Der Klosterjaeger: Roman aus dem XIV. Jahrhundert

Part 12

Chapter 123,926 wordsPublic domain

»Ein Kind des Wolfrat?« Herr Heinrich ging auf das Mädchen zu. »Du wolltest Schneerosen holen? Zum Engelkränzlein? Und da hast du den wunden Mann gefunden und bist bei ihm geblieben Tag und Nacht und hast alles für ihn getan, was nur zu tun war?« Er strich die Hand über Gittlis Haar. »Du bist ein braves, tapferes Mädchen. Ich will es dir und deinem Bruder danken.«

Gittli wandte sich ab und wankte zur Tür hinaus. Draußen fiel sie auf die Bank und weinte in heißem Kummer vor sich hin.

Walti kam herbei, zog ihr die Hände herab und schaute ihr ins Gesicht. »Jeh, du bist es? Warum heulst du denn?«

Sie riß sich los und schluchzte noch lauter.

»Flennst du wegen dem da drin? Geh, du bist dumm! Der hat einen Gesund wie ein Trumm Eisen. Und wenn's auch ihm ein bißl weh tut, du spürst es ja nit!« Er lehnte sich an die Hüttenwand und gähnte. Da sah er dicken Rauch aus der Herrenhütte qualmen. »Da schau! Der Frater feuert schon. Du! Da werden gute Sachen gekocht. Weißt, beim Heraufsteigen bin ich allweil hinter den Kraxen hergegangen. Du! Das hat gerochen! Aaah! Fein!« Er schnalzte mit der Zunge. »Meinst du, wir kriegen auch was?« Ohne eine Antwort abzuwarten, schlich er zur Herrenhütte und spähte durch die offene Tür.

Der Eingang führte in eine geräumige Küche mit offenem Herd; daneben lag eine kleine Herrenstube, deren einfaches Gerät aus rötlichem Zirbenholz gefertigt war, und die Schlafkammer mit zwei Heubetten. Von der Küche stieg man über eine Leiter zum Bodenraum, auf welchem Bergheu in genügender Menge aufgeschüttet war, um für ein halbes Dutzend Schläfer weiche Liegerstatt zu bieten.

Neben dem Herd, auf dem ein helles Feuer brannte, stand Frater Severin; er hatte die Ärmel der weißen Kutte aufgestülpt, eine blaue Schürze vorgebunden und war damit beschäftigt, ein >Spießchen Schwarzreiter< zu putzen, die, mit Eiern übergossen und am Feuer rasch gebacken, für den Abendtisch einen köstlichen Imbiß gaben.

Auf den Stufen vor der Tür der Herrenstube saß Herr Schluttemann, nachdenklich, mit gesträubtem Schnauzbart, grimmig die Augen rollend. Die Geschichte mit Haymo war eine Nuß, die zu beißen gab. Des zwecklosen Grübelns müde, schüttelte er schnaubend das Haupt, fuhr mit den Fäusten durch die Luft und platzte los: »Teufel! Teufel! Wenn ich denke, daß ich jetzt drunten im Kellerstübl sitzen könnt!«

»Mit Pater Hadamar und dem Küchenmeister,« schmunzelte Frater Severin, »bei Rechberg und Stein!«

»Höret auf, höret auf,« stöhnte Herr Schluttemann, »ich kann's nicht hören, es reißt mir die Seel aus dem Leib.« Dann wieder in grimmige Melancholie versunken, fragte er: »Es ist doch wohl gesorgt für unseren Durst?«

Frater Severin zuckte die Achseln. »Wie es Herr Heinrich anbefohlen. Fünf Tage sollen wir bleiben. Zehn Flaschen sind befohlen. Rechnet aus, wieviel auf einen trifft!«

»Verflucht wenig!« meinte Herr Schluttemann mit langem Gesicht. »Verflucht wehenig! Frater! Frater! Mir wird die Leber brandig werden. Ich kann das Wasser nicht vertragen. Aber schon gar nicht!«

Frater Severin betrachtete den unglücklichen Vogt mit zwinkernden Augen, dann leckte er die von den Schwarzreitern fett gewordenen Finger ab, trat auf ihn zu und flüsterte ihm ins Ohr: »Habt Ihr den Binkel gesehen, den der Walti getragen hat?«

