Der Klosterjaeger: Roman aus dem XIV. Jahrhundert
Part 11
»Wie sprichst du dieses Wort! Dietwald!« Herr Heinrich erhob sich. »Du glaubst nicht an Gott? Ein Priester!«
Mit ernsten Augen sah Desertus zu ihm auf. »Ich glaube an Gott. Wer hätte diesen Stein zu meinen Füßen erschaffen, wenn Er nicht? Wer hätte diese ewigen Felsen gebaut und über schwindelnd tiefe Gründe diesen schönen See ergossen, wenn Er nicht? Wer die Luft bevölkert, das Wasser und den Wald, wenn Er nicht? Wer hätte diesem Baum die nährende Wurzel gegeben, die treibende Kraft des Markes und den Wohlverstand, mit dem er seine Zweige nach der Sonne breitet. Wenn Er nicht? Aus wessen Hand wäre der Liebreiz geflossen, der mein Weib umschimmerte? Die süße Unschuld in den Augen meiner Kinder? Wenn nicht aus _seiner_ Hand? Wer hätte mich selbst erschaffen und mein Herz erfüllt mit jauchzender Freude und seligem Glück? Wenn Er es nicht getan? Doch wer vernichtete mein Glück? Wer riß mir die Freude aus dem Herzen und füllte meine Brust mit Qual und Pein? Wer ließ mein Weib verbrennen und meiner Kinder holdes Leben erlöschen in Glut und Rauch? Wer schickt den Blitzstrahl über diesen Baum, wer in sein Mark die Fäulnis? Wer schlägt mit Schmerzen und Tod, was atmet in Wasser, Luft und Wald? Wer stürzt die Felsen vernichtend über Tal und Hütten, und wer empört den See, daß er die Ufer überschäumt und alles ringsumher verwüstet, was doch ein Werk ist aus Gottes eigener Hand? Wer? Wer? Wer? Und warum?«
In Herrn Heinrichs Augen leuchtete ein herzlicher Blick. »Wer täte das alles? Wenn Er nicht? Aber warum? Ja, mein Sohn, da bin ich überfragt!« Lächelnd legte er die Hand auf die Schulter des Chorherren. »Sieh, Dietwald, ich könnte sagen: Was Übles kommt, ist eine Strafe oder eine Prüfung. Aber das sag ich nicht, zu dir nicht! Gott prüft nicht. Er weiß doch, wie schwach die Menschen sind. Und wer, wie Gott, so groß ist in der Liebe, ist im Zorne nicht so klein. So kleinlich, wie du bist, mit deinem törichten Warum! Ja, Dietwald!« Er setzte sich an des Paters Seite und faßte seine Hand. »Du Kind von zweiundvierzig Jahren! Im Schmerze kannst du fragen: Warum?«
»Herr Heinrich!« stammelte Desertus.
»Hast du aber auch gefragt in der Freude, im Glück? Gelt, da hast du genommen und genossen? Da war dir um den Grund nicht bange, warum dir gegeben wurde. Das Gute leuchtet dir ein, da glaubst du an Gott. Nur im Schmerze willst du ihn nicht fassen und begreifen und Gott nicht finden. Das ist nun freilich schwer, und noch keiner, der lebte, hat es ganz zuwege gebracht. Sogar Christus, der Herr, hat am Kreuze gefragt: Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Da sprach der Mensch in ihm. Sag mir, Dietwald: _wäre_ Er denn Gott, wenn wir Menschen ihn so leicht verstünden? Und wenn du fragst: warum? Weißt du denn auch, ob Er nicht Antwort gibt? Er spricht vielleicht zu dir im Wehen dieser Frühlingsluft, im Rauschen dieser Wellen. Nur ist dein Ohr zu klein für alle Größe seiner Stimme.«
»Nein, nein, ich hör ihn!« flüsterte Desertus.
