Der Junker von Denow; Ein Geheimnis; Ein Besuch; Auf dem Altenteil: Erzählungen
Part 7
Da die Frau Johanne jetzt lächelt, ist sie schon auf diesen Wegen mit ihrem Besuch -- dieser seltsamen Besucherin, die nicht plaudert, wenige Neuigkeiten weiß, sondern nur von Zeit zu Zeit die Hand oder auch nur den Zeigefinger erhebt. Frau Johanne hat dabei auch dem andern Rat ihres stillen Gastes Folge gegeben; sie hat die Augen geschlossen. Bei geschlossenen Augen sagt sie: »Ja es ist unrecht, und es nützt auch nichts, andern ihr Glück oder vielleicht auch nur den Schein des Glückes zu mißgönnen. Das Leben geht so rasch hin, und es wird so schnell Abend aus Morgen allen Leuten!
Ist es nicht wie gestern, als es auch noch in meinem Leben Morgen war? als ich so jung war wie diese junge Nachbarin und auch über schöne Teppiche schritt? als die Wagen auch vor meiner Tür hielten und die Gäste zu mir kamen? als meine Gestalt aus dem Pfeilerspiegel im Festkleide mir zulächelte und Richard mir über meine Schulter zuflüsterte, was der Spiegel mir sagte?
Hab' ich damals, an meinem Morgen, in meinem Frühling, in meiner Jugend viel daran gedacht, wie die Leute über meinem Haupte, unter meinen Füßen, die Nachbarn gegenüber lebten, und ob sie weniger jung, sorgenlos und glücklich als ich waren?«
»Siehst du, es wandelt sich gut an meiner Hand,« nickte der Besuch. »Nur weiter, komm nur weiter, wir sind auf dem ganz richtigen Wege. Es ist nur, weil man in der mißmutigen Stunde nicht recht seine Gedanken zusammennehmen kann, daß man seine Tage so regenfarbig, seine Nächte so dunkel und sternenlos sieht. Was zeigte dir dein Spiegel noch außer deiner Gestalt im Haus- und im Festkleide und den Bildern deiner nächsten Umgebung?«
Frau Johanne legt das Haupt in ihrem Stuhl zurück und die Hand auf die Stirn. Sie sitzt wieder vor ihrem hohen, vornehmen Spiegel, den Rücken gegen die Fenster gewendet. Aber aus dem zerbrechlichen Glase und der so leicht verwischbaren Folie von damals ist in Wahrheit ein Zauberspiegel geworden, aus dem sich wesenhaft, greifbar, voll Leben und Wirklichkeit die Hoffnung, der Trost, das beste Glück ihrer Witwenschaft, ihrer Kinderlosigkeit, ihres Alters loslösen.
Es sind aber nicht die Abbilder ihrer nächsten Umgebung, die Möbel, Wände, Gemälde, Teppiche und Vorhänge ihres damaligen Gemaches, die sie nun mit ihren geschlossenen Augen wiedersieht. Es ist das Stück der Gasse, das gegenüberliegende Haus, das damals in den goldenen Rahmen zufällig mit hineinfiel und nun wieder lebendig in ihm leuchtet, nachdem Glas und Folie längst zersplittert und verwischt sind, wie Glanz und Glück jener lange vergangenen Tage.
