Der Kinderkreuzzug

Part 2

Chapter 22,398 wordsPublic domain

Ruhm sei Gott! Gelobt sei der Prophet, der mir erlaubt hat, arm zu sein und den Herrn anrufend durch die Städte zu irren. Dreifach gesegnet seien die heiligen Begleiter Mohammeds, die den göttlichen Orden errichteten, dem ich angehöre! Denn ich gleiche ihm, der mit Steinwürfen aus der Stadt gejagt wurde, die so ehrlos ist, daß ich sie nicht nennen will und der in einen Weinberg flüchtete, wo ein Christensklave sich seiner erbarmte und ihm Trauben gab, und als der Tag sich neigte, durch die Worte des Glaubens bewegt wurde. Gott ist groß! Ich habe die Städte Mossul, Bagdad und Basrah durchquert, ich habe Salaed-Din (seine Seele ruhe in Gott) und seinen Bruder, den Sultan Seif-ed-Din gekannt und ich habe den Beherrscher der Gläubigen gesehen. Ich kann sehr gut von dem wenigen Reis, den ich mir erbettele, leben, und von dem Wasser, das man in meine Kalebasse gießt. Ich achte darauf, daß mein Körper rein ist. Aber die größte Reinheit herrscht in meiner Seele. Es steht geschrieben, daß der Prophet, ehe er berufen wurde, auf dem Erdboden in einen tiefen Schlaf fiel. Und zwei weiße Männer stiegen herab und standen zur Rechten und zur Linken seines Leibes. Und der weiße Mann zur Linken schnitt seine Brust mit einem goldenen' Messer auf, nahm das Herz und drückte das schwarze Blut heraus. Und der weiße Mann zur Rechten schnitt ihm mit einem goldenen Messer den Bauch auf, zog die Eingeweide heraus und reinigte sie. Und sie brachten die Eingeweide wieder an ihren Platz und von nun an war der Prophet rein, um den Glauben zu verkündigen. Dieses ist eine übermenschliche Reinheit, die vor allem den himmlischen Wesen zukommt. Jedoch auch die Kinder sind rein. Solcherart war die Reinheit, welche die Prophetin zu erzeugen wünschte, als sie den Strahlenkranz bemerkte, der das Haupt des Vaters des Propheten umgab und versuchte, sich mit ihm zu vereinen. Aber der Vater des Propheten vereinigte sich mit seinem Weibe Aminah und der Strahlenkranz verschwand von seiner Stirn und die Prophetin erkannte so, daß Aminah soeben ein reines Wesen empfangen hatte. Ruhm sei Gott, welcher reinigt! Hier, unter der Vorhalle dieses Basars, kann ich ruhen und ich werde die Vorübergehenden grüßen. Hier hocken reiche Tuch- und Juwelenhändler. Hier ist ein Kaftan, der gut tausend Denare wert ist. Ich brauche kein Geld und bin frei wie ein Hund. Ruhm sei Gott! Ich erinnere mich jetzt, da ich im Schatten bin, des Anfangs meiner Rede. Zuerst spreche ich von Gott (es gibt keinen Gott außer Gott), und von unserem heiligen Propheten, der den Glauben offenbarte, denn dies ist der Ursprung aller Gedanken, ob sie dem Munde entquellen oder mit dem Schreibrohr geschrieben sind. Zu zweit betrachte ich die Reinheit, mit der Gott die Heiligen und die Engel begnadet hat. Und drittens denke ich nach über die Reinheit der Kinder. Ich sah vor kurzem eine große Schar Christenkinder, die der Beherrscher der Gläubigen gekauft hat. Ich habe sie auf der großen Landstraße gesehen. Sie liefen wie eine Herde Hammel. Man sagt, daß sie von Ägypten kommen und daß die Schiffer der Franken sie dorthin gebracht haben. Sie waren vom Satan besessen und versuchten, das Meer zu überqueren, um nach Jerusalem zu kommen. Ruhm sei Gott! Er hat nicht erlaubt, daß eine so große Grausamkeit vollendet wurde. Denn die armen Kinder wären unterwegs gestorben, da sie weder Beistand noch Lebensmittel hatten. Sie sind ganz unschuldig. Und als ich sie sah, habe ich mich zur Erde geworfen und mit der Stirn auf den Boden geschlagen und habe den Herrn mit lauter Stimme gelobt. Jetzt will ich erzählen, wie diese Kinder aussahen. Sie waren weiß gekleidet und trugen Kreuze auf ihre Kleider genäht. Sie schienen nicht zu wissen, wo sie sich befanden und schienen nicht traurig zu sein. Ihre Augen sind beständig ins Weite gerichtet. Ich habe eins von ihnen bemerkt, das blind war und von einem kleinen Mädchen an der Hand geführt wurde. Viele haben rotes Haar und grüne Augen. Es sind Franken, die dem Kaiser von Rom gehören. Sie sind irrgläubig und beten den Propheten Jesus an. Der Irrtum dieser Franken ist offenbar. Denn erstens ist es durch die Schriften und Wunder bewiesen, daß es kein Wort gibt außer dem Mohammeds. Weiter erlaubt uns Gott täglich, ihn zu rühmen und unseren Lebensunterhalt zu suchen und er befiehlt seinen Gläubigen, unseren Orden zu beschützen. Auch hat er den Kindern den Scharfblick versagt, denn sie sind ausgezogen aus einem fernen Lande, verführt durch Iblis, und er hat sich nicht offenbart, um sie zu warnen. Und hätten sie nicht das Glück gehabt, in die Hände der Gläubigen zu fallen, so wären sie von den Feueranbetern gefangen genommen und in tiefe Keller eingeschlossen worden. Und diese Verfluchten hätten sie ihrem menschenfressenden, abscheulichen Götzen geopfert. Gelobt sei unser Gott, der alles wohl tut, was er tut und der selbst die beschützt, die nicht an ihn glauben. Gott ist groß! Ich werde jetzt meinen Reis im Laden dieses Goldschmiedes fordern und meine Verachtung des Reichtums verkündigen. Wenn es Gott gefällt, werden alle diese Kinder durch den Glauben gerettet werden.

