Der Klausenhof: Roman

Part 5

Chapter 53,822 wordsPublic domain

Dann schwieg er ganz, und nun wurde es so still, daß man vermeinte, das Gleiten des Abendgoldes zu hören, wie es über die Berge rutschte und alle Helle des Himmels und der Erde mit sich nahm. Hier und da hing noch ein schimmernder Fetzen, aber auch der verblaßte, verschwand, und plötzlich lag das ganze Land dunkel, mit reckenhaften Gebilden dräuend ringsherum. Da zog Hugo von Rotenau den Blick von den fernen Bergen und wandte sich Maria zu. Sie hatte die Finger zusammengepreßt, und ihre Zähne schlugen leise aufeinander. Da erschrak er und sagte im Tone aufrichtigster Sorge: »Sind Sie krank, Maria?«

Zum erstenmal nannte er ihren Namen, und sie zuckte zusammen wie unter einem Schmerz. Dann bekämpfte sie ihre Erregung und wehrte seiner Angst:

»Es ist nichts ... nein, wirklich nichts. Aber ich glaube, wir verspäten uns.«

Er drehte sich sofort um, und schweigend legten sie den Weg zurück, den sie gekommen waren. Hugo von Rotenaus Gedanken hatten sich verstrickt, verfangen in den Seidenfäden, in den Seidenfalten fraulicher Gewänder, und Maria dachte. Dachte an junge Tauben, deren Flügel in der Sonne schimmern, dachte an eine Einsamkeit ohne Worte, ohne Ende.

In der Nähe des Klausenhofes trennten sie sich, und diesen Abend verbeugte er sich vor ihr, als ob sie eine feine Dame wäre.

Beim Tor sah sie Stephan, und sie senkte ihren Kopf, als sie ihn sah, weil sie meinte, er müsse ihren Schmerz und ihre Schande sehen. Aber Stephan sah nichts davon. Stephan sah, wo er ging und stand, ein vornehmes Mädchen im langen, weißen Kleide, sah, wie es auf einer Lärchenwiese, die schlanke Hand zum Gruß erhoben, ein tiefes Leuchten in den Augen, einen schönen Frieden auf den Zügen, gleich einer fernen, huschenden Sonne, im tropfenden Grün verschwand.

Zwölftes Kapitel

Nach den neuen, großen Gefühlen, die Stephan und Maria seit Beginn des Sommers beherrschten, war die alte Liebe zueinander doch zu tief eingewurzelt, als daß sie tiefinnerst nicht gemerkt hätten, wie sie sich immer mehr und mehr entfremdeten.

Früher waren sie beinahe beständig beisammen. Sie arbeiteten gemeinsam, sie erholten sich gemeinsam. Wenn Stephan etwas unternehmen wollte, besprach er sich zuerst mit Maria und dann erst mit der Mutter. Mit Maria, und mit ihr allein, redete er auch manchmal über die Bücher und über seinen alten Jugendtraum, Gelehrter zu werden. Nun war das alles anders geworden.

Mit einem leisen Lächeln um die Lippen, als ob sie beständig ein gemeinsames Geheimnis trügen, hatten sie sich früher bei jeder Begegnung angeschaut. Jetzt gingen sie aneinander vorbei mit bleichen, ernsten Gesichtern, und wenn sich zufällig ihre Blicke trafen, starrten sie sich an wie Fremde, erinnerten sich dann, daß sie Geschwister waren, sich einmal so lieb gehabt hatten, schämten sich in hilfloser Qual über ihre Abtrünnigkeit und fingen in einer ungeschickten, holprigen Art über fernliegende Dinge zu reden an. Aber dabei dachten sie jedesmal:

»Es kann doch nicht immer so bleiben? Nein, es wird doch nicht immer so bleiben! Das wäre ja ärger, als alles sagen ... Nein, alles sagen, wäre noch ärger.« Und sie blieben auf halbem Wege zueinander stehen, voll Scham, voll Scheu, voll Mißtrauen, ängstlich wie Diebe und suchten mit Blicken und dringenden Gedanken zu ergründen, wieviel einer von dem andern wußte. Solange die Arbeit draußen dauerte, ging es noch. Da sahen sie sich nur ein paarmal des Tages, und dann auch nur flüchtig, in drängender Hast. Gott sei Dank! es gab soviel zu tun.

