Der Kalendermann vom Veitsberg: Eine Erzählung für das Volk
Chapter 12
O man muß einen dieser Goldmacher selbst gekannt haben, um einen rechten Begriff von ihrem Thun und Treiben zu bekommen. Denke dir, lieber Leser, du hast ein altes Männlein kennen gelernt, mit einem Fuß bereits im Grabe, dessen ganze Gestalt von Vernachlässigung und selbstgewählter Peinigung dürr und gebeugt ist, in dessen Augen aber ein lebhaftes Feuer glüht, und dessen Gespräch immer tiefsinnig und dunkel ist. Es ist dir gelungen, sein Vertrauen dir zu erwerben, und du bittest, der seltsame Mann möge dich in seine Weisheit einschauen lassen. Da geht ein feines Lächeln über sein Angesicht; da sieht er dich mit sonderbaren Augen an und spricht: »Wohlan, es sei; aber junger Mann bedenke, der Stein liegt tief, und es gehört viel Ausdauer dazu, ihn zu heben. Hier nimm zuerst dieß Buch und lies es mit Bedacht und unter viel Beten und Ringen und sei nüchtern und wachsam, denn die Weisheit von oben ist am ersten keusch. Du nimmst das Buch, es ist von Jakob Böhm und führt den seltsamen Titel: »Aurora, oder die Morgenröthe im Aufgange.« Du liesest in dem Buche und bringst es mit der Versicherung wieder, du könnest es nicht verstehen. Wieder lächelt das Männlein fein und gibt dir ein zweites, das heißt: »Theologia mystica, oder geheime und verborgene Lehre von den ewigen Unsichtbarlichkeiten.« Fängt es nun ein wenig an in dir zu dämmern, wo es eigentlich mit dieser verborgenen Weisheit hinaus will, und du wirfst da und dort ein Wörtlein in's Gespräch hinein, so nimmt dich dein Lehrer auch wohl einmal in seine Werkstätte mit. Die ist von Rauch geschwärzt und mit Staub bedeckt. Auf zerbrochenen Bänken stehen Gläschen mit Flüssigkeiten von verschiedenen Farben, und auf einem kleinen Herde siehst du eiserne Tiegel zum Schmelzen der Metalle. Du fragst nach dem Zweck von diesem und jenem, aber du hörst wenig, und was du hörst, verstehst du nicht, und bekommst immer nur den Rath: »Gemach, junger Freund; lernt erst in euch selber graben nach dem Stein, dann wird euch ein Wunder nach dem andern aufgeschlossen werden.«
Doch warum schildere ich das Alles gerade an diesem Orte? Weil es Leute dieses Schlages waren, die in das Leben unseres Justus störend eingriffen und ihm der trüben Tage viel bereiteten. Seine Beschäftigung mit dem Sternenhimmel, seine Kalender, die, so schlicht und einfach sie auch waren, doch nicht von Allen verstanden wurden, ließen ihn Vielen von diesen Grüblern als einen von Ihresgleichen erscheinen, den man herzuziehen und brauchen müsse.
So dachte auch der Fleischhauer von Grünberg, dessen wir schon einmal bei Gelegenheit gedachten, wo Justus mit seinen Hausfreunden über den Kometen von 1744 redete.
Der Fleischhauer aber war ein geheimnißvolles Geschöpf, ein alter Junggeselle, aber ein unzugängliches, störriges und boshaftes Männlein. Er wohnte in einem alten Häuschen an der Stadtmauer, und ging wenig aus, sah aber und beobachtete Alles, was seine Nachbarn trieben, machte die Kinder, die in der Nähe seines Hauses spielten, scheu, und vergiftete alle Katzen, die er erreichen konnte; denn gegen diese Thiere hatte er eine sonderliche Abneigung. Daß er deßhalb gescheut und gemieden wurde, und man allerlei sonderbare Dinge von ihm erzählte, versteht sich von selbst.
