Der Kalendermann vom Veitsberg: Eine Erzählung für das Volk

Chapter 13

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Es war im Herbste desselben Jahres, als eines Tages der Schreinerkaspar, oder wie er eigentlich hieß, der Kaspar Greb von Harbach, dessen Bekanntschaft wir früher schon machten, auf den Veitsberg kam. Das that er von Zeit zu Zeit, ward aber immer weniger gern im Schulhaus gesehen, weil er ein unruhiger Geist und ein schlechter Haushalter geworden war, und sich überhaupt keines guten Gerüchtes erfreute. Der Schulmeister hatte gethan, was er konnte, seinen Hausfreund auf dem rechten Wege zu erhalten; aber der Schreinerkaspar gehörte eben zu jenem Menschenschlag, die sich selbst gerne mit allerlei hochtrabenden Namen benennen, und auf ihren Verstand viel einbilden, eigentlich aber nichts sind, als Tagdiebe. Schon vor Jahren hatte er sein Schreinerhandwerk aufgegeben, und war in der Gegend umhergezogen, die Uhren der Bauern zu repariren. Durch Nachdenken und Uebung hatte er sich viele mechanische Kenntnisse erworben, und benutzte dieselben zur Bildung von verschiedenen Kunstwerken; aber weil er über solcher Düftelei Handwerk und Ackerbau versäumte, so gerieth er mit Weib und Kind in die drückendste Armuth. Das kümmerte ihn indessen nicht, und änderte nichts in seiner Lebensweise, er machte nach wie vor Uhren, und ließ Weib und Kind im Elend und in der Bettelei. Auf seinen Streifereien in die Nähe und Ferne war er mit andern Gleichgesinnten zusammengetroffen, und es hatte keine große Mühe gemacht, ihn in eine Schatzgräberbande hinein zu ziehen. Man gab ihm Bücher zu lesen, wie wir sie früher geschildert haben, und seine lebhafte Einbildungskraft entzündete sich dermaßen, daß er in jedem alten Gemäuer und in jeder Kirche einen vergrabenen Schatz witterte. Da er in diesen Büchern auch geheimnißvolle Andeutungen über den Einfluß der Gestirne auf das Heben der Schätze fand, so richtete er sein Augenmerk auch auf den Kalendermann, und hoffte zuversichtlich, auch den für seine Pläne zu gewinnen.

So kramte er denn in's Lange und Breite seine ganze Weisheit vor dem Schulmeister aus, und fragte namentlich, was er von den Astralgeistern halte, und welche Zauberformeln und Sprüchlein er kenne, um diese Geister sich zu Dienst zu machen.

»Kaspar«, sagte der Schulmeister, »eure Rede verstehe ich nicht, weiß überhaupt nicht, wie solch' faules Geschwätz aus dem Munde eines Christenmenschen kommen kann. Mein geringes Wissen beschränkt sich nur auf das, was ich über den Gang und Lauf der Gestirne von andern Sternkundigen gelernt, und durch eigne Beobachtung und Berechnung mir angemerkt habe. Darnach sind Sonne, Mond und Sterne Lichter an der Beste des Himmels oder Werke des großen Baumeisters, die da scheiden Tag und Nacht, und geben Zeichen, Zeiten, Jahre und Tage. Da sie das sind, so regieren sie wohl die Welt, die wir bewohnen, sind auch wohl dienstbare Geister, gemacht zum Dienst um Deren willen, die ererben sollen die Seligkeit, da sie uns Gott kennen und seine große Oekonomie bewundern lehren, und uns verlangend machen nach dem Licht, das droben ist, in das nicht eingehen kann irgend etwas Unreines und Beflecktes. Aber von euren Stern- und Astralgeistern weiß ich nichts, denn es steht davon nichts in heiliger Schrift.«

