Der Kalendermann vom Veitsberg: Eine Erzählung für das Volk

Chapter 5

Chapter 53,806 wordsPublic domain

»Wie es mir da so wohl ward um's Herz, das kann ich gar nicht sagen; es war mir, als wenn ich den Köhler schon lange gekannt und plötzlich wiedergefunden hätte. So macht das Wort Gottes die Menschen zu Freunden, daß sie sich erkennen und lieb haben; und war doch nichts geschehen, denn daß wir mitsammen gebetet und das Brod gebrochen hatten. Da ward es mir, als müßt' ich dem Köhler sagen, was mich zu ihm geführt habe, und ich that es und sagte ihm auch Dieß und Das aus meinem Leben: was ich gelitten und worüber ich mich gefreut, und was ich von der Zukunft hoffe und fürchte. Da lächelte der Alte und sprach: »Das ist nur das alte Lied, das schon Sirach sang: Es ist ein elend jämmerlich Ding um aller Menschen Leben, von Mutterleibe an, bis sie in die Erde begraben werden, die unser aller Mutter ist. Da ist immer Sorge, Furcht, Hoffnung und zulegt der Tod. So ist es mir ergangen, so wird es auch euch ergehen und euren Kindern und Enkeln nach euch. Man meint, eine Zeit müsse der andern ablernen, wie man's besser machen und dem Schicksal in der Welt das Feld abgewinnen, und seine Schneide stumpf machen könne. Aber es muß wohl so sein sollen, weil unser lieber Gott die Jungen immer wieder von vorne anfangen und in den Schranken laufen lässet. Was euch bis dahin betroffen hat, das vergleich' ich dem Wind, der in der Frühlingszeit, wenn die Saat schon grünt und die Lerche schon singt, mit den Bäumlein umspringet, als wollte er sie schier zerzausen. Da gilt aber auch: »Du machest deine Engel zu Winden, und deine Diener zu Feuerflammen;« denn lauter Engel und Diener Gottes sind die Schicksalsstürme in der Jugend. Die machen, daß das Bäumlein hübsch seine Wurzeln hinabtreibt und stehen lernt auf seinen eignen Füßen, wenn der Winter des Lebens kommt, und mit ihm noch mehr Tage, von denen wir sagen: »Sie gefallen uns nicht.« Auch glaubt mir das, mein junger Herr, ich sag's aus eigner Erfahrung, der Mensch macht sich darum in seiner Jugend so viel Herzeleid, weil er immer Eins ganz fest im Sinne hat, und meint, es geschähe ihm ein gewaltig Unrecht, daß der liebe Gott ein Anderes mit ihm will. So läuft denn Einer wie ein Schaf, das die Drehkrankheit hat, immer auf einem Fleck umher, oder rennt wie ein Gaul, der den Koller hat, gerade hinaus, bis er sich den Kopf zerstößt. Ihr wollt mit Gewalt ein Pfarrer werden, und ich dachte, als ich euer Alter hatte, ich müßte ein Schulmeister werden. Ja, Herr, seht mich an, wie ihr wollt, ich, der Köhler Martin Ebert von Blankenau, wollt' ein Schulmeister werden, und ging Jahre lang umher und haderte mit Gott und mit der Welt, daß es nicht nach meinem Kopf gehen wollte. Damals sagte unser Nachbar, der alte Hufschmied Nagel, Gott hab' ihn selig! »Martin«, sagt' er zu mir, »wart' doch unsers lieben Gottes Zeit erst ab, ob er dich brauchen kann als Schulmeister und geh' erst mit deinem Vater hinaus und lerne Kohlen brennen. Wie du es jetzt treibst, so lernst du beides nicht, weder die Schulmeisterei, noch das Kohlenbrennen.« »Und ich hing damals über solche Rede das Maul und stand am Meiler meines Vaters wie ein Blödsinniger. Da nahm mich mein großer Meister im Himmel in seine Lehre hinein, und gab mir die Lection, daran ich noch lerne, und so lange lernen will, bis er mich in seine himmlische Werkstatt abholt. Mein Vater starb und meine Mutter stand als ein schwaches Weib mitten unter sieben unversorgten Kindern. Herr, damals lernt' ich Kohlenbrennen und das vierte Gebot thun: »Du sollst Vater und Mutter ehren,« lernt aber damit auch die Verheißung kennen: »Auf daß dir's wohl gehe.« Und von da an ist mir's wohl gegangen; im Schweiße meines Angesichtes hab' ich mein Brod gegessen, aber ich habe auch geschmeckt und gesehen, wie freundlich der Herr ist und wie wahr sein Wort: »Denen, die mich lieben und meine Gebote halten, thue ich wohl bis in's tausende Glied.« Geht hin in unser Ort, dort stehen sieben Häuser, alle blank von außen und rein von innen; in den sieben Häusern wohnen des seligen Haneberts sieben Kinder, und haben sich gemehrt zum Erstaunen, und ist eine schöne, feine Sippschaft. Wenn dem Vetter Martin das Essen soll hinausgetragen werden zum Meiler, dann solltet ihr hören, was ein Reißen um das Körbchen ist, und wie die Jungen mit den Alten hadern um den Liebesdienst! Und ich selber hier an meinem Meiler, den ich nur Samstags verlasse, um zur Kirche zu gehen, hab' nichts verlernt von Allem, was ich als Junge gewußt, sondern hab' noch mehr dazu gelernt, und mein Wissen blähet mich nicht, sondern demüthigt mich nur. Hier steht meine Weisheit, hier im Bibelbuch, das ich aufschlage, wenn ich allein bin und mein Meiler Ruhe hält. Und wenn's Abend wird, dann hat der liebe Gott ein ander Buch vor mir ausgeschlagen, den Himmel mit seinen Sternen, und hat mich auch gelehrt, ein Stücklein dieser heil. Schrift zu lesen. Höret, wie das zuging!«

