Der Klausenhof: Roman

Part 6

Chapter 63,822 wordsPublic domain

Es hatte zu schneien begonnen. Erst in feinen, weißen Pünktchen, dann immer dichter und dichter, bis große Flocken niedersanken und wie weiche Lippen Marias Wangen streiften. Und während sie das Tuch fester um die Schultern zog, sagte sie:

»Aber es ist auch ein Glück dabei, daß wir so gemeinsam leiden ...«

Plötzlich erschrak sie, und so heftig erschrak sie, daß sie mit den Händen nach dem Stamm eines Baumes griff, um nicht umzusinken. Gegen den Schnee und den Wind kämpfend, kam gebückt und schwerfällig, in einen groben Lodenrock gehüllt, ein alter Mann daher. Auf seinem Kragen leuchtete ein Stückchen rotes Tuch, um seinen Leib trug er eine breite, schwarze Ledertasche, und in den bepelzten Händen hielt er Briefe. Wirkliche Briefe, und er kam den Weg zum Klausenhof.

Maria mußte sich Gewalt antun, um nicht laut herauszuschluchzen in ungestümer Seligkeit. Und weil sie totsicher war, daß der Mann ihretwegen heraufgekommen war, blieb sie stehen und sagte:

»Ihr braucht nicht weiterzugehen. Ich kann es Euch abnehmen.«

Der Briefträger freute sich, daß er den Weg ersparen könnte, und suchte eilig unter den Briefen. Dann zog er ein weißes Kärtchen hervor und reichte es ihr mit zittrigen Händen. Hastig dankend nahm sie es in Empfang und ging rasch grüßend weiter. Als sie weit genug war, daß der Alte sie nicht mehr sehen konnte, blieb sie stehen und drehte das Kärtchen um. Dann aber fuhr ein Beben durch ihren Leib, und sie wurde blaß. Die Schrift auf der Karte war keine Männerschrift, wie sie erwartet hatte, sondern eine feine Mädchenschrift, und die Adresse war ganz deutlich: »Herrn Stephan Klausen.«

Also nicht für sie ... und sie blieb noch immer stehen und haderte mit dem Schicksal in wilder Verblendung. Soll sie ihm die Karte geben? ... soll sie sie ihm geben? ... wie kommt er dazu, daß er so glücklich wird? ... soll sie sie ihm geben? ...

Gleich aber erkannte sie ihr Unrecht und schämte sich ihrer neuen Bösartigkeit ... O, gewiß wird sie sie ihm geben ... als allerschönste Weihnachtsfreude wird sie sie ihm geben ...

Und mit zartester Behutsamkeit schob sie die Karte in die schweren Falten ihres Kleides.

-- -- -- Therese hatte keine Ahnung gehabt, daß Maria kommen werde, und wurde purpurrot, als die Schwester plötzlich in die Stube trat.

»O, Maria!«

In echter Freude stieß sie die Worte hervor, nahm ihr das Tuch von den Schultern, schüttelte den Schnee daraus und zwang Maria in den weichsten Stuhl beim Feuer. Dann brachte sie wärmenden Tee, weiches, lockeres Brot und erkundigte sich mit überstürzenden Fragen nach der Mutter, nach Stephan und nach dem Gesinde.

Aber immer vermied sie Marias Augen, und eine feine, mädchenhafte Röte kam und ging auf ihren Wangen. Sie schämte sich vor Maria ihres Zustandes, und Maria, die nichts davon gewußt hatte, war freudig und peinlich überrascht. Und während sie beim Feuer saß, auf Theresens Reden lauschte und wohltuend die Behaglichkeit empfand, die aus jedem Ding und Winkel strömte, drängte sich ihr auf: »Therese ist glücklich.«

Ja, Therese war glücklich. Davon zeugten die traulich gerückten Möbel, die schützenden Decken und Deckchen, die schneeigen Spitzengardinen und die leuchtenden Blumen dahinter ... Blumen gedeihen nicht gern neben Sorgen.

