Augen starr auf die Suppe gerichtet, um nur ja keinen Tropfen zu verschütten.
Herr Heinrich blickte ihr lächelnd nach. »Warum? Warum? Du alte, ewig menschliche Frage! Wärst du doch in jeder Brust so leicht zu geschweigen, wie in dem Herzen dieses Kindes!«
Als er die Herrenstube betreten wollte, fühlte er einen Kuß auf seiner Hand. Frater Severin stand vor ihm mit brennender Nase.
»Wie, Bruder? Auch du gerührt? ^Mens agitat molem^?« lachte Herr Heinrich. »Aber es hilft dir nichts! Der Bauch muß weg.«
»Herr Heinrich!« schmollte der Frater und zeigte eine gekränkte Miene. »Wenn Ihr meinet, daß ich es deshalb tat, dann --« Er streckte den Bauch heraus und trommelte mit beiden Händen drauf. »Dann nehmet nur gleich ein Messer und schneidet zu! Ich will stillhalten!«
»Bruder! Bruder!« drohte Herr Heinrich. »Wenn ich dich beim Wort nähme? Doch sei beruhigt, ich tu's nicht. Es ginge dir ans Leben. Und wer brächte mir dann die Suppe? Denn mich hungert, Bruder!«
Frater Severin rannte, daß die Kutte flog.
Inzwischen hatte Gittli die Jägerhütte erreicht, in welcher Walti plaudernd bei Haymo saß. »Da schau,« sagte sie, »was ich da jetzt bring!«
Haymo richtete sich auf. »Gittli!« Hätte er tausend Worte gesprochen, er hätte mehr nicht sagen können, als was der Klang dieses Namens verriet und was der leuchtende Blick seiner Augen sprach.
»Du! Jetzt tu nit reden!« drohte sie. »Jetzt mußt du essen! Und alles! Bis auf das letzte Bröserl!« Sie setzte sich auf den Rand des Lagers und zog das Knie herauf, um eine Stütze für die Schüssel zu haben. Er begann zu essen, und bei jedem Löffel, den er nahm, sah er zu ihren Augen auf; und immer wieder nickte sie ihm zu und lächelte: »Gelt, das schmeckt?«
Walti steckte die schnuppernde Nase in den Suppendampf. »Kruzi, Kruzi, wenn ich allweil solche Sachen kriegen tät, da ließ ich mir auch eins auf den Buckel stechen von so einem schlechten Kerl!« Er griff mit beiden Händen zu, denn die Schüssel wackelte bedenklich zwischen Gittlis Händen. »Was machst du denn? So halt doch fest!« Und zu Haymo sich wendend, fragte er: »Sag, Jäger, du mußt aber doch wissen, was es für einer war?«
Haymo schüttelte den Kopf. »Sein Gesicht war angerußt.«
Tief atmete Gittli auf; dann sagte sie zu Walti: »Geh, tu den Becher spülen! Jetzt muß er den Wein kriegen!«
Der Bub nahm den Becher vom Tisch und rannte hinaus.
»Haymo,« stammelte Gittli mit raschen, leisen Worten, »gelt, wenn sie dich ausfragen, nachher sag's nit, daß es beim Kreuz geschehen ist!«
»Warum nit?«
Sie senkte den Kopf. »Weil ich dich bitten tu!«
Er nickte vor sich hin. »Ich weiß schon, wie du's meinst! Gelt, weil sie Gottesleut sind? Und müßten sich kränken, wenn sie hören täten, daß ihr Herrgott so was hat geschehen lassen.« Ein bitteres Lächeln zuckte um seinen Mund. »Zu mir hat er reden mögen! Warum denn hat er nit auch zum anderen sagen können: tu's nit, tu's nit?«
Gittli hing an ihm mit angstvollen Augen; sie verstand den Sinn seiner Worte nicht. »Haymo --«
Sie konnte nicht weitersprechen, denn Walti kam zurück. Mit zitternder Hand reichte sie dem Jäger den gefüllten Becher, den er dürstend leerte, mit dem Becher zugleich ihre Hand gefangen haltend. Als er dann aufblickte zu ihr mit glänzenden Augen, flüsterte er: »Nein, Gittli, nein, ich darf nimmer fragen: warum? Ich weiß schon, warum er's hat geschehen lassen. Ich weiß es!« Er zog ihre Hand mit dem Becher an seine Brust.
