Part 3
Dann wandte er sich Frau von Kletten zu, die sich inzwischen gesetzt hatte, und ohne sich weiter um die Mädchen zu kümmern, begann er, aus einer seiner blitzartigen, unergründlichen Launen heraus, über die Kunst zu reden. Er redete mit weicher, gedämpfter Stimme und sagte:
»Wie die Natur erst reizvoll wird, wenn der Mensch kommt und sein Menschenauge sie reizvoll findet, so wird das Kunstwerk erst lebendig, wenn der Beschauer kommt mit seiner Phantasie. So habe ich zum Beispiel vor einiger Zeit ein Bild gesehen, das mich interessierte, weil es ohne den Menschen -- ich meine, ohne den richtigen Menschen -- gänzlich belanglos wird. Bitte, stellen Sie sich es vor ... Ein ärmliches Zimmer, im Vordergrund ein paar Arbeitsleute in Sonntagskleidern. Weiter nach hinten eine offene Tür. Links und rechts davon Grabkränze. Im anderen Raum Kerzenlicht und die Ecke eines Sarges ... Nichts weiter ... Das ganze Bild wartet. Wartet auf jemand, der da kommt und sagt: ›Es ist die Mutter, die dort drinnen liegt.‹ Ja, sicher, es ist die Mutter. Man merkt, wie sie zu dem Raum gehört, noch da ist und doch schon fehlt. Verlassen steht der Rocken in der Ecke, aber ihre alten Hände schweben schattenhaft darüber. Die Blumen an den Fenstern atmen leise und trinken das letzte Wasser, das sie ihnen gab. Das ganze Stübchen ist voll Liebe. Ihr ganzes Leben hat sie hier zugebracht. Alles hat sie hier gelitten ... Ihre Kinder wurden da geboren, ihren Mann trug man von da hinaus ... Wie müde Vögel flattern ihre Schmerzen durch den Raum. Hinter der Türe hängt ihr Werkelkleid, das sie auszog für den Feiertag ... sie dachte nicht, daß er so lang sein würde ... Das starre Bild wird warm und regt sich unter dem Zauberkuß der Phantasie. Was aber wird daraus, wenn einer kommt, der vorbeigeht und sagt: ›Jemand ist gestorben.‹«
»Wie hübsch Sie reden,« sagte Frau von Kletten. Aber sie dachte: »Wie taktlos er ist. Er redet von Grabkränzen und Särgen, wo er weiß, daß ich die Toten fürchte. Nein, er ist kein Mann für meine Kinder.« Und um den Gegenstand des Gespräches zu wechseln, fragte sie: »Was war das für ein Flieger, der letzte Woche abstürzte?«
»Ich weiß es nicht.«
»Interessieren Sie sich denn nicht für Aviatik?«
»Sehr.«
»Dann? ...«
»Aber nicht für Unfälle.«
»Warum nicht?«
»Weil es nicht meine Gewohnheit ist.«
»Aber das eine gehört zum andern.«
»Ja.«
»Sie sind hartherzig,« sagte Frau von Kletten. Aber sie dachte: »Er ist nüchtern und praktisch, gerade wie es das Leben verlangt. Der einzig richtige Mann für meine Frida.«
Dann stand sie auf und sah sich nach den Mädchen um. Die waren fort.
»Also auf Wiedersehen,« sagte sie und reichte ihm die Hand, die er artig küßte. Als sie fort war, zündete er sich eine neue Zigarette an, und während er sie in langsamen Zügen rauchte, schaute er hinab auf die Wiesen, wo eine Schar Männer das erste Heu mähte. Sie boten ein schönes Bild, und der vornehme Müßiggänger auf dem Balkon betrachtete mit Künstlerblick und Künstlersinn, wie die nackten, braunen Arme in weichen, langen Linien die blitzenden Sensen führten und ein Strich Gras nach dem andern lautlos niedersank. Seine besondere Aufmerksamkeit aber galt einem jungen Mann. Er schied sich von den andern durch seine ungezwungene Haltung und seinen hohen, stolzen Wuchs ...
