Der Kalendermann vom Veitsberg: Eine Erzählung für das Volk
Chapter 10
Da fing es an in der Guckucksuhr an der Wand lebendig zu werden, die jetzt wieder auf die Minute ging, seit sie der Schreinerkaspar in Händen gehabt hatte, und das Thürchen thät sich auf, daraus mit dem Schlage der Stunde der Vogel zu kommen pflegte; und das war ein Zeichen, daß es noch fünf Minuten vor dem Schlag seien. Auf dieß Zeichen erhob sich der Schulmeister von seinem Sitze, setzte die Hausmütze auf den Kopf, und sagte: »Dorothe, ich will das Spinnglöcklein ziehen, es wird nicht weit von acht Uhr sein. Die Leuchte nehme ich heute Abend nicht mit, denn es ist sternhell, und sollt ich nicht hurtig wieder da sein, so mache dir keine Gedanken darüber, ich möchte den Kometen einmal wieder aufsuchen; der scheint sich seit voriger Woche rar machen zu wollen.«
Damit ging der Schulmeister zur Thüre hinaus und trat auf den Kirchhof. Der Himmel war sternhell, aber der Komet war nicht da. An der Stelle des Himmels aber, wo ihn des Justus Auge suchte, war eine andere wundervolle Himmelserscheinung. Vier schmale Lichtstreifen, nicht so breit als der Schweif des Kometen, aber viel feiner und länger, breiteten sich in Kreuzesform über einen großen Theil des Nachthimmels aus. Daß sie vom Kometen herrührten, dessen Kern man nicht mehr sah, war kein Zweifel; und der Schulmeister stand wie angewurzelt, und schaute mit thränenden Augen das wundervolle Schauspiel an. »O Herr« rief er aus, »wer kann deiner Herrlichkeit sich satt sehen! Du thust große Dinge, die nicht zu forschen, und Wunder, die nicht zu zählen sind!« »Doch soll ich denn der Einzige sein«, sprach er vor sich hin, »der dieß Werk Gottes bewundert! Dorothe soll mir helfen.« So sagend schritt er der Thüre zu. Doch in diesem Augenblick schlug es auf dem Thurme acht Uhr, und der Schulmeister, gewohnt, seinen Dienst pünktlich zu thun, eilte zur Kirche, öffnete sie rasch, wunderte sich auch weiter nicht darüber, daß er die Thüre nur angelehnt fand, und zog die Abendglocke. Wie ihr Klang in das Thal hinab schallte, da deuchte es ihm, so feierlich hätte es noch nie gelautet, und er selbst kam sich vor wie ein Herold, ausgesandt, die großen Thaten Gottes zu verkündigen, und vernehmlich sprach er vor sich hin: »Ich will deinen Namen predigen meinen Brüdern.«
Da kam es ihm vor, als rege sich in dem Kirchlein etwas und als seufze ein Mensch aus tiefer Brust. Doch er achtete des Tones weiter nicht, denn zu allen Zeiten der Nacht war er schon in der Kirche gewesen, und hatte auf den Gräbern umhergestanden, und so waren ihm diese Orte, die sonst bei nächtlicher Weile für den Furchtsamen Orte des Schreckens sind, sehr befreundet und ängsteten ihn nicht.
