Der Kalendermann vom Veitsberg: Eine Erzählung für das Volk
Chapter 2
Und doch hatte die Susanne recht gehört. Es hatte wirklich in der Stube der Fremden ein Kind geweint, und ein Kind war es gewesen, was der Reisende unter seinem Mantel verbarg, als er aus dem Wagen stieg. An dem Bette ihres Kindes saßen die Aeltern an diesem Abend, während die Tanzmusik schallte, und weinten und klagten, und je lauter das Jauchzen der Fröhlichen wurde, desto betrübter wurden sie. »Ist's denn gar nicht zu ändern, Lewin«, sprach weinend die fremde Dame, indem sie einen Kuß auf die Stirne eines lieblichen Mädchens drückte, das schlafend im Bette lag; »ist's denn gar nicht zu ändern, und muß ich mich von meinem kleinen Engel scheiden? Ach ich halt' es nicht aus! Thue Alles, was du willst; sage lieber vor aller Welt, ich wäre nicht dein Weib, nur nimm mir mein Kind nicht, meine Selma. Sage deinem Vater, was du willst; sage ihm, wir seien nicht getraut. Geh' allein zurück, vergiß mich, wenn du kannst, aber laß' mir mein Kind. Ach, in fremdem Land es zurücklassen, Wochen und Monate nichts von ihm hören, wie kann ein Mutterherz das ertragen?« — »Mora«, hub der Fremde an, indem die Thränen fast seine Stimme erstickten, »hältst du mich denn für einen Wilden, ohne Gefühl und Glauben? Weißt du nicht, wie ich selber gekämpft, bis dieser fürchterliche Entschluß gefaßt war? Meinst du, ich wäre so stark, daß ich mit lachendem Munde unser Kind in fremde Hände geben könnte? O, schon daß ich dich nöthigen mußte, das Kind abzugewöhnen, damit es in fremde Hände könne gegeben werden, das hat mir tief in's Herz geschnitten. Aber es muß sein; morgen am Tage muß das Kind von uns, und wir müssen mit aller Schnelligkeit nach Hause. Und ich, o schrecklicher Fluch! muß mein Weib und mein Kind vor meinem Vater verläugnen, und mich von dir scheiden, gebe Gott, auf recht kurze Zeit.« »Aber, Lewin«, fragte schluchzend die Frau, »ist es denn gar nicht möglich, das Herz deines Vaters zu erweichen? Wenn du ihm dein Kind bringst, wenn du ihm sagst, daß ich schon seit zwei Jahren mit dir vermählt sei; wenn du ihn beschwörest, dich und dein Kind nicht unglücklich zu machen, sollte dann nicht endlich sein Widerwille gegen mich aufhören, und er mir um deinetwillen erlauben, dein Weib sein zu dürfen?« — »O Mora«, rief hastig der Fremde, indem eine brennende Röthe sein blasses Gesicht überzog, »zwinge mich nicht, daß ich dir meinen Vater schildere, wie er mir erscheint nach seiner Härte gegen mich. Du kennst ihn nicht. Ich habe nie gehört, daß er jemals etwas zurückgenommen hätte, das er gesagt. Als er durch feile Zwischenträger von unserer Liebe hörte, da beschied er mich einst in seine Arbeitsstube. Lange schien er nach Fassung zu ringen, und ging mit gesenktem Kopfe auf und ab. Dann blieb er plötzlich vor mir stehen und sprach in leisem Tone: »Lewin, du hast die Wahl, entweder du gibst dein Vorhaben mit jenem Mädchen auf, oder du bist enterbt, und bekommst meinen Fluch oben drein. Jetzt geh' und wähle!