Part 4
Danach griff sie nach einer Kerze, entzündete sie, und ihre Hand zitterte stark über der Flamme. Das preßte Stephan das Herz zusammen, und er dachte: »Könnten wir es nicht ausreden miteinander?« Gleich aber fühlte er deutlich, daß so etwas zwischen zwei Klausen unmöglich sei, und ohne aufzuschauen sagte er ihr gute Nacht.
Neuntes Kapitel
In der neuen Villa war Besuch angekommen. Herr von Kletten, Industrieller und Großgrundbesitzer, hatte seine geliebten Güter einige Tage dem Verwalter überlassen, um seine Familie in Tirol aufzusuchen, und brachte eine Schar Bekannte mit. Die ersten Tage blieb die Gesellschaft vollzählig beisammen. Sie tauschten untereinander ihre wechselseitigen Eindrücke über die Gegend, besprachen Tagesneuigkeiten und machten Pläne für den kommenden Winter. Aber schon gegen Ende der Woche teilten sie sich in mehrere Gruppen. Die Herren unternahmen Ausflüge in die Berge, die Damen blieben zu Haus. Die Jüngeren unter ihnen verfertigten feine Handarbeiten, und die Älteren spielten Schach. Dadurch kam Frau von Kletten etwas zu sich, kümmerte sich wieder mehr um ihre Töchter und entdeckte nun, daß ihre blonde Jüngste irgendein Geheimnis barg. Sie zeigte der Mutter gegenüber eine merkwürdige Scheu, und Frau von Kletten zweifelte keinen Augenblick, daß die Liebe mit im Spiele war ...
Wen aber liebte ihre Margarete? ... Hugo von Rotenau ... Das war eigentlich das Nächstliegende, denn er war, ob er schwieg oder redete, eine bestrickende Persönlichkeit, und von seinen dunklen Augen strömte eine Macht aus, der zu widerstehen beinahe unmöglich war. Aber daß gerade Margarete ihn liebte, schien der kleinen, nervösen Frau etwas Schreckliches. Seine Lebensauffassung ... Lebensbrutalität nannte sie es insgeheim ... stand im schlagenden Gegensatz zu der weichen, schwärmerischen Gemütsart ihrer Tochter. Für Margarete paßte zum Beispiel der junge Waldburg. Der war reich, vornehm, nicht allzu geistreich, gutherzig, nachgiebig und viel auf Reisen. Da hatte sie ihr Kind viel bei sich. Gerade, was sie wollte. Hugo von Rotenau dagegen hatte sie, so unsympathisch er ihr auch in vielen Dingen war, für Frida bestimmt. Die war mehr für das Praktische, Positive, fand sich ausgezeichnet in die Gesellschaft und würde einmal Lebensklugheit genug haben, um einzusehen, daß ein Mann wie Hugo unmöglich treu sein könne ... denn treu würde er niemals sein, und so ein Mann bräche der armen, kleinen Margarete das Herz.
Alles das und noch viel mehr erwägte Frau von Kletten, während sie in ihrem Schaukelstuhle lag, sich leise schaukelte und feine Schokolade naschte. Sie erwägte hin und sie erwägte her, aber es kam doch immer dasselbe dabei heraus: Ihre scheue, stolze Margarete liebte, und der Mann, den sie liebte, war ein grausamer, unverständlicher, übersinnlicher Egoist. Und als ob sie einen plötzlichen Einfall bekommen hätte, stand sie auf, zog aus einem kunstvoll gearbeiteten Schrank ihr Tagebuch und schrieb hinein: »Der schmerzlichste Undank der Kinder ist ihre Selbständigkeit.« Sie lächelte zufrieden über den eigenen, schönen Gedanken, legte das Büchlein wieder zurück und ging dann, sich für den Abend umzukleiden. Ehe sie sich aber in den gemeinsamen Speisesaal begab, suchte sie Margarete auf. Sie wollte sie wenn möglich warnen, sie ein klein wenig merken lassen, welch schrecklich gefährlicher, unmöglicher Mensch Hugo von Rotenau sei, ein Mensch, dem sie nie und nimmer Vertrauen schenken dürfe. Als sie aber in Margaretens reine Kinderaugen blickte, fehlte ihr doch der Mut dazu, und sie sagte nur: »Bist du auch ganz wohl, Liebling?«
Margarete bejahte lächelnd, hing sich dann an den Arm der Mutter und erzählte von einer Freundin, die ihr geschrieben hatte. Aber während sie plauderte, kam es Frau von Kletten vor, als ob das Mädchen ihre Gedanken wüßte und vorsätzlich so viele und so gleichgültige Dinge über die ferne Freundin brachte. Darum konnte sie sich doch nicht enthalten, ganz zu schweigen, und als sie auf der Schwelle zum Speisesaal standen, sagte sie: »Weißt du auch, daß du immer recht kühl sein mußt mit Hugo von Rotenau?«
»Warum, Mama?«
»Weil er ein böser Wildfang ist, der mein kleines Mädchen nie glücklich machen könnte.«
»Aber, Mama ...« und der große, erstaunte Blick, den ihr Margarete gab, beschämte Frau von Kletten so sehr, daß sie das Gespräch abbrach und hastig in den Saal schritt.
