Der Kalendermann vom Veitsberg: Eine Erzählung für das Volk
Chapter 15
Den Schatzgräbern aber erging es übel; sie wurden theilweise zu langem Gefängniß verurtheilt, auch der Schreinerkaspar, den man später eingefangen hatte. Nur der Fleischhauer war und blieb verschwunden, und von Obrigkeitswegen ward Beschlag auf sein Häuschen gelegt, und auf Alles, was sich drinnen fand. Da kam denn manches merkwürdige Stück zu Tage, Werkzeuge, deren Gebrauch Niemand verstand, und Inschriften, die Niemand enträthseln konnte.
Noch vor zwanzig Jahren waren diese, damals den Schatzgräbern abgenommenen Gerätschaften: der Erdspiegel und die Wünschelruthe, der papierene Zauberkreis und der Stab des Beschwörers, auch etliche der Zaubersiegel, die die Gehülfen getragen, noch vorhanden, und ich hab' sie selber wiederholt beschaut, und meine Betrachtungen darüber gemacht.
Noch ist die Zeit der Schatzgräberei nicht vorüber, trotz Aufklärung und Eisenbahnen, und wem eine Heerde vertraut ist, der wache; denn während die Leute schlafen, kommt noch derselbe alte Feind und säet Unkraut unter den Waizen.
Und abermals, nach einem Winter voll trüber Erfahrungen, kehrte der Frühling als willkommener Gast auf dem Veitsberg ein. Aber so friedlich es auch in den Herzen der Bewohner des Schulhauses aussah, so stille ward er doch begrüßt. Heinrich in unbekannter Ferne, die Töchter im Dienst bei fremden Leuten, Dorothe gebeugt von Krankheit, und der Schulmeister zurückgezogener und ernster, denn je. Wenn dann Selma allein und mit ihrer Handarbeit beschäftigt am kleinen Fenster saß; wenn sie herabsah in's Thal, wo sich im warmen Frühlingswetter Menschen und Thiere eines neuen Daseins freuten; wenn sie hinübersah in die blauen, waldigen Berge, wer kann's dem Mägdlein verargen, daß dann allerlei Gedanken an Vater und Mutter, an die ferne Heimath und an ihr künftiges Lebensloos in ihr aufstiegen! Es gibt ein Heimweh, das fühlen Blumen und Vögel in der Fremde, zumal wenn der Frühling wieder kommt; sollte nicht ein Menschenherz viel mehr davon leiden? Ja, wir leiden Alle daran und die Jugend am meisten, denn sie sucht nach. O, daß sie immer _recht_ suchte, und im Suchen den rechten Führer und die rechte Heimath nicht aus dem Auge verlöre! —
Mit den ersten Tagen des Frühlings gelangte auch die Nachricht auf den Veitsberg von dem Tode des Gerst. Die Wunden hatten nicht heilen wollen und bewirkten einen langsamen und schmerzhaften Tod. Man erzählte viel von seinem Ende, wie schmerzhaft und wie herzzerreißend das gewesen sei; wie die Geister seiner Sünden in schreckhaften Gestalten an seinem Lager gestanden, und wie er sich mit all' seinem erwucherten Gelde keine treue Pflege in seinen Leidensstunden und kein fröhlich Ende habe erkaufen können. Oft, so erzählte man, habe er den Vorsatz gefaßt, den Schulmeister vom Veitsberg noch einmal zu sich zu bescheiden, und wiederholt habe er geäußert, Justus sei der einzige Mensch auf Erden, dem er wünsche, daß es ihm wohl gehe.
Im Hause des Justus ward nichts von dem Todten gesprochen, kein Wort des Tadels oder der Freude über sein Ende, sondern Justus sprach, als er die Kunde von seinem Abscheiden erhielt: »Gedenke seiner, Herr, nach deiner Barmherzigkeit.« So schien auch hier sein Andenken für immer erloschen. Aber es ward bald neu aufgefrischt. Von mehreren Seiten ward dem Justus gemeldet, wie man in Erfahrung gebracht, so habe der Rath Gerst die Dorothe Justus, geborne Kunz, mit einer bedeutenden Summe in seinem Testamente bedacht; und so um die Heuerndte hin geschah eine förmliche Aufforderung an Dorothe von Seiten des Sachwalters des Verstorbenen, der Eröffnung des Testaments beizuwohnen.