»Ihr habt Recht«, sagte der Kaspar darauf, »aber wisset ihr denn nicht, daß es neben der Weisheit, die in heil. Schrift steht, noch eine andere gibt, die den Patriarchen und Propheten und Aposteln und vielen Weisen der Vorzeit ist insgeheim mitgetheilt worden, und die sich so von Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzt hat, gleichsam auch als ein heilig Wort neben dem geschriebenen? Diese Weisheit aber ist nicht Jedermanns Ding, sondern nur der Auserwählten und insonders Begnadigten, die da lehret einschauen in die Tiefen und Abgründe aller Dinge, die im Himmel und auf Erden sind, und mittelst des wahren Schlüssels aufschließen alle Schätze in der Höhe und in der Tiefe.«

»Hört, Kaspar«, sprach der Schulmeister mit tiefem Ernst, »jetzt verstehe ich euch, aber jetzt warne ich euch auch, wohl vor euch zu sehen, daß euch der Stein der Weisen, den ihr suchet, nicht zum Stein des Anstoßes werde. Ihr treibet Fürwitz mit dem heiligen Bibelbuch. Wohl weiß ich, daß es dort im Hiob heißt: »Ach, daß Gott mit dir redete, und thäte deine Lippen auf und zeigte dir die heimliche Weisheit;« wohl kenne ich das Sprüchlein aus David's Bußpsalm: »Du lässest mich wissen die heimliche Weisheit;« aber solche heimliche Weisheit ist nichts anders, als was der Geist Gottes einem Jeden gibt, der darum bittet, nämlich immer tiefere Erkenntniß von Gottes väterlichem Rath, daß in keinem Andern Heil sei, denn in Christo Jesu. Der ist und bleibt der wahre Stein der Weisen, und daran hebt, so lange ihr lebt. Denn diese Weisheit, die von oben kommt, die ist am ersten keusch, darnach gelinde, lässet ihr sagen, voll Barmherzigkeit und guter Früchte.

»Alles ganz gut, was ihr da sagt, Schulmeister«, hub der Schreinerkaspar wieder an, »aber widerspricht eurem Worte nicht die Erfahrung? Diese heimliche Weisheit, die ihr verwerft, hat doch schon Wunderdinge gethan. Sie hat Etliche zur glücklichen Auffindung des Lebenselixirs gebracht, daß sie ihr Leben in's Unglaubliche verlängert haben; sie hat Etliche das Goldmachen gelehrt, daß sie so reich geworden sind, wie Keiner vor ihnen; sie hat den Weg gezeigt, wie Etliche manch' schönen vergrabenen Schatz zu Tage gebracht haben, der sie Zeitlebens von aller Sorge bewahrte.«

»Alles nichts als Wind und Aufschneiderei«, sagte trocken der Schulmeister, »womit Einer den Andern betrügt, ihm sein Geld aus der Tasche lockt, und hinten drein in's Fäustchen lacht. Sagt selbst, Kaspar, was ist bei allen Schatzgräbereien, die wir bis jetzt erlebt, herausgekommen? Wie ist's denen dort im Gartenhäuschen bei Gießen ergangen? Man hat sie am Morgen mit umgedrehten Hälsen gefunden. Was hat der Dreher Müller in seiner Schachtel gefunden, statt des Goldmännleins, das sie ihm hineinzuzaubern versprochen? So wahr ich lebe, nichts als eine todte stinkende Ratte! Was haben die Schälke dem dummen Pachter dort in der Wetterau, der schier eine Meste weißer Sommerkälber einfangen ließ, damit sie sich bei ihm in Ducaten verwandelten, was, sage ich, haben sie ihm zurückgelassen? Einen leeren Beutel und ein bös Gewissen, und Hunger und Kummer im Hause.«

»Je nachdem man's angreift«, antwortete der Kaspar; »wer den Gaul am Schwanz aufzäumt, der kann auch hierbei nicht fortkommen. Man muß nur die Sache recht anzugreifen wissen. Und, mein' ich denn, unsere Herrn Kameraden verstehen das Ding; sie sind nicht alle auf den Kopf gefallen. Wir haben sogar Etliche darunter, vor denen ihr, Herr Schulmeister, den Hut abthun müßtet; verstehe das also, daß sie, gleich wie ihr, Wissenschaft haben von Allem droben am Himmel und hier unten auf Erden.«

