Der Kaufmann von Venedig

Chapter 3

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Marokko. Von Gold das erste, das die Inschrift hat: "Wer mich erwählt, gewinnt, was mancher Mann begehrt." Das zweite, silbern, führet dies Versprechen: "Wer mich erwählt, bekommt soviel, als er verdient." Das dritte, schweres Blei, mit plumper Warnung: "Wer mich erwählt, der gibt und wagt sein Alles dran." Woran erkenn ich, ob ich recht gewählt?

Porzia. Das eine faßt mein Bildnis in sich, Prinz: Wenn Ihr das wählt, bin ich zugleich die Eure.

Marokko. So leit ein Gott mein Urteil! Laßt mich sehn! Ich muß die Sprüche nochmals überlesen. Was sagt dies bleir'ne Kästchen? "Wer mich erwählt, der gibt und wagt sein Alles dran." Der gibt--wofür? für Blei? und wagt für Blei? Dies Kästchen droht; wenn Menschen alles wagen, Tun sie's in Hoffnung köstlichen Gewinns. Ein goldner Mut fragt nichts nach niedern Schlacken, Ich geb also und wage nichts für Blei. Was sagt das Silber mit der Mädchenfarbe? "Wer mich erwählt, bekommt soviel, als er verdient." Soviel, als er verdient?--Halt ein, Marokko, Und wäge deinen Wert mit steter Hand. Wenn du geachtet wirst nach deiner Schätzung, Verdienest du genug, doch kann genug Wohl nicht soweit bis zu dem Fräulein reichen. Und doch, mich ängsten über mein Verdienst, Das wäre schwaches Mißtraun in mich selbst. Soviel, als ich verdiene?--Ja, das ist Das Fräulein; durch Geburt verdien ich sie, Durch Glück, durch Zier und Gaben der Erziehung; Doch mehr verdien ich sie durch Liebe. Wie, Wenn ich nicht weiter schweift und wählte hier? Laßt nochmals sehn den Spruch, in Gold gegraben: "Wer mich erwählt, gewinnt, was mancher Mann begehrt. Das ist das Fräulein; alle Welt begehrt sie, Aus jedem Weltteil kommen sie herbei, Dies sterblich atmend Heilgenbild zu küssen; Hyrkaniens Wüsten und die wilden Öden Arabiens sind gebahnte Straßen nun Für Prinzen, die zur schönen Porzia reisen; Das Reich der Wasser, dessen stolzes Haupt Speit in des Himmels Antlitz, ist kein Damm Für diese fremden Geister; nein, sie kommen Wie über einen Bach zu Porzias Anblick. Eins von den drein enthält ihr himmlisch Bild; Soll Blei es in sich fassen? Lästrung wär's, Zu denken solche Schmach; es wär zu schlecht, Im düstern Grab ihr Leichentuch zu panzern. Und soll ich glauben, daß sie Silber einschließt, Von zehnmal minderm Wert als reines Gold? O sündlicher Gedanke! Solch ein Kleinod Ward nie geringer als in Gold gefaßt. In England gibt's 'ne Münze, die das Bild Von einem Engel führt, in Gold geprägt. Doch der ist drauf gedruckt; hier liegt ein Engel Ganz drin im goldnen Bett.--Gebt mir den Schlüssel, Hier wähl ich, und geling es, wie es kann.

Porzia. Da nehmt ihn, Prinz, und liegt mein Bildnis da, So bin ich Euer.

(Er schließt das goldne Kästchen auf.)

Marokko. O Hölle, was ist hier? Ein Beingeripp, dem ein beschriebner Zettel Im hohlen Auge liegt? Ich will ihn lesen: "Alles ist nicht Gold, was gleißt, Wie man oft Euch unterweist. Manchen in Gefahr es reißt, Was mein äußrer Schein verheißt; Goldnes Grab hegt Würmer meist; Wäret Ihr so weis als dreist, Jung an Gliedern, alt an Geist, So würdet Ihr nicht abgespeist Mit der Antwort: Geht und reist." Ja fürwahr, mit bittrer Kost; Leb wohl denn, Glut! Willkommen, Frost! Lebt, Porzia, wohl! Zu langem Abschied fühlt Mein Herz zu tief; so scheidet, wer verspielt.

(Ab.)

Porzia. Erwünschtes Ende! Geht, den Vorhang zieht! So wähle jeder, der ihm ähnlich sieht.

