Der Klausenhof: Roman

Part 2

Chapter 23,910 wordsPublic domain

»Es ist das beste Gewehr im Land. Oft genug schon hätte ich es teuer verkaufen oder gegen ein feineres, neueres umtauschen können. Ihr solltet gehört haben, wie beim letzten Scheibenschießen der Oberförster aus Deutnofen darum feilschte. Zum Schluß versprach er mir sogar eine Försterei.«

»Welche?«

»Unten in Kampenn.«

»Und die hast du abgeschlagen!«

»Ja ...,« er stockte, sah hinüber zu Maria, deren Rocken plötzlich schwieg, errötete stark, und sagte:

»... sie war mir zu klein ...«

Dann war er wieder ganz unbefangen, und Marias Rocken setzte auch wieder ein. Stephan wollte das Gewehr näher beschauen und langte danach. Als er es in die Hand nahm, schlug im Hofe der Hund an.

Laut und zornig klang sein Gekläff in die Stube, und die Kette, woran er befestigt war, klirrte dazu. Aber weder Stephan noch sonst jemand kümmerte sich darum, da sie dachten, es handle sich um einen verspäteten oder wegmüden Wanderer, den die Knechte schon erquicken und für die Nacht unterbringen würden. Eine kleine Kammer in der Nähe der Scheunen war für solche Fälle da. Plötzlich aber wurde die Tür aufgestoßen, und wie hereingeschleudert von einem eisigen Windstoß, der für Augenblicke das Zimmer kalt machte, stand ein Mädchen da.

In tausend Rinnchen floß der Schnee von ihren dünnen Kleidern, nur auf dem unbedeckten Kopf lag er dicht und fest wie eine weiße, krause Mütze. Vielleicht aus Schmerz, vielleicht aus Kälte preßte sie die Hände an die Brust, und aus ihren Augen sprach es wie Zorn und Weinen. Alle sahen sie erstaunt an, ausgenommen Theresens Bräutigam. Unwillig sprang er auf und herrschte sie an:

»Was soll das, Toni? Wo kommst du her?«

Das Mädchen aber sah an ihm vorbei und blickte auf Therese.

»Ich komme zu Euch,« sagte es, »daß Ihr den Bauern bitten möget, mich zurückzunehmen. Ich habe eine alte Mutter zu Hause -- erbarmet Euch, ich will nie wieder stehlen.«

Ohne Scham, ohne Zögern, sprach sie das letzte Wort, und alle wußten nun, wer sie war. Den Bauern schienen der flehende Ton und die bittenden Worte bereits milder gestimmt zu haben, denn die zornige Röte wich aus seinen Wangen, und fragend blickte er Therese an. Diese aber trat hastig vor und sagte:

»Ihr habt einen weiten Weg gemacht, aber Ihr habt ihn umsonst gemacht. Diebe kann man nicht auf ehrlichen Höfen brauchen.«

Da schämte sich ihr Verlobter seiner Schwäche, und während er Theresens Hand erfaßte, wie sich an ihrer Stärke zu erhärten, sagte er:

»Ja, sie hat recht. Diebe kann man nicht auf ehrlichen Höfen brauchen.« Da trat in Tonis Augen ein böses Licht, und während Schaum von ihren Lippen spritzte, schrie sie: »So seid verflucht!«

Dann war sie fort, und in das Zimmer drang wieder der eisige Wind, den sie zuerst gebracht hatte und unter dem die Zurückgebliebenen zu erstarren schienen, denn keines regte sich. Abergläubisch, wie alle Bergbewohner, hatten die Worte des Mädchens ihre Wirkung auf sie nicht verfehlt. Stumm, mit eingehaltenem Atem sahen sie einander an.