« »Aber um Christi willen, Lewin«, rief das Weib in höchster Aufregung, »warum hast du mir davon nichts gesagt? Nur obenhin berührtest du, dein Vater mißbillige unsere Verbindung vor der Hand; sie müsse darum heimlich vollzogen werden. O hättest du mich doch bei meiner alten Base gelassen, und mich junges, unerfahrenes Mädchen nicht in einen Stand hineingezwungen, der mir jetzt, wie ich sehe, zum Verderben werden wird. Sag' mir, Lewin, ich frage dich bei Gott, dem Allwissenden, nicht wahr, dein Vater nöthigte dich selbst zu der Reise nach Deutschland, damit du mich vergessen solltest?« »Ja, Mora, so ist es«, sprach der Fremde mit niedergeschlagenem Auge; »ich that Unrecht, großes Unrecht, beides an dir und an meinem Vater. Ich sehe unendliches Herzeleid über uns hereinbrechen, und es ist mir manchmal, als wenn mein Herz mit tausend Messern durchbohrt würde. Ja, Gottes Gerichte sind ernst und strenge! Laß mir nur den Trost, daß du mich nicht hassest, daß du mit mir tragen willst, was Gott mir auferlegt hat!« — »Hast du je daran gezweifelt, Lewin«, sprach mit sanfter Stimme die Frau, indem sie ihren Arm um des Mannes Nacken schlang. »Komme, was da wolle, ich bin auf Alles gefaßt; ich bin dein Weib, rechtmäßig durch den Segen der Kirche dir angetraut, und das will ich bleiben, ob man mich von dir reißt oder nicht. Laß uns aber zum Herrn beten, daß er uns unsere Sünden vergebe und die Last uns leicht mache, nach seinem gnädigen Willen; ach, daß er vor Allem unser Herz stark mache für die bittere Trennung von unserm Kinde, und es uns bald wieder schenke, an Leib und Seele gesund.« — Ein Kuß besiegelte den frommen Vorsatz und still betend und weinend saßen sie am Lager ihres Kindes, bis der Morgen graute.
Wie der Tag anbrach, verlor sich ein Tänzer nach dem andern vom Tanzplatze; die Musik verstummte, und auf den Straßen begann es laut zu werden, denn der zweite Markttag brach an. Mit dem Verstummen der Musik sanken die Fremden in einen kurzen Schlaf; böse Träume unterbrachen ihn oft.
Ein leises Pochen an die Thüre weckte zuerst den Herrn; und wie er sich erhob, da fuhr mit einem Schrei auch die Frau auf, und griff hastig nach dem Kinde an ihrer Seite. Es war der Jäger, der anfragte, ob's der gnädigen Herrschaft gefällig wäre, das Frühstück zu nehmen? Ein Kopfnicken war die einzige Antwort. Im Hinausgehen fragte der Herr hastig: »Bist du fertig, Heinrich?« »Zu dienen, Ihre Gnaden«, war die Antwort.
Unberührt stand noch das Frühstück, als der Jäger bald darauf in einen weiten Mantel gehüllt zur Stube hineintrat und an der Thüre stehen blieb. Da schritt die junge Frau hastig auf das Bett zu, wo das Kind ruhte, schlang mit Hast mehrere Tücher um dasselbe, knüpfte eine Perlenschnur von ihrem Halse ab und band sie dem Kinde um, und unter sanftem Weinen sprach sie: »Nimm den letzten Kuß, Engel meines Lebens; der Herr sei mit dir, mein Herzenskind. Und nun fort, Heinrich, fort, oder ich sterbe auf der Stelle!« »Hier, Heinrich«, rief mit abgewandtem Angesicht der Fremde, und legte einen schweren Beutel in des Dieners Hand. »Alles bleibt nach der Verabredung.«
O Menschenherz, wie viel Jammer bereitest du dir selbst! Wie wahr bleibt deines Heilands Wort: »Wenn du es wüßtest, so würdest du auch bedenken zu dieser deiner Zeit, was zu deinem Frieden dienet. Aber nun ist es vor deinen Augen verborgen.«
