Der Klausenhof: Roman

Part 9

Chapter 94,011 wordsPublic domain

Im Klausenhof herrschte, seit Stephan wieder da war, musterhafte Ordnung. Die alte Zucht, die sich in den letzten Monaten stark gelockert hatte, kam wieder zum Vorschein, und das war nicht zu wundern, denn Stephan ging an Unachtsamkeiten nimmer mit verträumtem Blick vorbei, sondern sah das kleinste Vergehen und verfiel selbst über unbedeutende Dinge in eine sinnlose Wut. Das Gesinde duckte sich scheu zusammen, wenn es den jungen Bauer nur von weitem sah, und der neue Knecht fürchtete ihn, daß er zu zittern begann wie ein grausam geprügelter Hund.

Das hatte seinen guten Grund.

Stephan hatte ihn einmal bei der Flasche ertappt.

Das war ein furchtbarer Auftritt gewesen, und einen Augenblick sah es aus, als wollte er den Säufer erwürgen. Dann aber ließ er ihn los, wie von Ekel geschüttelt, und gab ihm nur einen Stoß. Aber der sandte ihn sausend bis zu den Schweineställen, und seither trug er den Kopf verbunden und rührte selbst den halben Liter Wein nicht an, der ihm von Rechts wegen jeden Tag zukam.

»Herrgott! die Kraft, die dieser junge Riese in seinen Fäusten trug ... Nein, mit dem war nicht zu spaßen ...!«

Auch Maria zitterte, wenn sie seine Stimme im Hof oder in den Ställen donnern hörte, und dachte immer:

»Der Vater war auch streng ... aber so ... so nicht ... Freilich hatte er recht, denn das waren Schädel, die man suchen mußte ...«

Aber sie empfand doch geheime Angst vor ihm und kam sich manchmal vor wie eine von den Mägden. Ja, sie begann zu beben, so oft er in die Küche kam, selbst wenn er gut und sanft redete, denn immer war etwas in seinen Augen, das früher nicht da war, etwas Böses, Wehes.

Das alles wurde viel ärger mit den ersten Frühlingstagen, und Maria kam aus der Angst und dem Herzklopfen nicht mehr heraus. »Es gibt ein Unglück,« dachte sie hundertmal. »Es gibt ein Unglück.« Und sie erinnerte sich an Geschichten, die sie gehört und gelesen hatte von Leuten, die andere im Jähzorn erschlugen.

Eines Morgens aber war Stephan fort. Ohne Gruß, ohne Weisung war er wieder gegangen, und Maria glaubte zu wissen, wohin. Hinauf zur Alm, woher die vielen Schneebäche kamen, daß das ganze Land rauschte. Hinauf zur Alm, wo man besser atmen konnte, wenn einem Zorn und Weh in der Kehle stak. O! es war leicht, so etwas zu tun. Einfach davonzugehen und Pflicht und Arbeit dazulassen ...

Aber bald dachte sie wieder weicher und versöhnlicher.

Hatte er nicht recht ...? Warum sich quälen ...? Wenn ihm leichter wird da oben, so mag er in Gottes Namen oben bleiben. Immer konnte es doch nicht dauern. Einmal wird es vorübergehen, und dann wird er ihr dankbar sein, daß sie seinen verlassenen Hof durchgehalten hatte ...

Und sie fand den Leuten gegenüber neue Ausreden für Stephans Verschwinden und war noch einmal so unermüdlich, so umsichtig als vorher. Aber müde wurde sie jetzt manchesmal. So müde. Dann umspannte sie den alten Hof mit leidvoll-mütterlichen Blicken und streichelte die grauen, rissigen Mauern. Ja, er war ein wunderbarer Hof ... aber so eine Bürde ... O so eine Bürde ...!

Bald nach Ostern erlebte Maria einen neuen großen Schreck. Drüben in der schönen Villa wurden eines Morgens die Fensterläden geöffnet. Da verlor sie plötzlich allen Mut. Wenn die Fremden wiederkamen ... die Fremde wiederkam ... konnte es da jemals gut werden ...?