»Ich denke, wir wagen es noch einmal, folgen unserm guten Einfall und schlüpfen hinüber zu der unbekannten Nachbarin. Was meinst du, Johanne?«
»Ein Einfall!« murmelt die Frau Johanne. »Nur ein seltsamer Einfall -- _un concetto, una fantasia strana_, wie die Italiener sagen. Und mir vielleicht auch nur darum möglich, weil ich eben erst mit Richard von unserm schönen langen Aufenthalt in Italien nach Hause gekommen war. Dort, in Italien, folgen die Leute viel leichter als hier bei uns ihren Einfällen und schlüpfen so über die Gasse und halten gute Nachbarschaft, zumal wenn sie sich vom Fenster oder -- Spiegel aus schon längst kennen und unser Gatte einmal gesagt hat: 'Der Mann der hübschen kleinen Frau im blauen Kleide da drüben ist einer unserer besten, talentvollsten Unterbeamten, Johanne; das Weibchen mit seinem Kindchen ist wirklich allerliebst, schade, daß sie nicht zu uns gehören, d. h. nicht in unsere Gesellschaftskreise passen.'«
»Ja, was würde aus euerer Welt werden, wenn ich nicht immer von neuem, zu jeder Zeit und überall eure närrischen Kreise störte und euch zusammenbrächte im Wachen und im -- Traum? Nur weiter, immer weiter, Johanne. Die Nachbarin wohnt in keinem vornehmen Hause; die Treppen, die zu ihr hinaufführen, sind steil und dunkel; aber wir sind auf dem rechten Wege -- ganz auf dem rechten Wege!«
»Auf dem rechten Wege! Wie kommst du eigentlich hierzu, Johanne?« habe ich mich noch auf der steilen dunkeln Treppe gefragt. »Ihr habt euch ja noch nicht einmal zugenickt und noch weniger je ein Wort miteinander gesprochen. Wie wäre das auch möglich gewesen bei so vielem andern gesellschaftlichen Verkehr?«
»Das weiß ich am besten, von welchen Kleinigkeiten alles abhängt,« sagt der Besuch. »Törichtes Menschenvolk! wo bliebet ihr, wenn nicht ich aus dem Kern den Baum, aus dem Funken das Licht, aus dem Hauch den Sturm machte? Dein Blut war noch abenteuerlich unruhig von den bunten Erlebnissen in der Fremde; du hattest viel gähnen müssen an jenem Tage; leugne es nicht, Johanne, du warst eigentlich in keiner angenehmen Stimmung, trotzdem daß du noch jung, reich und eine Schönheit warst. Zu verbraucht, alltäglich, gewöhnlich, abgenutzt und gering erschien dir alles in der behaglichen Heimat um dich herum.«
»Und Richard hatte mir jetzt gesagt: Unsere Nachbarin hat Unglück während unserer Abwesenheit gehabt; der Mann ist ihr gestorben; wir werden nicht leicht einen so guten Arbeiter wieder bekommen. -- Da sah ich sie statt im blauen oder rosa Kleide in einem schwarzen am Fenster, bleich und kummervoll. Und sie trug ihr Kind auf dem Arme, ihr armes verwaistes Kindchen, und da --, da nickte ich ihr zu von meinem Fenster; und da --, da bin ich zu ihr gegangen!«...
Und nun ist sie wieder bei ihr, die Träumende, -- die Freundin bei der Freundin, und die Zeiten -- die Stunden, Tage und Jahre vermischen sich wunderbar im süß-melancholischen Dämmerungstraum. Der Besuch könnte nun wohl gehen -- o wie lebendig, wie lebendig ist alles nun im Traum!...
Im Traum. Die alte Frau schläft in ihrem Stuhl nach dem arbeitsvollen mühsamen Tage. Sie denkt nicht mehr über die Vergangenheit; sie träumt von ihr und süß und friedlich; denn der Besuch hatte ihr ja vorher leise, beruhigend die Hand auf die furchenvolle Stirn gelegt.
Nun ist der Raum um sie her nicht mehr beschränkt und niedrig, nun sind die Gerätschaften nicht mehr ärmlich und abgenutzt; denn im gleichen Stübchen und unter gleichem Geräte führte ja die beste Freundin ihrer Jugend ihr =liebes=, stilles Leben. Zu solchem Stübchen schlich sie aus dem Glanz und der Fülle des eigenen Daseins, und alles ist im Traum wie damals um sie her.
