Der Kaufmann von Venedig

Chapter 5

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(Nerissa tritt auf, als Schreiber eines Advokaten gekleidet.)

Doge. Kommt Ihr von Padua, von Bellario?

Nerissa. Von beiden, Herr; Bellario grüßt Eur Hoheit.

(Sie überreicht einen Brief.)

Bassanio. Was wetzest du so eifrig da dein Messer?

Shylock. Die Buß dem Bankrottierer auszuschneiden.

Graziano. An deiner Seel, an deiner Sohle nicht, Machst du dein Messer scharf, du harter Jude! Doch kein Metall, selbst nicht des Henkers Beil, Hat halb die Schärfe deines scharfen Grolls. So können keine Bitten dich durchdringen?

Shylock. Nein, keine, die du Witz zu machen hast.

Graziano. O sei verdammt, du unbarmherzger Hund! Und um dein Leben sei Gerechtigkeit verklagt. Du machst mich irre fast in meinem Glauben, Daß ich es halte mit Pythagoras, Wie Tieresseelen in die Leiber sich Von Menschen stecken; einen Wolf regierte Dein hündscher Geist, der, aufgehenkt für Mord, Die grimme Seele weg vom Galgen riß Und, weil du lagst in deiner schnöden Mutter, In dich hineinfuhr; denn dein ganz Begehren Ist wölfisch, blutig, räuberisch und hungrig.

Shylock. Bis du von meinem Schein das Siegel wegschiltst, Tust du mit Schrein nur deiner Lunge weh. Stell deinen Witz her, guter junger Mensch, Sonst fällt er rettungslos in Trümmern dir. Ich stehe hier um Recht.

Doge. Der Brief da von Bellarios Hand empfiehlt Uns einen jungen und gelehrten Doktor.-- Wo ist er denn?

Nerissa. Er wartet dicht bei an Auf Antwort, ob Ihr Zutritt ihm vergönnt.

Doge. Von ganzem Herzen! Geht ein paar von euch Und gebt ihm höfliches Geleit hieher. Hör das Gericht indes Bellarios Brief.

Ein Schreiber (liest). "Eur Hoheit dient zur Nachricht, daß ich beim Empfange Eures Briefes sehr krank war. Aber in dem Augenblick, da Euer Bote ankam, war bei mir auf einen freundschaftlichen Besuch ein junger Doktor von Rom, namens Balthasar. Ich machte ihn mit dem streitigen Handel zwischen dem Juden und dem Kaufmann Antonio bekannt; wir schlugen viele Bücher nach. Er ist von meiner Meinung unterrichtet, die er, berichtigt durch seine eigne Gelehrsamkeit (deren Umfang ich nicht genug empfehlen kann), mitgenommen hat, um auf mein Andringen Euer Hoheit an meiner Statt Genüge zu leisten. Ich ersuche Euch, laßt seinen Mangel an Jahren keinen Grund sein, ihm eine anständige Achtung zu versagen; denn ich kannte noch niemals einen so jungen Körper mit einem so alten Kopf. Ich überlasse ihn Eurer gnädigen Aufnahme; seine Prüfung wird ihn am besten empfehlen."

Doge. Ihr hört, was der gelehrte Mann uns schreibt, Und hier, so glaub ich, kommt der Doktor schon.

(Porzia tritt auf, wie ein Rechtsgelehrter gekleidet.)

Gebt mir die Hand; Ihr kommt von unserm alten Bellario?

Porzia. Zu dienen, gnädger Herr!

Doge. Ihr seid willkommen! nehmet Euren Platz. Seid Ihr schon mit der Zwistigkeit bekannt, Die hier vor dem Gericht verhandelt wird?

Porzia. Ich bin ganz unterrichtet von der Sache. Wer ist der Kaufmann hier und wer der Jude?

Doge. Antonio, alter Shylock, tretet vor!

Porzia. Eur Nam ist Shylock?

Shylock. Shylock ist mein Name.