Er hatte sein Geschäft vollendet, die Thüre rasch hinter sich zugeschlagen, und wollte eben den Schlüssel aus dem Schlosse ziehen; da rief aus der Kirche eine laute Stimme: »Laßt auf, es ist Jemand in der Kirche!« Der Schulmeister blieb stehen und sein Herz klopfte ihm in der Brust, doch rief er mit entschlossenem Tone: »Wer ist denn in der Kirche, sagt in Gottes Namen, wer ist denn in der Kirche?« »Ein Fremder«, scholl es aus der Kirche, »der sich hier ein Nachtquartier gesucht hat.« Da öffnete Justus die Thüre und heraus trat eine hohe Gewalt, mit einem Knotenstock in der Hand und sprach in mildem Tone: »Vergebt mir, wenn ich euch erschreckt haben sollte, ich wollte nichts, als freies Lager für diese Nacht und freien Aus- und Eingang von hier.«
»Ein Nachtquartier in einer Kirche suchen«, sprach der Schulmeister, »ist mir noch nicht vorgekommen; wer es da ohne Grausen kann aushalten, der muß ein gut Gewissen haben.« Da der Fremde auf diese Rede keine Antwort gab, so fuhr er fort: »Thätet ihr aber nicht besser, Fremder, wenn ihr in guter Leute Haus einkehrtet für diese Nacht, statt hier in der Kirche, wo es kalt ist und wo ich euch kein Schlafplätzchen vergönnen darf?« »Daß sich's unter Dach und am warmen Ofen besser ruht, denn hier, das weiß ich wohl«, sprach der Fremde, »aber wer wird einen Reisenden um Gottes willen aufnehmen mögen, der seinen letzten Pfennig ausgegeben hat?« »Wie man anklopft«, sagte der Schulmeister, »so wird einem aufgethan, und ein gut Wort findet auch eine gute Statt. Es sind ihrer noch Etliche, die gastfrei sind ohne Murmeln; geht nur an die nächste Thür' und versucht's.« »Wo ist denn die nächste Thüre«, fragte der Fremde, »und wie heißt das Oertlein hier auf dem Berge?« »Das Dörfchen heißt der Veitsberg«, sagte Justus, »und die nächste Hausthüre ist die meine.« »Und wer seid ihr?« fragte langsam der Fremde. »Ich bin der Schulmeister vom Veitsberg, und biete euch ein warmes Nachtlager an, sogar von Herzen gern, wenn ihr mir als ehrlicher Christenmensch in's Aug' sehen könnt, und annehmen wollt, was mein klein' Haus vermag, ein freundlich Gesicht und einen Bissen Abendbrod.«
Der Freunde stand zögernd noch auf demselben Flecke und schaute bald den Justus an, bald sah er in die Nacht hinaus. Dann brach er das Schweigen mit der Frage: »Seid ihr beweibt, Herr Schulmeister?« »Das Bedenken, das in eurer Frage liegt,« sagte Justus, »kann ich errathen, und will's schnell heben. Ja, der liebe Gott hat mir ein Eheweib beschieden; aber meine Dorothe denkt wie ich: »Brich den Hungrigen dein Brod, und die, so im Elend sind, führe in dein Haus.« Sie wird weder scheel sehen, noch maulen, wenn ihr herein kommt. Auch seid ihr nicht der erste Fremde, der ein Obdach bei uns sucht; unser Dörfchen hat kein Wirthshaus.«
Der Fremde zögerte noch eine gute Weile; dann aber folgte er schweigend in's Schulhaus. Wie sie zur Stube eingingen und Dorothe sich von ihrem Sitze erhob, da sprach der Fremde einige Worte der Entschuldigung, aber Justus nahm schnell das Wort und sagte: »Dorothe, der Fremde hier wollte in unserer Kirche übernachten, ich habe ihn eingeladen, für diese Nacht Herberge bei uns zu nehmen.« »Das wolle Gott verhüten«, sprach freundlich Dorothe, »daß ihr eine Nacht in unserer Kirche zubringt, die könnte euer Tod sein. Seid vielmehr bei uns willkomm, Herr, und macht's euch bequem, ihr werdet müde sein und hungrig wohl auch, laßt mich euch einen Imbis bereiten!« »Nennt man denn einen Bettler, der in zerrissenen Kleidern kommt, einen Herrn?« sprach düster der Fremde. »Gute Frau, ihr thut mir zu viel Ehre an.« »Sprecht nicht von Ehre«, antwortete Dorothe freundlich, »bei uns zu Lande sieht man nicht auf' s Kleid, sondern in's Angesicht. Und ihr seid guter Leute Kind, das merke ich an eurer Sprache, und an euren Augen sehe ich, daß ihr viel gelitten habt, und eben noch mehr leidet. Doch laßt mich jetzt euer Abendbrod bestellen.« Damit ging Dorothe zur Küche.
