Der Kalendermann vom Veitsberg: Eine Erzählung für das Volk
Chapter 11
In Begleitung des Soldaten durcheilte der Fremde die wohlbekannten Straßen, lenkte in die Schloßgasse ein und ergriff den Klopfer einer Hausthüre, um hinein zu gehen. Doch die Thüre war verschlossen. Ungestüm hämmerte er mit dem Klopfer an der Thüre. Die ward auch bald geöffnet, aber ein Bedienter vertrat dem Fremden den Weg und sagte: »Wollt ihr zum Herrn Rath Laupus, so kommt später wieder, der Herr Rath sind krank und lassen Niemand vor sich.« Dieses hören und den Bedienten zur Seite stoßen und die Treppe hinanstürzen, war bei dem Fremden das Werk eines Augenblicks. Ungestüm riß er die Thüre zum Schlafzimmer seines Vaters auf, und mit lautem Schrei stürzte der verlorene Sohn vor das Bette des todtkranken Vaters. Von dem Schrei schreckte der Kranke aus seinem Fieberschlafe auf, starrte um sich her, und als sein Blick auf den Sohn fiel, der zur Seite des Bettes auf den Knieen lag, richtete er sich mit großer Anstrengung auf, und fragte hastig: »Träum' ich, oder bin ich schon todt, oder ist es wahr, ist mein Benjamin zurückgekehrt?« »Ja, Vater«, rief der Jüngling unter lautem Weinen, »ich bin's, dein Sohn ist es; vergib ihm, um Gottes Barmherzigkeit willen, vergib ihm. Es reuet mich Alles, was ich gethan, aus Herzensgrund; ich will fortan ein andrer Mensch werden!« »Hab' Dank, guter Gott, für dieß letzte Labsal«, sprach der Kranke, indem er zurücksank, mit der linken Hand seine Augen bedeckte, und die rechte segnend auf des Sohnes Haupt legte. »Sei willkommen, Benjamin, sei in Gottes Namen willkommen«, sprach er leise; »du kommst zu rechter Zeit, und wenn der liebe Gott das Gebet eines sterbenden Vaters erhört, so bitte ich um Christi willen, er möge dir deine Sünde vergeben, wie ich dir vergeben habe. Komm, Benjamin, küsse mich, und sei hinfort wieder mein guter Sohn. Ich sterbe bald, vielleicht noch in dieser Stunde, so bleib' denn um mich, daß ich mich deines Besitzes wieder freuen kann.«
Indem klopfte es an die Thüre; eine alte Frau, die als Wärterin am Ofen gesessen hatte, öffnete sie, und ließ einen Mann herein, der auf das Bette des Kranken zuging, und in leisem Tone sagte: »Herr Rath, ihr habt meiner begehrt, womit kann ich euch zu Diensten sein?« »Ich danke euch, Herr College Gerst«, sprach der Rath Laupus, »daß ihr meinem freundlichen Bescheid schnell habt Folge gegeben. Mein Ansinnen sollte sein, daß ihr meinen letzten Willen mir aufsetztet; nun aber der Herr mein Gebet erhört, und meinen Benjamin mir zurückgeführt hat, so geht nur mein Begehren an euch, ihr wollet euch meines Sohnes nach besten Kräften annehmen und behülflich sein, daß er auf rechtem Wege erhalten werde.« Wie der Rath Gerst darauf dem Kranken Handschlag und Wort gegeben, trat er vom Bette weg, um Vater und Sohn ungestörter verkehren zu lassen, und setzte sich in die Nähe des Ofens.