(Alle ab.)

Achte Szene

Venedig. Eine Straße

(Salarino und Solanio treten auf)

Salarino. Ja, Freund, ich sah Bassanio unter Segel; Mit ihm ist Graziano abgereist, Und auf dem Schiff ist sicher nicht Lorenzo.

Solanio. Der Schelm von Juden schrie den Dogen auf, Der mit ihm ging, das Schiff zu untersuchen.

Salarino. Er kam zu spät, das Schiff war unter Segel; Doch da empfing der Doge den Bericht, In einer Gondel habe man Lorenzo Mit seiner Liebsten Jessica gesehn; Auch gab Antonio ihm die Versichrung, Sie sei'n nicht mit Bassanio auf dem Schiff.

Solanio. Nie hört ich so verwirrte Leidenschaft, So seltsam wild und durcheinander, als Der Hund von Juden in den Straßen ausließ: "Mein' Tochter--mein' Dukaten--o mein' Tochter! Fort mit 'nem Christen--o mein' christlichen Dukaten! Recht und Gericht! mein' Tochter! mein' Dukaten! Ein Sack, zwei Säcke, beide zugesiegelt, Voll von Dukaten, doppelten Dukaten! Gestohl'n von meiner Tochter; und Juwelen, Zwei Stein'--zwei reich' und köstliche Gestein', Gestohl'n von meiner Tochter! O Gerichte, Find't mir das Mädchen!--Sie hat die Steine bei sich Und die Dukaten."

Salarino. Ja, alle Gassenbuben folgen ihm Und schrein: "Die Stein', die Tochter, die Dukaten!"

Solanio. Daß nur Antonio nicht den Tag versäumt, Sonst wird er hiefür zahlen.

Salarino. Gut bedacht! Mir sagte gestern ein Franzose noch, Mit dem ich schwatzte, in der engen See, Die Frankreich trennt von England, sei ein Schiff Von unserm Land verunglückt, reich geladen; Ich dachte des Antonio, da er's sagte, Und wünscht im stillen, daß es seins nicht wär.

Solanio. Ihr solltet ihm doch melden, was Ihr hört; Doch tut's nicht plötzlich, denn es könnt ihn kränken.

Salarino. Ein beßres Herz lebt auf der Erde nicht. Ich sah Bassanio und Antonio scheiden; Bassanio sagt' ihm, daß er eilen wolle Mit seiner Rückkehr. "Nein", erwidert' er, "Schlag dein Geschäft nicht von der Hand, Bassanio, Um meinetwillen, laß die Zeit es reifen. Und die Verschreibung, die der Jude hat, Laß sie beschweren nicht dein liebend Herz. Sei fröhlich, wende die Gedanken ganz Auf Gunstbewerbung und Bezeugungen Der Liebe, wie sie dort dir ziemen mögen." Und hier, die Augen voller Tränen, wandt er Sich abwärts, reichte seine Hand zurück, Und, als ergriff ihn wunderbare Rührung, Drückt' er Bassanios Hand. So schieden sie.

Solanio. Ich glaub, er liebt die Welt nur seinetwegen; Ich bitt Euch, laßt uns gehn, ihn aufzufinden, Um seine Schwermut etwas zu zerstreun Auf ein und andre Art.

Salarino. Ja, tun wir das.

(Beide ab.)

Neunte Szene

Belmont. Ein Zimmer in Porzias Hause

(Nerissa kommt mit einem Bedienten)

Nerissa. Komm, hurtig, hurtig, zieh den Vorhang auf! Der Prinz von Arragon hat seinen Eid Getan und kommt sogleich zu seiner Wahl.

(Trompentenstoß. Der Prinz von Arragon, Porzia und beider Gefolge.)

Porzia. Schaut hin, da stehn die Kästchen, edler Prinz! Wenn Ihr das wählet, das mich in sich faßt, Soll die Vermählung gleich gefeiert werden. Doch fehlt Ihr, Prinz, so müßt Ihr ohne weiters Im Augenblick von hier Euch wegbegeben.

Arragon. Drei Dinge gibt der Eid mir auf zu halten: Zum ersten, niemals jemand kundzutun, Welch Kästchen ich gewählt; sodann: verfehl ich Das rechte Kästchen, nie in meinem Leben Um eines Mädchens Hand zu werben; endlich: Wenn sich das Glück zu meiner Wahl nicht neigt, Sogleich Euch zu verlassen und zu gehn.

