Der Kalendermann vom Veitsberg: Eine Erzählung für das Volk
Chapter 6
So waren sieben Jahre hingegangen. Da saß an einem Novemberabend ein Mann in mittleren Jahren an einem kleinen Tischchen, das just, weil es kalt war, in die Nähe des Ofens gerückt war, und las und schrieb. Die Stube war klein und niedrig; zwei Fenster mit alten runden Scheiben erhellten sie nothdürftig am Tage, und an jenem Abend warf eine kleine Oellampe ihren matten Schimmer auf das kleine Tischchen und auf das blasse, aber geistreiche Angesicht des Mannes, der fleißig in seinen Büchern las. Nicht fern vom Ofen stand ein Bette, und an der Seite, der Thüre gegenüber, war ein langer Tisch mit Kreuzbeinen aufgestellt, vor welchem und hinter welchem Bänke zum Sitzen standen, wie man sie in den Schulen hat. Die obere Seite des Tisches stand etwas von der Wand ab, und dorthin schien der Großvaterstuhl zu gehören, der jetzt dem Ofen näher geschoben war, und in dem der Mann saß. In der Ecke, der Thüre zunächst, stand, an die Wand gelehnt, eine Harfe mit etlichen Notenblättern zwischen den Saiten, und an der langen Wand hin ging ein sogenannter Kambank, auf welchem eine schöne Reihe Bücher stand. Das Häuschen, in dem der Gelehrte wohnte, stand in der Stadt Gießen im Lande Hessen und stieß mit seiner Vorderseite in ein enges Gäßchen, der Tiefeweg genannt, während die hintere Seite, von der wir hier reden, die Aussicht in ein dumpfes Gärtchen hatte, hinter welchem sich der Wall erhob; denn Gießen war damals noch eine Festung. Es war eine Todtenstille in dem Stübchen des Mannes, nur unterbrochen durch das leise Umschlagen eines Blattes, oder durch das dumpfe Knarren der Feder in der Hand des Schreibenden. Da klopfte, es mochte wohl acht Uhr am Abend sein, eine Hand leise an die Thüre des Stübchens, und auf ein lautes Herein! des Mannes, öffnete sich die Thüre, und ein altes Mütterchen, angekleidet wie die unbemittelten Bürgerinnen der damaligen Zeit, mit einem weiten Mutzen von Bieber, dessen Schöße wie Klappen über den Rock von gleichem Tuch herabfielen, und ein gesteiftes Häubchen auf dem Kopf trat zur Thüre herein, machte einen anständigen Knicks, und sagte mit einer klaren Stimme, indem es die hellen und lebhaften Augen auf den Dasitzenden richtete: »Ist es erlangt, Herr Justus, so kehr' ich heute Abend ein wenig bei euch ein. Es ist mir drunten in meinem Stübchen etwas unheimlich geworden, weil die Nachbarin, die Annelore, mir heute nicht Gesellschaft leisten konnte. Mein Wollrad soll euch nicht incommodiren, ich hab's just frisch geschmiert, und euch dazu hier etwas mitgebracht, wofür ich wohl auch ein freundlich Gesicht bekomme, Aepfel, wie sie nur auf dem Nahrungsberg wachsen können, einen Ranau, einen wahren Prinzenapfel, und hier noch Borstorfer dabei, die einem mit ihren rothen Bäcklein anlachen.« Und die Alte stellte den irdenen Teller mit den Aepfeln auf das Arbeitstischchen.
