Der Junker von Denow; Ein Geheimnis; Ein Besuch; Auf dem Altenteil: Erzählungen
Part 6
Im Jahr der Gnade Eintausendsiebenhundert war das große Geheimnis gefunden; -- Stefano Vinacche hatte das Projektionspulver hergestellt, Etienne Vinacche machte --
=Gold!=
In demselben Jahre Eintausendsiebenhundert kaufte =Monsieur de Vinacche= aus dem Inventar von Monsieur, dem Bruder des Königs, für sechzigtausend Livres Diamanten.
III.
Glück und Glanz.
Wir schauen wie in ein Bild von Antoine Watteau durch das zarte frühlingsfrische Blätterwerk zu Coubron -- fünf Meilen von Paris -- wo Monsieur Etienne de Vinacche auf seinem reizenden Landsitze ein glänzendes Fest gibt. Die untergehende Maisonne des Jahres Siebzehnhunderteins übergießt die Landschaft mit rosigem Schein; -- Lachen und Kosen und Flüstern des jungen Volkes ertönt im Gebüsch; geputzte ältere Herren und Damen durchwandeln gravitätisch die gradlinigen Gänge des Parkes. Karossen und Reitpferde mit ihrer Begleitung von Kutschern, Lakaien und Läufern halten vor dem vergoldeten Gittertor; Monsieur de Vinacche und seine Frau sind eben im Begriff, von einem Teil ihrer Gäste, der nach Paris oder den umliegenden Landhäusern zurückkehren will, Abschied zu nehmen.
Die Dame Rochebillard, die Geliebte Tronchins, des ersten Kassierers Samuel Bernards, des »_fils de Plutus_«, -- wird von Madame de Vinacche zu ihrer Kutsche geleitet; Monsieur Etienne befindet sich im eifrigen Gespräch mit einem jungen Edelmann, dem Sieur de Mareuil. Für fünftausend Livres will Vinacche dem Herrn von Mareuil einen konstellierten Diamant, vermöge dessen man immerfort glücklich spielen soll, anfertigen. Ein wenig weiter zurück unterhalten sich die beiden reichen Bankiers van der Hultz, der Vater und der Sohn, mit Herrn Menager, _Sécrétaire du Roi_ und Handelsdeputierten von Rouen; -- auf einem Rasenplatz tanzen einige junge Paare nach den Tönen einer Schalmei und eines Dudelsacks ein Menuett; bunte Diener tragen Erfrischungen umher, für die abfahrenden Gäste erscheinen andere; der Chevalier von Serignan, Monsieur Nicolaus Buisson, der Sieur Destresoriers, Edelleute von der Robe, Edelleute vom Degen, Finanzleute, Beamte und so weiter mit ihren Frauen und Töchtern, allgesamt angezogen von dem Glanz, der Pracht und dem großen Geheimnis des einstigen neapolitanischen Bettlers Stefano Vinacche.
Hat sich aber um Mitternacht dieser Schwarm der Gäste verloren, so erscheinen andere Gestalten. Aus verborgenen Schlupfwinkeln tauchen Männer auf, finstere bleiche Männer mit zusammengezogenen Augenbrauen und rauhen, rauchgeschwärzten Händen. Da ist Konrad Schulz, ein Deutscher, den Herr von Pontchartrain später verschwinden läßt, ohne daß man jemals wieder von ihm hört. Da sind Dupin und Marconnel, hocherfahren in der geheimen Kunst. Da ist Thuriat, ein wackerer Chemiker; da ist ein anderer Italiener, Martino Polli. Geheimnisvolle Wagen, von geheimnisvollen Fuhrleuten begleitet, langen an und fahren ab, und Säcke werden abgeladen und aufgeladen, die, wenn sie die Erde oder einen harten Gegenstand berühren, ein leises Klirren, als wären sie mit Goldstücken gefüllt, von sich geben, geheimnisvolle Feuer in geheimnisvollen Öfen flammen auf, -- Wacht hält Madame de Vinacche, daß die nächtlichen Arbeiter nicht gestört werden in ihrem Werke.
Hüte dich, Stefano Vinacche! Im geheimen Staatsrat zu Versailles hat man von dir gesprochen: Monsieur Pelletier von Sousy, der Intendant der Finanzen, hat den Mann mit dem Kopf voll böser Anschläge, hat Monsieur d'Argenson aufmerksam auf dich gemacht.
Hüte dich, Stefano Vinacche! --
Wer klopft in dunkler Nacht an das Hinterpförtchen des Landhauses zu Coubron?
Salomon Jakob, ein Jude aus Metz, welcher die Verbindung des »Unbegreiflichen« mit Deutschland vermittelt.