Die Mahlzeit verlief ruhig in leichter angenehmer Unterhaltung, ganz im Sinne der Hausfrau. Sie konnte geistreiche Dinge, wobei man denken, witzige Dinge, wobei man lachen, und schaurige Dinge, wobei man zittern mußte, durchaus nicht leiden. Anfangs hatte sie zwar befürchtet, daß man über die letzten Opfer der Schweizer Berge -- alle Zeitungen waren voll davon -- reden würde, aber niemand dachte daran. Sie machten dem Essen Ehre, lobten das Wetter, nahmen sich Dinge vor, die sie niemals zu tun gedachten, und Hugo von Rotenau, der einen oft ganz unerwartet mit außergewöhnlichen Dingen überfiel, war glücklicherweise in einer schweigsamen Laune ... Ja, glücklicherweise, trotzdem er Fridas Tischnachbar war und das arme Kind auffallend vernachlässigte. Zum Glück hatte sie Takt und Temperament und unterhielt sich mit dem Rittmeister nebenan. Der wieder war Feuer und Flamme ... O, sie waren Probleme, diese Männer ... Frau von Kletten seufzte und sah sich nach Margarete um. Die saß steif und korrekt neben dem jungen Waldburg, das feine Näschen leicht gebläht, wie in Hochmut, wie in Abwehr ... Der junge Waldburg erzählte ihr etwas über Pferde. Frau von Kletten hörte es deutlich durch das Geklirr der Gabeln und Messer. Er war ohne Zweifel ein wunderbarer Mann mit einem schönen Schloß und einem schönen Titel, devot und unverdorben, das Ideal von einem Schwiegersohn ...
»Verzeihung,« sagte ihr Nachbar, »haben Sie es gelesen?«
Sie dachte an die Schweizer Berge ... also doch ... und weil sie nicht wieder alle Einzelheiten des gräßlichen Unglücks hören wollte, sagte sie rasch: »Ja, es waren Berliner und ihrer sieben ... aber warum bleiben sie nicht zu Hause?«
»Sehr richtig ... aber ich meine die Frau mit den Fünflingen.«
»Wie interessant,« Frau von Kletten errötete wie ein junges Mädchen, »wahrscheinlich eine ... wie heißen sie nur? ... eine von den wilden Rassen.«
»Nein, eine Frau aus Südtirol, ganz in der Nähe.«
»Und sind die Babys alle am Leben?«
»Vorläufig, ja.«
»Entzückend!«
Aber sie fand es schauderhaft und im höchsten Grade unsittlich. Die Stimme ihres Mannes, die laut und vernehmlich durch das Zimmer klang, beruhigte sie wieder. Er gab harmlose Schilderungen landwirtschaftlicher Verhältnisse, und als er sich trocken geredet hatte, ergriff eine Dame das Wort und hielt einen Vortrag über japanische Seide. Das waren alles ganz ungefährliche Dinge, und Frau von Kletten erhoffte sich einen gemütlichen Abend. Plötzlich aber fuhr sie erschrocken zusammen. Am unteren Ende war ein erregtes Gespräch entstanden, und ein junger Mann sagte: »Ein Arzt, ein Freund von mir, sitzt seit acht Monaten im Zuchthaus, weil er einen Patienten, der an einer äußerst schmerzvollen und absolut unheilbaren Krankheit litt, vergiftet hat. Zu bemerken ist, daß der Kranke seinen Tod wünschte ... Nun frage ich: Ist der Mann schuldig oder nicht schuldig?«