»Das glaub' ich gern«, sagte Justus heiter lächelnd, »daß sie mehr wissen als ich, denn mein Wissen blähet mich nicht; aber kennen möchte ich wohl den Hauptinhalt ihrer Wissenschaft, wäre es auch nur, um zu lernen, was mir noch fehlt.« »Nun mit einem Stücklein davon«, war des Kaspars Antwort, »kann ich euch wohl dienen. Kennt ihr die Geister der sieben Planeten?« »Nein«, war Justus Antwort; »die Planeten kenne ich, aber ihre Geister nicht.«

»Dann kann ich ihre Namen euch auch nicht nennen«, sagte der Schreinerkaspar, »wenigstens heute nicht, denn der Tag ist nicht günstig. Wisset nur vor der Hand, daß diese Geister es sind, die alle Witterung in der Luft wirken und zu der Geburt aller mineralischen, vegetabilischen und animalischen Essentien ihre Kräfte geben. Daher muß man mit solchen himmlischen Intelligenten in geheime Kundschaft treten, und beobachten, welcher Planet über irgend eine Kraft sein Dominium habe. Wenn ich nun weiß, welcher Planet regieret, so muß ich mich mit seinem Geist heimlich besprechen, welches geschieht, wenn ich mein Sinnen und Verlangen auf ihn richte. Dann theilt sich mir des Planeten Geist mit, welches sich kund thut durch ein Getön wie mit einer Schellen. Hörst du das, dann mußt du ein Glöcklein bei dir haben, damit du könnest die Losung geben, daß du zu hören bereit bist. Hiernächst wird dich bald eine Exstasis überfallen, in welcher dir Alles gegeben wird, was du begehrest: Weisheit, Schätze, Güter. Das Glöcklein muß aber gar magisch bereitet werden. Auf seinem Schwengel muß stehen: Adonai, auf seiner Rundung: Tetragrammaton und auf seiner Handhabe: Jesus. Außerdem weiß ich noch Manches, aber erstlich darf ich's euch, als einem Uneingeweihten, nicht sagen, und dann versteht ihr's auch jetzt noch nicht, thut wenigstens so. Könnt ich euch für uns gewinnen, Schulmeister, ich weiß nicht, was ich euch zu Lieb' thäte; ihr wäret ganz unser Mann.«

»Wollt ihr mir was zu Lieb' thun, Kaspar«, sprach der Schulmeister, »so laßt's für heute genug sein mit dieser unnützen Rede. Mein Gewissen beißt mich schon, daß ich diesem gotteslästerlichen Gerede mein Ohr geliehen habe. Geht doch heim, Kaspar, und nehmt wieder Hammer und Säge, und arbeitet für Weib und Kind, die bereits auf der Bettelfahrt begriffen sind. Es ist ein großer Gewinn, wer gottselig ist und lässet ihm genügen, und im Schweiße des Angesichtes sein Brod isset; wer aber der Narren Geselle ist, und nach Schätzen sucht, der wird Unglück haben.«

»Schulmeister«, antwortete der Schreinerkaspar mit großer Heiterkeit, »stellt euch nicht so zimpferlich, wie ihr thut. Euren Unglauben nehme ich euch nicht übel, denn gerade so war es bei mir ehemals; aber ihr gerade solltet am wenigsten gegen das Schatzgraben etwas einwenden, da euch, wie ich weiß, die Güter dieser Welt eben so Noth thun, denn mir. Faßt einmal Muth und gesellt euch zu uns; gelingt, was wir eben vorhaben, dann sind wir Alle versorgt auf Zeit Lebens, und ihr mit, wenn ihr von der Compagnie seid.«

