Der Kalendermann vom Veitsberg: Eine Erzählung für das Volk
Chapter 14
Da war denn Trauer im Hause des Schulmeisters, aber doch eine andere, als sie in solchem Falle in den Häusern Vieler zu sein pflegt. Sein Glaube glich nicht dem Haus auf Sand gebaut, das jeder Windstoß des Schicksals zertrümmern konnte, sondern er war auf Felsen gegründet, und mit ihm überwand er die Furcht vor der Zukunft. Was aus ihm und den Seinen werden sollte, wenn man ihn von Amt und Brod triebe, das bedachte er nicht mit menschlicher Sorge, das befahl er dem treuen Gott, dem er von ganzem Herzen diente. Täglich betete er mit den Seinen seinen Lieblingspsalm: »Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln«, und es gab Stunden, wo in der schwerbedrängten Familie eine Glaubensfreude herrschte, die sie früher in besseren Tagen nicht gekannt hatten.
Doch die Noth ging damit nicht zu Ende, sie stieg vielmehr von Tag zu Tage. Es kamen eine Menge Beschuldigungen zum Vorschein über die Art seines Schulunterrichts, über die Behandlung der Kinder, ja sogar über seine Rechtgläubigkeit. Das meiste Gewicht legte der Untersuchungsrichter auf die Beschuldigung, daß der Schulmeister mehrmals unter der Predigt den Gottesdienst verlassen und im Universitätswäldchen nach Holzfrevlern gespäht habe. Mußte diese Beschuldigung nicht furchtbar für einen Mann von des Justus frommem Sinn sein! Und doch schienen gerade in diesem Punkte seine Neider recht zu haben. Ja, der Schulmeister war wirklich mehrmals unter der Predigt aus der Kirche weggegangen; aber nicht um seines Dienstes als Universitätsförster zu warten, sondern um daheim nach seinem kranken Weibe zu sehen. Dorothe lag an schwerer Krankheit darnieder, und die Angst um sein geliebtes Weib hatte ihn zweimal seiner Pflicht vergessen lassen und ihn heimgetrieben, ehe die Predigt vollendet war. Immer hatte er sich vorgenommen, sein Unrecht, das ihn in ruhiger Zeit bitter schmerzte, seinem Pfarrer zu gestehen, aber andere Sorgen hatten den Vorsatz wieder verdrängt, und jetzt wurde ihm diese That der Liebe zum Verbrechen gemacht. Keine Betheurung half, und der Gerst schürte das Feuer seines Verderbens, daß es in lichten Flammen über der unglücklichen Familie zusammen zu schlagen drohte.
Eines Tages als der Druck der Trübsal wieder einmal recht fühlbar wurde im Hause des Schulmeisters, als Krankheit und Mangel drinnen herrschte, und man in jedem Eintretenden einen Unglücksboten fürchtete; da trat Heinrich vor seinen Vater hin und sprach also: »So manchmal hab' ich bisher euch und die Mutter gebeten, ihr möchtet mich ziehen lassen, daß ich draußen mein Brod mir suche, das im Aelternhause gar zu knapp ist. Ihr kennt mich wohl, Vater, und wisset, daß ich nicht hinaus möchte, auf daß ich eurer Zucht los würde, sondern lernen möchte ich, was mir noch fehlt, in welchem Dienst und Beruf es auch sei, und mein Brod mir selbst erwerben. Allen euren Gründen und Vertröstungen habe ich mich bis dahin schweigend unterworfen, aber die Noth wächst in unserm Hause von Tag zu Tage, und ich schäme mich, irgend einem Menschen in's Angesicht zu sehen; es ist mir, als dächte Jeder, der mich ansieht: Es ist des Schulmeisters Heinrich doch alt genug, sein Brod sich zu verdienen, was sitzt er daheim und gehet müßig! Müßig bin ich nun zwar nicht gegangen, sondern habe euch im Haus und in der Schule nach meiner Kraft gedient; auch so Vieles von euch gelernt, das ich endlich einmal zu Markt bringen möchte. Hier bringe ich's zu nichts. Der Schreiberdienst in Gießen ist mir wieder genommen worden, obgleich ich ohne Klagen trug, was zu tragen war, und es scheint fast, als habe die ganze Welt sich gegen uns verschworen, und helfe mit, unser Grab zu graben. Laßt mich weg, Vater, laßt mich weg; vielleicht gibt der liebe Gott mir die Gnade, euch von draußen her helfen zu können.«
