Der Kaufmann von Venedig

Chapter 2

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Antonio. Ei, fürchte nichts! Ich werde nicht verfallen; Schon in zwei Monden, einen Monat früher Als die Verschreibung fällig, kommt gewiß Zehnfältig der Betrag davon mir ein.

Shylock. O Vater Abraham! über diese Christen, Die eigne Härte anderer Gedanken Argwöhnen lehrt! Ich bitt Euch, sagt mir doch Versäumt er seinen Tag, was hätt ich dran, Die mir verfallne Buße einzutreiben? Ein Pfund von Menschenfleisch, von einem Menschen Genommen, ist so schätzbar, auch so nutzbar nicht Als Fleisch von Schöpsen, Ochsen, Ziegen. Seht, Ihm zu Gefallen biet ich diesen Dienst: Wenn er ihn annimmt, gut; wo nicht, lebt wohl! Und, bitt Euch, kränkt mich nicht für meine Liebe.

Antonio. Ja, Shylock, ich will diesen Schein dir zeichnen.

Shylock. So trefft mich gleich im Hause des Notars, Gebt zu dem lustgen Schein ihm Anweisung; Ich gehe, die Dukaten einzusacken, Nach meinem Haus zu sehn, das in der Hut Von einem lockern Buben hinterblieb, Und will im Augenblicke bei Euch sein.

Antonio. So eil dich, wackrer Jude.--

(Shylock ab.)

Der Hebräer Wird noch ein Christ; er wendet sich zur Güte.

Bassanio. Ich mag nicht Freundlichkeit bei tückischem Gemüte.

Antonio. Kommt nur! Hiebei kann kein Bedenken sein, Längst vor der Zeit sind meine Schiff herein.

(Ab.)

Zweiter Aufzug

Erste Szene

Belmont. Ein Zimmer in Porzias Hause

(Trompetenstoß. Der Prinz von Marokko und sein Zug; Porzia, Nerissa und andre von ihrem Gefolge treten auf)

Marokko. Verschmähet mich ob meiner Farbe nicht, Die schattige Livrei der lichten Sonne, Die mich als nahen Nachbar hat gepflegt. Bringt mir den schönsten Mann, erzeugt im Norden, Wo Phöbus' Glut kaum schmelzt des Eises Zacken, Und ritzen wir uns Euch zulieb die Haut, Wes Blut am rötsten ist, meins oder seins. Ich sag Euch, Fräulein, dieses mein Gesicht Hat Tapfre schon geschreckt; bei meiner Liebe schwör ich, Die edlen Jungfraun meines Landes haben Es auch geliebt; ich wollte diese Farbe Nicht anders tauschen, als um Euren Sinn Zu stehlen, meine holde Königin.

Porzia. Bei meiner Wahl lenkt mich ja nicht allein Die zarte Fordrung eines Mädchenauges; Auch schließt das Los, woran mein Schicksal hängt, Mich von dem Recht des freien Wählens aus. Doch, hätte mich mein Vater nicht beengt, Mir auferlegt durch seinen Willen, dem Zur Gattin mich zu geben, welcher mich Auf solche Art gewinnt, wie ich Euch sagte: Ihr hättet gleichen Anspruch, großer Prinz, Mit jedem Freier, den ich sah bis jetzt, Auf meine Neigung.

Marokko. Habt auch dafür Dank. Drum führt mich zu den Kästchen, daß ich gleich Mein Glück versuche. Bei diesem Säbel, der Den Sophi schlug und einen Perserprinz, Der dreimal Sultan Soliman besiegt: Die wildsten Augen wollt ich überblitzen, Das kühnste Herz auf Erden übertrotzen, Die Jungen reißen von der Bärin weg, Ja, wenn er brüllt nach Raub, den Löwen höhnen, Dich zu gewinnen, Fräulein! Aber ach! Wenn Herkules und Lichas Würfel spielen, Wer tapfrer ist, so kann der beßre Wurf Durch Zufall kommen aus der schwächern Hand; So unterliegt Alcides seinem Knaben, Und so kann ich, wenn blindes Glück mich führt, Verfehlen, was dem minder Würdgen wird, Und Grames sterben.