Sie ließ ihn gewähren und stand, als wüßte sie nicht, wie ihr geschähe. Und da er ihre Hand nun freigab, blickte sie auf, wie erwachend, nahm wortlos die Schüssel und ging zur Türe.
»Gittli!« rief er ihr leise nach. »Kommst du bald wieder?«
»Wohl, Haymo!« lispelte sie und verließ die Hütte.
»Hohohoho!« lachte Walti auf, klemmte die Hände zwischen die Knie und schüttelte vor Vergnügen die Schultern.
»Was hast du denn, dummer Bub?«
»Ich weiß auch was! Hohohoho! Ich weiß auch was!« Kichernd steckte Walti den Kopf in den Winkel zwischen Bett und Bank.
Draußen vor der Hütte stand Gittli, fuhr mit dem Rücken der freien Hand über ihre heißen Wangen und stammelte: »Was weiß er denn? Was kann er denn wissen?« Zögernd ging sie der Herrenhütte zu.
Einer der Knechte kam ihr entgegen; er hätte ihr eine Botschaft auszurichten. Ihr Bruder, der Sudmann, wäre in der Nacht zu den Almen gekommen und hätte gejammert, daß seine Schwester seit zwei Tagen abginge, und daß kein Mensch wüßte, wohin sie gekommen wäre. Als ihm die Knechte erzählten, daß seine Schwester den Jäger todwund gefunden und in der Hütte gepflegt hätte, bis die Herrenleute kamen, da hätte er sich vor Staunen kaum fassen können; jedes Wort, das er gesprochen, wäre ein Lob für seine Schwester gewesen; und sie sollte nur ja in der Hütte bleiben, solang die Herrenleute sie nötig hätten; er selbst wäre gern noch zu ihr hinaufgestiegen in die Röt; aber da er nun wüßte, daß sie wohlauf und sicher geborgen wäre -- hätte er gesagt -- so wollte er lieber wieder heimlaufen, um die Schicht im Sudhaus nicht zu versäumen. Er täte die Schwester recht schön grüßen lassen.
Mit Bangen und Zittern hörte Gittli diese Botschaft an, die sie nicht zu verstehen vermochte. Wie wäre es ihrem kindlichen Sinn auch beigefallen, daß Wolfrat diesen Gang zur Alm, wo er die Knechte zu finden hoffte, nur getan hatte, um einen drohenden Verdacht von sich abzuwenden. Wenn er die Schwester hatte gehen lassen, ohne sich weiter um ihr Verbleiben zu kümmern, dann mußte er wissen, weshalb sie gegangen war, wissen, wo und weshalb sie blieb.
Als Gittli die Herrenhütte betrat, kam sie gerade recht, um Herrn Schluttemanns Auferstehung mitzufeiern. Sein Kopf erschien über dem Rand des Heubodens. Wo aber hatte er das Gesicht gelassen, das er sonst an jedem Morgen zu zeigen pflegte? Jenes zornbrennende Gesicht mit den finster gerunzelten Brauen, den rollenden Augen und dem gesträubten Schnauzer? Er schien sich verwandelt zu haben in diesem langen Schlaf. Sanft hing ihm der Schnauzbart über den Mund, lustig blitzten seine Augen, und mit einem Gesichte, lachend bis zu den Ohren, stieg er über die Sprossen nieder, Frater Severin meinte: wie der strahlende Erzengel Gabriel herunterkommt über die Himmelsleiter.
Auf der Erde angelangt, streckte und dehnte sich der Vogt, rieb vergnügt die Hände, schüttelte die Heufäden von seinem Wams, schlug den Frater mit der flachen Hand auf die breite Schattenseite, daß die ganze Kutte wackelte, kneipte Gittli in die Wange und trat mit fröhlichem Gesicht in die Herrenstube. Und während nun Stunde um Stunde verging, hörte man seine lachende Stimme an allen Ecken und Enden, bald im Herrenhaus und bald in der Jägerhütte. Hier wurde er freilich von Herrn Heinrich ausgetrieben, um Haymo einen ruhigen, stärkenden Schlaf zu sichern.