Als Stellvertreter seines Weibes erschien Justus am bestimmten Tage in der Wohnung des Verstorbenen. Lachende Erben, größtenteils arme Leute, waren aus der Ferne gekommen, und sahen gespannt dem entscheidenden Augenblick entgegen. Auch Leute aus der Stadt, die mit dem Gerst in Verkehr gestanden, oder in seinen Diensten gewesen waren, hatten sich eingefunden. Zuletzt drängte sich noch ein Weib herein, blaß und in ärmlicher Kleidung. Sie führte ein Kind an der Hand, und eins trug sie auf dem Arm. Man wußte nicht, wo sie herkam, noch welche Ansprüche sie an den Verstorbenen habe.
Das Testament wurde den Anwesenden als unverletzt gezeigt und dann geöffnet. Es war von neuem Datum, und von dem Verstorbenen an die Stelle eines ältern gesetzt worden, das damit seine Gültigkeit verloren hatte. Die Verwandten waren in demselben mit kleinen Summen bedacht, und an ihren Gesichtern sah man deutlich die Täuschung. Auch seine Dienstboten, namentlich der Knecht, der ihm zuletzt gedient und jenen Unfall mit ihm erlitten hatte, erhielt einen anständigen Jahrgehalt. Alles Uebrige, eine sehr bedeutende Summe, war zwischen Justus Ehefrau und einem gewissen Felix Fleck, Sohn von Johannes Fleck, den Keiner der Anwesenden kannte, getheilt.
Wer der Felix Fleck gewesen sei, darüber hat man nie etwas Zuverlässiges erfahren. Viele hielten ihn für einen natürlichen Sohn des Verstorbenen. Der Felix Fleck kam und nahm, da seine Papiere in Ordnung waren, später die Erbschaft ohne Widerrede in Empfang.
Das Testament war verlesen, und Stille herrschte im Gemach; Jeder gab sich seinen Betrachtungen hin; Keiner schien ganz befriedigt. Da trat mit tiefer Blässe auf dem Angesicht das Weib mit den beiden Kindern vor den Tisch des Richters, wollte reden, aber die Zunge versagte ihr den Dienst. Unter großer Anstrengung fragte sie endlich den Richter, ob kein Nachtrag zum Testamente vorhanden sei? Als das verneint wurde, bedeckte sie mit beiden Händen das Angesicht, und weinte laut und rief: »Kann auch ein Mensch so grausam sein, daß er sein eigen Fleisch und Blut vergesse und verläugne! Doch, was klag' ich, und wer erbarmt sich mein! Kommt, meine Kinder, ihr sollt nicht wissen, wer euer Vater war!«
Damit wollte sie zur Thüre hinaus. Aber Justus faßte sie freundlich bei der Hand, trat zum Tische des Richters, und sprach mit lauter Stimme: »Das Geld, das nach dem Willen des Rath Gerst meiner Frau, Dorothea, gebornen Kunz, vermacht ward, gehört von Gott und Rechtswegen ihr. Warum? das wußte der Verstorbene und ich weiß es auch, aber Niemand soll's erfahren. Ehe ich herging, gab mir mein Weib Vollmacht, mit der Erbschaft zu thun, was ich für recht erkennen würde; »in meine Hände«, sprach sie, »soll kein Pfennig kommen von diesem Gelde, denn es ist unrein durch Blut und Thränen.« Hier steht des Gerst Weib, und da sind seine Kinder; nehmt denn, Herr Richter, Folgendes von mir zu Protokoll: »Ich Jakob Konrad Justus, Schulmeister zum Veitsberg, erkläre kraft und in Vollmacht meines Eheweibes, Dorothea, geborener Kunz, daß ich auf die Erbschaft des Rath Gerst zu Gunsten seiner natürlichen Kinder verzichte. So wahr mir Gott helfe!« »Und hier meine Unterschrift.« —