Und Hugo von Rotenau dachte: »Leicht wie ein Spielzeug handhabt er die Sense, und jede Gebärde verrät den Herrn. Wie stolz er sich trägt und wie vollkommen er ist. Ich habe nicht gewußt, daß es solche Geschöpfe gibt ... wenn ich einmal am Ende meines Ichs anlange und fühle, daß ich einen Menschen brauche, möchte ich diesen Knaben um seine Freundschaft bitten ...«
Und als hätte er plötzlich einen Gedanken bekommen, der ihm früher fremd war, sprach er laut und deutlich:
»Am Ende meines Ichs ... was da heißen soll, wenn das Herz leer wird und von dem Witz, der Weisheit und der Güte der andern leben will.«
Er warf die Zigarette weg und sprang auf. Sein Gesicht war gleichmütig wie immer, nur seine Lider lagen ein wenig schwer über den Augen. Kein Mensch hätte ihm angesehen, daß er erregt war, daß ihn eine tolle Furcht erfüllte, die Furcht des Einsamen, dem bangt um seine Einsamkeit ... Er verließ das Haus und wanderte durch den Wald. Kühl und feucht, mit hängenden Zweigen, standen die Lärchen links und rechts. Er griff in ihre langen, grünen Haare, und nun dachte er an Frauen, an die eine, die er geliebt hatte und doch auch gehen ließ wie all die andern, weil er allein sein wollte ... Ihr Name -- einer von den wenigen Frauennamen, die er behalten hatte von all den Namen, die er schon kannte, lag plötzlich in der Luft, und dann kam sie selbst mit der Abendröte auf den Wimpern und den Wangen ... »Vera«, sagte er, obwohl er genau wußte, daß es unmöglich Vera sein konnte. Dann wartete er mit angehaltenem Atem und ließ sie vorübergehen. Ruhig und stolz, mit einer leisen Falte zwischen den Brauen, schritt das fremde Mädchen an ihm vorbei. Sie ging den Weg zum Bauernhaus, und als sie hinunter an die Wiese kam, trat der junge Mann zu ihr, den er vorhin bewundert hatte. Da merkte er an Gang und Haltung, daß sie Geschwister waren. Hugo von Rotenau blickte ihnen eine Weile nach, dann setzte er seinen Spaziergang fort. Auf dem Heimweg aber machte er einen weiten Bogen um die Villa, kam beim Bauernhaus vorbei und sah das Mädchen noch einmal. Sie stand im Garten unter einem Feld von großen, gelben Blumen. Da zog er tief den Hut und grüßte sie.
Sechstes Kapitel
Stephan und Maria verbargen sich etwas. Sie vermieden sogar, soviel es ging, allein miteinander zu sein, und wenn es einmal nicht anders möglich war, dann sprachen sie, in hastigem Eifer die gleichen Dinge wiederholend, über die Knechte, die Ernten, die Mutter und Therese. Aber kein Wort über die Villa und die neuen, fremden Menschen, deren Kommen sie mit Spannung und Groll erwartet hatten. Und nun waren diese Menschen schon so lange da, und beide wußten es, und keines sagte es dem andern ...