Porzia. Von wunderlicher Art ist Euer Handel, Doch in der Form, daß das Gesetz Venedigs Euch nicht anfechten kann, wie Ihr verfahrt.-- Ihr seid von ihm gefährdet; seid Ihr nicht?

Antonio. Ja, wie er sagt.

Porzia. Den Schein erkennt Ihr an?

Antonio. Ja.

Porzia. So muß der Jude Gnad ergehen lassen.

Shylock. Wodurch genötigt, muß ich? Sagt mir das.

Porzia. Die Art der Gnade weiß von keinem Zwang. Sie träufelt wie des Himmels milder Regen Zur Erde unter ihr; zwiefach gesegnet: Sie segnet den, der gibt, und den, der nimmt; Am mächtigsten in Mächtgen, zieret sie Den Fürsten auf dem Thron mehr als die Krone. Das Zepter zeigt die weltliche Gewalt, Das Attribut der Würd und Majestät, Worin die Furcht und Scheu der Könge sitzt. Doch Gnad ist über diese Zeptermacht, Sie thronet in dem Herzen der Monarchen, Sie ist ein Attribut der Gottheit selbst, Und irdsche Macht kommt göttlicher am nächsten, Wenn Gnade bei dem Recht steht. Darum, Jude, Suchst du um Recht schon an, erwäge dies: Daß nach dem Lauf des Rechtes unser keiner Zum Heile käm; wir beten all um Gnade, Und dies Gebet muß uns der Gnade Taten Auch üben lehren. Dies hab ich gesagt, Um deine Forderung des Rechts zu mildern; Wenn du darauf bestehst, so muß Venedigs Gestrenger Hof durchaus dem Kaufmann dort Zum Nachteil einen Spruch tun.

Shylock. Meine Taten Auf meinen Kopf! Ich fordre das Gesetz, Die Buße und Verpfändung meines Scheins.

Porzia. Ist er das Geld zu zahlen nicht imstand?

Bassanio. O ja, hier biet ich's ihm vor dem Gericht, Ja, doppelt selbst; wenn das noch nicht genügt, Verpflicht ich mich, es zehnfach zu bezahlen, Und setze Hände, Kopf und Herz zum Pfand. Wenn dies noch nicht genügt, so zeigt sich's klar, Die Bosheit drückt die Redlichkeit. Ich bitt Euch, Beugt einmal das Gesetz nach Eurem Ansehn: Tut kleines Unrecht um ein großes Recht Und wehrt dem argen Teufel seinen Willen.

Porzia. Es darf nicht sein. Kein Ansehn in Venedig Vermag ein gültiges Gesetz zu ändern. Es würde als ein Vorgang angeführt, Und mancher Fehltritt nach demselben Beispiel Griff' um sich in dem Staat; es kann nicht sein.

Shylock. Ein Daniel kommt zu richten, ja, ein Daniel! Wie ich dich ehr, o weiser junger Richter!

Porzia. Ich bitte, gebt zum Ansehn mir den Schein.

Shylock. Hier ist er, mein ehrwürdger Doktor, hier!

Porzia. Shylock, man bietet dreifach dir dein Geld.

Shylock. Ein Eid! Ein Eid! ich hab 'nen Eid im Himmel. Soll ich auf meine Seele Meineid laden? Nicht um Venedig.

Porzia. Gut, er ist verfallen, Und nach den Rechten kann der Jud hierauf Verlangen ein Pfund Fleisch, zunächst am Herzen Des Kaufmanns auszuschneiden.--Sei barmherzig! Nimm dreifach Geld, laß mich den Schein zerreißen.

Shylock. Wenn er bezahlt ist, wie sein Inhalt lautet.-- Es zeigt sich klar, Ihr seid ein würdger Richter; Ihr kennt die Rechte, Euer Vortrag war Der bündigste; ich fordr Euch auf beim Recht, Wovon Ihr ein verdienter Pfeiler seid, Kommt nun zum Spruch; bei meiner Seele schwör ich, Daß keines Menschen Zunge über mich Gewalt hat; ich steh hier auf meinen Schein.