»Du, nicht wahr, du hörst den Donner der Lawine, wenn du über die Berge steigst im Frühling, du weißt, weshalb sie fallen muß. Und stumm bewundernd stehst du vor dem herrlichen Schauspiel der Gottnatur, erhoben in deinem Herzen. Hört ihren Donner aber auch die Fliege, die in einer Rinse der Felswand klebt? Nein. Ihre Sinne sind zu kurz. Sie klebt. Und wird verschüttet und erstickt. Soll sie auch fragen: warum? Soll ewiger Schnee die Halden drücken und keine Blume keimen lassen, nur damit die Fliege nicht gekränkt wird? Nicht wahr, das geht nicht an. Du liebst die Blumen, du sagst mit deinem Verstande: der Schnee muß fallen. Die Fliege will es nicht begreifen. Von der Fliege zu dir ist ein weiter, weiter Weg, doch nimm ihn millionenfach, und du füllst die Strecke nicht aus von dir zu Ihm! In schwindelnder Höhe geht Er seinen Weg, ein Schritt, und Er ist über alle Berge, ein Schritt, und Meere liegen hinter Ihm und jeder Schritt bringt Werden und Vergehen. Er kennt den Urgrund aller Dinge, Er sieht das Ziel vor Augen, Er denkt der Blumen seiner Ewigkeit. Doch wir, tief unter Ihm, wir, Dietwald, sind die Fliegen unter der Lawine.«
Desertus schlang die Arme um Herrn Heinrichs Hals und drückte das Gesicht an seine Brust.
»Ja, ruh dich aus! Du bist müde vom Leben. Und wenn dir die Kräfte wiederkommen, dann beginne neu den Weg und blicke auf zu Ihm! Du siehst von seinem Antlitz einen Zug auf jeden Fels geschrieben, ein Abglanz seiner Augen leuchtet dich an aus jeder schimmernden Welle im See, und einen Hauch seines Atems hörst du im Rauschen des Waldes. Und da du, ein Mensch, Ihn nun einmal nicht fassen kannst in seiner Größe, so halt Ihn fest in seiner Liebe. Ich meine doch, du hättest sie empfunden. Und was du besessen? Hast du es denn wirklich verloren? Nur weil du es nimmer halten kannst mit Händen? Blicke doch in die Tiefe deines Herzens! Liegt dort nicht alles, was an Glück dein eigen war, rein und heilig behütet, ein köstlicher Reichtum an dauerndem Erinnern? Dietwald! Dietwald! Du willst klagen? Weißt du denn auch, um wie viel reicher du bist als ich?«
Desertus hob mit fragendem Blick die Augen.
»Alle holde Freude des Lebens hast du genossen, bis dein Glück sich wandelte in einen Schmerz, wie ein schöner Frühlingstag in eine Nacht mit kaltem Reif. Mein Leben aber war ein Leidensgang, Schritt für Schritt. Eine reine Freude hat mir nie geblüht, und jede Frucht, nach der ich griff, trug den Wurm oder die Fäulnis in ihrem Kerne. Ich habe mehr gelitten, als du, da ich nur Schmerzen gewann, ohne Freude zu verlieren. Ich hatte einen Bruder, der mich haßte, weil ich der ältere war; hatte eine Mutter, die nur ihren Tand und ihre Falken liebte; hatte einen Vater, der mich verstieß, weil ich nicht schmeicheln konnte; das Weib, das mich ohne Liebe nahm, brach mir die Treue; mein Freund, der einzige, an den ich glaubte, war ihr Verführer; ich diente redlich meinem Fürsten, wurde des Verrats beschuldigt und in Ketten geworfen. Aus dem Kerker floh ich ins Kloster. Ich haßte die Menschen und konnte Gott nur fürchten. Nicht mit Inbrunst, in Zittern hab ich gebetet und suchte den Grimm meines Herzens zu ertöten in schwerer Pönitenz. Doch Haß und Furcht hingen fest an mir. Wenn ich aus dem Kloster niederstieg ins Tal, sah ich die Not nur und der Menschen Pein. Wenn ich emporstieg auf die Berge, sah ich nur die Schrecken der Natur, Verwüstung und Zerstörung, den Gott in seinem Grimme. Mit schaudernder Seele floh ich wieder heim in meine Zelle, sang und betete und schwang die Geißel.«
»Und wie kam Euch die Erlösung?«
