Der Kalendermann vom Veitsberg: Eine Erzählung für das Volk

Chapter 7

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»Fälschung einer Urkunde?« sagte die Frau und ging einen Schritt zurück, um eben so schnell wieder vor den Herrn Rath hinzutreten; »Fälschung einer Urkunde?« fragte sie noch einmal. »Wie, Herr Rath, nicht wahr, die Roßkaut' an der Lahnbrücke ist tief, und hat noch Niemand Grund in ihr gefunden, und stirbt jeder Christenmensch gerne eines seligen Todes auf seinem Bette; aber seht, Herr Rath, ich Barbara Lindin, des seligen Matthes Lind vom Tiefenweg eheliche Hausfrau, will mit gleichen Füßen von der Lahnbrücke herab in die Roßkaut' springen, meintwegen an jedem Bein noch einen Stein wie die Löwen auf dem Marktbrunnen, wenn der Herr Justus ein Fälscher ist. Der Herr Justus ein Fälscher; ei, Herr Rath, fließt auch aus einer Quelle süßes und salziges Wasser zugleich, und tragen die Weinstöcke auch Distelköpfe? Und wer sieben Jahre lang kein Kind geärgert, und im Schweiße seines Angesichtes sein Brod gegessen hat, und mit dem Abendsegen in's Bett gegangen und mit gottseligen Gedanken aufgestanden ist, der soll der Diebe und Lotterbuben Geselle werden? Sucht die Spitzbuben unter den Müßiggängern und Tagdieben, unter den Säufern und Spielern, aber sucht sie nicht in meinem Hause; solche Unzucht dulde ich nicht, die thut auch der Herr Justus nun und nimmermehr. Der und betrügen, der und fälschen! Wo hätte er denn den Sündenlohn! Was er einnimmt, das gibt er mir für Hausmiethe, Wasche und Kost und hat nicht immer die Kasse voll, sondern viel öfter leer. Traut ihr ihm aber mit Gewalt etwas Arges zu, so seht in seine Schreibereien hinein; da steht Alles, was er treibt und thut, ich glaube schier, sogar was er denkt. Nicht daß ich's schon gesehen hätte, denn ich kann Geschriebenes nicht sonderlich lesen; auch schickte sich das Spioniren in fremder Leute Stuben nicht; sondern der Herr Justus hat mir selber gesagt, daß er aufschreibe, was ihm geschieht im Leben, damit er immer sehen könne, wie gut ihn der liebe Gott geführt und ob er zu- oder abgenommen.«

Ein Anderer an des Herrn Raths Stelle hätte der Frau ob ihrer freien Rede kein freundlich Gesicht gemacht, hätte sie wohl mit harten Worten angelassen. Aber das that der Herr Rath nicht, denn einmal war er ein gar feiner, liebreicher Mann, und mäßigte als ein Vernünftiger seine Rede, und dann kannte er die Weise der Frau Lindin gar genau, wie sie die ganze Stadt kannte; er wußte, daß ihre Rede zwar nicht immer wie Honig war, daß ihr Herz aber ein warmes, treues Christenherz sei, voll Liebe zu Gott und voll Treue gegen die Menschen.

Wohl kannten dich noch Mehrere so, du gute, alte Lindin. Noch leben Etliche, denen ihre Aeltern von der treuherzigen, oft etwas derben Weise der alten Lindin erzählt haben, und wie sie als uraltes Mütterchen, auf ihren Stock gestützt, die Kranken und Sterbenden besucht, und mit dem Verdienst Jesu Christi getröstet und aufgerichtet habe. Dabei immer noch der Wille so fest, der Abscheu gegen die Alltagssünde so scharf und scheltend, das Auge so klar und feurig, die Rede so tief und feierlich, und das Herz in der Brust so warm. So mein' ich, müßte Hanna gewesen sein, die auf den Trost Israel's wartete, und mit Simeon den Herrn preisete, daß ihre Augen den Heiland gesehen hatten.