Maria nicht, weil sie einen Mann gesehen hatte mit dunklen, merkwürdigen Augen, der sie grüßte, als ob sie eine Gräfin wäre, und mit ihr über fremde, traumhafte Dinge redete, wenn er sie im Garten oder im Walde traf ... und Stephan nicht, weil er einmal in dämmeriger Abendstunde einem Wagen nachgegangen war, einem Wagen und einer Hand, zu der er sich seither Augen, Mund und Haare nach dem Bild der Gottesmutter, das er in Innsbruck sah, geschaffen hatte. Und wenn er vom Felde heimging, dachte er nicht mehr wie früher an Maria oder an den Vater, sondern an die Gottesmutter ... und doch wieder nicht an die Gottesmutter, sondern an ein Mägdlein mit langen, blonden Haaren und tiefen, scheuen Blicken ... Und eine Unruhe war über ihn gekommen wie über den Wald, wenn die ersten Frühlingsstürme auf dampfenden Rossen durch die alten Tannen reiten, und ein Getöse war in sein Blut gekommen, wie wenn ein starker, breiter Strom sich schwer auf starren Felsen bricht ... So kam es, daß er übersah, wie Marias Eifer abnahm. Daß sie nimmer aufsprang, wenn er abends heimkam, sondern sitzen blieb und auf den Weg hinausstarrte ... daß sie oft mitten in der Arbeit innehielt, die Hände noch in der Luft, den Kopf gesenkt, gerade als ob sie lauschte ... vielleicht nach einer Stimme, vielleicht nach einem Schritt, vielleicht nach Gedanken, die plötzlich aus dem Herzen steigen, ein rasches Licht ins Auge tragen und lautlos wieder gehen ... übersah, wie sie höher wurde, merkwürdig reifte und erblühte gleich einer Blume oder Frucht, die nach lauen Tagen plötzlich die Sommersonne spürt und alle ihre Blätter breitet ... übersah, wie sie edel wurde in Schritt und Gebärde, wie ein Zauber sie mit leuchtenden Fäden umspann, bis sie wie etwas Fremdes, Fernes in den niedren Stuben stand ... Das alles übersah Stephan. Er wurde schwer und verträumt, wie alle Klausen waren, wenn sie die Liebe packte, denn Stephan liebte, liebte in einer wundersamen, wesenlosen Weise, wie kein Klausen je geliebt hatte ...
Siebentes Kapitel
Im Tale reiften die Pfirsiche und Frühtrauben. Dick und saftig standen Bäume und Reben von der Erde, die in ihrem Innern noch den letzten Regen trug. Die Berge aber waren ausgetrocknet, und alles litt unter der Dürre. Verzweifelt blickten die Bergbewohner zum Himmel auf, aber kein Wölkchen zeigte sich, und die Hitze wuchs. Sie grub sich in den Wiesenboden, daß er hell und hart wurde wie Stein. Sie bohrte sich in den Fels, daß er sprang und zerstob wie Staub. Sie fraß sich in den Wald und brannte die Nadeln dürr, daß sie abfielen wie Spreu.
Da ließ die Klausenbäuerin eines Morgens das große Holzkreuz aus der Stube tragen, und ein Knecht stellte es mitten auf der Wiese auf. Dann schickte sie Boten in die entlegensten Höfe, und nun kamen jeden Abend Bauern und beteten vor dem Kreuze Rosenkranz und Litanei. Aber noch immer zeigte sich kein Wölkchen am Himmel, und die Hitze wuchs. Niemand hatte je auf den Bergen einen solchen Sommer erlebt. In der fünften Woche, da geschah etwas. Es war Sonntag und ein Uhr. Tiefblau und unbeweglich wie immer stand der Himmel, und die Sonne darin eine senkrechte Flamme. Sämtliche Bewohner des Klausenhofes standen vor dem Brunnen und blickten auf das Wasser, das dünn wie ein Seidenfaden floß. Sie dachten an die Hilfe der armen Seelen und sprachen über eine Messe, die sie lesen lassen wollten. Da kam ein Fetzen Rauch. Er war nicht viel größer als eine ausgespannte Hand, und als er an den Köpfen der Leute vorbeiflog, brachte er einen Geruch von Brand. Eine Weile schwankte er unentschlossen hin und her, dann drehte er sich gegen die Wiese und hockte sich auf das große Kreuz, gerade auf die Spitze. Gleich danach kam ein zweiter Fetzen. Niemand hatte ihn kommen sehen. Wie aus der Erde gewachsen war er da, und der Brandgeruch verstärkte sich. Der Himmel aber stand noch immer tiefblau und unbeweglich. Nun kam ein dritter Fetzen, lang und fein wie ein Schleier. Aber er wuchs wie eine Wolke und füllte das Tal mit unendlicher Schnelligkeit. Dann sprang ein weißes Licht nieder, aber kein Donner folgte, und der Himmel war noch immer blau.