Wie viele Jahre gehen vorüber während der kurzen Augenblicke, in denen sie jetzt die Augen geschlossen hält? Wechselnde Schicksale -- viel Sorge und Angst im Mittage des Lebens auch im eigenen Hause. Was ist noch übrig von alledem, was damals war? Wo sind die hohen Spiegel, die Purpurvorhänge, die weichen Teppiche -- die Freunde, die Bekannten der Jugend? Ist doch der eigene Gatte so lange schon tot und die eigenen Kinder; und auch die Freundin schläft ja nun lange schon unter ihrem grünen Hügel und steigt nur dann und wann daraus hervor in der =Erinnerung= und im =Traum=, und lächelnd, tröstend und Geduld anratend zumeist auch nur dann, wenn vorher der Besuch gekommen ist, den die Greisin, die arme alte Frau Johanne, bei ihrer späten, beschwerlichen Lebensmühe wie in der Dämmerung des heutigen Abends bei sich empfangen hat.
Von all den guten Freunden, den lieben Bekannten ist niemand übrig, ist niemand treu als das Kind, das einst die Träumerin zum erstenmal hinüberzog aus ihrer Lebensfreude und dem Glanz ihrer Jugend zu dem Leid der jungen Nachbarin im schwarzen Kleide. Und dieses Kind ist erwachsen, ist auch eine verheiratete Frau und weit in der Ferne. -- -- --
Horch, ein Schritt auf der Treppe.
Ist es die Stimme des Besuchs, welche die Frau Johanne noch in ihrem Traume vernimmt: »Nun gehe ich und lasse dich der Wirklichkeit. Wie gern käme ich zu allen so wie zu dir in den bösen Stunden des Erdenlebens, wie gern hülfe ich allen so wie dir hinweg über die dumpfen Pausen zwischen euern Schicksalen; wenn ich nur nicht so oft vor die verschlossene Tür käme. In den Büchern heiße ich eine vornehme Frau; mit einem großen Gefolge hoher Söhne und Töchter schreite ich durch die Jahrtausende, aber gern sitze ich nieder zu den Kindern, den Armen, den Bekümmerten -- mit Freuden komme ich zu denen, die aus Büchern nur wenig oder nichts von mir wissen. Nun lebe wohl, du närrisch alt Weiblein, lache und weine dich aus in dem Glück der Gegenwart und Wirklichkeit und halte mir deine Tür offen; ich klopfe nicht gern lange vergeblich.«...
Es war nur der Briefträger, dessen Schritt man auf der Treppe gehört hatte. Der Brief aber, den er der Frau Johanne brachte, lautete freilich trotz der ganzen, vollen Wirklichkeit, die er verkündete, wie Glockenklang und Jubelruf aus Dichtung und Wahrheit.
»Meine liebe andere Mutter, ich bin so glücklich -- Franz ist daheim! Gesund und so bärtig wie ein Bär und so sonnenverbrannt -- entsetzlich! Aber es hat ihm, Gott sei Dank, nichts geschadet, und ich bin so glücklich, so glücklich! Gestern sind sie eingezogen, und es war so wundervoll, und ich hatte einen so guten Platz. Ich brauchte den Leuten vor mir nur zu sagen: ich habe ja auch meinen Mann darunter, und sie trugen mich fast auf ihren Armen in die erste Reihe. Und wir -- ich und viele Hunderte und Tausende von meiner Sorte, hätten fast den ganzen Effekt gestört. Das war ja aber auch nur zu natürlich, und kein Feldmarschall und sonstiger großer General und Prinz durfte etwas dagegen einwenden. Ich hing ihm unter den Trommeln und Trompeten, den Pferden und Bajonetten am Halse, und wie ich nachher nach Hause gekommen bin, weiß ich nicht. Nun habe ich ihn aber selber wieder zu Hause -- ganz und heil zu Hause: es lebe der Kaiser und mein Mann und mein Kind und du, mein liebes zweites Mütterchen! Und nun höre nur, über acht Tage sind wir alle bei dir, -- er, Franz, muß dir ja sein Eisernes Kreuz zeigen und ich dir unsern Jungen und meinen tapfern Ritter und Landwehrmann, den sie mir so unvermutet mitten im vorigen Sommer von seinem Zeichen- und meinem Nähtisch