Part 7
Stephan drehte sich so, daß er Waldfriede im Rücken hatte ..., was ging ihn das alles an? Und sogar der Kuckuck! Er bedeutete den Sommer ... nun ja, aber was geht ihn der Sommer an? Er ist der Klausen, ein einfacher Bauer, der keine Zeit und keinen Sinn hat für den Sommer. So etwas ist für Stadtleute. Aber er ist ein Bauer und macht sich nichts aus dem Sommer, denn die heiße Jahreszeit bringt oft Viehseuchen und Waldbrände ... ganz abgesehen von Hagel und Gewittern. Nein, er macht sich nichts aus dem Sommer ...
Und als Stephan jetzt einen Augenblick ausruhte, kroch eine tiefe Röte unter sein blondes, lockiges Haar. Bedächtig nahm er dann die Arbeit wieder auf, und später als gewöhnlich ging er heim. Aber er ging mit strenggefalteten Brauen und geradeaus gerichteten Blicken, wie jemand, der in eine drohende Ferne schaut.
Und ihm voraus tanzten seine Gedanken mit Kuckucksgelächter und Altweibergesichtern. Gewaltsam riß er sich endlich los.
Was war es, das der Altknecht gestern gesagt hatte ...?
Richtig, Holzdiebereien waren vorgekommen, und letzten Sonntag hatten sie in der Almhütte eingebrochen. So etwas durfte nicht wieder geschehen. Aber wie sollte man es verhüten? Der Viehhüter war ein uralter Mann, erprobt und verläßlich, Fahrlässigkeiten gab es da nicht. Fenster oder Türen offen lassen, während er mit dem Vieh war, Gott behüte. Also das Ärgste an der Sache war, daß die Kerle eingedrungen sind, ohne den Riegel beim Fenster oder das Schloß an der Türe anzurühren. Teufelsmäßig sah es aus. Was sollte man dagegen tun? Er wußte es nicht, der Altknecht wußte es auch nicht. Der Vater hätte es wohl gewußt und hätte es ihm wohl auch irgendwie gesagt, wenn noch alles so wäre wie früher. Aber seit einiger Zeit spürte er die Nähe des Vaters nimmer, die er sonst in schweren, ratlosen Fällen immer empfand. Das war vielleicht auch eine Strafe ...
Voll schwerer Sorge sah Stephan in das frühlingsgrüne Land und voll schwerer Sorge auf die Höhe, wo der Klausenhof grau und ehrsam in der Abendsonne stand. Aber ein wenig müde stand er da, wie gedrückt von vielen Sorgen. Stephan dachte jetzt an die Antwort aus Innsbruck, an das Büchlein mit Bauplänen und Kostenüberschlag, das er schon so lange in der Tasche trug. Aber die Mutter hatte recht.
An den Hof durfte man nicht rühren. Alle Klausen, von Adalbert Klausen angefangen bis hinauf zu seinem Vater, würden dagegen sein. Mit erhobenen Händen würden sie dagegen sein, und der Adalbert würde sagen: »Das hab ich nicht gedacht, daß einer aus den Unseren einen Tadel finden könnt. Schaut, der Junge ...«
Und zum unzähligen Male las Stephan den Spruch:
»Wer baut an den Straßen, Muß jeden reden lassen. Der eine schaut vor, der andere hinten, So wird jeder einen Tadel finden.«
Ja, der Hof mußte bleiben, wie er war. Schon des Spruches wegen. Es war ein seltener Spruch. Voll Kraft und Trotz und Verachtung für alles im Tale. Wie der Adalbert zürnen würde, wenn er plötzlich aus dem Grabe käme und den Jungen da sähe. Den Jungen, seinen Erben, den Herrn seines Hofes, und so voll wunderlicher Sehnsucht und aufrührerischer Gedanken ... Aber da kam er schon wieder in dieses fremde Zeug ... Woran hatte er nur gerade gedacht?
Ja, an die Holzdiebereien in den Wäldern und an die Räuberei auf der Alm ... feines Handwerk das! ... aber er, der Klausenbauer, wird es ihnen legen. Und weil der Altknecht gerade im Hof bei den Schweinen stand, rief ihn Stephan und sagte:
»Ich will morgen auf die Alm gehen. Es wäre eine ewige Schande, täten wir das Gesindel nicht aufspüren.«
Zwanzigstes Kapitel
Was war der Tag, was war die Heimat schön!