»Du weißt schon, Maria, ich muß gleich wieder weg.«

»Ja ... freilich, ja ...«

Und sie schluckten das Essen hinunter, hasteten gleich darauf nach verschiedenen Richtungen auseinander, und höchstens die Mutter klagte, daß Stephan jetzt nie mehr zu Hause sei ...

Als aber die Tage kürzer wurden und die langen Abende kamen, die langen Abende mit dem knisternden Feuer und dem surrenden Rocken ... dieselben Abende, die vor einem Sommer soviel heimliches Glück in Marias Seele schütteten, kein Glück wie es der Sommer brachte, nachlässig hingeworfen von eines Fremden weißer Hand, sondern ein Glück voll zager Hingabe, ebenbürtig ihrem schlichten Stand und Namen, wurde der Zustand unerträglich. Immer unerträglicher. Und zu dem schrecklichen Verschweigen, dem schrecklichen Verbergen, kam eine Sehnsucht, fremd und überwältigend, herrisch und unabweisbar, daß jeder Tropfen Blut in ihren Adern metallen aneinanderklang und jede Faser ihren Körper spannte in halbverstandenem Begehr. Stephan setzte dagegen zähneknirschend einen jahrhundertealten Bauerntrotz, und Maria flüchtete ohnmächtig, schamerfüllt zu ihrer Namensmutter, der Jungfrau unbefleckt.

»Du Reinste der Reinen, hilf!«

-- -- -- »Warum kommt denn jetzt Josef nie mehr herauf?« fragte die Bäuerin einmal an einem solchen Abend in der klagenden, kindischen Weise, die sie sich seit dem Unglück mit ihrem Mann angewöhnt hatte, »seid ihr denn nimmer gut zusammen, Stephan?« Stephan, der gerade, wie nun schon so oft in allerletzter Zeit, in merkwürdig ausschauenden Büchern blätterte, schloß das Buch und blickte unsicher auf Maria.

»Wir haben nichts gegeneinander, Mutter.«

»Aber früher kam er doch so oft.«

»Ich glaube, diesen Winter sind die Wege so verschneit.«

»Für einen Mann wie Josef? Das ist zum Lachen!«

»Ei ja ...«

Stephan hielt das Buch geschlossen und sah sich nachdenklich im Zimmer um. Dann sagte er plötzlich und unvermittelt:

»Ich wollte dich schon längst etwas fragen, Mutter. Hängst du sehr an der Stube, so wie sie ist?«

»Was meinst du?«

»Ich meine, Mutter ... der ganze Hof ist so alt. Man könnte vielleicht vieles herrichten lassen, schöner machen lassen ...«

Er dachte an die Villa drüben mit ihren Erkern und Gesimsen, und daß es für ein Mädchen wie Margarete etwas Lächerliches wäre ... der Herr eines halbzerfallenen Hofes ...

»Du mußt verhext sein,« sagte die alte Frau in maßlosem Erstaunen, »der Hof, der allen Klausen gut genug war.«

Stephan errötete in Verwirrung und Ärger.

»So meinte ich es ja nicht, Mutter.«

»Wie meinst du es dann?«

»Ich meine, daß der Hof doch recht alt und hinfällig ausschaut und daß wir Geld und Grund genug hätten, um ihn ordentlich auszubauen.«

»Den Klausenhof?«

»Ja ... man muß sich ja schämen.«

»Mit dem Klausenhof?«

Tieferschrocken blickte sie Stephan an, und Stephan, dem plötzlich das Ungeheuerliche seiner Gedanken klar wurde, sagte hastig:

»Nein, nein ... so meinte ich es gewiß nicht. Der Klausenhof ist ein ehrsamer Hof ...« und dann noch hastiger, energischer, wie um ein für allemal mit solchen Gedanken Schluß zu machen, »aber so kann das nicht weitergehen, Mutter ... so mit der vielen Arbeit für dich und Maria ... Du weißt, daß der Vater gern gesehen hätte, wenn ich die Agnes herbrächte ...«

Nun schluchzte die Bäuerin in Schmerz und Freude.