Plötzlich schob sich ein Schatten vor die Sonne, und es entstand ein Getöse. Oben? Unten? in dem Wald, oder in den Wiesen? Man hätte es nicht sagen können, denn die Wipfel der Bäume waren unbeweglich, und kein Grashalm regte sich. Aber es war da, und man empfand die Gegenwart unheimlicher Kräfte. Dann begann es von unten auf zu dampfen und zu steigen. Überallhin warf der Nebel seine Riesenschleppen aus. Der ganze Himmel schien im Tale zu liegen. Das dauerte einen Augenblick, dann wurde es schwarz, und als ob das das Zeichen wäre, kam der Sturm. Das ganze Land zitterte unter seinen Tritten, und der Wald stöhnte wie ein Mensch. Aus einer Wolke im Westen sprang der Blitz. Eine Sekunde lang war alles blau, und der Donner, der folgte, übertönte den Sturm. Dann wurde es Nacht wie vorher, und prasselnd setzte der Regen ein. Da erwachten die Leute um den Brunnen aus ihrer Erstarrung und liefen in das Haus. Sie hatten nur ein paar Schritte bis zur Türe, aber als sie in die Stube kamen, lag auf den Hüten der Knechte ein Kranz von Eis. »Hagel«, sagten sie und fingen laut zu beten an. -- Den nächsten Morgen stand Stephan allein im Hof und schaute mit verschränkten Armen in das Land. Die Luft war klar, der Himmel wunderbar blau, und die Wiesen und die Wälder leuchteten im doppelten Grün. Ringsum auf den hohen Bergen aber lag der Winter. Weiß und glänzend hoben sie ihre Spitzen in das blaue Firmament und trugen ihre Schneekronen leicht und froh wie junge Mädchen ihr Geschmeide. Da freute sich Stephan und sprach:
»Wie schön! wie schön!«
Dann fuhr er zusammen, denn jemand hatte plötzlich seinen Arm berührt. Er drehte sich um, und neben ihm stand der älteste Knecht. Sein Gesicht war blaß wie von einer großen Erregung, und seine Knie schlotterten. »Herr,« sagte er fassungslos, »Herr, das arme Vieh auf den Almen.« Darauf wandte Stephan den Blick und sprach lange nicht, so schämte er sich. Endlich aber faßte er sich und sagte: »Ja, das Vieh ... das arme Vieh ...« Und als er sah, daß der Knecht die Worte, die er vorhin aus einem großen Empfinden heraus gesagt hatte, nicht gehört hatte, wurde er ruhig und sprach mit sachlichem Eifer über die Almen und die Hütten darauf: daß die Dächer ausgebessert und mit schwereren Steinen beschwert werden müßten, daß er Fürsorge treffen würde mit dem Futter und dergleichen für den Fall eines Unwetters wie gestern, und daß er in den nächsten Tagen selbst hinaufgehen werde, um genau zu sehen wie alles stünde ... Über das und vieles andere redeten sie, und der Knecht erzählte noch über den Schaden, den der Hagel in den Tälern angerichtet hatte. Endlich ging er mit bekümmertem Gesicht. Stephan aber blieb im Hofe stehen. Seine Blicke waren finster, zwischen seinen Brauen stand eine senkrechte Falte, und als ob die schöne Villa, die östlich von ihm aus einer Gruppe grüner Lärchen grüßte, schuld an seinem Kummer wäre, schaute er starr hinüber. Dann schüttelte er sich, wie um etwas abzuschütteln, und dabei sagte er:
»Vielleicht ist es doch besser, daß ich einmal zum Müller gehe und ihn wegen der Wiese frage ...«
Achtes Kapitel
Seit dem Unwetter floß im Klausenhof das Wasser aus dem Brunnen gelb und schlammig. Es mußte daher mit der Quelle etwas nicht in Ordnung sein. Weil es Erntezeit war und die Knechte alle Hände voll Arbeit hatten, um den Segen des Jahres heimzubringen, zog Stephan seinen schlechtesten Rock an, nahm eine Picke auf die Schulter und ging selbst, nach dem Übel zu schauen. Die Quelle lag weit oben im Wald, und er mußte an der neuen Villa vorbei. Obwohl er alle Sprüche darauf kannte und sie oft genug gelesen hatte, blieb er doch stehen und las den Spruch, der sich dem Wald zukehrte:
»Auf hoher Warte rag' ich da, Dem Tale fern, dem Himmel nah, Blick' weit hinaus ins freie Land Und stehe so in Gottes Hand.«
