Der Klosterjaeger: Roman aus dem XIV. Jahrhundert
Part 10
»Aber geh, Bauer, so lach doch mit! Denn jetzt paßt alles zueinander. Mein Kind hat nichts davon haben sollen, als nur den halben Schilling für die ewige Liegerstatt und um einen Heller Farb auf dem Brett, und dein Weib soll nichts haben davon, und es hätt auch nit sein müssen ums Lehent! Nur grad, daß ich die roten Händ davon hab! Alles umsonst! Aber gelt Bauer, es wird halt so sein müssen! Warum? Da kannst du lang drum fragen!«
»So red doch nit daher wie ein Unsinniger! In meinem Kopf schaut es eh schon aus wie in einem Grillenhaus.«
Da klang vom Hause her Zenzas scharfe Stimme: »Vater!«
»Ja, ja, ich komm schon!« rief der Eggebauer und wandte sich wieder zu Wolfrat. »Mir graust, weil ich nur wieder hinein muß ins Haus! Ich sag dir's, Polzer, mir graust vor einer jedweden Stund! Und wenn eins anfangt, kommt gleich alles übereinander. Ich hätt schon genug an dem Weib, und jetzt fangt das Mädel auch noch an und dreht den Daum auf, heult in einem fort, oder schreit und haut alles kurz und klein, was ihr in die Händ kommt, als wär seit gestern eine Hex in sie gefahren. Ich sag dir's, Polzer, jedes Stück Vieh in meinem Stall hat's besser als ich, der Bauer. Umeinander steh ich wie eine Sulz, an der alles zittert, wenn einer mit dem Finger dran hinrührt. Mir schmeckt kein Bissen mehr und kein Trunk. Da schau her!« Der Eggebauer stieß die Faust hinter seinen ledernen Gurt. »Schau! Zwischen Gurt und Bauch fahrt mir schon bald ein Wagen durch. Polzer, Polzer! Es muß doch wahr sein: man soll die Händ von allem lassen, was nit richtig ist. Was hast du davon? Nichts, nichts, nichts -- als daß dir's den guten Schlaf vertreibt und den schlechten Magen bläht!«
»Gelt? Kommst auch schon drauf?«
Und während Wolfrat lachte mit bleichen Lippen, kugelten dem Eggebauer dicke Zähren über die schwammigen Backen. Der Bauer fuhr sich mit dem Ärmel über die Nase. »Was ist denn, ist dein Mädel schon wieder heimgekommen?«
»Ich weiß nit.«
»Wenn du was hörst, wie's droben ausschaut, so komm und sag mir's!«
Wolfrat nickte; dann gingen sie auseinander.
Als der Sudmann in seinem Haus die Stube betrat, sprang ihm Lippele jubelnd entgegen; der Bub hatte dem Vater eine große Neuigkeit zu melden: in der Scheune begännen zwei >wutzikleine, butziliebe Vogerln< ihr Nest zu bauen.
»So, so?« sagte Wolfrat und strich die zitternde Hand über den Kopf seines Buben. »Nachher geh nur, Lippele, und schau ihnen zu und paß recht auf! Da kannst du dir auch einmal ein Nestl bauen!« Er schob den Knaben zur Tür hinaus.
Kaum war der Bub verschwunden, da richtete Sepha im Bett sich hastig auf. Alle Angst ihres Herzens zitterte in ihrer Stimme: »Polzer? Hat dich schon einer drum angeredet?«
Er schüttelte den Kopf. »Es kann noch keiner drum wissen.« Als wären ihm alle Glieder gebrochen, so ließ er sich auf den Rand des Bettes nieder. Sie faßten sich bei den Händen und sahen sich stumm in die Augen. Wolfrat ließ den Kopf auf die Brust sinken, und Sepha weinte leise vor sich hin.
Nach einer Weile fragte sie: »Wo liegt's denn?«
»Bei der Mauer im Eck.«
Wieder nach einer Weile: »Hast du das Brettl mit heimgebracht?«
Er nickte.
