Part 1
Produced by Jens Sadowski
MARCEL SCHWOB
DER KINDERKREUZZUG
1914 KURT WOLFF VERLAG · LEIPZIG
Dies Buch wurde gedruckt im Februar 1914 als sechzehnter Band der Bücherei »Der jüngste Tag« bei Poeschel & Trepte in Leipzig
Berechtigte Übertragung von Arthur Seiffhart Copyright by Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1914
Circa idem tempus pueri sine rectore sine duce de universis omnium regionum villis et civitatibus versus transmarinas partes avidis gressibus cucurrerunt et dum quaereretur ab ipsis quo currerent, responderunt: Versus Jherusalem, quaerere terram sanctam. . . . Adhuc quo devenerint ignoratur. Sed plurimi redierunt, a quibus dum quaereretur causa cursus, dixerunt se nescire. Nudae etiam mulieres circa idem tempus nihil loquentes per villas et civitates cucurrerunt. . . .
ERZÄHLUNG DES GOLIARD
Ich armseliger Goliard, elender Pfaff, der ich in den Wäldern und auf den Landstraßen umherstreife, um im Namen unseres Heilandes mein tägliches Brot zu erbetteln, ich habe ein frommes Schauspiel gesehen und die Worte der kleinen Kinder gehört. Ich weiß, mein Leben ist nicht sehr heilig und ich habe den Versuchungen unter den Linden am Wege nicht widerstanden. Die Brüder, die mir Wein geben, sehen wohl, daß ich kaum gewöhnt bin, ihn zu trinken. Aber ich gehöre nicht zur Sekte derer, die verstümmeln. Es gibt böse Menschen, die den Kleinen die Augen ausstechen, ihnen die Beine absägen und die Hände binden, um sie auszustellen und Mitleid mit ihnen zu erwecken. Und deshalb habe ich Furcht, wenn ich alle diese Kinder sehe. Sicher wird sie unser Heiland beschützen. Ich rede in den Tag hinein, denn Freude erfüllt mich. Ich freue mich über den Frühling und über alles, was ich gesehen habe. Mein Geist ist nicht sehr stark. Ich erhielt die Tonsur, als ich zehn Jahre alt war und habe die lateinischen Worte vergessen. Ich bin wie die Heuschrecke; denn ich springe hierhin und dorthin und summe, und manchmal öffne ich bunte Flügel, und mein kleiner Kopf ist durchsichtig und leer. Man sagt, daß St. Johannes sich in der Wüste von Heuschrecken nährte. Man müßte viel davon essen. Aber St. Johannes war nicht ein Mensch wie wir.
Ich bewundere St. Johannes, denn er irrte umher und redete ohne Unterlaß. Mir scheint, seine Worte hätten milder sein sollen. Auch der Frühling ist mild in diesem Jahr. Niemals hat es so viele weiße und rote Blumen gegeben. Die Wiesen sind frisch gewaschen. Überall auf den Hecken glänzt das Blut unseres Heilandes. Unser Herr Jesus ist weiß wie eine Lilie, aber sein Blut ist rot. Warum? Ich weiß nicht. Auf irgendeinem Pergament muß es geschrieben stehen. Wenn ich Schreiben gelernt hätte, würde ich Pergament haben und würde darauf schreiben. Dann könnte ich jeden Abend sehr gut essen. Ich ginge in die Klöster und betete für die toten Brüder und schriebe ihre Namen auf meine Rolle. Ich würde meine Totenrolle von einer Abtei zur anderen tragen. Das ist etwas, was unseren Brüdern gefällt. Aber ich kenne die Namen meiner toten Brüder nicht; vielleicht sorgt sich unser Heiland auch nicht darum, sie zu erfahren. Mir schien, als ob alle diese Kinder keine Namen hätten. Und es ist sicher, daß unser Herr Jesus sie liebt. Sie erfüllten die Landstraße wie ein Schwarm weißer