Der Kalendermann vom Veitsberg: Eine Erzählung für das Volk

Chapter 16

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»Dann ist es Zeit«, sprach vor sich hin der Alte; »nun darf nicht mehr geschwiegen werden. Wisset, ich wollte das Schicksal des Hauses, dem ich diene, vor euch, einem Neuling, verbergen, aber ich kann nicht mehr. Euch sendet der liebe Gott zur Rettung mehrerer Menschen. Seht, es ist ein böses, heimliches Schicksal, das auf diesem Hause ruht; fast möcht' ich sagen, ein Fluch. Denn so reich man hier im Hause ist an Geld, so arm ist man an Herzensfrieden. Ich glaube, mein Herr hat nie gewußt, was Friede sei, denn so lange ich ihn kenne, ist er in sich gekehrt, mürrisch und unfreundlich. Fast scheint mir's, als habe er nie einen Menschen geliebt, was Wunder, wenn er nie ist wieder geliebt worden. Seinen einzigen Sohn, den Vater des Mädchens, hat er gut erziehen lassen, aber lieb hat er ihn wohl nie gehabt, und eben so wenig des Kindes Mutter, die frühe gestorben ist. Dem Sohn soll es immer ein Fürchterliches gewesen sein, vor dem Vater zu erscheinen. Und doch war Lewin ein Kind guter Art, und hätte gerne seinen Vater lieb gehabt, denn sein Herz war gar weich und treu, wenn ihn sein Vater nicht immer durch seine Härte von sich gestoßen hätte. Lewin liebte ein Mädchen, arm aber unbescholten, und wünschte es zu ehelichen; er vertraute sich dem Buchhalter und bat den, ein gutes Wort bei dem Vater einzulegen. Aber da war er an den Unrechten gekommen; der Mann hat schlecht an dem Sohne seines Herrn gehandelt. Dem war eine solche Heirath wie ein Schandfleck für das reiche Haus van der Bruck. Er rieth, den Sohn auf Reisen zu schicken. Da ließ sich Lewin heimlich mit seiner Geliebten trauen, und euer Oheim war dabei behülflich. Der Vater erfuhr Alles; ich vermuthe, durch Spionen, die er ihm nachschickte. Lewin ward zurückgerufen, mit den gröbsten Drohungen empfangen, und fast mit Gewalt, unter Androhung von Enterbung und Fluch, auf ein Schiff gebracht, das nach Batavia unter Segel ging. Dem Patron des Schiffes ward mit aller Strenge verboten, irgend Jemand mit dem jungen van der Bruck reisen zu lassen. Aber was vermag die Liebe eines Weibes nicht! Mora mischte sich, als Schiffsjunge verkleidet, unter die Matrosen; das Schiff fuhr ab, und der Capitain gab sich nach langem Zögern und Schelten zufrieden, als ihm Lewin den Beweis lieferte, Mora sei sein ehelich angetrautes Ehegemahl. Auch euer Onkel wollte auf demselben Schiffe mit hinüber, ward aber ergriffen und zurückgebracht. Später soll er auf einem andern Schiffe seiner Herrschaft nachgereist sein; was aber aus ihm geworden, das weiß Niemand. Nach Batavia scheint er nicht gekommen zu sein, wenn man Alles, was sich später begab, zusammenhält. Denn nun beginnt erst die Sache recht schwarz und böse zu werden.«