wegholten und für das Vaterland ins fürchterlichste Kanonenfeuer stellten. Was haben wir ausgestanden, Mama! Da war es ja noch ein Segen, daß der Junge noch zu klein und dumm war, um schon mit einsehen zu können, was der Mensch an Ängsten und Sorgen auf der Erde und im Kriege aushalten muß und kann. Aber eins hat er auch noch zuwege gebracht, und das ist herrlich -- ich meine der Krieg und nicht unser Junge natürlich -- ach, ich bin immer noch so konfus und habe es wie tausend Glocken im Ohr und wie Ameisen in allen Gliedern! nämlich die Privatingenieure sind im Preise gestiegen, und unser Weizen blüht endlich auch einmal. -- Darüber werden wir denn recht eingehend reden in acht Tagen in deinem lieben Stübchen; du sollst und darfst uns nun nicht mehr so einsam und allein sitzen, jetzt, da es uns so gut geht und noch viel besser gehen wird, was wir aber um Gottes willen ja nicht berufen, sondern ja bei dem Wort dreimal unter den Tisch klopfen wollen! Wir haben alle so viel ausstehen müssen und einander so wenig helfen können; aber nun soll's anders werden, sagt Franz. Eine bessere Stelle haben wir schon, nämlich Franz, und dies hat sich schon mitten im Kriege gemacht, wo merkwürdigerweise nicht bloß Leute zusammengeraten, die sich auf den Tod hassen, sondern auch solche, die einander recht gut gebrauchen können. Nun sagt er, jetzt gäbe er nicht mehr nach, und sollte er noch dreimal so lange wie vor dem schrecklichen Metz vor dir in die Erde gegraben liegen und dich belagern müssen. Er erzählt furchtbare Dinge von seiner Hartnäckigkeit und neugewonnenen Erfahrung in dergleichen Kriegskunststücken; und er behauptet, es wäre gar kein Zweifel, jetzt kriegte er dich -- wir kriegten dich! O könnten wir's dir doch zum tausendsten Teil vergelten, was du so viele kümmerliche Jahre durch bis in unsere Brautzeit und bis zu unserer Heirat an uns getan hast!
Ich glaube meinem Manne natürlich auf sein Wort, daß du jetzt zu uns kommen wirst, aber ich verlasse mich eigentlich doch noch mehr auf meinen Jungen. Was soll das arme Kind ohne dich anfangen, Großmütterlein; jetzt, wo es anfängt zu laufen und ich doch nicht ewig aufpassen kann? Großmütterchen, du gehörst zu unserm Richard wie die Stadt Metz wieder zum Deutschen Reich, was aber eine recht schlechte Vergleichung ist; ich kann aber nichts dafür, weil ich als jetzige glorreiche Kriegsfrau so kurz nach den vielen Siegen und Eroberungen mich nur in solchen Vergleichungen bewegen kann und übrigens auch eben keine andere wußte.
Wir mieten natürlich eine größere Wohnung, und es wird ein Leben wie in Frankreich, wo es freilich, wie Franz meint, die letzte Zeit durch kein gutes Leben gewesen ist, was also eigentlich wieder nicht paßt. Nein, wir wollen leben in Deutschland, wie ich es mir als das Schönste denke; und denke du dir es auch so lieb, als wenn alle Dichtung auf Erden, wenn du diesen Brief bekommst, eben zum Besuch bei dir gewesen wäre und dich leise auf unsere Pläne und Absichten mit dir vorbereitet hätte, daß dir der Schrecken nichts schade! Was ich dir eigentlich schreibe, weiß ich gar nicht, und den Jungen habe ich auch beim Schreiben auf dem Schoße. * Dieser Klex kommt auf seine Rechnung, denn greift er mir nicht in die Frisur, so führt er mir mit die Feder.
Und nun nichts mehr; denn in acht Tagen sind wir bei dir; und obgleich ich hier jetzt an keiner Stunde am Tage was auszusetzen finde, so wollte ich doch, daß es erst über acht Tage wäre, um dir Auge in Auge, Mund auf Mund sagen zu können, wie ich bis in den Tod dein dankbares Kind bin und bleibe, du meine zweite Herzensmutter!«...