Als sie der Herr Rath Laupus nun mit freundlichen Worten ermahnet, sich zu geduldigen, weil die Sache bald sich endigen würde und sie entlassen hatte, da ging er nachdenkend in der Stube auf und ab. Und während die alte Lindin die Hauptwache aufsuchte, um sich nach dem Befinden ihres Schützlings zu erkundigen, und ihm durch den Corporal Scheuermann ein freundlich Trosteswort sagen zu lassen, da nahm der Herr Rath die Papiere vor sich, die aus der Wohnung des Justus waren mitgenommen worden, und begann darin zu lesen. Was ihm zuerst in's Auge fiel, das waren Arbeiten, in verschiedenen fremden Sprachen geschrieben, die er für Studenten und Doctoren gemacht, die gerne durch's Examen hatten kommen wollen, ohne sich selbst eine sonderliche Mühe zu machen; und war manche Arbeit dabei, die bereits dem, der sich nicht gescheut, mit fremdem Kalbe zu pflügen, einen Doctorhut, dem armen Justus aber nur wenige Gulden eingebracht hatte. Da lagen weiter Abarbeitungen, so groß wie Bücher und so sauber gearbeitet, daß man sie gleich hätte dem Drucker übergeben können; und was drinnen stand, das verrieth, wie treu der Kandidat Justus den Rath des alten Köhlers im Walde bei Blankenau befolgt habe; denn die Schriften handelten von der Sternwissenschaft und waren mit feinen Zeichnungen versehen, also daß man jeglichen Stern, der Nachts am Himmel steht, auf dem Papiere verzeichnet fand. Dabei lagen fromme Betrachtungen über einzelne Texte aus heiliger Schrift, Gebetlein voll Saft und Kraft, und Lieder, wie sie der singt, deß' Herz dem Heiland anhängt, und dem Gott die Zunge des Geistes gelöst hat, daß er in frommen Weisen seine Thaten preisen kann. Was aber besonders den Herrn Rath viele Stunden auf seinem Stuhle festhielt, und nicht müde werden ließ, das war des Justus Tagebuch. Was ihm geschehen war von frühester Jugend auf; wie er die Aeltern geliebt, wie er Gott und den Heiland in seiner treuen Führung erkannt, wie er Dorothe, das Weib seiner Jugend gefunden, und was er seitdem gelitten, aber ohne zu sagen durch wen; das stand Alles in dem Buch, so treu und fromm erzählt, ohne Hoffarth und Eitelkeit, daß dem Herrn Rath bei'm Lesen mehr wie einmal die Augen übergingen und er ausrief: »Ach Gott, warum hast du mir keinen solchen Sohn gegeben!« Denn sein Vaterherz war gedemüthigt; er hatte einen Sohn gehabt, und der war wie der verlorene Sohn im Evangelio weggegangen und noch nicht zurückgekehrt. Besonders aber zog eine Bemerkung im Tagebuch, fast am Ende desselben, seine Aufmerksamkeit auf sich. Die lautete also:

Den 12. Octobris. »Gestern zu Abend ist ein Männlein zu mir hereingekommen, das sich für einen Advokatenschreiber ausgegeben, und hat ein Documentum bei sich gehabt, auf Pergament geschrieben und mit Siegeln von Wachs versehen, die daran gehangen, begehrend, ich solle ihm das Schreiben lesen, sintemal er des Lateins nicht sonderlich erfahren. Wie ich sein Begehren erfüllt, und ihm die Urkunden verdeutscht, da hat er eine Abschrift begehrt, die ich ebenfalls in seiner Gegenwart gefertigt, und von ihm ein Ansehnliches pro labore empfangen. Darauf ist er weggegangen, aber am andern Abend um dieselbe Stunde wiedergekommen; hat gar freundlich gethan bei'm Eintreten, und mich gefragt, ob ich ein schön Stück Geld verdienen wolle? Wie ich gesagt, daß ich ein ehrlich verdientes Geld nicht von mir weise, so hat er sich an meine Seite gesetzt, das Documentum vor mir ausgebreitet und gesagt: »Schreibt mir hier auf die Stelle, die ich bereits gesäubert und geglättet habe, dieß Wort hinein, das hier auf dem Zettel steht.« Wie ich aber auf den Zettel sehe, und das Wort in den Zusammenhang hineinpasse, da ist ein ganz anderer Sinn herausgekommen, und wollte mich also dieser Verführer verleiten, daß ich sollt' zu einer gräulichen Fälschung meine Hand hergeben. Da habe ich mit dem Herrn ausgerufen: »Hebe dich weg, Satan, weißt du nicht, daß geschrieben stehet: Du sollst Gott, deinen Herrn, nicht versuchen« (Luc. 4, 12). Und zu dem Versucher sagt' ich: »Geht hinaus von mir, Mann, ehe ich euren Namen weiß, sonst möchte ich leicht an euch thun, was ich schier nicht lassen kann.« Da wich das Männlein von mir, eiferte und drohete aber gewaltig, wie der Satan allezeit thuet, wenn man ihm Gottes Wort unter Augen hält« (Jakobus 4, 7).

