Der Kalendermann vom Veitsberg: Eine Erzählung für das Volk

Chapter 4

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So war ein Jahr vorübergegangen. Auf dem Grabe der Mutter blühten schon Blumen, und die Wangen der Dorothe glühten von den ersten Rosen der Jugend, und Mutter Kunigunde gewann sie täglich lieber. Denn wie sie schön war von Angesicht, so war sie gut von Herzen, und was sie that, das that sie mit Lust, also daß die Aeltern den Konrad glücklich priesen, und seine Freunde ihn um diesen Schatz beneideten. Aber es war ein Wurm in's Lebensschifflein der jungen Brautleute gerathen, an den sie nicht gedacht hatten, und das war der Neid und die Rachsucht des Advokaten Gerst. Der Mensch wußte nicht, was es heißt: mit den Fröhlichen sich freuen, was es heißt: vergeben und vergessen. Er hatte nicht vergeben, daß ihn die Mutter der Dorothe von sich gewiesen; hatte nicht vergessen, daß das Mägdlein vielleicht doch sein geworden wäre, wenn Konrad ihm nicht zuvorgekommen. Und er schwur, daß er sich an Beiden rächen wollte und hat den Schwur treulich gehalten, und ist zum Wurm geworden, der die Jugendblüthe zweier guten Menschen zerstörte.

Auf dem Grabe der Mutter nahm Konrad Abschied von seiner Dorothe; er wollte als Gehülfe zu einem alten Pfarrer gehen, um so baldige Ansprüche auf eine Stelle haben zu können. Und wie er schied, so sagte er: »Geh' der Mutter rüstig zur Hand, Dorothe, will's Gott, so halten wir bald Hochzeit, und dann ist alles Leid, das du bis dahin gehabt hast, vergessen, und wir wollen täglich dem Herrn danken, daß er uns so wunderbarlich zusammengeführt, und mit unserm Haus ihm dienen, wie es sein Wille ist.« Und Dorothe lächelte unter Thränen und bat um einen baldigen Brief.

Der Brief kam bald, und es kam noch mancher, und ging wieder ein Jahr hin; aber die Aussicht zu Amt und Brod war nicht näher gerückt. Der alte Pfarrer, bei dem Konrad gestanden, war gestorben, und man meinte, der Gehülfe müsse den Dienst kriegen. Doch wie die Zeit der Entscheidung kam, da kam ein Andrer in's Amt, ein Vetter des Gerst, und rühmte sich laut, wie der Vetter sich's viel habe kosten lassen an Zeit und Mühe und Geld, den verhaßten Justus um seine Hoffnung zu betrügen. —

Dem Herrn die Rache anheimgebend, der da recht richtet, zog Konrad weiter und ward Informator bei Einem vom Adel, der ihm versprach, ihm eine seiner Pfarrstellen zu geben, wenn er zwei Jahre bei ihm aushielte. Die zwei Jahre waren ein saures Stück Brod; jeder Tag hatte seine eigne Plage. In dem Haus des Edelmanns galt es als Grundsatz: Nur wer vom Adel ist, der ist was werth und zu achten, alles Andere ist bürgerlich Pack, mit dem darf man schalten und walten, wie man will. So waren denn die Junker trotzig und vorlaut, und der Herr Papa lachte dazu; und die Junker hatten mehr Freude am Fischfang und Vogelstellen, am Reiten und Jagen, denn an ihren Büchern, und der Herr Papa hieß das gut und meinte, das viele Wissen mache den Kopf schwer, und er habe auch nicht viel gelernt und sei doch ein Mann von Kopf geworden. Doch die zwei Jahre gingen unter Geduld und Hoffnung hin und auch das versprochene Amt that sich auf; aber damit auch das Anerbieten, die Kammerzofe der gnädigen Frau zu ehelichen, die auch längst ein ähnliches Versprechen erhalten hatte.