Da lief ein Murmeln des Beifalls durch die Versammlung, und das Weib fiel auf ihre Knie und pries Gott mit lauter Stimme. Und wie sich Justus leise aus der Stube entfernen wollte, da erhob sich ein Advokat, der dem Richter zur Seite gesessen hatte, ging ihm nach, und drückte ihm die Hand; und von dem Tage an wurden Beide die innigsten Freunde. Und der Advokat war mein Großvater, und ist nun schon an sechsundsechzig Jahre todt. In seinen Händen war ein Theil der Papiere des Kalendermanns, und von ihm stammen die Erzählungen, die ich, in diesen bunten Strauß gebunden, dir, mein lieber Leser, reiche. Mein Großvater pflegte zu sagen, so oft er von ihm sprach: »Arm wird der Justus bleiben bis an sein selig Ende; und doch ist er der glücklichste Mensch, den ich kenne; er ist reich in Gott.«
Noch eine freudige Ueberraschung war heute dem Justus vorbehalten, ehe er heimging. Wie er in ein Gäßlein einbog, kam ihm sein alter Freund, der Corporal Scheuermann, entgegen; aber nicht mehr die kräftige Soldatengestalt von ehemals; das Gesicht war hager, das Haar gebleicht und der Nacken gekrümmt. »Es ist vorüber mit meinem Dienst«, sprach er, als er dem Schulmeister kräftig die Hand geschüttelt hatte, »ich fühl's, es ist vorüber hier unten, und der liebe Gott wird mich bald in ein ander Regiment versetzen. Da wart' ich denn täglich auf meinen Abschied, und gibt mir mein gnädiger Herr noch ein Geringes an Gnadengehalt dazu, so ist Alles erfüllt, was ich wünsche. Doch ja, ich wünsche noch Eins, Herr Justus, und hab' bisher oft daran gedacht; könnt ihr mir nicht ein Plätzchen gönnen auf eurem Veitsberg? So lang ich einen Justus hatte, mit dem ich reden konnte, war mein Herz allezeit guter Dinge; jetzt, wo ich alt bin, möcht' ich das Labsal nicht entbehren. Hat Dorothe den alten Scheuermann noch lieb, wie er sie lieb hat, so wird sie ihm ja ein Plätzchen am Ofen gönnen, bis man ihn zur Ruhe legt. Sagt ja, Herr Justus! Es will Abend werden und mein Tag hat sich geneigt, und ich habe Lust abzuscheiden und bei Christo zu sein. Aber ich möchte, daß ich unter Gottes Wort einschliefe, und fromme Hände mir die Augen zudrückten. Da hab' ich freilich meine Verwandten im Vogelsberg, aber die herzen mich nicht. Die sehen lüstern nach dem Wenigen, das ich noch habe, und gönnen mir das Bischen Leben nicht.«
»So langer Rede hätte es nicht bedurft, Scheuermann«, sprach herzlich der Schulmeister; »kommt nur, sobald ihr den Abschied habt; Haus und Brod wollen wir mit euch theilen, und ein traulich Wort und ein freundlich Gesicht soll euch nicht fehlen.«
Da wischte sich der alte Corporal die Augen, und mit herzlichem Händedruck schieden die alten Freunde.
17. Es wird Licht.
So war wieder ein Herbst gekommen. Die Erndte von Acker und Baum war eingethan und der Gallmarkt, dieß liebe Fest für Grünberg und seine Umgebung rings umher, war abgehalten und die Vögel rüsteten sich zum Flug in wärmere Länder.