»Ja, warum?«

Frater Severins Miene wurde immer geheimnisvoller. »Und habt Ihr's nit scheppern hören in dem Binkel?«

Herr Schluttemann legte den Kopf auf die Seite und zeigte das Weiße in den Augen. Ein schüchternes Licht der Hoffnung schien in seiner trostlos finsteren Seele aufzudämmern. »Redet, Frater, was hat gescheppert?«

»Zehn heimliche Flaschen! Rechberg und Stein. Hinter der Hütte liegen sie in kühler Erde vergraben, und wenn Herr Heinrich schlummert, holen wir uns ein Pärchen.«

»Frater Severin, Ihr seid ein Heiliger!« rief Herr Schluttemann und wollte dem Frater um den Hals fallen.

Der schob ihn von sich. »Nit so laut, Herr Vogt!« Er schielte nach der Türe. »Herr Heinrich könnt uns hören.«

Des Fraters Sorge war unbegründet. Herr Heinrich weilte noch immer in der Jägerhütte. Er hatte einen neuen Verband um Haymos Wunde gelegt und den Arm in einer Schlinge befestigt, damit nicht eine ungestüme Bewegung des Schläfers eine neue Blutung hervorriefe. Nun blickte er suchend umher.

»Wo ist das Mädchen?«

Desertus ging rasch zur Türe. Vor der Hütte saß Gittli auf der Bank; ihre Tränen waren versiegt; verloren starrte sie hinaus in die sinkende Nacht. Desertus berührte ihre Schulter. Sie fuhr erschrocken zusammen und erhob sich.

»Komm, Gittli! Herr Heinrich fragt nach dir.« Er nahm ihre Hand und führte sie in die Stube.

»Nun, willst du nicht sehen, wie es deinem Pflegling geht?« sagte der Propst. »Komm her! Sieh nur, wie gut und ruhig er schläft!«

In wortlosem Danke wollte sie Herrn Heinrichs Hand küssen.

»Laß doch, du Kind!« sagte er. »Ich habe zu seiner Rettung nicht das mindeste getan. Haymo wäre ein verlorener Mann gewesen ohne dich. Er hat dir allein zu danken, daß er nun leben wird.«

Ein Seufzer, heiß und freudig, schwellte Gittlis Brust. Mit leuchtendem Blick hing sie an Haymos blassen Zügen; dann fuhr sie mit der Hand über die feuchten Augen und wandte sich zur Tür.

»Wohin willst du?« fragte Herr Heinrich.

»Jetzt braucht er mich nimmer!« lispelte sie. »Heim will ich gehen.«

»Mädchen! Es ist finstere Nacht!« sagte Desertus erschrocken.

»Ich fürcht mich nit. Es ist sternscheinig, den Weg kenn ich auch, und auf der Alm kann ich nächtigen.«

»Dort schlafen die Knechte!« warf Herr Heinrich ein; dann lächelte er. »Und denke nur, wenn Haymo morgen erwacht und fragt nach dir? Was sollen wir ihm sagen? Willst du nicht bleiben?«

»Wenn ich darf?« stammelte sie. »Schauet, Herr, ich nehm doch keinem seine Liegerstatt weg. Ich setz mich dort auf den Herd.«

Sie wollte in ihren Winkel schleichen, aber Herr Heinrich rief sie noch einmal zurück. »Gittli,« sagte er freundlich, »du bist doch kein Kind mehr, du solltest nicht so herumlaufen.« Er deutete auf ihre Arme, die bis über die Schultern nackt waren, und auf einen Riß, der in ihrem Hemd fast bis zum Gürtel ging.

Sie sah ihn mit großen Augen an. »Ich hab mir die Ärmel weggerissen, weil ich das Leinen gebraucht hab. Für ihn.«

Da ging er auf sie zu, legte ihr die Hand auf den Scheitel und sagte leise: »^Deo placebis in nuditate tua!^« Und zu Desertus sich wendend, fuhr er in lateinischer Sprache fort: »Kann eines Fürsten Tochter reicher sein an edlen Steinen und Geschmeide, als dieses Bettelkind an Schätzen des Gemüts?«

Der Chorherr schwieg; seine träumenden Augen hingen an Gittli, die zum Herde ging, in ihre Jacke schlüpfte und sich leis in den Winkel kauerte.