Da nahm Konrad seinen Wanderstab, schüttelte den Staub von seinen Füßen und ging weiter. Gebrochen war sein Muth nicht, denn die Welt war ja weit und das Herz war warm von Glaube und Liebe, und die liebe Heimath nicht fern, und in der Heimath treue, gutmeinende Herzen. Wie er heimkam und dem Vater seine vereitelten Hoffnungen berichtete, da sagte der: »Laß den Muth nicht sinken, Konrad, zu meiner Zeit war es mit dem Laufen um Amt und Brod noch schlimmer, denn jetzt. Wen der liebe Gott warten läßt, dem hat er etwas Besseres noch aufbehalten. Mir ist's auch also ergangen, und ich hab' doch mein gut Theil empfangen, und meine Kunigunde dazu. Nur hinaus und versucht. Der Mann muß sein Amt sich erlauern, wie der Jäger das Wild.

Alles ohne Tück' und Lug, Wie es will der Weidmannsspruch.

Also that Konrad, und erwarb sich, wohin er kam, viel Liebe. So hatte er wieder ein Jahr einer lateinischen Schule in einem Städtchen vorgestanden, und der Magistrat glaubte die Stelle in keine besseren Hände legen zu können, denn in die seinen. Er ward dem Landesherrn vorgeschlagen, und er erwartete täglich seine Bestallung. Statt deren aber kam vom Consistorium ein Schreiben des Inhalts: »Man habe in Erfahrung gebracht, daß der Justus, den man als ein tüchtiges Subject vorgeschlagen, keines guten Rufes genieße; wie er denn da und dort, wo er bisher gedient, kein gutes Gerücht hinter sich gelassen.« Da war es aus mit der Gunst, die man ihm bisher erwiesen hatte; Niemand grüßte ihn auf der Straße, Niemand wollte seine Kinder ihm zum Unterricht anvertrauen, und Konrad mochte hoch und theuer seine Unschuld versichern, und auf seine Zeugnisse sich berufen; man zuckte die Achseln und meinte, das Consistorium müsse das besser wissen. Wie nun Justus das Consistorium selbst um Aufschluß anging, da hieß es: »Es sei schon schlimm, wenn ein solch' Gerede über einen Candidaten im Schwange gehe, er solle nunmehr durch seine Aufführung beweisen, daß die Leute auf ihn gelogen hätten.« Das hatte Konrad nicht erwartet. Mit einem Male durchschaute er die ganze Bosheit seines alten Feindes, des Gerst, und beschloß, diesen selbst zur Rede zu stellen. Aber wo fand er ihn? In einem Amte, das er durch seine Schleichwege sich erbeutet, und das so einflußreich und hoch war, daß der bescheidene Candidat es nicht wagen durfte, ihm mit Fragen und Vorwürfen zu nahen. »Als ich solche Schelmerei und Tücke wahrnahm«, schreibt er in seinem Tagebuch, »und ich schier gestrauchelt mit meinen Füßen, weil es mich verdroß auf die Ruhmredigen, da ich sahe, daß es den Gottlosen so wohl ging, da hab' ich Assaph's Psalm, der da ist der 73te, vielmal gelesen, daß ich ihn fast auswendig gekannt, und mich sonderlich getröstet an dem Wort: »Ich dachte ihm nach, daß ich es begreifen möchte; aber es war mir zu schwer, bis daß ich ging in das Heiligthum Gottes und merkte auf ihr Ende.« »Laß' mich denn, Herr, mein Gott, bleiben an dir, und halt' mich bei meiner rechten Hand. Leit' mich nach deinem Rath und nimm mich endlich mit Ehren an! Amen.«

Den 13. Februari. »Hab' ich doch nimmer geglaubt, daß so viel Bosheit auf der Welt sei, und daß es so weh' thue, gehaßt zu werden ohne Ursache. Ich bin weggegangen aus meinem Lande und von meiner Freundschaft; denn ich bin wie der Prophet ein Spott meinem Volk und täglich ihr Liedlein. Soll ich warten, bis man mich gehen heißet, und mich bedeutet, daß ich daheim kein Amt finden werde, so will ich lieber selber in die Fremde gehen. Was mein Gott will, gescheh' allzeit! Ist ein sauer Brod, das ich in der Fremde essen muß. Daheim wär's süßer, und würde mir gern von Vater und Mutter gereicht, noch manches Jahr; aber wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen. Thu' denn, was deines Amtes ist; Zwanzig Thaler und ein Weniges an Kleidung ist ein geringer Lohn für Einen, der von Morgen bis Abend muß informiren. Geb' der liebe Gott nur seine Kraft, daß Alles mög' zu seinem Dienst geschehen.«