Die Wärterin hatte ihn mittlerweile nicht aus den Augen gelassen; ihre Blicke ruhten forschend und stechend auf seinem schönen, aber finstern Angesicht. Jetzt trat sie leise zu ihm, tupfte mit dem Finger auf seine Schultern und sagte: »Seid ihr der Rath Gerst?« »Ja«, war die Antwort. »Und seid aus Braubach am Rhein?« Dieselbe Antwort. »Und kennt auch Einen, seines Standes ein Theologe, mit Namen Justus?« Der Rath verfärbte sich und fragte: »Wie so, was ist mit dem?« »Nun, ich merke,« sagte die Alte, indem sie den Mann mit ihren Augen zu durchbohren schien, »ich bin auf der rechten Spur. Was mit dem Justus ist, fragt ihr? Dem geht ein Teufel in Menschengestalt schon seit Jahren nach, und suchet, wie er ihn verschlinge. Laß ab, du Teufel, von dem Gesegneten des Herrn, oder es ergeht dir, wie Dathan und Abiram, die der Herr verschlang mit seinem Feuer.« »Und wer seid ihr denn, unverschämtes altes Weib«, sprach der Gerst in leidenschaftlichem, aber gedämpftem Tone, »daß ihr es wagt, mich in dem Hause meines Freundes zu beleidigen, habt ihr keinen Respect vor meiner Person und meinem Amte?« »Wer ich bin«, rief das Weib mit zornrothem Angesicht, aber ebenfalls in gedämpftem Tone: »Ich bin des seligen Matthes Lind vom Tiefenweg eheliche, nachgelassene Wittib; und ich Barbara Lindin sage euch, habe allen Respect vor eurem Amte, das von Gott geordnet ist, vor euch selbst aber habe ich weniger Respect, denn vor dem Schinderkaspar, der hinter dem Teufelslustgärtchen wohnt; denn der schindet, was todt ist, ihr aber schindet Christenmenschen bei lebendigem Leib und nennt euch dazu einen Herrn Rath. Pfui, sag' ich, über solch' Otterngezüchte! Pfui, sag' ich noch einmal in meinem Namen, wenn ihr's hören wollt, und noch einmal pfui, in Gottes Namen!« —
Die alte Lindin war im beßten Zuge, kein gutes Haar an dem Gerst zu lassen; denn das war ihre schwächste Seite, daß sie nicht schweigen konnte, wenn es galt, ein Unrecht zu strafen, oder einen Freund zu vertheidigen. »Denn«, sagte sie, »eifern ist gut, wenn's immerdar geschieht um's Gute.« Zum Glücke für ihren Gegner, der sich nicht mehr zu helfen wußte, rief der Herr Rath Laupus ihn an sein Bette, und er ergriff bald die erste Gelegenheit, sich aus der Krankenstube zu entfernen, nicht ohne einen Blick der Rache auf die alte Lindin geworfen zu haben, den diese standhaft aushielt und treulich erwiederte.
Heute war der Racheengel dem Gerst in Gestalt der alten Lindin genaht, möchte sein Gewissen bald erwachen und er uns in anderem Lichte erscheinen, wenn wir ihm in unserer Erzählung wieder begegnen! Doch die Sünde läßt ihren Knecht nicht sobald aus ihrem Solde. »Wie der Löwe auf den Raub lauert, also ergreifet zuletzt die Sünde den Uebelthäter.«
12. Der Feind kommt, wenn die Leute schlafen.
»Blumenglöcklein läuten Durch die Thäler hin, Weiße Schäflein weiden In der Wiesen Grün.
Vöglein singen Lieder, Singen lauten Schlag, Frühling kehrte wieder, Rief die Erde wach.
Und auf linden Lüften Kommen Engelein, Schmücken rings die Triften, Kehren bei uns ein;
Sagen, daß dort oben Ew'ger Frühling sei, Wer hinaufgehoben, Sei von Kummer frei;
Wer hinaufgehoben, Schaue Jesum Christ, Der zum Vater droben Segnend gangen ist. —
Wenn der Lenz gekommen, Dann gedenke sein; Wen er aufgenommen, Wird sein Engel sein.«
So sang Dorothe ihren Kindern vor am offnen Fenster. Der April war gekommen und mit ihm das Osterfest, für die Alten das Fest der Lieb' und Herrlichkeit, und für die Jungen das Fest der bunten Eier und des lauten, frohen Jugendspiels auf grüner Flur. Aus dem Thal herauf hörte man das Jauchzen der Kinder, und das Herz so voll Kindesglücks und Frühlingslust drängte sich auch Heinrich an die Mutter heran, und fragte, und fragte viel über das Osterfest, und über den Herrn Christum, und über die bunten Eier, und über den Pathen im fernen Holland, und ob denn jetzt immer Frühling bleibe und nie wieder Winter werde?
O wer kennt sie nicht diese Kinderfragen, wer hörte sie nicht gerne, und gäbe nicht gerne Antwort darauf! Sie sind ja der Durst des kleinen Menschenherzens, den Grund zu wissen von Allem, und den Vorhang zu heben, der über der Zukunft liegt! Wir Alle werden ja Zeit Lebens nicht müde zu fragen. Gingen wir nur bei unsern Fragen nicht so oft an die unrechte Thüre; lernten wir doch _Den_ frühe zu unserm Rathgeber wählen, der länger und geduldiger, denn Vater und Mutter, stille hält und uns nie von sich scheucht; bei ihm würden wir Ruhe finden für unsere Seelen.