»Das ist also das Ende vom Lied«, rief in hoher Entrüstung der Herr Rath aus; »ein Schuldiger giebt einen Unschuldigen an, um sich zu reinigen. Doch warte Fuchs, du hast dich selbst gefangen; einem Andern hast du eine Grube gegraben und bist selbst hineingefallen. Und dieser Andere, welch' ein treues Herz, und das Herz hat leiden müssen, um eines Lotterbuben willen! Auf denn, und wieder gut gemacht, was geschehen ist, so lange es heute heißt!«

Das sagend eilte der Herr Rath sogleich auf die Hauptwache. Es war Abend und war schon zehn Uhr vorüber. Die Wache rief ihn mit vorgehaltenem Gewehre an, und erst als er sich hatte zu erkennen gegeben, ward er eingelassen. Herzklopfend öffnete ihm der Corporal Scheuermann die Stube des Gefangenen; aber wie staunte er, als der Herr Rath auf den Justus zuging, ihm, der sich verwirrt und geblendet von dem plötzlichen Lichtstrahl von seinem harten Lager aufrichtete, freundlich die Hand reichte, und in gar lieblichem Tone sprach: »Vergebt, Herr Justus, daß ich euch um des Amtes willen, das ich habe, wehe thun mußte; es ist euch Unrecht geschehen. Ein böser Bube hat euch verderben wollen, um sich selbst zu retten. Gott hat eure Unschuld an den Tag gebracht, und ich bin selber hierhergekommen, um euch eure Entlassung zu verkünden. Geht denn heim, mein lieber Justus, und ruht euch wieder einmal auf eurem Bette aus, und wie ihr bisher gethan, so haltet fest an Gott, und wisset: »Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden.« Und wie dann der Justus mit thränenden Augen dem Herrn Rath die Hand gedrückt und seinen Freund in der Noth brüderlich umarmt hatte, da ging er heim, ohne zu ahnen, wem er nächst Gott seine Erlösung zu verdanken habe. Denn wie eine Mutter ihr wiedergefundenes Kind, empfing ihn die alte Lindin, aber über ihre Zunge kam kein Wort von dem, was sie für ihn gethan. Das meint wohl der Apostel, wenn er sagt: »Die Liebe blähet sich nicht.«

Am andern Morgen mußte Justus noch einmal im Verhör erscheinen, und hier kam seine Unschuld völlig an den Tag. Der Verläumder gab nach manchen Wendungen und Winkelzügen der Wahrheit die Ehre, und ward mit der verdienten Strafe belegt. Nach dem Verhöre behielt der Herr Rath den Justus bei sich, und redete mit ihm von seinem Leben und seinen Aussichten. »Ich habe euch lieb gewonnen, Herr Justus«, sagte er zu ihm, »denn ihr habt das Joch eurer Jugend wie ein guter Streiter Christi getragen, und ich möchte gerne etwas für euch thun, damit euer späteres Leben ein froheres würde. Sagt mir darum, womit kann ich euch dienen?«