Und eine Woche später kam über die schlechte steinige Bergstraße eine vornehme Kutsche gefahren. Ein Mann mit hohem Hut und gelben Knöpfen lenkte die Pferde, und grünseidene Vorhänge verhüllten das Innere des Wagens. Da aber weinte Maria, denn nun dachte sie an des eigenen Herzens unerfülltes Harren ...

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Mit langen, hallenden Schritten kam einer herab vom Titschen. Er trug ein Hemd mit weit zurückgelegtem Kragen, eine rauhe Joppe und eine kurze Lederhose. Den Hut hatte er vor ein paar Tagen bei einer tollen Kletterei verloren. So wanderte er barhaupt mit der Sonne auf den wilden blonden Locken, auf den schmerzdurchbebten Zügen, auf dem weißen Hals, auf den bloßen Knien, mit der Sonne auf dem ganzen prächtigen edlen Wuchs und sah aus wie ein verirrter oder verjagter Königssohn.

Ohne Ruhe, ohne Aufenthalt, blind für die tausendfache Schönheit der erwachenden Wälder, hastete er abwärts, schalt sich einen »Hund« und schämte sich sogar vor Adalbert.

Denn Adalbert hatte ihm heute nacht bei den heimlichen Zwiegesprächen, die er dort oben beständig mit ihm führte, gesagt: »Und wenn ich sieben Gräfinnen geliebt hätte, und sieben Gräfinnen hätten mich geliebt, so hätte ich doch nicht meinen Hof in den schwachen Händen eines Weibes gelassen.«

Da hatte er sich noch im Finstern auf den Weg gemacht.

Ja, Adalbert hatte recht. Herrgott! ... die ganze Wirtschaft, den ganzen Hof mit den störrischen Leuten einem Mädchen überlassen! Wie leicht etwas geschehen konnte. Dann war sie allein mit dem fremden Volk, ohne Rat und Hilfe. Arme, kleine Maria ... soviel fremde Bürde zu der eigenen Bürde. Weiß der Himmel, wie sie es trug, aber sie trug es und war nur ein schwaches Mädchen.

»O die Schande ...!«

Er knirschte mit den Zähnen und machte in seinem Herzen feierliche Gelübde. Nie ... nie wird er sie wieder allein lassen. Und ein Bauer wird er fortab sein, wie sich's gehört. Ein musterhafter Bauer. Und beginnen wird er damit, daß er den besoffenen Knecht entläßt, denn solche Leute gehören nicht auf einen ordentlichen Hof ... und der Mensch war ihm von jeher zuwider ...

Darauf fühlte er sich etwas erleichtert, und während er die erregten Schritte mäßigte, verlor er sich in Sinnen, wie es künftighin auf seinem Hofe gehen würde. Nichts und niemand störte ihn darin. Als er aber auf die große Lärchenwiese kam, von der man schon die Türme der schönen Villa ragen sah und von der es nimmer weit zum Klausenhofe war, sagte jemand unendlich süß und unendlich schelmisch:

»Nun haben Sie wieder gedichtet, Herr Klausen.«

Wie einfach immer die großen, die wahrhaft großen Dinge sind! Er staunte nicht darüber, daß sie plötzlich da war, daß sie vor ihm stand in ihrer ganzen jungen wunderbaren Holdseligkeit, sondern er staunte nur darüber, daß etwas so Großes, etwas so Schönes so einfach sein konnte. Und mitten in diesem Staunen dachte er daran, daß er ohne Hut, mit freiem Hals und bloßen Knien war. Da schämte er sich und wurde rot bis hinauf zu den blonden Büscheln. Gleich aber ärgerte er sich dieser Scham.

»Herrgott! ... er war doch in Innsbruck gewesen und wußte mit Frauen umzugehen ...« Und sein Blut sprang auf wie eine Woge im Sturm.

»Ja,« sagte er, »ich habe gedichtet. Ich habe etwas gedichtet von einem alten Bären, der um eine junge Prinzessin freit.«

Darauf errötete sie ganz leicht, sagte aber rasch und sicher:

»Das könnte nie wahr sein.«

Er nickte.