Porzia. Ihr müßt Eur Schicksal nehmen, Es überhaupt nicht wagen, oder schwören, Bevor Ihr wählet, wenn Ihr irrig wählt, In Zukunft nie mit irgendeiner Frau Von Eh zu sprechen: also seht Euch vor!

Marokko. Ich will's auch nicht, kommt, bringt mich zur Entscheidung.

Porzia. Vorher zum Tempel; nach der Mahlzeit mögt Ihr Das Los versuchen.

Marokko. Gutes Glück also! Bald über alles elend oder froh.

(Alle ab.)

Zweite Szene

Venedig. Eine Straße

(Lanzelot Gobbo kommt)

Lanzelot. Sicherlich, mein Gewissen läßt mir's zu, von diesem Juden, meinem Herrn, wegzulaufen. Der böse Feind ist mir auf der Ferse und versucht mich und sagt zu mir: "Gobbo, Lanzelot Gobbo, guter Lanzelot", oder "Guter Gobbo", oder "Guter Lanzelot Gobbo, brauch deine Beine, reiß aus, lauf davon." Mein Gewissen sagt: "Nein, hüte dich, ehrlicher Lanzelot; hüte dich, ehrlicher Gobbo"; oder, wie obgemeldet, "ehrlicher Lanzelot Gobbo; lauf nicht, laß das Ausreißen bleiben." Gut, der überaus herzhafte Feind heißt mich aufpacken; "Marsch!" sagt der Feind; "fort!" sagt der Feind; "um des Himmels willen! faß dir ein wackres Herz", sagt der Feind, "und lauf". Gut, mein Gewissen hängt sich meinem Herzen um den Hals und sagt sehr weislich zu mir: "Mein ehrlicher Freund Lanzelot, da du eines ehrlichen Mannes Sohn bist", oder vielmehr eines ehrlichen Weibes Sohn; denn die Wahrheit zu sagen, mein Vater hatte einen kleinen Beigeschmack, er war etwas ansäuerlich.--Gut, mein Gewissen sagt: "Lanzelot, weich und wanke nicht!"--"Weiche", sagt der Feind; "wanke nicht", sagt mein Gewissen. "Gewissen", sage ich, "dein Rat ist gut"; "Feind", sage ich, "dein Rat ist gut". Lasse ich mich durch mein Gewissen regieren, so bleibe ich bei dem Juden, meinem Herrn, der, Gott sei mir gnädig! eine Art von Teufel ist. Laufe ich von dem Juden weg, so lasse ich mich durch den bösen Feind regieren, der, mit Respekt zu sagen, der Teufel selber ist. Gewiß, der Jude ist der wahre eingefleischte Teufel, und, auf mein Gewissen, mein Gewissen ist gewissermaßen ein hartherziges Gewissen, daß es mir raten will, bei dem Juden zu bleiben. Der Feind gibt mir einen freundschaftlichen Rat; ich will laufen, Feind! meine Fersen stehen dir zu Gebote, ich will laufen.

(Der alte Gobbo kommt mit einem Korbe.)

Gobbo. Musje, junger Herr, Er da, sei Er doch so gut: wo gehe ich wohl zu des Herrn Juden seinem Hause hin?

Lanzelot (beiseite). O Himmel! mein eheleiblicher Vater, der zwar nicht pfahlblind, aber doch so ziemlich stockblind ist und mich nicht kennt. Ich will mir einen Spaß mit ihm machen.

Gobbo. Musje, junger Herr, sei Er so gut: wo gehe ich zu des Herrn Juden seinem Hause hin?

Lanzelot. Schlagt Euch rechter Hand an der nächsten Ecke, aber bei der allernächsten Ecke linker Hand; versteht, bei der ersten nächsten Ecke schlagt Euch weder rechts noch links, sondern dreht Euch schnurgerade aus nach des Juden seinem Hause herum.