Ja, Therese war glücklich. Das sang der Vogel im Bauer, das sang das Feuer im Herd, das sangen Theresens Augen, das klang aus jedem Wort. Und ein Triumph war dahinter, ein Triumph über das Böse, das ihr gedroht hatte ...

Gegen Mittag kam überschneit und durchgefroren ihr Mann nach Hause, und nun sah Maria erst, wie glücklich Therese war. Sah, wie süß die Sorge tat, die er um sie, die sie um ihn bezeigte, sah, wie die beiden sich verstanden, durchdrangen und ergänzten, sah, daß Therese im Herzen dieses schlichten Mannes eine Heimat hatte, einen Königinnensitz, und in ihrem abgemarterten Gehirn sprangen wirre, sehnsüchtige Gedanken auf.

»Zugehörigkeit! für den Mann zum Stamm ...

Für das Weib zum Mann ... Zugehörigkeit! ...«

Und plötzlich sprang sie vom Stuhle auf und wollte heim.

Aber dagegen wehrte sich Therese energisch.

»Was fällt dir ein? Du bist ja gerade gekommen.«

Sie goß ihr frischen Tee ein, und als ihr Mann hinausging, bog sie sich vertraulich über sie:

»Ich muß dich auch noch etwas ganz Besonderes fragen. Sag, wirst du denn nicht auch endlich daran denken?«

»Warum ich?«

»Ich meine wegen Stephan.«

Maria umschloß heimlich die Karte in ihrer Tasche.

»Was hat das mit Stephan zu tun?«

Nun wurde Therese sehr ernst.

»Alles. Weil er nicht heiraten kann, solange du zu Hause bist.«

»Warum nicht?«

»Weil das immer so war, die Mädchen heiraten, und dann erst bringt der Bauer die junge Frau, denn eine junge Frau und Schwestern, das täte nie gut.«

Maria umschloß die Karte fester.

»Du meinst, man könnte sich nicht vertragen?«

»Ja, eine neue Frau bringt neue Dinge, schafft manches ab und führt manches ein. Und sie hat das Recht dazu, denn der Hof ist jetzt ihr Hof. Dort ist ihr Heim, dort gehört sie hin.«

»So meinst du, ich gehöre nicht mehr hin?«

Darauf wurde die nüchterne, praktische Therese böse.

»Das ist ein Unsinn. Solange du dort bist, gehörst du hin, denn Stephan wird nicht heiraten, solange du zu Hause bist ... und jetzt komm mit in die Ställe, es ist eine Freude, wie das Viehzeug gedeiht.«

So gingen sie zusammen in die Ställe, wo sie auch Theresens Mann fanden. Er war mit einem jungen Stier beschäftigt, der seine Kette gelockert hatte und störrisch daran riß. Mit echtem Bauernstolz machte der Hausherr Maria auf die gutgehaltenen Tiere aufmerksam und erwähnte immer wieder, daß Therese und nur Therese alles Lob gehöre, denn es sei im ganzen Land keine Bäuerin umsichtiger und unermüdlicher als Therese. Das ganze Haus war ein Loblied auf Therese.

Maria aber gab jetzt nicht mehr nach und drängte heim.

»Es ist heute Weihnachtstag,« sagte sie, »und du wirst auch noch manches zu richten haben.«

Da blickte Therese auf ihren Mann und sagte:

»Dieses Jahr wollen wir nichts tun, aber nächstes ...«

Maria ergriff ihre Hand und drückte sie leise:

»Ich wünsche dir alles Glück, Therese ... und wenn du jemand brauchst, schicke hinauf zu uns.«

Therese nickte wortlos. Irgendwo weit hinten saß plötzlich ein Schatten, eine Sorge ... Irgendwo weit hinten ...

»Grüß die Mutter,« sagte sie endlich, »und Stephan, und die Leute.«

Sechzehntes Kapitel

Maria ging. Die linke Hand um das Tuch geklammert, die Rechte fest und schützend auf der Kleidertasche, so hastete sie heimwärts und achtete die Schönheit der schneeschweren Wälder nicht, deren Bäume sich wie weiße Kirchentürme mit unendlich feinen Schnörkeln in die reine Höhe bauten.