»Wie ich ein Kohlenbrenner ward, da wußte ich von der Sternwissenschaft nur, was ich darüber aus der heil. Schrift gelernt hatte, namentlich aus dem Buche Hiob, wo es heißt: »Er versiegelt die Sterne«, und »die Sterne sind nicht rein vor seinen Augen«, und »kannst du die Bande der sieben Sterne zusammenbinden?« Wie ich dann so manche Nacht hier saß, und die Welt um mich her schwarz und todt wie ein Grab lag, so sah ich um so lieber zum Himmel hinauf, von dem man hier oben ein ziemlich Stück übersehen kann. Anfangs trieb ich mit meinen Gedanken allerlei Fürwitz und die Sterne mußten dabei mithelfen, nachher aber sah ich mir sie an, wie sie zu einander stunden, auch wie einer den andern in der Klarheit übertraf; auch wie sie nicht stille Bünden, sondern zu bestimmten Stunden hier, zu andern wieder dort sichtbar wurden. Dann sah ich auch, wie Etliche in einer Art von Kameradschaft standen, so daß sie ihre Figur behielten und selbander ihre Reise am Himmel machten. Dann nahm ich mir ein Papier und stach mir mit einer Nadel die Sternfiguren so hinein, wie ich dachte, daß sie zusammengehören möchten; und wenn ich nach Haus kam, dann malte ich mir die Sternlein aus und verband sie durch Striche mit einander, und gab ihnen auch Namen, denn ich dachte, ich sei der erste Sterngucker, der sich die Mühe nähme, des Herrn Werke zu bewundern. Diese Sternkärtlein zeigt ich einmal dem Nachbar Nagel, der in allerlei Künsten erfahren war, und fragte ihn unter viel Stottern, denn ich schämte mich, was er davon halte? »Martin«, sagte der, »du bringst deine Nachtwachen recht im Dienst des Herrn zu, denn wer die Werke Gottes achtet, der hat eitel Lust an ihnen, und kannst noch einmal ein Kalendermann werden.« »Das wäre!« sagt' ich, »muß denn der Kalendermann auch ein Sterngucker sein?« »Allemal«, sagt' er, »woher wüßt' er denn sonst Frühlingsanfang und die andern Zeiten, wozu den Neumond und die Finsternisse, die noch kommen sollen, voraus? Und heißt es nicht im ersten Buch Mosis, im ersten Kapitel: »Und Gott sprach: Es werden Lichter an der Veste des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht, und geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre!« »Da du so fleißig nach den Sternen siehst, so mußt du sie besser kennen lernen, und er gab mir aus seinen Büchern, deren er viele hatte, ein Büchlein aus dem vorigen Jahrhundert, das hieß: »Der edelen Sternwissenschaft fürnehmste Stücke.« O Herr, wie ich das Buch verschlang, das kann ich euch gar nicht sagen; ich glaub' sogar, ich hab's zu Zeiten geküßt. Nach und nach lernte ich das ganze Buch verstehen, einige lateinische Brocken abgerechnet, die hin und wieder vorkamen, und die hat mir auf meine Bitte später der Herr Pfarrer verdolmetscht. Stand aber nicht sonderlich viel in dem Latein, und hätt' nach meiner Meinung auch deutsch können geschrieben werden. Aus dem Buch lernte ich auch den Kalender berechnen und Sonnenuhren machen, wie ihr deren, wenn es jetzt Tag wäre, an vielen Bäumen rings umher sehen könntet. Seitdem hab' ich, durch guter Leute Hülfe, noch manches Buch über die edle Sternwissenschaft gelesen, und habe nie darüber mein Kohlbrennen versäumt, sondern bin immer mit um so herzlicherem Eifer an meine Tagsarbeit gegangen, weil ich dabei gute Gedanken in meinem Kopf gehabt. Habt ihr euch je mit der Sternwissenschaft und mit dem Kalender abgegeben, Herr, dann fahrt fort, also zu thun; und habt ihr's nicht gethan, so thut es auf eines alten Mannes Rath. In der Welt ist viel Traurigkeit, und wir haben hier keine bleibende Statt, sondern die zukünftige suchen wir; da hilft die Sternwissenschaft gar sonderlich, daß unser Wandel sei im Himmel, von dannen wir auch warten des Heilands Jesu Christi. Doch jetzt laßt uns in Gottes Namen schlafen, und haltet einem alten Mann die Redsprächigkeit zu Gute. Mitternacht ist vorbei, das seh' ich an den Sternen hier über uns, sonderlich am Wagen. Also schlaft wohl und der Herr, der treue Wächter Israel's, geb' euch gute Ruh' und fromme Träume.«