»O, Stephan, wenn du wüßtest, wie oft ich schon daran gedacht habe.«

»So ist es dir recht, Mutter?«

»Ja ... sehr, sehr recht, Stephan.«

»Und dir, Maria?«

Er sah voll in ihre starren, weitoffenen Augen und hielt den tausend Fragen ihrer brennenden Blicke stand. Und weil keine Muskel seines Gesichtes zuckte und kein Härchen seiner Wimpern bebte, wurde sie an ihm irre und sagte wie erlöst:

»Ja ... es wäre gut, Stephan.«

Gott sei Dank! Es kam plötzlich wie eine Erschöpfung über ihn, und er fuhr sich mit zittrigen Händen über die Stirn.

»Dann geh ich nächsten Sonntag zum Müller, wenn es euch recht ist.«

»Ja, Stephan ...« Die alte Frau erhob sich, schluchzte und zögerte. »Und wenn du den Hof ein wenig auffrischen lassen willst ... ich meine, wenn ich gleich gewußt hätte, was du im Sinn hast ... ich hab natürlich nichts dagegen.«

Aber die Freude, die sie in seinen Augen erwartet hatte, blieb aus, und während er sich zur Tür wandte, sagte er müde:

»Wozu, Mutter ... das ist ja eigentlich wirklich nicht nötig.«

Dreizehntes Kapitel

Stephan hatte Mühe, sich zurechtzufinden.

Er war den Weg schon seit Jahren nicht mehr gegangen und hatte schon als Knabe seine Not damit ... als Knabe, wo er doch so oft und so gern zur Mühle ging.

Sie lag irgendwo auf der anderen Seite des Berges, eingesenkt in Steingeröll und Fichtenschlünden. Manchmal blieb er stehen, trocknete sich den Schweiß von der Stirne und säuberte mit einem großen Taschentuch an seinen Beinkleidern. Ein plötzlicher Südwind hatte den Schnee an den Hängen geweicht, daß er brockenweise heruntertaumelte und als schmutziges Wasser über die Pfade kroch. Und heiß war es. Erstickend heiß. Stephan hätte am liebsten das seidene Halstüchlein herabgenommen, aber seine Mutter hatte gesagt, es schicke sich nicht, ohne ein seidenes Halstüchlein zu freien ... und sie sollten nichts auszusetzen haben an ihm, der Müller und die Müllerin. Sollten nichts davon merken, daß er lesen und schreiben konnte und so viele Jahre in Innsbruck in der Schule saß. Ein Bauer wollte er sein, ein richtiger Bauer, der kein Anrecht hat auf ein Mädchen mit weißen Händen und goldenem Haar ... Zum Teufel auch! Er wäre ausgeglitten und erhaschte noch glücklich den Zipfel einer Tanne. Der Weg ging auch so steil ab, war so glitschrig, daß man förmlich schauen mußte, wohin man trat. Und ringsum senkten sich schwere Lüfte nieder, stauten sich graue Massen auf ... Regen ...

War das ein gutes Zeichen, wenn man freien ging?

Warum denn nicht? ... er würde gut sein gegen Agnes. Ihr nie ein böses Wort sagen und freie Hand lassen in allem was die Wirtschaft anbetraf. Das war ein Zug an allen Klausen, daß sie gut waren gegen Frauen ..., wenn auch einmal einer, irgendeiner, aber sicher nicht der Adalbert, die ganz alten Knechte erzählten es öfters, seine Mutter vor den Pflug spannte und hinter ihr mit der Peitsche schritt ... weiß Gott, wie das eigentlich war. Aber sein Vater war gut gegen seine Frau, hatte sie in Ehren gehalten, und er würde Agnes auch in Ehren halten. Ja, lebenslänglich in Ehren halten ... Etwas wie Stolz kam über ihn, und er eilte rascher vorwärts in plötzlicher Ungeduld. Dann blieb er wieder einmal stehen, zupfte an dem seidenen Halstuch und säuberte an seinen Beinkleidern. Vor ihm öffnete sich ein zerklüftetes Gesenke, tief unten, versteckt zwischen Felsen und Fichten, stand ein bemoostes Dach, und ein frischer, brauner Bach sprang um zwei große, hölzerne Räder. Aber die Räder standen still, denn es war Sonntag ... Freier-Sonntag.