»Hab' ich euch je geklagt, Kaspar«, war des Schulmeisters Antwort, »daß es mir übel gehe, und je gewünscht, reich zu werden? So lange mir mein Gott einen genügsamen Sinn läßt, worum ich ihn täglich anflehe, bin ich reich genug, und werde auch lernen, die Ungeduld des Fleisches zu überwinden und mich der Trübsal zu rühmen. Wie ich es aber anfange, und meine Dorothe mit mir, um in der Genügsamkeit mich zu üben, davon, Kaspar, hört ein Pröbchen. Neulich komme ich just dazu, wie Dorothe die Hühner füttert, und bemerke eins darunter, das gewaltig gluckst, ja schier kräht wie ein Hahn. Dorothe, sag' ich und deute auf das Thier: Wenn das Huhn fängt an zu krähen, magst du ihm den Hals umdrehen. Dazu kann Rath werden, sagt' sie, zudem hat das Huhn ausgelegt, und übermorgen ist Sonntag. Wie ich nun Sonntags aus der Kirche komme, da fällt mir auch das Huhn wieder ein, und die Suppe, die davon gekocht werden sollte, (ich hatte auch wohl früher schon etliche Male daran gedacht,) und sagte schmunzelnd zu mir selbst: »Justus, heute issest du Hühnersuppe und ein Stücklein Fleisch darein«, und der Mund begann mir zu wässern. Wie wir nun sitzen, und Dorothe die Teller füllt, da kommt eitel Mehlsuppe zum Vorschein. Nun, denk' ich, das Huhn kommt noch nach, etwa gebraten oder gekocht, und tröstete mich. Aber statt des Huhns kommt ein Eierkuchen. Da sah ich Dorothe an, und sie verstand meinen Blick und lächelte und sagte: Ich habe das Huhn um zehn Albus verkauft und dafür dieß und das in's Haus geschafft, das fehlte; versuch's einmal, Lieber, ob's auch so thut! Und ich lachte und Dorothe mit und die Kinder auch, und hat uns unser Mittagsbrod gar trefflich geschmeckt. Da hab' ich abermals gelernt, was der Apostel sagt: »Lasset euch begnügen mit dem, das da ist.«

15. Die Tiefe.

Einige Wochen nach dieser Unterredung, die dem Justus manches Bedenken verursachte, besuchte er am Nachmittag einen kranken Freund in Reinhardshain. Das trauliche Gespräch that dem Kranken wohl, und er bat den Schulmeister, als der mit der Nacht wieder heim wollte, noch um ein Stündchen, und als das verflossen war, noch um ein zweites, und der Wächter blies bereits die zehnte Stunde, als er Hut und Stock ergriff, dem Kranken die Hand reichte, und in Gottes Namen hinaus schritt in die Nacht. Die Nacht war dunkel, aber der Himmel frei von Wolken, und des Weges wohl kundig, beschaute sich der Kalendermann die Sterne am Himmel mit allerlei gottseligen Gedanken und ernsten Ueberlegungen. So schritt er den Weg hinauf zum Wirberg.

Es hat aber auf dem Wirberg früher ein Kloster gestanden, von Nonnen bewohnt, die zur Zeit, als Luther mit der Predigt des Evangeliums auftrat, keines guten Gerüchtes sich erfreuten. Denn es ging auf dem Wirberg gar ärgerlich zu, und die Klosterfrauen trieben allerlei Kurzweil, die sich schlecht mit ihrem Stande vertrug. Da machte der Landgraf von Hessen, mit Namen Philipp, kurzen Proceß mit ihnen, trieb die Nonnen aus dem Kloster, und ließ des Klosters Güter und Gefälle zu guten Zwecken verwenden. Jetzt steht nur noch die Kirche und das Pfarrhaus mit der Wohnung des Glöckners dort oben, und sonntäglich rufen die Glocken vom Wirberg die Bewohner der Dörfer im Thale zum evangelischen Gottesdienst.

Nun sieht man noch heute in der Nähe der Kirche eine Höhle im Berge, von außen einem Keller nicht unähnlich, denn man steigt auf vielen Stufen hinab in die Tiefe. Ein Born klaren Wassers hemmt hier den Schritt, an dem die Bewohner ihren Trunk holen. So ist's nicht immer gewesen; denn in der Höhle war ehemals trockner Grund, und sie führte hinab in's Thal, ja, wie die Sage erzählt, sogar bis nach dem entfernten Grünberg. Daß es da unten nicht geheuer ist, versteht sich, daß aber da unten auch die Nonnen ihre Schätze, ihre goldenen und silbernen Abendmahlsgefäße vergraben hätten, als sie das Kloster verlassen mußten, das war von jeher im Munde des Volks eine ausgemachte Sache. Kein Wunder, daß die Höhle oft von Schatzgräbern besucht wurde, und die drinnen gewesen waren, die erzählten Andern, da unten sei es nun und nimmermehr geheuer, denn man höre allerlei sonderbare Töne, gleichsam das Stöhnen der Geister, die die Schätze bewachten, und wer die zu citiren verstünde, dem wäre geholfen.