»Die Briefe eures Onkels an euren Vater, reich mit Geld beschwert, fielen durch List und Bestechung in die Hände des Buchhalters, eben so die, welche euer Vater hierher schrieb. Euren Onkel verfolgte er, und ließ ihm von Ort zu Ort keine Ruhe, daß ich fast glauben möchte, wenn solcher Glaube nicht gar zu sündlich wäre, er hat ihn den Seelenverkäufern in die Hände gespielt. Aber wer kann einem solchen Gedanken verargen, wenn man weiß, was ich weiß, und worüber ich nun schon manches Jahr getrauert habe; denn solch' Bubenstück ist gar zu groß. Denkt nur, der Unglücksmensch hat einen Brief geschmiedet, als käme er von eurem Vater, worin der Tod Selma's gemeldet ward, und hat den Lügenbrief nach Batavia gesendet, und der armen Aeltern Herz bis zum Tode betrübt. Der Alte weiß nun, daß Mora bei ihrem Manne ist, aber er thut nicht, als wenn er es wüßte. Er schreibt nicht an ihn, wie ein Vater an seinen Sohn, sondern der Buchhalter schreibt nur an das Handlungshaus von Lewin van der Bruck zu Batavia. Was hilft nun den armen Leuten das Vermögen, das sie dort erworben haben; sie sind kinderlos und gebeugt, und den alten Herrn hier, was hilft ihn seine Strenge, der Spruch der Schrift, den er nicht beherzigt: »Ihr Väter reizet eure Kinder nicht zum Zorn«, rächt sich schwer an ihm! Trügen mich meine alten Augen nicht, denn ich bin Tag und Nacht um ihn, so kann er sich vor den Qualen des Gewissens nicht mehr retten, und würde gerne die Hand zum Frieden bieten, wenn der Buchhalter nicht wäre. Was der aber will, daß er sich wie ein Satansengel zwischen Vater und Sohn stellt, das weiß ich nicht. Denkt er, hier Erbe zu werden, so geht das nach den Gesetzen nicht, und dazu ist er selbst zu alt. Ich meine, es muß Herrschsucht und Herzenshärtigkeit sein. Aber nun, da ich weiß, daß das Kind noch lebt, da will ich nicht ruhen und rasten, selbst auf die Gefahr hin, in meinem Alter noch aus dem Hause fort zu müssen, bis ich meinen alten Herrn mit sich und dem lieben Gott wieder ausgesöhnt habe. Dazu sollt ihr mir helfen; aber schwer, sehr schwer ist die Sache; ich weiß euch nicht in seine Nähe zu bringen, und von mir darf der Anfang nicht ausgehen.«

Und lange saß der Alte da und stützte sein weißes Haupt in die Hand.

Nach einer Weile sprach er: »So wird's gehen. Tretet manchmal in den Abendstunden in den Garten ein und nehmt eure Geige mit. Ihr spielt sie gut, wie ich gehört habe. Unser Herr liebt die Musik, namentlich die Geige; hört er euch im Garten spielen, so läßt er euch vielleicht vor sich kommen, fragt euch auch wohl um Herkunft und Namen, und der Herr möge euch denn in's Herz geben, was ihr reden sollt. Aber redet im Anfang nicht zu viel, der Herr liebt das nicht; redet bedächtig und seht ihm recht treuherzig in's Gesicht, so sehr er euch auch von der Seite beschauen möge.«

Heinrich that nach dem Rath des Alten. Wenn die Dämmerung kam, dann ging er mit seiner Geige in den Garten, setzte sich in eine Laube, die dem Gartenhaus nicht fern war, und spielte alle Lieder, die er kannte, auch die Lieder der Heimath spielte er, die mit ihren süßen Lauten Jung und Alt erquicken. Nicht lange, so kam der alte Siegmund und beschied den Jüngling zum Spiel vor seinen Herrn. Heinrich fand in ihm einen schönen Greis mit etwas gebeugtem Nacken; aber den lauernden Zug in seinem Angesicht, auf den ihn Siegmund schon aufmerksam gemacht hatte, fand er auch; es war ihm nicht gut in's Angesicht sehen. Heinrich bezwang seine Bangigkeit; er strich die Geige und spielte die schönsten Weisen, die er gelernt hatte, und spielte sie mit Ausdruck und Gefühl.

In einer Pause fragte der alte Herr:

»Wie heißt man?«

»Heinrich Justus, ihr Edlen!«

Bei Nennung dieses Namens zuckte der Alte sichtlich zusammen; Heinrich aber stimmte die Geige, als kümmre ihn die Frage nicht.

»Wo stammt man her?« war die weitere Frage.