Mit leuchtenden Augen stieg Stephan aufwärts, immer aufwärts, und die schneebedeckten Berge stiegen mit. Alles versank, alles verschwand, nur die Berge blieben und wurden deutlicher und massiger, je höher er stieg.
»Ihr Schelme ... Ihr alten Schelme!«
Er drohte ihnen mit seinem derben Knotenstock, wie man Kindern droht, und weil er gerade einen schönen Ausblick erreicht hatte, blieb er stehen und sah dem bärenhaften Schlern ihm gegenüber ins trutzige Auge. Dann wanderten seine Blicke nach rechts, weiter und weiter entlang der herrlichen Kette der Dolomitenberge. Entlang dem zierlichen Rosengarten, dem wunderbaren Karersee, dem geheimnisvollen Latemar, und zu ihren Füßen, da und dort in Grün versenkt, klebten Burgen und Klöster und heilige Wallfahrtorte ...
Was war der Tag, was war die Welt so schön!
Voll Glück und Stolz sog er die Heimatluft. Sie roch da oben noch ein wenig nach Schnee, aber die Sonne und der Föhn hatten ihre Arbeit schon getan. Davon zeugten die Blumen. Stephan kniete nieder und strich mit den Händen darüber. Himmel, diese Blumen! Millionen weiße und blaue Blumen ... aber keine Alpenrosen? Nein, noch keine. Knospen? Ja, aber nicht viele. Das wird wieder ein Gesuche geben unter den Fremden, die aus Bozen heraufkommen und den Berg überschwemmen. Eine Million für eine Alpenrose! Und hatte man sie ihnen verraten -- denn sie selbst fanden nie die richtigen Plätze --, ruinierten sie die Stöcke und vergaßen dann die schönen Blüten irgendwo. Oft genug hatte er schon so verdorrte Sträuße gefunden. Und Stephan träumte von einem großen Zaun, der um den ganzen Herrgottsgarten wachsen sollte, mit einem Tor in der Mitte, das sich nur öffnete für die Sorgsamen und Guten.
Nach einer Weile aber vergaß Stephan die Berge und die Blumen und besann sich seines Geschäftes. Also eingebrochen hatten sie ... so Spitzbuben, so Haderlumpen! Aber es war gut, daß er einmal heraufkam. Vorigen Sommer wollte er schon immer kommen ... damals nach dem Gewitter ...
Nach drei guten Wegstunden kam er auf die Alm, wo seine Ochsen weideten und das Häuschen stand. Der Viehhüter saß in der Sonne, und als er Stephan kommen sah, stand er auf und humpelte ihm entgegen. Er war ein uralter Mann und erzählte gleich von der Räuberei. Aber er redete so viel verwirrtes Zeug, daß Stephan nicht klug daraus werden konnte.
»Wann sagtest du, daß es eigentlich geschah?«
»Letzten Sonntag, Herr.«
»Vormittag?«
»Es muß schon Vormittag gewesen sein, weil ich noch genau weiß, daß die Pfanne fehlte.«
»Als du kochen wolltest?«
»Ja, Herr. Es war eine starke Pfanne, wir hatten sie bald an dreißig Jahre.«
»Und was hat noch gefehlt?«
»Alles, Herr. Der Löffel war auch fort.«
»Und was noch?«
»Und das Mehl und der Speck.«
»Davon, hast du gesagt, war nimmer viel da.«
»Nein, nimmer viel, aber ...«
»Und wen hast du in Verdacht?«
»Das soll einer wissen, Herr ...!«
Er begann zu weinen.
»Und wie steht's mit den Ochsen?«
Der Michl trocknete seine triefenden Augen.
»Keine Sorg', Herr.«
»Und die Ställe? Ist da alles in Ordnung?«
»Keine Sorg', Herr.«
Sie gingen in die Hütte, und Stephan mußte sich setzen, weil sein Kopf an die Decke stieß. Dann nahm er den Rucksack ab und packte sein Mittagessen aus.