Als Justus an dieser Höhle vorbeiging, und zufällig einen Blick hineinwarf, drang der Schein eines Lichtes aus der Tiefe zu ihm herauf. Betroffen ging er weiter; schämte sich aber bald seiner Angst, kehrte zurück, und blickte wiederholt in die Tiefe. Jetzt drang der Ton einer Menschenstimme an sein Ohr, und das bewog ihn, genauer hinab zu sehen. Nach einigen Minuten wagte er sich sogar in die Oeffnung, und schritt leise einige Tritte hinab. Das Gewölbe war von mehreren Laternen erhellt. Um einen Kreis von Männern, die mit dem Gesichte nach dem Mittelpunkt gekehrt waren und mit gesenktem Haupte da standen, ging Einer mit einem irdenen Rauchfaß umher, und erfüllte mit einem übelriechenden Dampf das ganze Gewölbe. In der Mitte des Kreises stand ein Mann, mit einem weißen Hemde über den Kleidern und einer Kappe von Papier auf dem Haupte, vornen weiß, hinten schwarz, mit sonderbaren Figuren bemalt. Um ihn her war ein Kreis gelegt von weißem Papier, wieder mit Figuren bemalt, und der Mann in der Mitte hatte eine Wünschelruthe von Messing in seiner Hand, drehte sich bald da- bald dorthin, und murmelte allerlei Zaubersprüchlein vor sich hin, die von den andern wiederholt wurden. Plötzlich schwieg Alles, das Rauchwerk dampfte stärker, und mit lauter Stimme rief der Beschwörer, indem er die Ruthe auf der Spitze seines Mittelfingers in's Gleichgewicht brachte: »Ich Johannes beschwöre dich Ruthe bei allen denen über dich gesprochenen Worten Adonai, Agla, Tetragrammaton, daß du mir richtig antwortest, durch deinen vorwärts ziehenden Ruthenschlag, wo der verborgene Schatz liegt. Und dich allerheiligsten Engel und Fürsten Ariel des Elements der Erden, bitte und beschwöre ich, daß du diese meine Ruthe führest und leitest, durch Adonai, Agla, Tetragrammaton,; dieses sollt ihr helfen all' ihr heilige Chöre der Engel durch den Engel aller Engel Jesum — Christum, in Nomine Patris † et Fili † et Spiritus Sancti † Amen.«

Erstaunt über diese Gotteslästerung, und heftig erschreckt, wollte Justus sich eben schweigend zurückziehen, als er sich plötzlich von hinten am Kragen gefaßt und niedergeworfen fühlte. Im Nu füllte sich das ganze Gewölbe mit Strickreitern, Amtsdienern und Bauern. Die Leuchten erloschen, und Freund und Feind wälzten sich in buntem Knäul auf einem Haufen umher. Da und dort entwischte Einer; und als man Lichter herbeibrachte, so hatte Mancher statt eines Schatzgräbers einen von der Wache erfaßt und aus dem Gewölbe geschleppt. Der den Justus gefaßt hatte, leuchtete ihm in's Gesicht, — es war der Rathhausdiener von Grünberg, — und rief: »Dachte ich's doch, Schulmeister, daß ihr auch unter den sauberen Vögeln wäret. Hab' euch längst auf dem Strich gehabt, und es den Herrn vom Rath versprochen, den Justus krieg ich gewiß auch einmal, wo er sich's am wenigsten versieht. Kalendermänner und Schatzgräber sind allezeit Gebrüder und des Teufels Diener.«

Der erschrockene Mann mochte seine Unschuld betheuern, wie er wollte, mochte der Seinen Angst, wenn er nicht heim komme, noch so lebhaft schildern, es half Alles nichts. Man schleppte ihn mit nach Grünberg, und steckte ihn mit den Schatzgräbern in den Thurm.