»... und dann habe ich noch etwas gedichtet. Etwas von einem Bauer, den eine schöne Gräfin liebt.«

Nun errötete sie tief und sagte langsam und leise:

»Das könnte schon eher wahr sein.«

Dann schwiegen sie, aber es war ein merkwürdiges Schweigen. Ein Schweigen voll widerredenden Stimmen und trunkenen Lauten. Das tat vielleicht der Wind. Er strich durch die Lärchen und wickelte um seine Finger ihre langen grünen Haare, daß sie knisterten wie die Haare einer Frau, und dazwischen klang manchmal ein Aufschrei, wie ihn Mädchen an sich haben, nicht laut und schmerzhaft, nur erschrocken ...

Stephan lächelte voll grausamer Genugtuung. Aber als er sah, daß ihre feinen Hände zitterten, fühlte er sich plötzlich als der Stärkere und sah in ihr die Schwache, die Bedrängte. Da sank sein wilder Sinn zusammen, und er wurde kühl und gut.

Für die Karte müsse er ihr danken ... für die schöne Weihnachtskarte.

Sie neigte das blonde Haupt und sagte zögernd:

»Ich dachte, wie einsam Sie es haben da oben während des Winters.«

Er war jetzt ganz Herr seiner selbst.

»Einsam? O ja ... aber wir Bergler sind daran gewöhnt.«

»Dann haben Sie uns wohl auch gar nicht vermißt letzten Sommer?«

»Letzten Sommer?« Stephan tat, als ob er sänne. »... es gab soviel zu tun.«

Sie nickte.

»Das habe ich mir auch gedacht. Aber es hat mir doch sehr leid getan, daß wir nicht kommen konnten.«

»Nicht konnten?«

»Es war ein außergewöhnliches Jahr. Erst das Unglück mit Hugo von Rotenau. Erinnern Sie sich an ihn? Ich glaube, Sie haben ihn gut gekannt, denn er sprach oft über Sie und fing auch noch in der Stadt manchmal ganz plötzlich von Ihnen an.«

Stephans Mienen umdüsterten sich.

»Ja ... ich habe ihn öfters gesehen.«

»Er stürzte vom Pferde und lag lange krank. Er wäre auch nie wieder gesund geworden. Ich glaube, er wäre sogar ein Krüppel geblieben. Aber eines Tages fand man ihn tot. Der Arzt sagte, er habe zuviel Morphium genommen. Absicht oder Zufall, man weiß es nicht.«

»Das ist sehr traurig,« sagte Stephan. Aber er sagte es nur und empfand es nicht, denn er hatte in diesem Mann nur den Nebenbuhler gesehen ... und an Maria dachte er nicht.

»Ja, sehr traurig. Mama wurde krank von dem Vorfall, und es war ein Glück, daß Fridas Hochzeit kam. Das gab viel zu denken und zu sorgen. Als aber alles vorbei war, fühlte sich Mama doch sehr schwach und wollte an das Meer.«

»Wie schön das Meer sein muß!«

Sie vergaß Hugo von Rotenau und sagte rasch:

»Aber die Berge sind tausendmal schöner. Ich habe so oft an die Gegend hier gedacht und konnte besonders den Rosengarten nicht aus dem Sinn bringen. Er war auch so wunderbar schön, als wir unten am Bahnhof standen. Ganz rot wie richtige Rosen sah er aus.«

Nun lächelte Stephan und sagte:

»Das hat wahrscheinlich der Schelm, der Laurin, getan ... und richtig! Habe ich Ihnen schon gezeigt, wie es der tapfere Dietrich machte, als er dort oben die edle Kühnhilde fand?«

»Nein. Wie machte er es?«

Da bog Stephan ein Knie nach Ritterart, ergriff ihre weiße Hand und küßte sie und sagte:

»So machte er es ...«

Schalk und Liebe hatten ihn getrieben. Hatten ihn getrieben, kühn zu sein und alles zu wagen. Aber nun es geschehen, war er doch tiefernst und tödlich blaß. Zürnte sie ...?

Nein! sie zürnte nicht. Das merkte er an ihren Augen, die sich zaghaft in die seinen senkten. Darum nahm er ihre Hand wieder und küßte sie noch einmal. Zürnte sie ...?