»O Herr, mein Gott, hab' Dank für diese Nacht! In ihr hab' ich viel Ruhe funden und bin erwacht wie ein Kindlein, das in seiner Mutter Aug' sieht, wenn's die Aeuglein aufthut.«

»Wie ich mich erhob, so brannte schon das Wachtfeuer wieder, und der Köhler stand wieder mit der Schaufel in der Hand am Meiler, und die Vögel sangen ihr Morgenlied, und die Sonne zeigte dem Meiler gegenüber auf einer schöngemalten Uhr die fünfte Stunde des Morgens.«

»Gott zum Morgengruß, mein Schlafkamerad«, rief fröhlich der Köhler; »beliebt's euch, so laßt uns singen mit den Vögeln um die Wett':

»Wach auf mein Herz, Die Nacht ist hin, Die Sonn' ist aufgegangen!«

Und wir sangen mit einander das Lied. Dann rief der Köhler mit einem Pfiff auf dem Finger seine Ziege herbei; die gab willig ihre Milch zum Morgentrank, und wir gingen selbander durch den Wald. Nach einer halben Stunde ward der Wald licht; noch einige Schritte, und man sah in ein Thal hinab, durch das ein Flüßchen ging und in dem mehrere Dörfer lagen. »Dort, Herr«, sagte der Köhler, »liegt Blankenau; geht nur immer hier dem Pfad nach auf den weißen Thurm zu. Und nun geb' der Herr euch das Geleit' heim in's Vaterhaus und auf eure ganze Lebensreise! Vor Gottes Thron sehen wir uns zunächst wohl wieder. Laßt uns halten, was wir haben, daß uns Niemand die Krone raube.« »Amen!« sagt' ich, und wir drückten uns die Hände und schieden. Und wie ich fürbaß ging, so sprach ich: »Das war ein Stiller im Land, und sein Wort hat mich stille gemacht und hat mich gelehret David's Wort verstehen: »Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft.« Pf. 62, 2.

7. Scheiden von der Heimath.

Wer je in der Fremde war, und ist zurückgekehrt zur lieben Heimath, der denket gewiß noch in späteren Jahren, wie sonderbar es ihm damals um's Herz war. Wie alte Bekannte grüßten ihn aus der Ferne die Berge der Heimath, wie liebe Freunde nickten die Bäume ihm zu. Das Bächlein unter den Erlenbüschen schien ihn mit seinem Murmeln zu grüßen, und der Kirchthurm drüben, mit dem goldenen Hahn auf seiner Spitze, der allen Kinderspielen zugesehen, wie gut schien der den Jüngling noch zu kennen! Aber wer ist auch je zurückgekehrt in's Aelternhaus nach langer Trennung, ohne daß ihm in der Nähe desselben das Herz nicht schwerer geworden wäre! Berg und Baum und Thurm stehen noch, wird aber Alles in dem Aelternhaus selber noch auf dem alten Flecke stehen? Vater und Mutter waren alte Leute schon, als das Reisebündel geschnürt ward, und Brüder und Schwestern sind ja auch wie die Blumen des Grases, ein Hauch und man kennet ihre Stätte nicht mehr.