»Es war an einem Tage spät im Herbst. Ich lag auf meinem Bett, entkräftet, blutend aus den Wunden, welche die Geißel gerissen hatte, die brennenden Augen auf die kahle Wand geheftet. Die häßlichen Bilder meines kalten, nutzlosen Lebens zogen vor meinem taumelnden Geiste vorüber, und jeder Gedanke war ein Schrei zu Gott: Töte mich, töte mich, weshalb noch soll ich leben! Da vernahm ich in meiner Zelle ein leises Tippen, wie vom Fall eines Wassertropfens. Hinter dem Rahmen eines Heiligenbildes war ein Schmetterling herausgefallen. Er hielt die Flügel geschlossen und rührte sich nicht. Ich griff nach ihm, und er ließ sich fassen. Seine Füße waren starr, die Schwingen gelähmt. Er war erfroren in der herbstlichen Kälte meiner Zelle. >Dein Schicksal ist das meine!< sagte ich und ließ ihn zu Boden fallen. Da stieg die Sonne über die Berge, und durch das offene Fenster meiner Zelle fiel ein warmer Strahl gerade auf die Stelle hin, auf welcher der Falter lag. Es währte nicht lang, da begann er, auf der Seite liegend, die Füße zu rühren. So zappelte er eine Weile, aber es gelang ihm nicht, sich aufzurichten. Ich hielt ihm den Griff meiner Geißel hin, er klammerte sich an das Holz und stellte die Schwingen auf. Lange saß er ruhig. Dann plötzlich legte er die Flügel auseinander, schloß sie wieder, kroch vom Holz der Geißel auf die Erde, und weiter und weiter, immer der Sonne nach, und an der Mauer empor, auf das Gesims des Fensters. Hier saß er noch, als müßte er rasten. Immer spielte er mit den Schwingen. Und dann mit einmal begann er zu flattern. Erst schwer und mühsam. Immer leichter wurde sein Flug, und so schwebte er hinaus zum Fenster und gaukelte in den blauen Himmel.«
Herr Heinrich schwieg und blickte lächelnd empor in das endlose Blau.
»Da kam es über mich, ich wußte nicht wie. Mir war, als hätte Gottes Stimme mir geboten: Steh auf und lebe! Ich erhob mich, wusch meine Wunden und kühlte sie mit Balsam. Wie ein Träumender trat ich aus dem Kloster und wanderte hinaus in das herrliche Tal. Die Sonne spann in den Lüften, silberne Fäden flogen, und in den bunten Farben des Herbstes leuchtete der Laubwald. Die Kinder liefen auf mich zu und küßten meine Hände. Traulich blickten ihre lieben Augen zu mir auf. Alle Felder waren belebt, überall hörte ich Lachen und Gesang. Die Leute eggten und streuten die Wintersaat, ohne doch zu wissen, ob sie essen würden von diesem Brot. Und als ich heimkehrte in das Kloster, trat ich vor Herrn Konrad von Altentann, meinen Propst, und sagte: >Gebt mir Arbeit!< Ach, die Tage, die nun kamen! Ich zog wie ein Roß, das des langen Stehens im Stalle müd geworden. Überall griff ich zu. Ich ordnete und mehrte das Gut meines Klosters, hob den Salzbau, war Fischmeister, Kellermeister, Wildmeister. Wo immer nur ein anderer müde wurde, trat ich an seine Stelle. Und alles wandelte sich mir zur Freude. Ich milderte die Strenge meiner Oberen, versöhnte die grollenden Landsassen, half, wo zu helfen war. Und je mehr ich den Menschen helfen durfte, desto mehr begann ich sie zu lieben. Ihr Dank, Dietwald, hat mich das Lächeln gelehrt. Und keinen schloß ich aus. Meinen Bruder stützte ich in schwerer Not, die Kinder jenes Weibes hob ich aus Elend empor zu freundlichem Leben, und meinem Fürsten, welcher Kaiser geworden, diene ich mit der ganzen Treue meines Herzens. Sage, Dietwald, war es nicht eine Gotteslehre, die mir der Falter gab, da er emporflog in das Blau? >Willst du den Himmel finden, dann geh in die Sonne!< Das tu ich, Dietwald. Ich _suche_ am Leben die Sonne, und in den unvermeidlichen Schatten trag ich die Helle, so gut ich es vermag. Da fließt mir jeder Tag wie ein schönes Gottesgeschenk. Ich freue mich jeder Blume, die auf meinem endenden Wege blüht. Und schickt mir Gott mit aller Freude zuweilen auch einen Schmerz, dann trag ich ihn und such ihn zu verwinden. Aber ich frage nicht: _warum_ ich leide.« Er legte die Hand auf des Paters Schulter und fügte lächelnd bei: »Daß ich leide, genügt mir! ^Homo sum^, Dietwald, ^homo sum^!«
Desertus hatte den Kopf an die Mauer seiner Klause gelehnt, hielt die Hände im Schoß verschlungen, und während er durch die schwankenden Zweige der Buchen, an denen die Blätter schüchtern sproßten, emporblickte zum blauen Himmel, perlten langsame Tropfen über seine bleichen Wangen -- die ersten Tränen nach langen Jahren.