»Heinrich«, sprach der Schulmeister tief bewegt, »seit wir dich haben, war es allezeit mein Vorsatz, dir das Leben leichter zu machen, als deines Vaters Leben gewesen ist. Aber ich sehe wohl, ohne die Wander- und Wartezeit bringt's heut zu Tag kein Sohn zu etwas, nicht einmal zu einem ehrlichen Stück Brod. Geh' denn hinein zu der Mutter, und gibt die ihren Segen zu deinem Vorhaben, so nimm in Gottes Namen dein Reisebündel auf den Rücken und ziehe aus. Aber Kind, mach' die Mutter nicht weich, sie leidet ohnehin mehr als wir Alle.«
Heinrich blieb lange am Krankenbett der Mutter. Was die Mutter mit dem Sohne gesprochen, wie sie geweint mit einander, und mit einander gebetet, das hat Niemand gehört, denn der Herzenskündiger im Himmel. Aber es muß einen Frieden geben, der über aller Menschen Vernunft ist; denn als Heinrich in seine Dachkammer ging, sein Bündel zu schnüren, da lag Dorothe still betend auf ihrem Lager, und Heinrich war gefaßter, denn die Schwestern, gefaßter selbst als der Vater.
»Hier, Heinrich«, sprach der Schulmeister, »ist dein Zehrgeld für den heutigen Tag, für Morgen muß der schon sorgen, der die jungen Raben nähret. Da nimm auch, daß du den rechten Versorger nicht vergissest, das Gebetbüchlein mit, das ich schon lange für dich abgeschrieben habe, wenn du uns einst verlassen müßtest. Wie es da drinnen steht, so hab' ich und mein Haus bis dahin dem Herrn gedienet, diene du ihm auch also, daß wir in _einer_ Zunge und in _einem_ Geiste zum Vater treten. Sei und bleib' in der Furcht Gottes, die der Weisheit Anfang ist. Fleuch die Lüste der Jugend, und schaffe mit deinen eignen Händen. Laufe denn mit Geduld in den Kampf, der dir verordnet ist, und wisse, es wird Keiner gekrönt, er kämpfe dann recht. Der rechte Kampf gibt die rechte Krone, und die sei dein und unser köstlich Gut, wenn wir uns wiedersehen. Der Gott deiner Väter, der niemals einen Justus verlassen hat, der segne und behüte deinen Aus- und Eingang um Christi willen. Amen.«
Wie nun die Schwestern, die Eine dieß, die Andere das noch in's Reisebündel hineingeschoben hatten, wie sie Alle unter viel Weinen am Halse des Bruders gehangen hatten; da kam auch der Schulmeister noch einmal herein und sagte: »Heinrich, nimm auch die Geige mit dir. Als Spielmann sollst du nicht durch die Welt reisen, denn das ist ein leicht verdient Stück Brod und gedeiht nicht. Aber wie David des Saul bösen Geist mit Saitenspiel dämpfte, so kann deine Geige in der Zeit der Noth manches Menschenherz weicher machen zur Liebe gegen dich.«
* * * * *
Eine Stunde vom Veitsberg, hart am Wege, der nach Gießen führt, liegt ein hoher, schlanker Berg, die Nonne geheißen. Von da aus übersieht man die ganze Gegend auf weit und breit. Lieblich ist der Ort und schattig durch hohe Kiefern. Diese Höhe bestieg Heinrich. Unter den herabhängenden Aesten sitzend, nahm er aus der Tasche das Haus-Betbüchlein seines Vaters und schlug das Reisegebet auf. O wie ward ihm so wohl dabei! Es waren seines guten Vaters Worte, die er las, es war seines Gottes Wort, das ihm Trost in die Seele goß. Wie fest prägten sich die Worte seiner Seele ein: »Ich bitte Dich, erhalte mich bei Deinem Wort, daß ich nicht abweiche vom rechten Wege des ewigen Lebens. Führe mich auf den Steig Deiner Gebote und behüte mich vor unrechtem Glauben.« Wie herzlich ward sein Vertrauen durch die Worte des Gebetes: »Du wollest auch Deine heiligen Engel mir zugeben, ihnen Befehl thun, daß sie mich hüten auf allen meinen Wegen; daß sie mich führen auf rechte Straße, auch mich gesund und frisch wieder anheim zu den Meinigen bringen.«
Neu gestärkt erhob sich der Jüngling. Nun noch ein Blick auf die liebe Heimath, und dann hinaus auf die Wanderschaft!