»Es gab eine Zeit in meinem Leben«, antwortete Justus, »wo ich nicht anders meinte, als Gott habe mich berufen, von der Kanzel herab seinen Namen zu verkündigen. Da ich aber 40 Jahre alt geworden bin, ohne daß er mich in seinen Weinberg gerufen hat, so will er wohl haben, ich soll mich mit einem kleineren Aemtlein und knapperen Stück Brod begnügen. Und darum hab' ich denn bisher den Herrn angefleht, und wollt ihr an mir thun, wie der Herr Christus an dem Kranken am Teich Bethesda that und mir hineinhelfen, so thut es, Herr Rath, und seid versichert, ich will mit Gottes Hülfe meines Amtes warten und eurer Empfehlung Ehre machen.« Da wischte sich der Herr Rath die Augen und sagte: »Ich bin heute schon für euch ausgewesen bei meinen guten Freunden; aber man kennt euch in diesem Landestheile nicht, und trägt darum Bedenken, euch ein Pfarramt zu übergeben, auch soll just keins in der Nähe erledigt sein. Aber da ist eine Schulmeisterstelle auf dem Veitsberg, in schöner Gegend, aber mit schmalen Mitteln, wollt ihr die zum Anfang annehmen, so läßt sich vielleicht später ein Weiteres für euch thun.«

Als ein Geschenk von Gott mit dankbarem, stillem Herzen nahm Justus das Aemtchen an, und bald zog der Candidat Justus als Präceptor, Organist und Glöckner in das kleine Schulhaus auf dem Veitsberg ein. Und es währte nicht lange, so stand er mit seiner Dorothe am Altare der Pfarrkirche zu Veitsberg, und ward über Beide unter Gebet und Segen der Spruch der Schrift ausgesprochen: »Ich will ihnen einerlei Herz geben, daß sie mich fürchten sollen ihr Leben lang, auf daß es ihnen und ihren Kindern nach ihnen wohl gehe.« Und wie der Herr Pfarrer Amen gesagt, da hieß es noch einmal: »Amen!« »Amen!« Denn als Zeugen standen am Altar die alte Lindin vom Tiefenweg zu Gießen und der Corporal Scheuermann.

8. Der Schulmeister.

»Es ist ein großer Gewinn, wer gottselig ist und lässet ihm begnügen«, sagt der Apostel, und der Herr, dem er es nachspricht, sagt, indem er uns zur Gottseligkeit und Begnügsamkeit ermuntern will: »Sehet die Vögel unter dem Himmel an, schauet die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen.« Von den Vögeln und den Blumen und der ganzen Schöpfung um uns her sollen wir lernen. So hab' ich einst in heißer Sommerzeit nicht fern von einem Brunnen gestanden; und ein Vogel kam geflogen und suchte Wasser, seinen Durst zu löschen. Wohl stand vor dem Brunnen ein steinerner Trog, aber der war leer, und der Vogel dauerte mich, daß er ungetränkt sollte weiter fliegen. Indem, so läßt er sich auf dem Rand des Troges nieder, bückt sein Köpfchen und hebt es wieder empor, und flattert singend weiter; sein Durst war gestillt. Ich trat zum Troge, und sah im Stein ein Löchlein, wie ein Fingerhut tief. Das wenige Wasser darin war für den Vogel eine Quelle der Erquickung geworden; er hatte für jetzt genug und begehrte weiter nichts. Das ist Genügsamkeit.

Wieder stand ich an einer Blume, voll Pracht und Wohlgeruch, und ein Bienlein kam geflogen, summend und suchend, und erkor sich die Blume zur Weide. Aber die Blume hatte keinen Honig, das wußte ich; wie, dacht' ich, wird sie sich da benehmen? Summend kam sie zurück aus dem Kelch, um weiter zu fliegen. Da sah sie die Staubfäden der Blume, wie sie so voll Blumenmehl hingen, daraus das Wachs bereitet wird, und sie nahm die beiden Beinlein voll, bis sie zu gelben Höslein wurden, wie der Bienenvater sagt, und flog schwer beladen heim. Du hast Honig gesucht, dacht' ich, und ihn nicht gefunden, und dich mit dem Wachs begnügt, und es heimgebracht, daß deine Reise nicht zwecklos sei. Sei mir ein Bild der Genügsamkeit!