Aber Heinrich wollte viel wissen, und die Fragen des Kindes trieben der Mutter die Thränen in's Auge. Ob Vater und Mutter immer bei ihm bleiben, und immer froh sein und ihm immer gut, und ob es auch ihm gut ginge, wenn er fromm und gut bliebe? »Ja«, sagte Dorothe, »es wird dir immer gut gehen, Heinrich, wenn du den lieben Gott lieb hast und nach seinen Geboten thust. Aber wie es in der Natur ist, daß bald Winter ist und bald Sommer, und auch mitten im Sommer mancher Tag stürmisch und rauh ist, und die Sonne nicht scheint, so wechselt es auch im Menschenleben, und der liebe Gott macht uns bald froh und bald traurig. Heute gibt er uns und morgen nimmt er uns. Aber ob er gibt, oder nimmt, so thut er uns allezeit wohl. Wer nur recht fest an ihn glaubt und ihm fein stille hält, dem kommt auch nach jedem Winter der Frühling wieder, und er vergißt der gehabten Sorge um seiner Freundlichkeit willen. Es ist nur und dem Vater nicht alle Zeit wohlgegangen, und kann auch wieder eine Zeit kommen, wo uns das Leben sauer wird; aber wir verlassen uns auf den lieben Gott, das thu' du auch, Heinrich und vergiß nicht dein Sprüchlein:
»Kindelein, bete fein, Wird dir Gott gnädig sein!«
Und Heinrich sah ernst in seiner Mutter Augen, die voll Thränen standen, gleich als verstünde er, was sie sagte. Und wohl verstand er, was sie sagte; denn Mutterthränen sind zart geschliffene Gläschen, durch die das Kindesang' die Schrift der Liebe im Mutterherzen lesen kann; und ein Brücklein ist gebaut zwischen Mutter- und Kindesherz, darauf führt der Herr die guten Engel herüber und hinüber.
Mittlerweile war der Vater draußen gewesen im Hausgärtchen, um sich an seinen Bienen zu erfreuen, die auch der Frühlingstag zu neuem Leben gerufen hatte, und die in dicken Trauben an den Fluglöchern hingen. Jetzt trat er herein, und in seiner Begleitung war der Fremde von neulich, der ein Obdach im Hause des Schulmeisters gefunden, und versprochen hatte, bald wieder zu kommen. Eine große Veränderung war seitdem mit ihm vorgegangen. Statt der schmutzigen, zerrissenen Kleidung, die ihn damals bedeckte, war er jetzt sehr anständig angethan, aber die schwarze Farbe seiner Kleidung und ein schwermüthiger Zug in seinem Angesicht sagten deutlich, daß die Nacht auf dem Veitsberg nicht die letzte trauervolle gewesen sei. Jetzt nannte er seinen Namen, erzählte mit tiefer Wehmuth, wie sein guter Vater in seinen Armen gestorben sei, nachdem er ihm zuvor herzlich vergeben; erzählte auch, wie sehr sich der Vater gefreut auf seinem Sterbebette, als er von Justus Liebesdienst an seinem verlornen Sohne gehört; wie er ihm aufgetragen, des Sterbenden Dank seinem Wohlthäter zu bringen, und wie er den Sohn ermuntert habe, dieses Danks nie zu vergessen. »Ja noch mehr hat er gethan, sagte der Benjamin Laupus, er hat auch den Herrn Rath Gerst an sein Bette kommen lassen und ihm das Versprechen abgenommen, euer Freund und Fürsprecher zu werden, und euch zu einer besseren Stellung zu verhelfen, weil ihr es verdientet, mehr als Einer. Darauf nach des Vaters Tode hat mich der Herr Rath Gerst noch einmal zur Seite genommen, und mich gefragt, wo ihr wohntet, weil er lange nichts von euch gehört, ob es euch wohl gehe und ihr ein gutes Zeugniß hättet; auch ob ihr verheirathet wäret, und wie eure Frau heiße, kurz, der Mann schien euch zu kennen, und es mit euch wohl zu meinen. Und als ich ihn selber für euch bat, da sagte er: »Wir wollen sehen, was sich für den Justus thun läßt!«