»Geh, laß mich's anschauen!«
»Wozu denn? Schau, Seph, was hast du denn davon? Nur daß du dich kümmern mußt!«
»Ich möcht's aber sehen! Mehr hab ich eh nimmer von ihm als das Brettl.«
Er ging und holte das Totenbrett. »Gelt, schön hat er's gemacht?«
Sie wischte sich die Tränen aus den Augen, um besser sehen zu können. Mit beiden Händen hielt sie das kleine Brett vor sich hin; um seinen Rand war ein Kränzl gemalt, welches blühende Schneerosen vorstellen sollte; in der Mitte stand, blau und rot, der Name -- und darunter ein schwarzes Kreuz. Mit brennenden Augen starrte Sepha die Zeichen an, die sie nicht lesen konnte, von denen sie nur wußte, was sie bedeuten sollten. »Mariele! Mariele!« Aufschluchzend drückte sie das Brett an ihr Herz und umschlang es mit den Armen.
Abermals verging eine lange, stumme Weile. Dann fragte Wolfrat: »Wie nimmt's denn der Bub auf? Hat er schon einmal gefragt nach ihr?«
Sie schüttelte den Kopf. »Mein Gott, ein Kind! Ich glaub, er spürt's gar nit, daß eins fehlt im Haus.«
»Könnt eins doch allweil ein Kind bleiben! Da ist jeder Tag ein ganzes Leben. Nachher schlafst du und fangst wieder ein neues an.« Wolfrat erhob sich und stieß die Kammertür auf; als er den Raum leer fand, fuhr ihm ein Fluch über die Lippen.
»Polzer, Polzer!« stammelte Seph. »So sei doch froh, daß die Dirn noch allweil nit daheim ist. Ich mein', das wär ein gutes Zeichen. Sie wird ihn lebendig gefunden haben. Polzer, Polzer! Wenn das wahr sein könnt! Wenn er davon käm! Wär das ein Glück!« Schluchzend hob sie die Hände gegen den Himmel. »O du grundgütiger Herrgott, schau, nur grad das Einzige tu für uns!«
»Ja, ja, nur grad das Einzige!« fiel Wolfrat mit heiserem Lachen ein. »Daß er wieder aufkommt, daß er herstehen kann vor mich und den Arm strecken und sagen: >Der da war's!< Wär das ein Glück! Geh, Seph, brauchst dich nimmer sorgen, es wird schon so kommen. Die Dirn wird schon helfen dazu. Und wenn sie ihn lebig gefunden hat, wird sie ihn hascheln und päppeln, und wird reden für ihn und wird's halten mit ihm gegen uns.«
»Polzer! Wie kannst du so von deiner Schwester reden?«
»Schwester!« lachte Wolfrat zornig auf. »Ich hätt gemeint, sie wär angewachsen an uns. Aber Blut ist Blut. Sie will hoch hinaus. Hat sich aber doch vergriffen. Wenn er auch gleich eine Feder auf der Kappen tragt und ein Schießzeug führt wie ein Herrischer, er ist halt doch nur ein Knecht.« Wieder lachte er. »Sie soll ihn haben! Und wenn sie drinsitzt in seiner Keuschen, nachher sag ich ihr's.«
Sepha schaute ihn mit großen Augen an; sie verstand nicht, was er redete. »Was, Polzer, was willst du ihr sagen?«
Er wandte sich ab und tat, als hätte er ihre Frage nicht gehört.
»Polzer?«
»Laß mich in Fried mit der Dirn! Sie hat mein Brot gegessen und schickt mir zum Vergeltsgott den Freimann über den Hals.«
»Jesus!« schrie Sepha auf, griff mit beiden Händen zum Herzen und fiel erblassend in die Kissen zurück.
Er stürzte erschrocken zu ihr. »Seph, um Gottes willen, was hast du?«
»Völlig ungut ist mir worden!« sagte sie mit matter Stimme und umklammerte seine Hand.
»Schau, Seph! Tu mir's zulieb, nimm mir doch grad die Sorg um deintwegen von der Seel! Der Krank in dir wird ärger mit jeder Stund. Schau, wenn du dich überwinden könntst und tätst die Schweißbluh nehmen?«
»Und wenn's um mein ewiges Leben wär, Polzer, ich tu's nit! Lieber soll's mit mir ein End haben beim nächsten Schnaufer!«
Er atmete tief und erhob sich.