Herr Heinrich war an Haymos Lager getreten und hatte seine Hand auf die Stirn des Schlummernden gelegt. »Das Fieber ist gemildert, und der Schlaf wird ihn erquicken. Er hat gesundes Blut und eine gute Natur. Ich hoffe, wir haben den Mann in drei Tagen wieder leidlich auf den Beinen. Ich will Wein herüberschicken, davon soll er bekommen, wenn er munter wird in der Nacht. Und Frater Severin soll bei ihm wachen.«

»Überlasset mir dieses Amt!« sagte Desertus rasch. »Der Bruder ist müde.«

»Gut, so bleibe!« Herr Heinrich reichte dem Chorherren die Hand, nickte Gittli mit freundlichem Lächeln zu und verließ die Stube.

Zu Häupten des Lagers setzte sich Desertus auf die Bank.

Es war still in der Stube. Gittli rührte sich nicht in ihrem Winkel; man hörte nur Haymos tiefe Atemzüge, und auf dem Herde knisterte es zuweilen noch leise in den glühenden Kohlen.

Draußen murmelte das Wasser, von der Herrenhütte herüber klang in Zwischenräumen die laute Stimme des Vogtes, und tief aus dem Steintal herauf ertönte der Gesang der vier Knechte, die zu den Almen niederstiegen:

»Das Herzelein Im Herzensschrein Tut gar so weh dem schwarzen Knaben: Das braune Mägdlein möcht er haben, Ja haben, Wenn man es ihm nur gäb, Ja gäb, ja gäb!«

Nach einer Weile kam Walti, um den Chorherren zum Imbiß zu rufen; er brachte auch einen Teller für Gittli. »Du, das ist gut!« flüsterte er dem Mädchen zu. »Ich hab's auch schon verkosten dürfen, und was übrig bleibt, das krieg ich alles, hat der Frater gesagt.« Gittli richtete sich auf und begann zu essen, während Desertus die Stube verließ. Als er die Herrenhütte betrat, sagte er zu Frater Severin: »Schickt ein Kissen und eine Lodendecke hinüber für das Mädchen; das Kind hat ein hartes Lager auf den Herdsteinen.«

Nun saßen sie beim Schein einer Kienfackel in der Herrenstube beisammen, der Propst, Herr Schluttemann und Desertus, der letztere schweigend in sich versunken, während Herr Heinrich und der Vogt die an dem Jäger verübte Untat besprachen. Herr Schluttemann beschwor die ganze Rache seines flammenden Zornes über das Haupt des Untäters, den er finden wollte, und wenn er sich auch in den untersten Schlupf der Hölle verkrochen hätte; sobald es Tag würde, gedachte er sich mit den Knechten auf den Weg zu machen, um in weitem Kreise rings um die Hütte jeden Busch und jede Felsschrunde zu untersuchen; ein Haken würde sich schon finden, an den der Faden eines Verdachtes sich anknüpfen ließe.

Als Desertus in die Jägerhütte zurückkehrte, fand er Gittli schlafend im Herdwinkel. Das Kissen, das ihr Walti gebracht, hatte sie unter Haymos wunden Arm gelegt; nur die Lodendecke hatte sie für sich behalten und zum Polster geballt unter ihren Kopf geschoben. So lag sie, die beiden Hände unter der Wange, die müden Glieder vom Schlafe sanft gelöst; sie schien auf den harten Steinen so gut zu ruhen, als läge sie in weichen Daunen. Die glimmenden Kohlen strahlten einen roten Schimmer über ihr Gesicht, so daß es aus dem Dunkel hervorleuchtete wie ein liebliches Rätsel.

Lange stand Desertus vor dem schlafenden Mädchen. Immer näher zog es ihn, er beugte das Knie, er streckte die Arme, er neigte das Gesicht in dürstender Sehnsucht. Da bewegte sich Gittli und stöhnte leis, wie unter schweren Träumen: »Haymo.«

Desertus taumelte zurück; die Hände vor das Gesicht schlagend, wankte er zur Tür und sank auf die Schwelle nieder. »Herr! Herr! Du versuchest mich über meine Kräfte!« rang es sich mit erstickter Stimme von seinen Lippen, und die brennenden Augen starrten hinaus in die Nacht, empor zu den ruhelos flimmernden Sternen.