Wie der Name des Gerst von dem jungen Laupus genannt ward, da senkte der Justus und sein Weib das Haupt, da war es ihnen, als lege sich eine Centnerlast auf ihr Herz; jetzt, wo sie des Gerst, ihres Todfeindes, eigne Worte gehört, von einem Versprechen gehört, das er für sie einem Sterbenden geleistet, da sahen sie sich mit einem Blicke an, aus dem alles Leid ihres bisherigen Lebens sprach, und Justus sagte mit einem tiefen Seufzer: »Herr, dein Wille geschehe.« Sonst aber ward in Gegenwart des Laupus kein Wort über den Gerst gesprochen, weder lobend noch tadelnd. Der Jüngling ward wie ein lieber Gast behandelt, als hätte er eine frohe Botschaft, nicht eine so traurige gebracht, und es ward ihm wieder so wohl unter den lieben Menschen, daß es ihm schwer hielt, sich am andern Tage zu verabschieden. Nur als ihm der Schulmeister wieder das Geleite gab auf eine kleine Strecke, und er dem Jüngling die Hand zum Abschied reichte, da sagte er: »Herr Laupus, habt Dank für euren Besuch und für eures Vaters letzten Gruß; aber habt ihr uns lieb, wie ihr sagt, so thut bei dem Rath Gerst, als kenntet ihr uns nicht. Ruft meinen Namen und eures Vaters Wunsch niemals in sein Gedächtniß zurück. »Es ist gut auf den Herrn vertrauen und sich nicht verlassen auf Menschen.« Ich bleibe gern, was ich bis dahin war, der Schulmeister vom Veitsberg, und gehe nur dann von hier, wenn mich mein Gott sonstwo in seinem Dienste brauchen kann. Euch aber rufe ich aus demselben Wort, mit dem ich euch damals getröstet, das Sprüchlein zum Abschied zu: »Wachet, stehet fest im Glauben, seid männlich und seid stark.«
»Es scheint fast«, sprach der Schulmeister zu seiner Dorothe, als er in sein Haus trat, »als sollte unsere Prüfungsschule etwas länger dauern, wie wir meinten. Nun es geschehe Gottes Wille an uns; ist seine Hand auf unserm Rücken, so muß unsere Hand auf unserm Munde sein, daß wir nicht klagen, und seinen Rath verachten. Nach Frieden haben wir lange getrachtet, sei es denn auch bei uns also: Je länger begehrt, je süßer gewährt.«
Und so kam es denn; die Trauer zog wieder ein in's Haus des Schulmeisters, aber dießmal ward sie nicht von Menschenhänden gebracht, die Hand des Herrn nahm, was sie gegeben hatte; Magdalenchen, das Jüngste von des Schulmeisters Kindern, ward krank und starb. Wie er aber diesen Schlag aufnahm, und wie Dorothe ihr Kind beweinte, das haben wir schon gesehen. Und mit dem Tag seiner Beerdigung kam ein fremder Gast in's Schulhaus, die kleine Selma, und über der Pflege des lieblichen Kindes ging die Zeit des ersten Schmerzes vorüber.
Monate lang warteten Justus und sein Weib auf den versprochenen Brief aus Holland, aber er kam nicht und es ward ihnen ängstlich zu Sinn, um des Kindes willen. Als nun endlich ein Jahr vorüber war, und die gewünschte Nachricht noch immer ausblieb, da schrieb Justus selbst nach Holland, erzählte viel von dem Kinde, wie es sichtlich zunehme und schön an Leib und Seele werde, und bat dringend um Antwort, aber die Antwort blieb aus. Abermals nach einem Jahre schickte er einen zweiten Brief ab; aber auch der hatte keinen Erfolg. Wenn dann Justus den Kopf schüttelte und von den Möglichkeiten sprach, die Vater und Mutter des Kindes betroffen haben könnten, auch Besorgnisse über die Zukunft des Kindes äußerte, dann sprach Dorothe: »Justus, laß' nur den lieben Gott walten, hat er dem Kinde Vater und Mutter genommen, so will er, daß wir ihm beides seien. Ich freue mich sein, als wäre ich seine Mutter, und mag's nicht von mir lassen, denn mein Herz hängt an ihm. Thun wir an ihm, als einem eignen Kinde, so wird es nicht wissen, von wannen es stammt, und nach nichts Anderem begehren, als uns gehorsam zu sein, wie ein Kind den Aeltern. Nach zeitlichem Vortheil haben wir ja nicht getrachtet, als wir's zu uns aufnahmen, so soll es denn auch nie erfahren, was es uns gekostet, sondern nur, wie lieb wir es gehabt.«
Und so geschah es; Selma wuchs als Töchterlein des Schulmeisters auf, nannte die Pflegeältern Vater und Mutter, und wollte nie glauben, was da und dort eine geschwätzige Nachbarin dem Kinde in's Ohr flüsterte, als es zu begreifen anfing, was es heiße, Vater und Mutter verlieren und eine Waise sein. Wer aber dem Kinde nur einmal in die großen, blauen Augen sah, wer die Farbe seines blonden Haares und die Zierlichkeit seiner Glieder aufmerksam betrachtete, der sah schnell, daß ein fremdes Pflänzlein auf dem Veitsberg gepflegt ward. Aber der neue Boden bekam ihm gut; denn der Justus und sein Weib verstanden es so recht, ein Kind aufzuziehen in der Zucht und Vermahnung zum Herrn.