Gerade als er weiter gehen wollte, sah er im Garten etwas Weißes durch die Büsche schimmern. Es war ein Kleid, und nun blieb er noch einmal stehen, als ob er hoffte, noch mehr zu sehen als das Kleid. Aber dann dachte er an Agnes, dachte daran, wie lieb und gut sie sei und welch weiten Weg sie machte, nur um ihn zu sehen, als er damals kam von Innsbruck. Da ging er wieder und beschäftigte sich vorsätzlich weiter mit ihr. Er hatte sie jetzt schon längere Zeit nicht gesehen, aber ehe er nach Innsbruck ging, waren sie viel beisammen. Als Kinder jagten sie oft die Berge hinauf und hinunter, und er fing sie bei den Zöpfen, die mit roten Bändern geputzt hinter ihr flogen ... Ja, früher ging er nicht ungern hinab zur Mühle und verirrte sich auch oft, denn genau muß man den Weg dorthin kennen ... Über gefällte Bäume und wüstes Geröll muß man klettern, dann findet man sie versteckt zwischen Felsen und Fichten, und ein schwarzbrauner Waldbach treibt ihre großen, hölzernen Räder ... Und wenn man just Glück hat, kommt einem Agnes entgegen, im kurzen, kleidsamen Dirndlgewand. Und sie führt den Gast über holprige Dielen und knarrende Treppen in die gemütlichste Stube, plaudert dabei über lustige Dinge und lächelt schelmisch die ganze Zeit ... Ja, so ist des Müllers Jüngste, und ein liebes Kind ist sie ... Immer weiter spann Stephan seine Gedanken, und immer leichter und froher wurde er. Alles Schöne fiel ihm neben Agnes und der Mühle ein: daß im Stalle alles so gut stand, daß die Ernte so reich war, daß die Mutter nimmer kränkelte, und daß Maria so ein frohes Licht im Auge trug ... Ja, es ging gewiß alles gut auf seinem Hofe, und er war vielleicht doch kein allzu schlechter Bauer.
Oben bei der Quelle fand er Arbeit, und nun wurde er praktisch und hörte zu träumen auf. Der heftige Regen hatte die Felsen abgeschleift, Schutt und Schlamm herangeschwemmt und Felsblöcke auf den Mund der Quelle gelegt. Die Erde aber war fortgewaschen, und das Rohr lag stellenweise bloß. Stephan zog seinen Rock aus, rollte die Hemdärmel zurück, und bald zitterte der ganze Wald von den Schlägen seiner Picke. Weil er aber die schweren Felsstücke fortrollte, als wären sie nur Kieselsteine, und den Boden mit den dicken Baumwurzeln so leicht aufriß, als träge er nur Moos, verdroß ihn die Arbeit insgeheim, da er meinte, sie brauche keine Kraft. Trotzdem arbeitete er weiter und stand oft bis zu den Knien im Schlamm. Es dämmerte schon, als er endlich fertig war. Erst wollte er denselben Weg zurückgehen, den er gekommen war, dann aber änderte er seinen Sinn und schlug einen Pfad ein, der in die Felder führte. Er schlug diesen Pfad ein, vielleicht weil er sehen wollte, wie weit seine Leute mit dem Korn gekommen waren, vielleicht aber auch, weil er vermeiden wollte, daß er wieder an die Villa kam. Als er aus dem Walde trat, sah er schon von weitem in langen Reihen die Garben aufgestellt. Die Knechte aber waren nimmer da, und das ganze Feld lag einsam im Sonnenuntergang. Stephan faßte seine Picke fester und eilte rascher vorwärts. Eine feierliche Freude war über ihn gekommen, denn nun dachte er an die Winternächte, in denen er nicht schlafen konnte aus lauter Sorge um den Samen. Und weil sein Herz so voll war, sagte er: »Schau, Vater, schau ...!« Dann schritt er das ganze Feld entlang, blieb bei jedem Büschel stehen und streichelte es liebevoll ... Währenddem ging die Sonne unter. Stephan fiel jetzt die Mutter ein, die zu Hause wohl wartend an der Türe stand, und er wußte, daß es Zeit war heimzugehen. Darum schritt er aus dem Feld heraus, hinüber zu dem Fußpfad, der das Korn von den Wiesen trennte. Als er hinkam, sah er von unten eine weiße Gestalt herankommen ...