Herr Heinrich schwieg eine Weile. Dann sagte er: »Verzage nicht, Dietwald! Auch _dein_ Falter wird noch fliegen. Flog er in fünfzehn Jahren nicht, gib acht, er fliegt im nächsten!«
»Fünfzehn Jahre!« glitt es leise von des Paters Lippen. »Und mir ist, als wäre es gestern gewesen, als läge dazwischen nur eine einzige Nacht, eine lange, bange, grauenvolle Nacht, nach der kein Tag mehr kommen will!« Die Hände des Propstes fassend, rief er in heißem Flehen: »Herr Heinrich, hebet mich empor zu Euch, dorthin, wo Sonne ist! Seht mich an! Ich habe gekämpft und gerungen, bis alle Kräfte mir versiegten. Und ich fand auch Stunden ruhiger Ergebung. Als Ihr erkanntet, daß die Enge der Zelle mich erdrückte, und als Ihr mich hierher gesandt in diese herrlichste Kirche Gottes, da ward es still in mir, während der Föhn mich umrauschte und draußen im See mein Einbaum gegen die Wellen kämpfte. Und nun alles, alles wieder verloren!« Seine Augen glühten, und seine Stimme verrann in dumpfem Murmeln. »Verloren seit vier Tagen! Und Pein ist, was ich fühle! Sehnsucht, was ich denke! Verlangen, was ich sinne! Ein Gespenst ist mir erschienen --«
Herr Heinrich erschrak. »Dietwald!«
»Ein Gespenst, wie aus der Asche gestiegen, und dennoch Fleisch und Blut, mit meines Weibes Haar, mit meines Weibes Augen, mit dem holden Kindermund, der mir gelächelt in Liebe.«
»Dietwald!« Herr Heinrich sprang auf und rüttelte den Arm des Chorherren. »Deine Sinne taumeln und dein Geist ist krank. Was dir das Herz erfüllt, tritt in die Lüfte. So fing es bei vielen an. Einer wurde heilig und hundert wurden Sünder, eidvergessene Schelme. Greife nach einem Halt, oder du bist verloren! Ich muß dir Arbeit geben. Die Angel zu ködern für Hecht und Ferch, das taugt dir nicht.«
»Herr!« stammelte Pater Desertus. »Ich soll fort von hier?«
»Höre mich an! Kaiser Ludwig will mit dem Papst verhandeln. Es zwingt ihn die Not. Und er will einen Priester senden, doch einen, der ein deutsches, ritterliches Herz unter seiner Kutte trägt. Er fragte mich um Rat. Ich hatte an dich gedacht. Nun will ich, daß du gehst. Und ich hoffe, daß ich mich in dir nicht täusche.« Herrn Heinrichs Worte klangen, als schlüge Stahl auf Stein.
Über das Gesicht des Chorherren glitt eine matte Röte; er richtete sich auf. »Wann soll ich reisen, Herr?«
»Du wirst es erfahren. Und in andere Luft sollst du mir noch heut! In kühlende Gletscherluft! Begleite mich! Was stehst du noch? Rasch, Dietwald! Schürze deine Kutte, nimm das Griesbeil und den Basthut!«
Pater Desertus trat in die Klause.
Herr Heinrich blickte ihm nach mit sorgenvollen Augen. »Gespenster sieht er? Warte nur, wir wollen sie jagen!«
Zur Bergfahrt gerüstet, kehrte Desertus zurück.
Als sie den Wildbach entlang gingen, kamen sie zu einer Stelle, an der sich über moosigem Grund eine Bucht mit spiegelndem Wasser gebildet hatte.