Der Corporal Scheuermann war mit ehrenvollem Abschied und mit einem kleinen Gnadengehalt zur Ruhe gesetzt worden. Jetzt zog er ein auf dem Veitsberg, und mit ihm die Erinnerung an die alte Zeit, trotz ihrer Sorgen und Mühen von ihm nur »die gute alte Zeit« genannt. Da saßen sie denn zusammen, die alten Freunde; da ward das traute Dämmerstündchen mit mancher alten Erinnerung ausgefüllt, da ward manch' alt Histörchen wieder aufgewärmt, das aus des Corporals Munde allezeit mit »es war in den dreißiger Jahren« begann, und von dem Justus und den Seinen mit großer Geduld angehört. Und einen willigen Hörer fand Justus für seine Sternwissenschaft und Kalenderkunst in dem Alten. Er schaute mit ihm hinauf zu den Sternen, den ewigen Zeugen der Macht und Freundlichkeit Gottes; er ließ sich die Bahnen der einzelnen Himmelskörper beschreiben, und staunte darob; er sprach mit voll Glauben und Hoffnung, wenn des Heilands Spruch bedacht ward: »In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen«, und Schauer der Nähe Gottes und Zeugnisse seines Geistes gab's genug im stillen Schulhaus zum Veitsberg.
Einst an einem Abend saßen sie auch so traulich zusammen; da trat ein Nachbar ein, bot freundlich einen guten Abend und sagte: »Schulmeister, heute krieg' ich gewiß ein freundlich Gesicht von euch, denn ich bringe einen Brief, der sonder Zweifel von eurem Heinrich kommt, und den ihr gern auslösen werdet, so theuer er auch ist. Der Postreiter gab ihn mir heute in Grünberg, und ich hab' ihn mit dreißig Albus müssen loskaufen.«
»Ja, ein Brief von Heinrich«, rief der Schulmeister aus, als er die Aufschrift las: »Gott Lob, so lebt er noch. Und wie schwer und wie groß ist der Brief, da muß viel drinnen stehen. Bleibt, Nachbar, ihr sollt auch erfahren, was Heinrich schreibt, und mögt, so es euch gefällt, die Abendsuppe mit uns essen.«
Und der Brief ward geöffnet, und die Zeit der Abendsuppe kam und ging vorüber, und der Wächter rief die Mitternachtsstunde ab, und noch saßen sie zusammen, der Schulmeister und sein Weib, der Corporal und der Nachbar und Selma, denn die ging der Brief besonders an; sie saßen da, ergriffen und weinend, von Hoffnung und Furcht erfüllt, und Eins nach dem Andern fragte, und fragte wieder, und gab Rath; denn der Brief war ein schöner, ernster Brief.
»Wohl dem, der Freude an seinen Kindern erlebt!« rief der Schulmeister tief gerührt. »Wie doch dem Vater- und Mutterherzen ein solch' Wort aus Kindesmund so wohl thut! Glaub' dir's, du treue Kindesseele, daß dein Herz daheim ist bei Vater und Mutter, und daß du täglich betest für der Schwestern Wohl! Glaub' dir's, daß du einen Sparpfennig sammelst für uns daheim, zu vergelten die Wohlthat! Und Selma du, was sagst du zu dem, das der Brief erzählt? Dir gibt er Hoffnung, Vater und Mutter wieder zu finden, freust du dich darüber?« Aber Selma antwortete nicht; ihr war zum Sterben wehe. Alles, was seit Jahren in ihr gelegen von Furcht und Hoffnung, was sie oft gewaltsam zurückgedrängt, wonach sie sich gesehnt und wovor sie sich doch gefürchtet, das war nun mit einem Male ihr nahe getreten, und es brachte nicht Freude, nein, neuen Schmerz.
Aber was stand denn in dem Briefe? — Aus einer Stadt am Rhein, wo er Arbeit und Brod gefunden, hatte Heinrich zum letzten Male geschrieben; das war um Ostern hin gewesen. Da hatte er erzählt, wie ihn der liebe Gott bis dahin gut geführt; wie er überall gute Menschen gefunden, und wenig Hunger bis dahin gelitten; wie er sich etwas Geld gespart, um damit nach Holland zu reisen, und den Onkel aufzusuchen, und über Selma's Aeltern sich zu erkundigen.