Bienen. Ich weiß nicht, woher sie kamen. Es waren ganz kleine Pilger. Als Pilgerstäbe hatten sie Hasel- und Birkenstöcke. Auf den Schultern trugen sie das Kreuz; und alle diese Kreuze hatten andere Farben. Ich sah grüne, die wohl aus aufgenähten Blättern gemacht waren. Es sind wilde, unwissende Kinder, Ich weiß nicht, wohin sie irren. Sie glauben an Jerusalem. Ich denke, Jerusalem muß weit sein und unser Heiland muß näher bei uns sein. Sie werden nicht nach Jerusalem kommen. Aber Jerusalem wird zu ihnen kommen. Wie zu mir auch. Das Ziel aller heiligen Dinge liegt in der Freude. Unser Heiland ist hier, auf diesem Rotdorn, auf meinem Munde und in meiner armen Rede. Denn ich denke an ihn, und seine Grabstätte ist in meinen Gedanken. Amen. Ich will hier in der Sonne schlafen gehen. Dies ist eine heilige Stätte. Die Füße unseres Heilandes haben alle Orte geheiligt. Ich will schlafen. Jesus, laß am Abend alle diese kleinen weißen Kinder schlafen, die das Kreuz tragen. Wahrhaftig, ich sage es ihm. Ich bin sehr schläfrig. Ich sage es ihm wirklich, denn vielleicht hat er sie gar nicht gesehen und er muß doch über die kleinen Kinder wachen. Die Mittagsstunde drückt auf mich. Alle Dinge sind weiß. Amen.
ERZÄHLUNG DES AUSSÄTZIGEN
Wenn ihr verstehen wollt, was ich euch erzählen werde, so wisset zuvor, daß mein Haupt von einer weißen Kapuze umhüllt ist und daß ich eine Klapper aus hartem Holze schwinge. Ich weiß nicht mehr, wie mein Gesicht aussieht, aber ich fürchte mich vor meinen Händen; sie laufen vor mir her wie schuppige, fahle Tiere. Ich möchte sie abschneiden. Ich schäme mich vor dem, was sie berühren. Mir ist, als ob sie die roten Früchte, die ich pflücke, absterben lassen, und die armseligen Wurzeln, die ich ausreiße, scheinen welk zu werden unter ihrem Griff. _Domine ceterorum libera me!_ Der Heiland hat nicht meine bleiche Sünde gesühnt. Ich bin vergessen bis zur Auferstehung. Wie die Kröte, die beim kalten Licht des Mondes in einen dunklen Stein eingeschlossen wird, so werde ich in meiner scheußlichen Höhle eingeschlossen bleiben, wenn die anderen mit ihrem lichten Körper auferstehen. _Domine ceterorum fac me liberum, leprosus sum!_ Ich bin einsam und mir graust. Meine Zähne allein haben ihre natürliche Weiße bewahrt. Die Tiere haben Furcht vor mir und meine Seele möchte fliehen. Der Tag stiehlt sich von mir weg. Zwölfhundert und zwölf Jahre ist es her, daß der Heiland sie erlöst hat, und mit mir hat er kein Mitleid gehabt. Ich wurde nicht berührt mit dem blutigen Speer, der ihn durchbohrt hat. Das Blut des Heilandes der anderen hätte mich vielleicht geheilt. Ich denke oft an Blut; mit meinen Zähnen könnte ich beißen; sie sind unversehrt. Da Er es mir nicht geben wollte, so habe ich die Gier, den zu packen, der Ihm gehört. Deshalb lauerte ich den Kindern auf, die von der Vendôme nach diesem Walde der Loire herabkamen. Sie trugen Kreuze und waren Ihm ergeben. Ihre Körper waren Sein Körper, und er hat mich nicht eines Körpers teilhaftig werden lassen. Ich bin auf Erden von einer bleichen Verdammnis umgeben. Ich habe mich auf die Lauer gelegt, um aus dem Halse eines seiner Kinder unschuldiges Blut zu saugen. _Et caro nova fiet in die irae._ Am jüngsten Tage werde ich einen neuen Leib bekommen.