Einige Stunden nach Mittag versiegte der Regen, die Wolken klüfteten sich, und die Sonne warf, ehe sie hinter die Berge sank, noch einen goldigen Schein über die beiden Hütten.
Herr Heinrich nahm die Armbrust hinter den Rücken und stieg zum Kreuzwald empor; der Vogt machte sich mit den Knechten auf die Suche, und Desertus wanderte einer nahen Felshöhe zu; dort sah ihn Gittli auf einem Steinblock sitzen, bis der Abend dämmerte. Haymo schlief, und Gittli weilte mit Frater Severin und Walti auf der Bank vor der Hütte, mit halbem Ohr nur hörend, was die beiden plauderten; in Sorg und Unruh glitten ihre Blicke immer wieder hinüber nach dem Steintal; die bitterste Angst war aber doch von ihr genommen. Sie hatte jetzt einen Schutzengel, der droben im Himmel sorgte für sie, für den Wolfrat und die Seph. Und was der Bruder auch gesündigt -- sie hatte es doch ein lützel wieder gut gemacht.
Der erste, der zurückkam, war Herr Schluttemann. Er hatte nichts gefunden, rein gar nichts! Der Regen hatte Haymos blutige Fährte und die Schweißspur des verschleppten Steinbocks ausgelöscht. Ja, der Schutzengel!
Bei Anbruch der Nacht kam der Propst mit Pater Desertus zurück. Herr Heinrich hatte eine Fehlpirsch auf den Auerhahn getan. Beim Niederstieg hatte er einen Luchs aufgegangen und dem fliehenden Raubtier einen Bolzen nachgeschickt. Nun sollten zwei der Knechte während der Nacht hinuntersteigen zum Kloster, um die beiden Schweißhunde zu holen: die Hel und den Weckauf. Einem der Knechte befahl Herr Heinrich, im Hause des Sudmanns vorzusprechen, um für Gittli mitzubringen, was sie nötig hätte an Gewand und Wäsche. Bald nachdem der Abendimbiß genommen war, wurde es still in den beiden Hütten; Gittli und Walti wachten bei Haymo; Herr Heinrich, der vor Tag wieder auf den Beinen sein wollte, hatte sich zur Ruhe begeben, und Desertus mußte seinem Beispiel folgen. In der Küche saßen Herr Schluttemann und Frater Severin am Herd. Als der Vogt meinte, daß Herr Heinrich schon in Schlaf gesunken wäre, verließ er die Hütte und holte das zweite >Pärchen< aus dem Versteck. Schwer seufzend wandte Frater Severin sich ab, als Herr Schluttemann die eine der beiden Steinflaschen zwischen die Knie nahm, um mit hochwichtiger Sorgfalt den mit Wachs verklebten Pfropf zu lösen. Einen langen, langen Zug tat der Vogt, dann reichte er die Flasche dem Bruder. »Tauchet an, Frater!«
Ein stummes Kopfschütteln war die Antwort.
Herr Schluttemann erschrak. »Bruder? Seid Ihr krank?«
»Nein. Aber ich will nit trinken. Heut treib ich keine Heimlichkeit. Herr Heinrich war so gut zu mir.«
»Tatata! Das ist eine Ausred! Wer nicht trinken will, hat entweder ein böses Stück getan oder will's begehen. Zeiget, daß Ihr ein unschuldig Herz habt! Schluck, schluck!«
»Ich hab keinen Durst!« sagte Frater Severin und seufzte tief.