Stephan wurde feierlich zumute, und mit dem Hute in der Hand strebte er der Tiefe zu. Manchmal blieb er stehen, um zu schauen, ob man ihn vielleicht gesehen habe und ihm entgegenkam. Aber es zeigte sich niemand. Der ganze Grund war wie verzaubert, so menschenlos, so seltsam still.

»In Ehren halten,« sagte Stephan leise, »lebenslänglich in Ehren halten.«

Dann schrak er plötzlich heftig zusammen.

Unten schlugen die Hunde an, kläfften und heulten und rissen wild an ihren Ketten. »Herrgott!« aber was gab es da zu erschrecken? Er war doch kein Dieb. Er war der Klausenbauer, der freien kam ... Kein Klausenbauer freite noch umsonst. Die Türen taten sich von selbst auf, wenn er kam. Ja, alle Türen ...!

Und Stephan kniff die Lippen ein und schaute starr nach einer Richtung. Nach einer Richtung, wo auf der anderen Seite des Berges unter Tannen und Lärchen eine Villa stand, eine Villa mit Erkern und Gesimsen, mit Bildern und mit Sprüchen und mit einer Tür, die sich ihm nie auftun würde ... nie ... nie ...

»Nein, so eine Freude,« sagte der alte Müller, der im säuberlichen Sonntagsanzug jetzt aus der Türe trat. »Ihr habt wohl Korn zum Mahlen, junger Klausen?«

»Ja ..., auch Korn zum Mahlen.«

»Also noch etwas. Das ist schön. Aber kommt herein, Ihr seid ja schon eine Ewigkeit nicht dagewesen.«

Und der Alte machte die Türe weit auf, stolz auf den Besuch, den er mitbrachte. Sie schritten an den kläffenden Hunden vorbei, über einen sauber gehaltenen Hof, in dem die Müllerin stand und beflissen grüßte. Und als sie in die traulich durchwärmte, wohlaufgeräumte Wohnstube traten, kamen höflich knixend die beiden älteren Töchter, kam, freudig erschrocken und schelmisch grüßend Agnes, das lieblichste Müllerkind.

Hei, wie groß sie geworden war!

Sie reichte ihm die runde, braune Hand, und während er sie einen Augenblick drückte, dachte er:

»In Ehren halten ...«

Dann setzte er sich neben den weißhaarigen Alten und ließ es sich gefallen, daß die vier Frauen hin und her liefen, um ihm Weißbrot und Kaffee zu richten. Das beste Tuch, die beste Schale, alles Beste aus dem Schrank, der Truhe ... und plötzlich kam er sich all der Sorge, all der Ehre unwert vor. Was wollte er denn hier? Rasch und gefällig lief Agnes hin und wieder, brachte Brot und Wein, brachte Fleisch und Butter, legte Scheite auf das Feuer, zündete die Lampe an, zog die Vorhänge zu und tat tausend liebe Dinge. Aber alles sacht und leise, kaum daß man es bemerkte. Und Stephan dachte:

»Wie geschickt sie ist ... wie flink sie ist. Wie die Mutter sich freuen wird ..., wie der Vater sich gefreut hätte ...«

Er wurde mit einem Male ernst.

»Rauchen Sie nicht?« fragte die Müllerin.

»Ja.«

Agnes reichte ihm Feuer mit leise zitternder Hand, und als er ihr im Scheine des aufflackernden Zündholzes in die Augen sah, scheuten ihre Blicke in den seinen. Das machte ihn stolz und traurig zugleich.

»Wenn es nur schon gesagt wäre ...«

Aber so oft er den Mund dazu aufmachen wollte, legte sich etwas auf seine Brust, setzte sich etwas auf seine Zunge, klammerte sich etwas um seine Kehle, und weit hinten tauchte eine Villa auf, mit Erkern und Gesimsen ...