»Herr Heinrich!« sagte Pater Desertus und deutete in das Wasser.
»Was soll ich sehen?«
»Diese beiden: der eine trägt das Kleid der Kirche, der andere das Lederwams, die Armbrust und das Weidgehenk. Welcher von den beiden ist der Priester?«
Herr Heinrich lächelte. »Ich sehe nur zwei Menschenköpfe, der eine grau, der andere noch schwarz.«
Dem Pater voran überschritt er sicheren Ganges den schwankenden Steg.
14.
Bei Einbruch der Dämmerung erreichten die Bergfahrer das Steintal in der Röt. Sie hatten im Almenwald die Bärenfährte auf dem Steig gefunden und die Spur, obwohl sie auf dem schneefreien Waldgrund nur mühsam zu erkennen war, über eine Stunde weit verfolgt -- Desertus allen anderen voran. Ein übles Los hatte Frater Severin dabei gezogen; er fand den Mut nicht, allein auf dem Steig zu warten, so trollte er seufzend und keuchend hintennach, über Felsblöcke und Wurzelknorren, über Steinlöcher und Windbrüche.
Die Richtung der Fährte versprach Herrn Heinrich keine Jagd; der Bär hatte sich talwärts gegen den See gewendet.
Als der Propst, Herr Schluttemann und Pater Desertus den Steig wieder erreichten, mußten sie geraume Weile auf Frater Severin warten. Endlich kam er, und Herr Heinrich fand in des Fraters Aussehen alle Ursache, um zu sagen: »Bruder, ich schätze dich schon um fünf Pfund leichter. Gelt, das ist gesünder, als im Kellerstübl hocken und die neuen Fässer kosten?«
»Wenn Ihr es sagt, muß es wohl wahr sein!« klagte Frater Severin und suchte an dem Kuttenärmel einen noch trockenen Fleck für seine Stirn. Im Weiterschreiten sandte er einen jammervollen Blick zum Himmel und seufzte: »Das Kellerstübl!« Wie war es dort so schön, so kühl! Und durch die offene Tür sah man den schier endlosen Keller mit den vom Zwielicht umwobenen Fässern, die in Reih und Glied lagen, eine stattliche Armee von Sorgenbrechern. Besaß doch das Stift Berchtesgaden in der Umgebung von Krems und Klosterneuburg zahlreiche Weingüter: im Tailland, auf der Frechau, zu Oberndorf, Eisentür, Armstorf, Wank, Sattelsteig, Mörtal, Rechberg und Stein! Frater Severin war in keiner Litanei so sattelfest wie in der Kunde dieser seinem Ohr so lieblich klingenden Namen. »Rechberg und Stein!« Das Beste hob er sich immer für zuletzt auf; und der Klang dieser beiden Worte stimmte ihn so träumerisch, daß er, des Weges nimmer achtend, über ein Felsloch stolperte und seine Nase nur mit knapper Not vor einem unsanften Kuß der Mutter Erde bewahrte.
Wie eine Erlösung aus dem Fegfeuer begrüßte er bei Einbruch der Dämmerung den Anblick der beiden Jagdhäuser; es war wohl immer noch eine halbe Stunde zu steigen, aber er sah doch wenigstens die winkende Ruhe vor Augen.
Herr Heinrich, der gleichmäßigen, berggewohnten Ganges den anderen voranschritt, verhielt plötzlich den Fuß. »Mir ist, als hätt ich einen Ruf gehört.«
Sie blieben alle stehen und lauschten. Da klang es von der Höhe des Steintales nieder, von dort her, wo die Hütten standen, mit langgezogenem angstvollem Ruf: »Hoidoooh!«
»Eine Mädchenstimme!« sagte Desertus. »Und sie klingt wie der Schrei eines verzweifelten Herzens.«
»Dort oben ist jemand in Not! Lasset uns rascher ausschreiten! Vorwärts! Vorwärts!« befahl Herr Heinrich.
Als sie eine gute Strecke Weges weiter emporgekommen waren, klang abermals der Ruf: »Hoidoooh! Hoidoooh!« Trotz der Dämmerung nahm Herr Heinrich mit seinem scharfen Auge auf einem vorspringenden Fels unfern der Jagdhütte die Gestalt des rufenden Mädchens wahr. Er höhlte die Hände um den Mund und gab den Ruf zurück.