In den Fenstern der Herrenhütte war das Licht schon erloschen; Herr Heinrich schlief. Durch die Klumsen der geschlossenen Türe quoll aber noch ein matter Schein; dort saßen Frater Severin und Herr Schluttemann beim erlöschenden Feuer auf dem Herdrand, leise plaudernd, mit dem >heimlichen Pärchen< beschäftigt, das sie aus dem Versteck hervorgeholt. Walti hockte in einem Winkel und vertilgte die Reste des Mahles; dann trank er noch einen Krug Wasser leer und kletterte über die Leiter hinauf ins Heu.

Als den beiden anderen >des Himmels höchste Gnade< zur Neige ging, bekam Herr Schluttemann seine üblichen >Zustände<. Er schien völlig vergessen zu haben, wo er sich befand, wähnte im Kellerstübl zu weilen und fürchtete, daß mit jedem Augenblick die handfesten Boten der Frau Cäcilia eintreten könnten, um ihn zu holen. »Aber ich geh nicht, Bruder, ich geh nicht! Jetzt sitz ich einmal, Donnerwetter, und jetzt bleib ich!« Frater Severin drückte ihm die Hand auf den Mund und zerrte ihn zur Leiter; mit aller Mühe, stoßend und schiebend, brachte er ihn endlich über die Leiter hinauf und warf ihn ins weiche Heu. »Cäcilia, Cäcilia, du treibst es heut wieder arg mit mir!« brummte Herr Schluttemann, halb erstickt von dem über ihn herfallenden Heu. Eine Weile lallte er noch fort, dann begann er zu schnarchen. Frater Severin folgte diesem Beispiel, und da ging nun ein Sägen um die Wette los, daß Walti erwachte und kein Auge mehr schließen konnte; dazu hatte er bald eine Faust des Herrn Schluttemann im Gesicht, bald dessen Füße auf der Brust oder zwischen den Beinen; er verkroch sich in den äußersten Winkel, aber Herrn Schluttemanns Füße fanden den Weg zu ihm. Schließlich erhob er sich, glitt über die Leiter hinunter und legte sich auf den warmen Herd. Jetzt konnte er schlafen.

15.

Nach Mitternacht bewölkte sich der Himmel, und ehe der Tag noch graute, begann ein warmer Regen zu fallen. Bei Anbruch der Dämmerung kamen die Knechte. Pater Desertus saß noch immer auf der Schwelle der Jägerhütte, mit bleichen, müden Zügen, die Augen heiß umrändert. Als er die Knechte gewahrte, erhob er sich und atmete tief, als wäre ihm die Nähe wachender Menschen willkommen. Einer der Knechte fragte ihn, was sie zu tun hätten. Er meinte, sie sollten sich, da Herrn Heinrich der Pirschgang auf den Auerhahn verregnet wäre, ruhig verhalten, bis die Schläfer von selbst erwachen würden. Dann trat er in die Hütte. Gittli war schon wach, sie stand über Haymo gebeugt, der noch immer ruhig schlief; als sie den Chorherren kommen hörte, trat sie scheu zurück, lispelte den Morgengruß und verließ die Hütte. Nach einer Weile kam sie wieder, gewaschen, mit frisch gezopften Haaren; sie schürte auf dem Herd ein Feuer an und ging geräuschlos ab und zu, um saubere Ordnung in der Stube zu machen. Als sie wieder einmal Wasser holte, wurde drüben an der Herrenhütte ein Fensterladen aufgestoßen.

»Guten Morgen, Gittli!« rief Herr Heinrich.

Sie stellte die Wanne nieder und lief hinüber.

»Nun, wie geht es ihm?«

»Er schläft noch allweil, Herr, und ich mein', der Schlaf hat ihm gut getan, denn er hat schon Farb im Gesicht.«

»Dann wird er wohl auch bald erwachen. Freust du dich schon?«

»Und wie!«

»Gelt, und du freust dich auch schon auf seinen Dank?«

»Den hab ich schon, Herr!«

»So?«

»Ja, gestern auf die Nacht, da hat er ein lützel reden können, und da hat er mir gleich ein Vergeltsgott gesagt.«

»Aber ich meine, du hoffst doch wohl noch auf besseren Dank?« lächelte Herr Heinrich, während er sich breit ins Fenster legte.