»Was ist es denn?« fragte der Müller, als der Schmaus vorüber war und die vier Frauen gerade in der Küche waren, »das Ihr noch möchtet außer dem Korn?«

Und zu seinem allergrößten Schrecken sagte Stephan:

»Die große Wiese, Herr Müller, die Ihr schon so lange feil habt.«

Dann kam eine solche Beschämung über ihn, daß er nimmer wagte, Agnes anzuschauen, als sie wieder in die Stube trat. Der Müller aber freute sich über das Angebot und redete eindringlich über die schöne Wiese und den niederen Preis. Spät am Abend brach Stephan auf, und als er in den Hof kam, sah er, daß es schneite.

Gott sei Dank, kein Regen, sondern Schnee! Weicher, fester, flaumiger Schnee. Schnee ... in langen Streifen niederrieselnd ... in weißen Schleiern niederwehend. In weißen Schleiern, wie sie Mädchen tragen ... wie sie blonde Mädchen tragen ... Gott sei Dank! Und alle Beschämung von vorhin verlor sich in einem aufbrausenden Dankesgefühl, und als er gegen Mitternacht an die Villa kam, drückte er sein frostdurchglühtes Gesicht an die kalte, steinerne Wand ... Gott sei Dank! ...

Plötzlich stutzte er. Ihm gegenüber lag der Klausenhof, und aus einem Fenster drang Licht. Was war das? Sie warteten auf ihn ..., die Mutter ..., Maria ...

Er hatte die beiden vergessen. Was werden die jetzt sagen, wenn sie es erfahren ...? Jäh ernüchtert, widerwillig, unschlüssig ging er weiter ... Aber war das nicht seine eigene, seine eigenste Sache? ...

Halb trotzig, halb verlegen, trat er endlich in die Stube.

Die Mutter und Maria saßen in ihren schwarzen Sonntagskleidern, der Tisch war mit Blumen geschmückt, die einfachen Möbel machten einen festlichen Eindruck. Es war offenbar, sie hatten das alles für den Abend hergerichtet, um diesen Abend zu feiern ...

Maria trat ihm entgegen, blaß und gefaßt wie eine Braut, und die Mutter wollte schluchzen. Da nahm er die alte Frau fest um die Mitte und sagte:

»Laß gut sein, Mutter. Es wird nichts daraus.«

Sie dachte an einen Korb, aber das stand im Widerspruch zu seinen strahlenden Augen, und sie konnte ihn nicht begreifen.

»Aber Stephan?«

»Und es ist doch so, Mutter. Ich ... ich hab mich nicht getraut ...«

Nun schluchzte sie wirklich, aber aus Freude, daß sie ihren Jungen noch eine Weile behalten durfte, aus erlöster Mutterfreude, und noch immer schluchzend sagte sie:

»Du Bub, du lieber, dummer Bub.«

Nur Maria sagte nichts. Sie stand beim Fenster und blickte auf die Bäume, die im Schnee und Mondlicht drüben im Wald die Villa säumten. Die Villa, die das Schicksal der Klausen wurde, einmal, und dann noch einmal durch ein fremdes Mädchen, durch einen fremden Mann ... Und während sich ihr Gehirn abmühte, ein paar Worte für Stephan zu finden, dachte sie: »Es kann nimmer gut werden mit den Klausen.«

Vierzehntes Kapitel

Und es ward nimmer gut.

Das merkte nicht nur Maria, das merkte auch Stephan, merkte es am allerdeutlichsten, wenn er sich nach der Rückseite des Hauses unter die langen Fänge der Windmühle schlich und mit einem alten Fernrohr, das noch aus Innsbruck stammte, den Weg nach Bozen hinauf und hinunter sah. Den steilen, steinigen, fünf Stunden langen Weg, den der Postbote aus Bozen einige Male im Jahre heraufkroch, um den Steuerzettel oder einen anderen dienstlichen Wisch im Klausenhofe abzugeben. Ja, immer nur dienstliche Sachen! Die Verwandten und Bekannten der Klausen waren ja nicht eben gewandt im Lesen und Schreiben. Auch Therese nicht, die nur öfters einen Knecht zu der Mutter sandte mit der Botschaft, daß es ihr gut ginge und daß Maria doch einmal kommen möge.