»Du mußt auch mithalten, Michl!«
»Tät ich gern, Herr. Aber es geht nimmer.«
Und er riß mit den beiden Zeigefingern den Mund auseinander, daß man die zahnlosen Kiefern sehen konnte.
»Geht schon lang nimmer, Herr.«
Stephan nickte und kümmerte sich für die nächsten zehn Minuten nicht um den Alten. Herrgott, wie das schmeckte nach so einem Marsch! Und Maria hatte auch so eine Art, die Dinge herzurichten.
Ein kreischendes Geräusch, als drehe sich ein verrosteter Schlüssel in einem verrosteten Schlosse, ließ ihn aufschauen. Da stand der Alte vor einer großen, eisenbeschlagenen Truhe, dem einzig anständigen Möbel im Raume, und versuchte, sie aufzusperren.
»Geht es?« sagte Stephan und hielt einen Augenblick das Fleisch zwischen den blanken Zähnen.
»Ei freilich.«
Dann hob sich der uralte Deckel, und der Michl nahm aus der Truhe eine neue Pfanne, einen hölzernen Löffel und ein Töpfchen mit Ziegenmilch. Dabei erläuterte er:
»Seit der Luderei sperr' ich jetzt alles ein.«
»In die Truhe?«
»Ja, das ist eine feste Truhe.«
»Muß uralt sein.«
»Noch vom Adalbert.«
Stephan hörte plötzlich zu kauen auf.
»Von wem hast du gesagt?«
»Vom Adalbert.«
»Vom Adalbert Klausen?«
»Gewiß auch noch ... drinnen liegt ja noch das Zeug von ihm.«
»Was für ein Zeug?«
»Das weiß ich nicht, Herr ... es war schon drin bei mein' Vater selig.«
Darauf erhob sich Stephan und schaute in die Truhe. Am Boden derselben lagen ein paar weiße, vergilbte Fetzen Papier. Er nahm sie heraus und sah, daß sie beschrieben waren. Als er sie aber umdrehen und lesen wollte, bröckelten sie unter seinen Fingern. Behutsam legte er sie auf den Tisch, und nun sah er, daß es Gedichte waren. Der Schreiber mußte sich endlose Mühe genommen haben, denn die Titel und die einzelnen Strophen waren mit kunstvollen Schnörkeln verziert. Die Schrift selbst aber war einfach, kindlich und ohne Mühe lesbar:
Verwandlung
Was ist geschehen? Ich fass' es nicht. Zu Tale dränget sich alles Licht, Zu Tale dränget, was tausend Jahr Da oben gewöhnt und zu Hause war. Zu Tale dränget sich Wolk' und Wind, Zu Tale neigt sich jed' Blumenkind, Und, was das Wunderlichste von allen, Selbst die Berge, die möchten fallen, Möchten nicht mehr in den Himmel hinein, Möchten nur unten, nur unten sein.
Zweite Verwandlung
Alles um mich ist so fremd, so neu, Tut so seltsam, daß ich scheu Am eigenen Haus vorübergeh, Am eigenen Feld vorüberseh, Weil die Mauern und die Schollen Plötzlich reden, plötzlich wollen Eine goldne Brücke sein In ein goldnes Schloß hinein.
Sehnsucht
... und weil alles so seltsam tut, Bin ich selber so seltsam geworden, Träume von Kronen, träume von Orden, Träume von Ketten, träume von Ringen, Träume von lauter goldenen Dingen ... Träume von einem weißen Kleide, Halb aus Spitze und halb aus Seide, Und von Federn, die wehend ragen, Wie sie die vürnehmsten Frauen tragen ...
Und unter jedem Gedicht stand »Adalbert«.
Als Stephan alles noch einmal gelesen hatte, deckte er die weißen Fetzen mit den Händen zu und blickte auf den Alten, der beim Herd stand und sein Mus kochte.
»Michl!«
»Ja, Herr.«
»Kannst du lesen?«
Er machte das Zeichen des Kreuzes gegen diese sündhafte Zumutung.