Antonio. Von ganzem Herzen bitt ich das Gericht, Den Spruch zu tun.

Porzia. Nun wohl, so steht es denn! Bereitet Euren Busen für sein Messer.

Shylock. O weiser Richter! wackrer junger Mann.

Porzia. Denn des Gesetzes Inhalt und Bescheid Hat volle Übereinkunft mit der Buße, Die hier im Schein als schuldig wird erkannt.

Shylock. Sehr wahr; o weiser und gerechter Richter! Um wieviel älter bist du, als du aussiehst!

Porzia. Deshalb entblößt den Busen.

Shylock. Ja, die Brust, So sagt der Schein--nicht wahr, mein edler Richter? "Zunächst dem Herzen", sind die eignen Worte.

Porzia. So ist's. Ist eine Waage da, das Fleisch Zu wägen?

Shylock. Ja, ich hab sie bei der Hand.

Porzia. Nehmt einen Feldscher, Shylock, für Eur Geld, Ihn zu verbinden, daß er nicht verblutet.

Shylock. Ist das so angegeben in dem Schein?

Porzia. Es steht nicht da; allein was tut's? Es wär Doch gut, Ihr tätet das aus Menschenliebe.

Shylock. Ich kann's nicht finden, 's ist nicht in dem Schein.

Porzia. Kommt, Kaufmann! habt Ihr irgend was zu sagen?

Antonio. Nur wenig; ich bin fertig und gerüstet. Gebt mir die Hand, Bassanio, lebet wohl! Es kränk Euch nicht, daß dies für Euch mich trifft, Denn hierin zeigt das Glück sich gütiger Als seine Weis ist; immer läßt es sonst Elende ihren Reichtum überleben, Mit hohlem Aug und faltger Stirn ein Alter Der Armut anzusehn; von solcher Schmach Langwier'ger Buße nimmt es mich hinweg. Empfehlt mich Eurem edlen Weib, erzählt Ihr Den Hergang von Antonios Ende; sagt, Wie ich Euch liebte; rühmt im Tode mich; Und wenn Ihr's auserzählt, heißt sie entscheiden, Ob nicht Bassanio einst geliebt ist worden. Bereut nicht daß Ihr einen Freund verliert Und er bereut nicht, daß er für Euch zahlt: Denn schneidet nur der Jude tief genug, So zahl ich gleich die Schuld von ganzem Herzen.

Bassanio. Antonio, ich hab ein Weib zur Ehe, Die mir so lieb ist als mein Leben selbst; Doch Leben selbst, mein Weib und alle Welt Gilt höher als dein Leben nicht bei mir. Ich gäbe alles hin, ja opfert' alles Dem Teufel da, um dich nur zu befrein.

Porzia. Da wüßt Eur Weib gewiß Euch wenig Dank, Wär sie dabei und hört Eur Anerbieten.

Graziano. Ich hab ein Weib, die ich auf Ehre liebe; Doch wünscht ich sie im Himmel, könnte sie Dort eine Macht erflehn, des hündschen Juden Gemüt zu ändern.

Nerissa. Gut, daß Ihr's hinter ihrem Rücken tut, Sonst störte wohl der Wunsch des Hauses Frieden.

Shylock (beiseite). So sind die Christenmänner; ich hab 'ne Tochter: Wär irgendwer vom Stamm des Barrabas Ihr Mann geworden, lieber als ein Christ!-- Die Zeit geht hin; ich bitt Euch, kommt zum Spruch.

Porzia. Ein Pfund von dieses Kaufmanns Fleisch ist dein. Der Hof erkennt es, und das Recht erteilt es.

Shylock. O höchst gerechter Richter!--

Porzia. Ihr müßt das Fleisch ihm schneiden aus der Brust: Das Recht bewilligt's, und der Hof erkennt es.

Shylock. O höchst gelehrter Richter!--Na, ein Spruch! Kommt, macht Euch fertig.