»Aus Veitsberg im Lande Hessen!«

»Wie heißt der Vater?«

»Jakob Konrad Justus!«

»Weß' Standes?«

»Schulmeister, ihr Edlen.«

»Hat man noch Geschwister?«

»Ja, ihr Edlen.«

»Wie heißen sie?«

»Maria, Anna und Selma.«

»Man kann abtreten«, sagte in sichtbarer Aufregung der Alte.

Heinrich entfernte sich schweigend, und als er in's Gebüsch einbog, hielt ihn der alte Kammerdiener auf und fragte ängstlich:

»Wie steht es? Hat er nach Name und Herkunft gefragt?« Doch wie Heinrich antworten wollte, schellte es stark aus dem Gartenhaus herüber, und bald darauf kam Siegmund, dem der Ruf der Schelle galt, mit starken Schritten vorüber und rief im Vorbeigehen: »Mein Herr ist in einer bösen Stimmung, ich soll den Buchhalter rufen. Gebe Gott, daß heute ein Wunder geschieht; denn ein Wunder muß der Herr an diesen harten Herzen thun, sonst werden sie nicht weich.«

Betend für einen glücklichen Ausgang, und überlegend, wohin er sich wenden solle, wenn seines Bleibens hier nicht mehr sei, ging Heinrich seit einer Stunde in seiner Stube auf und ab; da kam Siegmund und beschied auch ihn in's Gartenhaus. »Seid weise, klug und treu«, sprach er flüsternd zu ihm, »von dieser Stunde hängt das Glück dreier guten Menschen ab. Geht in Gottes Namen hinein; ich will für euch beten.«

Ohne sonderliche Angst trat Heinrich in das Zimmer, wo die beiden Alten ihn erwarteten. Der Buchhalter führte das Gespräch; er wollte unbefangen scheinen, aber er konnte es nicht, er wollte Kreuz- und Querfragen thun, aber man merkte, wie ihm seine Verschlagenheit dießmal nicht helfen wolle. Denn Heinrich erzählte, als wisse er nichts von dem Zusammenhang der Sache, von dem Leben und Leiden daheim; erzählte von Selma's Ankunft im Aelternhause, von ihrer Kindheit und Jugend, von ihrer Schönheit und Herzensgüte, von ihrem Wunsche, Vater und Mutter wiederzufinden, und das Alles so treu und kindlich, daß der alte Herr die Rührung nicht unterdrücken konnte. Er hielt die Hand vor's Angesicht, und unbekümmert um die Blicke und das verlegene Husten des Buchhalters, seufzte er tief auf und rief: »O Lewin, mein Sohn!«

Da fühlte sich Heinrich von dem Buchhalter am Arme gefaßt und vor die Thüre geschoben.

Was nun nach Heinrich's Entfernung zwischen dem Herrn van der Bruck und seinem Buchhalter sich zugetragen, das hat Niemand erfahren, nur vermuthen kann man, daß der gute Geist in dem alten Herrn gesiegt, und daß der Versucher von ihm weichen mußte. Der Kammerdiener hörte Stunden lang ein lautes Reden in der Stube, das sogar mehrmals in lautes Schreien überging, bis die Thüre sich öffnete, und der Buchhalter drohend herausstürzte, hinter ihm her der alte Herr mit zornrothem Angesicht und geballter Faust.

Am andern Morgen erschien statt des Buchhalters der Herr selbst auf der Schreibstube, was seit Jahren nicht geschehen war, gab dem ersten Schreiber das Amt des Entlassenen, und hieß dann Heinrich ihm in seine Stube folgen. Dort mußte er Alles, was er von Selma wußte, niederschreiben, und mit diesem Aufsatz und einem Briefe von des Herrn eigner Hand, ging mit dem ersten Schiff ein Reisender nach Batavia ab. In Heinrich's äußeren Verhältnissen aber änderte sich nichts.