Wäre Dorothe nie in der Schule der Prüfung gewesen, hätte sie dann so reden können? Wie aus dem Schmelztiegel das lautere Gold hervorgeht, so fördert auch das Leid aus der Tiefe der Seele das lautere Gold zu Tage, das Gold der Gottes- und der Menschenliebe. In diesem Sinne sagt der Psalm: »Ehe ich gedemüthigt ward, irrete ich, nun aber halte ich dein Wort.«
Bald stand auf dem Tische des Fremden eine Milchsuppe mit Brodschnitten darin, und auf flachem Teller von buntem Hausgeschirr ein Kuchen von frischgelegten Eiern; und der Fremde aß mit großer Begierde, und man sah es ihm an, wie er sich Gewalt thun mußte, seinen starken Hunger nicht zur Schau zu tragen.
Während Dorothe ab- und zuging, und dem Fremden drüben im Schulstübchen das Nachtlager bereitete, hatte derweil der Schulmeister seinen Rath mit ihm. Doch ging das Gespräch nicht sonderlich von Statten; denn der Fremde antwortete nur auf die gethanen Fragen, und schien gar niedergebeugt. Das indessen brachte der Justus schon am Abend an ihm heraus, daß er unter den Preußen gedient, als diese unter ihrem König, dem großen Fritz, wie er nachmals genannt wurde, den Kaiserlichen das Schlesinger Land abgenommen; aber der Fremde legte so wenig Werth auf die Thaten, die er in diesem Kriege gethan, daß man ihm wohl anmerkte, er habe das Soldatenhandwerk nicht sonderlich lieb gehabt. Auch vermied er sichtlich, seinen Namen zu nennen, und das Ziel seiner Reise zu verrathen. Viel gesprächiger ward er aber, als von gelehrten Dingen die Rede war, und Justus merkte wohl, daß er es mit einem Manne zu thun habe, der in fremden Sprachen einen guten Grund gelegt, auch sich da und dort in den Büchern fleißig umgesehen habe.
So war die Zeit zur Nachtruhe gekommen, und Justus sagte zu dem Fremden: »Ich und mein Haus wollen jetzt dem Herrn dienen. Habt ihr Gottes Schutz und Treue erfahren an diesem Tag, so erlaubt ihr wohl, daß wir mit euch und für euch loben und danken in dieser Abendstunde.« Als der Fremde schweigend mit dem Kopfe genickt, da nahm der Schulmeister sein Hausbüchlein von dem Kammbank, darin er für sich und die Seinen zu täglichem Gebrauch den Morgen- und Abendsegen, wie viel andere herzliche Gebetlein für allerlei Lage und Zeit eingeschrieben hatte, und betete mit lauter Stimme also:
»Barmherziger, gnädiger Gott und Vater, ich sage dir Lob und Dank, daß du Tag und Nacht geschaffen, Licht und Finsterniß unterschieden; den Tag zur Arbeit und die Nacht zur Ruhe, auf daß sich Menschen und Thiere erquicken. Ich lobe und preiße dich in allen deinen Wohlthaten und Werken, daß du mich den vergangenen Tag hast vollenden lassen durch deine göttliche Gnade, und desselben Last und Plage hast zurück legen lassen. Es ist ja genug, lieber Vater, daß ein jeder Tag seine eigne Plage habe. Du hilfst ja immer eine Last nach der andern ablegen, bis wir endlich zur Ruhe, und an den ewigen Tag kommen, da alle Plage und Beschwerung aufhören wird. Ich danke dir von Herzen für all' das Gute, das ich diesen