16. Die Rache.
»Halt' still, mein Herz, dem lieben Gott, Halt' ihm getreulich still! Fahr' hin, du Welt, mit deinem Spott! Mich tröstet Gottes Will'.
Halt' still, mein Herz, dem lieben Gott, Mein Auge, weine nicht! Ich weiß, daß hell durch Nacht und Noth Vom Himmel kommt mein Licht.
Halt' still, mein Herz, dem lieben Gott, Sei treu und halte aus! Es führt durch Spott und Noth und Tod Dein Gott dich gut hinaus!«
»So denk' ich jetzt und so sing' ich jetzt, Bruder Büttner«, sprach in seinem Lehnstuhl sitzend der Schulmeister an einem Samstag Abend zu seinem Hausfreunde. »Draußen liegt der Schnee, wie er seit Menschengedenken nicht gelegen hat, und das Wild wird von den Wölfen bis in die Dörfer hinein gejagt, kurz es ist ein Winter sonder Gleichen. Und ein Winter sonder Gleichen ist auch in meinem Leben. Ich merk', es geht bald ganz mit mir bergab. Aus der Tiefe rufe ich darum zum Herrn und bestelle täglich mein Haus, damit ich ziehen könne, wenn's scheiden heißt. Mein Heinrich ist auf die Wandrung hinaus, die Mädchen sind in Dienst gegangen, so bin ich denn mit meiner Dorothe wieder allein, und nur die Selma hab' ich nicht von mir wollen lassen, die soll nicht dienen, sondern in meinem Kreuz mich trösten. Denkt aber nicht, Büttner, daß mir graue vor dem, das kommen soll. Ich bin in meinem Gott fröhlich, wie nie. Seit Monden wollt' mir kein Lied aus der Kehle, heute aber hab' ich wieder gesungen, und je mehr ich sang, desto getroster ward ich.«
»Recht so, Schulmeister«, sprach der Büttner, »ganz so, wie's dort heißt im Psalm: »Ich will dem Herrn singen mein Leben lang.« Hat auch wahrlich mit euch keine Noth. Ein gut Gewissen und ein fester Glaube, wer die zwei Stücke noch hat, was kümmert sich der um der Neider List und Tücke. Und sollt's ja zum Aeußersten kommen, und ihr von Amt und Brod getrieben werden, so wird's auch Rath werden. Dazu kam ich just heute Abend herauf, um euch einen Trost zu bringen, wenn ihr sein bedürfen solltet. Gestern und heute habe ich meine Oberstube gefegt und gescheuert, und gut eingeschlachtet hab' ich auch um Christtag hin, und was sonst noch Noth thut im Haus, einen herzlichen Willkomm und ein heiter Angesicht, — das Alles, Schulmeister, findet ihr bei mir. So lang' ich lebe und der liebe Gott das Feld segnet, sollt ihr nicht Noth bei mir leiden. Und nicht wahr, ihr schlagt's nicht aus? Gebt die Hand, Schulmeister, laßt mich euer Freund in der Noth werden!«
»Büttner«, sprach der Schulmeister, indem er eine Thräne im Auge zerdrückte, »Freund in der Noth seid ihr längst gewesen. Es ist Mancher von mir abgefallen, seit man mich verfolgt, und weicht mir scheu aus, gleichsam als fürchte er, durch mich in üblen Geruch zu kommen. Ihr aber habt gethan nach Sirach's Wort: »Bleibe treu deinem Freunde in seiner Armuth.« Das vergelt' euch Gott! Ja, Büttner, ihr liebet treuer, denn ein Bruder, und liebet mit der rechten Liebe, warum soll ich des Bruders Hand verschmähen! Ja, ich komme zu euch, wenn ich von hier fort muß, aber nur auf so lange, bis Gott weiter hilft.