Das war der Inhalt von Heinrich's Brief; darf man sich wundern, wenn er auf alle Hausgenossen einen tiefen Eindruck machte! Schweigend saßen die Männer da, und Selma lehnte still-weinend den Kopf an Dorothe's Schulter. »Weine nicht, Selma«, sprach selbst tief ergriffen Dorothe, »was ich längst gehofft und doch gefürchtet, und wonach du dich still gesehnt hast, trotz deiner Liebe zu uns, das wird nun bald geschehen. Du wirst bald von uns genommen werden; du wirst aus der Hütte der Armuth in das Haus des Reichthums übergehen; aber laß uns nicht vergessen, daß es Gottes Wille also ist, und in Demuth seine Weisheit bewundern. Denk' an das Glück von Vater und Mutter, die sechszehn Jahre lang um dich getrauert haben, und die dich nun wiederfinden sollen. Vertrauend gaben sie dich einst in unsere Hände, voll Stolz und Freude geben wir dich ihnen zurück, und können getrost sagen, wir haben mit des Herrn Hülfe dein Herz dem lieben Gott treu erhalten. Und nun, mein Töchterchen, du Kind unserer Seele, geh' schlafen, deine Augen sind schwer vom Weinen; danke Gott, ehe du schläfst und der treue Wächter deiner Jugend gebe dir schöne Träume von Vater und Mutter und der neuen fernen Heimath.«

Und wie der Schulmeister den Hausfreund vor die Thüre begleitet, da sah er seufzend auf zu den Sternen, die schimmernd vom Herbsthimmel herniederglänzten, und vor sich hin sprach er: »Wie ist doch Alles ganz eitel, was unter der Sonnen geschieht, stark ist nur deine Hand, Herr, und hoch ist deine Rechte, und droben bei dir ist noch eine Ruhe vorhanden!«

18. Selma's Abschied vom Veitsberg.

Von Herbst bis zu Christtag verlautete aus Holland kein Wort, eine lange Zeit des Wartens selbst für so geduldige Seelen, wie der Schulmeister und seine Familie.

Am dritten Christtag, zu ungewöhnlicher Zeit, erschien der Amtsbote von Grünberg, und lud den Schulmeister zum augenblicklichen Erscheinen vor Amt. Nicht ohne Besorgniß, es möge ein neues Leid ihm bevorstehen, rüstete sich Justus zu diesem Gange.

Wie er in die Amtsstube eintrat, so saß neben dem Herrn Amtmann ein altes Männlein, von bedächtigem Ansehen, aber freundlichen Mienen, das schien in Berathung mit dem Herrn Amtmann begriffen, und las eifrig in einzelnen Papieren, die auf dem Tische lagen. Bei Justus Eintreten erhoben sich die beiden Männer, und der Amtmann ging auf Justus zu und sprach: »Hier, Herr Schulmeister, habe ich euch vorzustellen den vielgelehrten Herrn Advokaten Zoom aus Delft in Holland, der von dem Handlungshaus van der Bruck in Sachen eines Kindes hierher geschickt worden ist, das ihr vor Jahren unter dem Namen Selma, als Kind eines van der Bruck in eurer Haus aufgenommen habt. Da gedachtem Handlungshaus van der Bruck sehr viel an Ermittlung des wahren Thatbestandes gelegen ist, so fordere ich euch auf, Alles zu Protokoll zu geben, was ihr von dem Kinde wißt, und was sich bis dahin mit ihm begeben hat, Alles der Wahrheit gemäß, so daß ihr es mit einem körperlichen Eide erhärten könnet.«

Das Protokoll begann. Justus beschrieb genau den Tag der Ankunft des Kindes; sagte, was sein Bruder ihm über die Verhältnisse des Hauses van der Bruck mitgetheilt habe, beschrieb Kleidung und Schmuck des Kindes, nannte den Inhalt der Briefe, die er selber nach Holland geschrieben habe, und gab das Datum der Briefe genau an.

Mit großer Ruhe und Langsamkeit verglich der Advokat die einzelnen Aussagen mit den Papieren, die er bei sich hatte und legte zu Justus Erstaunen ihm seine eignen Briefe zur Anerkennung vor. Dann mußte Justus gleichsam Rechenschaft geben über die Erziehung des Kindes, mußte seine Gemüthsbeschaffenheit angeben und die Krankheiten, an denen es bis dahin gelitten habe.