Solche Gedanken bewegten auch das Herz des Konrad Justus, als er aus der Ferne das Jägerhaus erblickte, und unwillkührlich blieb er stehen und legte die Hand auf sein klopfendes Herz und befahl Gott seinen Eingang. Ja Gott hat in's Christenherz eine Ahnung vom künftigen Leid gelegt, nicht um es zu quälen, sondern um uns, die wir eine kleine Zeit leiden, vollzubereiten, zu stärken, zu kräftigen, zu gründen.

Freundlich wedelnd und an ihm hinaufspringend begrüßten ihn im Hofe die treuen Hunde, und rüstig schritt er zur Hausthüre hinein. Es war stille auf der Hausflur und stille in der Küche; ringsher Alles in der gewohnten Ordnung, aber Niemand ließ sich sehen. Er öffnete die Stubenthüre, aber auch hier sah er Niemand. Die Schlafkammer der Aeltern stand offen; er trat hinein und sah Vater und Mutter bleich und krank im Bette liegen, und vor ihnen stand Dorothe, nicht mehr das blühende Mägdlein von ehemals, sondern leidend und krank, und reichte den Kranken einen kühlenden Trank. »Willkommen, Konrad«, riefen die Aeltern, »du kommst eben zu rechter Zeit in's Klagehaus, um den Segen deiner Aeltern dir zu holen. Des Herrn Hand liegt schwer auf uns; wir sind allesammt krank; ein böses Fieber hat uns bis an den Tod gebracht. Dorothe hält sich unter Mühe noch aufrecht und droben liegt dein Bruder, der von der Wanderschaft heimgekehrt ist, an gleicher Krankheit.« »Ach Gott«, rief Konrad unter lautem Weinen, »sehe ich euch also wieder! Muß ich dazu heimkehren, um euch dem Tode nahe zu finden.«

»Weine nicht, Konrad«, sprach die Försterin, »wir Alten haben unser Tagwerk hier unten vollbracht und ein neues beginnt droben beim lieben Gott. Sorge du jetzt nur, daß dein Herz auf unser Scheiden gefaßt sei, und weise die Mägde und die Burschen an, daß das Haus nicht Noth leide, während wir es nicht überwachen können. Dann schicke deine Dorothe hinauf in ihre Kammer, sie bedarf der Ruhe; das Fieber rüttelt sie wie uns, und sie will es nicht an sich kommen lassen.«

So stand denn Konrad in seinem Aelternhaus als einziger Gesunder unter Kranken; aber sein Herz verzagte nicht, und er pries täglich Gott, daß er ihm seine Kraft erhalten, und ihn berufen habe, Vater und Mutter in ihrer Schwachheit zu pflegen, und den Geschwistern Trost und Stärkung an ihr Krankenlager zu bringen.

Doch ein harter Augenblick stand ihm noch bevor. Eins wie sie im Leben gewesen, waren auch die alten Förstersleute eins im Tode; der Herr rief sie in _einer_ Stunde ab, und ließ sie ruhen in _einem_ Grabe. Unter Gebet für ihr Seelenheil und für ihre Kinder schieden sie. Ohne Sang und Klang, aber von viel weinenden Freunden begleitet, wurden sie auf dem Kirchhof zu Braubach bestattet, und der Pfarrer, der ihr Grab einsegnete, rief ihnen die Worte der Schrift nach: »Selig sind die Todten, die in dem Herrn sterben, von nun an. Ja der Geist spricht, daß sie ruhen von ihrer Arbeit; denn ihre Werke folgen ihnen nach!« Und alles Volk, das dastand und zuhörte, sprach: »Amen!« Der Gerechten Gedächtniß bleibet im Segen.