»Herr, ich bin ein gottesfürchtiger Mensch.«
»Wie weißt du dann, daß die Sachen da vom Adalbert stammen?«
»Ganz leicht, Herr. Mein Vater selig hat es mir gesagt, so nebenbei mit der Geschichte.«
»Mit welcher Geschichte?«
»Mit der Geschichte vom Adalbert.«
»Und weißt du die Geschichte noch?«
»Ja, Herr, so etwas vergißt man nimmer. Es war eine sündige Sach'.«
»Was?«
»Das mit der Gräfin, Herr. Sie wohnte irgendwo unten, gegen das Sarntal zu, in einem schönen Schloß ... und jede Nacht ... und das ist gewiß wahr, Herr ... ging der Adalbert um das Schloß herum, und einmal, es war eine grausliche Nacht voll Donner und Blitz, kam sie zu ihm hinunter.«
»Du lügst, Michl!«
»So wahr mir Gott helfe, Herr, in meiner Sterbstund'.«
Stephan wischte sich den Schweiß von der Stirne.
»Weiter!«
»Mehr weiß ich nicht, Herr. Nur daß der Adalbert immer gesungen hat nachher ...«
Und mit grimmigen Blicken holte sich der Michl sein Mus vom Feuer und würgte es schmatzend hinab.
Stephan aber stand auf, hängte seinen Rucksack um, nahm kurzen Abschied und ging.
Aber er ging voll neuer Kraft, voll neuer Trotzäußerung und sah ohne Blinzeln in die Sonne.
»Was war der Tag, was war das Leben schön!«
Von Zeit zu Zeit blieb er stehen und griff in seine Brusttasche. Dann knisterten die vergilbten Papierfetzen, und Stephan lächelte dazu. Einmal horchte er auf. Irgendwo aus dem Walde her klang das Glöcklein einer Leitkuh, und eine frische Stimme sang:
»Di-ri-da-ram, Müller und Müllerin, König und Königin, So gehörts z'amm. Di-ri-da-ram, Di-ri-da-ram.«
Stephan aber dachte an Adalbert, an seine Gräfin, und sang trotzig zurück:
»Wenn der Müller fesch is', Glei' trau' i' ma z'wetten, Paßta wia a Prinz In de zwo goldnan Betten.«
Darauf kicherte es im Walde, aber die Stimme erklang nicht mehr, und nur das Kuhgeläute hörte Stephan noch eine Weile.
Als er gegen Abend an die Villa kam, hatte er ein Gefühl, als wäre er lange fortgewesen, und sein erster Blick galt den Fensterläden. Aber die waren fest verschlossen.
Einundzwanzigstes Kapitel
Um Ostern herum kamen die ersten Turisten.
Einzeln, paarweise, haufenweise erklommen sie den Berg und bedrängten die Bewohner des Klausenhofes mit Fragen nach dem nächsten Gasthaus. Es gab aber auch Naturfreunde unter ihnen, Idealisten, die auf den Titschen, auf die Rotwand wollten oder sogar noch weiter.
Und jedesmal, wenn ein neuer Trupp kam, ruhte Stephan in seiner Arbeit, musterte scharf jeden einzelnen, und Maria tat hinter den weißen Gardinen verborgen dasselbe.
Aber die, die sie erwarteten, kamen nicht, und die Fensterläden an der schönen Villa öffneten sich nicht, den ganzen Sommer nicht. Da wich aller Frohsinn aus Stephans Augen und alle Hoffnung aus Marias Brust.
»Sie kamen nicht ...«
Das war es, woran sie unablässig dachten, was sie unablässig quälte. Aber sie sprachen sich nicht aus darüber und warteten auf den Herbst. Viele Leute kommen ja erst im Herbst. Ja viele ... Und jeden Tag schauten sie auf die Fensterläden. Aber die Fensterläden öffneten sich nicht, auch im Herbst nicht.
Da wurde Stephan wieder bitter und übellaunig, wie er es eine Zeitlang im Frühjahr war, und eines Tages ließ er alle Arbeit stehen, stopfte seinen Rucksack und ging auf die Alm.