Gobbo. Potz Wetterchen, das wird ein schlimmer Weg zu finden sein. Könnt Ihr mir nicht sagen, ob ein gewisser Lanzelot, der sich bei ihm aufhält, sich bei ihm aufhält oder nicht?

Lanzelot. Sprecht Ihr vom jungen Monsieur Lanzelot?

(Beiseite.)

Nun gebt Achtung, nun will ich loslegen.--Sprecht Ihr vom jungen Monsieur Lanzelot?

Gobbo. Kein Monsieur, Herr, sondern eines armen Mannes Sohn. Sein Vater, ob ich es schon sage, ist ein herzlich armer Mann und, Gott sei Dank, recht wohlauf.

Lanzelot. Gut, sein Vater mag sein, was er will; hier ist die Rede vom jungen Monsieur Lanzelot.

Gobbo. Eurem gehorsamen Diener und Lanzelot, Herr.

Lanzelot. Ich bitte Euch demnach, alter Mann, demnach ersuche ich Euch: sprecht Ihr vom jungen Monsieur Lanzelot?

Gobbo. Von Lanzelot, wenn's Eur Gnaden beliebt.

Lanzelot. Demnach Monsieur Lanzelot. Sprecht nicht von Monsieur Lanzelot, Vater; denn der junge Herr ist (vermöge der Schickungen und Verhängnisse und solcher wunderlichen Redensarten, der drei Schwestern und dergleichen Fächern der Gelahrtheit) in Wahrheit Todes verblichen oder, um es rund herauszusagen, in die Ewigkeit gegangen.

Gobbo. Je, da sei Gott vor! Der Junge war so recht der Stab meines Alters, meine beste Stütze.--

Lanzelot. Seh ich wohl aus wie ein Knittel oder wie ein Zaunpfahl, wie ein Stab oder eine Stütze?--Kennt Ihr mich, Vater?

Gobbo. Ach du liebe Zeit, ich kenne Euch nicht, junger Herr; aber ich bitte Euch, sagt mir, ist mein Junge--Gott hab ihn selig!--lebendig oder tot?

Lanzelot. Kennt Ihr mich nicht, Vater?

Gobbo. Lieber Himmel! ich bin ein alter blinder Mann, ich kenne Euch nicht.

Lanzelot. Nun wahrhaftig, wenn Ihr auch Eure Augen hättet, so könntet Ihr mich doch wohl nicht kennen; das ist ein weiser Vater, der sein eignes Kind kennt. Gut, alter Mann, ich will Euch Nachricht von Eurem Sohne geben. Gebt mir Euren Segen! Wahrheit muß ans Licht kommen. Ein Mord kann nicht lange verborgen bleiben, eines Menschen Sohn kann's; aber zuletzt muß die Wahrheit heraus.

Gobbo. Ich bitte Euch, Herr, steht auf, ich bin gewiß, Ihr seid mein junge Lanzelot nicht.

Lanzelot. Ich bitte Euch, laßt uns weiter keine Possen damit treiben, sondern gebt mir Euern Segen. Ich bin Lanzelot, Euer Junge, der da war, Euer Sohn, der da ist, Euer Kind, das da sein wird.

Gobbo. Ich kann mir nicht denken, daß Ihr mein Sohn seid.

Lanzelot. Ich weiß nicht, was ich davon denken soll; aber ich bin Lanzelot, des Juden Diener, und ich bin gewiß, Margrete, Eure Frau, ist meine Mutter.

Gobbo. Ganz recht, ihr Name ist Margrete; ich will einen Eid tun, wenn du Lanzelot bist, so bist du mein eigen Fleisch und Blut. Gott im Himmelsthrone! was hast du für einen Bart gekriegt?--Du hast mehr Haar am Kinne, als mein Karrengaul Fritz am Schwanze hat.

Lanzelot. Je, so läßt's ja, als ob Fritz sein Schwanz rückwärts wüchse; ich weiß doch, er hatte mehr Haar im Schwanze als im Gesicht, da ich ihn das letztemal sah.