»Tatata! Durst? Durst? In unserer unschuldigen Zeit trinken nur zu viel ohne Durst. Und billig! Man trinkt für den zukünftigen. Kauft in der Not, so sagen die Quacksalber, dann habt ihr's im Tod!«
»Jetzt hab ich's einmal gesagt,« seufzte Frater Severin, »ich trink nit!«
»Tatata!« Herr Schluttemann faßte des Fraters Kutte und zog ihn zu sich nieder. »Kommt her, Frater, setzet Euch zu mir, ich will Euch ein Liedl singen, das soll Euch ins Gewissen reden!« Er schlang seinen Arm um den des Fraters, schwenkte die Flasche und sang mit leiser Stimme:
»Wohlauf, lieb Bruder und Gespiel, ^Quem sitis vexat plurima,^ Ich weiß ein Wirt im Tale kühl, ^Qui vina habet aurea!^
Er zapfet fleißig uns den Wein ^De dolio in cantharum!^ Drum wollen wir auch fröhlich sein ^Ad noctis usque terminum!^
Wer greinen oder murren will, ^Ut canes decet rabidos,^ Der mag wohl bleiben aus dem Spiel, ^Ad porcos eat sordidos!^«
Schon die zweite Strophe hatte Frater Severin mit wiegendem Kopfe mitgesummt; und jetzt ergriff er die Flasche und sog und schluckte, aber schon gehörig! Dann freilich, als er absetzte, machte er ein kummervolles Gesicht. »Jetzt hab ich halt doch getrunken! O Mensch, Mensch! Was bist du für ein Hafen voll teuflischer Suppe! Pfui!« Mißbilligend schüttelte er den Kopf, setzte die Flasche an und trank. »Jetzt geht's schon in einem hin!«
Ein paar feuchte Stunden verrannen den beiden, bis sie es zuwege brachten, daß die Flaschen einen trockenen Boden bekamen. Als Herr Schluttemann sich erhob, merkte er, daß er nicht mehr völlig Meister seiner Beine war -- er merkte es, als er mit der Nase schon auf der Erde lag.
»^En jacet in trexis!^« jammerte Frater Severin. »Sehet Ihr, Herr Vogt, sehet Ihr! Das ist Gottes Strafe, weil Ihr meine Seel in des Teufels Schlinge getrieben habt.«
Herr Schluttemann krabbelte sich mühsam an des Fraters Kutte in die Höhe. »Glaubet mir, Frater, das ist seiner Lebtag kein guter Fuhrmann, der nicht auch einmal umwerfen kann!« Die Zunge wurde ihm schwer. »Und Ihr wisset doch, wie der gelehrte Philosoph sagt:
Wirft uns der Wein schon nieder, Gehn wir morgen doch zu ihm wieder.«
Frater Severin hielt die Leiter, und Herr Schluttemann tappte über die Sprossen hinauf ins Heu.
16.
Dem trüben Regentag folgte ein frischer, frühlingsduftiger Morgen. Jeder Rasenfleck auf den steilen Gehängen und alle Almen hatten über Nacht einen lichtgrünen Schimmer bekommen. Es war Lenz geworden auf den Bergen; er hauchte aus den lauen Lüften, blickte nieder aus dem tiefen Blau des Himmels, stieg aus der Erde mit würzigem Odem und wehte in den Düften, die der bergwärtsziehende Wind emportrug aus den Tälern, in denen die ersten Blumen sich schon erschlossen hatten.
Als die warme Sonne auf allem Grunde rings um die Jägerhütte lag, durfte Haymo das Lager verlassen. Frater Severin und Gittli führten ihn zur Bank vor der Tür; doch hätte der Jäger kaum einer Stütze bedurft, so kräftig war sein Schritt; er wäre am liebsten vor Tag schon aufgestanden, um mit Herrn Heinrich auszuziehen zum Hahnfalz.
Da saßen sie nun zu dreien. Frater Severin erzählte Schnaken und Schnurren, Haymo schaute mit nimmermüden Augen über Berg und Wälder aus, Gittlis Hand in der seinen haltend. Schweigend saß sie an seiner Seite, die Augen gesenkt, mit der freien Hand an einem Zipfel ihrer Jacke nestelnd. Ihr war zu Mut, sie wußte nicht wie. Überall, meinte sie, wäre ihr wohler als hier auf dieser Bank. Nun tat sie einen stockenden Atemzug, stand auf und löste ihre Hand.
»Gittli? Was hast du?« fragte Haymo.