Er blieb ein paar Tage oben, kam dann heim, ging aber gleich wieder. Die Knechte schüttelten die Köpfe, aber Maria freute sich, daß sie jetzt allein war mit ihren Gedanken. Und weil die Hoffnung sich in einem Frauenherzen nicht niederringen läßt, ging sie wieder jeden Tag hinaus unter die langen Fänge der Windmühle und schaute den Weg nach Bozen hinab und hinauf. Als sie aber nach einiger Zeit sah, daß der Altknecht sie beobachtete, gab sie das auf. Es fehlte ohnehin schon stark an Respekt, seit Stephan so wunderlich war. Es galt, sich zusammenzunehmen. Und sie nahm sich zusammen und ließ hier und da ein Wort fallen von neuen Gründen, die Stephan weiter oben erstehen wollte, und von einer neuen Almhütte, die er zu bauen gedächte. Ob die Leute das glaubten? ...
So wurde es Winter. Die Ochsen waren wie jedes Jahr seit Allerheiligen herunten, aber Stephan war noch oben, ganz allein auf der tiefverschneiten Alm.
Eines Tages brachte der Altknecht Maria einen Brief. Er gab ihn ihr zugleich mit ein paar anderen Dingen, die er auf seinem Wege über den Hof aufgelesen hatte: einen Blumentopf, der vom Fensterbrett gefallen war, ein Stück rote Schnur, und Maria nahm das alles sorgfältig und hielt noch überdies die kleine Kuhmagd, die zufällig daher kam, mit eingehenden Fragen über die Kühe auf, alles, nur damit der Alte nichts von ihrem Zittern und ihrer Erregung merken sollte. Als sie dann endlich allein war, wollte sie den Brief öffnen, besann sich aber ... nein, nicht jetzt, während der vielen Arbeit ...
Sie kochte das Essen fertig, beteilte die Leute, räumte fort und tat alles wie sonst. Nachmittag fand sie dann wieder keine Zeit, so wartete sie bis abends. Sie wartete, bis der letzte Knecht und die letzte Magd »Gute Nacht« gewünscht hatten, dann legte sie noch Scheite auf das Feuer, stellte die Lampe auf den Tisch und zog die Vorhänge mit doppelter Sorgfalt zu. Danach nahm sie den Brief aus ihrer Jacke, betrachtete ihn von allen Seiten und las die Adresse: »Fräulein Maria Klausen ...«
Ja, er gehörte ihr. Aber sie konnte ihn trotzdem nicht öffnen, und es dauerte lange, bis sie sich dazu überwand. Endlich riß sie den Umschlag auf. Ein paar engbeschriebene Seiten Papier, dazwischen welke Blumen. Mit zitternden Fingern strich sie darüber, und heiße Tränen stürzten in ihre Augen:
»Maria ...
Du wirst nicht böse sein, wenn ich Dich bei Deinem Namen nenne und Du zu Dir sage. Denn oft schon habe ich jetzt während meiner Krankheit Dich bei Deinem Namen genannt, und Du hast mich nur angesehen und leise genickt. Und so deutlich und greifbar bist Du mir vorgeschwebt dabei, daß ich manchmal dachte, es sei unnötig, Dir das zu sagen, was ich Dir nun doch sagen will, weil Du alles weißt. Und wäre es auch nur durch die Hoffnung, mit der Du auf mich wartest. Denn Du wartest auf mich, obgleich es eine tolle, undankbare Sache ist, auf einen, wie ich bin, zu warten ...