»Eure Aepfel sind willkommen und ihr dabei, Mutter Lindin«, sagte der Candidat Justus, denn dieser war der Mann in dem Stübchen. »Fürchtet auch nicht, daß euer Wollrad mich störe; ich mache gerne Feierabend, und plaudere mit euch ein Stündchen und drüber. Und so macht's euch denn bequem und setzt euch, oder nehmt hier meinen Lehnstuhl, den ihr euch ohnedieß schon in euren alten Tagen entzogen habt; von Rechtswegen solltet ihr ihn behalten.« »Behüte, Herr Justus«, sprach abwehrend die Alte, »Ehre, dem die Ehre gebührt; ihr sitzt leider Gottes mehr wie ich und braucht ein Polster, euch am Abend für euer sauer Tagewerk auszuruhen. Mein Alter hatte oft ein Sprüchwort im Munde, das hieß: »Lehrerbrod, sauer Brod«, und geb' ihm Recht, seit ich euch um euer täglich Brod also schanzen sehe. Wenn mir's nachginge, ich hätte längst was Anders aus euch gemacht.«
Der Justus rütschte verlegen auf seinem Stuhle hin und her, und um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, fragte er: »Sagt, Frau Lindin, wie geht es denn der Kranken, zu der ihr heute Morgen gerufen wurdet, ist sie besser, oder hat sie der liebe Gott zu sich genommen?«
»Die Schuckin meint ihr, Herr Justus, des Daniel Schucks am Burggraben Ehefrau? Die ist sanft und selig im Herrn entschlafen. Sie war ziemlich von meinem Alter, und hat wie ich Manches in der Kreuzschule gelernt, und wir haben uns oft einander getröstet und uns versprochen im letzten Stündlein uns beizustehen. Das hab' ich denn nach des Herrn Rath thun müssen, und hab's gethan ohne Heulen und Greinen. »Was hilft's, Frau Schuckin«, sagt' ich zu ihr, »wenn ich euer Herz durch Klagen schwer mache, laßt uns vielmehr mitsammen uns freuen, daß ihr bald ausgespannt werdet und zum Herrn kommt!« »Und wie ich ihr dann das Kopfkissen zurecht gelegt, und zu beten anhub: »Christi Blut und Gerechtigkeit, das ist mein Schmuck und Ehrenkleid«, da sprach sie mit einer Stimme, die aus dem tiefsten Herzen kam: »Darin will ich vor Gott bestehen, wenn ich zum Himmel werd' eingehen.« Und dann ist sie entschlafen, und hat mir droben Quartier gemacht, und wie sie gestorben ist, so will ich auch sterben;
»Ich glaub' an Jesum, welcher spricht: Wer gläubt, der kommt nicht in's Gericht. Gott Lob, daß ich es glauben kann! Auch meine Schuld ist abgethan.«
»Doch, daß ich von etwas Anderm rede, noch eine Neuigkeit für euch, Herr Justus, die euch gewiß erfreuen wird. Wie ich heute zum Thore am Neuenweg hinaus will, um in meinen Garten zu gehen, so wandelt just ein Soldat in der Sonne auf und ab, den ich bis dahin nicht gesehen hatte, wie denn überhaupt die Compagnie, die dort lag, eine fremde zu sein schien. Ich biete dem Soldaten die Zeit und der Soldat dankt freundlich, und fragt: »Wohin so eilfertig, Mütterchen?« »Mit der Eilfertigkeit pressirt es just nicht, sagt' ich, Unsereins lehrt das Alter gemach thun; will noch etwas in meinem Garten am Nahrungsberg holen«, sagt' ich. »Ist doch jetzt keine Zeit mehr zum Gartenbesuch«, sagt' er. »Ja wohl«, sagt ich, »sind aber noch etliche Kohlstengel draußen geblieben, die hätt' ich gerne heim. Eure Compagnie scheint noch nicht lange in der Stadt zu sein, und habt ihr etwa noch Niemand, der euch wascht und flickt, so wisset, daß ich dergleichen um ein Geringes gern thue. Ich wohne auf dem Tiefenweg neben dem Wall, fragt nur nach der Barbara Lindin, jed' Kind kann euch zu mir weisen; und sollt' ich ja nicht zu Haus sein, so gebt nur meinem Hausmann das schwarze Zeug, der Herr Justus wird es sorgsam aufbewahren.« »Der Herr Justus«, sagt' er, »was ist's mit dem, heißt euer Miethsmann Konrad Justus, und ist er seines Berufs ein Theologe?« »Ja«, sagt' ich, »der wohnt bei mir; und woher kennt ihr ihn?« »Ich bin der Corporal Scheuermann«, sagt' er, »und habe den Herrn Justus eher gekannt, als ihr.« »Ja«, sagt' ich, »wenn ihr der seid, so kenne ich euch auch, denn der Herr Justus hat von euch auch schon erzählt, und euch ein gut Zeugniß gegeben.« »Hat er das gethan?« sagt' er, und dem Mann flossen ja, so wahr ich lebe, die Thränen über die Backen herunter. »Und was ist Herr Justus hier«, fragt er, »und geht es ihm wohl?« »Es geht ihm wohl«, gab ich zur Antwort, »könnt' ihm aber auch besser gehen;« und so redeten wir ein Langes und Breites von euch und wurden gute Freunde mit einander. Und wie ich ging, so trug mir der Corporal einen freundlichen Gruß an euch auf und er wolle euch bald besuchen.«