Tag von deiner Hand empfangen habe. Ach Herr, ich bin zu gering aller Barmherzigkeit, die du an mir täglich thust. Ich danke dir für die Abwendung des Bösen, das mir diesen Tag begegnen können, und daß du mich unter deinem Schirm des Höchsten und Schatten des Allmächtigen bedecket, und behütet hast vor allem Unglück, und vor schweren Sünden, und bitte herzlich und kindlich, vergib mir alle meine Sünden, die ich diesen Tag begangen habe, mit Gedanken, Worten und Werken. Viel Böses habe ich gethan, viel Gutes habe ich versäumt. Ach, sei mir gnädig, mein Gott, sei mir gnädig! Laß heute alle meine Sünde mit mir absterben, und gib mir, daß ich immer gottesfürchtiger, heiliger, frömmer und gerechter wieder aufstehe; daß mein Schlaf nicht sei ein Sündenschlaf, sondern ein heiliger Schlaf; daß meine Seele und mein Geist immer zu dir wache. Segne meinen Schlaf, wie den Jakobs, da er die Himmelsleiter im Traum sah, und den Segen empfing, und die heiligen Engel sah; daß ich von dir rede, wenn ich mich zu Bette lege, an dich gedenke, wenn ich aufwache; daß dein Name und Gedächtniß immer in meinem Herzen bleibe, ich schlafe oder wache. Gib mir, daß ich nicht erschrecke vor dem Grauen der Nacht, noch vor den Sturmwinden der Gottlosen, sondern süße schlafe. Behüte mich vor schrecklichen Träumen, vor dem Einbruch der Feinde, vor Feuer und Wasser. Siehe der uns behütet schläft nicht, siehe der Hüter Israels schlummert nicht. Sei du, o Gott, mein Schatten über meiner rechten Hand, daß mich des Tages die Sonne nicht steche, noch der Mond des Nachts. Laß deine heiligen Wächter mich behüten, und deine Engel sich um mich her lagern, und mir aushelfen. Dein heiliger Engel wecke mich zu rechter Zeit, wie den Elias, und wie den Petrus, da er schlief im Gefängniß zwischen den Hütern, auf daß ich erkenne, daß ich auch sei in der Gesellschaft der heiligen Engel. Und wenn mein Stündlein vorhanden ist, so verleihe mir einen seligen Schlaf, und eine selige Ruhe in Jesu Christo, meinem Herrn.«
»Amen«, sprach feierlich der Schulmeister; »und nun Dorothe, meine Liebe, lies du uns noch die Abendlection aus heiliger Schrift. Hier im Evangelium Lucä stehen wir, im fünfzehnten Kapitel, am eilften Verse.« Und Dorothe nahm die Bibel aus seiner Hand und las, wie ein gläubiger Christ die Schrift liest, voll Salbung und Andacht das Gleichniß vom verlorenen Sohne.
Bis dahin hatte der Fremde mit gefaltenen Händen und mit gesenktem Blicke dagesessen, nun aber, wie Dorothe las, ward er unruhig und seine Unruhe wuchs mit jeder Minute, und wie Dorothe an die Worte kam: »Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen, und zu ihm sagen: Vater ich habe gesündigt in dem Himmel und vor Dir«, — da seufzte der Fremde zum Herzbrechen, und große, dicke Thränen stürzten aus seinen Augen und er rief laut: »Mein Vater, mein Vater!« Dann ward er plötzlich wieder stille, sprach auch kein Wort mehr, als: »Gute Nacht!« und ließ sich von seinem Gastwirth in sein Schlafgemach geleiten.