Einer wollte ihn gesehen haben, wie er Abends um die Kirchhofsmauer geschlichen sei; ein Zweiter sagte, der Fleischhauer sei nie lustiger, als wenn ein Nachbar sterbe, und manch' alt Mütterchen erzählte es zähneklappernd und mit scheuem Blicke am Born, wie der Böse gar nicht selten in Gestalt eines feurigen Drachen in seinen Schornstein hineinfahre. Wo es aber etwas gab, im Trüben zu fischen; wo es sich um eine Hexerei handelte, oder ein Schatz gehoben werden sollte, da kamen die Geisterbanner und Schatzgräber bei Nacht und Nebel in's Haus des Fleischhauers, und wußten sich viel von der sonderlichen Erfahrung des Mannes zu erzählen, und wie er gar kostbare Bücher, namentlich »die schwarze Rabe«, habe, und diese Bücher zu lesen verstünde, und wie sein Rath Goldes werth sei.
Dieser Fleischhauer hatte es auf unsern Justus abgesehen; und als dieser einst in der Nähe seines Hauses ein Geschäft zu besorgen hatte, sah er sich plötzlich von einem Männlein begrüßt, und unter vielen Bücklingen in ein Häuschen zur Seite gezogen. Dort erst gab sich das Männlein als den Herrn Fleischhauer zu erkennen, und versicherte mit vielen Redensarten, wie es sich freue, den Herrn Schulmeister Justus bei sich zu sehen, und wie er nach solcher Ehre schon lange getrachtet, und gerne auf den Veitsberg gekommen, wenn seine Geschäfte es erlaubt hätten. »Und nun, Freundchen«, sprach er, »mein lieber Kunstgenosse, oder soll ich euch lieber Meister nennen in der Wissenschaft aller Wissenschaften, gönnt mir auf ein Stündlein eure erbauliche Rede. Bin selbst ein armer Jünger nur und habe kaum den Ort entdeckt, da der Stein liegt. Ihr seid sicherlich weiter; sagt, wie habt ihr ihn gehoben, habt ihr schon den weißen Schwan gesehen? Denket nur, ich Unwürdiger muß es gestehen, bei mir ist das Leben des Lebens, die gesegnete Tinctur noch im Mercurio verborgen; bin erst im schwarzen Raben, und ist auch die Schwärze eine gesegnete und selige Schwärze, so sehne ich mich doch, sie mit der allerweißesten Weiße überkleidet zu sehen. Helft mir, Meister; auf euch hab' ich längst mein Hoffen gestellt, denn wer in Astronomia so weit ist, wie ihr, der muß in Alchemia noch weiter sein. Zudem kennt ihr ja das Sprüchlein unsrer Weisen:
Der Stein liegt tief, es hebt ihn Keiner Aus eigner Kraft; es zeig' es ihm denn Einer, Sein bester Freund, es geb' aus lauter Gnad' Der Herr vom Himmel dazu seinen Rath.«
»Das Sprüchlein, das ihr da sagt, Herr Fleischhauer«, sprach Justus, »ist schön, und euer Vertrauen wäre werth, belohnt zu werden; aber ich kann euch in eurer Kunst keinen Rath geben, denn ich verstehe von allem dem, was ihr gesagt, kein Wort.«
»Kein Wort, mein lieber Herr Justus?« sprach der Goldmacher und blickte mit ungläubigem Lächeln seinen Gast an. »Kein Wort? Verstehe wohl, ihr wollt mich erst recht lüstern machen nach eurer Weisheit. Oder traut ihr mir vielleicht nicht recht, meint, ich schwatze aus der Schule. Kommt her, ich will euch zeigen, wie weit ich bin, damit ihr Vertrauen zu mir gewinnt. Seht ihr den Tiegel da am Boden in zwei Stücke geborsten? Gestern laborirte ich, und so war ich lebe, zum ersten Male seit ich der Lebenstinctur nachtrachte, erschien der Löwe im Blut, Freund, ich sage, der Löwe im Blut; und wie ich mit klopfendem Herzen in den hellen Goldglanz hineinsehe und die Sonne aller Sonnen vor mir aufgeht, und wie ich laut ausrufe: Nun, fahr' hin, Fall, Hölle, Fluch, Tod, Drache, Thier, Schlange, — da springt der Tiegel, und als ein blau Flämmlein steigt der Stein in Rauch auf, und roch süß wie Veilchenduft. Nun muß ich wieder anfangen. Helft mir dabei, daß meine Mühe sich eher lohne.«