»Schuldig!«
»Schuldig nach dem Gesetz, und das Gesetz ist das Oberste ...«
»Schuldig nach der Religion, und die Religion ist unfehlbar ...«
»Ja, schuldig, denn es ist ein Mord.«
»Und was sagen Sie, mein Herr?«
»Ja ... Nein ... das heißt ...« der Angeredete wickelte bedächtig an seiner großen Zigarre, »die Herrschaften sprechen von einem Mord. Ein Mord kann aber nur sein, wo Leben ist. Wohlverstanden, Leben. Ich habe vor dem Worte Leben einen hohen Respekt. Es bedeutet für mich vor allem die Fähigkeit zur Freude; dann alles, was stark ist, gesund ist und die Bürgschaft liefert, daß es diese Eigenschaften fortpflanzen kann und fortpflanzen wird ... Bringen Sie mir einen unheilbaren Kranken, der auch nur eine dieser Eigenschaften besitzt, und ich gebe Ihnen recht.«
»Und was ist Ihre Meinung in der Sache, Herr von Rotenau?«
»Einen Augenblick!« rief Frau von Kletten und riß nervös an ihrem kostbaren Halsband, »in der englischen Zeitung stand wieder ein so hübscher Artikel über die Frauenfrage. Hat ihn jemand gelesen?«
Aber niemand beachtete sie. Aller Augen waren auf Hugo von Rotenau gerichtet, der über die Köpfe der Anwesenden hinweg durch das offene Fenster auf die Berge blickte, die sich in schweren, schwarzen Linien vom Firmamente hoben. Dann sagte er: »Meine Meinung ist, daß nicht nur alle unheilbaren Kranken, alle Lahmen, alle Blinden, sondern auch alle Häßlichen vertilgt werden sollten.
Meine Meinung ist, daß eine schiefe Nase, ein dicker Hals, ein kurzes Bein Fehler der Natur sind und daß diese Fehler weggeschafft werden müßten, wie die Fehler der Menschen weggeschafft werden müßten.
Meine Meinung ist, daß nur vollkommen schöne und vollkommen gesunde Menschen lebensberechtigt sind, alle andern aber weggeräumt werden sollten, wie man etwa ein mißlungenes Bild aus einer guten Sammlung räumt, oder eine widerwärtige Raupe von einer schönen Blüte streift, denn,« und er hob sein Glas wie zu einem Trinkspruch, »schön ist das Leben. Aber tausendmal schöner würde es sein, wenn es von dem Menschen, den ich jetzt im Sinne habe, gelebt würde.
Dieser Mensch würde das Ideal der Denker und Philosophen sein. Dieser Mensch würde eine Gleichheit und eine Harmonie auf die Erde bringen, wie sie sich unsere Sinne, die an Krasses und Häßliches gewöhnt sind, nicht vorstellen können.
Dieser Mensch würde einen Jubel auf die Erde bringen, wie ihn bisher nur die Dichter in erlesenen Stunden kannten.