Wer die Stimme Gottes aus der Natur vernimmt, der labt sich auch an solchen Bildern, die dem Aufmerksamen überall begegnen. Aber wie freut sich erst das Herz dessen, dem solche Bilder der Genügsamkeit im Menschenleben begegnen, oder wenn vielmehr ein einzelnes Menschenleben ein solches Bild christlicher Genügsamkeit ist. Und so war das Leben unseres Justus. Im Hause des Wohlstandes aufgewachsen, fand er sich ohne Murren in eine lange Wartezeit, in die ihn sein Gott, als in eine gute Schule der Uebung, hineinführte, und jetzt, wo die Zeit kam, die man gewöhnlich die Zeit der Ernte nennt, wo das langersehnte Amt sich aufthat, und nur ein Aemtlein war voll Sorge und mit geringem täglichem Brod, da konnte Keiner dankbarer und froher sein, als Justus. Die noch vorhandenen Blätter seines Tagebuchs zeigen uns das Bild dieses Ehrenmannes von allen Seiten und in allen Lagen. Sorge, Furcht, Hoffnung wechseln auch in seinem Herzen ab; aber vergeblich sucht man auch nur nach einer einzigen Klage über sein Loos, nach einem einzigen Wunsche, daß sein Loos ein anderes sein möge. Rührend ist es, mit welcher Innigkeit er von seinem Stande redet, wie hoch er sein Amt hält, und wie laut er Gott preist, daß er ihn habe berufen, sein Werk als christlicher Schulmeister zu treiben. O könnte ich euch, ihr Lehrer unserer Zeit, die ihr, wie Sirach sagt, an eurem Amte verzagt und es selber verunehret, weil ihr meinet, ihr wäret zu etwas Besserem bestimmt, könnte ich euch doch alle die Trost-, Saft- und Kraftsprüchlein zu Herzen führen, mit denen der Schulmeister vom Veitsberg sich sein Amt leicht und sein Leben schön machte! Doch warum sollte uns diese heitere Genügsamkeit an Justus überraschen? Ein Mensch, dem sein Glaube Alles ist, der aus ihm allen Trost schöpft, und nie müde wird in seinem Glauben, dem muß Alles zum Besten dienen, der thut Alles, was er thut, dem Herrn und nicht sich selbst. Was ihm sein Amt war und was er seinem Amte sein wollte, das drückt am Besten ein Lied aus, das in seinem Tagebuche steht, mit der Aufschrift: »des Schulmeisters Morgensegen.«

»O Hirte deiner Heerde, O mein Herr Jesus Christ, Der du durch viel Beschwerde Zum Himmel gangen bist;

Der du zum Trost der Deinen Den Geist verheißen hast, Und Denen, die hier weinen, Nimmst ab des Tages last;

O gib den Geist der Stärke, Den Geist der Zuversicht Auch mir zu deinem Werke, So oft er mir gebricht.

Ist auch mein Amt so kleine, Mein Loos so niedrig hier, So ist es doch das Deine, Was du einst suchst bei mir.

Ich soll die Heerde weiden, Wie du von mir gethan, An treuer Hand sie leiten, So gut ich Schwacher kann;

Ich soll zu frischen Bronnen Geleiten deine Schaar, Daß sie als lauter Sonnen Sich einst dir stellen dar.