Es war aber Holland damals, was jetzt Amerika ist, das Land der Hoffnung für Jeden, dem es daheim nicht gefiel, und der sein Glück in der Fremde suchen wollte. Denn reich war damals Holland noch; es hatte viel Schiffe auf dem Meere gehen, und brauchte viel fremde Hände, und die ihm dienten, die bezahlte es gut, und hatte namentlich die Deutschen gerne als Soldaten und Handlungsdiener und Dienstboten. Nach diesem Holland stand auch Heinrich's Sinn. In diesem Lande war ja der Pathe und hatte es gut dort; von diesem Lande, seinem Reichthum, seiner Sauberkeit, seinen Schiffen und Kanälen hatte der Vater ihm so viel erzählt, und in diesem Lande sollten auch die Aeltern Selma's wohnen, und zwar in der Stadt Delft, die er sich genau gemerkt hatte, sowie nicht minder den Namen von Selma's Vater. Einzelne Andeutungen hatte zwar immer nur Justus davon gegeben, und liebte es um Selma's willen nicht, viel darüber zu reden; aber dem aufmerksamen Knaben war das Wenige nicht entgangen, und er beschloß, es zu nützen. Auch hatte er in seinem letzten Briefe keinen Hehl daraus gemacht, und Selma war damals schon nachdenklich darüber geworden. Was sie aber jetzt hörte, wie mußte sie das ergreifen!
Heinrich war geraden Weges nach Delft gereist, hatte sich dort erkundigt nach dem Kaufmann van der Bruck, und sein Haus sich bezeichnen lassen. Er war hineingegangen und hatte gefragt, ob man keinen Menschen seines Alters und seiner Geschicklichkeit brauchen könne, und war in die Schreibstube gewiesen worden zum obersten Buchhalter. Der war ein altes, dürres Männchen, mit schneeweißem Haar, und einer großen Brille auf der Nase, und saß gesondert von den übrigen Schreibern, hinter einem Gitterverschlag auf erhöhtem Sitze, von wo er die ganze Stube übersehen konnte. Heinrich trug in gebrochenem Holländisch, denn er war der Sprache noch nicht mächtig, sein Gesuch vor. Der Buchhalter warf einen schnellen Blick auf ihn, und schrieb dann weiter. Etwa nach einer Viertelstunde, die unserm Heinrich lang wie ein Tag vorkam, drehte er sich langsam um, betrachtete den Jüngling von oben bis unten, und sagte dann in gutem Deutsch: »Man wünscht bei van der Bruck in Dienste zu treten?«
»Ja!«
»Hat man sich schon anderswo im Handel umgesehen?«
»Nein!«
»Hat man Testimonia aufzuweisen?«
»Nein!«
»Als was wünscht man denn bei van der Bruck placirt zu werden?«
»Wozu eure Edlen mich brauchen können.«
»Ist er nicht zu stolz, im Packhaus zu dienen, bis er seine Qualifikation zu etwas Anderem gezeigt hat?«
»Von Herzen gern!«
»So zeig' er seine Hände her! — Nun thu' er seine Brust auf, daß ich sein Hemd beschauen kann! — Heb' er einmal dort den Geldsack auf, und trag' er ihn auf den Schultern bis dort zu jenem Pulte.«
Heinrich that wie ihm befohlen wurde, und stand bald wieder vor dem Buchhalter. Der sah ihn noch einmal von oben bis unten an, und sagte dann: »Er ist von jetzt an Aufseher im Packhaus von van der Bruck, und erhält wöchentlich vier holländische Gulden und freie Kost bis auf Weiteres.« »Friedrich«, so rief er einem der Schreiber zu, »man führe diesen Burschen in's Packhaus, und weise ihn in seine Geschäfte ein!«
So war Heinrich Aufseher im Packhaus. Er hatte die Waaren, die ankamen und abgeholt wurden, in Empfang zu nehmen und abzugeben und in die Lagerbücher einzutragen, und über die Waaren zu wachen.