Unter den Leidtragenden war auch der Grenadier von der Marksburg gewesen, den wir damals kennen gelernt, als Konrad die Dorothe und ihre Mutter rettete, und der Soldat weinte wie ein Kind, und wollte sich nicht trösten lassen, denn im Förster war ihm ein guter Freund gestorben. Seit jenem Tage, wo Dorothe das Jägerhaus betreten hatte, kam auch der Grenadier öfter dorthin, und ob ihn gleich Niemand einlud, so sah man ihn doch gerne, und hatte sich an sein Kommen und Gehen so gewöhnt, daß er fast zu den Hausfreunden gerechnet wurde. Der Grenadier Scheuermann, denn so hieß er, war eine alte deutsche Soldatennatur, wie man sie jetzt gar nicht mehr findet. Von frommen Aeltern aus einem Dörfchen des Vogelsberges ausgegangen, war er gezwungen Soldat geworden, hatte aber sein Handwerk, wie er es nannte, lieb gewonnen, und begehrte nichts anders zu werden, denn Soldat. In fünfundzwanzigjährigem Dienst hatte er es noch nicht weiter gebracht, denn zum Corporal, ob er gleich ein Muster von Ordnung im Dienst, und, wie seine Officiere sagten, ein sehr tapferer Soldat im Kriege war. Selbst ohne Weib und Kind, hielt er das Familienleben sehr hoch, war gern bei friedfertigen Eheleuten, und liebte die Kinder so sehr, daß sie ihn, wo er war, schnell kannten und freundlich grüßten. Dabei war der Corporal gläubig, wie der Hauptmann von Kapernaum, und nach dem Heil begierig, wie Cornelius, und wer mit ihm redete von Gottes Wort, dem war er Freund und ging für ihn durch ein Feuer, wie das Sprüchwort sagt. Das war es, was ihn nach dem Jägerhaus zog und was ihn festhalten ließ an den treuen guten Menschen, die dort wohnten. Wußte er dem alten Förster oder seiner Hausfrau einen Dienst zu thun, oder gar der Jungfer Dorothe, die sein Augapfel war, so war Keiner froher, als der Scheuermann. Wie dann die bösen Tage in's Haus des Försters kamen, da ließ er sich Urlaub geben, und wich nicht aus dem Jägerhaus, und kam Wochen lang in kein Bette, und war die Dienstfertigkeit und Freundlichkeit selbst. War es ein Wunder, daß die treue Seele am Grabe der Förstersleute weinte und sich nicht wollte trösten lassen! Wenige kannten dich, du guter Soldat, und dein treues Herz; aber wie dort der Geist Gottes zu Cornelius sprach: »Dein Gebet ist erhöret und deiner Almosen ist gedacht worden vor Gott«, so ist auch deiner Treue droben im Himmel gedacht worden. Gehe ein zu deines Herrn Freude! —

Zurückgekehrt von der Aeltern Grab, lastete eine neue Sorge auf Konrad's Herz. Er wollte seinem Bruder, der noch krank lag und für sich selber nicht sorgen konnte, den Dienst des Vaters verschaffen, damit der liebe Ort der Heimath der Familie erhalten bliebe. Er schrieb Briefe auf Briefe an alle Gönner und Freunde seines Vaters; er warb bei der Landesbehörde um die Stelle, und der Corporal Scheuermann that manchen Gang um Gunst und Fürsprache, wie es damals noch mehr geschehen mußte, denn heut' zu Tage. Von einem solchen kam der Soldat einst in trüber Stimmung zurück. Er war dem Gerst begegnet, den man jetzt den Herrn Rath nannte, und der hatte ihm zugerufen: »Scheuermann, ich weiß, was euer Gehen und Laufen bedeuten will, geht nur heim und schonet eure Beine, so lange der Gerst lebt, kommt kein Justus wieder als Förster in's Jägerhaus und auch kein Justus in's Pfarramt. Das sagt den Söhnen des alten Försters und der Jungfer Dorothe richtet auch meinen schönen Gruß aus, wenn es euch gefällt.« Da hatte der Corporal nicht Ansehen der Person geachtet, sondern war dem Gerst mit Worten und Werken so zu Leibe gegangen, daß der Corporal einige Tage bei halber Kost auf dem Gefängnißthurm hatte sitzen müssen. Als er wieder frei war, erzählte er es dem Konrad, und tiefe Trauer ergriff darob das Herz des Jünglings. »Also meine Prüfungszeit soll noch nicht vorübergehen«, rief er, »nun Herr, dein Wille geschehe! Euch aber, Scheuermann, bitte ich, behaltet das böse Wort des Gerst für euch und theilt es dem Heinrich und der Dorothe nicht mit; es ist genug, daß ich allein davon leide. So meint's wohl der Apostel, wenn er sagt: Die Liebe sucht nicht das Ihre, sie träget der Schwachen Gebrechlichkeit.« —