»Schau nach der Zeit, Polzer,« sagte sie, »du mußt ins Sudhaus. Und das Brettl mußt du auch noch aufstellen.«
Er nahm das Totenbrett, suchte einen Hammer hervor und wollte die Stube verlassen. Unter der Tür wandte er sich wieder, löste einen hölzernen Pflock aus der Lehmwand und zog den Lederbeutel mit der Schweißbluh aus der Vertiefung hervor.
»Was willst du damit?« fragte Sepha ängstlich.
»Wegschaffen muß ich's! Ich kann's doch nit in der Mauer drin verfaulen lassen.«
Nun ging er. Vor der Haustür blieb er stehen. »Miez, Miez!« rief er. Aus der Scheune kam eine graue Katze herbeigesprungen. Ihr warf er den Inhalt des Beutels vor. »Für die Katz! Alles für die Katz!«
Er stand und sah dem Tiere zu, wie es gierig über die Brocken herfiel. Je hastiger es fraß, je besser ihm das Gericht zu munden schien, desto finsterer wurde Wolfrats Blick, desto mehr machte ihm ein heiß aufsteigender Zorn die Adern an den Schläfen schwellen. Und als die Katze das Letzte aus dem Sande leckte, schwang Wolfrat den Hammer: »Sollst du allein was haben davon?« Er warf. Klagend machte das getroffene Tier einen verzweifelten Sprung und lag verendet auf der Erde.
Da kam Lippele um die Ecke gesprungen. Hastig griff Wolfrat zu und verbarg die tote Katze unter seinem Janker; er hätte sie gerne wieder lebendig gemacht; das Tier war seines Buben Liebling und Spielkamerad gewesen.
Mit raschen Schritten ging er dem Hag zu und trat auf die Straße. Scheu blickte er sich um und warf die Katze in den vorbeirauschenden Seebach.
Dann schlug er neben der Zauntür das Totenbrett des Kindes, die bemalte Seite gegen die Straße gewendet, mit dem Hammer aufrecht in die Erde. Es sollte jedem vorüberwandernden Menschen sagen: »Bet ein Vaterunser, hier ist der Tod gewesen und hat sich wieder auf den Weg gemacht nach einem andern Haus. Bet, bet, vielleicht bist du der nächste!«
Als Wolfrat den letzten Hammerschlag getan, ging Zenza auf der Straße vorüber. Sie sah weder den Sudmann noch das Brett; finster blickte sie vor sich hin auf die Erde.
»Bet, bet,« sagte das Totenbrett, »vielleicht bist du die nächste!«
Wolfrat warf den Hammer über den Hag und wollte sich auf den Weg nach dem Sudhaus machen. Die Pfannen mußten vorgeheizt werden, wenn der Sud mit dem kommenden Werktag wieder in vollem Gang sein sollte.
Da gewahrte Wolfrat, daß er auf der Seite, auf der er die erschlagene Katze getragen hatte, von der Brust bis zum Knie mit Blut betropft war. »Mensch oder Katz, es bleibt halt allweil was hängen an einem!« Er stieg zum Ufer der Ache hinunter, um sich zu reinigen. Ein paar Hände voll Wasser, und die Flecken waren getilgt. »Ob's wohl für das ander auch ein Wasser gibt?«
Als er wieder hinaufstieg zur Straße, hörte er Hufschlag. Er wollte dem Zug, der sich näherte, nicht begegnen und sprang hinter ein Gebüsch.
Mit heiterem Geplauder zogen sie vorüber: voran Herr Heinrich von Inzing, der Propst des Klosters, und Herr Schluttemann, beide zu Pferde; hinter ihnen Frater Severin mit geschürzter Kutte, den Bergstock führend; an seiner Seite Walti mit vollgepfropftem Rucksack; dann noch vier Klosterknechte mit schwer beladenen Kraxen.
»Der Haymo wird Augen machen, wenn er uns kommen sieht!« sagte Frater Severin, als er an dem Gebüsch vorüberschritt, hinter welchem Wolfrat stand. »Ich freu mich schon auf ihn! Weißt du, Bub, ein Gärtner hat allweil die Sonn gern, und sie scheint so warm in Haymos Augen!«
»Möcht wissen, warum er gestern gefehlt hat beim Ostertanz?« sagte Walti. »Ich hab ihm eine Botschaft bringen wollen und hab gewartet --«
Das Rauschen der Ache verschlang die Worte der Weiterschreitenden.