Einmal blieb sie stehen und sah prüfend um sich.

Ging sie denn recht? ... Aber ja. Dort oben begann ja schon der endlose Besitz der Klausen, und noch weiter oben, sie konnte ihn noch nicht sehen, aber sie wußte es, lag der Hof.

Und die Worte, die ihr seit dem Abschied mit Therese in den Ohren klangen, klangen noch stärker als vorher:

»Eine neue Frau bringt neue Dinge, schafft manches ab und führt manches ein. Und sie hat das Recht dazu, denn der Hof ist jetzt ihr Hof, ihr Heim, dort gehört sie hin.«

Wie arm war sie plötzlich geworden. Sie, die Tochter eines freien Bauern, die selten noch auf fremden Boden trat, groß und stolz geworden im Bewußtsein, daß der ganze Berg und noch ein gutes Stück darunter und hinüber Gut und Erbgut der Klausen sei, zusammen mit dem Hof da oben, der immer ihre Heimat war. Und jetzt plötzlich gehörte sie nimmer hin, hatte kein Recht auf den Stuhl beim Rocken, hatte kein Recht auf den Platz beim Herd ... und der Traum, der frohe Kindertraum, daß sie und Stephan einmal allein da oben walten würden ... und der andere Traum, der erste, süße Mädchentraum, daß sie einem Weidmann in sein grünes Häuschen folgt ... und der letzte Traum, so grausam bitter, und doch süßer als irgend etwas in der Welt, daß ein Fremder, ein namenloser Fremder, der ihr nichts gibt, nichts verspricht, sie einmal küssen wird ... wo waren diese Träume alle? ...

Wo waren sie ...?

Fort! ... wie er fort ist ... wie seine Augen, seine Hände fort sind ... Fort! alles fort, und nur sie ist da und geht einsam und heimkrank durch den öden Schnee ...

Und plötzlich blieb sie wieder stehen und drückte ihre zitternden Hände an die fiebernde Stirn ... Wie? wenn sie gar nicht da hinauf ginge ... wenn sie anderswo hinginge ... gleichviel wohin ... nur nicht da hinauf, wo sie doch keine Freude brachte, denn die Mutter hatte Stephan, und Stephan hatte ... sie dachte an ein blondes Mädchen, das sie im Sommer öfters neben Stephan über die Wiesen wandeln sah, und dachte an die Karte in ihrer Tasche ... Langsam, zögernd, nahm sie sie heraus und übersah sie noch einmal im rasch fallenden Licht des Abend. Schräg über das weiße Papier stand in Gold gedruckt der Weihnachtswunsch, und unten in der Ecke stand in zierlichen, zögernden Strichen der Name der Senderin ... Und etwas in Maria sagte:

»O ja, du bringst eine Freude, eine gewaltige, erschütternde Freude.« Dann verbarg sie das Kärtchen wieder sorgsam und eilte den letzten, steilen Pfad hinan. Als sie oben war, löste sich eine Gestalt von der Mauer und kam ihr entgegen. Es war Stephan, und Maria begann zu zittern aus Freude und Angst und Verwirrung und hundert anderen Dingen, die sie so schnell nicht zu deuten vermochte. Er hatte da auf sie gewartet, hatte vielleicht den ganzen Tag auf sie gewartet, und sie hatte gehadert, daß sie einsam war ... Die plötzliche Freude verschlug ihr die Rede. Ohne einen Laut gab sie ihm das Kärtchen, ging dann rasch in das Haus und ließ ihn stehen, betäubt wie er stand. In der Stube aber stürzten ihr jäh die Tränen aus den Augen, denn dort drinnen brannte ein Weihnachtsbäumchen, das Stephan und die alte Frau heimlich geputzt hatten. Und Gaben lagen darunter, von der Mutter, von Stephan, einfache süße Dinge, Gaben der Liebe ...

Und dann machte es die Mutter genau wie Therese. Sie nahm Maria das Tuch von den Schultern, drängte sie in den weichsten Stuhl beim Feuer und brachte ihr wärmenden Tee und weiches, lockeres Brot. Nur nicht so frisch und jung lief sie dabei herum wie Therese, sondern ein wenig mühsam, ein wenig atemlos, aber tausendmal so lieb darum ...