Nach vier Wochen kam der Buchhalter, der sonst schweigend an ihm vorbeigegangen war, auf ihn zu und sagte: »Man ist zufrieden mit ihm; er bekommt von heut an wöchentlich sechs Gulden.«
Nach Verlauf von abermals vier Wochen kam der Buchhalter in's Gewölbe, und hatte eine Schiefertafel in seiner Hand. »Da«, sagte er, »wenn man sich auf's Rechnen versteht, so löse man dieß Exempel.« Heinrich löste es mit großer Schnelligkeit, denn auf die edle Rechenkunst hatte sein Vater viel Fleiß gewendet. »Man löse diese schwerere Aufgabe«, sagte der Buchhalter, und hielt abermals die Tafel hin. »Das hat er gut gemacht«, sprach ernst der Buchhalter, als er die Aufgabe geprüft hatte. »Nun schreib er in zehen Minuten einen Brief nach Amsterdam an das Handlungshaus Heeren und Comp., und zeig' er an, daß die verlangten Waaren abgegangen seien.« Mit der Uhr in der Hand stand der Buchhalter neben dem Jüngling; nahm dann den Brief in Empfang, durchsah ihn und sagte: »Man gehe hinein, und setze sich rechter Hand an den ersten Pult; man ist von heute an Schreiber mit unbestimmtem Gehalt.«
So war denn Heinrich Schreiber im Hause des Herrn van der Bruck zu Delft; aber dem eigentlichen Zweck seines Hierseins war er in zwei Monaten um keinen Schritt näher gekommen. Seinen Herrn hatte er noch mit keinem Auge gesehen; der wohnte in einem Hause, das im Hintergrunde eines großen Gartens lag, der das Kaufhaus nebst den dazu gehörigen Gewölben und Speichern von der Herrnwohnung schied. Der Buchhalter holte Morgens die Befehle bei dem »alten Herrn«, wie er genannt wurde, und von einem jungen Herrn war durchaus keine Rede. Auch war jede Stunde im Tag so eingeteilt und mußte so benutzt werden, daß zu Fragen und Erkundigungen wenig Zeit übrig blieb. Schweigend verrichteten alle Hausgenossen ihre Arbeit; Ordnung wurde in Allem, im Schlafen, im Ruhen, in der Arbeit, wie in der Erholung gehalten, strenge Ordnung, und wer sich dieser nicht unterwerfen wollte, der ward seines Dienstes entlassen. Dem Buchhalter zu Gefallen leben, war nicht leicht.
Doch Einer war im Hause, von dem Heinrich sich Aufschluß versprach über alle Fragen, die ihm je länger je mehr das Herz beschwerten; das war der alte Kammerdiener seines Herrn, ein Deutscher von Geburt, mit Namen Siegmund. Der Mann hatte ein so Zutrauen erweckendes Ansehen, und grüßte unsern Heinrich so freundlich, wenn er ihm begegnete, und hatte selbst schon einmal ein kurzes, aber herzliches Gespräch mit ihm geführt.
Einst an einem Sonntag Morgen traf Heinrich den Alten, wie er mit einem Gebetbuch in der Hand in einer Hütte des großen Gartens saß. Der Jüngling wollte sich schweigend zurückziehen, aber der Alte winkte ihm, und sie redeten mit einander wie Landsleute thun, von Vaterland und vom Glauben der Väter, und der Alte gewann den Heinrich lieb, und lud ihn zu sich auf den Abend in seine Stube im Herrnhaus.