»Ich euch helfen, Herr Fleischhauer«, antwortete überrascht Justus, »ich kann's wahrlich nicht. Diesmal habt ihr euer Vertrauen einem Unwürdigen geschenkt. Ich kenne euren Stein der Weisen nicht, und weiß nicht, wie er gehoben wird. Ich weiß nur von einem Stein der Weisen, von dem dort der Prophet sagt: »Siehe ich lege in Zion einen Grundstein, einen bewährten Stein, einen köstlichen Eckstein, der wohl gegründet ist.« An dem Stein nun hebe ich schon seit vielen Jahren, und er ist mir köstlich erschienen bis dahin, und seine Last ist mir leicht, und er soll einst mein Grabstein werden, mit dem Sprüchlein darauf: »Christus ist mein Leben und Sterben mein Gewinn.«
»Aber«, hub der Fleischhauer halb ängstlich und halb trotzig an, »wie könnt ihr euch denn den Kalendermann nennen und als Astrologus gelten wollen, wenn ihr die göttliche Alchemia nicht kennen wollt? Sind nicht beide Wissenschaften mit einander verschwistert, ja vermählt, wie wir sagen?«
»Die mich den Kalendermann nennen«, sprach ernst der Schulmeister, »die mögen's mit ihrem Gewissen ausmachen, warum sie mir mein Spielzeug wie eine Ruthe auf den Rücken binden; aber die Astrologia habe ich in meinem Leben nicht getrieben, eben so wenig wie die Goldmacherei. Als ich anfing, die Milch der Sternwissenschaft zu kosten, da ist mir wohl auch eine und die andere Schrift in die Hände gefallen, darinnen von namhaften Männern gesagt war, die Sterne hätten Einfluß auf des Menschen Leben und Sterben. Aber mir schien solch' Dichten eitel Fürwitz und ein Raub an Gottes Ehr' und Macht, und ich ließ ab von solch' eitlen Fragen.«
Auf dieß Wort ließ auch der Fleischhauer von dem Justus ab, aber in seinem Herzen blieb dennoch die Meinung, der Schulmeister wisse mehr, als er sagen wolle.
Der aber ging voll Angst und Grauen von dem Versucher weg, und ward keineswegs froh darüber, als ihm an der Thüre der Rathhausdiener begegnete, und lächelnd sprach: »Nun Schulmeister, ihr hier beim Fleischhauer? Wo Tauben sind, fliegen Tauben zu, und Gleich und Gleich gesellt sich gern. Seid aber doch auf eurer Hut; der Rath hat längst ein Aug' auf die Eule da drinnen, und auf alle die, so hier aus- und eingehen.« Und als Justus ihm erzählte, wie er zu dem Besuch gekommen, da sagte der Rathhausdiener: »Will's glauben als euer guter Freund; aber vergeßt nicht das Wörtlein: Mitgefangen, mitgehangen!« —
Aber der Rathhausdiener war des Justus guter Freund nicht, wie er versicherte; er hatte nichts Eiligeres zu thun, als dem Rath Anzeige zu machen: auch der Schulmeister vom Veitsberg sei in's Haus des Fleischhauers gegangen und geraume Zeit drinnen geblieben. Nun muß man wissen, daß der Rath seinem Diener den Auftrag gegeben hatte, ein wachsames Auge auf den Fleischhauer zu haben und auf Alle, welche bei ihm aus- und eingingen, weil seit einiger Zeit eine Schatzgräberbande in der Umgegend ihr Wesen trieb, mit welcher der Fleischhauer sonder Zweifel in Verbindung stand. Als nun bald darauf der Superintendent von Gießen nach Grünberg kam, so gab man ihm den Justus als Einen an, der mit verdächtigen Leuten Umgang habe, und von dem überhaupt allerlei sonderbares Gerede im Schwange gehe.