Die Bäuerin war die erste, die sich ermannte. Langsam, andächtig bekreuzte sie sich, und Maria tat das gleiche. Die Männer hoben die Hände, hielten sie unschlüssig in der Luft und ließen sie wieder sinken ... sie waren keine Feiglinge, aber so ein Fluch ist etwas Schreckliches ... und heimlich, voneinander abgewendet, machten sie das Kreuz. Nur Therese nicht. Ihre Wangen waren bleich bis an die Lippen, aber Blick und Gebärde ruhig, unerschüttert. Mit Fraueninstinkt fühlte sie, um was es jetzt ging. Um Herzensruhe. Um Herzensglück. Ohne ein Wort zu reden, setzte sie sich wieder an den Rocken und nahm die Arbeit auf. Aber ihre Hände zitterten, und der Faden riß hintereinander. Maria legte frische Scheite in den Herd, und die Männer versuchten es wieder mit dem Reden. Es kam jedoch nichts Rechtes mehr dabei heraus, und schließlich brachen die Besucher auf. Therese begleitete ihren Bräutigam über den verschneiten Hof bis an das Tor. Dort blieben sie trotz der Kälte stehen, und der Bauer nahm ihre Hände. Er spürte, daß sie eiskalt waren, und rieb sie sachte an den seinen. Dabei fragte er: »Fürchtest du dich?« Da sah sie ihn voll an und sagte fest »Nein«.

Darauf nickte er, und sie trennten sich. Als Therese dann aber allein in ihrer schmucklosen Kammer war, entzündete sie eine geweihte Kerze und stellte sie vor dem Bildnis des heiligen Benediktus auf. Dabei flüsterte sie: »Heiliger Benediktus, der du Vieh und Leute vor Zauberei beschützest, schirme und bewahre uns.«

Das tat sie jeden Abend den ganzen Winter durch bis zu ihrem Hochzeitstag. -- Der kam mit dem Föhn und den Schneeglocken. Aber es waren unverläßliche Frühlingszeichen. Der Winter saß noch fest im Land. Therese hatte den ganzen Tag ein Gefühl von Glück und Beschämung. Sie war das Getue um sich nicht gewohnt, und nun drehte sich schon seit einer Woche alles um sie. Jedes zweite Wort hieß Therese, und all die neuen, hübschen Dinge, die überall herumlagen, gehörten ihr. Gestern, am Vorabend des großen Tages, kam Maria ganz spät in ihre Kammer, blieb eine Weile verlegen stehen, fing dann zu weinen an und bat Therese, ihr zu verzeihen. -- Was? Therese konnte sich auf kein Unrecht der Schwester besinnen, und ihr wurde hilflos zu Mute. -- Es gab doch nichts zu verzeihen. -- Daß sie einander nie so recht verstanden hatten, dafür konnte niemand. Stephan und Maria waren eben anders als die andern Klausen. Sie dachte plötzlich an den Vater und wurde ernst im Gedanken, daß er diesen Tag nicht mehr erlebt hatte. Er hätte sich darüber gefreut ... heimlich zusammen hätten sie sich darüber gefreut, wie die andern zwei sich immer freuten ... Herb, hart, feindselig leuchtete es einen Moment in ihren Augen auf. Dann aber trieb sie die uneinigen Bilder fort, faßte Marias Hände und sagte freundlich:

»Du warst ja immer gut, Maria.«

Und heute! Heute wich Maria keinen Schritt von ihrer Seite, nahm ihr jede Arbeit aus der Hand und erinnerte sie tausendmal, daß sie in ein paar Stunden Hochzeit habe. Und gegen Mittag schritten sie Hand in Hand in Theresens Stübchen, wo auf dem schmalen Mädchenbett das Ehrenkleid aus schwarzer, starrer Seide lag. Da kam es wie eine Verwandlung über das steife, ältliche Mädchen. Ihre Wangen begannen sich zu färben, ihre rauhen Finger fuhren über den glänzenden Stoff, und plötzlich drückte sie das Gesicht tief in die knisternde Seide. Maria hatte Therese nie so weich, so haltlos gesehen und umschlang sie wie in Angst. Das brachte Therese zu sich. -- »Weißt du, Maria,« sagte sie, mit den Augen fest auf dem Kleid, »manchmal glaube ich, ich verdiene es gar nicht!«