Gobbo. Herrje, wie du dich verändert hast! Wie verträgst du dich mit deinem Herrn? Ich bringe ihm ein Präsent; nun, wie vertragt ihr euch?

Lanzelot. Gut, gut! aber für meine Person, da ich mich darauf gesetzt habe, davonzulaufen, so will ich mich nicht eher niedersetzen, als bis ich ein Stück Weges gelaufen bin. Mein Herr ist ein rechter Jude; ihm ein Präsent geben! Einen Strick gebt ihm. Ich bin ausgehungert in seinem Dienst; Ihr könnt jeden Finger, den ich habe, mit meinen Rippen zählen. Vater, ich bin froh, daß Ihr gekommen seid. Gebt mir Euer Präsent für einen gewissen Herrn Bassanio, der wahrhaftig prächtige neue Livreien gibt. Komme ich nicht bei ihm in Dienst, so will ich laufen, soweit Gottes Erdboden reicht. Welch ein Glück! da kommt er selbst. Macht Euch an ihn, Vater, denn ich will ein Jude sein, wenn ich bei dem Juden länger diene. (Bassanio kommt mit Leonardo und andern Begleitern.)

Bassanio. Das könnt Ihr tun--aber seid so bei der Hand, daß das Abendessen spätestens um fünf Uhr fertig ist. Besorgt diese Briefe, gebt diese Livreien in Arbeit und bittet Graziano, sogleich in meine Wohnung zu kommen.

(Ein Bedienter ab.)

Lanzelot. Macht Euch an ihn, Vater?

Gobbo. Gott segne Euer Gnaden!

Bassanio. Großen Dank! Willst du was von mir?

Gobbo. Da ist mein Sohn, Herr, ein armer Junge--

Lanzelot. Kein armer Junge, Herr, sondern des reichen Juden Diener, der gerne möchte, wie mein Vater spezifizieren wird--

Gobbo. Er hat, wie man zu sagen pflegt, eine große Deklination zu dienen--

Lanzelot. Wirklich, das Kurze und das Lange von der Sache ist: ich diene dem Juden und trage Verlangen, wie mein Vater spezifizieren wird--

Gobbo. Sein Herr und er (mit Respekt vor Euer Gnaden zu sagen) vertragen sich wie Katzen und Hunde--

Lanzelot. Mit einem Worte, die reine Wahrheit ist, daß der Jude, da er mir Unrecht getan, mich nötigt, wie mein Vater, welcher, so Gott will, ein alter Mann ist, notifizieren wird--

Gobbo. Ich habe hier ein Gericht Tauben, die ich bei Euer Gnaden anbringen möchte, und mein Gesuch ist--

Lanzelot. In aller Kürze, das Gesuch interzediert mich selbst, wie Euer Gnaden von diesem ehrlichen alten Mann hören werden, der, obschon ich es sage, obschon ein alter Mann, doch ein armer Mann und mein Vater ist.

Bassanio. Einer spreche für beide. Was wollt Ihr?

Lanzelot. Euch dienen, Herr.

Gobbo. Ja, das wollten wir Euch gehorsamst opponieren.

Bassanio. Ich kenne dich, die Bitt ist dir gewährt; Shylock, dein Herr, hat heut mit mir gesprochen Und dich empfohlen; wenn's empfehlenswert, Aus eines reichen Juden Dienst zu gehn, Um einem armen Edelmann zu folgen.

Lanzelot. Das alte Sprichwort ist recht schön verteilt zwischen meinem Herrn Shylock und Euch, Herr: Ihr habt die Gnade Gottes, und er hat genug.

Bassanio. Du triffst es; Vater, geh mit deinem Sohn. Nimm Abschied erst von deinem alten Herrn Und frage dich nach meiner Wohnung hin.

(Zu seinen Begleitern.)

Ihr, gebt ihm eine nettere Livrei Als seinen Kameraden; sorgt dafür!