O Herr, du starker Streiter, Steh' denn zur Seite mir, Führ' mich im Kampfe weiter, Der Sieg, er steht bei dir!«

* * * * *

Die Bestallung des Justus lautete dahin, »daß dem ehrsamen und wohlgelahrten Candidaten Jakob Konrad Justus das Amt eines Schulmeisters, Organisten und Glöckners zum Veitsberg übergeben werde, daß man sich aber zu demselben versehe, er werde seines Amtes getreulich warten.« Dieses Rathes hätte es bei Justus nicht bedurft; denn bei ihm galt: »Alles was ihr thut, das thut dem Herrn und nicht den Menschen.« In jedem Theil seines Amtes war er drum ein treuer Knecht, und wie er der Schule fleißig wartete, so that er den Kirchendienst, der häufig an ihn kam, zur großen Erbauung der Gemeine, und in allen Dörfern der Gegend ward die Uhr gerichtet nach der vom Veitsberg, denn es hieß überall: »Der Kalendermann kennt die Zeit am Besten.«

Ist es heut zu Tage immer noch kein Kleines um einen guten und treuen Schulmeister, weil kein Amt mehr Sorgen und Grämen hat, denn seines, so war das zu des Justus Zeit, vor hundert Jahren, noch viel mehr der Fall. In Sommerszeit war wegen des Weidgangs fast kein Kind zur Schule zu bringen, und wenn im Winter der Schnee die Wege ungangbar gemacht hatte, so blieben die Schüler von den Ortschaften rings umher auch aus, und Dräuen und Strafen half auch nicht viel, weil man den Schlendrian gewohnt war, und Niemand da war, der dem Schulmeister half. Doch wußte sich Justus selber zu helfen, er half sich nach dem Sprüchlein, das er sich selber gemacht:

»Wer Kinder will zur Schule bringen, Darf mit dem Stock nicht viel umspringen; Die Furcht macht Schul' und Köpfe leer, Die Liebe lockt und bauet sehr.«

Und diese Liebe lockte und bauete auch in der Schule zum Veitsberg. Was auch der Schulmeister mit den Kindern tractirte, er brachte allezeit ein freundlich Gesicht dazu mit, und wußte neben dem Worte Gottes, das er fleißig trieb, auch manche andere Wissenschaft den Schülern angenehm zu machen. Lieder, die er selbst gedichtet, oder aus guten Gesangbüchern gewählt, und wozu er selbst die Weisen gemacht, sang er mit den Kindern und spielte die Harfe dazu, also daß Jung und Alt sich daran erbaute; denn, pflegte er zu sagen:

»Wer singen kann ein frommes Lied, Der hat den Herrn noch im Gemüth. Und frommes Lied aus frommer Brust Treibt aus die Sünd', gibt Himmelslust.«

Zur Frühlingszeit, wo die Felder noch leer waren, nahm er die Knaben mit hinaus in's Feld, und zeigte ihnen, wie sie die gelernte Rechenkunst zum Feldmessen brauchen könnten, wie er denn selber zum Gebrauch seiner Schüler eine Anweisung zum Feldmessen, und für schon Geübtere im Jahr 1741 ein Büchlein verfaßte, das den Titel führt: »Geodaesia, oder Feldmeßkunst, nämlich wie aller Felder Größe zu messen und zu rechnen, sammt einem Anhang, wie alle Höhen, Weiten und Tiefen zu finden seien, auch mit einer Zugabe, wie das Verhältniß der Planeten gegen unsere Erdkugel gefunden werden könne;« Alles durch die reinsten Zeichnungen erläutert, und durch Exempel aller Art erklärt.

Eigenthümlich bleibt freilich die Lehrweise, die in seiner Schule herrschte; sie trägt ganz das Gepräge seiner Zeit, einer Zeit, wo man meinte, dem Gedächtniß der Kinder dadurch zu Hülfe kommen zu können, wenn man die Lehrgegenstände in Verse kleide. So haben wir von Justus noch ein »Rechenbuch, darinnen die ganze allgemeine Rechnungsart mit allen ihren Regeln deutlich vorgetragen, und mit Exempeln erklärt ist, vom Jahr 1739.« In diesem Rechenbuche, das wie alle Schriften des Kalendermanns äußerst sorgfältig und sauber gearbeitet und mit schönen Handzeichnungen verziert ist, wird außer einer Menge gewöhnlicher Exempel immer eins in Versen gegeben und ein Bildchen dazu. Davon ein Beispiel aus der Regel de Tri mit Brüchen:

»Es thut ein Schiffmann fahren fort Mit seinem Schiff an andre Ort' Bei gutem Winde sag' ich rund Gar recht in einer Viertelstund' Fünfsechstheil Meil', wie mir bericht, Der Schiffer, der da lüget nicht. Nun möcht' ich wissen, wie viel dann Der Schiffmann Meilen fahren kann, Wenn er dreiviertel Stunden führ', Und guter Wind das Schiff berühr'.«

Noch ein Anderes machte den Justus zu einem besonders guten Schulmeister und gewann ihm die Herzen der Jugend, das war seine große Liebe für die Natur. Nie ist er inniger und beredter, als wenn es gilt, von der Macht Gottes in seinen Werken zu reden, oder die Liebe Gottes in den tausendfachen Wundern der Schöpfung zu preisen. Wie man den lieben Gott und die Weisheit seiner Wege in allen seinen Geschöpfen finden könne, das zeigte er beständig seinen Schülern. Und wie man ihn zur Sommerszeit niemals ohne eine Blume in der Hand sah, so trieb sein frommes Herz manche schöne Blüthe der Dichtkunst und der Begeisterung für die Werke Gottes. Laß' es dich nicht verdrießen, lieber Leser, wenn ich dir jetzt und auch noch später des Justus eigne Gedanken mittheile. So mögen denn hier zwei Lieder von ihm stehen.

Das Vöglein auf dem grünen Ast.

Sing-Vöglein auf dem grünen Ast, Wie herzig ist dein Sang! Gönnst dir nicht Ruh', gönnst dir nicht Rast, O sag', wem gilt dein Klang?

Kommt aus der Nacht hervor der Tag, Ist schon dein Tisch bestellt, Und deiner Kehle lauter Schlag Singt Dank dem Herrn der Welt.

Das Brünnlein, das aus Bergen quillt, Das gibt dir deinen Trank, Und hast du deinen Durst gestillt, Vergißt du nie den Dank.

Du singst und trillerst wohlgemuth, Für morgen nicht verzagt, Als wüßtest du, ein Vater gut Hält über Alles Wacht.

Wie friedlich ist die Ruhe dein, Du weißt nichts von Gefahr, Den Kopf wohl unter'm Flügelein Bist du der Sorge bar.

O wüßt' ich doch, wie du es weißt, Daß über aller Welt, Mein Gott, der ewig Vater heißt, Gar treulich Wache hält;

Daß er mir gibt mein täglich Brod, Mir reichet, was mir nützt, Daß er mir hilft aus aller Noth, In Trübsal mich beschützt.

O Vöglein auf dem grünen Ast, Gib mir die weise Lehr', Lehr' singen mich ohn' Ruh' und Rast, Das Lied zu Gottes Ehr'!«

* * * * *

Das Bienlein auf der Weide.

O Bienlein, nimm mich mit in's Feld! Wie schön ist meines Gottes Welt. Nun um mich her geworden! Es grünt der Wald, der Anger lacht, Der Baum steht weiß in seiner Pracht, Und Blumen aller Orten.

O Bienlein, laß' mich mit dir zieh'n, In's Thal hinab, hinab in's Grün, Und zeig' mir deine Weise! Von Blum' zu Blume eilest du, Und gönnst dir nimmer Rast noch Ruh' Und singst dein Lied so leise.

Du fliegest lustig ein und aus; Viel süßer Kost trägst du nach Haus, Und willst nicht müde werden; Der Frühling geht, der Sommer auch, Du läßt nicht von dem alten Brauch, Bis Winter wird auf Erden.

O Bienlein ohne Rast und Ruh', Dir seh' ich mit Vergnügen zu, Du lehrst mich wohl ermessen: Ich soll als Christ hier meine Zeit Treu nützen für die Ewigkeit, Des Heimgangs nie vergessen.

9. Der Kalendermann.