Schon mit dem frühsten Morgen erschien Dorothe vor dem Amtmann, und kurz nach ihr der treue Hausfreund Elias Büttner. Beide gaben sich alle Mühe, den Richter von der Unschuld des Gefangenen zu überzeugen, baten wenigstens um seine Freilassung, damit ihm der Schimpf erspart werde, aber es half nichts; die kurze Antwort lautete: »Mitgefangen, mitgehangen.« Das war ein schlechter Trost. Und was die Sache noch verschlimmerte, war, daß die Schatzgräber aus purer Bosheit den Justus als Einen von Ihresgleichen angaben, und sich an seinem Schmerze labten. Dazu war der Kranke, den Justus an jenem Unglücksabend besucht hatte, gestorben, und die Seinen waren über den Trauerfall so bestürzt, daß sie sich in ihren Aussagen widersprachen; kurz, der redliche Justus, der alles Schatzgräberwesen verachtete, und alle Gemeinschaft mit diesen Leuten vermied, saß jetzt als Mitgenosse im Gefängniß, und hatte kein Mittel, seine Unschuld zu beweisen. Denn was er auch vorbrachte, sich zu rechtfertigen, da hieß es immer: Er habe schon lange in bösem Verdachte gestanden, als treibe er Teufelswerk, denn er trage den Namen »Kalendermann« nicht umsonst.

Daheim war Herzeleid ohne Gränzen; und so oft auch Dorothe den Ihren Trost einsprach, und sie auf Hiob's Wort hinwies: »Der Unschuldige wird vom Herrn errettet werden«, so bedurfte sie des Trostes doch selber, denn sie sah kein Ende dieser langen, schmählichen Gefangenschaft. Da war eines Morgens Selma verschwunden. Mutter und Geschwister meinten, sie sei nach Grünberg gegangen, den Vater zu besuchen, wie sie oft that, und ihm Trost in sein unverdientes Gefängniß zu bringen. Als aber der Abend kam, und das Mädchen nicht heimkehrte, da gesellte sich eine neue Angst zu der alten. Doch am folgenden Abend, als man zu Nacht läutete, kam sie wieder und mit ihr der Vater. Aber wer beschreibt die Rührung Aller, als Justus sein Pflegkind an der Hand nahm und also sprach: sehet hier meinen Engel und Retter! Dieß Kind hat, vertrauend auf den starken Gott, der einen Daniel von der Löwen Rachen schützen kann, mich befreit durch nichts, als durch das Wort der Wahrheit aus Kindesmund. So hab' denn Dank, du mein Kind, für dein Wort zur rechten Stunde; du hast reichlich vergolten, was ich an dir gethan. Uns alle aber lasset Gott danken auch für diese Anfechtung, und ihn bitten, daß er sie uns helfe vollführen, denn noch ist der Böse geschäftig, Unkraut zu streuen.«