Porzia. Auf diese Pflichten schwört ein jeder, der Zu wagen kommt um mein geringes Selbst.

Arragon. Und so bin ich gerüstet. Glück wohlauf Nach Herzens Wunsch!--Gold, Silber, schlechtes Blei: "Wer mich erwählt, der gibt und wagt sein Alles dran." Du mußtest schöner aussehn, eh ich's täte. Was sagt das goldne Kästchen? Ha, laßt sehn! "Wer mich erwählt, gewinnt, was mancher Mann begehrt." Was mancher Mann begehrt?--Dies (mancher) meint vielleicht Die Torenmenge, die nach Scheine wählt, Nur lernend, was ein blödes Auge lehrt; Die nicht ins Innre dringt und wie die Schwalbe Im Wetter bauet an der Außenwand, Recht in der Kraft und Bahn des Ungefährs. Ich wähle nicht, was mancher Mann begehrt, Weil ich nicht bei gemeinen Geistern hausen, Noch mich zu rohen Haufen stellen will. Nun dann zu dir, du silbern Schatzgemach! Sag mir noch mal die Inschrift, die du führst: "Wer mich erwählt, bekommt soviel, als er verdient." Ja, gut gesagt: denn wer darf darauf ausgehn, Das Glück zu täuschen und geehrt zu sein, Den das Verdienst nicht stempelt? Maße keiner Sich einer unverdienten Würde an. O würden Güter, Rang und Ämter nicht Verderbterweis erlangt und würde Ehre Durch das Verdienst des Eigners rein erkauft, Wie mancher deckte dann sein bloßes Haupt! Wie mancher, der befiehlt, gehorchte dann! Wie viel des Pöbels würde ausgesondert Aus reiner Ehre Saat! und wieviel Ehre Gelesen aus der Spreu, dem Raub der Zeit, Um neu zu glänzen!--Wohl, zu meiner Wahl! "Wer mich erwählt, bekommt soviel, als er verdient." Ich halt es mit Verdienst: gebt mir dazu den Schlüssel, Und unverzüglich schließt mein Glück hier auf.

Porzia. Zu lang geweilt für das, was Ihr da findet.

Arragon. Was gibt's hier? Eines Gecken Bild, der blinzt Und mir 'nen Zettel reicht! Ich will ihn lesen. O wie so gar nicht gleichst du Porzien! Wie gar nicht meinem Hoffen und Verdienst! "Wer mich erwählt, bekommt soviel, als er verdient." Verdient ich nichts als einen Narrenkopf? Ist das mein Preis? Ist mein Verdienst nicht höher?

Porzia. Fehlen und richten sind getrennte Ämter, Und die sich widersprechen.

Arragon. Was ist hier? "Siebenmal im Feur geklärt Ward dies Silber: so bewährt Ist ein Sinn, den nichts betört. Mancher achtet Schatten wert, Dem ist Schattenheil beschert; Mancher Narr in Silber fährt, So auch dieser, der Euch lehrt: Nehmet, wen Ihr wollt, zum Weib Immer trägt mich Euer Leib. Geht und sucht Euch Zeitvertreib!" Mehr und mehr zum Narrn mich macht Jede Stunde hier verbracht. Mit einem Narrenkopf zum Frein Kam ich her und geh mit zwein. Herz, leb wohl! was ich versprach, Halt ich, trage still die Schmach.

(Arragon mit Gefolge ab.)

Porzia. So ging dem Licht die Motte nach! O diese weisen Narren! wenn sie wählen, Sind sie so klug, durch Witz es zu verfehlen.

Nerissa. Die alte Sag ist keine Ketzerei. Daß Frein und Hängen eine Schickung sei.

Porzia. Komm, zieh den Vorhang zu, Nerissa.

(Ein Bedienter kommt.)

Bedienter. Wo ist mein Fräulein?

Porzia. Hier; was will mein Herr?

Bedienter. An Eurem Tor ist eben abgestiegen Ein junger Venezianer, welcher kommt, Die nahe Ankunft seines Herrn zu melden, Von dem er stattliche Begrüßung bringt; Das heißt, nebst vielen artgen Worten, Gaben Von reichem Wert; ich sahe niemals noch Solch einen holden Liebesabgesandten. Nie kam noch im April ein Tag so süß, Zu zeigen, wie der Sommer köstlich nahe, Als dieser Bote seinem Herrn voran.