Vielleicht eine Frau ...
Vielleicht ein Mädchen ...
Stephan beschattete die Augen mit der Hand, denn die Abendröte lag blendend nach dieser Seite.
Ja, ein Mädchen ...
Leicht und sicher, ohne das lange Kleid zu raffen, schritt es durch das hohe, blühende Gras. Von seinem Kopfe wehte ein feiner weißer Schleier, in der Hand trug es einen Hut mit Mohnblüten. Da sie demselben Pfad zustrebte, auf dem Stephan stand, dachte er daran, sie vorangehen zu lassen. Nicht etwa aus Höflichkeit, sondern weil er nicht leiden konnte, wenn jemand hinter ihm ging. Weil die Fremde aber noch ein gutes Stück unten war und Stephan nicht auf dem Wege stehenbleiben wollte, schritt er in das Feld zurück und machte sich an den Garben zu schaffen. Dadurch verlor er sie aus den Augen, doch tauchte sie bald auf der Höhe des Weges auf. Als sie den einsamen Mann gewahrte, hemmte sie plötzlich ihre Schritte, zauderte einen Augenblick, bog dann vom Wege ab und trat zu ihm ...
Stephan lehnte sich ein wenig schwer an die Garben.
Das Mädchen, das plötzlich vor ihm stand, sah er heute zum erstenmal und kannte es doch schon lange. Das waren dieselben blonden Haare, dieselben scheuen Augen, dieselbe weiche Hand ... Unter tausend Händen hätte er diese Hand herausgekannt. Er wollte an Agnes denken, aber er konnte nicht. Dumm und verwirrt wie ein Knabe stand er vor ihr. Sie aber wußte nichts von seinen Gedanken und sagte mit einfacher Herzlichkeit:
»Wir haben erst vor ein paar Tagen erfahren, was für ein großes Unglück Euch traf, als man unsere Villa baute ... es tut mir ...« sie stockte und verbesserte sich, »ich meine uns allen so leid.« Nun kam er zu sich, und weil er sich schämte, daß ein ganz fremdes Mädchen ihn so erregen könne, nahm er alle Kraft zusammen, wandte den Kopf zur Seite, als ob sie gar nicht da wäre, und sagte leichthin: »O, das ist jetzt schon lange her, und wir haben es überwunden ... einmal hätte es doch kommen müssen, so oder so.« »Allerdings ...« Dann schwieg sie, blickte auf seinen beschmutzten Anzug und dachte: »Was nützt diesen Leuten Mitgefühl? Sie brauchen Geld.« Und während ihr Ton kühler und ihre Haltung stolzer wurde »... aber es wäre vielleicht nicht so plötzlich gekommen. Wenn Sie darum irgendeine Hilfe brauchen ... mein Papa ist sehr gut.« Da flammte eine heiße Röte in seine blassen Wangen, seine Augen blitzten, und er sagte verächtlich: »Sie irren sich vollkommen. Wir haben Geld genug, daß wir dreißig solche Villen bauen könnten, als die dort drüben ist ...« und nach einer Pause, während der sie erstaunt und verletzt dastand »... aber Sie verschwenden Ihre Zeit mit einem einfachen Bauer ... sehen Sie dort das Alpenglühn.« ... Und er wollte gehen und konnte nicht, weil ihn das Schauspiel selber bannte.