Porzia. Wart noch ein wenig: Eins ist noch zu merken! Der Schein hier gibt dir nicht ein Tröpfchen Blut; Die Worte sind ausdrücklich: ein Pfund Fleisch! Nimm denn den Schein, und nimm du dein Pfund Fleisch; Allein vergießest du, indem du's abschneidst, Nur einen Tropfen Christenblut, so fällt Dein Hab und Gut nach dem Gesetz Venedigs Dem Staat Venedigs heim.

Graziano. Gerechter Richter!--merk, Jud!--o weiser Richter!

Shylock. Ist das Gesetz?

Porzia. Du sollst die Akte sehn. Denn, weil du dringst auf Recht, so sei gewiß: Recht soll dir werden, mehr als du begehrst.

Graziano. O weiser Richter!--merk, Jud! ein weiser Richter!

Shylock. Ich nehme das Erbieten denn: zahlt dreifach Mir meinen Schein und laßt den Christen gehn.

Bassanio. Hier ist das Geld.

Porzia. Halt! Dem Juden alles Recht--still! keine Eil! Er soll die Buße haben, weiter nichts.

Graziano. O Jud! ein weiser, ein gerechter Richter!

Porzia. Darum bereite dich, das Fleisch zu schneiden. Vergieß kein Blut, schneid auch nicht mehr noch minder Als grad ein Pfund; ist's minder oder mehr Als ein genaues Pfund, sei's nur soviel, Es leichter oder schwerer an Gewicht Zu machen, um ein armes Zwanzigstteil Von einem Skrupel, ja wenn sich die Waagschal Nur um die Breite eines Haares neigt, So stirbst du, und dein Gut verfällt dem Staat.

Graziano. Ein zweiter Daniel, ein Daniel, Jude! Ungläubiger, ich hab dich bei der Hüfte.

Porzia. Was hält den Juden auf? Nimm deine Buße.

Shylock. Gebt mir mein Kapital und laßt mich gehn.

Bassanio. Ich hab es schon für dich bereit: hier ist's.

Porzia. Er hat's vor offenem Gericht geweigert: Sein Recht nur soll er haben und den Schein.

Graziano. Ich sag, ein Daniel, ein zweiter Daniel! Dank, Jude, daß du mich das Wort gelehrt.

Shylock. Soll ich nicht haben bloß mein Kapital?

Porzia. Du sollst nichts haben als die Buße, Jude, Die du auf eigene Gefahr magst nehmen.

Shylock. So lass' es ihm der Teufel wohl bekommen! Ich will nicht länger Rede stehn.

Porzia. Wart, Jude! Das Recht hat andern Anspruch noch an dich. Es wird verfügt in dem Gesetz Venedigs, Wenn man es einem Fremdling dargetan, Daß er durch Umweg' oder gradezu Dem Leben eines Bürgers nachgestellt, Soll die Partei, auf die sein Anschlag geht, Die Hälfte seiner Güter an sich ziehn; Die andre Hälfte fällt dem Schatz anheim, Und an des Dogen Gnade hängt das Leben Des Schuldgen einzig, gegen alle Stimmen. In der Benennung, sag ich, stehst du nun, Denn es erhellt aus offenbarem Hergang, Daß du durch Umweg' und auch gradezu Recht eigentlich gestanden dem Beklagten Nach Leib und Leben: und so trifft dich denn Die Androhung, die ich zuvor erwähnt. Drum nieder, bitt um Gnade bei dem Dogen!

Graziano. Bitt um Erlaubnis, selber dich zu hängen; Und doch, da all dein Gut dem Staat verfällt, Behältst du nicht den Wert von einem Strick; Man muß dich hängen auf des Staates Kosten.

Doge. Damit du siehst, welch andrer Geist uns lenkt, So schenk ich dir das Leben, eh du bittest. Dein halbes Gut gehört Antonio, Die andre Hälfte fällt dem Staat anheim, Was Demut lindern kann zu einer Buße.