Wie erstaunte Heinrich, als er am Abend in die Nähe desselben kam. Das Haus lag mitten in einem Meere von Blumen, auf zierlichen Ländchen mit Buxbaum eingefaßt, und mit wunderbarer Kunst gepflanzt. Das Auge konnte sich nicht satt sehen an der Farbenpracht der Tulpen, und die Luft war rings erfüllt von dem Wohlgeruch der Hyacinthen. Das Wasser eines Springbrunnens fiel in verschiedenen Strahlen in einen Teich, aus Marmor gehauen, in welchem Goldfischchen schwammen; und über den Rand des Teiches bogen sich wieder Blumen herab, gleich als wollten sie sich in dem klaren Wasser beschauen. Das Gebüsch zu beiden Seiten der Blumenbeete war mit einem Drahtgitter umzogen und überbaut, und Vögel aller Art, zum Theil aus fremden Ländern, mit buntem, glänzendem Gefieder, trieben da ihr Wesen, und erfüllten die Luft mit ihren Gesängen.
Hoch erstaunt über all' diese Pracht, die er bis dahin noch nicht gekannt hatte, trat Heinrich in's Stübchen des Alten. Das war nett und freundlich, und von einer Reinlichkeit, als hauste nicht ein alter Junggeselle, sondern ein Mägdlein drinnen. »Wie muß unser Herr sich so glücklich fühlen«, sprach Heinrich, »daß er dieß Alles sein nennen kann! Solche Pracht habe ich nicht für möglich gehalten!« »Ja reich ist unser Herr«, gab Siegmund zur Antwort, »reicher als man weiß und glaubt, aber glücklich ist er eben nicht. Es gilt auch hier, was dort geschrieben steht: »Es ist Mancher arm bei großem Gut, und Mancher reich in seiner Armuth.« »Aber was fehlt ihm denn, und warum ist er nicht glücklich?« fragte neugierig Heinrich. »Seid, wie ich, erst einmal ein Viertel Jahrhundert in einem und demselben Hause, mein Sohn«, sprach der Alte, »dann seht ihr, wo eure Herrschaft der Schuh drückt; aber dann lernt ihr auch schweigen, und eurer Herrschaft schwache Seiten vor Fremden verbergen.«
»Ich will euch kein Geheimniß ablocken, Vater Siegmund«, sagte bescheiden Heinrich, »sondern ich suchte eure Bekanntschaft, um euch selbst eins zu vertrauen. Hört denn!«
»Es mögen etwa sechszehen Jahre sein, da kam in der Herbstzeit, am selben Tage, als wir unser Lenchen begruben, das jüngste von uns Kindern, mein Onkel Heinrich Justus, der in Delft bei einem Kaufmann mit Namen van der Bruck als Jäger in Diensten stand, mit einem Kinde auf den Veitsberg, das er für das eheliche Kind seines jungen Herrn, eines van der Bruck, ausgab, und bat meine Aeltern, sich des Mägdleins anzunehmen, bis die Aeltern es wieder holen würden. Und das Kind hieß Selma. Meine Aeltern nahmen es auf, und mein Onkel versprach, bald zu schreiben. Aber alle Nachricht blieb von ihm und den Aeltern des Kindes aus; und obgleich mein Vater wiederholt hierher schrieb, so haben wir doch nichts wieder gehört. Sagt, könnt ihr mir Aufschluß geben über diese Sache, und ist Selma's Vater ein Sohn unseres Herrn?«
Auf dem Angesicht des Alten hatten bei dieser Rede Blässe und Röthe schnell gewechselt; er war aufgestanden, und hatte dem Jüngling starr und schweigend in's Angesicht gesehen. Dann ging er zur Thüre, sah sich ängstlich draußen um, verschloß sie dann vorsichtig, trat wieder vor Heinrich hin und fragte in leisem Tone:
»Also lebt das Kind noch, und ist ein Mägdlein, und ist daheim bei euch?«
»Es ist mit uns auferzogen worden«, gab Heinrich zur Antwort, »und Vater und Mutter haben keinen Unterschied unter uns gemacht; Selma ist wie das Kind vom Hause gewesen, und hat erst am Tage ihrer Confirmation erfahren, daß sie aus der Fremde zu uns gebracht worden sei.«