4. Das Trauerhaus.
Der Morgen des 17. Octobers war so schön, wie nur ein Herbsttag sein kann im lieben Deutschland. Die Sonne schien warm vom wolkenlosen Himmel herab, der Herbstthau schimmerte noch im Grase, und zwischendurch zirpten die Heimchen. In langen weißen Fäden flog der Sommer über die Felder hin, hier von einzelnen Sträuchern in seinem Flug aufgehalten, und dort vom Morgenwind einem Wandrer entgegengeführt. Eine eigenthümliche Stille herrschte in der Natur, nur hin und wieder unterbrochen vom lauten Schlag der Drossel oder vom sanften Gesang des Rothkehlchens. O unser Vaterland ist schön zu jeder Jahreszeit; und wer mit dem Frieden Gottes in der Brust hinaustritt auf die gesegneten Felder oder auf die grünen Höhen, der fühlt tief das Wort der Schrift: »Groß sind deine Werke, Herr, wer ihrer achtet, der hat eitel Lust daran.« —
Die Stille des Herbstmorgens waltete auch um das Häuschen her, in dem der Schulmeister Jakob Konrad Justus wohnte. Das stand auf dem Veitsberg, eine Stunde von Grünberg, neben der Kirche, und drum her eine kleine Zahl von Häusern. Von der Höhe herab übersieht man eine Reihe von Dörfern, deren Bewohner sonntäglich entweder die Kirche vom Veitsberg, oder die vom Wirberg besuchen. An den Kirchhof lehnt sich das Schulhaus, damals wie jetzt noch klein und unscheinbar, aber heimisch und traulich gelegen. Trauben rankten an der Sonnenseite empor und bedeckten fast die kleinen Fenster, und zwischen den breiten Blättern schimmerten blau und hellgrün die saftigen Trauben hervor. —
In dem Häuschen herrschte eine düstere Stille, nur manchmal durch einen einzelnen Laut der Klage unterbrochen. Magdalenchen, das jüngste Kind des Schulmeisters, war gestorben, und um das offne Särglein in der Wohnstube standen Vater und Mutter und drei Geschwister, auch die Gespielinnen des Kindes und einige Nachbarn standen da, Alle sonntäglich geschmückt und den Rosmarinkeim in der Hand. »Nun Kinder«, sprach der Schulmeister in wehmüthigem Tone, »draußen läuten die Glocken, seht euch euer Schwesterlein noch einmal an, es ist Zeit, daß wir aufbrechen; und ihr Kameraden meines Magdalenchens, gebt ihm die Blumen, die ihr tragt, in sein Todtenstübchen. So, nun sieht mein Lenchen wie ein Engel aus, der unter Blumen schläft. Nun, Nachbarn, deckt den Sarg zu und laßt uns gehen. Komm Dorothe und sei fest; ein Kind weniger auf Erden und einen Engel mehr im Himmel, wozu da das Trauern? Das Mägdlein ist nicht todt, es schläft nur, und ist droben schon erwacht. Der Herr ist sein Hirte und weidet sein Schäflein, gebe er auch uns seinen Frieden in die Seele und die Hoffnung des seligen Wiedersehens in's Herz. Und damit Amen in seinem Namen! — Wie dann der Zug der Leidtragenden um das Grab stand, wie das Särglein hinabgesenkt und mit Erde bedeckt war, wie sie die Blumenkrone auf dem Hügel befestigt hatten; da sprach der Schulmeister, indem ihm die Thränen über die Wangen rollten: »Ich will schweigen und meinen Mund nicht aufthun. Du, Herr, wirst es wohl machen. — Du warst ein Kind guter Art und das Loos ist dir gefallen auf's Liebliche; dir ist ein schön Erbtheil geworden!« — »Und nun, Nachbarn, betet ein still Vaterunser mit uns, und dann habt Dank für eure Liebe. Der Herr vergelt's. — So, und nochmals Amen! und einen freundlichen guten Morgen euch Allen, auch euch, ihr Kinder!«