Auch dauerte es nicht lange, so wurde er nach Gießen vorbeschieden, und ihm vor versammeltem Consistorium eröffnet: »Wie man ihm vor Jahren den Schuldienst zum Veitsberg anvertraut aus besonderer Gnade und in Rücksicht auf höhere Fürsprache, obgleich ihm schon damals kein sonderlicher Ruf vorangegangen sei. Wie man sich aber nunmehro in dem auf ihn gesetzten Vertrauen sehr getäuscht habe, weil ihm für's Erste Schuld gegeben werde, er habe Umgang mit einem der Zauberei verdächtigen Manne in der Stadt Grünberg. Für's Zweite, so treibe er Allotria, sehe nach den Sternen und schreibe Kalender, was Alles für einen Schulmeister nutzlose, ja gefährliche Beschäftigungen seien. Zum Dritten, so tractire er in seiner Schule Dinge, die gar nicht hinein gehörten, lehre die Rechenkunst in Versen und pfropfe in die Köpfe der Schuljugend allerlei, davon sie nie Gebrauch machen könne, dadurch nur die edle Zeit verdorben und das Wort Gottes nicht gehörig getrieben werden könne. Zum Vierten, so habe man von einem zuverlässigen Manne gehört, wie er, Justus, allerlei verlaufenes Gesindel in seinem Hause beherberge, ohne nach Herkunft und Namen zu fragen, auch schon seit etlichen Jahren ein fremdes Kind in seinem Hause erziehe, das ihm bei Nacht und Nebel gebracht worden sei, obgleich er selbst wisse, wie wenig es sich für einen christlichen Schulmeister schicke, solche Findlinge aufzunehmen.« Ueber diese vier Punkte solle er sich nun protocollariter erklären und der Wahrheit die Ehre gehen.
»Das habe ich denn auch gethan«, erzählt er selbst, »in aller Demuth, wie es mir geziemte, weil ich wohl sah, daß meine Herrn Vorgesetzten waren irre geleitet worden. Ich hab' mit kurzen Worten Zeugniß von meinem Wandel abgelegt und Rechenschaft gegeben von meinem Amte, auch nichts verschwiegen, was einen Flecken auf mein liebes Pflegekind hätte werfen können; hab' aber zum Schluß auch erklärt, daß ich meinen Ankläger wohl kenne und bereit sei, von ihm ein Zeugniß abzulegen, das nicht zu seinen Gunsten ausfallen dürfte. Doch das hat man nicht hören wollen, und bin also mit dem Bedeuten entlassen worden, hinfüro wohl Acht zu haben, daß ich vor Gott und Menschen ein gut Gerücht behalte.« »So ist denn durch Gottes Gnade abermal eine Prüfung an mir vorübergegangen, und sage zum Schluß mit Paulo: »Ich bin mir wohl nichts bewußt; aber darinnen bin ich nicht gerechtfertiget; der Herr ist es aber, der mich richtet.«