Immer nur dienstliche Sachen! ... und doch schlich sich Stephan jeden Tag nach der Rückseite des Hauses unter die langen Fänge der Windmühle und schaute mit seinem alten Fernglas den Weg nach Bozen hinauf und hinab. Aber die Steuern waren wohl noch immer nicht fällig, denn der Postbote kam nicht, so eifrig Stephan auch schaute, so sehr er das Fernglas auch drehte ... Und voll tiefer Beschämung ging er jedesmal in das Haus zurück und nahm sich vor, nie wieder auszuschauen. Aber den nächsten Morgen stand er doch draußen, an der Rückseite des Hauses, unter den langen Fängen der Windmühle ...

Da geschah es jetzt aber schon ein paarmal, daß er einen tiefen Schreck erlebte. Maria stand auch dort. Genau an derselben Stelle, wo er immer zu stehen pflegte, wo man den Weg am besten überschauen konnte. Mit straffgespanntem, weit vorgeneigtem Oberkörper, die Augen mit den Händen gegen den blendenden Schnee geschützt, schaute sie den Weg hinab, schaute starr hinab und suchte ...

Stephan war jedesmal schnell zurückgetreten, noch ehe sie ihn bemerken konnte, und ging schließlich nur mehr auf Ausguck, wenn er Maria dringendst im Haus beschäftigt wußte. Aber es dünkte ihn eine lächerliche, wahnsinnige Sache, daß sie, ohne es einander zu verraten, auf ein und dasselbe warteten, von dem sie beide wußten, daß es nie kommen würde, auf eine Nachricht aus dem fernen, schönen, prachtumrauschten Wien ...

Und die Stadt, die sie früher manchmal nennen hörten, ohne sich etwas dabei zu denken, wurde ihren Herzen der Mittelpunkt brennendsten Verlangens, sehnsüchtigster Träume ...

Wien! Du wunderbares, märchenhaftes, weitentrücktes Wien! ...

Und nach und nach wurde ihnen die Heimat enge, die Heimat mit den Bergen ringsherum, die alle Aussicht wehrten in die Ferne. O du Ferne! du glänzende, glückliche Ferne! ...

Vergrämt, verdrossen, mit äußerster Anstrengung gingen sie ihrer Arbeit nach. Wie böse Geister versanken die Novembernächte, wie böse Fragen kamen die Dezembertage ... Wenn nur Weihnachten erst vorüber wäre ...! Weihnachten, das sie sonst so festlich in innigster Eintracht begangen hatten und das sie diesmal fürchten mußten, wegen der Klüfte, wegen der Fremde, die der Sommer, ein einziger kurzer Sommer, unter sie getragen hatte. Und je näher das Fest der Freude, das Fest der Liebe kam, desto mehr wurde der Wunsch in ihnen rege, sich einander anzuvertrauen, einander alles zu sagen, miteinander alles zu tragen ...

Aber so oft sie damit anfangen wollten, färbten sich ihre Wangen, stockte ihnen der Atem, versagten ihre Zungen ...

Nein! es geht nicht. Es geht nicht! ...

Und Maria beugte sich tiefer über ihren Rocken, und Stephan beugte sich tiefer über sein Buch ...

So war das auch am Vortag des 24. Dezember. Die ganze Woche hatten sie es auf diesen letzten Tag verschoben. Erst für den Morgen, dann für den Mittag, dann für den Abend, und jetzt saßen sie sich gegenüber, mühten sich zu reden und konnten nicht. Aber als Maria der Faden wieder riß, und er riß heute unzählige Male, dachte sie: »Es muß sein.«

Und ohne den Faden anzudrehen, lehnte sie sich in ihren Sessel zurück und sagte:

»Stephan ...«

Er hob unsicher den Kopf.

»... ich wollte dir sagen, Stephan ...« und nach einer blitzschnellen Vorstellung von kreisförmig sich drehenden Bildern, lächerlichen, unseligen, unmöglichen Bildern ... »daß ich morgen gerne zu Therese ginge ...«

Dankbar, befreit atmete Stephan auf.

»Ja ... warum denn nicht?«

Sie lächelte bitter. »Warum denn nicht?« fragte er ...

Weil Weihnachtstag ist, könnte sie sagen, und weil wir nie auseinander waren am Weihnachtstag, und weil ...