Den 3. Martii. »Ist doch ein sauer Amt, das ein Schulmeister hat; man sollt' ihn doppelter Ehre werth halten um seines Amtes willen. Gestern war ein harter Tag. Hatte den Jüngsten knien lassen, weil er Narretheidinge getrieben; ist der Herr Principal hereingekommen während der Pönitenz, und hat mich mit Worten hart angefahren. Ist auch die Frau hinten drein gekommen ob des Lärms, den der Herr gemacht, und hat mir gedroht, sie wolle mir die Suppen versalzen, daß ich daran denken solle. Habe mich exkusiret aus aller Macht; hat aber nichts gefruchtet, sondern haben den Jüngsten mitgenommen und ihm einen Pfefferkuchen gegeben, mit dem er wieder herein gekommen und es getrieben, wie vorher. »Wer seiner Ruthen schonet, der hasset seinen Sohn.« Sprüchwörter Salomonis 13, 24.

Den 11. Septembris. »Wie doch das Menschenherz ein trotzig und verzagt Ding ist.« Mein Herr glaubt nicht an Jesum, daß er der Christ sei, auch nicht, daß wir Alle müssen offenbar werden vor dem Richterstuhle Christi, und hat zu verschiedenen Malen die Gelegenheit vom Zaun gebrochen, mit mir zu disputiren. Ich hab' kräftiglich Zeugniß gegeben von der Hoffnung, die in mir ist, und aus göttlichem Wort manchen Spieß und Nagel nach seinem Herzen gerichtet, aber das Wort sähet nicht in ihm. Will mich manchmal schier bedünken, als wenn etliche Menschenherzen des Glaubens nicht ein Fünklein in sich hätten. Doch der Herr weiß seine Zeit. Nun liegt der starke Geist, wie er sich selbsten gerne tituliret, auf seinem Schmerzenslager und stöhnt, daß es zum Herzbrechen ist, und flucht auch mitunter gar fürchterlich, aber an Gott, der das Kreuz schickt, will er nicht denken. »Wir rühmen uns der Trübsal, dieweil wir wissen, daß Trübsal Geduld bringet.« Röm. 5, 3.

Den 24. Septembris. »Richtet nicht vor der Zeit«, das Sprüchlein muß dich meistern, Justus! Hast wieder des Herrn Macht bezweiflen und seines Worts vergessen wollen: »Meine Zeit ist noch nicht hie, eure Zeit aber ist allezeit.« Mein Herr hat mich zu sprechen begehrt außer der Zeit, wo ich ihm die Aufwartung gethan; und als ich zu ihm eingetreten, da hat er mich an sein Bett sitzen lassen, und mich fleißig aus Gottes Wort examiniret. Wie ich denn freudig Zeugniß gegeben von der Hoffnung, die in mir ist, auch die Gnade Gottes laut gerühmt, die sich unser wider Verdienst und Würdigkeit erbarmet, und die Vergebung der Sünden noch heut' anbeut Allen, die Gottes Zorn fürchten; da hat mein Herr das Wort ein rechtes Trostwort und Labsal geheißen, und mich ersucht, ihm etliche Kapitel aus heiliger Schrift zu lesen. Darauf hab' ich am ersten den sechsten Psalm gebetet: »Ach Herr, strafe mich nicht in deinem Zorn und züchtige mich nicht in deinem Grimm &c.« Zum andern, so hab' ich den 51. Psalm vorgenommen, und wie ich kommen bin an den 12. Vers: »Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz, und gieb mir einen neuen, gewissen Geist; verwirf mich nicht von deinem Angesicht und nimm deinen heil. Geist nicht von mir«, — da ist mein Herr gewesen, so bußfertig wie David war, da der Prophet Nathan zu ihm kam, und hat unter viel Weinen und Seufzen einmal über das andere Mal gerufen: »Herr, nimm deinen heil. Geist nicht von mir!« Mich selber aber hab' ich gedemüthiget vor dem Herrn ob solch' großer Gnade, die er mir erwiesen, sein Wort zur Buße predigen dürfen, und ist mir gewesen denselbigen ganzen Tag, wie ich meine, daß es Paulo muß gewesen sein, da er sprach: »Ich ward entzückt bis in den dritten Himmel. Hilf nur, Herr, mein Gott, daß ich nicht Andern predige und selbst verwerflich werde!« (1. Korinther 9, 27.)