Und hinter den anderen ging ein frisches Kind mit rotem Haar. Ich faßte es ins Auge und sprang plötzlich hervor; ich ergriff seinen Mund mit meinen scheußlichen Händen. Es war nur mit einem härenen Hemde bekleidet; seine Füße waren bloß und seine Augen blieben sanft. Und es betrachtete mich ohne Erstaunen. Als ich bemerkte, daß es nicht schreien würde, ergriff mich der Wunsch, einmal eine menschliche Stimme zu hören. Ich zog meine Hände von seinem Munde zurück, und es wischte sich nicht seinen Mund ab. Und seine Augen schienen anderweit zu weilen.
»Wer bist du?« fragte ich.
»Johannes der Deutsche«, antwortete das Kind. Und seine Worte klangen hell und wohltuend.
»Wo gehst du hin?« fragte ich weiter.
Und das Kind antwortete: »Nach Jerusalem, das heilige Land zu erobern!«
Ich lachte und fragte: »Wo liegt Jerusalem?«
Und das Kind antwortete: »Ich weiß nicht.«
Und ich fragte weiter: »Was ist Jerusalem?«
Und das Kind antwortete: »Es ist unser Heiland!«
Da begann ich von neuem zu lachen, und ich fragte: »Wie ist dein Heiland?«
Und das Kind antwortete: »Ich weiß nicht; er ist weiß!«
Und dieses Wort brachte mich in Wut und unter meiner Kapuze öffnete ich meine Zähne und beugte mich zu seinem frischen Halse. Das Kind aber wich nicht zurück und ich sprach zu ihm: »Warum hast du keine Furcht vor mir?«
Und das Kind sagte: »Warum sollte ich Furcht vor dir haben, weißer Mann?«
Da brach ich in Tränen aus, und ich warf mich auf den Boden und ich küßte die Erde mit meinen scheußlichen Lippen und schrie:
»Weil ich aussätzig bin!«
Und das deutsche Kind betrachtete mich und sprach mit heller Stimme: »Ich weiß nicht.«
Es hatte keine Furcht vor mir! Es hatte keine Furcht vor mir! Meine gräßliche Weiße galt ihm gleich der seines Heilandes. Und ich nahm eine Handvoll Gras und wischte seinen Mund und seine Hände ab. Und ich sprach zu ihm: »Zieh' in Frieden zu deinem weißen Heiland und sage ihm, daß er mich vergessen hat.«
Und das Kind betrachtete mich, ohne etwas zu sagen. Ich habe es begleitet, bis es aus der Finsternis dieses Waldes heraus war. Es wanderte, ohne zu zittern. Weit hinten im Sonnenschein sah ich sein rotes Haar verschwinden. _Domine infantium, libera me!_ O, daß der Ton meiner Holzklapper bis zu Dir dringe, wie der reine Klang der Glocken. Herr derer, die nicht wissen, erlöse mich!
ERZÄHLUNG DES PAPSTES INNOCENZ III.
Weit vom Weihrauch und den Meßgewändern kann ich sehr leicht mit Gott reden in dieser schmucklosen Kammer meines Palastes. Hierher komme ich, um an mein Alter zu denken, ohne daß mir die Arme gestützt werden. Während der Messe erhebt sich mein Herz, und mein Körper strafft sich; das Funkeln des geweihten Weines erfüllt meine Augen, und mein Geist ist gesalbt mit den kostbaren Ölen; aber an diesem einsamen Ort meiner Kirche darf ich mich unter meiner irdischen Ermüdung beugen. _Ecce homo!_ Denn durch den Prunk der Hirtenbriefe und Bullen kann die Stimme seiner Priester wahrlich nicht bis zum Herrn dringen und sicherlich gefallen ihm weder Purpur, noch Kleinodien, noch Bilder; aber in dieser kleinen Zelle hat er vielleicht Mitleid mit meinem unvollkommenen Gestammel. O Herr, ich bin sehr alt, sieh mich hier weißgekleidet vor Dir. Mein Name ist Innocenz, und Du weißt, daß ich nichts weiß. Verzeihe mir mein Papsttum, denn es ist eingesetzt worden, und ich erdulde es. Nicht ich habe seine Ehrungen befohlen. Ich sehe Deine Sonne lieber durch diese runde Scheibe, als in dem prächtigen Widerschein meiner Kirchenfenster. Laß mich seufzen wie andere Greise und Dir dieses bleiche, gefurchte Antlitz zuwenden, das ich mühsam aus den Wogen der ewigen Nacht erhebe. Die Ringe gleiten von meinen dürren Fingern, so wie die letzten Tage meines Lebens dahingleiten.