»Guten Morgen, Bruder!« rief's da plötzlich, und der Jäger, den wir zu Grünberg im Riesen kennen gelernt, eilte über die Gräber weg, und schlang seinen Arm um den Schulmeister und küßte ihn. Aber erschrocken fuhr er zurück, als er die Thränen in seinen Augen gewahrte. »Was ist mit euch, Bruder«, rief er, »habt ihr Eines der Euren verloren? Doch nicht meinen Pathen Heinrich, das wolle Gott verhüten!« »Sei willkommen«, sprach freundlich der Schulmeister, »auf dem Grab meiner Jüngsten muß ich dir heute die Hand reichen. Aber es ist auch so gut; der Herr hat's gethan! Siehe, diese sind mir ja noch übrig, meine Dorothe, mein Heinrich, meine Marie und meine Anna. Bin ich da nicht reich genug? — Und woher kommst du denn, Bruder Heinrich, und was trägst du denn unter deinem Mantel? Ein Kind? Wem gehört denn das? Dein vielleicht?« »Seid ihr verheirathet, Schwager?« fragte Dorothe. »Davon laßt uns drinnen im Hause reden«, sprach in leiserem Tone der Jäger, »was ich euch zu sagen habe, gehört nicht vor Jedermanns Ohren.«
Wie sie nun in's Haus gegangen waren und der Jäger die Tücher, mit denen es umhüllt war, abgebunden hatte, da erwachte das Kind, und da es die gewohnten Gesichter nicht sah, so fing es an zu weinen. Dorothe nahm es auf ihren Arm und liebkoste es, und hieß die Marie hinausgehen und Milch für das Kleine holen, während Anna auf einen Schemel stieg, um sich den kleinen Fremdling besser zu betrachten.
»Wo das Kind eben ist, Schwägerin«, sprach da der Jäger, »in euren Armen, da möcht' ich es gern auf einige Zeit lassen. Seid so gütig und nehmt euch seiner an; das Kind muß von Vater und Mutter weg, seid ihr ihm Vater und Mutter, bis ich es wiederhole. An einem schönen Stück Geld für eure Mühe soll's nicht fehlen; hier ist einstweilen der Anfang.« Und der Jäger legte den Beutel mit Geld auf den Tisch.
»Ich wünschte, Heinrich«, hub da der Schulmeister an, »du sagtest mir erst, ehe du mich mit dem Gelde versuchst, wem das Kind gehört und ob es ehrlicher Leute Kind ist; denn selbst deine Bitte könnte mich nicht vermögen, ein fremd Kind in mein Haus zu nehmen, wenn nicht Alles ehrlich dabei zugeht.«
Da erzählte der Jäger, was er von den Aeltern des Kindes wußte; wie sein Herr ein vornehmer, reicher Kaufmann aus Delft in Holland sei; wie er van der Bruck heiße; wie der Vater desselben ein harter Mann sei, der sich der Heirath seines Sohnes widersetzt habe; wie aber dennoch diese Verbindung zu Stande gekommen sei; wie aber die Aeltern ihr im Ausland gebornes Kind nicht mit nach Holland zurücknehmen dürften, weil dadurch ihre Verbindung dem alten Vater verrathen würde; wie sie aber bald wiederkommen und das Kind mit tausend Dank aus den guten Händen, denen sie es vertraut, nehmen würden.