»Was?«

»All das Glück.«

»Aber Therese ...«

»Ich meine, Maria, es ist eigentlich eine Sünde gegen den Hof.«

»Daß du fortgehst?«

»Ja!«

»Aber warum gegen den Hof?«

»Ich meine ... schau, wenn man bedenkt, was für Freude so eine Wirtschaft macht. Und dann gar unsere Wirtschaft. Der Klausenhof ist kein gewöhnlicher Hof. Ich glaube, im ganzen Land gibt es keinen, den man damit vergleichen könnte ... Und wenn man daran denkt, wie er gehalten wurde; -- vom Vater, vom Großvater und von den andern. Und jeder von uns tat sein Teil daran und ist ein Teil davon.«

Sie sorgt sich um den Hof, dachte Maria, sie sorgt sich darum, weil sie weiß, daß weder Stephan noch ich für die Wirtschaft taugen. Laut aber sagte sie: »Aber schau, Therese, du gehst ja so gern.«

»Das ist es ja eben.« Therese stockte verwirrt, »das ist es ja, was ich meine, daß ich imstande bin zu gehen und so gern.«

»Gehst du so gern?«

»Ja ...,« sie stockte abermals, und während sich ihre Wangen verdunkelten, schloß sie: »Du kannst ja nicht begreifen, wie das ist, wenn man einen Mann so lieb hat.... Alles täte man für ihn, immer möchte man bei ihm sein, und man ginge mit ihm bis ans Ende der Welt ...«

Maria errötete jetzt auch. So offen hatte Therese nie gesprochen. Mit zitternden Fingern hob sie das rauschende Kleid in die Höhe und hielt es gegen das Licht.

»Wie schön du aussehen wirst, Therese.«

Sie nickte verträumt ... »und einmal wirst du auch kommen, Maria.«

»Zu dir?«

»Ja, zu uns.«

Maria versprach es und half ihr in das Kleid. Als die Braut angezogen war, kam die Bäuerin in das Zimmer. Sie weinte, als sie Therese fertig sah, und machte ihr das Zeichen des Kreuzes auf Stirn und Brust. »O Therese ...« und alles andere, das sie sagen wollte, schwemmten neu hervorbrechende Tränen hinweg. Maria versuchte, sie heiter zu stimmen. »Aber, Mutter, Therese geht doch nicht aus der Welt.«

»Daran dachte ich auch gar nicht.«

»Woran denkst du dann?«

»Ich weiß es nicht ... aber wenn ich Therese wäre, würde ich ihn nicht heiraten.«

Dann wischte sie sich die Tränen aus den Augen und blickte auf die beiden Mädchen, um zu sehen, wie sie das aufnahmen. Therese stand still beim Bett, und Maria lehnte sich gegen einen Stuhl. Sie hatte einen Augenblick das Gefühl, als ob sie schwanke, hielt sich aber aufrecht und sagte fest: »Meinst du wegen dem Fluch?«

Endlich war es heraus. Den ganzen Winter hatte es zwischen ihnen gelegen, und keines hatte gewagt, darüber zu reden. Endlich heute ... Maria hatte es gut gemeint. Ohne Scheu, ohne Rücksicht, ohne Ängstlichkeit, glaubte sie, müsse man darüber reden ... es sich ausreden. Nun es aber gesagt war, erschrak sie aufs tiefste ... wollte alles ungesagt machen ... das gräßliche Wort zurückholen. Aber es hing schon in der Luft, flatterte schon durch die Stube. Die Mutter hatte es schon gehört, denn sie bejahte schluchzend, und Therese mußte es auch gehört haben. Langsam wandte Maria den Kopf nach ihr. Die stand noch immer beim Bett, ruhig wie vorher. Als aber die Bäuerin jetzt laut zu beten begann, Gebete gegen den Teufel und gegen die Zauberei, trat Therese vor. Im starren, schwarzen Seidenkleid, Gesicht und Hände blaß, sagte sie mit schweren, zwingenden Lauten: »Ich habe den ganzen Winter Kerzen geopfert.« Sie errötete vor Scham über das Geständnis, gleich aber nahm ihr Gesicht die vorige Ruhe und Blässe wieder an, und sie schritt ihrem Bräutigam entgegen, den sie durch das Fenster über den Hof kommen sah.