Besonders war es die alte Lindin, die an dem Kinde ein besonderes Wohlgefallen hatte. So lange es ihre Kräfte erlaubten, kam sie von Zeit zu Zeit auf den Veitsberg gegangen, und später ließ sie sich sogar dorthin fahren, um einen frohen Tag bei ihren Freunden zu verleben. Dann nahm sie oft Stunden lang die Selma auf ihre zitternden Kniee, erzählte ihr in leisem Tone allerlei Scherz und Ernst, prägte manch' Sprüchlein ihrem Gedächtnisse ein, lehrte sie beten und die Lieder ihrer eignen Kindheit singen. Und wann sie dem Kinde bei seinen Spielen zusah, dann füllte sich oft ihr starres Auge mit Thränen und ihre Lippen bewegten sich zum Gebete für das Wohl ihres Lieblings.
O wohl dem Kinde, dem solcher Segen wird in's Leben mit hinein gegeben! Das Gebet für die Kinder ist wie der Thau von oben, den der Ackermann nicht entbehren kann, und wenn er das Saatfeld noch so treu bestellt. Der Thau kommt über Nacht, und des Gebetes Segen auch; und was die Hitze des Tages auch aufzehrt, der Abend bringt's wieder neu, und Blüthe und Frucht zeugen vom Vater des Lichts, von dem herabkommt alle gute und vollkommene Gabe. —
13. Die Nachtmenschen.
»Es ist kein Dörflein so klein, Ein Hexenmeister muß drin sein.«
Dieses Sprüchlein, das aus dem Volke hervorgegangen ist, wird durch die Erfahrung bestätigt. Man wird noch heute nicht leicht ein Dorf finden, in welchem nicht Einer wohnte, von dem man sagt: »Er kann etwas.« Was er aber nach der Meinung der Leute kann, oder zu können vorgibt, das ist, daß er dem Vieh in Krankheiten zu helfen weiß mit allerlei Hausmittelchen, auch wohl dem Herrn Doctor in's Handwerk pfuscht, und allerlei Tränklein bereitet, und Pillen dreht, die der Kunst zu Schaden und Schande manchmal helfen, da sie mit vollem Glauben genommen werden, und so diesen Winkeldoctoren den Zulauf beständig erhalten. Unter ihnen sind aber auch nicht Wenige, die dem Glauben des Volkes noch mehr zusagen, indem sie durch ihr bloßes Wort, durch allerlei Sprüchlein, in denen der Name Gottes nicht selten gemißbracht wird, Blutungen stillen, behextes, d.h. krankes Vieh kuriren, Diebe ausfindig machen, ja bannen und festmachen können gegen Hieb und Stich. Da mögen hundert Täuschungen und Betrügereien an den Tag kommen, da mag man eifern, wie man will, und durch alle mögliche Gründe der Vernunft und des Christenglaubens das Uebel an der Wurzel angreifen, die Sache bleibt und wird bleiben noch manches Jahr. Der ganzen Erscheinung, die man schlechthin Aberglauben nennt, liegt das Bestreben zu Grunde, sich mit der Geisterwelt in Verbindung zu setzen, denn nicht alle diese Hexenmeister sind Betrüger, sie sind viel häufiger Betrogene, denen der Muth bei jedem Gelingen wächst und damit der Glaube, »sie könnten wirklich etwas.«
Aus ihrer Mitte gehen auch die Schatzgräber hervor, ein unruhiges und keineswegs kleines Völklein, die ihr Wesen wie die Nachteulen im Dunkeln treiben, und unendliches Elend im Volke verbreiten. Sie gehen zu den dummen, reichen Glückspilzen, die gerne ohne sonderliche Mühe noch reicher würden, spiegeln denen allerlei Luftschlösser voll Gold und Silber vor, locken ihnen aber dabei ihr liebes Geld listig aus der Tasche, und sind bei Nacht und Nebel verschwunden. Zu ihnen gesellen sich herunter gekommene Handwerker aus kleinen Städten, und Bauern, die das Sprüchlein vergessen haben: »Sing', bet' und geh' auf Gottes Wegen, verricht' das Deine nur getreu«, und die dann wachend und schlafend von Schätzen träumen, die da und dort in verfallenen Schlössern, oder an Orten liegen sollen, wo es nicht geheuer ist. Bisweilen ist auch Einer unter ihnen, den man da am wenigsten suchen sollte, ein Mann von Lebenserfahrung und Wissenschaft, der nur in diesem Einen Stücke wie von einem bösen Geiste irre geführt wird, und es für möglich hält, mit Hülfe von Erdspiegel und Wünschelruthe verborgene Schätze aufzufinden.