»Schaffen muß ich!« sagte sie und schlich davon. Als sie die Küche der Herrenhütte erreichte, drückte sie die beiden Hände auf die Brust. »Was hab ich denn, was hab ich denn nur?« Wie konnte sie so fragen? Was ihr das Herz bedrückte und beängstigend umklammerte, daß ihr fast der Atem versagen wollte -- was sonst denn konnte es sein als die Sorge um den Bruder und die Schwäherin? War doch Herr Schluttemann im Morgengrau mit Walti und zwei Knechten wieder auf die Suche gezogen. Auch Pater Desertus hatte sich ihnen angeschlossen, als wäre ihm das Bleiben bei den Hütten unerträglich. Und der mit seinen unheimlichen Messeraugen, meinte Gittli, würde gewiß etwas finden.
»O du gutes Engerl droben, jetzt halt aber fest!«
Mit diesem Stoßseufzer machte Gittli sich an die Arbeit. Immer wieder mußte sie Zähren aus den Augen wischen, und ein um das andere Mal schlich sie zum Fenster, um verstohlen hinüberzuspähen, ob Haymo noch auf der Bank säße -- nein, um auszuschauen, ob nicht der Vogt mit seinen Knechten schon zurückkäme.
Da hallte aus dem Steintal herauf der langgezogene Jauchzer einer Mädchenstimme. Gittli sprang zur Tür und legte die Hand über die Augen, um in der grellen Sonne besser sehen zu können. Von weitem erkannte sie die Tochter des Eggebauern.
»Was will denn die daheroben?«
Gittli war der heiteren Nachbardirn immer gut gewesen. Jetzt mit einmal empfand sie etwas gegen das Mädel wie grollenden Unmut. Freilich, Zenza war die Tochter des Bauern, der das Kreuz auf den Wolfrat gelegt hatte.
»Was die nur will? Und aufgeputzt hat sie sich, uuh!« Unwillkürlich guckte Gittli an sich hinunter. Ihrem abgeschabten Rock merkte man die Nächte an, die sie auf dem Herd verbracht hatte. Zögernd trat sie in die Küche zurück, aber nur so weit, daß sie die Zenza nicht aus dem Blick verlor.
Jetzt erschien das Mädel auf der Höhe. »Da schau,« schmunzelte Frater Severin, »ich glaub gar, wir kriegen Besuch! Und was für einen! Ui jei!«
Haymo machte große Augen. »Was will denn die daheroben?« murmelte er, als hätte er Gittlis Worte gehört und nachgesprochen.
Zenza kam näher; sie trug einen dicken Veilchenbusch im Mieder und hatte sich aufgeputzt, als ging' es zum Hochamt in die Kirche. Ihr Gesicht brannte, und mit heißen Augen hing sie an Haymo.
»Grüß dich Gott, Mädel!« rief Frater Severin. »Was für ein Heiliger hat denn dich daherauf geschneit?«
»Der heilige Hubertus!« lachte Zenza. »Grüß Gott auch, Herr Frater! Und der heilige Leonhardus hat auch mitgeholfen. Ja! Nachschauen hab ich wollen auf meiner Alm. Bis zur Sennzeit ist nimmer gar so lang. Und weil ich schon auf meiner Alm war, hab ich mir gedacht, ich mach das Katzensprüngl noch herauf, daß ich doch selber schauen kann, wie's eurem Letzerl[16] geht!« Ihre Augen blitzten Haymo an, der in Unmut über den kindischen Kosenamen, den das Mädel ihm gab, die Brauen furchte.
[Fußnote 16: Ein krankes Kind, Pflegling.]
Frater Severin hatte Zenzas Hand erfaßt und tätschelte ihre Finger. »Macht sich, ja, macht sich schon wieder. Schau ihn nur an: acht Tag noch, und er springt wieder über alle Berg aus. Aber sag, woher weißt du denn, daß ihm was geschehen ist?«
»Hat es ja der Polzer, der gestern seine Schwester gesucht hat, überall ausgeschrien!«
Gittli, die am offenen Fenster lauschte, erschrak bis ins Herz. Hatte Wolfrat den Verstand verloren, daß er selbst erzählte, was in der Röt geschehen war?