Als sie von der Trauung zurückkehrten, blieben sie nun aber nicht mehr lange, denn sie mußten zu Fuß in das neue Heim. Der Weg dorthin ging steil bergab und war nicht fahrbar. Die Bäuerin verabschiedete sich von den Neuvermählten im Zimmer, aber Stephan und Maria begleiteten sie bis an das Tor. Dort blieben sie dann noch stehen und schauten den zweien nach. Als sie so weit waren, daß man sie nicht mehr sehen konnte, blickte Stephan hinüber zu dem Berg, wo Therese fortan leben sollte. Düster und stolz, ein wenig wie Therese selbst, schied er sich von den andern Bergen und trug wie eine Krone den Hof an seiner Spitze. Maria lehnte indessen still beim Tor. Sie dachte an die Försterei in Kampenn und an Förstereien im allgemeinen und kam zu dem Entschluß, daß es auch in kleinen Förstereien schön zu leben sein müsse, wenn man nur das Zeug in sich hat, zufrieden zu sein ... Stephan merkte plötzlich ihre Versonnenheit, und mit einem Male war ihm, als ginge Maria denselben Weg, den Therese eben ging, mit einem Mann an ihrer Seite ...

Mißtrauen und Eifersucht quoll in seinem Herzen auf, aber er beherrschte sich, und zum erstenmal an diesen Gegenstand rührend, fragte er wie im Scherz: »Nun, und du, Maria?«

Darauf fuhr sie zusammen, wurde rot und verlegen, faßte sich aber rasch und sagte schlagfertig: »Nun, und du, Stephan?«

Da wurde sein Gesicht, das so lebhaft jede Regung seiner Seele spiegelte, noch ernster als vorher, und nach einem sinnenden Schweigen sprach er: »Du weißt ja, Maria, daß wir immer davon geredet haben, beisammen zu bleiben.« Nun drückte Maria, wie ihn zu besänftigen, ihre weichen Wangen an den rauhen Ärmel seines Gewandes und sagte, wie ihn auf andere Gedanken zu bringen, zögernd, einschmeichelnd und voll süßer Schelmerei: »Weißt du schon, Stephan, daß seit gestern Leute in der neuen Villa wohnen? ... Nicht? ... O, du hättest sehen sollen, was für prachtvolle Dinge man hineingeschafft hat. Feine, große Schränke, Spiegel mit breiten, goldenen Rahmen, Waschtische mit Marmorplatten, Stühle mit rotsamtenen Überzügen ... und dann an allen Fenstern ... hast du die Vorhänge nicht gesehen? ... sie sind aus himmelblauer Seide.«

Stephan, leicht getäuscht wie alle harmlosen Naturen, merkte ihre Absicht nicht und fragte interessiert: »Und Leute hast du auch gesehen, Maria?«

»Ja, Stephan. Eine alte Frau und einen alten Mann. Aber ich glaube, das sind nur Bedienstete. Wahrscheinlich aber kommt die Herrschaft schon diesen Sommer.«

»Wahrscheinlich.«

Dann befreite er sich aus der leichten Umarmung seiner Schwester und blickte nach der Villa. Das Gebäude lag im Dunkel; plötzlich aber flammte Licht hinter einem Fenster auf. Die Geschwister beobachteten es atemlos, und nach einer Weile sagte Maria: »Es ist weiß wie das Licht der Sonne.«

Darauf Stephan: »Ja, ich kenne es. Wir hatten es in Innsbruck in der Schule und bei der Kostfrau, wo ich zuerst wohnte.«

Sie nickte auf seine Worte und fragte nach einer Pause:

»Warum bist du eigentlich nicht Geistlicher geworden? Hattest du keine Freude am Lernen?«