Das Mädchen mußte den Ruf vernommen haben, denn man hörte einen Schrei, wie in Freude und doch in Jammer, und dann, vom Winde herabgetragen, die gellenden Rufe: »Leut! Leut! Um Gottes willen, da her, da her! Hoidoooh!«
»Diese Stimme!« murmelte Desertus. »Ich habe sie schon gehört!« Und den anderen voran eilte er, so rasch es der steile Weg gestattete, durch die Sunke des Tals empor. Herr Heinrich hielt sich nahe hinter ihm, Herr Schluttemann blieb keuchend zurück, Frater Severin rang atemlos die Hände und fiel auf einen Steinblock nieder.
Als Desertus den Fuß der letzten Höhe erreichte, kam Gittli mit jammernden Worten ihm entgegengestürzt.
»Sie ist es!« stammelte er, und drückte, den Schritt verhaltend, die zitternde Faust auf seine Brust.
Nun stand sie vor ihm; wirr hingen ihr die Haare um das bleiche, von Angst verstörte Gesicht. Sie wollte sprechen, da erkannte sie ihn und erschrak. Sie machte eine Bewegung, als hätte sie fliehen mögen; aber die Sorge um jenen anderen bannte in ihr die Furcht vor diesem einen. Schluchzend fiel sie vor ihm nieder und schrie: »Helfet ihm! Helfet ihm!«
Er hob sie auf. »Wem soll ich helfen? Rede, Mädchen, rede doch!«
Da klang die Stimme Herrn Heinrichs: »Was ist geschehen?«
Gittli riß sich aus den Händen des Chorherren, eilte dem Propst entgegen, umklammerte seine Hand, und während sie ihn mit sich fortzog, zur Jagdhütte, klagte sie: »Ach, guter, lieber Herr, schauet, ich bitt Euch, helfet ihm, er muß versterben!«
»Wer, Mädchen, wer?«
»Der Haymo, der Haymo!«
»Mein Jäger? Was ist mit ihm? Ist er gestürzt?«
»Nein, nein, viel ärger noch! Es hat ihn --« Ihre Stimme erlosch; sie durfte nicht reden, sie hatte geschworen! »Ich weiß nit, weiß nit,« schrie sie auf, »ich hab ihn gefunden und hab ihn heimgebracht, gestern, und er hat so gut geschlafen die ganze Nacht. Und heut in der Früh, da hat er noch gern genommen, was ich ihm gekocht hab. Zu Mittag aber, da hat er angefangen, hat schiech geredet, hat um sich geschlagen, und allweil hat er aufspringen und fort wollen. Ich hab ihn gebittet und gebettelt, daß er sich halten soll und den Arm nit rühren. Und schauet, mit zwei Händ hab ich ihn heben und zwingen müssen. Und auf einmal ist er weggefallen, daß ich schon gemeint hab, er verlischt wie ein Licht. Und so liegt er noch allweil. Und einmal war ich bei ihm, und das andermal wieder bin ich hinausgelaufen und hab geschrien und geschrien, weil ich gemeint hab, es müßt und müßt wer kommen! Ach, was hab ich ausgestanden!«
Sie hatten die Hütte erreicht; Gittli eilte voran, Herr Heinrich und Desertus folgten. Auf dem Herde brannte ein flackerndes Feuer.
»Schauet her,« stammelte Gittli, »da liegt er und tut keinen Rührer nimmer!«
Herr Heinrich trat an das Lager. »Licht, Dietwald, Licht!« Desertus riß ein zur Hälfte brennendes Scheit aus dem Feuer und hob es über das Bett. Während Herr Heinrich den Kranken zu untersuchen begann, zog Gittli sich scheu in einen Winkel zurück; dort stand sie mit angstvollen Augen, die zitternden Hände am Mund.