»Denn Weg' hat er allerwegen, An Mitteln fehlt's ihm nicht.«
* * * * *
Es war Sonntag Morgen. Der Schnee wirbelte in dicken Flocken zur Erde nieder, und verhüllte die ganze Natur in graue Dämmerung. Der Schulmeister vom Veitsberg hatte eben von den Seinen Abschied genommen, um den Dienst seines kranken Amtsbruders in Queckborn für diesen Sonntag zu versehen. In seinen Reisekleidern, einen langen Stock in den Händen, ging er erst in seine Kirche, zog die Glocke zum ersten Kirchenzeichen und schritt dann, des Weges wohl kundig, hinab in's Thal. Wer heute über Feld wollte, der mußte auch des Weges kundig sein. Denn von einer Bahn war in dem tiefen Schnee keine Rede; bei jedem Fußtritt brach man in die Schneemasse ein. Doch das Ziel ward von unserem Justus bald erreicht, der Dienst ward gethan, und am Krankenbette seines Amtsbruders sitzend, ward manches trauliche Wort geredet, von Zeit und Weltbegebenheiten, von des Freundes langer Krankheit und von Gottes wunderbaren Wegen.
»Sprecht nicht, Herr Bruder«, sagte Justus, »von eurem Kreuz, als sei es so unerhört, und von Wenigen also erlebt. Wohl ist's hart, daß ihr nunmehr schon in den dritten Monat hinein müsset das Bett hüten; glaub's auch wohl, daß euch manchmal der Muth sinkt, und euer Gebet zum Seufzer wird: Ach Herr, wie lange! Kann mir denken, wie es einem Hausvater sein muß, wenn er die Kindlein ansieht, noch so zart und klein, und dabei denken muß, wer wird sie nähren und kleiden und ihnen Obdach geben und sie zur Gottesfurcht auferziehen, wenn des Versorgers Aug' im Tode bricht? Ach, wir Schulmeister jetziger Zeit sind gar übel daran! Einen Sold zum Leben und Sterben zu wenig, Sorg' und Mühe Jahr aus, Jahr ein, und in steter Angst, daß man uns den Abschied gebe, ohne Urtheil und Pension! Ist's ein Wunder, daß wir alle so gedrückt einher gehen, und uns oft so winterlich und kalt zu Sinne ist. Aber, lieber Bruder, wie es dort heißt im Lied: »Je größer Kreuz, je süßer Glaube«, so darf auch von uns das beste Theil nicht genommen werden, sonst sind wir zwiefach arm und verlassen. Christi Wort: »In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden«, soll uns sein die Inschrift auf unserer Fahne, darauf wir wie der Soldat hoffend schauen, ob's auch donnert und blitzt um uns her im Kampf, und die Wunden der zeitlichen Trübsal wehe thun. Ihr steht dem Grabe nah' ob eures Leibes Schwachheit, mir haben böse Zungen auch ein Grab gegraben, und vielleicht muß ich hinab, und Niemand weiß, wie unrecht mir geschiehet, als mein Gott im Himmel. »Sollte aber Gott nicht retten seine Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen?« Ja, sag' ich und sag' abermals ja, und rufe mit Hiob: »Bis daß mein Ende kommt, will ich nicht weichen von meiner Frömmigkeit!« Denn es steht geschrieben: »Fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir, weiche nicht, denn ich bin dein Gott!«
Da brach ein Sonnenstrahl durch die grauen Winterwolken und fiel auf's Bett des Kranken und über sein Angesicht ging der Friede Gottes.