»Erstens. Und zweitens, weil ich einmal einem Mitschüler ein paar Rippen brach. Ich hatte natürlich nichts Schlechtes im Sinne, sondern wollte ihn nur ein wenig drücken ... aus plötzlicher Freude, weißt du, weil nach langer Regenzeit auf einmal die Sonne durch die Fenster auf die Bänke schien. Das machte mich so froh, ich kann dir nicht sagen wie froh, und ich legte meinen Arm ein wenig um meinen Nachbar. Der aber wurde leichenblaß, schrie auf und sank zurück, als wäre er tot. Den Schreck, den ich damals erlebte, werde ich nie vergessen ... Seit diesem Tag grüßten mich die Lehrkörper immer zuerst, solche Angst hatten sie vor meiner Stärke ... Ich aber dachte dann viel an die heilige Hostie, die der Priester bei der Messe in die Höhe heben muß, und träumte oft, ich hätte den lieben Herrgott mitten entzweigebrochen. Es fing auch wieder zu regnen an, und wenn es regnete, fiel mir das Lernen immer schwerer als sonst ... Aber du mußt nicht denken, daß ich ein Faulenzer war. Es gab nur gewisse Dinge, die mir durchaus nicht in den Kopf wollten. Rechnen zum Beispiel. Am liebsten wäre ich Altertumsforscher geworden. Ja, dazu hätte ich Lust und vielleicht auch Talent gehabt. Aber unser Vater hätte so etwas nie erlaubt. Nach seinen Begriffen gab es nur zwei ehrenvolle Stände: Geistlicher oder Bauer.«

»Und was war dann weiter?«

»O, ich weiß es nimmer. Die Professoren tuschelten, so oft sie mich sahen, und einmal schrieben sie an Vater. Er kam nach Innsbruck, und sie hatten mit ihm lange, geheime Unterredungen. Darauf nahm er mich heim.«

»Und ich weiß noch genau den Tag, an dem du gekommen bist. Unsere Mutter weinte den ganzen Abend, weil sie dachte, du würdest sicher sterben, weil du gar so mager warst ... und weißt du noch, wieviel du damals gegessen hast?«

»Und weißt du noch, wieviel du damals gekocht hast? Es wäre schade gewesen um die guten Sachen.«

Sie lachten und schritten engumschlungen zurück über den Hof. Plötzlich erschien im Rahmen der offenen Küchentür die Bäuerin mit einem Licht in der Hand und hielt Ausschau nach ihren Kindern. Da lösten Stephan und Maria schnell die Arme voneinander, weil sie sich vor der Mutter schämten, daß sie sich so liebhatten, und schritten hintereinander in das Haus.

Viertes Kapitel

Es war wieder Juni geworden. Die breiten Wiesen vor dem Klausenhof lagen dunstend in der Sonne, und wer die Hand an ihre Erde drückte, konnte fühlen, daß sie bebte, wie eine Brust vielleicht, die unter einer Bürde atmet. Abwärts an die Wiesen schlossen sich die Felder und trugen an derselben Schwere. Dort, um das drängende Korn verteilt, arbeiteten die Knechte mit Stephan in ihrer Mitte, der sie alle um Kopfeslänge überragte. Es war keiner unter ihnen so sehnig, so licht und stark wie er. Nach der strengen Zucht, die von jeher am Hofe herrschte, wurde bei keiner Beschäftigung gesprochen. Gleichmäßig, in wortloser Übereinstimmung arbeiteten sie zusammen, bis der Westen brannte. Dann reckten sie ihre krummen Rückgrate, entzündeten ihre Pfeifen, nahmen ihre Werkzeuge auf ihre Schultern und stampften heim. Nur Stephan blieb. Langsam schritt er noch einmal die Wege ab, prüfte und ordnete, wo es noch etwas zu ordnen gab, und verfiel in Träumereien, die zuletzt in leisen Zwiegesprächen mit seinem toten Vater endeten ... »Schau,« sagte er, und beschrieb mit der Hand einen weiten Bogen gegen das blühende Land, »das erste Jahr, das du nicht da bist -- ein schweres Jahr und doch voll wunderbarem Segen. Schau nur das Korn an, es ist noch ganz grün und kann sich doch schon nimmer halten vor lauter Schwere in den Ähren.«

»Ja, das Korn steht schön.«

»Und im Haus, Vater, geht auch alles viel besser, als wir dachten, daß es gehen würde. Maria ist viel tüchtiger, als wir alle glaubten, und seit Therese nimmer da ist, merkt man erst, was sie leisten kann. Freilich, sie war ja auch schon vierundzwanzig Jahre letzte Woche.«

»Vierundzwanzig ... ja, sie kommt in die Jahre ... sag, Stephan, wie wird denn dann das mit all der Arbeit werden, wenn sie auch einmal nicht mehr da ist?«