Den 30. Novembris. »Mein Herr ist durch Gottes Gnade wieder gesund und ein neuer Mensch geworden. O wie ist doch wahr Pauli Wort: »Ist Jemand in Christo, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, es ist Alles neu worden.« (2. Kor. 5, 17.)

»Mein Herr hat eine große Liebe zu mir gefaßt, also daß ich nicht mehr als ein Fremdling im Haus bin, sondern schier als ein lieber Freund. Er will auch, daß ich im Land Sachsen bleiben soll und hat mich Einem von Adel recommandiret, der eine Pfarre zu besetzen hat. »Was mein Gott will, gescheh' allzeit!« Die Erd' ist überall des Herrn, und man kann im fremden Land' auch ein frommer und getreuer Knecht sein. Aber auf Menschenwort und Trost bau' ich nicht viel, seit ich weiß, daß solch' Trauen eitel ist.«

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Den 1. Januari. »Wie gedacht, so geschehn! War schon mit einem Bein' im neuen Amt, hat auch meine Dorothe schon getröstet mit einem süßen Hoffnungswörtlein; da ist ein Andrer gekommen und hat erlangt, wonach mein Sinn stand. Ob wohl noch zuviel Eitelkeit und Hoffahrt in meinem Herzen sein mag, weßhalb der liebe Gott mich warten lässet? »Nun, Herr, so zeige mir deinen Weg, daß ich wandle in deiner Wahrheit; erhalte mein Herz bei dem Einigen, daß ich deinen Namen fürchte!«

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Ein Jahr später. »Ich bin beides, dein Pilgrim und dein Bürger, wie meine Väter alle.« (Psalm 39, 13.) Es muß wieder geschieden sein; will einmal wieder mein Glück daheim versuchen. Vater und Mutter mahnen gar dringend an die Rückkehr. Sie meinen, es sollt' mir jetzt daheim auch gelingen und meine Wartezeit nach Gottes Willen zu Ende gehen. Aber das Scheiden thut auch weh', sonderlich wenn man eins geworden ist, einmüthig und einhellig.«

»Barmherz'ger Gott und Vater, Du treuer Menschenrather! Auf dein Wort zieh' ich aus, Auf unbekannten Straßen Wollst du mich nicht verlassen, So bin ich überall zu Haus.

Behüte mich vor Feinden Und heuchlerischen Freunden, Gieb mir die Engel zu; Geleit' all' meine Werke, Sei Morgens meine Stärke, Und dann am Abend meine Ruh'.