Die Nacht ging ohne Störung vorüber. Mit Gebet für das Heil des Fremden, der unter ihr Dach getreten war, waren Justus und sein Weib eingeschlafen; »denn er bedarf unseres Gebetes gewi߫, hatte der Schulmeister gesagt, »trügt mich der Augenschein nicht gänzlich, so beherbergen wir einen verlorenen Sohn; möge er nur bald heimkehren zu seines Vaters Haus.«
Wie der Schulmeister am andern Morgen in des Fremden Schlafstube kam, da fand er diesen am Fenster stehen, den Kopf wider die Scheiben gelehnt und hinausschauen in den Morgen, der, einen schönen Märztag verkündend, über die Thäler heraufstieg. Der Fremde war noch blässer, denn am Abend; und jetzt bei hellem Tage sahe man erst recht, warum er Bedenken getragen, in ein ehrlich Haus einzutreten, denn seine Kleidung waren eitel Lumpen und die Schuhe waren mit Bindfaden an den Füßen festgebunden. Gesicht aber und Hände waren rein, und seine Haltung war aufrecht, und sein Blick hatte nichts Freches und Wildes, war vielmehr sanft und leidend. Ein Blick auf das Lager überzeugte den Schulmeister sogleich, daß der Fremde nicht darin geschlafen, daß er vielmehr wahrscheinlich die Nacht durchwacht habe. Das Alles übersah Justus mit einem Blick und mit einem Gedanken durchdachte er das ganze Seelenleiden des Fremden und eine innige Theilnahme ergriff sein Herz. Und wie ihm zu Sinne war, so sprach er es aus, gleich fern von Aufdringlichkeit wie von Neugier. Das rechte treue Wort schien auch die rechte wunde Stelle im Herzen des Fremden gefunden zu haben, denn er sagte gar bewegt: »Habt Dank, habt Dank, guter Mann für die große Liebe, womit ihr mich, einen Landläufer, beehrt habt. Nicht lange mehr will ich euch lästig fallen. Wollt ihr mir aber noch einen recht großen Dienst thun, so führt mich auf einen Pfad, auf dem ich Gießen erreichen kann, ohne daß Menschen mir begegnen, und schenkt mir auf ein einzig Stündlein nur euer Geleit, ich möchte von euch einen Freundesrath mir erbitten. Seit ich in der Irre gehe, habe ich solch' eine Liebe nicht gefunden, wie bei euch! O hätte ich euch früher gefunden, es stünde jetzt anders um mich!«
»Hab' ich denn etwas Sonderliches an euch gethan«, fragte der Schulmeister, »das solch' Aufhebens verdiente, wie ihr thut? Ich habe euch aufgenommen, da ihr sonst kein Obdach finden konntet, das ist Alles. Ist das eine Tugend oder ein Lob, so hab' ich sie von Vater und Mutter gelernt, und wäre das nicht, so kenne ich ja des Apostels Wort: »Nehmet euch der Heiligen Nothdurft an, herberget gerne.« Was euren Wunsch aber betrifft, so weiß ich ein Pfädlein durch Wald und Feld, das ist einsam und traulich; ich bin's wohl auch schon an warmen Sommertagen gegangen. Auf dem Pfädlein will ich euch gern das Geleite geben, nur laßt mich erst meines Amtes warten. Haben wir mitsammen die Morgensuppe gegessen, so ziehe ich das Schulglöcklein, das man drunten weithin höret, und dann kommen meine Schüler. Seht nur dort hinunter, dort an der Waldecke, da naht schon ein Trüpplein; sie kommen gern, und bleiben gern, ohne daß ich sie treibe und halte. Seht, jetzt haschen sie einander und Einer ruft, um das Echo zu wecken, das dort an der Waldecke ist. So ist's recht, ihr Kinder! Ich sag' ihnen immer:
»Wer sich gewöhnet hat, in Ehren sich zu freu'n, Wird auch bei ernster Sach' nicht träg und schläfrig sein.«
* * * * *
Nach der Morgensuppe war der Fremde verschwunden; er hatte sich im nahen Walde verborgen gehalten, denn er schämte sich der Lumpen, die ihn deckten. Um die Zeit, die ihm von Justus genannt worden war, erschien er wieder, nahm schnell aber herzlich von Dorothe Abschied, und wanderte mit dem Schulmeister durch die Wälder nach Gießen zu.