Sie sah mit großen Augen zu ihm auf. »Was sollt ich noch wollen? Ich hab mein Vergeltsgott.«

Er betrachtete sie mit freundlichem Blick. »So? So?« Und leise zuckte es um seinen Mund, als er sagte: »Freilich, mehr kannst du nicht verlangen von ihm. Aber jetzt geh nur, ich komme gleich hinüber.«

Hurtig lief Gittli davon, um aus dem Regen wieder unter Dach zu kommen.

Über diesem Zwiegespräch war Walti aus dem Schlaf erwacht. Er rieb sich erschrocken die Augen, als er den hellen Morgen schimmern sah, kletterte die Leiter empor und rief: »Frater! Frater! Stehet auf, der Herr ist wach!«

Frater Severin fuhr aus dem Heu wie der Hase aus dem Krautacker, wenn der Bauer kommt. Er packte seinen Schnarchgenossen an der Brust. »Herr Vogt! Auf! Auf! Auf!«

Herr Schluttemann drehte sich auf die Seite. »Aber Cäcilia!«

»Auf! Auf! Auf!«

»Aber Cäcilia!« wimmerte Herr Schluttemann. »Geht denn der Teufel schon wieder los? Alle Tag und alle Tag! Nicht einmal ausschlafen soll der Mensch können! Kreuz Teufel! Laß mich in Ruh! Oder ich fahr dir noch einmal mit groben Pratzen in die Zöpf!«

Frater Severin schüttelte seufzend den Kopf, überließ den Vogt seinem grausamen Traum und stieg mit starren Beinen über die Leiter hinunter.

Herr Schluttemann hatte sich tief eingewühlt in das Heu, als umschlänge er mit seinen Armen das Kissen, das er an jedem Morgen fest über die Ohren zu drücken pflegte, wenn Frau Cäcilia ihre Predigt begann. Die lautlose Ruhe, die ihn plötzlich umgab, mochte ihm als etwas Ungeheuerliches erscheinen. Er richtete sich erschrocken auf und starrte mit großen, runden Augen im Dämmerlicht des Heubodens umher.

»Ach sooo!« flötete er, als er das stille Wunder langsam zu begreifen begann. Dann lachte er vergnügt vor sich hin. »Jetzt kann geschehen, was will, jetzt schlaf ich mich einmal aus!« Sprach's, legte sich wieder auf die Seite und streckte sich behaglich: »Aaah!« Eine kleine Weile, und er schlief schon wieder.

»Herr Vogt!« rief Frater Severin in der Küche. Herr Schluttemann hörte nicht.

»Vogt! Vogt! Wo seid Ihr?« rief Herr Heinrich selbst. Vogt Schluttemann hörte nicht. »So laßt ihn schlafen!« lächelte der Propst. »Das irdische Vergessen ist über ihn gekommen.« Er drohte mit dem Finger zum Heuboden hinauf: »Wartet nur, Vogt, der Morgen kommt schon wieder, da Euch die Donner des Gerichtes wecken! ^Dies irae, dies illa^!«

»^Jactat scopas turturilla!^«[15] kicherte Frater Severin, die zweite Zeile der ernsten Hymne in seinem Küchenlatein lustig parodierend, und ließ sich vor dem Herde nieder, um mit vollen Backen in die Kohlen zu blasen.

Als Herr Heinrich hinüberging zur Jägerhütte, kam ihm Gittli entgegengelaufen. »Herr, Herr! Er wachet schon!« stammelte sie. »Mein Gott, und so viel sorgen tut er sich, Ihr könntet ihm harb sein, weil ihm so was hat geschehen können.« Die Freude redete aus ihr, aber es war eine zitternde Freude; nun konnte Haymo sprechen, nun mußte er sagen, was geschehen war.

Sie blieb, als Herr Heinrich die Hütte betrat, an der Türe stehen, Freude im Herzen, Angst in der Kehle.