Wer klopft in dunkler Nacht an die Pforte des Landhauses zu Coubron?
Franz Heinrich von Montmorency-Luxemburg, Pair und Marschall von Frankreich, welchen Stefano Vinacche die Kunst lehren soll, den Teufel zu beschwören.
In dunkler Nacht fährt nach Coubron der Herzog von Nevers, um sich in die geheimen Wissenschaften einweihen zu lassen.
In dunkler Nacht fährt nach Coubron Karl d'Albert, Herzog von Chaulnes, und Madame de Vinacche empfängt ihn in brokatnen Gewändern, geschmückt mit einer Cordeliere und einem Halsband im Wert von sechstausend Livres.
»_Notre Dame de Miracle_, wie habe ich für Euer Glück gesorgt, Allerschönste!« sagt der Herzog von Chaulnes, und die Tochter des Wirts zum Dauphinswappen verbeugt sich mit dem Anstand einer großen Dame und führt den hohen Gast und Gönner in ihren Salon, welcher den Vergleich mit jedem andern zu Paris aushält.
Stefano Vinacche trägt nicht mehr sein eigenes Haar; eine wallende gewaltige Lockenperücke bedeckt sein kluges Haupt. Mit feiner Ironie sagt er, in den wallenden Stirnlocken dieser seiner Perücke halte er seinen _Spiritus familiaris_, sein »_folet_« verborgen und gefesselt.
»_Notre Dame de Miracle_, Ihr seid ein großer Mann, Etienne!« sagt der Herzog von Chaulnes, und der Hausherr von Coubron verbeugt sich lächelnd:
»O Monseigneur!«
»Ja, ja, wer hätte das gedacht, als ich Euch in Italien von der Landstraße aufhob? Wer hätte das gedacht, als ich Euch durch den Grafen von Auvergne vom Galgen errettete; -- Vinacche, Ihr müßt mir sehr dankbar sein.«
Stefano legt die Hand auf das Herz.
»Monseigneur, ich habe ein gutes Gedächtnis für empfangene Wohltaten. Glaubt nicht, daß das Glück und die errungene Wissenschaft mich stolz mache. Fragt meine Frau, was gestern geschehen ist.«
»Wahrlich, Monseigneur, es war eine tolle Szene. Stellt Euch vor, es befindet sich gestern eine glänzende Gesellschaft bei uns, Monsieur Despontis, Monsieur von Beaubriant und viele andere, als ein abgelumpter Mensch Etienne zu sprechen verlangt. Die Diener wollten ihn abweisen; aber Etienne hört den Lärm und läßt den Vagabunden kommen. _Mon Dieu_, was für eine Szene!«
»Nun?!«
»Nicolle war's, gnädigster Herr! Nicolle, meines Mannes Kamerad aus dem Regiment Royal-Roussillon!«
»Oh, oh, oh! ah, ah, ah!« lacht der Herzog. »Dem Wiederfinden hätt' ich beiwohnen mögen. Das muß in der Tat eine eigentümliche Überraschung gegeben haben.«
»Ich fiel in Ohnmacht, und Etienne -- fiel dem Vagabunden um den Hals --«
»Und die Gesellschaft?«
»Stand in starrer Verwunderung! Es war ein tödlicher Augenblick,« ruft Madame de Vinacche klagend, doch Etienne sagt:
»Ich hatte dem Manne einst ein schweres Unrecht zugefügt, jetzt war mir die Gelegenheit gegeben, es wieder gutzumachen, und ich benutzte diese Gelegenheit.«
»_Notre Dame de Miracle_, ich werde der Frau von Maintenon diese Geschichte erzählen. Ihr seid ein braver Gesell, Etienne. Ah, oh, _ou la vertu va-t-elle se nicher_? wie Monsieur Molière sagt, -- sagt er nicht so?«
»Ich glaube, gnädiger Herr,« meint Vinacche, die Achsel zuckend, und setzt hinzu, als eben jemand an die Tür des Salons mit leisem Finger klopft: »Da kommt Konrad, uns zum Werk zu holen. Wenn es also beliebt, Monseigneur, so können wir unsere Arbeit von neuem aufnehmen; Zeit und Stunde sind günstig, jeder Stern steht an seinem rechten Platz, und gute Hände schüren die Flamme!«
In die geöffnete Tür schaut das finstere Gesicht des deutschen Meisters Konrad Schulz:
»Es ist alles bereit!«
»Wir kommen!« sagt der Herzog von Chaulnes, mit zärtlichem Handkuß von Madame Vinacche Abschied nehmend. In das chemische Laboratorium herab schreiten die Männer.
Um den schwarzen Herd stehen regungslos die Gehilfen des großen Goldmachers. Atemlos verfolgt der Herzog jede Bewegung des Alchymisten.