Porzia. Nichts mehr, ich bitt dich; ich besorge fast, Daß du gleich sagen wirst, er sei dein Vetter; Du wendest solchen Festtagswitz an ihn. Komm, komm, Nerissa; denn er soll mich freun, Cupidos Herold, so geschickt und fein.

Nerissa. Bassanio, Herr des Herzens! laß es sein.

(Alle ab.)

Dritter Aufzug

Erste Szene

Venedig. Eine Straße

(Solanio und Salarino treten auf)

Solanio. Nun, was gibt's Neues auf dem Rialto?

Salarino. Ja, noch wird es nicht widersprochen, daß dem Antonio sein Schiff von reicher Ladung in der Meerenge gestrandet ist. Die Goodwins, denke ich, nennen sie die Stelle: eine sehr gefährliche Sandbank, wo die Gerippe von manchem stattlichen Schiff begraben liegen, wenn Gevatterin Fama eine Frau von Wort ist.

Solanio. Ich wollte, sie wäre darin eine so lügenhafte Gevatterin, als jemals eine Ingwer kaute oder ihren Nachbarn weismachte, sie weine um den Tod ihres dritten Mannes. Aber es ist wahr--ohne alle Umschweife, und ohne die gerade, ebne Bahn des Gespräches zu kreuzen--daß der gute Antonio, der redliche Antonio--o daß ich eine Benennung wüßte, die gut genug wäre, seinem Namen Gesellschaft zu leisten!--

Salarino. Wohlan, zum Schluß!

Solanio. He, was sagst du?--Ja, das Ende ist, er hat ein Schiff eingebüßt.

Salarino. Ich wünsche, es mag das Ende seiner Einbußen sein.

Solanio. Laßt mich beizeiten Amen sagen, ehe mir der Teufel einen Querstrich durch mein Gebet macht; denn hier kommt er in Gestalt eines Juden.

(Shylock kommt.)

Wie steht's, Shylock? Was gibt es Neues unter den Kaufleuten?

Shylock. Ihr wußtet, niemand besser, niemand besser als Ihr um meiner Tochter Flucht.

Salarino. Das ist richtig; ich meinerseits kannte den Schneider, der ihr die Flügel zum Wegfliegen gemacht hat.

Solanio. Und Shylock seinerseits wußte, daß der Vogel flügge war; und dann haben sie es alle in der Art, das Nest zu verlassen.

Shylock. Sie ist verdammt dafür.

Salarino. Das ist sicher, wenn der Teufel ihr Richter sein soll.

Shylock. Daß mein eigen Fleisch und Blut sich so empörte!

Solanio. Pfui dich an, altes Fell! bei dem Alter empört es sich?

Shylock. Ich sage, meine Tochter ist mein Fleisch und Blut.

Salarino. Zwischen deinem Fleisch und ihrem ist mehr Unterschied als zwischen Ebenholz und Elfenbein, mehr zwischen eurem Blute als zwischen rotem Wein und Rheinwein.--Aber sagt uns, was hört Ihr: hat Antonio einen Verlust zur See gehabt oder nicht?

Shylock. Da hab ich einen andern schlimmen Handel: ein Bankerottierer, ein Verschwender, der sich kaum auf dem Rialto darf blicken lassen; ein Bettler, der so schmuck auf den Markt zu kommen pflegte! Er sehe sich vor mit seinem Schein! Er hat mich immer Wucherer genannt--er sehe sich vor mit seinem Schein!--er verlieh immer Geld aus christlicher Liebe,--er sehe sich vor mit seinem Schein!

Salarino. Nun, ich bin sicher, wenn er verfällt, so wirst du sein Fleisch nicht nehmen: wozu wär es gut?