Diesen Aberglauben nähren und erhalten eine Anzahl Bücher, die sich da und dort noch unter dem Volke finden, und in so hohem Ansehen stehen, daß sie fast um Geld nicht feil sind, und wie die köstlichsten Schätze vor den Dieben müssen gewahrt werden. Sie stammen größtentheils aus alter, finsterer Zeit, sind auch wohl, wenigstens der Titel sagt's, aus dem Arabischen übersetzt, und manche sind nicht einmal gedruckt, sondern finden sich nur in einzelnen, höchst seltenen Handschriften. In diesen Büchern wird geredet von der verborgenen Weisheit; nicht aber von jener, wie man durch Christum selig werden soll, sondern von jenem Vorwitz, wie man sich mit erdichteten Geistern in Verbindung setzen, durch ihre Hülfe Schätze heben, sein Lebensschicksal in den Sternen lesen, und den Stein der Weisen auffinden könne. Dazu sind nun diese Bücher nicht in gutem Deutsch geschrieben, daß sie Jedermann lesen und vergehen könnte, sondern die meisten sind ein leeres Geschwätz voller hochtrabender oder dunkler Bilder, Redensarten und Gleichnisse, und durchspickt mit Worten aus fremden Sprachen. Ja etliche sind sogar in Figuren geschrieben, und der Schlüssel zu diesen verborgenen Schätzen der Weisheit ist nicht dabei gegeben, so daß ein nüchterner Christenmensch, dem ein solch' Buch in die Hand fällt, es mit dem Gedanken zur Seite legt, wäre, was da drinnen steht, nütz zur Lehre, zur Strafe, zur Besserung, zur Züchtigung in der Gerechtigkeit, so wäre es gewiß auch mit deutlichen Worten geschrieben. Aber gerade an diese Bücher wagen sich die Grübler. Wenn ein Christ seinen Abendsegen betet und sich in Gottes Namen zur Ruhe legt, dann sitzen diese Jünger der geheimen Weisheit die Nächte hindurch vor ihrem Lämpchen, und ein böser Geist nach dem andern nimmt Wohnung in ihnen. Erst der Geist der thörichten Fragen, darnach der Geist des Hochmuths, darnach der Geist des Abfalls von dem lebendigen Gott.
Eine besondere Classe dieser Düsterlinge ist jetzt seltner geworden, aber aufgehört hat sie heute noch nicht ganz, lange Zeit hindurch eben so unentbehrlich an den Höfen der Fürsten, wie die Hofnarren. Die Erfahrung, daß durch Mischung von mehreren Stoffen ein neuer entsteht, von neuer Farbe, Beschaffenheit und Brauchbarkeit, und daß verschiedene Metalle, mit einander verbunden, ein neues geben, rief die Scheidekunst in's Leben, eine Wissenschaft, der wir tausend wohlthätige Erfindungen verdanken. Doch während sie jetzt auf allen Hochschulen öffentlich gelehrt wird, betrachtete man sie noch vor hundert Jahren als ein Geheimniß, das Einer dem Andern abzulauschen suchte. Denn dieß Geheimniß ging auf nichts anders hinaus, als den Stein der Weisen zu heben, d.h. Gold zu machen, und dieses mittelst des Lebenselixirs, das dem glücklichen Finder eine willkührliche Verlängerung seines Lebens und jedes wünschenswerthe zeitliche Gut verschaffen könnte.