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»Also der Höllenbrand, der Gerst, schiert noch am Feuer eurer zeitlichen Trübsal!« rief voll Unwillen die alte Lindin aus, als Justus nach dieser schweren Stunde sie besuchte. Krank und müde von Alter lag die Alte in ihrem Bette, aber ihre Stimme war laut und ihr Auge noch voll Feuer. »Ich glaubte den Menschen niedergetreten zu haben wie einen Wurm, denn er krümmte sich unter meinen Füßen«, rief sie, »aber er lebt wieder, und ist dieselbe alte Schlange, ja giftiger, denn zuvor. Denkt nur, der Unglücksmensch wagte sich sogar an mich alt Weibsbild, und suchte mich da und dort bei meinen Gönnern und Freunden zu verfuchsschwänzen. Aber warte, dacht' ich, du kennst die alte Lindin vom Tiefenweg schlecht. Ich ließ mein Maul zum Schwert werden, und mein' ich denn, das Schwert hat geschnitten. Sag' meinetwegen, du Lotterbube, ich sei ein alt, bös Weibsbild; kannst Recht haben und mein Heiland muß Geduld mit mir haben, wenn's zum Himmel mit mir eingeht; aber der muß noch kommen, der mir nachsagt, die alte Lindin habe je einen Pfennig veruntreut oder einen Bissen unverdienten Brods gegessen. — Geht getrost heim, Herr Justus, und fürchtet euch nicht, der starke und eifrige Gott, dem ihr gedienet von Kind auf, der lebt noch und wird bei euch sein, der Wagen Gottes viel tausend mal tausend um euch her. Eilt heim, sag' ich, Justus, damit die Euren sich nicht euretwegen bresten; grüßt Weib und Kind von mir, und nehmt meinem Herzblatt, der Selma, dieß Kreuzlein von Bernstein mit, daß sie mein dabei gedenke und dessen, der sein Blut am Kreuz vergossen hat für uns arme Sünder. Der hat noch viel bösere Widersacher gehabt, denn ihr, und hat sie doch überwunden. — So wahr Gott lebt und seine Verheißung Ja und Amen ist, der Gerst kommt noch zu euch wie einst Judas, der Verräther, mit dem Bekenntniß: »Ich habe übel gethan, daß ich unschuldig Blut verrathen habe.«
14. Die Versuchung.
Jahre sind indessen hingegangen, und um die Pfingstzeit, die so lieblich ist auf diesen Bergen, kehren wir wieder einmal ein im Hause des Schulmeister Justus. Noch finden wir die lieben Menschen alle vereint, aber doch ist's nicht ganz wie ehemals. Die Kinder sind herangewachsen: Heinrich zu einem stattlichen Burschen, die Töchter zu blühenden Mädchen, und still und in sich gekehrt sitzt Selma in einer Ecke der Stube, und auf ihre Bibel, in der sie lies't, fallen von Zeit zu Zeit Thränen. Sie weiß selber nicht, wie ihr geschieht. Es ist morgen der Tag ihrer Confirmation. Die Gespielinnen suchen Blumen und schmücken die Kirche, und freuen sich des Tages, der ihrer wartet, und haben die Freundin eingeladen, Theil an ihrer Freude zu nehmen. Aber Selma hat keinen Sinn mehr für die Blumen, die sonst ihre Lieblinge gewesen, und sie denkt des morgenden Tages nicht mit Sehnsucht, nur mit Angst, denn ein schwerer Kummer lastet auf ihrem Herzen. Und der Kummer hat Alle weich gemacht, Aeltern und Geschwister zugleich.