Wie der Jäger so sprach, ging der Schulmeister Justus kopfschüttelnd auf und ab. Endlich blieb er vor dem Bruder stehen und sagte: »Dein Wort in Ehren, Heinrich, aber es will mich sonderbar bedünken, wie so reiche, vornehme Leute, denen die Welt offen steht, ihr Kind in das Haus eines armen Schulmeisters thun wollen, den sie gar nicht kennen. Und dann muß wohl zwischen den Leuten nicht Alles in Richtigkeit sein, sonst nähmen sie ihr Kind mit zurück nach Holland und ließen es nicht hier in so weiter Ferne von Haus.« —
»Was den ersten Einwand betrifft, so steht hier der Mann, dem du das Zutrauen meiner Herrschaft verdankst. Hab' ich nicht bereits 14 Jahre, erst dem alten und dann dem jungen Herrn treu und redlich gedient, und wird mein Herr mir nicht glauben, wenn ich ihm sage: Mein Bruder, der Schulmeister vom Veitsberg, ist ein armer, aber ehrlicher Mann und wird dem Kinde Eurer Gnaden ein treuer Wächter Leibes und der Seelen sein!«
»Da hast du wohlgesprochen, Heinrich«, sprach der Justus, »wie ein Bruder vom Bruder reden soll; aber wie steht's mit dem zweiten Punkt? Der Teufel ist in mancher Gestalt schon in mein Häuschen gekommen, und hat mich zu allerlei Werk gebrauchen wollen, ich möchte auch dießmal erst wissen, ob's vom Herrn ist, oder von ihm, daß dieß Kind in mein Haus soll.« »An diesem Wort kenne ich dich, Bruder«, sprach der Jäger ernst, »und weil ich dich kenne, so habe ich meinen Herrn vermocht, von seinem Trauschein und dem Taufschein des Kindes eine Abschrift nehmen zu lassen; die habe ich beide hier, und sieh nur, sie sind von deinem Freund, dem Stadtschultheiß Weinrich zu Braubach, geschrieben und gesiegelt; was willst du mehr?« Der Schulmeister warf einen flüchtigen Blick auf die Papiere, und sein Angesicht ward heiter, als er sprach: »Ja das ist meines guten Weinrichs Hand; so sei es denn!«
Die letzten Worte schien Dorothe nicht gehört zu haben; sie war ganz in den Anblick des fremden Kindes vertieft, und drückte es wiederholt an ihre Brust. Jetzt stand sie auf und das Kind in ihren Armen trat sie zu ihrem Manne und sprach freundlich: »Justus, laß mir das Kind; es ist freundlich und schön wie ein Engel, und fast scheint es mir, als sähe es meinem Magdalenchen ähnlich. Gewiß will der liebe Gott mein Herz mit dem Kindlein trösten, darum schickt er es mir. Höre nur: Ich war gestern Abend unter Thränen eingeschlafen um mein Töchterchen, das mir der liebe Gott genommen; da träumte mir, es kam aus dem Himmel ein Engel herab, und um den Engel her war Licht und Luft, während zu meinen Füßen Winter und Kälte war. Der Engel hatte eine Bibel in seiner Hand und fragte mich: »Dorothe, hast du Glauben?« »Ja Herr«, sagt' ich, »aber hilf meinem Glauben.« Und er deutete auf den Spruch: »Die mit Thränen säen, die sollen mit Freuden erndten«, und fragte mich: »Glaubest du das?« Und wie ich »ja« sagte mit lauter Stimme, da rief der Engel: »Dein Glaube hat dir geholfen, gehe hin in Frieden!« »Siehe, mein Glaube hat mir schon geholfen; das Kind schickt mir Gott!« —