Porzia. Ja, für den Staat, nicht für Antonio.

Shylock. Nein, nehmt mein Leben auch, schenkt mir das nicht! Ihr nehmt mein Haus, wenn ihr die Stütze nehmt, Worauf mein Haus beruht; ihr nehmt mein Leben, Wenn ihr die Mittel nehmt, wodurch ich lebe.

Porzia. Was könnt Ihr für ihn tun, Antonio?

Graziano. Ein Strick umsonst! nichts mehr, um Gottes willen!

Antonio. Beliebt mein gnädger Herr und das Gericht Die Buße seines halben Guts zu schenken, So bin ich es zufrieden, wenn er mir Die andre Hälfte zum Gebrauche läßt, Nach seinem Tod dem Mann sie zu erstatten, Der kürzlich seine Tochter stahl. Noch zweierlei beding ich: daß er gleich Für diese Gunst das Christentum bekenne; Zum andern, stell er eine Schenkung aus Hier vor Gericht von allem, was er nachläßt, An seinen Schwiegersohn und seine Tochter.

Doge. Das soll er tun, ich widerrufe sonst Die Gnade, die ich eben hier erteilt.

Porzia. Bist du's zufrieden, Jude? Nun, was sagst du?

Shylock. Ich bin's zufrieden.

Porzia. Ihr, Schreiber, setzt die Schenkungsakte auf.

Shylock. Ich bitt, erlaubt mir, weg von hier zu gehn: Ich bin nicht wohl, schickt mir die Akte nach, Und ich will zeichnen.

Doge. Geh denn, aber tu's.

Graziano. Du wirst zwei Paten bei der Taufe haben; Wär ich dein Richter, kriegtest du zehn mehr-- Zum Galgen, nicht zum Taufstein, dich zu bringen.

(Shylock ab.)

Doge. Ich lad Euch, Herr, zur Mahlzeit bei mir ein.

Porzia. Ich bitt Eur Hoheit um Entschuldigung. Ich muß vor Abend fort nach Padua Und bin genötigt, gleich mich aufzumachen.

Doge. Es tut mir leid, daß Ihr Verhindrung habt. Antonio, zeigt Euch dankbar diesem Mann: Ihr seid ihm sehr verpflichtet, wie mich dünkt.

(Doge, Senatoren und Gefolge ab.)

Bassanio. Mein würdger Herr, ich und mein Freund, wir sind Durch Eure Weisheit heute losgesprochen Von schweren Bußen; für den Dienst erwidern Wir mit der Schuld des Juden, den dreitausend Dukaten, willig die gewogne Müh.

Antonio. Und bleiben Euer Schuldner überdies An Liebe und an Diensten immerfort.

Porzia. Wer wohl zufrieden ist, ist wohl bezahlt; Ich bin zufrieden, da ich euch befreit, Und halte dadurch mich für wohl bezahlt; Lohnsüchtiger war niemals mein Gemüt. Ich bitt euch, kennt mich, wenn wir mal uns treffen; Ich wünsch euch Gutes, und so nehm ich Abschied.

Bassanio. Ich muß noch in Euch dringen, bester Herr: Nehmt doch ein Angedenken, nicht als Lohn, Nur als Tribut; gewährt mir zweierlei, Mir's nicht zu weigern und mir zu verzeihn.

Porzia. Ihr dringt sehr in mich! gut, ich gebe nach: Gebt Eure Handschuh mir, ich will sie tragen, Und, Euch zur Lieb, nehm ich den Ring von Euch. Zieht nicht die Hand zurück, ich will nichts weiter, Und weigern dürft Ihr's nicht, wenn Ihr mich liebt.

Bassanio. Der Ring--ach, Herr! ist eine Kleinigkeit, Ihn Euch zu geben, müßt ich mich ja schämen.

Porzia. Ich will nichts weiter haben als den Ring, Und, wie mich dünkt, hab ich nun Lust dazu.