Und als alles auf dem Tische stand, Maria es sich wohl schmecken ließ, die Geschenke der Reihe nach streichelte und bewunderte und dabei ihre müden Füße gegen das knisternde Feuer hielt, daß sie die Heimatswärme wohlig durchfuhr, fragte die Bäuerin wie von ungefähr:

»Wo mag nur Stephan sein?«

Und Maria sagte voll heimlichem Stolz:

»Ich glaube, er ist draußen.«

... Ja, Stephan war draußen, war draußen, kühlte sein glühendes Gesicht mit Schnee und schaute hinüber zu der Villa, die unter den schneegebeugten Fichten stand, weißbehangen, bläulichschimmernd, wie ein leibgewordnes Märchen. Und Stephan schwenkte das weiße Weihnachtskärtchen dagegen, schwenkte es in tollem, brausendem Jubel und rief:

»Du leuchtendes Haus! du leuchtendes Glückshaus! du Haus voll Glück! ...«

Siebzehntes Kapitel

Nun konnte das aber nimmer so weitergehen mit dem alten Ratterkasten! Die ganze wackelige Bude mußte niedergerissen werden bis auf den letzten Stein; und ein Haus muß erstehen von solcher Ausdehnung und Schönheit, wie es kein Bauer in Tirol besitzt.

Und gleich mußte damit begonnen werden, daß es bis zum Sommer fertig ist ... bis zum Sommer ... und Stephan warf den Kopf zurück und blähte die Nasenwände wie ein heißblütiges Pferd.

Dann ging er mit großen Schritten um den Hof herum, prüfte mit Genugtuung die alten, rissigen Mauern, rüttelte an Pfählen, die schon lose staken, daß sie ganz einfielen, und richtete soviel Schaden an, als er ungesehen und unauffällig anrichten konnte.

Darauf ging er mit hochgezogenen Augenbrauen in die Stube und redete der Bäuerin zu, sich einmal den Hof anzusehen. Er sei so sehr schadhaft, daß er morgen oder übermorgen einstürzen werde, wenn man nicht schleunigst zum Maurermeister nach Bozen schicke ...

Die Bäuerin ließ ihn ruhig ausreden, aber als er fertig war, sagte sie: »Dich hat der Hochmut gepackt, Stephan. Du meinst, weil du lesen und schreiben kannst, ist der Hof für dich nicht mehr gut. Höre, Stephan ... es gibt Leute, die gescheit sind, und Leute, die gescheiter sind. Und es gibt Leute, die ehrsam sind, aber keine Leute, die ehrsamer sind, denn die Ehrsamkeit hat nur ein Kleid. Was ich also meine, ist: du bist gescheiter als dein Vater war, aber ehrsamer bist du nicht, und wenn der Hof gut war für deinen Vater, muß er auch gut sein für dich. Darum will ich es nicht haben, Stephan, und so lange ich lebe, kommt kein Stein von dem andern.«

Es nützte nichts. Stephan mochte reden und drängen, so viel er wollte, die sonst so weiche und nachgiebige Frau war unerbittlich. Trotzdem gab er seinen Vorsatz nicht auf und sandte heimlich einen Boten nach Bozen. Der brachte von dem Maurermeister ein Büchlein mit Ansichten und Plänen, und Stephan studierte hinter festverschlossenen Türen darin herum. Aber es dünkte ihm nichts gut genug. Er wollte etwas mit Erkern und Gesimsen, mit Bildern und mit Sprüchen, und so schrieb er ein paar Tage später direkt nach Innsbruck. Merkwürdigerweise aber sandte er den Brief nicht weg, sondern trug ihn Woche um Woche in der Tasche herum.