Mein Gott! Ich bin Dein Stellvertreter hier, und ich strecke Dir meine hohle Hand entgegen, voll des reinen Weines Deines Glaubens. Es gibt große Verbrechen. Es gibt sehr große Verbrechen. Wir können von ihnen lossprechen. Es gibt große Ketzereien. Es gibt sehr große Ketzereien. Wir müssen sie unerbittlich bestrafen. In dieser Stunde, da ich vor Dir kniee, weiß, in dieser weißen, schmucklosen Zelle, leide ich, o Herr, unter einer großen Angst, denn ich weiß nicht, ob Richten über Verbrechen und Ketzereien zu meinem prunkhaften Papsttum gehört oder in diese, durch einen kleinen Lichtkreis erhellte Zelle, in der ein alter Mann schlicht die Hände faltet. Und ich bin auch unruhig wegen deiner Grabstätte; sie ist immer noch von Ungläubigen umgeben. Man hat sie ihnen noch nicht abnehmen können. Niemand hat Dein Kreuz nach dem Heiligen Lande getragen. Wir sind in Untätigkeit versunken. Die Ritter haben ihre Waffen niedergelegt und die Könige können nicht mehr befehlen. Und ich, Herr, klage mich an und schlage gegen meine Brust: ich bin zu schwach und zu alt.
Jetzt, Herr, höre auf dies zitternde Flüstern, das aus dieser kleinen Zelle meiner Kirche zu Dir dringt und rate mir. Seltsame Nachrichten haben mir meine Diener gebracht, von Flandern und Deutschland bis zu den Städten Marseille und Genua. Unbekannte Sekten entstehen. Durch die Städte hat man nackte Frauen laufen sehen, die nicht redeten. Diese stummen schamlosen Weiber zeigten empor zum Himmel. Mehrere Wahnsinnige haben auf den Märkten den nahen Untergang gepredigt. Die Einsiedler und umherziehenden Mönche sind voller Aufregung. Und mehr als siebentausend Kinder sind, ich weiß nicht durch welche Zauberei, aus den Häusern gelockt worden. Siebentausend befinden sich auf der Landstraße und tragen das Kreuz und den Pilgerstab. Sie haben nichts zu essen; sie haben keine Waffen, sie sind unfähig und machen uns Schande. Sie verstehen nichts von jeder wirklichen Religion. Meine Diener haben sie befragt. Sie antworten, daß sie nach Jerusalem gehen, um das Heilige Land zu erobern. Meine Diener haben ihnen gesagt, daß sie nicht über das Meer kommen würden. Sie antworteten, das Meer würde sich teilen und austrocknen, um sie hindurchzulassen. Die guten Eltern, die fromm und klug sind, bemühen sich, sie zurückzuhalten. Sie aber zerbrechen die Riegel bei Nacht und übersteigen die Mauern. Viele sind Söhne von Adligen und Kurtisanen. Es ist ein Jammer. Herr, alle diese Unschuldigen werden dem Schiffbruch und den Anbetern Mohammeds preisgegeben. Ich sehe, wie der Sultan von Bagdad von seinem Palast aus nach ihnen späht. Ich zittre davor, daß die Seeleute sich ihrer Leiber bemächtigen, um sie zu verkaufen.