* * * * *
Der Rückweg nach dem Veitsberg war eben so mühsam, als der Weg am Morgen. Obgleich das Schneegestöber nachgelassen hatte, war doch die Spur vom Morgen gänzlich verwischt, und wieder mußte Justus den Weg brechen; denn bei diesem Wetter mochte kein Fußgänger hinaus. So war er an jene Stelle im Walde gekommen, wo der Fußpfad von Queckborn nach Veitsberg die Grünberger Landstraße durchschneidet. Jetzt führt dort eine bequeme Chaussee, aber der damalige Weg ging bald über Hügel weg, bald durch Hohlwege hindurch. Einen solchen Hohlweg durchschnitt auch der Fußpfad.
Eben war Justus in denselben eingetreten, und arbeitete sich rüstig durch den Schnee, als das Wiehern eines Pferdes an sein Ohr drang. Dieser Ton, der einzige Laut in der erstorbenen Natur, machte ihn stutzig; er stand stille und horchte, und hörte deutlich nicht weit von der Stelle wo er stand, auch das Rasseln einer Kette. Er rief laut ein »Ho!« »Ho!« in den Wald hinein, aber keine menschliche Stimme gab ihm Antwort, sondern das Wiehern und Kettenrasseln wiederholte sich. Ein Unglück vermuthend arbeitete sich der Schulmeister auf den Rand des Hohlweges, und erblickte zu seinem Schrecken eine Chaise, die mit nach oben gekehrten Rädern tief im Schnee steckte, während die Pferde mit der abgebrochenen Deichsel sich so in's Dickicht des Waldes verschlungen hatten, daß alle ihre Anstrengungen, sich frei zu machen, umsonst waren. Nicht fern von den Pferden lag der Kutscher, halb vergraben im Schnee, ein Stück von dem Zügel noch in den Händen, wie es schien ohne alle Spur von Leben. Mühsam schaffte Justus mit den Händen den Schnee von den Seiten der Chaise weg, um einen Blick in das Innere thun zu können; und nicht lange, so faßte er die kalte Hand eines Mannes, der halb in, halb außer der Chaise lag, so als habe er im Fallen des Wagens herausspringen wollen. Sein Gesicht war jämmerlich verschunden und blutig, aber seiner Kleidung nach schien er ein Mann von Stand und Vermögen zu sein. Auch er gab, wie der Kutscher, kein Lebenszeichen von sich.
Was sollte der Schulmeister beginnen! Der Tag war schon weit vorgerückt; alle Dörfer rings umher lagen eine starke halbe Stunde entfernt, und doch mußte schnelle Hülfe geschafft werden; denn der Zustand der Beschädigten war gar kläglich, und die Gefahr von Wölfen seit einigen Wochen sehr groß. Eilig verließ er daher die Stätte des Jammers, und mit starken Schritten eilte er dem Veitsberg zu. Nicht lange, so sah man unter seiner Anführung alle Männer von Veitsberg und Saasen mit Laternen und Hebstangen der Stelle zueilen, wo die Verunglückten lagen. Die Verwundeten wurden auf Bahren gelegt, die man in der Eile aus jungen Bäumen gemacht hatte; die Pferde wurden ausgeschirrt, aber den Wagen mußte man liegen lassen, wo er lag, denn es war keine Möglichkeit vorhanden, ihn über die Feldwege in Sicherheit zu bringen, zumal jetzt am Abend. So langte denn der Zug am Dorfe an, wo die Frauen und Kinder fragend und bedauernd den Ankommenden entgegen gingen.