ERZÄHLUNG DER KLEINEN ALLYS

Ich kann nicht mehr gut laufen, weil wir in einem heißen Lande sind, wohin uns zwei schlechte Männer aus Marseille geführt haben. Und zuerst wurden wir an einem finsteren Tage mitten unter Blitzen auf dem Meere hin und her geschüttelt. Aber mein kleiner Eustachius hatte keine Furcht, denn er sah nichts und ich hielt seine beiden Hände. Ich liebe ihn sehr und bin seinetwegen hierher gekommen. Denn ich weiß nicht, wohin wir gehen. Wir sind schon so lange Zeit fort. Die anderen erzählten uns von der Stadt Jerusalem, die am Ende des Meeres liegt und von unserem Heiland, der dort sei, um uns zu empfangen. Und Eustachius kannte unseren Herrn Jesus gut, aber er wußte nicht, was Jerusalem ist, noch was eine Stadt oder das Meer ist. Er ist fortgegangen, um Stimmen zu gehorchen und er hörte sie in jeder Nacht. Er hörte sie in der Nacht, weil es dann still ist, denn er kann die Nacht nicht vom Tage unterscheiden. Und er fragte mich wegen dieser Stimmen, aber ich konnte ihm nichts sagen. Ich weiß nichts und ich habe nur Kummer Eustachius' wegen. Wir gingen immer mit Nikolaus, Alain und Denis zusammen; aber sie sind auf ein anderes Schiff gestiegen und kein Schiff war mehr da, als die Sonne wieder aufging. Ach, was ist aus ihnen geworden? Wir werden sie wiederfinden, wenn wir bei unserem Heiland ankommen. Das ist noch sehr weit. Man spricht von einem großen König, der uns zu sich kommen läßt und der die Stadt Jerusalem beherrscht. In dieser Gegend ist alles weiß, die Häuser und die Kleider, und das Gesicht der Frauen ist von einem Schleier verhüllt. Der arme Eustachius kann diese Weiße nicht sehen, aber ich erzähle ihm davon, und er freut sich. Denn er sagt, das ist das Zeichen vom Ende. Der Herr Jesus Christus ist weiß. Die kleine Allys ist sehr müde, aber sie hält Eustachius bei der Hand, damit er nicht fällt und sie hat keine Zeit, an ihre Müdigkeit zu denken. Heute abend werden wir uns ausruhen und Allys wird wie immer nahe bei Eustachius schlafen und wenn die Stimmen uns nicht ganz verlassen haben, wird sie versuchen, sie in der hellen Nacht zu hören. Und sie wird Eustachius an der Hand halten bis zum weißen Ende der großen Reise, denn sie muß ihm den Heiland zeigen. Und ganz sicher wird der Heiland Mitleid mit der Geduld Eustachius' haben und wird erlauben, daß Eustachius ihn sieht. Und vielleicht wird dann Eustachius die kleine Allys sehen.