Shylock. Fische mit zu ködern. Sättigt es sonst niemanden, so sättigt es doch meine Rache. Er hat mich beschimpft, mir 'ne halbe Million gehindert; meinen Verlust belacht, meinen Gewinn bespottet, mein Volk geschmäht, meinen Handel gekreuzt, meine Freunde verleitet, meine Feinde gehetzt. Und was hat er für Grund! Ich bin ein Jude. Hat nicht ein Jude Augen? Hat nicht ein Jude Hände, Gliedmaßen, Werkzeuge, Sinne, Neigungen, Leidenschaften? Mit derselben Speise genährt, mit denselben Waffen verletzt, denselben Krankheiten unterworfen, mit denselben Mitteln geheilt, gewärmt und gekältet von eben dem Winter und Sommer als ein Christ? Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen? Sind wir euch in allen Dingen ähnlich, so wollen wir's euch auch darin gleich tun. Wenn ein Jude einen Christen beleidigt, was ist seine Demut? Rache. Wenn ein Christ einen Juden beleidigt, was muß seine Geduld sein nach christlichem Vorbild? Nu, Rache. Die Bosheit, die ihr mich lehrt, die will ich ausüben, und es muß schlimm hergehen, oder ich will es meinen Meistern zuvortun.

(Ein Bedienter kommt.)

Bedienter. Edle Herren, Antonio, mein Herr, ist zu Hause und wünscht euch zu sprechen.

Salarino. Wir haben ihn allenthalben gesucht.

(Tubal kommt.)

Solanio. Hier kommt ein anderer von seinem Stamm; der dritte Mann ist nicht aufzutreiben, der Teufel selbst müßte denn Jude werden.

(Solanio, Salarino und Bedienter ab.)

Shylock. Nun, Tubal, was bringst du Neues von Genua? Hast du meine Tochter gefunden?

Tubal. Ich bin oft an Örter gekommen, wo ich von ihr hörte, aber ich kann sie nicht finden.

Shylock. Ei so, so, so, so! Ein Diamant fort, kostet mich zweitausend Dukaten zu Frankfurt. Der Fluch ist erst jetzt auf unser Volk gefallen, ich hab ihn niemals gefühlt bis jetzt. Zweitausend Dukaten dafür! und noch mehr kostbare, kostbare Juwelen! Ich wollte, meine Tochter läge tot zu meinen Füßen und hätte die Juwelen in den Ohren! Wollte, sie läge eingesargt zu meinen Füßen, und die Dukaten im Sarge! Keine Nachricht von ihnen! Ei, daß dich!--und ich weiß noch nicht, was beim Nachsetzen draufgeht. Ei, du Verlust über Verlust! Der Dieb mit soviel davongegangen, und soviel, um den Dieb zu finden; und keine Genugtuung, keine Rache! Kein Unglück tut sich auf, als was mir auf den Hals fällt; keine Seufzer, als die ich ausstoße, keine Tränen, als die ich vergieße.

Tubal. Ja, andre Menschen haben auch Unglück. Antonio, so hört ich in Genua--

Shylock. Was, was, was? Ein Unglück? ein Unglück?

Tubal. Hat eine Galeone verloren, die von Tripolis kam.

Shylock. Gott sei gedankt! Gott sei gedankt! Ist es wahr? ist es wahr?

Tubal. Ich sprach mit ein paar von den Matrosen, die sich aus dem Schiffbruch gerettet.

Shylock. Ich danke dir, guter Tubal! Gute Zeitung, gute Zeitung!--Wo? in Genua?

Tubal. Eure Tochter vertat in Genua, wie ich hörte, in (einem) Abend achtzig Dukaten!

Shylock. Du gibst mir einen Dolchstich--ich kriege mein Gold nicht wieder zu sehn--Achtzig Dukaten in (einem) Strich! achtzig Dukaten!

Tubal. Verschiedene von Antonios Gläubigern reisten mit mir zugleich nach Venedig; die beteuerten, er müsse notwendig fallieren.

Shylock. Das freut mich sehr! ich will ihn peinigen, ich will ihn martern; das freut mich!

Tubal. Einer zeigte mir einen Ring, den ihm Eure Tochter für einen Affen gab.

Shylock. Daß sie die Pest! Du marterst mich, Tubal. Es war mein Türkis, ich bekam ihn von Lea, als ich noch Junggeselle war; ich hätte ihn nicht für einen Wald von Affen weggegeben.

Tubal. Aber Antonio ist gewiß ruiniert.

Shylock. Ja, das ist wahr! das ist wahr! Geh, Tubal, miete mir einen Amtsdiener, bestell ihn vierzehn Tage vorher. Ich will sein Herz haben, wenn er verfällt; denn wenn er aus Venedig weg ist, so kann ich Handel treiben, wie ich will. Geh, geh, Tubal, und triff mich bei unsrer Synagoge! geh, guter Tubal! bei unsrer Synagoge, Tubal!

(Ab.)