Lanzelot. Kommt her, Vater.--Ich kann keinen Dienst kriegen; nein! ich habe gar kein Mundwerk am Kopfe.--Gut!--

(Er besieht seine flache Hand.)

Wenn einer in ganz Italien eine schönere Tafel hat, damit auf die Schrift zu schwören--Ich werde gut Glück haben; ohne Umstände, hier ist eine ganz schlechte Lebenslinie; hier ist 'ne Kleinigkeit an Frauen. Ach, fünfzehn Weiber sind nichts! elf Witwen und neun Mädchen ist ein knappes Auskommen für (einen) Mann. Und dann, dreimal ums Haar zu ersaufen und mich an der Ecke eines Federbettes beinah tot zu stoßen--das heiße ich gut davonkommen! Gut, wenn Glück ein Weib ist, so ist sie doch eine gute Dirne mit ihrem Kram.--Kommt, Vater, ich nehme in (einem) Umsehn von dem Juden Abschied.

(Lanzelot und der alte Gobbo ab.)

Bassanio. Tu das, ich bitt dich, guter Leonardo; Ist dies gekauft und ordentlich besorgt, Komm schleunig wieder; denn zur Nacht bewirt ich Die besten meiner Freunde; eil dich, geh!

Leonardo. Verlaßt Euch auf mein eifrigstes Bemühn.

(Graziano kommt.)

Graziano. Wo ist dein Herr?

Leonardo. Er geht da drüben, Herr.

(Leonardo ab.)

Graziano. Signor Bassanio!

Bassanio. Graziano!

Graziano. Ich habe ein Gesuch an Euch.

Bassanio. Ihr habt es schon erlangt.

Graziano. Ihr müßt mir's nicht weigern; ich muß mit Euch nach Belmont gehen.

Bassanio. Nun ja, so müßt Ihr--aber hör, Graziano, Du bist zu wild, zu rauh, zu keck im Ton: Ein Wesen, welches gut genug dir steht Und Augen wie den unsern nicht mißfällt. Doch wo man dich nicht kennt, ja, da erscheint Es allzufrei; drum nimm dir Müh und dämpfe Mit ein paar kühlen Tropfen Sittsamkeit Den flüchtgen Geist, daß ich durch deine Wildheit Dort nicht mißdeutet werd und meine Hoffnung Zugrunde geht.

Graziano. Signor Bassanio, hört mich: Wenn ich mich nicht zu feinem Wandel füge, Mit Ehrfurcht red und dann und wann nur fluche, Gebetbuch in der Tasche, Kopf geneigt; Ja, selbst beim Tischgebet so vors Gesicht Den Hut mir halt und seufz und Amen sage; Nicht allen Brauch der Höflichkeit erfülle, Wie einer, der, der Großmama zulieb, Scheinheilig tut: so traut mir niemals mehr.

Bassanio. Nun gut, wir werden sehn, wie Ihr Euch nehmt.

Graziano. Nur heute nehm ich aus; das gilt nicht mir, Was ich heut abend tu.

Bassanio. Nein, das wär schade; Ich bitt Euch, lieber in den kecksten Farben Der Lust zu kommen; denn wir haben Freunde, Die lustig wollen sein. Lebt wohl indes, Ich habe ein Geschäft.

Graziano. Und ich muß zu Lorenzo und den andern, Doch auf den Abend kommen wir zu Euch.

(Alle ab.)

Dritte Szene

Ein Zimmer in Shylocks Hause

(Jessica und Lanzelot kommen)

Jessica. Es tut mir leid, daß du uns so verläßt; Dies Haus ist Hölle, und du, ein lustger Teufel, Nahmst ihm ein Teil von seiner Widrigkeit. Doch lebe wohl; da hast du 'nen Dukaten! Und, Lanzelot, du wirst beim Abendessen Lorenzo sehn als Gast von deinem Herrn. Dann gib ihm diesen Brief, tu es geheim; Und so leb wohl, daß nicht etwa mein Vater Mich mit dir reden sieht.