Jeden Abend nahm er sich vor, ihn morgen zu schicken, und wenn der Morgen kam, tat er es wieder nicht. Tat es nicht, vielleicht weil man ... und das war ihm erst später eingefallen ... ja doch nicht bauen konnte, solange der Boden nicht ausgetrocknet war, vielleicht auch, weil die Mutter zu husten begann und so merkwürdig spitz wurde. Und schließlich hatte sie recht. Es gibt Leute, die gescheit sind, und Leute, die gescheiter sind. Und Leute, die ehrsam sind, aber keine Leute, die ehrsamer sind ... die waren auch nicht besser da drüben, trotzdem sie ein feines Haus bewohnten ...

Wie Trotz und Wut überkam es ihn, und mit doppelter Zärtlichkeit umgab er die scheidende Mutter. Nein, er wollte nicht mehr daran denken. Eigentlich war es ja auch ein Wahnsinn, daran zu denken. Denn was berechtigte ihn dazu? Ein Kärtchen ... ein einziges weißes Weihnachtskärtchen ... geschickt aus Langeweile, aus Laune, aus Mitleid, oder sonst einem tollen Grund, wie sie nur die Weiber haben ... O, er war in Innsbruck nicht so ganz ohne Erfahrung geblieben ... zum Teufel auch, ihn sollte keine necken! ...

Gleich darauf aber schlug er erschüttert die Hände vors Gesicht. Daß er so etwas denken konnte ... von ihr, die süßer war als erste Sommerblüten, und keuscher war als frischer Firnenschnee ...

Nein! ihresgleichen hatte es in Innsbruck nicht gegeben, gab es nimmer in der Welt! ...

»Margarete.«

Er wollte es laut sagen, um sich das fremde, blonde Mädchen besser zu vergegenwärtigen. Aber der feine, ungewohnte Name brach auf seiner Zunge, und da sagte er halb erschrocken über die Kühnheit, halb glücklich über die Macht, die ihm doch niemand wehren konnte, »Grete«.

... und der frühe Föhn, der vorüberstrich, nahm das Wort von seinen Lippen, trug es in die Wälder, warf es in die Lüfte, daß es tausendfältig wiederklang. »Grete ... Grete.«

Und taumelnd vor Sehnsucht griff Stephan in die Tasche nach der Weihnachtskarte, die er immer bei sich trug. Da spürte er etwas Hartes, etwas Festes, einen Brief. Richtig!

Der mußte fort. Heute noch ... mochte die Mutter weinen.

... Aber die Mutter weinte nicht, denn noch ehe die Antwort kam, fand man sie eines Morgens kalt und steif in ihrem Bett. Da schien es, als ob alle Freude und alle Wärme im Klausenhof mit ihr gestorben sei, und Maria weinte zum erstenmal wieder an Stephans Schulter, und Stephan strich ihr leise übers Haar. Therese wurde verständigt, aber nur der Schwager kam.

Neben Theresens Bett stand seit ein paar Tagen eine sorgsam zugehüllte Wiege, und Therese war noch viel zu schwach, um den steilen Berg heraufzukommen.

Ernst und traurig trugen sie die Klausenbäuerin am dritten Tag zu Grabe. Die Bauern waren aus nah und fern erschienen und schritten im langen Zug hinter dem weinenden Gesinde.

Es war bitter, an einem so schönen Frühlingstag, wo tausend und abertausend grüne Spitzen aus eigenem Grund und Boden drängten, ins Grab gesenkt zu werden. Das empfanden sogar diejenigen, die die Klausenbäuerin vielleicht nur einmal, vielleicht nie gesehen hatten, und des Betens und des Weinens ward kein Ende. Beim Totenmahl, bei Wein und Brot, erholten sich die Gäste dann ein wenig. Aber die Knechte und die Mägde schluchzten weiter, und auch Maria weinte unaufhörlich.

Nur Stephan, jetzt der unumschränkte Herr am Klausenhof, zeigte sich ruhig und gefaßt. Umsichtig ging er von dem einen zum andern, fragte die Männer nach ihren Feldern, die Frauen nach ihren Kindern, und die Leute wunderten sich insgeheim, was für ein lieber, feiner Herr der junge Klausen geworden sei.