»Der bildet sich jetzt was ein auf seine Schwester!« sprach Zenza weiter. »Aber das muß ich selber sagen, brav hat sie sich gehalten. Ein halbes Kindl noch! Ich weiß nit, aber ich glaub, ich hätt den Kopf verloren!« Sie lächelte. »Was meinst du, Jäger?« Wieder blitzten ihre Augen.
Gittli griff sich in ihrem Versteck mit beiden Händen an den Hals; alles in ihr begann zu wirbeln.
»Du? Und den Kopf verlieren?« lachte Frater Severin. »Ja! Andere Köpf verdrehen! Das wird das richtige sein. Aber komm, setz dich, wirst müd sein von dem weiten Weg und hungrig auch. Wart ein Weil, ich hol dir eine Zehrung. Dann halten wir einen lustigen Haimgart.« Flink zappelte er zur Herrenhütte hinüber.
Gittli erblaßte. »So, schön, jetzt laßt er sie gar allein mit ihm!« stammelte sie. Aber weshalb nur sorgte sie sich, daß ihr einwendig völlig kalt wurde? »Am End weiß sie was? Und sagt es ihm!« Das mußte sie verhindern.
Kaum war der Frater gegangen, da trat Zenza auf den Jäger zu. »Hast du viel ausstehen müssen?« fragte sie mit leiser, bebender Stimme.
»Es hat grad ausgereicht!« brummte er.
»Den wenn ich wüßt, der dir das getan hat!« Sie ballte die Fäuste. »Da hast du freilich nit können zum Tanz kommen. Und ich wart allweil und wart, eine Wut hab ich gehabt, daß ich dich hätt zerreißen können.«
»So?«
»Und derweil liegt er daheroben, der arme Hascher, halb am Verscheinen! Aber schau, seit ich es gestern gehört hab, hat's mich nimmer gelitten, ich hab herauf müssen!«
»Geh?«
»Ja! Und weil du mir keinen Buschen hast bringen können, schau, jetzt hab halt ich dir einen gebracht!« Sie löste den Veilchenstrauß von ihrem Mieder. Als sie ihn dem Jäger reichen wollte, kam Gittli herbeigegangen, zögernd, mit finsteren Augen. Hastig legte Zenza die Veilchen neben Haymo auf die Bank, ging auf Gittli zu und streckte ihr beide Hände hin. »Grüß dich Gott, Kleine! Brav hast du dein Sacherl gemacht!«
Gittli legte die Hände auf den Rücken.
Zenza lachte. »Geh, du Dummerl, was hast du denn? Ich mein' doch, du hättest dir ein Vergeltsgott verdient. Da schau!« Sie löste das dünne Silberkettl von ihrem Mieder, haschte Gittlis Arm und zwang es ihr in die Hand. »Nimm's nur, nimm's! Ich schenk dir's!«
Haymo sprang auf. Zornig klang seine Stimme. »Gittli! Gib ihr das Kettl wieder! Du brauchst dir nichts schenken lassen.«
»Ich hätt's auch so nit genommen!« sagte Gittli ruhig und streckte die Hand. »Da hast du es wieder, ich brauch's nit, für mich tut's auch ein Bändl!«
Bis in den Hals war Zenza erbleicht. Einen funkelnden Blick warf sie auf Haymo, einen auf Gittli, dann lachte sie. Mit zornigem Griff packte sie das Kettl, zerriß es, warf Gittli die Stücke ins Gesicht und ging davon, das Mädchen noch einmal streifend mit einem Blick des Hasses.
Zitternd stand Gittli, die Wangen von heißer Röte übergossen, Tränen in den Augen. »Was hab ich ihr denn getan? Ich hab ihr doch nie kein ungutes Wort gegeben. Und jetzt tut sie mich so verschimpfen.« Sie brach in Schluchzen aus.
»Gittli!« stammelte Haymo und wollte sie umschlingen. Da kam Frater Severin aus der Herrenhütte, Teller und Becher in den Händen. Er machte große Augen und wollte fragen, wohin die Zenza geraten und was denn geschehen wäre. Nach dem ersten Wort verstummte er wieder und verschwand hurtig in der Tür. Er hatte Herrn Heinrich gewahrt, der von der Höhe niedergestiegen kam, den erlegten Auerhahn am Bergstock über der Schulter tragend.