Haymo saß aufgerichtet in seinem Heubett. »Herr Heinrich!«

Der Propst legte ihm die Hand auf den Mund. »Du sollst nicht sprechen, Haymo, ich will es so! Lege dich zurück und laß mich nach deiner Wunde schauen! Dann sollst du essen und trinken und wieder schlafen, und wenn du dann gestärkt erwachst, dann setz ich mich zu dir, und du erzählst mir alles. Und mach dir keine dummen Sorgen! Du bist Haymo, mein treuer Jäger! Hast ja deine Treue mit deinem Blut besiegelt.«

[Fußnote 15: Tag des Zornes, an dem »das Turteltäubchen mit Besen schmeißt.«]

»Herr Heinrich --«

»Wirst du schweigen!« schalt der Propst und drückte den Jäger mit sanfter Gewalt auf das Kissen zurück.

Gittli atmete auf; und da sie in der Jägerhütte nun entbehrlich war, lief sie hinüber in das Herrenhaus.

»Frater? Kann ich Euch nit helfen?«

»Ei freilich, mein Dirnlein, schürz dich, tummel dich!« Und im Hui hatte er ein Dutzend Aufträge für Gittli bereit.

Sie griff mit flinken Händen zu, trug alles herbei, was der Frater in der Küche brauchte, brachte Ordnung in die Schlafkammer und machte die Herrenstube spiegelblank.

Draußen >schnürelte< der Regen, und die Knechte, die unter dem vorspringenden Dach der Herrenhütte an die Balkenwand gelehnt standen, sangen mit leisen Stimmen, um sich die nasse Zeit zu vertreiben.

Als Herr Heinrich mit Desertus aus der Jägerhütte trat, sagte er: »Dein Aussehen ist schlimm, Dietwald. Die Nachtwache hat dich erschöpft.«

»Ja, Herr!«

»Aber ich hoffe, es hat dich in dieser Nacht dein Gespenst in Ruhe gelassen?«

»Meint Ihr?«

»Dietwald!«

»Es weilte mit mir unter einem Dach die ganze lange Nacht.«

Herr Heinrich schwieg, den Pater mit forschendem Blick betrachtend. Dann sagte er: »Komm, lege dich schlafen, du bist ermüdet.«

Sie betraten die Herrenhütte; Desertus ging in die Schlafkammer und warf sich auf das Lager, doch seinen Augen war es anzusehen, daß sie den Schlummer nicht finden würden. Herr Heinrich füllte einen Becher mit Wein und goß dazu einige Tropfen aus einer Phiole, die er seinem Arzneikästlein entnommen hatte. »Trink, Dietwald, das wird dir Schlaf bringen!«

Desertus leerte den Becher. Und es währte nicht lang, so lag er mit geschlossenen Lidern, tief atmend, in schwerem Schlummer.

Herr Heinrich wollte ins Freie treten, da sah er Gittli in der Küche schaffen. Ein Gedanke schien ihn zu befallen, er schüttelte wie abwehrend den Kopf, doch immer wieder kehrte sein Blick zu dem Mädchen zurück.

»Gittli!«

Sie säuberte die Hände an der Schürze und kam auf ihn zugegangen. »Ja, Herr?«

»Erzähl mir doch, hast du dich mit dem Chorherren auch gut vertragen die lange Zeit vom Abend bis zum Morgen?«

»Allweil gut!« meinte Gittli mit scheuem Lächeln. »Der Pater hat gewachet, und ich hab geschlafen.« Als müßte sie sich entschuldigen, fügte sie bei: »Ich bin so viel müd gewesen.«

»Immer geschlafen? Die ganze Nacht?«

»Gott behüt, Herr! Diesmal bin ich schon aufgekommen.«

»Nun? Und dann habt ihr wohl miteinander Haimgart gehalten, gelt?«

»Aber Herr!« sagte sie ganz erschrocken. »Wie tät ich mir denn einfallen lassen, daß ich haimgarten wollt mit so einem Herrn. Ich bin allweil gelegen und hab keinen Muckser getan.«

»Und er? Er wird doch mit dir geredet haben?«

»Kein Sterbenswörtl! Ich glaub, er hat mich gar nit gesehen. Allweil ist er gesessen und hat blinde Augen gemacht, als tät er einwendig schauen.«

»Einwendig schauen?« wiederholte Herr Heinrich und nickte vor sich hin. »Aber sag, hast du ihn schon öfters gesehen?«

»Zweimal, Herr! Das erstemal drunten am Seesteig.« Sie stockte; denn sie durfte Herrn Heinrich doch nicht sagen, welchen Schreck sie damals empfunden hatte -- Schreck und Furcht vor einem Gottesmann! Leise sprach sie weiter: »Und das andermal am Ostertag.« Da kamen ihr die Tränen.