Die Frau Johanne hat viel Unglück im Leben gehabt. Eigene Familie hat sie nicht mehr, ihr Mann ist tot, ihre Knaben sind ihr schon als Kinder genommen, ihren Wohlstand hat sie auch verloren, und doch gibt es keine andere Frau in der Stadt, die in dieser Stunde so glückliche Tränen weint wie diese, welche nie dem Besuch, der in der Dämmerung bei ihr war, die Tür verschloß, und die an seiner Hand in den Traum sich leiten ließ, bis die Wirklichkeit anklopfte und ihr die reife liebliche Frucht jenes »Einfalls« und Nachbarschaftsbesuchs der Tage der Jugend in den Schoß legte.
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I.
Sie hatten den Senioren der Familie alle Ehre angetan, wie sich das denn auch wohl so von Rechts wegen gebührte; aber der Lärm wurde den weißhaarigen Herrschaften allmählich doch ein wenig zu arg. Die alte Dame, die immer noch um ein paar Jahre jünger war als der alte Herr, hatte dem letzteren ein ihm schon längst wohlbekanntes kopfschüttelnd Lächeln gezeigt, welches weiter nichts bedeutete als:
»Kind, Kind, bedenke den Morgen und deinen Rheumatismus! Es hat alles seine Zeit, und ich glaube, die unsrige ist jetzt vorhanden.«
Der alte Herr hatte zuerst ganz erstaunt aufgesehen und sein Weib an: Nicht mehr bis Mitternacht, und in das neue Jahr hinein? Ei, ei, ei -- hm!
»Hm,« sagte der alte Herr, in dem fröhlichen Kreise erhitzter Gesichter umherblickend; »es hat freilich alles seine Zeit; aber es ist sonderbar, und, liebe Kinder, es kommt einem ganz kurios vor, wenn auch dieses -- zum erstenmal Zeit wird!«
Dabei hatte er sich aber bereits etwas mühsam aus seinem Sessel erhoben. Den Kopf schüttelte er auch; jedoch ohne dabei zu lächeln wie seine Frau.
»Du hast recht, Anna; es ist unsere Zeit gekommen, und so wünsche ich, wünschen wir euch jungem Volk --«
Von einem Gewissen war bei diesem »jungen Volk« natürlich nicht die Rede. Dazu waren sie sämtlich (auch die Ältesten unter ihnen) noch viel zu jung, und viel zu vergnügt und viel zu aufgeregt durch die uralten, ewig jungen Stimmungen der letzten Stunden des scheidenden Jahres. Ein Gewühl von blonden und braunen Köpfchen und Köpfen, von Händen und Händchen erhob sich um die beiden Greise; und alle Verführungskünste, deren die Menschheit in ihrer Erscheinung als Familie in der Silvesternacht fähig ist, waren zur Anwendung gebracht worden.
Einmal noch schadete es sicherlich gewiß nicht!... Großpapa und Großmama hatten noch nie so munter ausgesehen!... Es ging ja niemand zu Bett vor Mitternacht, selbst die Jüngsten nicht!...
»Nun, Mutter! Einmal noch? Was meinst du?« Kleine weiße Händchen -- weiße beringte Hände hatten ihre Verführungskünste nicht ohne Erfolg versucht; nun legte sich statt anderer Antwort auf die Frage des alten Herrn wieder eine Hand auf die seinige. Das war aber keine weiche, keine weiße, keine kräftige mehr; aber eine starke und treue war es auch; vielleicht wohl die stärkste und treueste.