Herr, erlaube mir, mit Dir zu reden nach den Geboten der Religion. Dieser Kreuzzug der Kinder ist kein frommes Werk. Mit ihm kann man nicht das heilige Grab für die Christenheit gewinnen. Er vermehrt die Zahl der Landstreicher, die an der Grenze des erlaubten Glaubens herumirren. Unsere Priester können ihn nicht beschützen. Wir müssen glauben, daß diese armen Geschöpfe vom Bösen besessen sind. Sie laufen herdenweise auf den Abgrund zu wie die Säue im Gebirge. Wie du weißt, Herr, bemächtigt sich der Böse gern der Kinder. Einst erschien er in Gestalt eines Rattenfängers und lockte mit dem Klange seiner Pfeife alle Kleinen aus der Stadt Hameln. Wie manche erzählen, ertranken alle diese Unglücklichen im Weserfluß; andere behaupten, daß er sie im Innern eines Berges einschloß. Du mußt befürchten, daß Satan alle unsere Kinder den Martern derer entgegenführt, die nicht unseren Glauben haben. Herr, du weißt, daß es nicht gut ist, wenn der Glauben sich neugestaltet. Sobald er im feurigen Dornbusch erschien, ließest Du ihn im Tabernakel einschließen. Und als er Deinen Lippen auf Golgatha entfloh, befahlst Du, daß er in den Kelch und die Monstranz eingeschlossen werde. Diese kleinen Propheten werden das Gebäude Deiner Kirche erschüttern. Das muß ihnen verboten werden. Willst Du die empfangen, die nicht wissen, was sie tun, ohne Rücksicht auf Deine Geweihten, die in Deinem Dienst ihre Chorhemden und Stolen trugen, die den schweren Versuchungen widerstanden, um Dich zu gewinnen? Wir müssen die Kindlein zu Dir kommen lassen, aber auf dem Wege Deines Glaubens. Herr, ich spreche mit Dir nach Deinen Geboten. Diese Kinder werden umkommen. Laß es nicht geschehen, daß unter Innocenz ein neues Blutbad unter den Unschuldigen stattfindet.
Vergib mir jetzt, mein Gott, daß ich unter der Tiara Dich um Rat gefragt habe. Mich ergreift die Greisenschwäche. Betrachte meine armen Hände . . Ich bin ein sehr alter Mann. Mein Glaube ist nicht wie der der ganz Kleinen. Das Gold dieser Zellenwände ist durch die Zeit verblichen; sie sind weiß. Der Schein Deiner Sonne ist weiß. Auch mein Kleid ist weiß, und mein verdorrtes Herz ist rein. Ich habe nach Deinem Gebot gesprochen. Es gibt Verbrechen. Es gibt sehr große Verbrechen. Es gibt Ketzereien. Es gibt sehr große Ketzereien. Mein Haupt zittert vor Schwäche: vielleicht darf man weder strafen noch lossprechen. Das vergangene Leben macht uns in unseren Entschlüssen schwanken. Ich habe nie ein Wunder gesehen. Erleuchte mich. Ist dieses ein Wunder? Welch Zeichen hast Du ihnen gegeben. Ist die Zeit gekommen? Willst Du, daß ein sehr alter Mann, wie ich, gleich sei in seiner Weiße Deinen kleinen arglosen Kindern? Siebentausend! Wenn auch ihr Glaube unwissend ist, willst Du die Unwissenheit von siebentausend Unschuldigen bestrafen? Auch ich werde Innocenz, der Unschuldige, genannt. Herr, ich bin unschuldig wie sie. Bestrafe mich nicht in meinem hohen Alter. Die langen Jahre meines Lebens haben mich gelehrt, daß diese Herde von Kindern keinen Erfolg haben kann. Ist dies dennoch ein Wunder, Herr? Meine Zelle bleibt friedlich, wie bei anderen Andachten. Ich weiß, es ist nicht nötig, Dich anzuflehen, damit Du Dich offenbarst. Aber ich flehe zu Dir von der Höhe meines Greisenalters, von der Höhe Deines Papsttums. Belehre mich, denn ich weiß nicht. O Herr, es sind Deine kleinen Unschuldigen. Und ich, Innocenz, ich weiß nicht, ich weiß nicht.