Im Wald war's schon lebendiger geworden; die Vorboten des Frühlings zeigten sich auch da. Einsame Bienchen flogen um die Schneeglöckchen, oder hingen sich an die Kätzchen der Salweiden, während der Specht mit lautem Hämmern den Würmern in den alten Buchen nachstellte, und die Amsel Reiser trug zum Nest, und ihren lauten Schlag durch die Wälder schallen ließ. Es war ein schöner Märztag, und die Sonnenstrahlen fielen so warm durch die kahlen Zweige der Bäume auf die Wandrer, daß der Schulmeister seinem Dankgefühl Worte gab und zu seinem Gefährten sagte: »Ein solcher Tag lohnt doch für viele trübe Winterstunden. Aber so ist's auch im Reiche Gottes; unsere Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schaffet eine ewige Herrlichkeit.«
»So muß es wohl sein«, sprach der Fremde, »denn die Schrift sagt's, und mag für die ein großer Trost in dem Sprüchlein liegen, die gleich Hiob sagen können: »Mein Gewissen beißt mich nicht meines ganzen Lebens halber.« Aber wie steht es mit Denen, die ihr Leid selbst verschuldet haben; die von Gott sich losgesagt und ihre eignen Wege gegangen sind; wird denen auch die Last abgenommen, und haben die den Trost, daß ihr Leid sie zum Heil führe?«
»O gewiß«, sagte der Schulmeister, »wenn sie nur ihre bösen Wege lassen und die Stimme Gottes nicht überhören, die in den Folgen ihrer Sünden zu ihnen spricht und sie zur Buße rufet. »Denn so wahr ich lebe, spricht der Herr, ich habe keinen Gefallen am Tode des Gottlosen, sondern daß er sich bekehre und lebe.« Denn bei ihm ist viel Vergebung.«
»Ich glaube das«, sagte der Fremde, »ja seit der letzten Nacht, die ich durchwacht, glaub' ich's sogar von Herzen, und verstehe jetzt, was ich früher nie verstehen konnte: »wie Gott nicht will, daß Jemand verloren gehe, sondern daß sich Jedermann zur Buße bekehre.« Aber wie ist es mit den Menschen, nehmen die auch die Sünder so freundlich wieder auf, werden die auch bereit sein, alles Geschehene zu vergessen, wenn Einer kommt und sagt: »Es reut mich von Herzen, was ich gethan habe, vergib mir meine Schuld?« Und der Fremde hielt beide Hände vor sein Angesicht und weinte laut, und rief einmal über das andere Mal aus: »O mein Vater, mein Vater!«
»Kümmert euch das«, sprach theilnehmend der Schulmeister, »so laßt die Sorge fahren. Habt ihr etwas zu bereuen, das ihr gegen Gott und Menschen gethan habt, ist es euch leid von Herzensgrund, und habt ihr durch den euren Rückweg zu Gott genommen, der von Gott uns gemacht ist zur Weisheit, zur Gerechtigkeit zur Heiligung und zur Erlösung, und habt ihr durch ihn den Zutritt gewonnen zum Vater und durch ihn die Botschaft vernommen: »Sei getrost, mein Sohn, dir sind deine Sünden vergeben«, — dann geht getrost den Menschen unter's Auge, wer sie auch sind, und sagt ihnen: »der Herr hat mir vergeben, vergib mir auch«, sie werden euch nicht von hinnen weisen. Und thäten sie's, was verlöret ihr dabei? Ist Gott mit uns, wer mag wider uns sein? Wir vermögen Alles durch den, der uns mächtig machet, Christus.«
»Ach, ihr wißt nicht«, sprach der Fremde, der sich etwas gesammelt hatte, »wie ich meinen Vater gekränkt habe. Ich war sein einzig Kind, und meine Mutter schon lange todt. Da hat er mich denn geliebt in Milde und Ernst, wie ich es nie verdient und nie vergelten kann. Und doch ward ich schlecht und schlug Alles in den Wind, und soff und spielte und betrog und entwich endlich, und ließ meinem Vater einen Haufen Schulden zurück. Seit Jahren treibe ich mich dann in der Welt umher; habe mir helfen wollen auf gute und böse Weise, und bin immer tiefer gesunken, bis ich zum Bettler ward. Da bin ich meiner Heimath immer näher gekommen, und auch immer mehr in mich gegangen, und seit gestern Abend, da ich im Gleichniß vom verlorenen Sohn mich selbst erkannte, habe ich mich recht gedemüthigt und zu mir gesprochen: »Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen!« Aber da läßt mir der Gedanke keine Ruhe: Er wird, er kann dich nicht aufnehmen, du hast zu schwer an ihm gesündigt! Sagt mir, o sagt mir, wird er mich aufnehmen?«