Dieser Mensch würde die wahre Liebe auf die Erde bringen, weil man ihn sofort, ohne Rückhalt und ohne Überwindung lieben müßte ...«
Als er schwieg, herrschte eine peinliche Stille. Es gab viele unter der Gesellschaft, die so strengen Gesetzen nicht hätten standhalten können und sich insgeheim wunderten, daß er so rücksichtslos sein konnte. Aber Hugo von Rotenau selbst hob den Eindruck, den seine Worte hervorgerufen hatten, indem er ganz zu vergessen schien, worüber soeben die Rede war, und fragte:
»Ist kein Wein mehr da?«
Und während Frau von Kletten dem Diener läutete, dachte sie:
»Ich habe nicht gewußt, daß er so entsetzlich ist. Wenn er nicht bald geht, reise ich mit den Kindern ab.«
Zehntes Kapitel
Hugo von Rotenau und Stephan sahen sich öfters, und so oft sie sich sahen, schoß ihnen durch den Sinn:
»Warum reden wir nicht miteinander?«
Und jeder von ihnen verlangsamte seine Schritte und wartete, daß der andere reden sollte. Aber keiner redete; Stephan nicht, weil er zu bescheiden war, Hugo nicht, weil er im letzten Moment wieder dachte: »Wozu?« ... Und er tat, als sähe er Stephan nicht, und sah auch nicht, daß Stephan stehen blieb und ihm nachschaute, bis er ihm aus den Augen schwand. Dann nahm Stephan seinen Weg in den Wald oder in die Wiese wieder auf und dachte: »Diesen Menschen liebt Maria und weiß Gott, wie das enden wird. Von Rechts wegen sollte ich ihn hassen und könnte ihm doch um nichts in der Welt böse sein.«
So war das auch heute wieder gewesen. Auf der großen Lärchenwiese hinter dem Wald hatten sie sich gesehen, hatten gewartet, wie sie immer warteten, und waren doch weitergegangen, als wäre niemand da. Und als Hugo von Rotenau ein gutes Stück fort war, blieb Stephan stehen, wie er immer stehen blieb, und dachte an die Dinge, an die er dann immer dachte. Er dachte an die merkwürdige Freundschaft, die er für diesen Fremden fühlte, an Marias dunkle Zukunft und dachte heute zum erstenmal auch noch an etwas anderes. Er dachte daran, daß dieser schöne, rätselhafte Mann, der auf jeden Menschen eine so zwingende Gewalt ausübte, Stunde um Stunde, Tag um Tag unter einem Dach mit Margarete weilte ... Seit jener Begegnung im Feld hatten sie oft miteinander geplaudert. Mit der Ungezwungenheit eines Kindes kam sie auf ihn zu, so oft sie ihn sah, und leitete mit der Selbstverständlichkeit eines guten Bekannten irgendeine Unterredung ein. Gewöhnlich war es eine Frage, die sie schon in Bereitschaft hielt und die entweder der Gegend oder den Bergen galt. Und weil Stephan seine Heimat liebte und jeden Stein und jeden Hügel kannte, und weil es etwas Wunderbares war, neben diesem Mädchen einherzugehen, oft so nahe, daß er ihr langes, weißes Kleid streifte, wich er nicht aus, wie er es anfänglich beschlossen hatte, sondern ging auf ihre Weise ein und erzählte ihr alles, was sie zu wissen wünschte. Er erzählte ihr von der Fruchtbarkeit des Föhns, wenn er im Frühling durch die Wälder braust und die alten Tannen biegt, als ob er sie vom Grunde fegen möchte ... von der Schönheit der Wiesen, wenn sie im ersten Schmuck des Jahres prangen ... von der Ruhe des Winters, vom lodernden Herdfeuer, vom surrenden Spinnrad, und einmal erzählte er ihr auch von seiner Schwester Maria. Wie lieb und gut sie sei, wie geschickt im Hauswesen und welch treue Stütze für die Mutter, die anfange alt zu werden ...
Das alles hatte er ihr erzählt und sich dabei insgeheim gewundert, daß einer aus dem schweigsamen Geschlecht der Klausen soviel zu erzählen wußte. Aber wenn sie nah war oder wenn er nur an sie dachte, verwandelte sich sein ganzes Wesen. Alles, worüber er früher träumte, alles worüber er früher sann, unbestimmte, unbewußte Dinge, die verworren sein Gehirn umwogten, wurden Farbe und Gesang. Der ganze Wald, das ganze Feld begann zu klingen, und alle seine Sinne klangen harmonisch mit ...