Nein! sie zürnte nicht. Das merkte er an ihren Wangen, die sich vertrauend an seine Finger legten. Nun hätte er sie auch auf den Mund küssen können, aber er tat es nicht. Ganz leise richtete er ihren blonden Kopf in die Höhe, blickte ihr tief in die bangen Augen und sagte beschämt und bekümmert:

»Ich bin nur ein Bauer.«

Darauf wandte sie den Blick, um seinen Augen auszuweichen, und erwiderte halb scherzhaft, halb scheu:

»Und ich bin nicht einmal eine Gräfin.«

Nun wurde Stephan wieder blaß, aber nicht aus Angst und Traurigkeit, sondern aus einem Jubel, der ihm tödlich schien mit seiner erschütternden Seligkeit. Margarete aber machte sich plötzlich frei und fragte:

»Wie war denn das Ende der Geschichte?«

»Von Dietrich und Kühnhilde?«

»Nein ... von dem Bauer und der schönen Gräfin.«

Stephan errötete stark.

»Oh, ich weiß es nicht. Nur, daß sie ihn geliebt hat, weiß ich, denn sie kam einmal zu ihm herunter in einer grauslichen Nacht voll Donner und Blitz.«

Margarete machte große gedankenvolle Augen.

»Und das Ende wissen Sie nicht?«

»Nein, das weiß ich nicht.«

Er schämte sich jetzt, daß er das Ende nicht wußte, und sinnend gingen sie über die Wiese. Den ganzen Weg redeten sie nichts, und als sie bei der Villa standen und sich trennen mußten, sah sie ihn ohne Worte an. Er wartete, bis ihr weißes Kleid zwischen den Büschen verschwunden war, dann setzte er den Weg zum Klausenhof mit versonnenen Augen fort. Als er durch das Tor trat, glaubte er erst, der Hof sei leer. Dann sah er neben dem großen Leiterwagen eine Gestalt, die zu beben und zu schlottern begann. Unter dem Leiterwagen aber stand eine Flasche, deutlich sichtbar und halb geleert. Stephans Mienen aber veränderten sich nicht. Mit dem versonnenen Ausdruck noch immer in den Augen, ging er auf den zitternden Knecht zu und sagte:

»Ich sehe, du trinkst den Wein gerne. Du sollst jeden Tag einen Liter haben statt einen halben.«

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Im Klausenhof begann diesen Sommer eine so nachsichtige Wirtschaft, wie sie der stramme Hof noch nie erlebt hatte, denn gleich der Natur, die Wald und Feld für den bösen Winter mit dem schönen Frühling lohnt, zeigte sich Stephan voll überströmender Güte gegen jede Kreatur. Die Leute arbeiteten darum auch nicht minder fleißig und gewissenhaft. Sie schätzten seine neue Art, dachten nur ungern an die Angst, die sie noch letzten Winter vor ihm hatten, und liebten ihren jungen blonden Bauer, wie ihn jeder lieben mußte, der ihn sah. Und wenn er gar zu ihnen trat, mit gedämpfter Stimme redete und dabei wohl gar die Hand auf den Arm des einen oder des andern Knechtes legte, daß er neben ihnen stand wie ein Freund und Bruder, nicht wie ein Herr, quoll in ihre rauhgewohnten Seelen zitternde Dankbarkeit, und sie hätten für ihn mit Drachen gekämpft, hätte er es gewollt. Aber er wollte beileibe solche Sachen nicht von ihnen, ließ ihnen im Gegenteil in allen Dingen freie Hand und begutachtete alles, was sie für gut hielten. Nur mit der Ernte wollte er nicht beginnen lassen, und die Knechte wunderten sich baß darüber, denn die Zeit dafür war da, und das Korn lag schwer vornüber. Aber so oft sie davon redeten, schüttelte er den Kopf und sagte:

»Nein! nein, solange das Korn steht ist Sommer. Es ist ein so schöner Sommer heuer ...«

Und er lächelte geheimnisvoll.

Wagten sie es dann aber, ihm vorzustellen, wie wichtig es sei, endlich zu schneiden, sprang in seine Augen ein Flackern, daß sie scheu zurückwichen und betroffen an ihre Arbeit gingen.