Wie nun Justus alle diese Fragen mit deutlicher Stimme und mit großer Gewißheit beantwortet hatte, wie er bei der Schilderung von Selma's Jugend immer ergriffener und gerührter wurde, wie ihm endlich die Thränen unaufhaltsam über die Wangen herabflossen, als er von der Liebe des Mädchens gegen seine Pflegeältern sprach; da ward das Gesicht des Holländers immer liebreicher, man sah es ihm an, wie er, ein Fremdling, den Mann lieb gewann, dessen treues Herz aus jedem Worte sprach.

»Ihr seid ein Ehrenmann, Herr Schulmeister«, sprach er dann. »Ich bin auch Vater, und weiß, was es heißt, Liebe haben für die, die mir Gott gab. Wenn ich Eins verlieren müßte und fände es nach langer Trennung bei euch wieder, ich würde die Trennung für nichts achten, denn ich wüßte, daß ich's doppelt wieder empfinge. Jetzt aber, da Alles zu meines Herrn Zufriedenheit geordnet ist, da ich Selma als das Kind Lewin's van der Bruck erkannt habe, so laßt uns zusammen in euer Haus einkehren und mich das Mägdlein als Tochter des Hauses van der Bruck begrüßen.«

In einer Chaise fuhren sie vor dem Schulhause an. Selma, bekümmert über des Vaters ungewöhnliche Vorladung vor das Amt, war die Erste, die aus dem Hause eilte, die mit offnen Armen dem Vater entgegeneilte, die, unbekümmert um den Fremden, sich teilnehmend nach der Ursache der Vorladung erkundigte. Wie aber der fremde Mann vor sie hintrat, wie er sich ehrerbietig vor ihr bückte, wie er ihre Hand ergriff und sie küßte, wie er sie zum ersten Male mit ihrem Namen Selma van der Bruck benannte, wie er ihr sagte, daß er gesandt sei von ihrem Großvater, sie, die sehnsüchtig gewünschte Enkelin, in das Haus der Väter einzuführen; — da stand Selma vor ihm, ein Bild der Verlegenheit und der Angst stand vor ihm, das einfache Landmädchen in der dürftigen Kleidung, so sittig und kindlich, daß dem alten Manne die Augen vor Wehmuth übergingen. Und wie dann Dorothe kam, und, von dem Gefühl der nahen Trennung ergriffen, das Mädchen an sich drückte, und Selma mit scheuem Blick auf den Fremden sich inniger an Dorothe anschmiegte; da rief der Fremde: »O Gott, gib, daß ich dieß Kind nicht in's Haus des Jammers führe aus dem Haus des Friedens!«

Und die Zeit der Trennung kam, kam für Alle zu früh, selbst für den Holländer, dem es so wohl geworden war unter den guten Menschen, daß er wiederholt sagte: »Kommt mit mir nach Holland, Herr Schulmeister; ihr seid mir lieb geworden wie ein Bruder; ich möchte mit euch leben und eures Umgangs mich freuen.« Darauf aber sagte Justus nur: »Laßt uns Freunde sein auch in der Ferne und für einander beten. Ich bin ein alter, knorriger Baum, dem thut das Versetzen nicht mehr wohl. Hier, wo ich gelebt und gelitten habe, will ich auch sterben.«

Am Tage vor der Abreise ging Selma von Haus zu Haus, Abschied zu nehmen; gab Jeder ihrer Gespielinnen ein Andenken, denn reichlich hatte sie ihr Großvater beschenken lassen; besuchte alle Plätze, die ihr lieb waren, Lenchen's Grab und ihren Stand in der Kirche, das Plätzchen unter den Kirschbäumen, von dem man weit hinaus in die Ferne sieht, und den Wald, in dem sie zur Sommerszeit geruht und Erdbeeren gesucht. Und wie denn die Stunde des Scheidens kam, da lag sie schweigend in den Armen der Aeltern und Geschwister, da konnte sie nichts rufen als »Dank, Dank euch Allen!« und fort ging's, der neuen Heimath, dem neuen Vaterhause zu.