»Aber Dorothe«, sprach der Schulmeister, »wenn nun die fremde Herrschaft bald wiederkommt und verlangt ihr Kind, und du hast dein Herz daran gehängt, mußt du dann nicht noch einmal fühlen, was es heißt: »Rachel beweinte ihre Kinder, und wollte sich nicht trösten lassen, denn es war aus mit ihnen?« »Du hast Recht, Justus«, sprach Dorothe, indem sie das Kind küßte, »daß du mir heute schon sagst, wie es bald ein Ende nehmen soll auch mit dieser Freude; aber ich hab' ja das Verlieren schon vielfach gelernt, so werd' ich auch das überstehen. Sagt der fremden Herrschaft, Schwager, ihr Kind sei bei mir gut aufgehoben. Und nun macht's euch bequem, und sprecht ein freundlich Wörtlein mit eurem Pathen Heinrich. Seht nur, wie er an eurem Munde hängt, als wolle er euch zwingen, sein zu gedenken.« »Nun, das Nöthigste mußte erst abgemacht werden, Dorothe«, sprach gütig der Jäger, indem er den Jungen zu sich aufhob. »Wie doch der Bube so groß geworden ist, und was mag er Alles schon gelernt haben! Schwägerin, der muß auch ein Jäger werden! Willst du, Heinrich?« »Wenn es der Vater erlaubt«, war des Kindes verlegene Antwort. »Das war gut gesprochen, Junge«, sagte der Jäger, »und siehe, zum Lohn gebe ich dir diesen Schauthaler, daß du mein dabei gedenkest. So, und nun fort, und gib du mir das Geleite, Bruder! Meine Herrschaft wartet meiner, bis zum Abend sind wir über alle Berge.«
Da half kein Widerreden, und nach einigen Minuten schon wanderten die Brüder dem Berg hinab auf Grünberg zu. Wie sie allein waren, da ward erst von der fremden Herrschaft gesprochen und von dem Kinde, und von den Briefen, die bald ankommen sollten. Dann hielt der Jäger plötzlich im Gehen ein, und des Schulmeisters Hand ergreifend sprach er: »Warum, Konrad, bist du noch immer auf dem Veitsberg, und warum immer noch nichts anders als Schulmeister?« »Das frage den«, sprach der Schulmeister ernst, »der Etliche zu Aposteln gesetzt hat, Etliche zu Propheten, Etliche zu Evangelisten, Etliche zu Hirten und Lehrern. Er wird mich wohl zu nichts Besserem brauchen können, denn daß ich über eine kleine Heerde ein Hirte sei.« »Nun, das muß ich sagen«, rief der Jäger heftig, »denkst du selber so von dir und deiner Fähigkeit, dann geschieht dir Recht, wenn Andere auch so denken, und den Justus sein Thränenbrod auf dem Veitsberg essen lassen bis an sein selig Ende. O wer nichts aus sich macht, aus dem macht auch die Welt nichts. Wer unter den Wölfen ist, der muß mit ihnen heulen, und lernst du dich nicht schicken und drücken und bücken, so bleibst du, was du bist, sonst nichts! Mann, wozu hast du denn dein Latein gelernt und das Alles, was du zusammengescharrt, wie ein Hamster, und zu was hat denn der Superintendent damals gesagt, als er dich prüfte: »»Justus, ihr seid ein grundgelehrter Mann!«« wozu frag' ich?«
»Hebe dich weg von mir, Satan«, sprach traurig lächelnd der Schulmeister, »du vergissest, daß ich Justus heiße. Wenn ich zum Schmeichler und zum Broddieb hätte werden wollen, dann wär' ich's während meiner Wartezeit geworden, die an 16 Jahre gedauert hat. Jetzt, wo ich durch des Herrn Gnade Amt und Brod habe, und wo mein Haupt weiß wird, sollen da meine grauen Haare mir nicht eine Krone der Ehren sein, die auf dem Wege der Gerechtigkeit erfunden werden? Und dann vergissest du, Bruder, daß die Ruthe noch nicht zerknickt ist, die meinen Rücken bis dahin geschlagen hat. Der Gerst lebt noch, und so lange er lebt, haßt er mich und schlägt mich und Gott hat ihm viel Gewalt gegeben, damit ich immer recht demüthig bleibe und mich nie überhebe. Er ist mein Satansengel, der mich mit Fäusten schlägt. Wie Paulus habe ich den Herrn angefleht, oft und viel, und er hat auch zu mir gesprochen: »Laß dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.