Geradeaus vor ihnen, jäh sich hebend vom dämmrigen Himmel wie Edelsteine auf dunklem Sammet, lohten eng aneinander gerückt die Königskinder der Dolomitenberge, und die weißen Mauern eines einsamen Bergkirchleins, das sich im äußersten Osten gegen den Himmel schob, brannten in einem tiefen, lilafarbenen Schein ...
Das dauerte einige Minuten, dann sprang am Fuße des mächtigen Schlern ein Schatten auf, der langsam höher kroch und Licht fraß. Es floh in die äußersten Spitzen und leuchtete dort noch intensiver als vorher, aber der Schatten warf sich darauf wie ein riesiger Mantel und löschte die Glut. Nun standen sie grau wie die andern Berge und zeigten ihre Furchen, ihre Schluchten und ihren Schnee ...
Da erwachten die beiden auf dem Feld aus ihrer Versunkenheit. Schweigend, atemlos, jedes die Gegenwart des andern vergessend, hatten sie sich in die ferne Pracht versenkt. Nun sahen sie sich in die Augen, schämten sich, daß sie noch da waren, und freuten sich doch darüber, denn sie fühlten, daß sie sich verstanden und versöhnt hatten. Sie schritten aus dem Feld heraus, hinüber zum Fußpfad, und als ob es selbstverständlich wäre, gingen sie nebeneinander her. Erst gingen sie ohne zu reden, aber dann sagte das Mädchen: »Sie sind hier aus der Gegend und wissen vielleicht besser Bescheid als wir Fremden. Warum trägt der Rosengarten diesen merkwürdigen Namen?«
Darauf lächelte Stephan im freudigen Eifer, denn die Berge waren ihm immer das Liebste, und mit gedämpfter Stimme erzählte er ihr das Märchen von König Laurin und dem tapfern Ritter Dietrich von Bern. Er erzählte dieses Märchen mit so viel Bewegung, mit so viel eigener Phantasie und Begeisterung, daß sie auch davon begeistert wurde. Aber zum Schluß schien sie das Märchen und den Zweck des Märchens vergessen zu haben, denn sie lächelte fein und sagte: »Ich habe nicht gewußt, daß die Bauern so gelehrte Leute sind.« Da schämte und ärgerte er sich, denn sie hatte, ohne es zu ahnen, seine wunde Stelle getroffen, und er antwortete: »O, ich bin ein schlechter Bauer.«
Und weil sie nicht mehr weit vom Hofe waren, grüßte er rauh und ging.
Aber er ging nicht direkt ins Haus, sondern lief um den Hof herum wie jemand, der etwas Heimliches mitbringt, das er gern verbergen möchte, ehe es die anderen sehen, und als er endlich in die Stube kam, freute er sich, daß die Lampe nimmer brannte. Er tastete nach den Streichhölzern, aber als das Licht aufflammte, sah er, daß Maria in der dunklen Stube saß. Zu einer andern Zeit wäre ihm das befremdend aufgefallen, aber heute fiel es ihm nicht weiter auf. Doch auch Maria schien es nicht zu wundern, daß Stephan so spät kam. Sie brachte sein Essen ohne ein Wort des Erstaunens, begann dann über die Ernte zu reden und erzählte, daß der Brunnen wieder in Ordnung sei. Aber unter all dem Gerede über die Ernte und den Brunnen fragte sie plötzlich: »Sag, Stephan, wann gehen denn gewöhnlich die Fremden fort?« Die Frage schien nichts bedeuten zu wollen, aber Marias Gesicht war totenblaß, und ihre Augen brannten dunkel. Und plötzlich wußte Stephan ihr Geheimnis, weil ihn die Frage mit demselben Schreck und derselben Wucht traf. Er schwieg lange, als ob er sänne, aber er dachte: »Mein Gott ... mein Gott.« ... Dann zwang er sich zum Gleichmut und sagte: »Das hängt vom Wetter ab.«
»Ja ... aber gewöhnlich, Stephan?«
»Anfang Oktober.«
»Und jetzt haben wir schon September ...«
»Ja, Maria.«