Erröte nicht. Du hast Dir nichts vergeben. Deine Liebe ist wie Deine Heimat rein und schön, und kein Mädchen wäre würdiger als Du, daß man es wiederliebte. Das sage ich mir nicht nur heute, das habe ich mir auch damals gesagt, gesagt, wenn ich Dich sah und wenn ich Dich nicht sah, und oft schon flossen mir die Worte auf die Zunge. Aber dann tatest Du mir immer leid, Maria, denn meine Liebe hätte Dich erschreckt ... Einmal hatte ich ein paar Blumen gepflückt, und die wollte ich Dir bringen. Ich traf Dich aber damals gerade nicht, und so schlich ich mich spätabends an Dein Fenster. Ich sah Dich auch. Du tatest noch dieses und jenes, kleine süße Hausfrauendinge, dann decktest Du Dein Bett ab und kämmtest Dein Haar. Ich seh Dich noch so deutlich im halben Schein der Kerze, im Hintergrund Dein aufgeschlagenes, schmales Mädchenbett. Erst wollte ich an Dein Fenster klopfen, dann noch warten ... dann tat ich weder das eine noch das andere, sondern ich ging heim. Und die Blumen nahm ich mit und gab sie Dir auch den nächsten Tag nicht ... gab sie Dir gar nicht. Und das war gut, Maria, denn nicht umsonst gibt ein wilder Mann einem keuschen Mädchen Blumen. Es war aber nicht allein Du und das Mitleid mit Dir, das mich abgehalten hat, es war etwas anderes noch, das damals heftig bei mir mitsprach, und das war Dein Bruder. Wie soll ich Dir jetzt das erklären? Schau, Maria, es gibt Männer, die wie Teufel sind und die einen auch zu Teufeln machen, und es gibt Männer, deren Art uns fortwährend beschämt, deren bloßer Anblick einen wünschen läßt, nie mehr eine Gemeinheit zu begehen ... So wirkte auf mich Dein Bruder. Wir begegneten uns sehr oft, und seine Augen sagten jedesmal:
»Was hast Du mit ihr vor?«
Und da hätte ich ihm jedesmal die Blumen zeigen mögen, die ich noch immer bei mir trug ... als Zeichen ...
Ja, so eingebildet und töricht war ich damals, Maria, daß ich glaubte, ich wäre gut ...
Das ist jetzt alles vorüber, und Du wirst es mir verzeihen.
Auch die Blumen darf ich Dir jetzt geben, und Du darfst sie nehmen, denn wenn Du sie hast, sind sie von einem Toten und fordern keine Gegengabe. Vergib mir das Leid, das ich über Dich gebracht habe, und vergiß nicht, daß Du bei mir warst bis ans Ende.
Hugo von Rotenau.«
Wieder und wieder las Maria den Brief, und vieles darin konnte sie nicht verstehen. Aber allmählich wurde ihr klar, daß dieser fremde Mann, dessen Namen sie heute zum erstenmal erfuhr und der gestorben war, sie wußte nicht wann und wo, außergewöhnliche Lebensbedürfnisse mit erschütternder Größe verband, und daß er, von niemand verstanden, auch niemand geliebt haben konnte. Aber trotzdem er tot war, wie reich hatte er sie noch im Tode gemacht ... Sie lächelte leidvoll, raffte mit bebenden Händen seinen Brief, seine Blumen zusammen und trug alles in ihre Kammer.
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Stephan tat das Unglaubliche und kam auch über die Weihnachtstage nicht herunter. Maria hatte ernste Sorge um ihn und dachte mehr als einmal daran, einen Knecht hinaufzuschicken. Aber dann fürchtete sie wieder, daß Stephan es als Spionage ansehen könnte und es übel nehmen würde. Sie hatte in der letzten Zeit Angst vor ihm bekommen, weil er oft bei ganz unbedeutenden Anlässen in der bittersten Weise aufgefahren war. Nein, man durfte ihn nicht reizen, er war der Herr ...
Der Altknecht aber war erbittert und ergrimmt über den jungen Klausen und machte ein Ende.
»Er wolle nicht mit ansehen, wie der alte Hof zugrunde ginge. Er nicht ...«
Das sagte er Maria frei heraus und ließ sich dieses Mal nicht halten. Sie versuchte es auch nicht. Mochte er in Gottes Namen gehen. Es gab andere Knechte. Dieses ewige Gezänke brachte das Ansehen des Hofes herab. Gott sei Dank, die Klausen bekommen Leute soviel sie wollen ... Freilich, der Vater täte sich im Grabe umdrehen, wenn er wüßte, daß der Altknecht geht. So ein braver, fleißiger, treuer Mensch ...
Aber sie blieb doch fest während der ganzen Kündigungszeit und ließ ihn gehen. Um Neujahr herum kam der neue. Der machte große Augen, als er hörte, daß der Bauer auf der Alm sei.
Jetzt, um die Zeit ...? Aber er sagte nichts und arbeitete fleißig.