Was hatte er denn diesmal mit dem Sommer? Sie schüttelten ihre struppigen Köpfe und konnten ihn nicht verstehen. Was hatte er denn diesmal mit dem Sommer? Es war doch ein Sommer wie jeder andere Sommer, ein bißchen heißer vielleicht und ein wenig mehr Alpenrosen als gewöhnlich.

Nur Maria wußte, was es an sich hatte mit diesem Sommer.

Sie wußte, warum Stephan diesen Sommer so störrisch, so töricht halten wollte. Ja, Maria wußte noch mehr. Sie wußte, daß Stephan mit den ersten Wintertagen wieder ungerecht und grausam werden, und daß er schließlich wieder davongehen und den Hof verlassen würde, wie ein ungetreuer Fähnrich seine Fahne.

Und voll schwerer Sorge dachte sie an das Ende. Aber auch Stephan sann über das Ende. Nicht über das Ende, das Maria meinte, sondern über das Ende der Geschichte von Adalbert und der Gräfin.

»Wie war denn das Ende?«

Aber niemand, selbst die ältesten Leute, die er heimlich ausholte, wußten etwas von der Geschichte. Und der alte Michl oben auf der Alm, der einzige, der vielleicht hätte Auskunft geben können, behauptete starrsinnig, er wisse kein Sterbenswörtlein weiter. Da nahm Stephan sich vor, den Adalbert selbst zu fragen, und weil er meinte, daß man mit Toten nur um Mitternacht reden könne, blieb er eines Abends auf seinem einschichtigen Bett sitzen, und als es zwölf Uhr schlug, fragte er laut in die leere monddurchleuchtete Stube:

»Wie war denn das Ende, Adalbert?«

Und jemand sagte:

»Ich bin schon so lange tot und habe es vergessen. Nur den Anfang weiß ich noch.«

»Wie war denn der Anfang?«

»O, den werde ich nie vergessen ... Ich pflügte das Feld und freute mich, daß die Erde so fett und locker war, so schwarz aussah, so gut roch und der Pflug so blitzeblank dazwischen fuhr.

Da flog auf einmal ein feines weißes Tuch daher und blieb vor mir liegen. Gerade vor meinem blitzeblanken Pflug. Ich reiß' ihn noch schnell zurück, sonst hätte er das feine Tüchlein in die schwarze Erde gegraben. Und wie ich es aufhebe und mich wundere, wie zart und fein es ist, kommt ein Zug Reiter dahergesprengt, und ganz vorne auf einem schneeweißen Pferd sitzt die Gräfin. Sie sah, daß ich das Tüchlein hatte und trieb ihr Pferd dicht an meinen Pflug. Ich wollte ihr das Tüchlein aufs Pferd reichen, aber in dem Augenblick sah sie mich an, und da zitterte ich so heftig, daß es mir aus der Hand fiel. Ich wollte es aufheben, aber da hatte sich schon einer ihrer vornehmen Begleiter von seinem Roß geschwungen, das Tüchlein rasch genommen und es ihr gegeben. Da schämte ich mich und stand beiseite, bis sie alle vorbei waren. Aber am nächsten Tag kam die Gräfin allein an meinem Acker vorbei und warf mir im Vorüberreiten eine Blume zu ...

Von dem Tag an ging ich jede Nacht um ihr Schloß herum, bis sie dann in der grauslichen Nacht voll Donner und Blitz zu mir herunterkam ...«

»Und dann ...?« sagte Stephan mit gespanntestem Lauschen.

Aber es blieb still, und plötzlich lachte er laut auf.

Diesen Anfang hatte ihm sicher nicht Adalbert erzählt, sondern den hatte er selbst gedichtet ... und wenn er einen Anfang dichten konnte, konnte er wohl auch ein Ende dichten ...