ERZÄHLUNG PAPST GREGORS IX.

Hier ist das mörderische Meer, das so unschuldig und blau erscheint. Seine Falten sind weich und es ist weiß umrandet, wie ein göttliches Kleid. Es ist ein flüssiger Himmel und seine Sterne leben. Ich denke darüber nach, auf diesem Felsenthron, auf den ich mich aus meiner Sänfte tragen ließ. Dieses Meer liegt wirklich inmitten der Länder der Christenheit. Das geweihte Wasser fließt hinein, in dem der Heiland die Sünde wusch. Über sein Gestade beugten sich die Gestalten aller Heiligen und es wiegte ihre durchsichtigen Spiegelbilder. Großes, gesalbtes, geheimnisvolles Meer, das weder Ebbe noch Flut hat, Wiege des Azurs, wie ein flüssiger Edelstein in das Erdenrund gebettet, ich befrage dich mit meinen Augen. O Mittelmeer, gib mir meine Kinder wieder! Warum hast du sie genommen? Ich habe sie nicht gekannt. Ihr frischer Atem hat mein Greisenalter nicht umhaucht. Sie kamen nicht, um mich mit ihren zarten, halbgeöffneten Lippen anzuflehen. Ganz allein, wie kleine Landstreicher voll außerordentlichen, ungestümen Glaubens, eilten sie nach dem gelobten Lande und wurden vernichtet. Von Deutschland und Flandern, von Frankreich, Savoyen und der Lombardei kamen sie zu deinen treulosen Wellen, heiliges Meer, undeutliche Worte der Anbetung murmelnd. Sie zogen bis zur Stadt Marseille. Sie zogen bis zur Stadt Genua. Und du trugst sie auf deinem breiten, schaumgekrönten Rücken in Schiffen davon; und du wandtest dich um und strecktest deine grünen Arme nach ihnen aus und hast sie behalten. Und die anderen hast du verraten, da du sie zu den Ungläubigen führtest; und jetzt seufzen sie als Gefangene der Anbeter Mohammeds in den Palästen des Orients.

Einst ließ dich ein hochmütiger König Asiens mit Ruten peitschen und mit Ketten beladen. O Mittelmeer, wer wird dir verzeihen? Du bist beklagenswert schuldig. Dich klage ich an, dich allein, deine Klarheit ist trügerisch, du bist ein schlechtes Spiegelbild des Himmels. Ich lade dich zur Verantwortung vor den Thron des Höchsten, dem alle geschaffenen Dinge untertan sind. Geweihtes Meer, was hast du an unseren Kindern getan? Hebe zu Ihm dein blaues Antlitz, strecke Ihm deine schaumbedeckten Finger entgegen; lächle dein unendliches purpurnes Lächeln; laß dein Rauschen sprechen und gib Ihm Rechenschaft.

Du bleibst stumm mit allen deinen Mündern, die zu meinen Füßen am Strande ersterben. In meinem Palast zu Rom gibt es eine alte schmucklose Zelle, die das Alter gebleicht hat wie ein Chorhemd. Papst Innocenz pflegte sich dorthin zurückzuziehen. Man behauptet, daß er dort lange Zeit über die Kinder und über ihren Glauben nachgedacht hat und daß er vom Herrn ein Zeichen forderte. Hier, von der Höhe dieses Felsenthrones, in freier Luft, erkläre ich, daß dieser Papst Innocenz selbst den Glauben eines Kindes hatte und daß er vergeblich sein müdes Haupt schüttelte. Ich bin viel älter als Innocenz, ich bin der Älteste aller Statthalter Gottes, die der Herr hier unten eingesetzt hat und ich beginne erst zu begreifen. Gott offenbart sich nicht. Hat er seinem Sohne am Ölberge beigestanden? Gab er ihn nicht preis in seiner höchsten Angst? O kindliche Torheit, seine Hilfe anzuflehen! Alles Übel und jede Versuchung wohnt nur in uns selbst. Er hat vollkommenes Vertrauen in das durch seine Hände geschaffene Werk. Und du hast sein Vertrauen verraten. Göttliches Meer, wundere dich nicht über meine Sprache. Alle Dinge sind gleich vor dem Herrn. Die stolze Vernunft der Menschen gilt nicht mehr im Vergleich mit dem Unendlichen als das kleine leuchtende Auge eines deiner Tiere. Gott gewährt gleiche Gunst dem Sandkorn wie dem Kaiser. Ebenso sündlos wie das Gold unter der Erde reift, denkt der Mönch im Kloster nach. Ein Teil der Welt ist so schuldig wie der andere, wenn sie vom Pfad der Tugend abweichen; denn sie stammen von Ihm. In seinen Augen gibt es weder Steine, noch Pflanzen, noch Tiere, noch Menschen, sondern nur Geschöpfe. Ich sehe all die weißen Köpfe, die deine Wellen krönen und die in dein Wasser tauchen; sie springen nur eine Sekunde in das Licht der Sonne und sie können verdammt oder erlöst sein. Ein sehr hohes Alter verringert den Ehrgeiz und klärt die Religion ab. Ich habe ebensoviel Mitleid mit dieser kleinen Muschel, wie mit mir selbst.