»Der gute Scheuermann von der Marksburg«, sprach gedankenvoll der Justus; »also denkt er mein noch. Habt Dank Frau Lindin für die Nachricht, sie hat mir wohl gethan. Man hört selten von seinen alten Freunden; hat Jeder seine Last mit sich und seine Lust für sich, das ist so der Welt Lauf.«
»Ihr könntet wohl auch eure Lust für euch haben, Herr Justus«, hub die Alte mit leisem Tone an, indem ihre scharfen Augen den Eindruck zu beobachten schienen, den ihre Rede auf den Zuhörer mache, »ihr könntet auch eure Lust für euch haben, sag' ich, wenn ihr euch nur darnach stelltet. Nehmt es nicht für ungut, wenn ich alte Frau mir einmal ein Herz fasse und von der Leber weg zu euch rede; seit ich mit dem Corporal Scheuermann über euch gesprochen, mein' ich ordentlich mehr Muth gesammelt zu haben. Also laßt mich frisch heraus reden. Ihr seid eures Standes ein Gottesgelehrter, und das ein rechtschaffener und kapitaler, und wenn's mir nachginge, ich machte euch heute noch zum Superintendenten, oder mindestens zum Inspector. Statt dessen wohnt ihr nun schon sieben Jahre in meinem Hause, arbeitet wie Einer, der erst anfängt, helft den lockern Studenten, die ihrer Aeltern Geld und Gut verpraßt haben, durch's Examen, stutzt den Faulenzern den Doctorhut zurecht, tretet den Herrn Professoren all' ihren lateinischen Quark aus; und so lange sie euch brauchen, heißt's Herr Justus hier, Herr Justus dort; und wenn sie haben, was sie wollen, was geben sie euch? Einen Lohn, dessen sich diese sauberen Herrn schämen sollten. Heißt's doch: »Dem Ochsen, der da drischt, sollst du das Maul nicht verbinden«, »und ein Arbeiter ist seines Lohnes werth;« aber euer Lohn ist für's Sterben zu viel und für's Leben zu wenig, und Keiner ist so ehrlich, eurer zu gedenken und euch zu einem Stück Brod zu verhelfen. Sind Alle sammt und sonders wie der Mundschenk, der des Joseph vergaß. O Schande über dieß Pack!«
»Und wenn ich gar an die Rangen denke, denen ihr Tag für Tag hier am Tische das Latein einbläut, Herr, dann vergeht mir ganz mein bischen Geduld. Von eurem Latein versteh ich nichts; aber von der Unterweisung zur Seligkeit, die ihr ihnen gebt, glaub' ich ein gutes Theil wohl begreifen zu können, und doch sitzen die Rangen da, so dumpf und stumpf, so verhagelt und vernagelt, daß ich an eurer Stelle längst den Bakel gebraucht und ihnen Moses und die Propheten durch den Rücken eingetrieben hatte. Und wenn sie dann zur Treppe herunterkommen, dann solltet ihr einmal die Gesichter und Gestus sehen, die sie machen, man sollte meinen, es hätte Jeder droben sein Prämium verdient. Einer stellt dem Andern ein Bein, schlägt ihm die Bücher unter'm Arm weg, oder klemmt ihm gar den Zopf in die Hausthüre. Aber, mein' ich dann, ich hab's ihnen vertrieben; thut euch der Herr Justus nichts in seiner Engelsgeduld, dacht' ich, so will ich euch Mores lehren. Ich nahm den Ziemer, der noch von alter Zeit her hinter dem Ofen hängt, in meine Fäuste, und sagte kein Wort, und stellte mich nur unten an der Treppe auf, und sah Einem nach dem Andern in die Augen; mein' ich dann, das Toben verging ihnen! Das ging so zwei Tage; am dritten, als sie herunterkamen, boten sie mir schon freundlich die Zeit: »Schön Dank, ihr jungen Herren«, sagt' ich, und hing meinen Ziemer wieder hinter den Ofen. Doch damit ich meine Rede nicht vergesse, das erzähl' ich Alles nur darum, damit ich euch begreiflich mache, daß Undank der Welt Lohn sei. Die Buben sind lauter Söhne von unsern schönsten Leuten hier aus der Stadt: Rathssöhne, Professorssöhne, Officierssöhne; wo fällt es nur Einem dieser vornehmen Herrn einmal ein, für den Herrn Justus ein gutes Wort einzulegen! Bewahre! Als frischmelkende Kuh betrachten sie ihn, daß sie diesen Büffeln von Buben die Milch gebe. Ich für mein Theil ließe es bleiben. Haben sie euch ausgemolken, und seid ihr alt und steif, so giebt euch Keiner das Gnadenbrod. Das war's, was ich sagen wollte; nichts für ungut, Herr Justus!«