Auf der Reise. »Also hab' ich gebetet, ehe ich mein Bündel schnürte und den Wanderstab in die Hand nahm. Der treue Gott hat mein Gebet erhört. Wie ich an die hessische Gränze kommen bin, hab' ich Herberg' genommen in einem Flecken, allda zu rasten. Wäre gerne weiter gegangen, als ich kaum den Reisesack abgelegt. Denn in der Herberg' ging's toll her. Kaiserliche Werber lagen da; die hatten gute Geschäfte gemacht, und tranken den Rekruten vollends den Verband weg. Und die Rekruten waren schier wie toll; Einer sang den Prinz Eugenius und schrie dabei wie besessen; ein Anderer soff und heulte dabei, daß einem weh' zu Herzen ward, und ein Dritter raufte sich mit den Dirnen. Die nicht mehr brüllen und saufen konnten, die hatte man wie die Schlachtschweine unter einen Schoppen gelegt, und dabei standen schnurrbärtige Grenadiere und hüteten ihrer. Wie ich mir den Heidengräuel etwas angesehen und des Sprüchleins eingedenk worden: »Besser allein, denn in böser Gemein«, da wollt' ich wieder meines Weges gehen, obgleich der Abend nahe war. Wie ich mich umwenden will, so kommt ein freundlicher Herr auf mich zugegangen, faßt mich bei der Hand und sagt: »Monsieur scheint auch keinen Gefallen zu haben an solch' unfläthigem Saufen. Theile in dem Stück ganz Monsieurs Meinung. Beliebt's demselben, ein wenig hereinzutreten und einen freundlichen Rath zu halten, so wird Monsieur mich sehr verbinden!« »Das Wort gefiel mir sehr, sintemal meine Füße vom langen Gehen wund geworden waren, und ich trat mit dem Herrn in ein sauber Zimmerlein. Dort hielten wir selbander angenehmen Rath, bis es dunkel ward und erzählten uns unser Lebensschicksal. Und des Fremden Leben war gar wunderbar. Jetzt, so sagt' er, war er auf einer langen Reise, und könnte just einen Secretär und Gesellschafter brauchen, wie ich sei; ich solle mit ihm ziehen. Der Vorschlag leuchtete mir schnell ein; aber ich bedung mir Ueberlegung aus bis zum andern Tag. Da ließ der Herr Wein kommen, denn wir hatten bisher einen Krug Bier mit einander geleert, und ward immer redsprächiger, also daß auch mir das Herz auf die Zungen kam. Da rückte der Fremde mir näher und rief: »Besinnt euch nicht lange mehr, jetzt kennt ihr mich, sagt ja und wir sind Handels einig; da nehmt zum Voraus etwas Reisegeld und schlagt ein.« Wußte nicht, wie mir geschah und hielt die Brabanter, die er in meine Hand gelegt, in den Fingern und sah ihm ihn's Auge. Indem klopft's draußen und es erschien Einer in der Thüre, der ein Diener des Herrn zu sein schien und rief ihn hinaus. Wie ich noch auf die Thaler blicke, so kommt aus einem Kämmerlein zur Seiten ein Mägdlein heraus, noch sehr jung an Jahren und sagt in leisem Tone: »Herr, ist euch euer Leben lieb, so werft das Blutgeld auf die Erde und macht euch auf und davon, sonst geht es euch wie den Rekruten drüben im Hof. Der Hauptmann ist ein Erzschelm und betrügt euch wie die Andern.« — »Wie ich das Wort gehört, da hab' ich das Fenster aufgerissen, das nach dem Garten hinsah, hab' schnell mein Bündel hinabgeworfen, und bin hinabgesprungen, wohl an 10 Fuß hoch. Und gleich als wär' der böse Feind hinter mir, bin ich dem Walde zugeeilt, den ich heute erst durchwandert hatte, und hab' nicht eher mit Laufen eingehalten, bis der Wald dichter ward.«

»So hat mich abermal mein treuer Gott wunderbarlich erhalten und hat mir seinen Engel gesandt, der den Löwen den Rachen zugehalten.« (Daniel 6, 22.) Aber der treue Gott hat noch mehr an mir gethan damals, als ich den Werbern entging, wofür ich ihm Dank sagen will all' mein Leben lang; denn er hat mich dazumalen ein Sprüchlein aus seinem heil. Wort erkennen lassen, das ich bis dahin nicht ganz verstanden, und das Sprüchlein steht Psalm 19. Vers 2. und heißt: »Die Himmel erzählen die Ehre Gottes.« »Wie der Wald dichter um mich ward, bin ich langsam und fürsichtig gegangen, und habe mit meinem Reisestock den Grund vor mir geprüfet; denn es war so finster, als in einem Sack um mich her, und nur manchmal schien ein Sternlein durch die Büsche, gleich als wollt' es sagen: »Geh' nur getrost, Justus; ob du schon wandelet im finsteren Thal, so fürchte doch kein Unglück, denn ich, dein Hirte, bin bei dir.« (Psalm 23, 4.)