Zweite Szene

Belmont. Ein Zimmer in Porzias Hause

(Bassanio, Porzia, Graziano, Nerissa und Gefolge treten auf Die Kästchen sind aufgestellt)

Porzia. Ich bitt Euch, wartet ein, zwei Tage noch, Bevor Ihr wagt; denn wählt Ihr falsch, so büße Ich Euren Umgang ein; darum verzieht. Ein Etwas sagt mir (doch es ist nicht Liebe), Ich möcht Euch nicht verlieren; und Ihr wißt, Es rät der Haß in diesem Sinne nicht. Allein damit Ihr recht mich deuten möchtet (Und doch, ein Mädchen spricht nur mit Gedanken), Behielt' ich gern Euch ein paar Tage hier, Eh Ihr für mich Euch wagt. Ich könnt Euch leiten Zur rechten Wahl, dann bräch ich meinen Eid; Das will ich nie; so könnt Ihr mich verfehlen. Doch wenn Ihr's tut, macht Ihr mich sündlich wünschen, Ich hätt ihn nur gebrochen. O der Augen, Die so bezaubert mich und mich geteilt! Halb bin ich Eur, die andre Hälfte Euer-- Mein, wollt ich sagen; doch wenn mein, dann Euer, Und so ganz Euer. O die böse Zeit, Die Eignern ihre Rechte vorenthält! Und so, ob Euer schon, nicht Euer.--Trifft es, So sei das Glück dafür verdammt, nicht ich. Zu lange red ich, doch nur um die Zeit Zu dehnen, in die Länge sie zu ziehn, Die Wahl noch zu verzögern.

Bassanio. Laßt mich wählen, Denn wie ich jetzt bin, leb ich auf der Folter.

Porzia. Bassanio, auf der Folter? So bekennt, Was für Verrat in Eurer Liebe steckt.

Bassanio. Allein der häßliche Verrat des Mißtrauns, Der mich am Glück der Liebe zweifeln läßt. So gut verbände Schnee und Feuer sich Zum Leben, als Verrat und meine Liebe.

Porzia. Ja, doch ich sorg, Ihr redet auf der Folter, Wo sie, gezwungen, sagen, was man will.

Bassanio. Verheißt mir Leben, so bekenn ich Wahrheit.

Porzia. Nun wohl, bekennt und lebt!

Bassanio. Bekennt und liebt! Mein ganz Bekenntnis wäre dies gewesen. O selge Folter, wenn der Folterer Mich Antwort lehrt zu meiner Lossprechung? Doch laßt mein Heil mich bei den Kästchen suchen.

Porzia. Hinzu denn! Eins darunter schließt mich ein; Wenn Ihr mich liebt, so findet Ihr es aus. Nerissa und ihr andern steht beiseit.-- Laßt nun Musik ertönen, weil er wählt! So, wenn er fehltrifft, end' er Schwanen gleich Hinsterbend in Musik; daß die Vergleichung Noch näher passe, sei mein Aug der Strom, Sein wäßrig Totenbett. Er kann gewinnen, Und was ist dann Musik? Dann ist Musik Wie Paukenklang, wenn sich ein treues Volk Dem neugekrönten Fürsten neigt; ganz so Wie jene süßen Tön in erster Frühe, Die in des Bräutigams schlummernd Ohr sich schleichen Und ihn zur Hochzeit laden. Jetzo geht er Mit minder Anstand nicht, mit weit mehr Liebe, Als einst Alcides, da er den Tribut Der Jungfrau löste, welchen Troja heulend Dem Seeuntier gezahlt. Ich steh als Opfer, Die dort von fern sind die Dardanschen Fraun Mit rotgeweinten Augen, ausgegangen, Der Tat Erfolg zu sehn.--Geh, Herkules! Leb du, so leb ich! mit viel stärkerm Bangen Seh ich den Kampf, als du ihn eingegangen.

(Musik, während Bassanio über die Kästchen mit sich zu Rate geht.)

(Lied)

(Erste Stimme.) Sagt, woher stammt Liebeslust? Aus den Sinnen, aus der Brust? Ist euch ihr Lebenslauf bewußt? (Zweite Stimme.) In den Augen erst gehegt, Wird Liebeslust durch Schaun gepflegt; Stirbt das Kindchen, beigelegt In der Wiege, die es trägt, Läutet Totenglöckchen ihm; Ich beginne: Bim! bim! bim! (Chor.) Bim! bim! bim!