Deshalb klage ich dich an, mörderisches Meer, daß du meine kleinen Kinder verschlungen hast. Denke an den asiatischen König, der dich bestrafte. Aber er war kein hundertjähriger König. Er war nicht alt genug. Er konnte nicht die Dinge des Weltalls verstehen. Ich werde dich daher nicht bestrafen. Denn meine Klage und dein Rauschen würden zu gleicher Zeit vor den Füßen des Höchsten ersterben, wie das Geräusch deiner Tröpfchen zu meinen Füßen. O Mittelmeer, ich verzeihe dir und spreche dich los. Ich gebe dir die heilige Absolution. Ziehe hin und sündige nicht mehr. Ich bin, wie du, schuldig mancher Sünden, die ich nicht kenne. Du beichtest unaufhörlich am Strande mit deinen tausend seufzenden Lippen und ich beichte dir, großes, heiliges Meer, mit meinen welken Lippen. Wir beichten einer dem andern. Sprich mich los und ich spreche dich los. Laß uns zurückkehren zur Unwissenheit und Reinheit. Amen.

Was soll ich auf Erden tun? Ein Sühnedenkmal wird errichtet werden, ein Denkmal für den Glauben, der nicht weiß. Die Zeiten, die nach uns kommen, sollen von unserer Frömmigkeit wissen und nicht verzweifeln. Gott führte die kleinen Kinder, die das Kreuz genommen hatten, durch die heilige Sünde des Meeres zu sich; Unschuldige wurden hingemordet; die Körper der Unschuldigen werden ihre Ruhestätte haben. Sieben Schiffe scheiterten auf dem Riff von Reclus; ich werde auf dieser Insel eine Kirche »Zu den Neuen Unschuldigen Kindlein« erbauen und zwölf Priester einsetzen. Und du, unschuldiges, geweihtes Meer, wirst mir die Körper meiner Kinder wiedergeben; du wirst sie an den Strand der Insel tragen; und die Priester werden sie in den Grüften der Kirche bestatten und über ihnen werden sie ewige Lampen entzünden, in denen geweihte Öle brennen und sie werden den frommen Wallfahrern alle diese kleinen Gebeine zeigen, die hier in der Nacht liegen.

KURT WOLFF VERLAG · LEIPZIG

MAURICE BARRÈS: Der Mord an der Jungfrau. Geheftet M --.80, gebunden M 1.50.

PAUL CLAUDEL: Mittagswende. Drama in drei Akten. Übertragung von Franz Blei. Geheftet M 3.50, Luxusausgabe M 12.--.

PAUL CLAUDEL: Der Tausch. Drama in drei Akten. Übertragung von Franz Blei. Geheftet M 3.--, gebunden M 4.--, Luxusausgabe M 18.--.

GUSTAVE FLAUBERT: In Memoriam. Ein Buch des Andenkens von Caroline Franklin-Grout, Guy de Maupassant, Edmond und Jules de Goncourt und Emile Zola. Herausgegeben und übersetzt von Dr. E. W. Fischer. Einbandzeichnung und Titelholzschnitt von Walter Tiemann. Geheftet M 4.--, Leinenband M 5.--.

FRANCIS JAMMES: Gebete der Demut. Geheftet M --.80, gebunden M 1.50.

DIE GESCHICHTE DES ZAUBERERS MERLIN. Aus dem Altfranzösischen übertragen v. Dorothea Schlegel. In Bukramleinen M 4.--.

GEORGES RODENBACH: Das tote Brügge. Roman. Deutsch von F. v. Oppeln-Bronikowski. _Zweite Aufl._ Gebunden M 3.--.

AUGUSTE RODIN: Die Kunst. Mit 70 Bildertafeln. Ausstattung von Walter Tiemann. _Neue Volksausgabe._ Gebunden M 5.--.

J. J. ROUSSEAU: Der Dorfwahrsager. Ein Singspiel. Geheftet M --.80.