Und so war es wirklich. Denn gerade Selma's fromme That der Kindesliebe hatte die Sache des Schulmeisters nur verschlimmert. Auf die Freiwerdung des Vaters hatte das gute Kind es abgesehen, und die erlangte es auch, aber es hatte dem bittersten Feinde der Aeltern, dem Gerst, die neue Noth der Familie geklagt, und der baute darauf einen neuen teuflischen Plan. Wie Selma an jenem Morgen, wo sie heimlich das Aelternhaus verlassen hatte, um für ihren Vater zu bitten, an der Mauer des Kirchhofs, der vor Gießen liegt, hinging, da trat das Bild ihrer mütterlichen Freundin, der alten Lindin, lebhaft vor ihre Seele, und sie wünschte ihr Grab zu sehen, um auf ihm sich Stärke für ihren sauren Gang zu erbeten. Der Todtengräber grub an der Mauer ein neues Grab, und gab dem Mägdlein auf seine Frage nach dem Grab der Mutter Lindin freundlichen Bescheid. »Seht dort«, sprach er, »dort, wo die Aeste der Linde über die Mauer herüberhängen, liegt die Alte. Gott hab' sie selig. Das war ein Weib nach dem Herzen Gottes, beides bei Alt und Jung wohl gelitten. Ich bin nun schier 36 Jahre Todtengräber hier in der Stadt; und wenn sie Einen nach dem Andern hier herausbringen, dann überdenk' ich so dieß und das aus ihrem Leben, denn es denkt mir schon lange, und vor allem an das Sprüchlein denk' ich: »Herr, lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden.« Als sie die alte Lindin heraustrugen, da konnt' ich nichts bedenken, als dieses: »Meine Seele müsse sterben des Todes der Gerechten, und mein Ende werde wie dieser Ende.« — Du weinst, mein Töchterlein? Nun weine immerhin, solch' Thränen sind köstliche Perlen auf ihrem Grab. Hast du sie gekannt wie ich, und ihre Liebe erfahren, wie ich und die Meinen, dann weißt du, daß der alte Kramer die Wahrheit sagt. — Doch komm' mit; meine Arbeit ist für jetzt hier gethan, und ich muß den Kirchhof schließen. Willst du zur Stadt, so gehen wir ein Weilchen mit einander, und reden noch ein Wörtlein von der alten Lindin.«

Das thaten sie denn, und bis sie zum Thore der Stadt kamen, wußte auch der alte Kramer den Kummer im Hause des Schulmeisters, und versprach dem Mädchen seine Hülfe. Er führte sie zu Diesem und Jenem, von dem er sich eine Hülfe für den Schulmeister versprach; und ehe Mittag ward, konnte Selma schon mit einem Schreiben nach Grünberg aufbrechen, in welchem dem Amtmann bedeutet ward, den Gefangenen bis auf weiteren Befehl frei zu geben. — Aber der alte Kramer hatte sie auch zu dem Rath Gerst geführt, und dieser, der mit der Untersuchung nichts zu thun hatte, und wahrscheinlich auch sobald nichts von ihr erfahren hätte, gab die schönsten Vertröstungen mit dem Munde, im Herzen aber erwog er böse Tücke.

Was in aller Welt scheint einfacher, als die Untersuchungssache gegen den Kalendermann! rufst du wohl aus, lieber Leser. Aber bedenke, unsere Geschichte spielt vor etwa 100 Jahren und das Rechtsverfahren war damals nicht so geregelt, wie heut zu Tage, und das sogenannte Menschliche hatte oft einen solchen Einfluß auf die Richter, daß noch viel einfachere Sachen verwickelt, und noch viel Unschuldigere, denn unser Justus, für Schuldige gehalten wurden. Denn was gegen ihn sprach, das war die Meinung Vieler, die hinter dem Namen Kalendermann etwas Absonderliches suchten; und dann war er mit den Schatzgräbern gegriffen worden, und diese legten manch' falsch Zeugniß gegen ihn ab. Man verfuhr mit großer Strenge gegen die ganze Bande, unter welcher viele Ausländer sich befanden; die aber aus der nächsten Nähe, auf welche es hauptsächlich abgesehen war, der Schreinerkaspar und der Herr Fleischhauer, waren entflohen.

Unser Justus war nun zwar frei, aber fast jeden Tag ward er zum Verhör vorgeladen, und der Amtmann that nichts, um ihm diese sauren Wege zu erleichtern, und ging ihn oft so hart und grausam an, daß er oft fast die Geduld in diesen ungerechten Verhören verlor. Ueber sein ganzes früheres Leben wurden ihm Fragen vorgelegt, manche so verfänglich, daß man offenbar sah, es sei auf seinen Fall abgesehen. Niemand kannte sein früheres Leben nach allen seinen Einzelheiten, als der Gerst, nur von ihm konnten die Aufhetzungen herrühren. Aus zuverlässiger Quelle erfuhr sogar der gequälte Mann, daß der Gerst mehrere Reisen nach Grünberg unternommen habe, um den Amtmann völlig zum ungerechten Urtheil zu stimmen.