»Wie meinst du das, Vater?«

»Nun ja, du sagst doch selbst, sie war letzte Woche vierundzwanzig ...«

»Das schon, aber ...«

»Und du, Stephan, wie alt wirst du jetzt?«

»Dreißig, Vater, nächsten Herbst.«

»Dreißig ... Du bist eigentlich auch schon in den Jahren ... und der Müller hat drei Töchter. Die Älteste ist mager und bissig, die möchte ich dir nicht raten. Die zweite, glaube ich, ist schon versprochen. Aber die dritte ist lieb und gut und ging den weiten Weg, nur um dich zu sehen, als du damals kamst von Innsbruck ...«

»Das schon, Vater, aber ...«

»Darum meine ich, du sollst einmal hinübergehen und den Müller fragen, wieviel die große Wiese kostet, die er schon so lange feil hat ... und so im Gespräch, du weißt schon, wie ich meine ...«

»Ja, Vater, des Müllers Agnes ist lieb und gut, aber ich getraute mich doch nie um sie zu freien, denn die nimmt nur einen ganzen Mann.«

»So meinst du, Stephan, du seiest kein ganzer Mann?«

»Kein ganzer Bauer, Vater. Ich schäme mich immer, daß ich lesen und schreiben kann und die Berge ringsum beim Namen kenne. Kein richtiger Bauer kennt sie und kümmert sich darum.«

»Hm, hm, und trotzdem steht das Korn schöner als je ...«

»Das schon, Vater ... aber dafür verdiene ich kein Lob. Ich war nicht bei dem Säen ...«

»Da hast du recht ... aber denke nach, Stephan, hast du nicht heimlich in die Stadt um einen der neumodischen Samen geschrieben? Und in der Gartenecke, wo früher immer nur Brennesseln waren, ist jetzt ein ganzes Feld von großen, gelben Blumen ... die sind dort auch nicht aus freien Stücken gewachsen ...«

Da wurde Stephan rot, und als ob sein Vater wahrhaftig an seiner Seite schritte, wandte er den Kopf und sagte:

»O Vater, ich habe soviel Kummer deswegen gehabt, nicht der Blumen wegen. Die kosteten nicht viel, und ich dachte, wie sehr Maria sich freuen würde. Aber des Kornes wegen. Der Samen war nicht billig, und da dachte ich oft, ich sei ein schlechter Erbe, der das Geld der Klausen leichtsinnig vertut. Den ganzen Winter konnte ich nicht richtig essen und schlafen aus lauter Angst, daß das fremde Zeug nicht aufgehen könnte.«

»Und es ist doch so schön aufgegangen, Stephan.«

»Ja, Vater; und die Freude, die ich hatte, als ich die ersten, grünen Spitzen sah, kann ich nie beschreiben.«

»Aber vorsichtig mußt du doch sein mit neuen Dingen. Es könnte nicht immer so gut ausfallen ... die Klausen waren stets bedächtige Leute.«

»Das schon, Vater ...« Stephan dachte plötzlich an den Wald und an die neue Villa, »aber, wer nichts wagt, gewinnt nichts.«

»Hast du das in Innsbruck gelernt?«

»Ja.«

Darauf schwieg sein Vater, als ob er über die Antwort nachsänne, und Stephan schritt tüchtiger aus. Als er auf dem holprigen Fahrweg ankam, bemerkte er weiter unten eine Kutsche, die sich langsam näherte. Er blieb stehen, um sie vorbei fahren zu lassen, und sah, daß es ein fremdes Gespann war, das er nie gesehen hatte. Ein Mann mit hohem Hut und gelben Knöpfen lenkte die Pferde, und grünseidene Vorhänge verdeckten an den Fenstern das Innere des Wagens. Während der Wagen aber langsam an ihm vorbei fuhr, schob sich plötzlich eine Hand aus dem grünseidenen Vorhang und legte sich auf den schwarzlackierten Wagenrand. Nichts weiter kam zum Vorschein, nur diese weiße, müde Hand. Stephan aber konnte die Blicke nicht davon wenden und schritt dem Wagen nach. Der fuhr die Höhe hinauf, um die Wiesen herum, am Klausenhof vorbei, und noch immer schritt Stephan nach. Ohne es zu wissen, ohne es zu wollen, schritt er nach, bis die Kutsche vor der neuen Villa hielt und das helle, weiße Licht, das aus jedem Fenster drang, blendend seine Augen traf. Da schämte er sich und eilte heim.