»Wie ich wohl eine Stunde im Dickicht herumgetastet, so ist der Wald lichter geworden, und ein Pfädlein hat sich durch die Bäume geschlängelt, und dem Pfädlein bin ich nachgegangen. Da ist mir bald ein Licht in's Auge gedrungen; und wie ich dem Schein nachging, so hab' ich bald vor einem Kohlenmeiler gestanden, neben dem ein lustig Feuer brannte und ein Mann stand, der mit einer Schaufel Erde auf den Meiler warf, wo die Lohe durchbrechen wollte. Da hab' ich den Mann freundlich gegrüßt, und ihm gesagt, daß ich ein Fremdling sei, der des Weges verfehlet, und wie ich ihn bäte, mir aus christlicher Lieb' die rechte Straße zu weisen. Da hat der Köhler meinen Gruß mit einem »schönen Dank« erwiedert und gesagt: »Ihr seid nicht der Erste, der verirrt zu mir kommt, und werdet auch nicht der Letzte sein, denn der Wald ist tief und die Wege gerade nicht leicht einzuhalten. Aber vergebt, wenn ich euch in dieser Nacht nicht geleiten kann; ihr seht wohl, mein Meiler bricht aus und ich darf ihn keine halbe Stunde allein lassen. Verdrießt's euch nicht, so bleibt bei mir bis zum Morgen; dann soll weiter Rath werden. Geht einstweilen dort in die Hütte und ruht euch aus; aber bückt den Kopf, wenn ihr hineintretet; eines Köhlers Häuslein ist eben nicht für hohe Herrn, sondern für Solche, die sich gern vor Gott und Menschen bücken.«

»Da kroch ich hinein in die Hütte und setzte mich auf das Mooslager des Köhlers, und mein Bündel legt' ich neben mich, nicht ohne daß ich für mich hin betete: »Das walt Gott der Vater, der Sohn und der heil. Geist.« »Wie ich ein Weniges geruht, so kommt der Köhler auch herein, steckt einen großen Kienspahn in eine eiserne Gabel und stößt die Gabel vor dem Eingang in die Erde. »So«, sagt' er, »nun haben wir Licht und können uns in's Angesicht sehen wie zwei Christenmenschen. In meinem seht ihr, trotz Kohlenstaub und Ruß, daß ich ein alter Mann bin, und in eurem lese ich, daß ihr jung seid und müde, und wie steht es mit dem Appetit? Ekelt euch nicht vor eines Köhlers rauher Kost, so seid mein Gast, bis euch morgen ein besserer Tisch gedeckt ist.« »Und von einem Bänklein herab holte der Köhler ein großes schwarzes Brod, schnitt zwei gewaltige Stücke ab und legte jedes auf einen hölzernen Teller, und oben drauf ein Stück gekochten Speckes. Und wie er von dem Bänklein auch zwei Messer herabgeholt, und eins mit dem andern gesäubert hatte; da nahm er die Ledermütze zwischen seine gefaltenen Hände und betete mit tiefer Stimme: »Aller Augen warten auf dich, Herr, und du giebst ihnen ihre Speise zu seiner Zeit; du thust deine Hand auf und erfüllest Alles, was lebet, mit Wohlgefallen! Amen.« »Und wie ich auch »Amen!« gesagt, da aß der Köhler sein Abendbrod und ich mit ihm, und hat mir lange kein Abendbrod so gut geschmeckt. Wie er damit zu Ende war, griff er hinter sich, und langte einen Wasserkrug von Stein hervor, deckte ihn auf und that einen herzhaften Zug. Dann schüttete er ein Weniges ab, reichte mir den Krug und sprach: »Trinkt, guter Freund, ein Schelm gibt's besser, als er's hat; im Wald wächst kein ander Getränk; aber das Wasser aus dem Heiligenbörnlein ist dafür auch ein sonderlich und vornehm Wasser, und schmeckt frisch und süß, und hat viel Kranken schon geholfen.« Da trank ich auch nach Herzenslust; und wie ich den Krug geschlossen, da nahm der Köhler wieder die Ledermütze ab und sprach: »Nun, unser Gott, wir danken dir, und rühmen den Namen deiner Herrlichkeit!«