Wolfrat kam hinter dem Gebüsch hervor und sah den Verschwindenden nach.
»Jetzt hebt sich der Hammer über der Katz!« Er griff mit beiden Händen nach seinem Kopf.
13.
Herr Heinrich von Inzing fuhr zu Berge, um den balzenden Auerhahn zu jagen. Er hatte das Kleid des Priesters gegen ein ritterliches Jagdgewand vertauscht, trug um die Hüften das Weidgehenk und die Armbrust hinter dem Rücken. In gleicher Weise war Herr Schluttemann bewaffnet; aus seinen rollenden Augen aber blickte kein Schimmer froher Jägerlaune; Frau Cäcilia, die ihn notgezwungen für eine Woche aus ihrem Zaum entlassen mußte, hatte ihm einen Abschied bereitet, der auf eine für acht Tage voll ausreichende Wirkung bemessen war.
Eine Probe dieser Wirkung bekamen an der Seelände die beiden Fischerknechte zu spüren, die in einem weitbauchig gezimmerten Kahn auf den Propst und sein Gefolge warteten. Sie hatten nach der Meinung des Vogtes den Boden des Schiffes nicht genügend gesäubert, und so fuhr unter Herrn Schluttemanns Schnauzbart hervor ein Donnerwetter auf sie nieder, daß sie die Köpfe duckten wie Hirschkälber, wenn ihnen der erste Schnee auf die Luser fällt.
Walti und die vier Knechte wurden beordert, den Weg nach der Röt über die Almen zu nehmen. Frater Severin wollte sich ihnen anschließen. »Die Leut tragen kostbare Sachen auf dem Buckel,« meinte er, »es muß einer dabei sein, der ein Aug auf sie hat.«
»Nein, Bruder, komm nur mit uns!« lächelte Herr Heinrich. »Die Leute gehen zu langsam für dich. Du mußt wacker ausschreiten, damit du Fett verlierst, sonst fällt dir im Garten das Bücken schwer.«
Frater Severin seufzte und ergab sich in sein schweißtreibendes Schicksal.
Das Boot stieß in den See, dessen schimmernden Spiegel kein Lufthauch trübte. Die Tropfen, die von den plätschernden Rudern fielen, glitzerten in der Sonne wie Edelsteine; alle Berge waren von Duft umwoben; über die grauen, hochgetürmten Felswände und durch den immergrünen Bergwald zogen sich die schäumenden Sturzbäche hernieder gleich silbernen Adern.
»Sagt, Herr Vogt,« und mit genießenden Augen blickte Herr Heinrich umher, »wo in aller Welt noch steht ein Kloster, dessen Fürst sich eines Münsters rühmen kann, wie ich es besitze: die Säulen der Wände für die Ewigkeit gebaut, die Fliesen ein einziger Smaragd, und als Dach der Himmel mit Gottes leuchtendem Auge.«
Herr Schluttemann ließ ein Gebrumm vernehmen, das seine Zustimmung kundgeben sollte. Im Hinterteil des Schiffes seufzte Frater Severin: »Gottes Auge hat einen heißen Blick, >Gottes Güte< wär kühler.« Er tauchte die Hand in das kalte Wasser und benetzte seine Stirn.
Die Fischerknechte wollten die Richtung mitten durch den See nach der Fischunkel halten, von der aus der kürzeste Weg in die Röt emporführte. Herr Heinrich aber befahl ihnen: »Zur Seeklause, wir nehmen den Aufstieg von dort!«
»^Reverendissime^«, wandte Herr Schluttemann ein, »das ist aber ein teuflischer Umweg!«
»Den Umweg kenn ich, doch ist mir der Teufel noch nie auf ihm begegnet.« Lächelnd blickte Herr Heinrich zu Frater Severin zurück. »Wir gehen den minder steilen Weg, dir zuliebe. ^Festina lente^, sagte der Heide Augustus -- du sollst sänftiglich vom Fleische fallen.«
»Ach, Herr Heinrich,« klagte Frater Severin, »ich könnt Euch erwidern mit einem Heidenwort: ^Naturam expellas furca, tamen usque recurret!^ Aber wie kann Heidenweisheit ein Trost sein für einen guten Christen. Und da mir geschah, wie Lukas, der Evangelist, Kapitel 6, Vers 38 prophezeite: Ein gutes, ein gedrückt volles Maß wird euch in den Schoß gegeben -- so wollet bedenken, Herr Heinrich, daß der heilige Johannes in seiner Offenbarung, Kapitel 2, Vers 25 befiehlt: Und was ihr habt, das sollt ihr bewahren!« Sorgend legte er die Hände über sein Bäuchl.