»Was ist das? Ein Wundverband?« Herr Heinrich richtete sich auf. »Hast du ihn angelegt?«
»Ja, Herr! Weil er geblutet hat!«
Jetzt stolperte Herr Schluttemann keuchend über die Schwelle. »Was gibt's? Alle Wetter! Was gibt's? Was gibt's?«
»Seht nach, Herr Vogt, ob unsere Leute noch nicht kommen,« sagte Herr Heinrich, »ich brauche das Kästlein mit Verband und Balsam.«
»Was fehlt dem Bursch?«
»Das werdet Ihr erfahren, wenn ich selbst es weiß. Geht!«
Herr Schluttemann war beleidigt und verschwand. Der Propst beugte sich wieder über Haymo. »Er schläft,« sagte er nach einer Weile zu Desertus, »sein Herzschlag ist matt, aber ruhig, sein Atem gleichmäßig. Er mag einen schweren Anfall von Wundfieber überstanden haben und liegt nun in der Betäubung der Schwäche. Ich sehe keine Gefahr.«
Gittli faltete die Hände und rührte stumm die Lippen.
»Du dort, komm her!« rief Herr Heinrich ihr zu. »Wie heißt du?«
»Gittli!«
»Komm her, Gittli! Und sag mir, was du alles getan hast zu seiner Hilfe.«
Zögernd kam sie näher, und nun erkannte er sie. »Warst du nicht vor wenigen Tagen beim Vogt? Du bist die Schwester Wolfrats, des Sudmanns?«
Gittli zuckte zusammen.
»So komm doch näher und rede! Was hast du für meinen Jäger getan?«
Die Hände zitternd, die Augen zu Boden gesenkt, gab sie mit stockenden Worten Bericht. Aufmerksam hörte Herr Heinrich zu, und Pater Desertus hing wie gebannt an Gittlis Zügen.
Als sie geendet hatte, blickte sie mit scheuer, stummer Frage zu Herrn Heinrich auf, als wollte sie sagen: »Hab ich auch nichts schlecht gemacht?«
Da kam Herr Schluttemann zurück. »Die Leut sind da, ^Reverendissime^, hier ist das Kästl!«
Herr Heinrich nahm es. »Erwartet mich draußen und laßt mir niemand in die Stube! Frater Severin --«
»Er ist noch immer nicht da.«
»Wenn er kommt, soll er rasten und Atem schöpfen, dann soll er die Herrenhütte instand setzen. Der Walti mag hier bleiben, die vier Knechte sollen in den Almhütten nächtigen und morgen beizeiten wieder hier sein.«
Herr Schluttemann ging, und man hörte, wie er draußen mit den Knechten umschrie, als hätten sie Wunder was verbrochen. »Und morgen vor Tag seid ihr wieder da!« schloß er sein donnerndes Kapitel. »Oder ich reiß euch die Ohren vom Kopf weg! Wurzweg!«
Je lauter er geschrien hatte, desto kleiner war Gittli geworden, desto tiefer hatte sie sich in ihren Winkel gedrückt.
Herr Heinrich entnahm dem Kästlein, was er brauchte, um einen neuen Verband anzulegen. Als er die mit Harz verklebte Leinwand von der Wunde löste, streckte sich Haymo stöhnend, schlug die Augen auf und schloß sie wieder.
»Dietwald, sieh her,« rief Herr Heinrich erregt, »das ist keine Wunde, wie ein fallender Stein sie schlägt, oder wie man sie bei einem Sturz erhalten kann. Das ist ein Stich, ein Messerstich! Der Mann ist überfallen worden. Das hat ein Raubschütz getan, den der Jäger fassen wollte. Mädchen! Komm her zu mir!«
Gittli zitterte an allen Gliedern.
»Aber so komm doch! Sag mir: wo hast du ihn gefunden?«
»Draußen,« lispelte sie mit versagender Stimme, »vor der Hütte.«
»Weit von hier?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Und wie kam es, daß du ihn fandest?«
Ratlos, mit angstvollen Augen, schaute sie zu Herrn Heinrich auf.
»Aber so rede doch! Ich will wissen, was dich zu der Stelle führte, an der du ihn fandest. Was hattest du hier oben zu schaffen?«
Sie schlug die Hände vor das Gesicht.
»Ich bitt Euch, Herr Heinrich, quälet das Kind nicht!« sagte Desertus mit schwankender Stimme. »Ich glaube den Grund zu kennen, der sie hierher geführt. Gestern in der Nacht starb im Haus ihres Bruders ein Kind.«