Ja fein, denn selbst diese einfachen Gemüter merkten den Abstand zwischen ihm und ihnen. Groß, fremd, blond, wie einer, der gar nicht zu ihnen gehört, sah er aus und war doch wieder so voll Verständnis für alle ihre Sorgen, daß die Scheu vor seiner Vornehmheit unwillkürlich schwand vor seiner Güte.

Ja, gut war er ... und ledig auch ... und in den Jahren auch ...

Und die Bäuerinnen, die schöne Anwesen und ältliche Töchter zu Hause hatten, zerbrachen sich auf dem Heimweg den Kopf, wie es anzustellen wäre ... denn der Klausenhof brauchte jetzt eine Bäuerin, das war klar ...

Achtzehntes Kapitel

Auch Stephan wurde das allmählich klar. Mit jedem neuen Tag spürte er deutlicher und deutlicher, daß das nicht, wie er immer glaubte, seine eigenste Sache, sondern auch Sache des Hofes sei. Allerdings, da war Maria. Tüchtig, pünktlich, umsichtig und fest hinter dem Gesinde wie die Mutter. Aber es war doch nicht dasselbe. Das merkte man da und dort und überall. Mit den Leuten hatte es auch schon einige Male Zwistigkeiten gegeben, und der älteste Knecht, der seit dreißig Jahren auf dem Hofe war, wollte gehen.

»Es sei keine Zucht mehr,« sagte er, »keine Zucht!«

Und nur Marias Zureden hatte ihn gehalten.

Bleich und verstört ging Stephan auf seinem Hof herum und dachte: »Wo fehlt es denn? wo fehlt es denn? ...«

Aber er konnte es nicht ergründen. Im Haus, im Hof, in den Ställen und Scheunen herrschte nach wie vor Segen und Ordnung.

Die Pferde und Zugochsen waren sauber gestriegelt, die Kühe trugen schweres Euter, die Hennen gackerten unverdrossen, und die Bütten beim Brunnen waren schneeweiß gescheuert.

»Wo fehlt es denn? wo fehlt es denn? ...«

Und weil Stephan der Sache auf den Grund kommen wollte, ging er in die Vorratsräume.

Aber auch dort war alles in Ordnung. In der Fruchtkammer standen schwergefüllte Säcke mit Mehl und Getreide. In der Fleischkammer hingen lange Reihen mit Fleisch und Speck. Im Keller drängte sich Faß an Faß mit Wein und Apfelwein.

»Nein, da fehlte nichts.«

Und Stephan ging in das Haus. Die Küche war frisch getüncht, die Geräte an der Wand vollzählig und sauber. Auf dem Herde dampfte es aus Pfannen und Kesseln, und zuoberst auf den warmen, grünen Kacheln lag die Katze und surrte leise. An dem großen Küchentisch aber stand Maria im frischgewaschenen Kattunkleid und richtete Gemüse. Die Uhr zeigte die Mittagsstunde, und der Tisch war gedeckt.

»Nein, da fehlte auch nichts.«

Und Stephan ging in das Zimmer, in das große eheliche Schlafzimmer, das jeder junge Klausen mit dem Hofe übernahm.

Er selbst wäre lieber in seinem Knabenstübchen geblieben, aber der Leute wegen hielt er sich an die Tradition.

Die Fenster waren weit offen, und der frische Frühlingswind fuhr in die Falten der großgeblümten Vorhänge, daß sie aufflatterten und sich wichtig blähten. Und der frische Frühlingswind strich über die uralte Kommode, über den uralten Schrank bis hinüber zu dem uralten Bett ... ja, dort fehlte etwas ... dort fehlte das andere uralte Bett. Es war auch zeitlebens dort gestanden, aber er hatte es gleich am Anfang seiner Herrschaft hinausräumen lassen ... und nun fehlte es ... fehlte ein Bett.

Aber Herrgott, weil ein Bett fehlt, das kann es doch nicht sein!