Denn wie sie heute aus der Beichte gekommen, da hat Mutter Dorothe sie allein genommen, und hat ihr Alles erzählt, was sie noch nicht gewußt, hat ihr Vater und Mutter genannt, und ihren eignen Namen, den sie noch nicht gekannt, und hat ihr Taufschein und Angedenken ihrer Mutter gegeben, und unter viel Thränen zu ihr gesprochen: »Liebe Selma, wir haben lange mit uns gekämpft, ob wir dir sagen sollten, du seiest nicht unser Kind, oder ob wir dich in deinem Glauben lassen sollten. Denn mein Herz wollte mir springen bei dem Gedanken, du möchtest uns fremder werden, und kein Genügen mehr bei uns finden, wenn du wüßtest, daß du fremder, reicher Leute Kind seiest. Aber Justus meinte, jetzt oder nie sei die Zeit gekommen, wo du solche Nachrichten hören könntest. Du sollst unser bleiben, unser liebes Kind, wie du bisher gewesen bist, so lange es Gott gefällt, dich uns zu erhalten; aber es könnte ja sein Wille sein, daß deine Aeltern bald kämen, und dich von uns nehmen wollten, und dann wäre dein Herz vielleicht weniger zum Abschied gefaßt, wie jetzt, wo du Alles weißt.«
Ob dieser Rede war es dem Mädchen schaurig zu Muthe geworden; es war der Mutter unter lautem Weinen um den Hals gefallen, und hatte einmal über das andere Mal gefragt: »Nicht wahr, Mutter, du scherzest nur mit mir, du bist mein und ich bin dein?« Wie aber Justus auch dazu gekommen, und ihr voll Ernst und Rührung dasselbe gesagt hatte, da war sie in sich zusammengesunken, und saß nun still weinend mit der Bibel in der Hand da, und Niemand wagte sie zu stören, denn Alle wußten, daß ihr Herz betete zu dem Vater der Waisen um Trost und Stärke. Wie denn der Pfingstmorgen kam, wie das Geläute der Glocken von allen Dörfern im Thal heraufschallte, wie die Nachtmahlskinder, mit Blumen geschmückt, und von ihren Aeltern geleitet, dem Berg heraufschritten zur Kirche, da hing Selma blaß wie eine Leiche und mit zitternden Händen das goldene Kreuz ihrer Mutter um den Hals, und wer sie sah, der konnte sich der Thränen nicht enthalten, dem erschien sie wie eine Einsame, Unbekannte, Verbannte, Heimathlose mitten unter Glücklichen und Liebenden. Wie aber das Fest vorüber war, da war auch Selma wie verwandelt. Sie nahm das Kreuz wieder von ihrem Halse ab, legte es in die Hand Dorothea's und sprach: »Mutter, ich bin und bleibe euer, laßt mich euren Namen führen auch forthin. Ich begehre nichts, als euer Kind zu sein, denn das bin ich ja, da ihr mich aufgezogen habt in der Zucht und Vermahnung zum Herrn, bis auf diesen Tag.«
Und es war Freude im Hause des Schulmeisters, und das Pfingstfest ward Allen, die drinnen waren, ein Fest des heiligen Geistes.
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Ich sagte vorhin: Es waren Jahre hingegangen, und es war nicht ganz wie ehemals im Schulhause auf dem Veitsberg, die Kinder wuchsen heran, und waren gut geartet, aber Nahrungssorge war eingezogen. Die Besoldung reichte nicht hin zum Unterhalt und zur Kleidung, und Justus mußte, so schmerzlich es ihm war, mehrere Nebenämtchen übernehmen, deren eines, das Amt eines Universitätsförsters, ihm vielen Verdruß bereitete. Es stößt an den Veitsberg ein Wald, der der Universität Gießen gehört, und über diesen übernahm Justus die Aufsicht. That er nun, was seines Dienstes war, hielt er Ordnung im Walde und brachte die Frevler zur Anzeige, so wurden ihm diese gram, und spotteten seiner, wie er als Schulmeister ein Förster sein könne und legten es ihm als Habsucht aus, obgleich die Noth ihn nur dazu zwang. Dazu kam noch die Sorge um sein Weib; denn Dorothe kränkelte beständig, und konnte nicht wie ehemals Tag und Nacht für der Familie Unterhalt arbeiten. Und obgleich die Töchter rüstig Hand anlegten, und keiner Arbeit sich schämten, so wollt' es doch nirgends ausreichen. Die Zeiten waren böse.