ERZÄHLUNG DREIER KLEINER KINDER
Wir drei, Nikolaus, der nicht sprechen kann, Alain und Denis, sind hinausgezogen auf die Landstraßen, um nach Jerusalem zu ziehen. Schon lange laufen wir. Weiße Stimmen riefen uns in der Nacht. Sie riefen alle kleinen Kinder. Sie waren wie die Stimmen der Vögel, die im Winter starben. Und zuerst haben wir viele arme Vögel gesehen, die ausgestreckt auf dem gefrorenen Erdboden lagen, viele kleine Vögel mit roten Kehlen. Dann haben wir die ersten Blumen und die ersten Blätter gesehen und wir haben daraus Kreuze geflochten. Wir haben vor den Dörfern gesungen, wie wir es sonst immer zum neuen Jahre taten. Und alle Kinder kamen zu uns gelaufen. Und wir sind weitergezogen wie eine Herde. Da waren Männer, die uns fluchten, weil sie nicht den Heiland kannten. Frauen gab es, die uns am Arme festhielten und uns ausfragten und unsere Gesichter mit Küssen bedeckten. Und es gab auch gute Seelen, die uns Holznäpfe mit warmer Milch und Früchte brachten. Und alle Leute hatten Mitleid mit uns. Denn sie wissen nicht, wohin wir gehen und sie haben die Stimmen nicht gehört.
Auf der Erde gibt es dichte Wälder und Flüsse und Gebirge und Wege voller Dornen. Und am Ende der Erde ist das Meer, über das wir bald fahren werden. Und am Ende des Meeres liegt Jerusalem. Wir haben weder Führer noch Wegweiser. Nikolaus läuft wie wir, Alain und Denis, obwohl er nicht sprechen kann, und alle Länder sind gleich und gleich gefährlich für Kinder. Überall gibt es dichte Wälder und Flüsse und Gebirge und Dornen. Aber überall werden die Stimmen mit uns sein. -- Bei uns ist ein Kind, das Eustachius heißt; es ist blind geboren. Es hält die Arme immer ausgebreitet und lächelt. Wir sehen nicht mehr als er. Ein kleines Mädchen führt ihn und trägt sein Kreuz. Sie heißt Allys. Sie spricht niemals und weint niemals. Sie richtet ihre Augen immer auf die Füße Eustachius', um ihn zu halten, wenn er strauchelt. Wir lieben alle beide. Eustachius wird die heiligen Lampen des Grabes nie sehen können. Aber Allys wird seine Hände nehmen, um mit ihnen die Steine des Grabes zu berühren.
O, wie schön sind die Dinge auf der Erde. Wir erinnern uns an nichts, weil wir nie etwas gelernt haben. Doch wir haben alte Bäume und rote Felsen gesehen. Manchmal gehen wir lange durch die Finsternis. Manchmal laufen wir bis zum Abend über helle Wiesen. Wir haben Jesu Namen in Nikolaus' Ohren gerufen, so daß er ihn gut kennt. Aber er kann ihn nicht nennen. Er freut sich mit uns über das, was wir sehen. Denn seine Lippen können sich zum Lachen öffnen und er streichelt unsere Schultern. Und so sind sie gar nicht unglücklich; denn Allys wacht über Eustachius und wir, Alain und Denis, wachen über Nikolaus.