Herr Heinrich lachte; Vogt Schluttemann aber dachte an Frau Cäcilia: _auch_ ein gedrückt volles Maß, das er bewahren mußte!
Knirschend fuhr das Boot in sandig verlaufendes Ufer, das durchbrochen war vom Bett eines schäumenden Baches. Herr Heinrich, der Vogt und Frater Severin stiegen ans Land, und die Fischerknechte stießen den Kahn in den See zurück, um die Heimfahrt anzutreten.
»Steiget nur immer voran und wartet meiner auf der Höh!« sagte Herr Heinrich.
Der Vogt und Frater Severin überschritten auf schwankendem Stege den Wildbach und verschwanden auf dem jenseitigen Ufer im sanft ansteigenden Bergwald. Herr Heinrich ging den Wildbach entlang, bis er eine aus Steinen erbaute, an eine hohe Felswand angelehnte Klause erreichte. Er öffnete die Tür; die Klause war leer.
»Dietwald!« rief er mit lauter Stimme; niemand zeigte sich. »Sollte er hinausgefahren sein zum Fischfang?« Nein, der Einbaum lag an das Ufer gezogen. Herr Heinrich folgte einem schmalen Fußpfad. Immer näher trat die ragende Felswand an den Wildbach heran, von der andern Seite näherte sich der Bergwald, so daß eine enge Schlucht gebildet wurde, auf deren Grund die schäumenden Wasser in tief zerrissenem Bett mit ohrbetäubendem Lärm hinwegrauschten über mächtige Steinklötze und zerschmetterte Baumstämme. Wo die Schlucht ein Ende nahm, stürzte der Bach aus schwindelnder Höhe hernieder in ein von siedendem Schaum erfülltes Becken, das der fein zersprühende Wasserstaub, von einem Sonnenstrahl durchleuchtet, mit buntfarbigem Schimmer überwob. Neben dem Wasserfall zeigte sich an der Felswand der Eingang einer Höhle, vor der ein hohes steinernes Kreuz errichtet war, schon grau verwittert und halb überzogen von gelblichem Moos.
Dem Kreuz zu Füßen, auf einem Holzblock, saß Pater Desertus, der Fischmeister des Klosters. Er hielt den einen Arm auf das Knie gestützt und das Haupt auf die Hand geneigt; mit der andern Hand nahm er von dem dürren Astwerk, das der Wildbach an das Ufer geschwemmt hatte, einen Zweig und warf ihn in das wirbelnde Wasser; verloren in Gedanken, schaute er zu, wie der Strudel den Zweig verschlang, wie ihn die Wellen mit sich fortrissen. Dann nickte er vor sich hin und warf einen anderen Zweig.
Er hörte vor dem Rauschen des Wassers die nahenden Schritte nicht und blickte betroffen auf, als er eine Hand auf seiner Schulter fühlte. »Herr Heinrich?« Grüßend neigte er das Haupt und erhob sich.
»Was treibst du hier?« fragte lächelnd der Propst.
»Das Spiel meiner Tage.«
Herr Heinrich betrachtete den Chorherren ernst und schüttelte den Kopf. Dann sagte er: »Komm, laß uns zur Klause gehen, hier hört man kaum den Klang des eigenen Wortes.«
Er wanderte den Pfad zurück, und Pater Desertus folgte. Vor der Klause ließen sie sich auf die Steinbank nieder. Warm schien die Sonne über ihnen, das gemilderte Rauschen des Wildbachs tönte wie Musik, draußen lag der glatte See, wie grüne Seide schimmernd, und über die steilen Wände, die ihn umzogen, hoben der Wazmann und die sieben Wazmann-Kinder ihre weißen Zinken in das reine Blau des Himmels.