Es wurde ihm gar feierlich zumute, und er sagte, während er sann: »... dann haben wir uns geküßt, und ich habe sie fest in ihren seidenen Mantel gehüllt und durch den Blitz und Donner auf den Berg getragen. Mitten am Wege aber sagte sie:

›Wohin trägst du mich, Adalbert?‹

Und ich sagte:

›Zum Klausenhof. Er ist der schönste Hof im Land und wird dir auch gefallen.‹

Aber sie sagte:

›Du vergißt, daß ich eine Gräfin bin. Der schönste Bauernhof wäre zu schlecht für mich. Hast du kein Schloß?‹

Da wurde ich erst traurig, denn ich hielt viel auf den Klausenhof, aber weil sie nicht hinein wollte, sagte ich:

›Ein wenig weiter unten steht ein Schloß. Es ist schon ganz zerfallen, aber ein paar Mauern stehen noch. Es wird uns auch niemand hinausjagen, denn es gehört Leuten, die schon lange, lange tot sind. Willst du?‹

Darauf nickte sie, und nun trug ich sie hinab in das Schloß. Dort wuchsen Bäume in den Zimmern, und wir richteten uns unter den Bäumen ein. Aber wir wohnten doch in einem Schloß, und ich weiß, daß sie dort glücklicher war, als sie in dem schönsten Bauernhof hätte sein können. Und trotzdem ich den Klausenhof sehr gern hatte, denn er war damals ganz neu, ließ ich ihn doch stehen, wo er stand, und kümmerte mich nicht mehr darum ...«

Stephan stieß jetzt trotz der tiefen Nachtstunde einen kletternden Juchzer aus ...

Nun mochten sie seinetwegen auch das Korn schneiden.

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Als Stephan aber den nächsten Abend die stattlichen Garben überschaute, die die fleißigen Hände seiner Knechte freudig und eilfertig auf dem untersten Felde, wo sie zuerst begannen, aufgerichtet hatten, verschwand in ihm die stille Freude, die er den ganzen Tag mit sich herumgetragen hatte. Ein wenig barsch mahnte er die Leute daran, daß längst Feierabend sei, und schritt, nachdem sie endlich fort waren, ruhelos zwischen den Garben hin und her. Er dachte wieder an das Ende, an das Ende wie er es in der Nacht gedichtet hatte, und es kam ihm jetzt im Angesicht des goldstrotzenden Bauernsegens lächerlich und unmöglich vor. Den Hof stehen lassen, wo er stand, und sich nicht mehr darum kümmern, das hätte der Adalbert bestimmt nicht getan. Es war auch gegen alle Wirklichkeit, denn wäre Adalbert mit seiner Gräfin unten im Schloß geblieben, wie wären dann die späteren Klausen zum Klausenhof gekommen? Nein, das Ende war anders. Vielleicht war es so:

»... dann habe ich sie fest in ihren seidenen Mantel gehüllt und durch den Blitz und den Donner auf den Berg getragen. Mitten am Wege aber sagte sie:

›Wohin trägst du mich, Adalbert?‹

Und ich sagte:

›Zum Klausenhof. Er ist der schönste Hof im Land und wird dir auch gefallen.‹

Aber sie sagte:

›Meinst du den Kasten da? Er hat keine Zugbrücken und keinen Graben, keine Anlagen und keinen Teich, keine Erker und kein Wappen. Ich habe nie ein so häßliches Haus gesehen, und es ist ein Glück, daß es so hoch oben und so verborgen steht. Mich aber trage in mein Schloß zurück.‹

Da trug ich sie zurück und eilte mich sehr, denn sie befürchtete nun, daß ihre Frauen sie vermissen könnten. Als ich sie dann sicher im Schlosse wußte, ging ich nach Bozen und kaufte mir eine schöne rote Farbe. Damit schrieb ich auf den Klausenhof den Spruch, den du ja kennst und der dir auch so gut gefällt. Danach fand ich den Klausenhof noch schöner als vorher. Ich arbeitete fleißig und dachte auch nicht mehr so oft an die Gräfin. Als ich sie aber ganz vergessen hatte, heiratete ich eine brave Müllerstochter ...«

Leise stöhnend lehnte sich Stephan an ein Büschel Garben.

Ja sicher, so war das Ende. Denn den Hof stehen lassen, wo er stand, und sich nicht mehr darum kümmern, brachte kein Klausen zuwege. Und was hatte auch Maria gesagt, als er ihr vor ein paar Tagen beiläufig erzählte, daß der Staffler Bauer vom Ritten drüben anstatt zu pflügen und zu säen, in Bozen unten herumsitze und Weinhandel treibe ...?