Man sagte uns, daß wir in den Wäldern Menschenfresser und Werwölfe treffen würden. Das sind Lügen. Niemand hat uns erschreckt; niemand hat uns ein Leid getan. Die Einsiedler und die Kranken kommen, uns zu sehen, und die alten Frauen zünden für uns Lichter in den Hütten an. Man läßt für uns die Kirchenglocken läuten. Die Bauern erheben sich von den Äckern, um uns zu erspähen. Auch die Tiere betrachten uns und laufen nicht fort. Und seit wir unterwegs sind, ist die Sonne wärmer geworden und wir pflücken nicht mehr dieselben Blumen. Aber alle Stengel lassen sich in derselben Form flechten und unsere Kreuze sind immer frisch. So ist unsere Hoffnung groß und bald werden wir das blaue Meer sehen. Und am Ende des blauen Meeres liegt Jerusalem. Und der Heiland wird alle kleinen Kinder zu seinem Grabe kommen lassen und die weißen Stimmen in der Nacht werden fröhlich sein.
ERZÄHLUNG DES SCHREIBERS FRANÇOIS LONGUEJOUE
Heute, am fünfzehnten Tage des Monats September, im Jahre zwölfhundertundzwölf nach der Fleischwerdung unseres Herrn, sind in die Kanzlei meines Herrn Hugues Ferré mehrere Kinder gekommen, die verlangen, über das Meer zu fahren, um das heilige Grab aufzusuchen. Und weil genannter Ferré nicht genug Handelsschiffe im Hafen von Marseille hat, so hat er angeordnet, daß ich Meister Guillaume Porc bitte, er solle die Anzahl vervollständigen. Die Meister Hugues Ferré und Guillaume Porc werden um unseres Heilandes Jesu Christi willen die Schiffe bis zum heiligen Lande führen. Es sind augenblicklich um die Stadt Marseille mehr als siebentausend Kinder versammelt, von denen einige welsche Sprachen reden. Die Ratsherren fürchteten mit Recht den Ausbruch einer Hungersnot und haben sich im Rathause versammelt, wohin sie nach geschehener Beratung unsere obengenannten Meister befohlen haben, um sie zu ermahnen und dringend zu bitten, eilends die Schiffe zu schicken. Das Meer ist jetzt wegen der Tag- und Nachtgleiche sehr bewegt, aber es ist zu bedenken, daß ein so großer Zustrom für unsere gute Stadt sehr gefährlich werden kann, um so mehr, als alle diese Kinder durch die Länge des Weges ausgehungert sind und nicht wissen, was sie tun. Ich habe es den Seeleuten im Hafen bekannt gegeben und die Schiffe bemannen lassen. Zur Vesperstunde wird man sie ins Wasser ziehen können. Das Kinderheer ist nicht in der Stadt, sondern alle laufen am Strande herum und sammeln Muscheln als Abzeichen für die Reise und man sagt, daß sie sich über die Seesterne wundern und denken, sie seien lebend vom Himmel gefallen, um ihnen den Weg zum Heiland zu weisen. Das ist, was ich über dieses außergewöhnliche Ereignis zu sagen habe: erstens, daß es wünschenswert ist, daß Meister Hugues Ferré und Guillaume Porc schnell diese fremde, unruhige Menge aus unserer Stadt führen; zweitens, daß der Winter sehr hart war, wodurch die Erde in diesem Jahr arm ist, was die Herren Kaufleute genau wissen; drittens, daß die Kirche gar nicht von der Absicht dieser vom Norden kommenden Herde unterrichtet war, und daß sie sich nicht um die Torheit einer kindischen Schar _(turba infantium)_ kümmern wird. Und man muß Meister Hugues Ferré und Guillaume Porc loben wegen der Liebe, mit der sie unserer guten Stadt zugetan sind, wie auch wegen der Ergebenheit für unseren Heiland, indem sie ihre Schiffe schicken und sie begleiten zu dieser Zeit der Tag- und Nachtgleiche und trotz der großen Gefahr, durch die Ungläubigen angegriffen zu werden, die auf ihren Feluken von Algier und Bugia aus Seeräuberei auf unserem Meer treiben.
ERZÄHLUNG DES KALANDARS