Das war es, woran Stephan dachte, als er jetzt auf der Wiese stand; und was die Sorge um die Schwester nicht vermocht, bewirkte plötzlich ein anderes Gefühl. Eifersüchtige, haßvolle Gedanken wallten in ihm gegen den schönen, vornehmen Fremden auf, und so vertieft war er darin, daß er die lichte Gestalt nicht sah, die zwischen den Bäumen auftauchte. Erst als sie dicht vor ihm stand, gewahrte er sie und fuhr zusammen und vergaß zu grüßen, so verwirrt war er. Sie aber lächelte und sagte:
»Haben Sie jetzt gedichtet, Herr Klausen?«
Und er: »Gedichtet? O nein, ich habe mich um Fallholz umgeschaut.«
Sie blickte auf die herrlichen Lärchen, deren Zweige bis auf den Wiesenboden niedertropften, und ihr Gesicht wurde betrübt.
»Es ist so schade um die schönen Bäume.«
Nun vergaß Stephan, daß er ein Bauer war, und sagte lebhaft:
»Ja, nicht wahr? ... ich denke es mir immer, wenn die Knechte fällen gehen.«
Sie nickte, ohne recht zu überlegen, was er sagte, und schritt neben ihm über die Wiese. Er lauschte auf ihr Kleid, das leise hinter ihr rauschte, und sie sah hinab in die Tiefe, wo nach drei Seiten hin sich drei fruchtbare Täler spannten, in denen heiß in der Sonne die Etsch und der Eisack brannten. Plötzlich aber blieb das Mädchen stehen und wies nach einem Berg, der, mit einer Burg gekrönt, weit unten lag.
»Ist das nicht ein Schloß?«
Er folgte der Richtung ihrer schlanken Hand und nickte.
»Ja, ein Schloß mit einer schönen Geschichte.«
»Mit einer Geschichte? ... O bitte!«
Sie verlangsamte ihre Schritte und sah auf ihn, erwartungsvoll. Stephan freute sich wie ein Kind und begann die Geschichte in der Redeart, wie er sie in Innsbruck gelernt hatte.
»Vor langer Zeit lebte dort unten ein sehr reicher Ritter mit seiner Frau und seinem einzigen Sohn. Plötzlich brach im Lande Krieg aus, und der Ritter mußte fort. Ehe er aber gegen den Feind auszog, ließ er zwei große, hohle Kugeln gießen und füllte sie heimlich mit den besten Kostbarkeiten, die er besaß. Viel Gold und Silbergeschirr wanderte da in den Leib der Kugeln, und so schwer wurden sie, daß nur ein vierpaariges Ochsengespann sie von der Stelle brachte. Als die beiden Kugeln geschlossen waren, gab der Ritter Befehl, sie zu Seiten des großen Tores aufzustellen. Nachdem er in dieser Weise seine Schätze geborgen hatte, nahm er Abschied von den Seinen und verließ die Burg. Viele Jahre vergingen nun, ohne daß er wiederkam. Seine Frau betrauerte ihn schon als tot und schenkte ihre ganze Liebe ihrem Sohn, der zum stattlichen Jüngling heranwuchs. Eines Tages erschienen im Schloß Abgesandte der Stadt Bozen und baten um Spenden für eine Glocke, die sie gießen lassen wollten. Als der Jüngling gehört hatte, worum es sich handle, sagte er schnell: ›Vor unserem Schloß liegen zwei große, schwere, metallene Kugeln, die ihr als Glockenspeise haben möget. Ob sie da draußen nutzlos liegen oder auf eurem Turm das Ave Maria läuten, ist wohl dasselbe.‹ Darauf ließ er die Kugeln ins Tal hinabschaffen, und bald tönte mit wunderbar reinem Klang allabendlich eine Glocke durch das Land.