Bassanio. Es hängt an diesem Ring mehr als sein Wert; Den teursten in Venedig geb ich Euch Und find ihn aus durch öffentlichen Ausruf. Für diesen bitt ich nur, entschuldigt mich.

Porzia. Ich seh, Ihr seid freigebig im Erbieten; Ihr lehrtet erst mich bitten, und nun scheint es, Ihr lehrt mich, wie man Bettlern Antwort gibt.

Bassanio. Den Ring gab meine Frau mir, bester Herr; Sie steckte mir ihn an und hieß mich schwören, Ich woll ihn nie verlieren noch vergeben.

Porzia. Mit solchen Worten spart man seine Gaben. Ist Eure Frau nicht gar ein töricht Weib Und weiß, wie gut ich diesen Ring verdient, So wird sie nicht auf immer Feindschaft halten, Weil Ihr ihn weggabt. Gut, gehabt Euch wohl!

(Porzia und Nerissa ab.)

Antonio. Laßt ihn den Ring doch haben, Don Bassanio; Laßt sein Verdienst zugleich mit meiner Liebe Euch gelten gegen Eurer Frau Gebot.

Bassanio. Geh, Graziano, lauf und hol ihn ein, Gib ihm den Ring und bring ihn, wenn du kannst, Zu des Antonio Haus. Fort! eile dich!

(Graziano ab.)

Kommt, Ihr und ich, wir wollen gleich dahin, Und früh am Morgen wollen wir dann beide Nach Belmont fliegen. Kommt, Antonio!

(Ab.)

Zweite Szene

Eine Straße

(Porzia und Nerissa kommen)

Porzia. Erfrag des Juden Haus, gib ihm die Akte Und laß ihn zeichnen. Wir wollen fort zu Nacht Und einen Tag vor unsern Männern noch Zu Hause sein. Die Akte wird Lorenzen Gar sehr willkommen sein.

(Graziano kommt.)

Graziano. Schön, daß ich Euch noch treffe, werter Herr. Hier schickt Euch Don Bassanio, da er besser Es überlegt, den Ring und bittet Euch, Mittags bei ihm zu speisen.

Porzia. Das kann nicht sein; Den Ring nehm ich mit allem Danke an Und bitt Euch, sagt ihm das; seid auch so gut, Den jungen Mann nach Shylocks Haus zu weisen.

Graziano. Das will ich tun.

Nerissa (zu Porzia). Herr, noch ein Wort mit Euch.--

(Heimlich.)

Ich will doch sehn, von meinem Mann den Ring Zu kriegen, den ich immer zu bewahren Ihn schwören ließ.

Porzia. Ich steh dafür, du kannst es. Da wird's an hoch und teuer Schwören gehn, Daß sie die Ring an Männer weggegeben; Wir leugnen's keck und überschwören sie. Fort! eile dich! Du weißt ja, wo ich warte.

Nerissa. Kommt, lieber Herr! wollt Ihr sein Haus mir zeigen?

(Ab.)

Fünfter Aufzug

Erste Szene

Belmont. Freier Platz vor Porzias Hause

(Lorenzo und Jessica treten auf)

Lorenzo. Der Mond scheint hell. In solcher Nacht wie diese, Da linde Luft die Bäume schmeichelnd küßte Und sie nicht rauschen ließ, in solcher Nacht Erstieg wohl Troilus die Mauern Trojas Und seufzte seine Seele zu den Zelten Der Griechen hin, wo seine Cressida Die Nacht in Schlummer lag.

Jessica. In solcher Nacht Schlüpft' überm Taue Thisbe furchtsam hin Und sah des Löwen Schatten eh als ihn Und lief erschrocken weg.

Lorenzo. In solcher Nacht Stand Dido, eine Weid in ihrer Hand, Am wilden Strand und winkte ihrem Liebsten Zur Rückkehr nach Karthago.

Jessica. In solcher Nacht Las einst Medea jene Zauberkräuter, Den Äson zu verjüngen.

Lorenzo. In solcher Nacht Stahl Jessica sich von dem reichen Juden Und lief mit einem ausgelaßnen Liebsten Bis Belmont von Venedig.