Haymo stand wortlos und nagte an der Lippe. Gittli, als sie Herrn Heinrich erblickte, bückte sich und las die Stücke des zerrissenen Kettleins von der Erde. Was sie gefunden, reichte sie dem Frater Severin und sagte: »Ich bitt Euch, Frater, wenn Ihr wieder hinunterkommt ins Kloster, so legt das der Jesumutter in den Schrein. Es ist gefunden Gut und will keinem gehören.«
Herr Heinrich war näher gekommen. Er nahm den stattlichen Urhahn vom Bergstock. »Haymo, sieh her, ich habe Weidmannsheil gefunden!«
In Haymo kochte alles, aber er vergaß nicht seiner Jägerpflicht. Von der nächsten Fichte brach er das grüne Ende eines Zweiges, trat vor Herrn Heinrich hin, tauchte den Zweig in den roten Schweiß des Vogels und sagte:
»Vor meinen Herren hin ich tritt, Mit Weidmannsgruß und mit der Bitt: Er hat ein' gerechten Schuß getan, Drum soll er den Bruch auch nehmen an Und tragen wohl in Freude Dem edlen Vogel zu leide! Jo! Hoch, o ho! Brauchet Eure gute Wehr Allezeit zu Gottes Ehr!«
Herr Heinrich nahm den Bruch, steckte ihn auf die Kappe und gab mit Handschlag den Weidmannsspruch zurück:
»Habe Dank, mein lieber Jäger frei! Trag alleweil der Dinge drei: Wehr ohne Schart und Fehl, Graden Sinn ohne Hehl, Treues Herz ohne Wank! Habe Dank überall, habe Dank!«
Lächelnd legte Herr Heinrich die Hand auf seines Jägers Schulter und sagte: »Ich habe meinen Spruch geredet nach Herrenpflicht. Auf dich, Haymo, paßt er nicht, denn ich habe dir wünschen müssen, was du schon hast. Zu dir hätt ich sagen sollen:
Bleib, wie du bist, Zu aller Frist! Und gesunde bald, Daß der liebe Gott es walt!«
Die Freude über diese herzlichen Worte färbte Haymos Wangen. Nun gingen sie zur Bank, und es begann das Erzählen. Rechte Jagd muß immer zweimal gehalten werden: erst mit der Waffe in der Hand, dann mit dem Herz auf der Zunge. Frater Severin hatte sich lauschend herbeigeschlichen; Gittli schaffte mit stiller Geduld in der Herrenhütte.
Als in Herrn Heinrichs Erzählung die Sehne der Armbrust schwirrte und der stolze Vogel niederrauschte durch das Gezweig, da kamen die Knechte mit den Hunden über das Steintal her. Hellen Lautes begrüßten die schönen, geschmeidigen Tiere den Anblick der Hütte; wie der Wind kamen sie herbeigesaust und sprangen mit so ungestümer Freude an Haymo empor, daß Herr Heinrich ihm helfen mußte, sie abzuwehren. Nun sollte in aller Eile ein Imbiß genommen werden, und dann sollte es mit den Hunden hinausgehen auf die Luchsfährte, auf welcher Herr Heinrich am Morgen reichlichen Schweiß gespürt. Haymo wurde in die Hütte geschickt, um wieder ein paar Stunden zu ruhen. Als er sich von der Bank erhob, sah er die Veilchen liegen; er faßte sie und hob die Hand zum Wurfe; lächelnd schüttelte er den Kopf, brach unter den Fichten einen Büschel der langen Schmelen, die vom vergangenen Sommer noch standen, und nahm sie mit den Veilchen in die Hütte.
Einer der Knechte hatte Gittli in der Küche des Herrenhauses aufgesucht und reichte ihr ein kleines Bündel. »Das hat mir dein Bruder mitgegeben. Und grüßen soll ich dich von ihm.«
Gittli hielt die Augen gesenkt. »Weißt du nit, wie's meiner Schwährin geht?«
»Wie soll's ihr gehen? Gut halt!« sagte der Knecht; er hatte Sepha gar nicht gesehen.