Auch kam der Tag der Entscheidung bald. Kaum hatten Heinrich und Dorothe sich einigermaßen von ihrer Krankheit erholt, so erschien ein fremder Förster und wünschte Besitz von Amt und Haus zu nehmen. Die Brüder suchten nicht das Unrecht eines Andern an dem Fremdling, als an einem Broddieb, zu rächen, wie denn überhaupt ihr Herz keine Rache kannte. Sie hießen den Fremden willkommen, ja Heinrich sprach sogar: »Es ist mir lieb, Konrad, daß dein Bemühen zu meinen Gunsten nicht geglückt ist; es gefällt mir nicht in der Heimath; ich gehe lieber wieder nach Holland, wo ich einen guten Dienst gefunden habe, und auch einst, wenn es Gott gefällt, meine Heimath finden will. Und meinst du es wohl mit dir, so gehe auch von hier weg; es ist selten, daß man die Söhne um der Väter willen lieb hat und hochhält. Undank ist der Welt Lohn. Aber eine Bitte habe ich an dich, ehe wir scheiden, die mußt du mir erfüllen, um der Liebe willen, die du zu mir hast. Laß' Dorothe mit uns theilen, als wäre sie unsere Schwester. Sie hat Jahre lang den Aeltern gedient, und ist von ihnen als eine Tochter gehalten worden, soll sie jetzt leer ausgehen! Sie ist ein schwaches Mägdlein und steht einsam in der Welt, und wer weiß, wie lange es noch dauert, bis sie in dein Haus eingehen kann als dein Weib.« —

Da griff Konrad in seine Tasche und reichte dem Bruder ein Papier, und dann bedeckte er mit den Händen sein Angesicht und weinte laut. Das Papier war von des Försters Hand geschrieben, kurz vor seinem Ende, und in demselben bat er die Söhne, um der Liebe willen, die sie zu ihm gehabt, Dorothe als ihre Schwester zu betrachten und ihr Erbgut mit ihr zu theilen. Und sie riefen die Schwester und zeigten ihr des Vaters Testament und theilten mit ihr das Gut. — »Siehe, wie fein und lieblich ist es, daß Brüder einträchtig bei einander wohnen. Wie der köstliche Balsam ist, der vom Haupt Aaron's herabfließt — wie der Thau, der vom Hermon herabfällt auf die Berge Zion.

Denn daselbst verheißt der Herr Segen und Leben immer und ewiglich.« —

Das Gut war bald getheilt, denn der Förster Justus gehörte nicht zu denen seines Standes in damaliger Zeit, die ihr Gut mehrten mit fremdem Gut und sich durch Geschenke und Gaben verblenden ließen, ein Aug' im Dienst zuzudrücken. Nur ein guter Wohlstand war im Hause, nicht ein trüglicher Reichthum, von dem man nicht gewußt hätte, wie er hineingekommen wäre.

Das Gut war bald getheilt, denn der Förster Justus war ein guter Haushalter und hielt streng auf Ordnung im Großen wie im Kleinen; so waren denn seine Bücher und Rechnungen so klar und verständlich, daß keine Advokaten und Proceßkrämer sie zu entwirren brauchten, um im Trüben selbst nach Herzenslust zu fischen.

Wenn ich also theilen sehe unter Geschwistern, und der Hader und die Mißgunst sitzt dabei zu Rathe, so mein' ich immer, das Gut, das sie theilen, muß kein ehrlich Gut sein, weil es schon jetzt nicht mehr bei den Erben bleiben will, sondern hinaus möchte unter die bösen Rathgeber.

Das Gut des Försters Justus war bald getheilt, denn die Liebe saß dabei zu Gericht, nicht mit verbundenem Aug', wie die Göttin Gerechtigkeit, sondern mit dem klaren, offnen Aug' der Treue.

Aber Scheiden und Meiden thut weh, am wehesten, wenn Vater und Mutter todt sind, und die Kinder den trauten Ort der Kindheit, das Aelternhaus, verlassen müssen, um Jedes für sich eine neue Heimath zu suchen. Und die Heimath ist oft so leicht nicht gefunden. So ward auch denen dort im Jägerhaus der Abschied gar schwer; denn nach drei verschiedenen Richtungen wandten sich ihre Wege. Heinrich ging nach Holland, Dorothe zu einer braven Familie im Nassauischen, wo man sie lieb hatte, und wo sie nur dem Namen nach diente, der That nach aber wie das Kind vom Hause war; und Konrad Justus, wohin ging der? Die Seinen wußten es während mehrere Jahre nicht; er suchte eine Heimath und ein Stück Brod.

* * * * *