Die beständigen Kriege im deutschen Land, die vielen Mißerndten verteuerten die Lebensmittel, und drückten den Landbewohner sehr. Und gerade in dieser Zeit sollte Heinrich sich für seinen künftigen Beruf bilden. Sein Vater hatte treulich für Herz und Geist gesorgt, und ihm viel Gottesfurcht und Wissen mitgegeben; aber so sehr auch Alle sparten, daß der Jüngling zur Schule oder zur Lehre hätte abgehen können, nirgends wollte sich auch nur das Nothdürftigste zurücklegen lassen. Viele in und um Gießen, an die sich der bekümmerte Vater wandte, vertrösteten ihn von einer Zeit zur andern; und nicht Wenige wiesen ihn ganz ab mit dem Bemerken, er sollte den Jungen zu einem Handwerker in die Lehre thun; man brauche auch kluge Leute in diesem Stande.
Dazu hatte der Gerst wieder Unkraut genug ausgestreut, und ließ nicht ab, den Justus und sein ganzes Haus zu verdächtigen. Auch waren die alten Hausfreunde fast sämmtlich gestorben, oder in die Ferne gezogen, und ihre Stelle war nicht wieder ersetzt worden. Denn so Viele ihrer aus- und eingingen auf dem Veitsberg, sie hatten wohl schöne Worte auf der Zunge, aber keine rechte Liebe im Herzen. Der alte Zacharias Storch von Bolenbach, der Simon Kleinfelder, der gute treue Jäger, die Freunde, die immer Rath und Trost gehabt hatten, sie waren in die Ewigkeit eingegangen. Und ihnen war auch die alte Lindin gefolgt. Ihr starkes, großes Christenherz war im Tode gebrochen, nach dem sie sich schon lange gesehnt hatte. »Ich habe Lust abzuscheiden, und bei Christo zu sein«, das war ihr letztes Wort. Auch der Corporal Scheuermann war nicht mehr in Gießen, sondern hatte anderwärts seinen Dienst. Der Benjamin Laupus aber war in ein fremdes Land gereis't, weil ihm in der Heimath sein früheres Leben nicht verziehen ward.
Warum der liebe Gott wohl so viele Freundesgräber um uns aufhäuft, ehe er das unsere uns bereiten läßt? Ich glaube, daß uns von diesen Hügeln herab die Lust und Herrlichkeit dieser Welt immer kleiner, dagegen desto näher der Sonnenaufgang aus der Heimath erscheine, von dannen der Lenz kommt in's Land der Gräber, und mir ihm das Trostsprüchlein: »Ich will euch wieder sehen und euer Herz soll sich freuen und diese Freude soll Niemand von euch nehmen.«
Aus der Zeit stammt wohl das Lied, das wir noch vom Kalendermann haben, wenigstens drückt es ganz die Stimmung aus, in der er sich damals befand.
»Eins bitt' ich von dem lieben Gott, Das bleibt mein täglich Beten, Dass er mir geb' in Freund' und Noth Ein Herz, vor ihn zu treten.
Ich nehm' es Alles dankbar hin, Was mein Gott mir will geben, Ich preis' ihn mit vergnügtem Sinn Für Hab' und Gut und Leben.
Doch nehm' er's hin, wenn's ihm gefällt, Ich will es freudig missen, Ich weiß ja, daß in dieser Welt Wir Alles lassen müssen.
Doch jenes Herz, das treu dich liebt, Das deines Sohns sich freuet, Das sich im Glauben dir ergibt, Sich täglich neu dir weihet;
Dieß Herz, o Vater, wollest du Mir jetzt aus Gnaden schenken, Dann hab' ich Frieden, hab' ich Ruh' Will Andres nicht bedenken.
Ein solches Herz wird nimmer ganz Aus deiner Gnade weichen, Selbst aus der Sünd' mit hellem Glanz Wird neu heraus es steigen.
Und solch' ein Herz gib mir, o Gott, Hilf, Jesu, mir's erwerben! Was willst du, Welt, mit Noth und Spott? Eins bleibt mir, _selig Sterben_.«
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