»Ein schönes Plätzchen!« sagte Herr Heinrich. »Hier bist du wohl gerne?«
»Ja, denn ich lebe und störe doch die Freude keines anderen Menschen. Aber sagt, was führt Euch zu mir?«
»Muß ich nicht zu dir kommen, da du mich zu meiden scheinst?«
»Ich tu es um Euretwillen. Mein Blick verjagt das Lächeln, und Ihr lächelt gerne.«
»Ja, Dietwald, seit ich erkennen lernte, daß Weinen zwecklos ist. Doch lassen wir das. Ich bringe dir einen Gruß.«
Langsam hob Pater Desertus das Gesicht. »So lebt noch ein Mensch, der Ursach hätte, meiner zu denken?«
»Der Kaiser!«
Über das bleiche Antlitz des Chorherren flog eine heiße Röte, und es zuckte durch seine Glieder, als stünde ein Roß vor ihm, das es zu besteigen gälte, als hinge ein Schwert in der Luft, das er fassen müßte. Doch rasch ging diese Regung vorüber; er legte die Hand auf das Kreuz an seiner Brust und sagte mit versinkender Stimme: »Ich danke für den Gruß. Grüßet Herrn Ludwig wieder!«
»Er hat mir einen Brief geschrieben, ach, von Sorgen schwer! Sie setzen ihm bitter zu in Avignon und schüren ihm Zwietracht an allen Ecken und Enden. Hätt er Kriegsmannen so viel, wie Sorgen, er hätt ein Heer, wie es noch kein Kaiser gesammelt. Und sieh, Dietwald, in allen Sorgen denkt er dein und läßt dich grüßen und fragt nach deinem Wohlergehen und hofft, daß dein Kummer sich gemildert hätte. Er hat dir den Tag von Ampfing nicht vergessen. Du hast ihm sein Reich erfechten helfen.«
»Und habe um jenes Tages willen mein eigen Reich verloren! Meiner Güter bestes! Allen Wert und alle Sonne meines jungen Lebens, mein Glück, meine Seligkeit!«
»Dietwald!« mahnte Herr Heinrich. »Darf so ein Priester sprechen?«
Pater Desertus hörte nicht; es loderte aus ihm hervor wie entfesseltes Feuer. »Wie war ich stolz an jenem Tag, als ich vor Ludwig stand, ein Sieger unter Siegern, mit stumpfgeschlagenem Schwert, der Glanz meiner Rüstung erloschen im Blut der Feinde! Wie ein Falk flog meine Seele, und mein Herz wie eine sehnende Taube nach ihrem Nest -- heim zu, heim zu! Neun Tage noch hält mich die Pflicht. Dann geht es heimwärts, wie im Sturm, Tag und Nacht durchreitend. Das Roß bricht unter mir. Schon im Sturze greif ich nach einem andern. Heim, heim, zu Weib und Kind! So hell und freudig hat mein Schlachtruf nie geklungen, wie dieser Jubelschrei meines Herzens. Bei grauendem Morgen erreiche ich den Bannwald meiner Burg. Jeder Baum, der an mir vorüberfliegt, ist mir ein Weiser zu meinem Glück. Nun ist Friede, nun darf ich ruhen. Ich sehe schon die heimliche Stube mit dem sonnigen Erker, sehe mich sitzen, mir zur Seite mein junges Weib, die von dunklem Gelock umflutete Wange an meine Schulter lehnend, zu mir aufblickend mit leuchtenden Augen. Und hier, auf meinem Knie, da schaukelt mein Knabe, macht große Augen und lauscht, denn ich erzähle vom Kaiser, von Fehde und Sieg. Und in der Wiege schlummert mein süßes Mädel und träumt in sein werdendes Leben hinein wie eine Knospe in den sonnigen Tag. Heim, heim, heim! Dort ist schon die Höhe im Wald, von der ich den Giebel meiner Burg erblicken muß. Ich spähe, spähe und spähe. Und sehe nichts. Hat sich mein Haus verrückt? Hat sich der Wald verwachsen? Ein zitterndes Ahnen befällt mich, ich peitsche mein Roß, ich reite, reite. Dort ist der Saum des Waldes, jetzt hab ich ihn! Ich hebe mich auf im Sattel, mein Blick fliegt über das Tal. Und ich sehe -- sehe --«
Schaudernd schlug er die Hände vor das Gesicht, und seine Stimme erlosch in dumpfem Stöhnen.