»Was hast du, Gittli, warum weinst du?«

»O mein Gott, schauet, Herr, er ist dazugekommen, wie unser Kindl hat verscheinen müssen, unser liebes, gutes Kind!«

»Komm, Gittli, komm, setz dich!« Er führte sie zu einer Bank. »So! Und jetzt sage mir, wie war es mit dem Kind?«

Unter Tränen erzählte sie in ihrer schlichten Weise von Mimmidatzis kurzem Leben. »Schauet, Herr, wie ein Lichtkäferl ist das Kind gewesen in unserem Sorgenhaus, wie ein Blüml im Winter, und in aller Herzensnot wie ein Stückl ewiges Brot, von dem man allweil hat zehren können, und es ist doch nit weniger worden. Und jetzt hat's verscheinen müssen! Warum denn? Warum?«

Frater Severin klapperte am Herd mit seinen Pfannen; ein Zittern war ihm in die Hände gekommen; auch mußte ihm was ins Auge geflogen sein, denn er wischte immer, aber es wollte nicht helfen.

Herr Heinrich hielt die Hände des Mädchens gefaßt und blickte tiefbewegt in Gittlis Gesicht, das von Tränen überronnen zu ihm emporgerichtet war, wie einer tröstenden Antwort harrend.

Hätte nicht das Feuer geknistert, der Regen über dem Schindeldach geplätschert und Herr Schluttemann auf dem Heuboden ein klein wenig geschnarcht, es wäre ganz still gewesen in der Küche.

»Warum? Ja, warum?« Herr Heinrich setzte sich an Gittlis Seite. »Das fragst du? Das weißt du nicht? So ein kluges Dirnlein wie du? Geh doch, Gittli, wie kannst du nur so fragen?«

Sie wurde verlegen und suchte nach Worten. »Weil ich's halt doch nit weiß, Herr!«

»Aber freilich weißt du es! Welch ein liebes, holdes Kind euer Mimmikätzlein war, das weißt du doch, gelt?«

»Ja, Herr, ach ja, ja, ja!«

»Und nun denke dir: wenn das Kind hätte leben müssen und Schmerzen leiden und siechen, und böse Menschen hätten es gestoßen, getreten und geschlagen, und es hätte Unglück über Unglück erfahren, Kummer über Kummer, Not und Elend? Und du und des Kindes Mutter, ihr hättet das alles mit ansehen müssen? Hätt euch das im Herzen nicht weher getan als jetzt, weil es verschienen ist?«

»Ach Gott!« klagte Gittli und wehrte mit beiden Händen, als wollte sie den Gedanken, daß ihr Mimmidatzi hätte leiden müssen, gar nicht eindringen lassen in ihr Herz.

»Gelt? Da ist halt wieder einmal der liebe Herrgott gescheiter gewesen, als wir alle miteinander. Der hat sich gedacht: nein, so was laß ich nicht kommen über das liebe gute Kind, da nehm ich es lieber zu mir herauf in meinen Himmel und mach ein Englein aus ihm, damit es in Freude und Glückseligkeit hinunterlachen kann auf sein Heimatl, und damit es ein fester Schutzengel sein soll für seine lieben Leut!«

»O mein, brauchen täten wir freilich einen!« seufzte Gittli tief auf; und zu Herrn Heinrich emporblickend sagte sie: »Schauet, Herr, ich hab mir allweil so was gedacht, aber ich hab mir's halt völlig nit sagen können.«

»Gelt, siehst du, daß du es weißt!«

»Ja, und es muß auch wahr sein, denn hätt ich den Schutzengel nit gehabt, ich hätt den Haymo nimmer finden können, und jede Stund derzeit, Tag und Nacht, hab ich das Kind allweil bei mir sitzen sehen, und allweil hat's mich angelacht. Gelt, Herr Heinrich, unser Herrgott ist doch ein guter, guter Mann?«

»Das mein' ich! Und drum sei gescheit, Gittli, verlaß dich nur auf ihn und wisch dir die Zähren ab! Und dann laß dir vom Frater Severin eine tüchtige Schüssel voll Suppe geben, trag sie hinüber zum Haymo und sorge dafür, daß er tüchtig ißt.«