»Wohin mit den Verunglückten?« hieß es da. »Den hier auf der vordersten Bahre nehm' ich in mein Haus auf«, war des Justus schnelle Antwort, »und ich will für den Fuhrmann Sorge tragen«, sprach der Elias Büttner, »nehmt ihr, Nachbar Kurz, die Pferde in euren Stall, bei euch sind sie am beßten aufgehoben.«
Das war eine unruhige Nacht für die beiden Dörflein Veitsberg und Saasen. Da gingen Wenige zur Ruhe. Denn Etliche liefen hin und her nach Doctor und Feldscherer und Arzneimitteln, und die Andern standen um die Verwundeten her, und bedauerten sie und halfen waschen und verbinden und Belebungsversuche machen. Die beiden Beschädigten waren zum Glücke nicht todt, aber schwer beschädigt waren sie beide, namentlich der Herr, den Justus aufgenommen und in sein eigenes Bette gelegt hatte. Der schien besonders am Kopfe beschädigt zu sein, denn die Betäubung wollte nicht weichen, trotz aller Mittel, die man anwandte. Anders war es mit dem Kutscher. Nachdem sein zerbrochenes Bein eingerichtet war, gab er Auskunft über die Reise und über den Unfall, der sie betroffen, über seinen und seines Herrn Namen und empfahl seine Pferde und sein Fuhrwerk seinen Rettern gar dringend, denn er war ein guter Knecht.
Am Morgen nach dieser unruhigen Nacht ging der Schulmeister hinab gen Saasen, nach dem kranken Knecht zu sehen, und den Namen seines Gastes zu erforschen. Die Nachricht, die er da erhielt, machte einen furchtbar-schrecklichen Eindruck auf ihn, und man sah ihn blaß werden und schweigend sich entfernen. Wie er eintrat in seine Stube, so stand Dorothe am Bette des Kranken, und flößte mit einem Löffelchen dem halb Bewußtlosen eine stärkende Suppe ein, und der Kranke lag da mit geschlossenen Augen, und nahm die Stärkung an wie ein Kind, das sich sein noch nicht bewußt ist. Justus trat schweigend an das Bette; lange haftete sein Auge am entstellten Angesichte des Kranken. Dann sprach er leise zu Dorothe: »Weißt du, Liebe, wen wir herbergen, wer unser Lager einnimmt, und wem du eben die Erquickung reichst? Es ist unser Todfeind, es ist der Gerst; Gott hat ihn in unsere Hand gegeben. Was wollen wir thun, Dorothe, wollen wir uns freuen des Falls unseres Feindes, und unser Herz froh sein lassen über sein Unglück? oder wollen wir thun nach dem Wort: »Hungert deinen Feind, so speise ihn mit Brod, dürstet ihn, so tränke ihn mit Wasser?«
Dorothe sprach nichts, nur ein leises Zittern ihrer Hand verrieth die Bewegung ihres Herzens; Thräne auf Thräne fiel herab auf's Angesicht des Kranken, und sie hörte nicht auf, dem Schwachen die Stärkung zu reichen. Als sie vollendet hatte, da faltete sie schweigend ihre Hände; ihr Herz betete, und dem Todfeind war verziehen. Und ihre Hände pflegten sein, und ihr Auge wachte über ihm bei Tag und bei Nacht, und von ihr empfing er Speise und Labung.
So gingen drei Tage hin. Am dritten des Morgens stand Dorothe wieder am Bette des Kranken, und reichte ihm eine Stärkung; da schlug er zum ersten Male die Augen auf, seufzte tief, als erwache er aus schwerem Traum, blickte forschend in's Angesicht seiner Wärterin, und fragte in leisem Tone: »Wo bin ich?« »Im Schulhaus zum Veitsberg«, war Dorothe's Antwort. »Und wer seid ihr, gute Frau, die ihr mich so sorgsam pfleget? In lichten Augenblicken meiner Krankheit habe ich euch allezeit helfend und theilnehmend an meinem Bette gesehen. Auch Thränen waren manchmal in euren Augen; ihr müßt es recht wohl mit mir meinen; sagt mir, wer seid ihr?« »Ich bin Dorothe, des Schulmeisters Justus Eheweib«, gab sie ruhig zur Antwort.