Lanzelot. Adieu!--Tränen müssen meine Zunge vertreten, allerschönste Heidin! allerliebste Jüdin! Wenn ein Christ nicht zum Schelm an dir wird, und dich bekommt, so trügt mich alles. Aber adieu! Diese törichten Tropfen erweichen meinen männlichen Mut allzusehr.

(Ab.)

Jessica. Leb wohl, du Guter! Ach wie gehässig ist es nicht von mir, Daß ich des Vaters Kind zu sein mich schäme; Doch, bin ich seines Blutes Tochter schon, Bin ich's nicht seines Herzens. O Lorenzo, Hilf mir dies lösen! treu dem Worte bleib! So werd ich Christin und dein liebend Weib.

(Ab.)

Vierte Szene

Eine Straße

(Graziano, Lorenzo, Salarino und Solanio treten auf)

Lorenzo. Nun gut, wir schleichen weg vom Abendessen, Verkleiden uns in meinem Haus und sind In einer Stunde alle wieder da.

Graziano. Wir haben uns nicht recht darauf gerüstet.

Salarino. Auch keine Fackelträger noch bestellt.

Solanio. Wenn es nicht zierlich anzuordnen steht, So ist es nichts und unterbliebe besser.

Lorenzo. 's ist eben vier; wir haben noch zwei Stunden Zur Vorbereitung.

(Lanzelot kommt mit einem Briefe.)

Freund Lanzelot, was bringst du?

Lanzelot. Wenn's Euch beliebt, dies aufzubrechen, so wird es gleichsam andeuten.

Lorenzo. Ich kenne wohl die Hand; ja, sie ist schön; Und weißer als das Blatt, worauf sie schrieb, Ist diese schöne Hand.

Graziano. Auf meine Ehre, eine Liebesbotschaft.

Lanzelot. Mit Eurer Erlaubnis, Herr.

Lorenzo. Wo willst du hin?

Lanzelot. Nun, Herr, ich soll meinen alten Herrn, den Juden, zu meinem neuen Herrn, dem Christen, auf heute zum Abendessen laden.

Lorenzo. Da nimm dies; sag der schönen Jessica, Daß ich sie treffen will.--Sag's heimlich! geh;

(Lanzelot ab.)

Ihr Herrn, Wollt ihr euch zu dem Maskenzug bereiten? Ich bin versehn mit einem Fackelträger.

Salarino. Ja, auf mein Wort, ich gehe gleich danach.

Solanio. Das will ich auch.

Lorenzo. Trefft mich und Graziano. In einer Stund in Grazianos Haus.

Salarino. Gut das, es soll geschehn.

(Salarino und Solanio ab.)

Graziano. Der Brief kam von der schönen Jessica?

Lorenzo. Ich muß dir's nur vertraun: sie gibt mir an, Wie ich sie aus des Vaters Haus entführe; Sie sei versehn mit Gold und mit Juwelen, Ein Pagenanzug liege schon bereit. Kommt je der Jud, ihr Vater, in den Himmel, So ist's um seiner holden Tochter willen; Und nie darf Unglück in den Weg ihr treten, Es müßte denn mit diesem Vorwand sein, Daß sie von einem falschen Juden stammt. Komm, geh mit mir und lies im Gehn dies durch; Mir trägt die schöne Jessica die Fackel.

(Beide ab.)

Fünfte Szene

Vor Shylocks Hause

(Shylock und Lanzelot kommen)

Shylock. Gut, du wirst sehn mit deinen eignen Augen Des alten Shylocks Abstand von Bassanio. He, Jessica!--Du wirst nicht voll dich stopfen, Wie du bei mir getan--He, Jessica!-- Und liegen, schnarchen, Kleider nur zerreißen-- He, sag ich, Jessica!

Lanzelot. He, Jessica!

Shylock. Wer heißt dich schrein? Ich hab's dir nicht geheißen.

Lanzelot. Euer Edlen pflegten immer zu sagen, ich könnte nichts ungeheißen tun.