Bassanio. --So ist oft äußrer Schein sich selber fremd, Die Welt wird immerdar durch Zier berückt. Im Recht, wo ist ein Handel so verderbt, Der nicht, geschmückt von einer holden Stimme, Des Bösen Schein verdeckt? Im Gottesdienst, Wo ist ein Irrwahn, den ein ehrbar Haupt Nicht heiligte, mit Sprüchen nicht belegte, Und bürge die Verdammlichkeit durch Schmuck? Kein Laster ist so blöde, das von Tugend Im äußern Tun nicht Zeichen an sich nähme. Wie manche Feige, die Gefahren stehn Wie Spreu dem Winde, tragen doch am Kinn Den Bart des Herkules und finstern Mars, Fließt gleich in ihren Herzen Blut wie Milch! Und diese leihn des Mutes Auswuchs nur, Um furchtbar sich zu machen. Blickt auf Schönheit, Ihr werdet sehn, man kauft sie nach Gewicht, Das hier ein Wunder der Natur bewirkt, Und die es tragen, um so lockrer macht. So diese schlänglicht krausen goldnen Locken, Die mit den Lüften so mutwillig hüpfen Auf angemaßtem Reiz: man kennt sie oft Als eines zweiten Kopfes Ausstattung, Der Schädel der sie trug, liegt in der Gruft. So ist denn Zier die trügerische Küste Von einer schlimmen See, der schöne Schleier, Der Indiens Schöne birgt; mit einem Wort: Die Scheinwahrheit, womit die schlaue Zeit Auch Weise fängt. Darum, du gleißend Gold, Des Midas harte Kost, dich will ich nicht, Noch dich, gemeiner, bleicher Botenläufer Von Mann zu Mann; doch du, du magres Blei, Das eher droht als irgend was verheißt, Dein schlichtes Ansehn spricht beredt mich an: Ich wähle hier, und sei es wohlgetan!

Porzia. Wie jede Regung fort die Lüfte tragen! Als irre Zweifel, ungestüm Verzagen Und bange Schaur und blasse Schüchternheit. O Liebe, mäßge dich in deiner Seligkeit! Halt ein, laß deine Freuden sanfter regnen; Zu stark fühl ich, du mußt mich minder segnen, Damit ich nicht vergeh.

Bassanio (öffnet das bleierne Kästchen). Was find ich hier? Der schönen Porzia Bildnis? Welcher Halbgott Kam so der Schöpfung nah? Regt sich dies Auge? Wie, oder schwebend auf des meinen Wölbung, Scheint es bewegt? Hier sind erschloßne Lippen, Die Nektarodem trennt: so süße Scheidung Muß zwischen solchen süßen Freunden sein. Der Maler spielte hier in ihrem Haar, Die Spinne wob ein Netz, der Männer Herzen Zu fangen wie die Mück im Spinngeweb. Doch ihre Augen--o wie konnt er sehn, Um sie zu malen? Da er eins gemalt, Dünkt mich, es mußt ihm seine beiden stehlen Und ungepaart sich lassen. Doch seht, soweit Die Wahrheit meines Lobes diesem Schatten Zu nahe tut, da es ihn unterschätzt, Soweit läßt diesen Schatten hinter sich Die Wahrheit selbst zurück.--Hier ist der Zettel, Der Inbegriff und Auszug meines Glücks. "Ihr, der nicht auf Schein gesehn: Wählt so recht und trefft so schön! Weil Euch dieses Glück geschehn, Wollet nicht nach anderm gehn. Ist Euch dies nach Wunsch getan Und findt Ihr Heil auf dieser Bahn, Müßt Ihr Eurer Liebsten nahn, Und sprecht mit holdem Kuß sie an." Ein freundlich Blatt--erlaubt, mein holdes Leben,

(er küßt sie)

Ich komm, auf Schein zu nehmen und zu geben, Wie, wer um einen Preis mit andern ringt Und glaubt, daß vor dem Volk sein Tun gelingt; Er hört den Beifall, Jubel schallt zum Himmel: Im Geist benebelt, staunt er--"Dies Getümmel Des Preises", fragt er sich, "gilt es denn mir?" So, dreimal holdes Fräulein, steh ich hier, Noch zweifelnd, ob kein Trug mein Auge blend't, Bis Ihr bestätigt, zeichnet, anerkennt.