»Mein Freund«, sagte der Schulmeister tief ergriffen, »lernet doch erkennen den Himmelstrost aus heiliger Schrift. Der dort sagt im Gleichniß: »Und da er noch ferne war von dannen, sahe ihn sein Vater und jammerte ihn, lief und fiel ihm um seinen Hals und küssete ihn«, — der muß wohl gewußt haben, wie es um ein Vaterherz steht. Alle Lieb' kann aufhören: Gattenlieb' und Kindeslieb' und Freundeslieb', aber Vater- und Mutterlieb' höret nimmer auf; die ist stärker als der Tod, tiefer als das Meer, höher als der Himmel. Und der mich gelehrt hat, an solcher Liebe Kraft zu glauben, der lehrt mich auch jetzt euch sagen: »Geht nur, mein Sohn, euer Vater hat euch vergeben, so gewiß auch Gott uns vergibt in Christo Jesu.«
»Amen, so sei es«, sprach der Jüngling; »mit diesem Trost will ich meinem Vater unter die Augen treten. Wie es nun ausfalle, habt tausend Dank für Rath und Trost, und erlaubt mir, daß ich noch einmal zu euch komme, um euch zu danken, besser als ich es heute kann. Dann sollt ihr auch meinen Namen erfahren, denn den ich in der Fremde geführt, der ist nicht mein Name; meines Vaters Namen zu führen, schäme ich mich.«
Bei diesen Worten waren die Wandrer aus dem Walde getreten. Sie standen auf einer Höhe, und vor ihnen breitete sich nach Westen hin ein herrliches Thal mit mehreren Dörfern aus. »Kennt ihr die Gegend?« fragte der Schulmeister den Fremden. »Wohl kenne ich sie«, war des Fremden Antwort. »Das da drüben am Berge mit dem Schlosse, das so hell in der Sonne glänzt, das ist Buseck, und dort im Thale sehe ich die Thürme von Gießen. Ach dürfte ich es wieder meine Vaterstadt nennen!« »Muth gefaßt, junger Freund«, sagte Justus, »wenn die Sonne untergeht, seid ihr dort. Lebt wohl!« Unter herzlichem Händedruck schieden sie.
O wie mag dir der Heimweg so süß und friedlich gewesen sein, du guter Justus! Du hast ein gut Tagewerk heute vollbracht; von dir gilt, was dort der Prophet sagt: »Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Boten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen; die da sagen zu Zion: Dein Gott ist König!«
»Dort ruft, o möchte Gott es geben! Vielleicht auch mir ein Sel'ger zu: Heil sei dir, denn du hast das Leben, Die Seele mir gerettet du! O Gott, wie muß das Glück erfreu'n, Der Retter einer Seele sein!« —
* * * * *
Es war Abend und der Fremde stand am Thore der Stadt Gießen. Unerkannt, wie er bis dahin geblieben war, wollte er sich an der Wache vorbei in die wohlbekannte Stadt einschleichen; aber die Schildwache, die am Thore stand, vertrat ihm den Weg, und rief ihm in barschem Tone zu: »Hört, Landsmann, wer hier hinein will, und ist ein Fremder von eurem Ansehen, der hat zuvor Stand und Beruf zu melden, auch durch Paß und Schreiben sich gehörig zu legitimiren.« Auf des Fremden Bemerkung, daß er ein Stadtkind sei, sagte der Soldat nichts, als: »Das steht zu beweisen.« »He, Renner«, rief er einem Soldaten zu, der gerade aus dem Fenster der Wachstube heraussah, »nimm einmal den Mann hier als Arrestanten in Empfang, und bringe ihn hinein zum Corporal; es scheint nicht richtig mit ihm zu sein.«
So geschah es. Der Corporal fragte den Fremden nach Stand und Namen, und schüttelte den Kopf, als er den letzteren gehört, und sagte: »Seid ihr wirklich der, für den ihr euch ausgebt, so muß ich um des Gewissens willen eine Ausnahme von dem Befehl machen, alle Arrestanten dem Herrn Platzkommandanten vorzuführen. Mit eurer Heimkehr hat's Eil', wie ich heute Abend gehört, als ich zum Verles ging. Geht also, nehmt aber diesen Soldaten mit euch, der euch zurückbringen wird, falls ihr nicht auf dem rechten Wege bleibt.«