Der Kandidat Justus hatte die Rede seiner Hauswirthin mit der größten Ruhe angehört, und als sie fertig war, und sich mit der Schürze den Schweiß von der Stirne gewischt, auch den verlorenen Faden auf ihrem Wollrad wieder gesucht hatte; da sah er sie an mit einem Blick, von dem es schwer zu sagen war, ob er ein billigender, oder ein vorwurfsvoller sein sollte. Er putzte das Licht und dann sagte er gelassen: »Ich habe euch euer Herz einmal ausschütten lassen, Frau Lindin, wozu ihr, seitdem wir zusammen leben, schon manchen Ansatz gemacht habt; und damit ihr seht, daß ich euer Wohlmeinen verstehe, ob es gleich etwas derb an Mann gebracht worden ist, so laßt mich euch sagen, was ich von mir und meinen Ansichten halte. Für's Erste, so weiß ich, daß unser Keiner ihm selber stirbt und unser Keiner ihm selber lebt: daß unser Herrgott uns an seinen getreuen Händen leitet und führet, und daß Alles von ihm kommt: Glück und Unglück, Leben und Tod, Armuth und Reichthum. Da ich solches weiß, was soll ich meinem Gott den Gehorsam aufkündigen und ihm sagen: »Deine Wege gefallen mir nicht, führ' mich besser!« Nein, da will ich lieber in seiner Schule bleiben und mit David sagen: »Du leitest mich nach deinem Rath und nimmst mich endlich mit Ehren an.« Zum Andern, so hat es mir bis dato nicht sonderlich gemangelt, und ich muß auch, wenn der Herr mich fragte: »Hast du je Mangel gehabt?« wie seine Jünger sagen: »Herr, nie keinen.« Wenn ich einem meiner Mitmenschen kann einen Dienst thun, zu dem ich Geschick und Zeit habe, und ist keine unehrliche Handthierung, warum soll ich so ängstlich um den Lohn feilschen? Und sind sie einig mit mir geworden um ein Geringes, was soll ich hinten drein scheel sehen und sagen: »Hätte auch mehr geben können.« So meint's meine Dorothe auch, und wenn ich heute zu ihr käme, und sagte: »So hab' ich's bis dahin gemacht; macht' ich's anders, so konnt' ich dich vielleicht früher freien,« sie würde mir sicher zur Antwort geben: »Bleibe fromm und halte dich recht, denn solchen wird es zuletzt wohlgehen.« Auch hab' ich in den sieben Jahren, die mich mein Gott hat abermals warten lassen, so viel Neues gelernt, daß ich nun um so besser bereitet bin, wenn er kommt und spricht wie zu Petro, auch zu mir: »Justus, hast du mich lieb?« »So weide meine Lämmer.« Zum Dritten, und das ist's wohl, was sie am Liebsten hören möchte, weil sie mich nachgerade für ein Schaf hält, das nicht aus seinem Stall möchte, so hab' ich manchen Schritt gethan bis dahin, zu Amt und Brod zu kommen. Denn ich habe gesehen, wie alle meine Kameraden sind vor mir in's Amt gekommen, und waren nicht lauter berufene Diener, und ist auch Mancher wie ein Dieb in den Schafstall hineingestiegen. Ich hab' auch angeklopft an dieser und jener Thüre; ich hab' den Rücken gebeugt und den Hut in der Hand gehabt; ich hab' gebeten und bin Bittens nicht müde geworden; aber es gebt mir eben wie dem Kranken am Teich Bethesda, ich habe Keinen, der mich hineinträgt, wenn das Wasser bewegt wird. Daraus merk' ich, daß meines Herrn Zeit noch nicht da ist. Laß' sie denn, Frau Lindin, laß' sie den für mich sorgen, der die Vögel nährt und die Lilien kleidet.«
Und wie die alte Lindin sich die Augen mit der Schürze abgetrocknet, und solche Rede eine gute Rede geheißen, und sich verabschiedet, und den frommen Miethsmann in ihren Abendsegen eingeschlossen hatte; da hörte sie aus dem Oberstübchen herab den sanften Ton der Harfe und hinein klang voll und kräftig das Lied: »Was mein Gott will, gescheh' allzeit!«
Wieder war es Abend, und der Candidat Justus saß wie gestern in seinem Lehnstuhl und las und schrieb; da kam die Hauswirthin keuchend zur Thüre hereingerannt, und rief: »Um Gottes Willen, Herr Justus, es sind Soldaten drunten mit Einem von der Polizei, die fragen nach euch und wollen euch arretiren!« Und wie die Alte das kaum gesagt, und die Augen mit der Schürze bedeckt hatte, da traten die Soldaten mit ihren Gewehren in der Hand in die Stube hinein, und der Mann von der Polizei sprach: »Seid ihr der Candidat Justus?« »Ja!« sagte ruhig der Angeredete. »Dann«, war die Antwort, »lautet mein Auftrag, euch zu verhaften und auf die Hauptwache abzuliefern; auch eure Schreibereien soll ich mit mir nehmen.« — Und wie er das gesagt, so raffte er alles Geschriebene, das auf Tisch und Kambank lag, auf; durchsuchte auch die Kiste in der Ecke, und nahm daraus mit, was geschrieben war.