Auf dieß Wort schloß sich schnell das Auge des Kranken; mit einer raschen Bewegung faßte er sein Haupt, ließ eben so schnell die Hand wieder sinken, warf einen ängstlich-scheuen Blick auf seine Pflegerin, und stöhnte dann aus dem tiefsten Herzen. Der Anblick dieses inneren Kampfes war zu fürchterlich und Dorothe entfernte sich schnell aus der Stube.
Während dieses ganzen Tages hörte man den Kranken oft seufzen; schweigend und mit niedergeschlagenen Augen nahm er alle Pflege an. Am nächsten Morgen aber schien sein Herz gebrochen zu sein; er rief den Justus und sein Weib an sein Lager; er that ein laut Bekenntniß seines Unrechts; er legte Geständnisse ab, die ihn als Dieb und Ehrenräuber brandmarkten; er erzählte, wie er die Familienpapiere von Dorothe's Mutter mit List an sich gebracht, und um eine bedeutende Summe den unrechten Erben verkauft habe; er schilderte die Schleichwege, auf denen er dem Schulmeister Ehre und Brod geraubt; ja er gestand sogar, daß die Reise nach Grünberg, die so üblen Ausgang gehabt, von ihm nur unternommen worden sei, um den Richter durch allerlei falsche Vorspiegelungen zu einem ungerechten Urtheil zu bestimmen, fügte aber hinzu, daß ihm das nicht gelungen sei, sondern daß des Schulmeisters Sache gut stehe, und seine Unschuld bald völlig erkannt werden würde. »Daß ihr nach Allem, was ihr von mir habt erdulden müssen«, sprach er dann, »noch so gut gegen mich gehandelt, das möcht' ich in seiner Möglichkeit begreifen, aber ich kann's nicht; ich muß wohl zu schlecht dazu sein. Ich fühle eure Liebe und doch verstehe ich sie nicht; aber Eins begreife ich, und das steht fest bei mir, ich will mein Unrecht wieder gut machen, soweit ich kann, und euch euren Liebesdienst reichlich vergelten.«
»Denkt nicht an uns, Herr Rath«, sprach ernst der Schulmeister, »auch nicht daran, wie ihr uns lohnen wollt für alles angethane Leid, denkt vielmehr daran, wie ihr nach allem Geschehenen mit eurem Herrgott stehet, und wie ihr ihm Dank schuldig seid für seine gnädige Hülfe in der Stunde der Noth.«
Darauf gab der Gerst keine Antwort. Denn sein Ohr hatte den Klang des Namens Gottes längst verlernt, und in seinem Herzen hatte das Wort Gottes keine Stätte mehr. Es glich dem Wege, dem hartbetretenen, davon die Vögel den guten Samen aufgefressen.
So gingen einige Tage hin. In dem körperlichen Befinden des Gerst ging keine große Veränderung vor sich, denn die Beschädigungen am Kopfe waren nicht ungefährlich, und ließen ein langes Krankenlager fürchten. Aber auch sein geistiges Befinden besserte sich nicht. Nachdem er einmal ein oberflächliches Bekenntniß seiner Sünden gegen den Schulmeister und sein Haus abgelegt hatte, fiel er wieder in seine alte Herzenshärtigkeit, war äußerst reizbar, ungenügsam und launig, und man sah so recht deutlich, wie das körperliche Leiden sein Gewissen noch mehr verstockte. Es war darum nur Freude im Hause des Justus, als Etliche seiner Freunde ihn sorgsam einpackten und nach Gießen brachten, wo er sich in seiner gewohnten Umgebung eine baldige Wiederherstellung versprach.
Kaum war er weg, so erfolgte auch das Urtheil über die Schatzgräber und über ihren Mitbeschuldigten, den Kalendermann. Justus ward völlig freigesprochen; aber für alle ausgestandenen Mühen, für alle gehabte Kränkungen gab man ihm keine Entschädigung. Dessen bedurfte es auch bei Justus nicht. »Mein Trost ist der«, sprach er, »daß ich ein gut Gewissen habe und befleißige mich, reinen Wandel zu führen bei Allen.«