Nun geschah es aber, daß eines Tages ein bestaubter Fremder in das Schloß kam, und die Burgfrau erkannte mit unendlicher Freude ihren Gemahl. Darob herrschte großer Jubel im Schloß, nur der Burgherr selbst blieb düster, und als er den nächsten Tag mit seinem Sohn allein war, fragte er plötzlich:
›Wo aber sind die beiden Kugeln, die ich vor dem Tore aufstellen ließ?‹ Darauf der Jüngling: ›Die Stadt unten brauchte so notwendig eine Glocke. Da gab ich ihnen die beiden Kugeln ... und o Vater, eine wunderbare Glocke wurde daraus.‹
Kaum aber hatte er ausgeredet, wurde sein Vater bleich vor Zorn, griff nach seinem Schwert, und schrie: ›Das sollst du mit dem Leben büßen, du wahnwitziger Knabe du!‹
Der Jüngling erschrak, faßte sich aber rasch und sagte:
›Tötet mich, Vater, wenn es sein muß. Aber erlaubt, daß ich vorher ein Vaterunser bete.‹
Und weil der Ritter schweigend nickte, begann er leise und inständig sein Gebet. Als er zu Ende war, entblößte er selbst die Brust und bog den Kopf. Aber gerade, als der Ritter das blitzende Schwert in die Höhe hob, ertönte plötzlich die Glocke, und so süß und mächtig war ihr Ton, daß dem Ritter das Schwert aus den Händen fiel und Tränen in die Augen traten. Er hob den dankbar staunenden Jüngling vom Boden auf, umarmte, küßte ihn und führte ihn der Mutter zu.
Der Ritter und sein Sohn sind längst tot; das Schloß ist auch schon arg verfallen, aber die Glocke besteht noch immer, und ihr Ton ist der reinste im Land.«
Als Stephan mit seiner Erzählung fertig war, schwieg Margarete noch lange, und endlich sagte sie wie aus weiter Ferne: »Wenn wir wieder in der Stadt sind, werde ich noch oft an all das Schöne denken, das Sie mir erzählt haben.«
Da schwand alle Freude aus seinem Herzen, denn nun wußte er, daß sie abreisen würde.
»Wenn Sie wieder in der Stadt sind, werden Sie nicht mehr an die Bauern denken.«
»An den Bauer« wollte er sagen, aber er wagte es nicht.
Darauf schaute sie ihm ernst in die Augen, und während sich ihre Wangen mit einer feinen Röte deckten, erwiderte sie:
»Ich werde Tirol nie vergessen.«
Sie schien noch etwas sagen zu wollen, noch auf etwas zu warten. Aber weil er nur fassungslos dastand, nichts redete und nicht begreifen konnte, daß sie wirklich gehen werde, schlug sie den Weg zur Villa ein. Aber sie winkte, während sie ging, sah zurück und winkte noch einmal. Dann schlossen sich die grünen, tropfenden Zweige, und er sah ihr weißes Kleid nur mehr hie und da wie eine ferne huschende Sonne gehen.
Elftes Kapitel
Vielleicht hatte es eine Magd der andern erzählt, vielleicht hatte sonst jemand ein zufälliges Wort geredet, vielleicht hatten es ihr die kahlen Felder und der brausende Herbststurm verraten ... es war nicht zu sagen, wie Maria es wußte, aber sie wußte es ... wußte, daß die Fremden morgen gehen würden ...