Das geschah Alles so plötzlich, so schnell und unerwartet, daß die alte Lindin selbst, die sonst nicht leicht aus der Fassung zu bringen war, wie versteinert in einer Ecke stand und Einen nach dem Andern anstarrte. Nur einmal brach Justus das Schweigen und fragte: »Was gibt man mir denn Schuld?« »Wird der Herr selbsten am Besten wissen«, lautet die Antwort. »Und auf wessen Befehl werde ich verhaftet?« fragte er noch einmal. »Auf Befehl des Herrn Rath Laupus«, antwortete der Polizeibeamte.
Wie er ging und stand wurde dann der Candidat Justus abgeführt, und die Thüre ward hinter ihm versiegelt. Und wie sie hinaus traten, war schon allerlei neugierig Volk um das Haus versammelt; das theilte sich so laut, daß es der arme Gefangene hören konnte, seine Bemerkungen über den Vorfall mit, und je weiter man ging, desto mehr schlossen sich dem Zuge an. Es war Martinsabend, und wer daheim keine Gans zu verzehren hatte, der wollte doch wenigstens bei einem vollen Glas einen guten Rath halten über den Preußenkönig und die Kaiserlichen.
So langte der Zug auf der Hauptwache an, und Justus wurde in das Arrestzimmer im oberen Stock geführt, und die Thüre schnell hinter ihm verschlossen.
Da stand er denn, der Vielgeprüfte, stand in der Dunkelheit völlig allein, nur Einer war bei ihm, sein treuer Gott, und vor dem prüfte er sein Gewissen, und zu dem betete er aus Herzensgrund um Trost und Stärke. »Herr, mein Gott«, so betete er, »du treuer Wächter, der du nicht schläfst, noch schlummerst, der du die Armen hörest und die Gefangenen nicht verachtest, laß vor dich kommen mein Seufzen und hilf mir aus meiner Noth. Herr, ich wandre im finsteren Thal und doch fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich!« Und wie er das Gebet gesprochen und nach dem Fenster sich hingetastet, von wo ein Lichtstrahl von der Laterne vor dem Wachthause in die Stube fiel, so wurde es laut vor der Thüre. Man zündete Feuer im Ofen an, und das Knistern der Funken tröstete ihn. Nicht lange, so ging die Thüre auf, ein Soldat trat mit einem Lichte herein, stellte es auf die Pritsche und fiel unter Weinen dem Gefangenen um den Hals. »Ich bin's, Herr Justus, erschrecket nicht, ich bin's, der Corporal Scheuermann ist es«, rief er schluchzend; »muß ich euch so wiedersehen, meines alten Freundes vom Jägerhaus Sohn, als Gefangenen wiedersehen, und bestimmt sein, euch zu arretiren und euch zu bewachen? Gelt, ihr habt nicht gewußt, wer euch gefangen nahm dort in eurer Wohnung. Ich schlug das Auge vor euch nieder, als sei ich der Arrestant. Aber um Christi willen, was habt ihr denn gethan, daß ihr bei Nacht und Nebel einem Diebe gleich müßt ausgehoben werden?« »Ich weiß nicht, wessen man mich anklagt«, sprach mit fester Stimme der Gefangene. »Wir fehlen Alle mannigfach, aber die Sünden des Herzens richtet ja die Obrigkeit nicht, und einer Sünde, die meinen Nächsten gekränkt hätte, weiß ich mich nicht zu erinnern. Ich habe sieben Jahre lang hier in der Stadt mir mein Brod verdient, und ich glaube ehrlich und sauer genug; meine Unschuld wird bald an's Tageslicht kommen.« »Nun, wie es auch sei«, sprach der Corporal mit einem herzlichen Händedruck, »so bleib' ich euer Freund; der alte Scheuermann vergißt seiner Freunde nicht. So lang ihr hier sitzet, tausche ich mit meinen Kameraden, daß ich die Wache bei euch behalte. Da nehmt einstweilen meinen Mantel und stellt euch an den Ofen; es friert euch.«
Damit ging er, und kam bald mit einem Pausch Stroh wieder, den er auf die Pritsche warf. »Ein besseres Bett darf ich euch heute nicht machen«, sagte er; »der Dienst erlaubt's nicht; aber mein Gast dürft ihr sein; hier in dem Körbchen ist mein Abendbrod, das theilt mit mir.« So that Justus.