»Wo ein Hof ist, muß ein Bauer sein. Der Bauer gehört zu seinem Hof ... und Schuster bleib bei deinem Leisten ...« hatte sie gesagt. Und sie hatte recht. Eine Gräfin kann keine Bäuerin, und ein Bauer kann kein Graf werden. Bei der einen stand das Schloß und bei dem andern stand der Hof im Wege ...

Und während Stephan noch so sann und gar nicht merkte, daß es längst finster war, stand plötzlich Margarete vor ihm.

Nicht fest und greifbar, wie sie damals auf der Wiese vor ihm gestanden hatte, sondern ein wenig verschwommen und beinahe unkenntlich unter einem feinen silbernen Nebel.

Aber er kannte sie an ihrem Haar und an ihrer Stimme.

»Du bist so dumm, Stephan,« sagte sie, »was geht uns der Adalbert und seine Gräfin an? Das ist eine alte Geschichte und kann für dich und für mich nicht passen. Erstens bist du kein gewöhnlicher Bauer, wie der Adalbert war, und zweitens bin ich keine Gräfin, wie es die Gräfin von Adalbert war. Wir sind ganz andere Menschen. Du bist im Gegensatz zu Adalbert ein Studierter ... nein, sage nichts ... du bist doch in Innsbruck gewesen, und ich bin im Gegensatz zu der Gräfin ein einfaches Mädchen, das einen Landmann zum Vater hat. Denn mein Vater ist, wie du schon gesehen haben wirst, ein schlichter Mann, der dich lieb haben wird ... Nur meine Mutter ist ein wenig stolz, und es wird einen kleinen Kampf mit ihr geben. Aber ich fürchte mich nicht, wenn du dich nicht fürchtest ...«

Auf diese Rede hin fuhr Stephan freudig zusammen und sagte:

»So meinst du, Margarete, daß dir der Klausenhof gut genug wäre, so wie er ist, ohne Graben und Zugbrücken, ohne Anlagen und Teich, ohne Erker und Wappen ...?«

Darauf senkte sie den Kopf ein wenig verwirrt, ein wenig beschämt.

»So meinte ich es gerade nicht, Stephan. Ich meine ... du bist eigentlich kein Bauer und brauchtest darum keinen Hof.«

Stephan erbleichte.

»Du meinst den Hof verkaufen?«

»Oder verschenken ...« und sie sah ihm fest in die Augen und faßte nach seiner Hand. Es dauerte lange, bis Stephan zu sich kam, und endlich sagte er:

»Du redest, wie du es verstehst, Margarete. Der Klausenhof und die Klausen, davon läßt sich nichts trennen. Den Hof verkaufen täte mir vorkommen wie eine Sünde, und den Hof verschenken täte mir vorkommen wie ein Undank. Stelle dir das einmal vor.

Ich verkaufe den Klausenhof, oder ich verschenke ihn, ganz wie du willst, und ich ziehe fort mit dir. Irgendwohin. Aber der Klausenhof bleibt da, immer noch der Klausenhof, trotzdem kein Klausen mehr drinnen ist, denn die Treuen liegen unten im Kirchhof, und der Untreue ist ... ich weiß nicht wo. Das weiß ich, und das wissen viele andere, aber der Klausenhof weiß nichts davon. Er kann es sich nicht vorstellen, daß ihm einer von den Klausen untreu sein könnte ... daß er einem Klausen nicht genug sein könnte, wo er ihnen durch so viele Jahre den Sturm von ihrem Feuer abgehalten hat und Segen und Sorgen und alles mit ihnen teilte. Nein ... der Klausenhof würde so etwas nicht glauben. Er würde es nicht glauben, denn ich war schon einmal fort ... damals in Innsbruck ... und als ich kam, da weinte ich in meinem Knabenstübchen vor Heimweh und Seligkeit und tausend Dingen, die niemand verstand. Nur der Hof verstand mich, denn er redete zu mir in seiner alten wunderlichen Weise, und ich wurde still und froh unter seinen ernsten Augen.