»Die Großmutter hat recht! Es hat alles seine Zeit, und die unsrige ist gekommen. Junges Volk, wir werden zu Bette geschickt von ihr, der Madame Zeit, während die Jüngsten aufbleiben dürfen. Der Kopf summt uns zu sehr morgen früh, wenn wir uns dagegen sperren und wehren; und es ist zwar hübsch von Großmama, wenn sie nur von Rheumatismus spricht; aber das rechte Wort ist es eigentlich nicht. Sie hätte ganz dreist Gicht sagen können, gerade so gut wie der Herr Schwiegersohn und _Doctor medicinae_ da hinter seinem Punschglase, wenn er jetzt ein Gewissen hätte. Liebe Kinder, wir sind beide über siebenzig Jahre alt, und --«
»Oh!...«
»Und wir sind sehr glücklich und behaglich. Sehr wohl ist uns zumute und so wünschen wir euch allen zum erstenmal vor Ablauf des alten Jahres ein glückliches neues.... Bitte, lieber Sohn, ich weiß, was du sagen willst; aber wende dich damit an die Mama, die wird dich versichern, daß deine Frau, unsere liebe Sophie da, heute über dreißig Jahre sicherlich gleichfalls viel verständiger sein wird, als du. Wende dich an deine Mutter, mein Schmeichelkätzchen Marie. Sie hat immer gemeint, du seiest ganz ihr Vorbild, also wirst du wohl wissen, was in vierzig Jahren in der Neujahrsnacht deine Meinung sein wird, wenn die unverständige Jugend dir deinen Mann da verführen will. Schieben Sie die Kinder nicht so heran, lieber Schwiegersohn, sie machen der Großmama nur das Herz schwer. Es ist Zeit geworden für uns; -- -- -- ein fröhliches, segensreiches Jahr ihr -- alle!...«
»Alle!« jubelten sie, und die Gläser hatten geklungen, und die Kinder, die Enkel hatten sich zugedrängt und ihre kleinen Becher hingehalten, ohne daß man sie dazu zu schieben brauchte. Sie hatten sehr gejubelt; und die Tonwellen der Gläser und der Stimmen waren verklungen.
»Nun seid weiter vergnügt; aber die Kinder laßt ihr mir morgen ausschlafen. Begleitung nehmen wir nicht mit, die Trepp' hinauf. Wir finden unseren Weg schon allein, nicht wahr, Walter?« sagte die alte Dame, die Großmutter des Hauses.
II.
Sie entschlüpften, wie man entschlüpft, wenn man das siebenzigste Lebensjahr hinter sich hat. Langsam stiegen die beiden die teppichbelegte Treppe in ihre Stube hinauf, der Greis gestützt auf den Arm der Greisin; und dann waren sie allein miteinander, noch einmal allein miteinander in der Neujahrsnacht.... Umgesehen hatten sie sich nicht auf der Treppe und einen leisen Schritt, einen Kinderschritt, der ihnen nachglitt, den hatten sie überhört. Ein so scharfes Ohr, wie vor Jahren, hatte keins von den zwei Alten mehr; aber diesen Schritt, diesen Geister-Kinderschritt würde auch wohl jedes andere jüngere Ohr überhört haben. --
Auf dem Altenteil! Das kann eines der bittersten Worte sein, die das Schicksal den Menschen in dieser Welt zuruft; aber auch eines der behaglichsten. Für diese beiden Alten war es nach langer schwerer, mühseliger Arbeit ein behagliches geworden. Sie fanden ihre Gemächer durch ein verschleiertes Lampenlicht erhellt, ihre beiden Lehnstühle an den warmen Ofen gerückt und:
»Mit dem Schlage Zwölf komme ich doch und poche an eurer Kammertür und spreche meinen Wunsch durchs Schlüsselloch. Ihr braucht aber nicht darauf zu hören; ich schicke ihn euch auch in den Schlaf hinein!« hatte das jüngste und am jüngsten verheiratete Töchterlein als letztes Wort im Festsaale da unten gesagt.