19. Das Wiederfinden.

Wieder waren zwei Jahre hingegangen. Selma war in's Haus des Großvaters eingetreten, und das Herz des alten menschenfeindlichen Mannes war weich geworden in der Liebe für seine Enkelin. Nun saß er nicht mehr allein unter seinen Blumen und Vögeln, ein Armer, Verlassener in Reichthum und Ueberfluß; an seine Brust schmiegte sich das holde Mädchen und ihre Hände glätteten die Furchen auf seinem Angesicht. Und mit inniger Rührung blickten Lewin und Mora auf die Tochter, das feste Band ihrer Wiedervereinigung mit dem Vater. Alles war vergessen, das Leid der Jugend, der Groll des Vaters; die Prüfung war vorüber, die Herzen waren bewährt gefunden worden im langen Kampf, der Friede Gottes hatte sein Werk und seine Wohnung unter ihnen.

»Wie sind wir so glücklich jetzt, Vater«, sagte Lewin, »könnten wir nur _den_ lohnen für seine Liebe und Treue an unserm Kinde, der fern von uns ist, den guten Justus und sein Weib. Er verschmäht Alles, Heimath und Obdach, die wir ihm bei uns angeboten haben; er verschmäht Geld und Gut, mit dem ich ihn reichlich versehen möchte, und nimmt nur die kleinen Gaben an, die ihm Selma schickt. Er schreibt: ›Von dem Kinde dürfe der Vater die Wohltat annehmen; aber Fremde dürften und könnten nicht lohnen, was die Liebe gethan.‹ Und so sehr mich das schmerzt, so hat Vater Justus Recht.«

»Ich weiß einen Weg zum Dank für unsern alten Freund«, antwortete sein Vater, »und gefällt er euch, so wollet ihn mit mir gehen. Er geht durch das Herz seines Kindes. Als ich neulich mit Heinrich von Vater und Mutter redete, da nannte er mir den Familiennamen seiner Mutter. Ich forschte weiter, und erkannte in ihr meine Nichte, die Tochter meiner Schwester, die in Arnsberg in Westphalen an einen Kaufmann mit Namen Kunz verheirathet war. Ich habe, wie ihr wißt, den Familiennamen abgelegt, und den meines Schwiegervaters angenommen, als ich der Erbe des seligen van der Bruck ward. So ist dann Heinrich unser Vetter. Das Unrecht, das ich an der Schwerer that, daß ich mich nicht um sie kümmerte, das möcht' ich an ihrem Enkel wieder gut machen. Selma, du liebst Heinrich mehr und anders, denn die Schwester den Bruder; Heinrich, dein Auge ruht so lange schon liebend auf Selma, reicht euch denn die Hand zum Bund der Ehe, und der Herr, der mir vergeben wolle mein schweres Unrecht, um meiner Buße willen, und der euch so sichtlich geleitet und zusammengeführt, der wolle euren Bund segnen von Anfang bis zu Ende!«

Von dem Tage an flatterte die Fahne von Holland vom Hause der Herrn van der Bruck zu Delft, wie es dort zu Lande üblich ist, wenn eine Braut im Hause wohnt. Ein schöner Gebrauch, daß das Brautpaar unter den Farben des Vaterlandes die ersten Tage seiner Liebe feiert. Denn wie unter der Fahne Christi, so sollen Brautleute unter der Fahne des Vaterlandes sich froh fühlen; denn dem Vaterlande gehört der Bund ihrer Herzen; seine Früchte sind die Bürger des Landes und seine Tugenden des Landes schönster Schmuck.