Fünftes Kapitel

Frau von Kletten fror. Sie gab Befehl, sämtliche Zimmer zu heizen, und breitete sich überdies ein warmes Tuch um die Schultern. Dann legte sie sich auf den weichen Plüschdiwan, schloß ermüdet die Augen und dachte nach, warum in aller Welt sie eigentlich hergekommen war. Nach einer Weile fiel es ihr ein. Richtig, wegen Margarete. Sie war in den letzten Jahren so überzart geworden, irgendein Arzt hatte etwas von den Bergen gesagt, und der gute, ängstliche Papa hatte sofort eine Villa bauen lassen, eine Villa mitten im Wald, 1300 Meter hoch ... gräßlich!

Sie schüttelte sich, gähnte, rückte die seidenen Kissen bequemer und versuchte zu schlafen. Plötzlich aber kam ihr eine neue Sorge. Leichtsinnig wie alle jungen Mädchen saßen ihre Kinder sicher draußen auf dem Balkon, in dünnen Batistkleidern. Seufzend streckte sie die Hand nach der Klingel aus, besann sich aber auf halbem Weg und stand auf, um selbst nach ihnen zu sehen. Sie fand die Mädchen auf dem breiten Hauptbalkon und, wie sie vermutete, in dünnen, weißen Kleidern. Fröstelnd trat sie zu ihnen und sah prüfend auf die jungen, frischen Gesichter.

»Friert euch nicht, Kinder?«

»Aber Mama, wir sitzen die ganze Zeit in der Sonne.«

»Ohne Hut und Schirm, das sollt ihr eben nicht.«

Nun lachte Frida, die Älteste, und sagte:

»Dafür mußt du Hugo schelten. Er hat es uns erlaubt.«

Scherzhaft mit dem Finger drohend, wandte sich Frau von Kletten jetzt an den jungen, eleganten Mann, der lang und nachlässig im bequemsten Sessel lag.

»Sie bringen mich noch um meine Töchter, lieber Hugo.«

Ein feiner Doppelsinn lag in ihren Worten, und er machte eine komische Gebärde des Entsetzens.

»Doch nicht um beide, gnädige Frau.«

Margarete, zart und blond, erhob sich und legte ihre Arme schmeichelnd um die Mutter.

»Ist es nicht gottvoll hier oben, Mama?«

»Im Sommer, Kind, und bei schönem Wetter, aber im Winter muß es direkt gräßlich sein.«

»Im Winter wohnt ja auch niemand hier.«

Hugo von Rotenau lächelte spöttisch.

»Glauben Sie vielleicht, die Bauern ziehen mit ihren Kühen in die Stadt?«

»Aber es sind doch keine Bauern da.«

»Doch, dort drüben das große, weiße Haus ist ein Bauernhaus.«

»Sind noch mehr da?«

»Nein, das ist das einzige.«

»Wer wird soviel über Bauernhäuser reden,« sagte Frau von Kletten. »Wie finden Sie die Gegend, lieber Hugo?«

»Unvergleichlich schön.«

»Und wie lange werden Sie diese unvergleichliche Schönheit ertragen können?«

»Bis ich ihrer müde bin.«

»Dann dürfen wir mit Ihrer Gesellschaft nicht für lange rechnen.«

»Nein« ... und er zündete sich eine Zigarette an.

Frida reichte ihm jetzt ihr Fernglas.

»Wollen Sie uns nicht sagen, bitte, wo der Rosengarten liegt?«

Er wies das Glas zurück.

»Danke, ich habe gute Augen ... dort geradeaus, die drei Zinken.«

Margarete blickte ebenfalls nach der Richtung und sagte lebhaft:

»Ja, das wollte ich auch schon wissen. Aber woher rührt eigentlich dieser schöne, merkwürdige Name?«

Hugo von Rotenau zuckte gleichgültig mit den Achseln.

»Das weiß ich nicht.«