Aber sie war zu müde, zu gleichgültig, um etwas zu sagen.

Schweigend drehte sie den Faden an, und Stephan fiel plötzlich ein, daß er draußen etwas nachschauen müsse. Eilig erhob er sich. Draußen hatte sich ein scharfer, schneidender Wind erhoben, der von den Bergen niederfuhr und wütend gegen den Hof prallte. Aber rückwärts, an der Scheune, stand die Windmühle, kampflustig, kampfgerüstet, wartend wie ein Recke auf den andern, und gleich darauf wälzten sich Wind und Mühle in heulender Umarmung. Stephan stand neben dem kleinen, matterleuchteten Fenster, und unwillkürlich blickte er hinein. Da sah er, daß Maria weitvornüber gebeugt im Stuhle saß, die Arme auf dem Schoß, den Kopf auf den Armen, und manchmal ging ein Stoß durch ihren Körper, ein Stoß, als ob sie weinte ...

Da schaute er weg und schaute hinüber zu der Villa. Sie stand unter den schneegebeugten Fichten, weißbehangen, bläulichschimmernd, wie ein leibgewordnes Märchen ...

Aber Stephan dachte an den Vater, wie er blutüberströmt im Bette lag, an Maria, wie sie in der Stube saß und weinte, an sein eigenes grimmes Weh, und plötzlich hob er die Arme wie in einer mächtigen Verzweiflung und sagte:

»Du Unglückshaus!«

Fünfzehntes Kapitel

Ein Töpfchen allerfeinsten Honig, aufgespart und aufgehoben den ganzen Sommer für Therese. Und als Maria ihn jetzt sorgfältig verpackte, fragte sie:

»Irgendetwas auszurichten, Mutter?«

»Ja ... einen schönen Gruß ... und, warte, Maria ...,« die Bäuerin zögerte und wollte nicht heraus mit der Sprache, »... schau dich ein wenig um bei ihr ... Du weißt schon, was ich meine.«

»Ja.«

»... Hauptsächlich unter dem Vieh. Und frag sie auch über die Ernten.«

»Ja.«

»Aufrichtig gesagt, es würde mich groß wundern, wenn wirklich alles gut bei ihr ginge.«

Maria hüllte sich in ein warmes, dunkles Tuch.

»Also Gott befohlen, Mutter.«

»Gott befohlen ... und vergiß den Gruß nicht.«

»Werde ihn besorgen.«

Sie drückte die Tür ins Schloß und schritt leise fröstelnd über den Hof. Ob Stephan sich nicht zeigte? ... Aber nein, er war nirgends zu sehen ... Sie lächelte zornig, und eine trotzige Falte grub sich zwischen ihre Brauen. Ohne Gruß und ohne Wort ließ er sie fort am Weihnachtstag ...

Ohne umzuschauen eilte sie den schmalen Pfad hinab, der durch die Wiesen abwärts führte, und mäßigte erst ihren Lauf, als sie weit unten ein tannenstarrender Wald aufnahm. Gott sei Dank! Die weiten Wiesen zwischen ihr und dem Hof, zwischen ihr und Stephan, das gab ein wunderbares Gefühl der Freie ... Aber mitten in diesen Gedanken blieb sie stehen und drückte, jäh aufschluchzend, die Hände vors Gesicht. Daß es so weit kommen konnte ... so weit.

Und während sie wieder weiterschritt, begann sie plötzlich zu reden, als ob Stephan neben ihr ginge:

»Wir waren böse schon als Kinder. Ja böse, denn unsere Liebe war ein Unrecht. Weißt du noch, wie oft Therese weinte, weil wir sie nie mitspielen lassen wollten? Wir spielten immer Graf und Gräfin, und einmal sagten wir Therese, sie sei zu häßlich für ein so feines Spiel. Weißt du das noch? Seitdem hat sie uns nie wieder geplagt und lief dann immer mit dem Vater ins Feld. Und als wir größer wurden und den weiten Weg nach Kampenn in die Schule mußten, ließen wir Therese immer hinter uns laufen, weil sie damals arg stotterte und wir uns schämten, daß sie unsere Schwester war ... und jetzt sind wir zwei so elend geworden ...«