... Aber es war doch so, und Stephan kniff die Lippen ein, wie er es manchmal tat, wenn er scharf nachdachte, und schaute hinüber zu dem Wald, wo die Lärchen und Fichten den letzten Schnee abwarfen, wie Frauen, die das letzte Kleid abwerfen und frei und froh sich dehnen. Und er sagte:

»Frühling, Frühling, du toller, wahnsinniger Frühling, sei still, ich bin der Klausen. Der Klausen, der ein Bauer ist und ein Fürst sein möchte ... O Frühling, sei still ...!«

Aber der Frühling ward nicht still. Er tobte und schmeichelte, er drohte und streichelte, und in all die tausend Blumenkränze, die er aus dem Boden zog, zeichnete er Gesichter, blasse, feine Mädchengesichter.

Und Stephan haderte mit dem Frühling und haderte mit der Welt. Er wurde ungerecht gegen das Gesinde, scharf gegen Maria und sah und wußte nicht einmal mehr, daß sie auch mit dem Frühling stritt.

Neunzehntes Kapitel

In der Villa Waldfriede wurden eines Tages die grünen Fensterläden aufgestoßen, und ein sorgsam betüchelter Altweiberkopf zeigte sich hinter den Scheiben. Nach einer Weile öffneten sich auch die Fenster, und der Altweiberkopf hob sich vorsichtig heraus. »Herrgottl, war's da oben schön! So schön, nein, nicht zum Sagen. Das viele dürre Holz in den Wäldern, das man zusammenklauben durfte, ohne viel nach jemand zu fragen, und die vielen heilsamen Kräutlein in den Wiesen, die niemand gehörten als dem lieben Herrgott und dem, der sie gerade fand.

Wunderschöne Kräutlein, gegen Husten und Brustweh und Brust- und Kopfgeschwüre und Krampfadern. Ja, wegen den Kräutlein, die man da oben gleich zur Hand hat, ist es ein Gutes, da zu leben. Aber insonsten ...,« und der Altweiberkopf wackelte verdrossen hin und her, »ist das Leben da oben ein' Sünd' und ein Greuel ... Wie die Klausen das aushalten können, jahrein, jahraus ohne Kirchen und Ablässe, und nur alle Sonntag eine heilige Messe unten in Kampenn ... O, das arme Jesulein ...«

Noch immer verdrossen wackelnd zog sich der betüchelte Kopf zurück, und Stephan, der vom Felde aus den Vorgang gesehen hatte, starrte fassungslos auf den leeren, gähnenden Fensterschlund. Schreck und Freude malte sich auf seinem Gesicht, und eine Weile war es, als schwankten seine Knie.

Die alte Kathi, die jeden Sommer zuerst kam, um die Wohnung für die Doktorsleute zu säubern und zu richten, war da. Himmel! so nah war der Sommer ...

Am liebsten hätte er die Hacke fortgeworfen und wäre auf dem Felde auf und ab gestürmt, aber es war möglich, daß die alte Kathi ihn sah, und das war ein böses, klatschsüchtiges Frauenzimmer, vor der man sich in acht nehmen mußte. So arbeitete Stephan weiter und beruhigte sich allgemach. Was war es schließlich und endlich auch Großes? ... Die alte Kathi war da. So ein nichtsnutziges, ränkesüchtiges Frauenzimmer, das schon dreimal unter einen vollen Heuwagen zu liegen kam, ohne Schaden zu nehmen, und deren Maul man wird extra totschlagen müssen, wenn es vielleicht doch einmal mit ihr ans Sterben geht. Und der Anblick dieses zahnlosen Ungeheuers gab ihm diesen tollen, freudigen Schreck ... Ja, was anders war es, als vor ein paar Tagen der Kuckuck rief.

»Kuckuck ... Kuckuck ... Kuckuck.«

Da hatte er ein Gefühl gehabt, als müsse er den ganzen Berg aus den Fugen rücken, und als er spät abends nach Hause ging, hatte er ein übermütiges Lied geschmettert:

»Diandl, woas suachst denn doa, Hoast woas valoarn? Liegt eppa dei Jungfernkranz Drinnen in Koarn? Juchei! Juchei! Juchei!«

Das konnte man schon verstehen, daß man sich freute, wenn der Kuckuck rief. Aber wegen der Alten ...