Jessica. In solcher Nacht Schwor ihr Lorenzo, jung und zärtlich, Liebe Und stahl ihr Herz mit manchem Treugelübd, Wovon nicht eines echt war.

Lorenzo. In solcher Nacht Verleumdete die artge Jessica Wie eine kleine Schelmin ihren Liebsten, Und er vergab es ihr.

Jessica. Ich wollt Euch übernachten, käme niemand. Doch horcht! ich hör den Fußtritt eines Manns. (Ein Bedienter kommt.)

Lorenzo. Wer kommt so eilig in der stillen Nacht?

Bedienter. Ein Freund.

Lorenzo. Ein Freund? was für ein Freund? Eur Name, Freund?

Bedienter. Mein Nam ist Stephano, und ich soll melden, Daß meine gnädge Frau vor Tages Anbruch Wird hier in Belmont sein; sie streift umher Bei heilgen Kreuzen, wo sie kniet und betet Um frohen Ehestand.

Lorenzo. Wer kommt mit ihr?

Bedienter. Ein heilger Klausner und ihr Mädchen bloß. Doch sagt mir, ist mein Herr noch nicht zurück?

Lorenzo. Nein, und wir haben nichts von ihm gehört. Doch, liebe Jessica, gehn wir hinein; Laß uns auf einen feierlichen Willkomm Für die Gebieterin des Hauses denken.

(Lanzelot kommt.)

Lanzelot. Holla, holla! he! heda! holla! holla!

Lorenzo. Wer ruft?

Lanzelot. Holla! habt Ihr Herrn Lorenzo und Frau Lorenzo gesehn? Holla! holla!

Lorenzo. Laß dein Hollarufen, Kerl! Hier!

Lanzelot. Holla! wo? wo?

Lorenzo. Hier!

Lanzelot. Sagt ihm, daß ein Postillon von meinem Herrn gekommen ist, der sein Horn voll guter Neuigkeiten hat: mein Herr wird vor morgens hier sein.

(Lanzelot ab.)

Lorenzo. Komm, süßes Herz, erwarten wir sie drinnen. Und doch, es macht nichts aus: wozu hineingehn? Freund Stephano, ich bitt Euch, meldet gleich Im Haus die Ankunft Eurer gnädgen Frau Und bringt die Musikanten her ins Freie.

(Stephano ab.)

Wie süß das Mondlicht auf dem Hügel schläft! Hier sitzen wir und lassen die Musik Zum Ohre schlüpfen; sanfte Still und Nacht, Stimmt zu den Klängen süßer Harmonie. Komm, Jessica! Sieh, wie die Himmelsflur Ist eingelegt mit Scheiben lichten Goldes! Auch nicht der kleinste Kreis, den du da siehst, Der nicht im Schwunge wie ein Engel singt, Zum Chor der hellgeaugten Cherubim. So voller Harmonie sind ewge Geister: Nur wir, weil dies hinfällge Kleid von Staub Und grob umhüllt, wir können sie nicht hören.

(Musikanten kommen.)

He! kommt und weckt Dianen auf mit Hymnen, Rührt euer Herrin Ohr mit zartem Spiel,

(Musik)

Zieht mit Musik sie heim.

Jessica. Nie macht die liebliche Musik mich lustig.

Lorenzo. Der Grund ist, Eure Geister sind gespannt. Bemerkt nur eine wilde flüchtge Herde, Der ungezähmten jungen Füllen Schar: Sie machen Sprünge, brüllen, wiehern laut, Wie ihres Blutes heiße Art sie treibt; Doch schaut nur die Trompete oder trifft Sonst eine Weise der Musik ihr Ohr, So seht Ihr, wie sie miteinander stehn; Ihr wildes Auge schaut mit Sittsamkeit, Durch süße Macht der Töne. Drum lehrt der Dichter, Gelenkt hab Orpheus Bäume, Felsen, Fluten, Weil nichts so stöckisch, hart und voll von Wut, Das nicht Musik auf eine Zeit verwandelt. Der Mann, der nicht Musik hat in ihm selbst, Den nicht die Eintracht süßer Töne rührt, Taugt zu Verrat, zu Räuberei und Tücken; Die Regung seines Sinns ist dumpf wie Nacht, Sein Trachten düster wie der Erebus. Trau keinem solchen!--Horch auf die Musik!