« Und ich fühle ja täglich seine Kraft. Seit ich hier bin auf meinem Veitsberg und Weib und Kinder habe und mein täglich Brod, und mein Amt mir gelingt über Bitten und Verstehen, da bin ich recht glücklich und bitte Gott um kein anderes Loos. O wenn ich manchmal auf dem Kirchhof stehe, und die Sterne betrachte, wie sie auf- und untergehen, dann ist es mir, als hätte jeder Stern, der kommt, seinen Gruß vom lieben Gott an mich, und jeder, der untergeht, einen Trost vom Heiland: »Noch ein Kleines und ich will dich wiedersehen und dein Herz soll sich freuen, und die Freude soll Niemand von dir nehmen.«
»Bruder«, sagte der Jäger, indem er eine Thräne im Auge zerdrückte, »du bist ein glücklicher Mensch, viel glücklicher, denn ich. Mein Herz ist wie ein Schifflein auf offener See, und das darum, weil ich weder fest glauben, noch recht lieben kann. Nein, an meinen Todfeind kann ich nicht denken, wie du an ihn denkst. Der Gerst hat dir Alles geraubt, was den Menschen das Leben lieb macht, deine ganze Jugend und deine ganze Ehre vor der Welt, und mußt noch froh sein, daß er dich das Brod eines armen Schulmeisters in Ruhe essen läßt. Das könnt' ich nicht ertragen! Und wehe dem Menschen, wenn ich je in dieser Gegend längere Zeit bleiben sollte; ich würde ihm Alles eintränken, was er je Böses an dir gethan hat!« »Und was hättest du damit für mich gethan, Heinrich?« fragte ernst der Schulmeister. »Nichts, sage ich, gar nichts! Die Jugend ist vorüber, wer denkt an mich, und wer will mich? Laß mir mein Loos; es ist Freude mit Zittern, und meinen Glauben laß mir auch, der mich lehret: Die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr.« —
So schieden die Brüder; und in derselben Stunde, wo der Schulmeister vom Veitsberg sein Haus betrat, da fuhr die fremde Herrschaft aus der Stadt Grünberg hinaus.
5. Des Kalendermanns Jugend.
Es ist dir gewiß, mein lieber Leser, im bisherigen Gang unserer Geschichte Manches dunkel geblieben, worüber du gerne Aufschluß haben möchtest. Laß mich dir denn zuerst sagen, wer der Justus war, den du mit mir lieb gewinnen sollst.
Folge mir einmal an den schönen Rhein, wo die Reben wachsen, deren Wein Tausende erfreut, und an dessen Ufer schöne Städte und Dörfer liegen, und in dessen hellen Wellen sich viele alte Schlösser beschauen, von denen viel schöne und schaurige Sagen im Munde des Volkes gehen.
Dort am Rhein, im Herzogthum Nassau, liegt dicht am Ufer ein sauber Städtlein, Braubach geheißen, und drüber auf hohem, hohem Berge steht ein Schloß, noch wohl erhalten und bewohnt, das heißt die Marksburg.
Links von dieser Marksburg zieht durch eine tiefe Schlucht zwischen steilen Bergen und durch Gestrüpp und Dorn ein Fußpfad über's Gebirge nach dem Bade Ems. Etwa in der Mitte des Weges liegt zwischen Wäldern und Bergwiesen ein stattliches Haus, das Jägerhaus genannt. Dem sieht man auf den ersten Blick an, daß es noch neu ist, auch daß es eingerichtet ist zum Nutzen und Vergnügen der Badereisenden, die jetzt zu Tausenden die Bäder dort im Gebirge besuchen, und nicht Alle dort gesund werden. So war es nicht in der Zeit, von der wir hier reden. An der Stelle des Jägerhauses, das jetzt nicht viel mehr, denn ein Gasthaus ist, lag die Wohnung des Landgräflich Hessischen Försters; denn die ganze Gegend umher gehörte zu Hessen, auch ein Theil des Bades Ems gehörte dazu, und war noch kein sonderlich Wesen mit dem Bade damals.