(Jessica kommt.)

Jessica. Ruft Ihr? Was ist Euch zu Befehl?

Shylock. Ich bin zum Abendessen ausgebeten. Da hast du meine Schlüssel, Jessica. Zwar weiß ich nicht, warum ich geh; sie bitten Mich nicht aus Liebe, nein, sie schmeicheln mir; Doch will ich gehn aus Haß, auf den Verschwender Von Christen zehren.--Jessica, mein Kind, Acht auf mein Haus!--Ich geh recht wider Willen. Es braut ein Unglück gegen meine Ruh, Denn diese Nacht träumt ich von Säcken Geldes.

Lanzelot. Ich bitte Euch, Herr, geht; mein junger Herr erwartet Eure Zukunft.

Shylock. Ich seine auch.

Lanzelot. Und sie haben sich verschworen.--Ich sage nicht, daß Ihr eine Maskerade sehen sollt; aber wenn Ihr eine seht, so war es nicht umsonst, daß meine Nase an zu bluten fing, auf den letzten Ostermontag des Morgens um sechs Uhr, der das Jahr auf den Tag fiel, wo vier Jahre vorher nachmittags Aschermittwoch war.

Shylock. Was? gibt es Masken? Jessica, hör an: Verschließ die Tür, und wenn du Trommeln hörst Und das Gequäk der quergehalsten Pfeife, So klettre mir nicht an den Fenstern auf; Steck nicht den Kopf hinaus in offne Straße, Nach Christennarren mit bemaltem Antlitz Zu gaffen; stopfe meines Hauses Ohren-- Die Fenster, mein ich--zu und laß den Schall Der albern' Geckerei nicht dringen in Mein ehrbar Haus. Bei Jakobs Stabe schwör ich: Ich habe keine Lust, zu Nacht zu schmausen; Doch will ich gehn.--Du Bursch, geh mir voran; Sag, daß ich komme.

Lanzelot. Herr, ich will vorangehn. Guckt nur am Fenster, Fräulein, trotz dem allem; Denn vorbeigehn wird ein Christ, Wert, daß ihn 'ne Jüdin küßt.

(Ab.)

Shylock. Was sagt der Narr von Hagars Stamme? he?

Jessica. Sein Wort war: "Fräulein, lebet wohl"--sonst nichts.

Shylock. Der Laff ist gut genug, jedoch ein Fresser, 'ne Schnecke zum Gewinn und schläft bei Tag Mehr als das Murmeltier; in meinem Stock Baun keine Drohnen; drum laß ich ihn gehn Und laß ihn gehn zu einem, dem er möge Den aufgeborgten Beutel leeren helfen. Gut, Jessica, geh nun ins Haus hinein, Vielleicht komm ich im Augenblicke wieder. Tu, was ich dir gesagt, schließ hinter dir Die Türen; fest gebunden, fest gefunden, Das denkt ein guter Wirt zu allen Stunden.

(Ab.)

Jessica. Lebt wohl, und denkt das Glück nach meinem Sinn, Ist mir ein Vater, Euch ein Kind dahin.

(Ab.)

Sechste Szene

Ebendaselbst

(Graziano und Salarino kommen maskiert)

Graziano. Dies ist das Vordach, unter dem Lorenzo Uns haltzumachen bat.

Salarino. Die Stund ist fast vorbei.

Graziano. Und Wunder ist es, daß er sie versäumt; Verliebte laufen stets der Uhr voraus.

Salarino. O zehnmal schneller fliegen Venus' Tauben, Den neuen Bund der Liebe zu versiegeln, Als sie gewohnt sind, unverbrüchlich auch Gegebne Treu zu halten.