»Dietwald!« sagte Herr Heinrich tiefbewegt. »Kannst du deinem Herzen nicht gebieten, so gebiete deiner Zunge. Sie soll nicht nennen, was hinter dir liegt, seit du den Scheitel beugtest, um Gottes Knecht zu werden.«
Desertus hörte nicht. Er ließ die Arme sinken und starrte mit brennenden Augen ins Leere. Und dann, als stünde geisterhaft ein Bild vor ihm, deutete er vor sich hin: »Das? Das ist mein Glück? Ein Haufen Trümmer, glühende Steine und rauchendes Gebälk? Das war mein Haus? Es steht das Tor noch, mit dem Wappen darüber: der weiße Islandfalk im blauen Feld! Und das? Sind das die Tauben, die im Turm genistet? Tauben, die wie Raben krächzen, wie hungernde Geier schreien? Sie wittern das Futter. Wie die Äpfel um den Baum, so liegen die Leichen. Der dort, mit dem grauen Kopf und der gespaltenen Stirn, das ist Reinhold, mein Pförtner. Er hat immer gern geschlafen. So wach doch auf, Alter! Rede doch! Wo ist mein Weib, wo sind meine Kinder? Soll ich dir eine Handvoll Asche zeigen? Sieh doch her! Ist das mein süßes Weib? Oder das? Und hier, der verkohlte Knochen? Das ist wohl mein schöner Knab? Oder gar dein Hund? Und dort, sieh nur, im Schutt, dort glimmt es noch? Das ist die Wiege? Ja?«
»Dietwald! Erwache!« rief Herr Heinrich und rüttelte ihn am Arm.
Er schaute auf mit verlorenem Blick. »Erwache! Das war das erste Wort, das ich hörte! Einen Tag, eine Nacht und noch einen Tag -- wie ein Bergmann nach Gold, so wühlte ich nach verkohlten Gebeinen -- und schrie: Wer hat mir das getan? Ich hatte keinen Nachbar, der mir grollte, hatte keinen Feind. In meinem Jammer wußt ich keinen Weg. Die Augen blind vom Weinen, bin ich gegangen und gegangen. An der Pforte des Klosters fiel ich nieder. Sie trugen mich in eine Zelle und riefen: Erwache! Erwache! Und ich blieb und ließ geschehen, was geschah.«
»Mit Schmerzen, Dietwald, hab ich es lang erkennen müssen: es war für dich der rechte Weg nicht. Hättest du doch Trost gesucht in Kampf und Tat, auf dem Schlachtfeld, nicht in der Zelle!«
»Ich hoffte, ihn zu finden! Durch Tage und Nächte, Wochen und Jahre lag ich in brünstigem Gebet und schrie zu Gott aus tiefster Seele: Laß mich vergessen! Ich schlug mit der Geißel meinen Rücken blutig, um durch die Schmerzen meines Leibes die Qual des Herzens zu betäuben. Es half nicht, half nicht. Ich konnte nicht vergessen, konnte nicht hoffen. Wenn ich kämpfte um das Heil meiner Seele, so träumte ich den Kuß meines Weibes. Wenn ich den Himmel suchte, fand ich ihn in meiner Kinder Augen, die mir entgegenblickten aus der Luft meiner Zelle, aus jedem Blatt des heiligen Buches, aus jedem Bildwerk in der Kirche, aus jedem Abbild des Erlösers.«
»Und fandest du nicht Trost bei deinen Brüdern, von denen mancher eine Welt von Schmerzen überwand, da er sich Gott ergab?«
»Meine Brüder? Sagt Ihr das im Ernst, Herr Heinrich? Ich meine doch, Ihr kennt Eure Chorherren?«
»Verdamme die Schwachen nicht. Kleine Seelen haben kleine Wünsche. Sieh diesen Berg an: das edle Wild treibt es nach der Höhe, die zufriedenen Hasen nisten hier unten im niederen Gebüsch. Und sie beide sind doch Geschöpfe aus eines Schöpfers Hand.«
»Meine Brüder? Hätt ich unter ihnen nur einen gefunden, der gewesen wäre, wie Ihr seid! Meine Brüder? Sie freuten sich der Wälder und Felder, die ich dem Kloster brachte, und hatten für mich nur Worte: Gott hat gegeben, Gott hat genommen. Gott! Gott! Gott!«