Maria fiel ein, daß sie nun einen Grund hätte, um Stephan einen Zettel zu schicken. Ungefähr so:
»Der Altknecht ist fort und der neue Knecht noch nicht eingearbeitet. Vielleicht wäre es gut, wenn Du kämest.«
Sie schrieb es sogar nieder, dann aber zerriß sie das Papier wieder. Nein, lieber nicht. Wenn er da war, fing der alte Zustand wieder an. Beisammen sitzen die ganzen Abende und nichts reden. Oder lügen ... Freilich war es mit ihr jetzt anders. Sie quälte nichts mehr. In ihrem Herzen war es still und licht. Aber es ihm sagen? Nein! ... oder ihm den Brief zeigen? Nie! ...
Sie war zu Ende gekommen, er wird auch zu Ende kommen.
So etwas muß jeder allein ausringen, helfen kann da niemand. Und vielleicht wird er eher fertig damit, da oben in der reinen Höhe. Währenddem half sie ihm da unten. Ja, sie konnte ihm ein wenig helfen. Den Hof konnte sie für ihn verwalten während der bösen Zeit, damit er ihn in alter Ordnung findet, wenn er wiederkommt. Denn er wird wiederkommen. Vielleicht früher, vielleicht später, aber er wird wiederkommen ...
Und Maria schob die brennende Sorge um die Zukunft weit zurück und versah ihr Amt mit doppeltem Eifer. Es galt, da zu sein, dort zu sein und überall zu sein. Das Gesinde hatte seit dem Abgang des alten Knechtes stark nachgelassen, und der neue Knecht war fleißig, aber er trank. Das war eine böse Sache.
Einmal stellte sie ihn zur Rede, aber anstatt grob zu werden, was sie als doppelten Anlaß zur Kündigung erwartet hatte, fing er zu weinen an und versicherte, es nie wieder zu tun. So behielt sie ihn weiter, aber sie lebte in beständiger Unruhe, daß irgend etwas passieren könnte. Ein Streit vielleicht. Wenn die Leute den Wein in sich haben, fahren sie herum wie Teufel und sind gleich zur Hand mit dem Messer.
Und Stephan kam nicht.
Dafür aber kam eines Tages Nachricht von Therese.
Auf schmutzigem Papier eigentümlich bedrückende Worte:
»Wenn möglich, komme. Es geht nicht gut.«
Maria war überrascht und erschrocken. Sie nahm den Boten in die Küche, setzte ihm Brot und Wein vor, wollte ihn nach dem Vieh ausfragen und getraute sich doch nicht. Endlich schämte sie sich ihrer Feigheit und sagte tapfer:
»Da hat's wohl im Stall ein Unglück gegeben ...?«
Aber der Bote aß und trank, schüttelte den struppigen Kopf und meinte, er wisse von nichts. Darauf fühlte sich Maria ein wenig erleichtert und schrieb an Therese, daß sie ja gerne kommen würde, aber Stephan sei nicht da, und sie könne den Hof unmöglich allein lassen. Wenn aber etwas Dringendes sei, wolle sie trotzdem kommen. Damit schickte sie den Boten zurück und wartete voll Bangigkeit auf die Antwort. Sie wartete drei Tage, und da kam derselbe Bote wieder. Er gab Maria einen Fetzen mit Bleistift beschmiert:
»Komme trotzdem!«
Da wußte Maria, daß irgend etwas geschehen sein mußte, und sie sandte Nachricht, daß sie kommen würde. Hastig traf sie ihre Vorbereitungen und dachte auch daran, um Stephan zu schicken. Aber sie tat es doch nicht. Bis jemand oben ist, dachte sie, und Stephan unten, vergeht beinahe ein Tag, und bis dahin bin ich auch wieder da. Aber gerade als sie in ihr großes, dunkles Tuch gehüllt über den Hof schritt, kam Stephan daher. Im ersten Augenblick konnte sie es nicht glauben, aber dann flog sie ihm mit einem erlösten Aufschrei entgegen.
»Stephan!«
Und weil der Hof leer war, schlang sie den Arm um ihn und schluchzte leise. Da nahm er sie wie ein Kind in die Arme und trug sie zurück in die Stube.
»Wo wolltest du denn hin, Maria?«