(Porzia und Nerissa in der Entfernung)

Porzia. Das Licht, das wir da sehen, brennt im Saal; Wie weit die kleine Kerze Schimmer wirft! So scheint die gute Tat in arger Welt.

Nerissa. Da der Mond schien, sahn wir die Kerze nicht.

Porzia. So löscht der größre Glanz den kleinern aus. Ein Stellvertreter strahlet wie ein König, Bis ihm ein König naht; und dann ergießt Sein Prunk sich, wie vom innern Land ein Bach Ins große Bett der Wasser. Horch, Musik!

Nerissa. Es sind die Musikanten Eures Hauses.

Porzia. Ich sehe, nichts ist ohne Rücksicht gut; Mich dünkt, sie klingt viel schöner als bei Tag.

Nerissa. Die Stille gibt den Reiz ihr, gnädge Frau.

Porzia. Die Krähe singt so lieblich wie die Lerche, Wenn man auf keine lauschet; und mir deucht, Die Nachtigall, wenn sie bei Tage sänge, Wo alle Gänse schnattern, hielt' man sie Für keinen bessern Spielmann als den Spatz. Wie manches wird durch seine Zeit gezeitigt Zu echtem Preis und zur Vollkommenheit!-- Still! Luna schläft ja beim Endymion Und will nicht aufgeweckt sein.

(Die Musik hört auf.)

Lorenzo. Wenn nicht alles Mich trügt, ist das die Stimme Porzias.

Porzia. Er kennt mich, wie der blinde Mann den Kuckuck, An meiner schlechten Stimme.

Lorenzo. Gnädge Frau, willkommen!

Porzia. Wir beteten für unsrer Männer Wohlfahrt Und hoffen, unsre Worte fördern sie: Sind sie zurück?

Lorenzo. Bis jetzt nicht, gnädge Frau. Allein ein Bote ist vorausgekommen, Sie anzumelden.

Porzia. Geh hinein, Nerissa, Sag meinen Leuten, daß sie gar nicht tun, Als wären wir vom Haus entfernt gewesen;-- Auch Ihr, Lorenzo! Jessica, auch Ihr!

(Trompetenstoß.)

Lorenzo. Da kommt schon Eur Gemahl, ich höre blasen; Wir sind nicht Plaudertaschen, fürchtet nichts.

Porzia. Mich dünkt, die Nacht ist nur ein krankes Tagslicht, Sie sieht ein wenig bleicher; 's ist ein Tag Wie's Tag ist, wenn die Sonne sich verbirgt. (Bassanio, Antonio, Graziano treten auf mit ihrem Gefolge.)

Bassanio. Wir hielten mit den Antipoden Tag, Erschient Ihr, während sich die Sonn entfernt.

Porzia. Wenn mein Betragen nur das Licht nicht scheut, So mag mein Fußtritt wohl im Dunkeln wandeln: Ihr seid zu Haus willkommen, mein Gemahl!

Bassanio. Ich dank Euch, heißt willkommen meinen Freund! Dies ist der Mann, dies ist Antonio, Dem ich so grenzenlos verpflichtet bin.

Porzia. Ihr müßt in allem ihm verpflichtet sein; Ich hör, er hat sich sehr für Euch verpflichtet.

Antonio. Zu mehr nicht, als ich glücklich bin gelöst.

Porzia. Herr, Ihr seid unserm Hause sehr willkommen! Es muß sich anders zeigen als in Reden, Drum kürz ich diese Wortbegrüßung ab.

(Graziano und Nerissa haben sich unterdessen besonders unterredet.)