Der Einwilligung der Aeltern daheim gewiß, hielt Heinrich schon nach einigen Wochen sein Hochzeitsfest. Haus und Garten des alten Herrn, in denen bis dahin nur schweigender Mißmuth geherrscht hatte, waren voll von fröhlichen Gästen. Heinrich und Selma und die Aeltern fanden sich zusammen am Marmorteich. An diesem stillen Orte sahen sie lange dem Spielen der Goldfische im hellen Wasser zu, und manch' Wort der Liebe und des Preises Gottes redeten sie mit einander. Da nahte sich ein Fremder in ausländischer Tracht und mit gebräuntem Angesicht. Er blieb vor ihnen stehen, beugte das Haupte und sprach: »Vergönnt, edle Herrn und Frauen, daß auch ein ungebetener Gast heute bei euch einspricht, seinen Glückwunsch darzubringen!«

Van der Bruck sah dem Fremden forschend in's Auge, und rief dann überrascht: »Werden die Todten lebendig? Heinrich Justus, mein alter treuer Diener, seid ihr es?« »Ja, der bin ich«, rief der Fremde, »und zur guten Stunde bin ich zurückgekehrt. Ist das nicht meine edle Frau, und hier mein Pathe Heinrich, und hier Selma, das Kind der Sorge! Und ich sehe den Brautkranz in ihrem Haar; ich sehe Glück in allen Zügen und das Haus van der Bruck einig und froh! Dem Herrn sei Dank, lauter Dank für seine Treue!«

Da gab's viel Händedrücken und Fragen, aber Justus sprach: »Erlaßt mir heute noch die Schilderung meines bewegten Lebens; ich bin zu ergriffen von Allem, was ich heute sehe und hörte. Ich habe viel gelitten und bin lange ein Gefangener gewesen unter Seeräubern, bis ich frei ward, und auf fremdem Boden es zu einigem Wohlstand brachte. Jetzt war ich auf der Reise in's Vaterland zu meinem Bruder, um mich dort auszuruhen. Hier wollt' ich nur sehen, ob das Haus van der Bruck noch stehe. Und es steht noch und es blüht, und einen Justus sehe ich mit ihm vereint, das ist viel mehr, als ich zu hoffen wagte.«

Wie es Abend ward, da rief Lewin seinen alten Diener zur Seite und sprach: »Justus, wollt ihr mir noch einmal dienen, treu und willig, wie ihr sonst gethan?« »Von Herzen gern«, war des alten Jägers Antwort. »So nehmt«, sprach Lewin, »dieses Päckchen Geld und bringt es einem alten Manne, der krank und verlassen auf seinem Lager liegt. Dieser Diener wird euch seine Wohnung zeigen. Nennt dem Kranken euren und meinen Namen und sagt ihm, er solle von heute an nicht mehr Mangel leiden; und sagt ihm auch das noch: »Lewin van der Bruck rufe ihm Joseph's Wort an seine Brüder zu: »Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, Gott aber hat es gut mit mir gemacht.« Der Jäger ging und fand auf dem Krankenlager den alten Buchhalter.

20. Der Tag ist da.

»Ein Brief aus Holland! Komm, Dorothe, meine Liebe, wir wollen ihn gemeinsam lesen«, rief einige Wochen darauf der alte Schulmeister Justus seinem Weibe zu. »Nimm du ihn, mein Engel, und öffne ihn! Ist es Alter, oder ist es Erwartung, meine Hände zittern, ich kann ihn nicht öffnen!« »Ich auch nicht, Väterchen, ich auch nicht«, sprach Dorothe, »wir wollen uns Zeit lassen. So, nun ist er auf, und nun lies du ihn. Frohe Nachricht steht oben drüber; da ist sein Inhalt gewiß herzerquickend.«

Der Schulmeister las, und ließ die Arme sinken, und wischte sich die Augen. »Dorothe«, sagte er, »ich kann nicht weiter; Heinrich und Selma sind Mann und Weib, — mein Bruder Heinrich, der Todtgeglaubte, ist zurückgekommen aus fernen Landen, — der alte van der Bruck ist deiner Mutter Bruder! — Dorothe, ich muß den Brief hinlegen, die Freude preßt mir das Herz ab, ich werde schwach, zum Sterben schwach!« und der Alte lehnte sich zurück in seinen Sessel, und bedeckte mit der Hand die Augen. Dorothe öffnete das Fenster und kühlend wehte die Morgenluft um das weiße Haupt des Alten. Schweigend saßen die beiden Eheleute einander gegenüber; was in ihnen vorging, das ist Gott allein bewußt.