»Morgen!«
Den ganzen Tag hatte sie an dieses Wort gedacht wie an etwas Unmögliches. Hatte die Wege hinauf und hinab gesehen, in den brennenden Augen eine leidvolle Frage:
»Kommt er nicht?«
Und während sie in Zimmer und Küche die gewohnte Arbeit tat und dabei immer wieder durch das Fenster sah, dachte sie:
»Es kann doch nicht sein, daß er nicht kommt. Daß er fortgeht, ohne zu reden ...«
So wartete sie von früh bis Mittag, von Mittag bis Abend. Als aber die Schatten länger fielen, überkam sie eine lähmende Angst. Konnte es doch sein, daß er ihr nichts zu sagen hatte? Nichts? gar nichts? ... Doch schon im nächsten Augenblicke lächelte sie über ihre Furchtsamkeit. Nein, das konnte nicht sein. Er war immer so seltsam gut mit ihr gewesen. In seiner Stimme barg sich Innigkeit, in seinen Blicken ein Geheimnis. Tausend süße Kleinigkeiten hatten es ihr aufgedeckt ... Sie schloß die Augen im glücklichen Sinnen. Als sie sie wieder öffnete, schrak sie zusammen. Auf der Wiese vor dem Hofe schritt Hugo von Rotenau. Ohne Hut und Mantel im lichten Sommeranzug, den edlen Kopf zurückgebogen, als schaute er den Wolken nach, kam er langsam näher. Es fuhr Maria in den Sinn, ihm entgegenzugehen. Gleich aber schämte sie sich, richtete mit zitternder Hand das Band an ihrer Schürze, trat vom Fenster zurück und blieb im Dunkel des Zimmers stehen. Als der Mann auf der Wiese aber so nahe war, daß sie ihn hätte rufen können, schlug er plötzlich eine andere Richtung ein. Er drehte dem Hof den Rücken und entfernte sich mehr und mehr nach unten. Maria erblaßte, als sie das sah, dann aber dachte sie: »Er weiß nicht, daß ich im Hause bin. Er sucht mich draußen.« Und als ob unsichtbare Hände sie drängten, schritt sie hinaus. Sie schritt über den Hof, hinab auf die Wiese und blieb dann unschlüssig stehen. Sollte sie doch zurückgehen und im Hause warten, bis er kam? Aber noch während sie überlegte, drehte sich Hugo von Rotenau wieder um, erblickte sie, schwenkte grüßend seine Hand und blieb dann stehen, als ob er wartete und als ob es sicher und selbstverständlich wäre, daß sie zu ihm hinabkommen würde. Maria empfand das, empfand es wie eine Schmach und konnte doch nicht anders als hinuntergehen. Dann schritten sie mitsammen über die lautlose Wiese, und Hugo von Rotenau sagte nach einem langen, träumenden Schweigen: »Die wundervolle Ruhe dieser weiten, grünen Matten ... Sie wissen nicht, wie der Städter das genießt!«
Und weil er für seine Worte kein Verständnis in ihren Blicken las, gab er einer ruckweise auftauchenden Laune nach und erzählte ihr von der Stadt ..., von dem Staub, dem Lärm in den langen, breiten Straßen, von der Jagd, der Hast in den großen Plätzen, von den Zerstreuungen, den Vergnügungen, dem Wohlleben der Reichen, von dem Elend, der Zerfahrenheit, der Zerrissenheit der kleinen Leute, und zuletzt redete er über sich selbst. Erzählte, wie er ganz durch Zufall hergekommen sei, daß er anfangs nicht dachte, daß er so lange bleiben werde und dann doch geblieben sei, weil ihm die Gegend jeden Tag lieber und vertrauter wurde.
»Und die Leute?« fragte Maria bleich bis an die Lippen, »wie fanden Sie die Leute?«
Er fuhr mit der weißen Hand durch sein dunkles, dichtes Haar und lachte leise.
»Darauf kommt es bei mir nie an.«
»Auf die Leute?«
»Ja.«
Maria streckte die Hände aus, als suche sie eine Stütze, und fragte mühsam:
»Haben Sie denn nie einen Menschen geliebt?«
Er blickte gerade vor sich auf die Spitzen der Brixner Berge, die sich safranfarben in den Abendhimmel hoben, und während sein Mund weich und seine Augen versonnen wurden, sagte er:
»Ich habe einmal eine Polin gekannt. Sie war eine Tänzerin, und wenn sie tanzte, war es, als ob eine junge Taube in der Sonne flöge. So glatt und weich war sie. Aber das Wunderbarste und Seltsamste an ihr waren ihre Füße. Sie trug ihr Herz in den Füßen. Sie weinte mit den Füßen. Und ich schwöre, ich habe nie Augen gesehen, die so erschütternd weinen konnten wie ihre Füße. Ein Zittern, ein Kräuseln, von dem Knöchel angefangen bis zu den milchweißen Zehen, und man wußte, daß sich etwas in ihr krümmte ... Sie war auch nicht frivol wie viele Tänzerinnen, sondern tugendhaft, und zugleich mit der Schönheit achte ich die Tugend beim Weib.« Er schwieg einen Augenblick, und über sein Gesicht huschte eine verwirrte Röte. Gleich aber faßte er sich und schloß: »Später ... ein Jahr später, hörte ich, daß sie starb.«