Graziano. So geht's in allem; wer steht auf vom Mahl Mit gleicher Eßlust, als er niedersaß? Wo ist das Pferd, das seine lange Bahn Zurückmißt mit dem ungedämpften Feuer, Womit es sie betreten? Jedes Ding Wird mit mehr Trieb erjaget als genossen. Wie ähnlich einem Wildfang und Verschwender Eilt das beflaggte Schiff aus heimscher Bucht, Geliebkost und gehetzt vom Buhler Wind! Wie ähnlich dem Verschwender kehrt es heim, Zerlumpt die Segel, Rippen abgewittert, Kahl, nackt, geplündert von dem Buhler Wind!

(Lorenzo tritt auf.)

Salarino. Da kommt Lorenzo, mehr hievon nachher.

Lorenzo. Entschuldigt, Herzensfreunde, den Verzug: Nicht ich, nur mein Geschäft hat warten lassen. Wenn ihr den Dieb um Weiber spielen wollt, Dann wart ich auch so lang auf euch.--Kommt näher! Hier wohnt mein Vater Jude--He! wer da?

(Jessica oben am Fenster in Knabentracht.)

Jessica. Wer seid Ihr? sagt's zu mehrer Sicherheit, Wiewohl ich schwör, ich kenne Eure Stimme.

Lorenzo. Lorenzo und dein Liebster.

Jessica. Lorenzo sicher, und mein Liebster, ja! Denn wen lieb ich so sehr? Und nun, wer weiß Als Ihr, Lorenzo, ob ich Eure bin?

Lorenzo. Der Himmel und dein Sinn bezeugen dir's.

Jessica. Hier, fang dies Kästchen auf, es lohnt die Müh. Gut, daß es Nacht ist, daß Ihr mich nicht seht, Denn ich bin sehr beschämt von meinem Tausch; Doch Lieb ist blind, Verliebte sehen nicht Die artgen Kinderein, die sie begehen; Denn könnten sie's, Cupido würd erröten, Als Knaben so verwandelt mich zu sehn.

Lorenzo. Kommt, denn Ihr müßt mein Fackelträger sein.

Jessica. Was? muß ich selbst noch leuchten meiner Schmach? Sie liegt fürwahr schon allzusehr am Tage. Ei, Lieber, 's ist ein Amt zum kundbar machen; Ich muß verheimlicht sein.

Lorenzo. Das bist du, Liebe, Im hübschen Anzug eines Knaben schon. Doch komm sogleich, Die finstre Nacht stiehlt heimlich sich davon; Wir werden bei Bassanios Fest erwartet.

Jessica. Ich mach die Türen fest, vergülde mich Mit mehr Dukaten noch und bin gleich bei Euch.

(Tritt zurück.)

Graziano. Nun! auf mein Wort! 'ne Göttin, keine Jüdin.

Lorenzo. Verwünscht mich, wenn ich sie nicht herzlich liebe; Denn sie ist klug, wenn ich mich drauf verstehe, Und schön ist sie, wenn nicht mein Auge trügt, Und treu ist sie, so hat sie sich bewährt. Drum sei sie, wie sie ist, klug, schön und treu, Mir in beständigem Gemüt verwahrt.

(Jessica kommt heraus.) Nun bist du da?--Ihr Herren, auf und fort! Der Maskenzug erwartet schon uns dort.

(Ab mit Jessica und Salarino.)

(Antonio tritt auf.)

Antonio. Wer da?

Graziano. Signor Antonio.

Antonio. Ei, ei, Graziano, wo sind all die andern? Es ist neun Uhr, die Freund erwarten Euch. Kein Tanz zur Nacht, der Wind hat sich gedreht, Bassanio will im Augenblick an Bord; Wohl zwanzig Boten schickt ich aus nach Euch.

Graziano. Mir ist es lieb, nichts kann mich mehr erfreun, Als unter Segel gleich die Nacht zu sein.

(Beide ab.)

Siebente Szene

Belmont. Ein Zimmer in Porzias Hause

(Trompetenstoß. Porzia und der Prinz von Marokko treten auf, beide mit Gefolge)

Porzia. Geht, zieht beiseit den Vorhang und entdeckt Die Kästchen sämtlich diesem edlen Prinzen.-- Trefft Eure Wahl nunmehr.