»O mein Gott, da sitzt ihr noch?« rief dieselbe junge Frau unter dem Glockenklang und dem Neujahrschoral von den Türmen, unter dem plötzlich aufklingenden Gassenjubel und dem Jubel der Kinder und Enkel in dem Saale des Hauses. »Das ist doch ganz wider die Abrede, und heute übers Jahr werden wir euch da unten bei uns fester halten, ihr Lieben, Bösen, Besten!... Ein glückliches neues Jahr, Großpapa! ein glückliches neues Jahr, Großmama!«
Da stand ein niedrig lehnenloses Sesselchen mit einem verblaßten gestickten Blumenstrauß darauf neben den zwei Stühlen der Greise. Die junge Frau, nachdem sie den Vater und die Mutter mit ihren Küssen fast erstickt hatte, saß nieder auf dem kleinen Stuhl und hatte keine Ahnung davon, wer eben vor ihr darauf gesessen und die Mutter und den Vater gegen die Abrede und gegen ihren eigenen festen Vorsatz wach gehalten hatte über die Mitternachtsstunde hinaus und aus dem alten Jahr in das neue hinein! Mit leise bebender Hand strich die alte Frau die blonden Haare der Tochter aus dem lebensfreudigen, glühenden, erhitzten Gesichte. Die blonden Locken, die sich eben vor ihr ringelnd bewegt hatten, waren schon vor vierzig Jahren zu Staub und Asche geworden: die junge Frau wußte nichts von ihnen, oder doch nur gerüchtweise. Lange vor ihrer Geburt war das erste, das älteste Kind gestorben, zwölf Jahre alt. Ein halbverwischtes Pastellbildchen, das über der Kommode der Mutter, der Großmutter des Hauses, hing, war alles, was von ihm übrig geblieben war in der Welt.
Alles?
III.
Ein leiser Schritt, ein unhörbarer Schritt; -- ein Geister-Kinderschritt in der Silvesternacht!... Wir haben gesagt, daß die beiden Greise vor einer Stunde die Treppe zu ihren Gemächern hinaufgestiegen und ihn, wie wir übrigen alle, nicht vernahmen. Ganz war es doch nicht so.
Als der alte Herr der alten Dame mit immer noch zierlicher Höflichkeit die Tür öffnete, um sie zuerst über die Schwelle treten zu lassen, hatte die Frau einen Augenblick gezögert und zurückgesehen und gehorcht.
Der alte Herr glaubte, sie horche noch einmal auf den fröhlichen Lärm, auf das heitere Stimmengewirr der Neujahrsnacht dort unten im Festsaal des Hauses.
»Sie sind gottlob recht heiter,« meinte er, »wüßte auch nicht, weshalb nicht. Und auch wir, -- Mutter! -- nicht wahr, Alte?... Wie spät ist es denn eigentlich? Elf Uhr! Noch früh am Tage, wenngleich wirklich ein wenig spät im Jahre.«
»Ja, Walter!« hatte die Greisin erwidert, aber nur, um doch eine Antwort zu geben. »Ich hörte eigentlich nicht auf dich; ich dachte an unser Ännchen,« fügte sie hinzu, als sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte und sie in der letzten Stunde des ablaufenden Jahres mit sich allein waren.
IV.
Das junge Volk! Längst hat es drei Viertel des Hauses nach seinem Geschmack und Bedürfnis eingerichtet und mit vollem Rechte des Lebens. An das Reich der beiden Alten hat keine Hand gerührt; außer dann und wann eine Kinderhand, deren volles Recht des Lebens es freilich ist und immerdar sein wird, in der Großväter und der Großmütter Hausrat, Schubladen und Schränken zu wühlen und zu kramen und sich die vom Anfang der Welt an dazugehörigen erstaunungswürdigen, lustigen und traurigen Geschichten erzählen zu lassen.
Es war einmal!... oh, noch einmal von dem, was war!... Und so war es gekommen, daß die jüngste Tochter des Hauses die Eltern um Mitternacht noch wach fand unter den Glocken, die das neue Jahr einläuteten. Eine Kinderhand aber war es wiederum gewesen, die an den Schleiern der Vergangenheit gezupft hatte: »Es war einmal! Ich bin da! -- Mama, du sagst in dieser Stunde nicht: Man hat doch keinen Augenblick Ruhe vor dir, Kind! -- Ich bin da; und nun laßt mich sitzen auf meinem Stuhl, laßt uns erzählen: Es war einmal!... laßt uns erzählen von dem, was einmal war!«...
Und sie hatten davon erzählt, die beiden Greise nämlich. Das Kind hatte nur drein gesprochen.