Nur auf kurze Zeit verließ ihn manchmal der Corporal, um seines Dienstes zu warten; und als um neun Uhr das Licht in der Arreststube gelöscht werden mußte, saßen die Beiden, der Gefangene und sein Wächter, noch manche Stunde bei einander und redeten von der Vergangenheit: von Vater und Mutter, von Heinrich und Dorothe, vom Jägerhaus und der Marksburg, vor Allem aber vom Rath Gottes in der Menschen Schicksal, und daß man ihm stille halten und nicht verzagen müsse.
Einst, wenn des Menschen Sohn kommen wird in seiner Herrlichkeit, dann wird er sagen zu denen zu seiner Rechten: »Ich bin gefangen gewesen und ihr seid zu mir gekommen. Wahrlich, ich sage euch, was ihr gethan habt Einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr Mir gethan.«
So gingen drei Tage hin; ein Verhör ward nicht gehalten, auch ward dem Gefangenen nicht gesagt, warum man ihn festgenommen. Er sah Niemand bei sich, als den Corporal; denn auch seine Hausfrau, die ihm regelmäßig das Essen brachte, durfte nicht zu ihm; so lautete der Befehl.
Am Abend des vierten Tages ließ sich bei dem Rath Laupus eine Frau aus der Stadt melden, die in einen Schanzenloper gewickelt, und mit einer Laterne in der Hand, auf der Hausflur stand. Der Herr Rath hatte dringende Arbeit und nahm die Frau ungern an; doch willigte er endlich in ihr Begehren, und die Frau Lindin vom Tiefenweg stellte ihre Laterne an die Thüre und trat ein. »Der Herr Rath wollen gnädigst entschuldigen«, sprach sie, »daß ich dieselben noch am Abend zu incommodiren mir erlaube; aber mein Miethsmann, der Candidat Justus, sitzt nun schon seit vier Tagen ohne Verhör und Urtheil auf der Hauptwache, und ich möchte wissen, wen ich denn eigentlich bis dahin in meinem Hause beherbergt habe ganzer sieben Jahre, einen kreuzbraven, lammfrommen Menschen, oder einen Spitzbuben, den man bei Nacht und Nebel mit Soldaten aus dem Hause holt?«
Der Herr Rath sah die Sprecherin von oben bis unten an, und meinte mit kurzen Worten, das gehe die Frau Lindin nichts an, sie solle der Sache ihren Gang lassen. »Die Sache gehe mich nichts an, Herr Rath«, rief die Frau; »ei, wen soll sie denn sonst angehen? Hätte der Herr Justus noch Aeltern und Geschwister, die sich seiner annehmen könnten, dann gelte mir auch: 'Was deines Amtes nicht ist, davon laß' deinen Fürwitz;' so er aber Niemanden hat, denn mich, und allein steht in der Welt, und seinen Feinden nicht zum Spott werden soll, so lange ich lebe, und ich ihn lieb habe wie ein Kind, und nicht von ihm lassen werde, und wenn man ihn gleich zu Boden werfen will; so möge der Herr Rath einer armen, alten Frau die freie Rede zu gute halten, und mir reinen Wein einschenken, warum der Herr Justus wie ein Verbrecher in Ketten und Banden gehalten sei.« »Nun, nun«, sagte begütigend der Herr Rath, »bis zu Ketten und Banden sind wir noch lange nicht; was aber dem Justus schuld gegeben wird, und wobei ein dringender Verdacht auf ihm ruht, das ist, daß er bei der Fälschung einer Urkunde soll mitgeholfen haben, ja vielleicht die Fälschung selbsten gethan hat.«