Der Meister arbeitet!
Tiegel voll Salpeter, Antimonium, Schwefel, Arsenik, Qecksilber gehen von Hand zu Hand. Die Phiole mit dem »Sonnenöl« reicht Martino Polli, das Blei bringt Konrad Schulz zum Fluß; -- der große Augenblick ist gekommen. Aus einem Loch in der schwarzen feuchten Mauer ringelt sich eine bunte Schlange hervor, sie steigt an dem Beine Stefano Vinacches empor, sie umschlingt seinen Arm und scheint ihm ins Ohr zu zischen. Ein Zittern überkommt den Goldmacher, aus der Brust zieht er ein winziges Fläschchen; -- im Tiegel gärt und kocht die metallische Masse, -- die Flammen züngeln, -- aus der Phiole in der Hand des Meisters fällt das Projektionspulver in den Tiegel -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Das Werk ist vollbracht! In die Form gießt Konrad Schulz die kostbare, im höchsten Fluß befindliche Masse -- nach einigen Augenblicken wiegt der Herzog von Chaulnes eine glänzende Metallbarre in der Hand. »Reinstes Gold, Monseigneur!« sagt Stefano Vinacche. --
IV.
Was man in Versailles dazu sagte.
Vinacche fuhr mit seiner Frau vierspännig durch die Straßen von Paris. Lange war Claude Bullot tot und erinnerte sie nicht mehr an die Dunkelheit ihrer Herkunft. In der Gasse Saint Sauveur besaß Stefano jetzt ein prächtiges Haus, wo er die beste Gesellschaft von Paris bei sich sah. Sein Leben strahlte im höchsten Glanz. Die Teilnehmer seiner wunderlichen Operationen hatte er durch Drohungen, Versprechungen, List und Überredung zu seinen Sklaven gemacht; er durfte ihnen drohen, sie bei der geringsten Auflehnung gegen seinen Willen als Fälscher, Kipper und Wipper hängen zu lassen. Seine Geschäftsverbindungen mit Samuel Bernard, Tronchin, Menager, mit den beiden van der Hultz, mit Saint-Robert und dem Sieur Buisson Destresoriers nahmen ihren ungestörten Fortgang. Man sah in seinen Gemächern oft fünfzehn, zwanzig, dreißig Säcke voll nagelneuer Louisdors aufgestellt. Neu geprägte Goldstücke fanden die Diener und Dienerinnen, von denen das Haus überquoll, im Kehricht, in den Winkeln, unter der schmutzigen Wäsche; -- sie verkauften Stückchen von Goldbarren an die Juden, und Madame de Vinacche erschrak eines Tages heftig genug, als sie, ungesehen von ihnen, ein Gespräch zwischen ihrer Kammerfrau La Martion und einigen Lakaien ihres Mannes belauschte. --
Der spanische Erbfolgekrieg hatte begonnen. War das Geld im Hause Stephano Vinacches im Überfluß vorhanden, so mangelte es um desto mehr im Hause des Königs Ludwig des Vierzehnten. Herrschte im Hause Stefano Vinacches Jubel und Übermut, so herrschte Mißmut, Angst, Sorge und Not zu Versailles. Ein gewaltiger Umschwung aller Dinge trat in diesem früher so glänzenden Frankreich mehr und mehr hervor. Auf die Zeit des phantastischen, lebenvollen Karnevals folgte der Aschermittwoch mit seinen Grabgedanken. Zu Grabe gegangen waren die Schriftsteller und Dichter: Pascal und Franz von La Rochefoucauld ergründeten nicht mehr die Tiefe des menschlichen Herzens. Jean de Lafontaine hielt nicht mehr den lustigen Spiegel der Welt vor, Jean war »davongegangen wie er gekommen war«; -- verstummt war die mächtige Leier des großen Corneille, Jean Racine hatte sein Schwanenlied gesungen und war hinabgesunken in die blaue Flut der Ewigkeit. Tot, tot war Molière, der gute Kämpfer gegen Dummheit, Heuchelei, Aberglauben und Laster; tot war Jean Baptiste Poquelin, genannt Molière, aber Tartuffe lebte noch!
Die Heiterkeit des Daseins war erblaßt, auch die feierlichen Stimmen der großen Kanzelredner Bossuet, Bourdaloue, Flechier verstummten! König in Frankreich war der Pater La Chaise, Königin in Frankreich war Franziska d'Aubigné, die Witwe Paul Scarrons. Die Schutzherrschaft über das Land nahm man dem heiligen Michael und gab sie der Jungfrau Maria, wie man sie vorher dem heiligen Martin und vor diesem dem heiligen Denis genommen hatte. Schaffe Geld, schaffe Geld, Geld, Geld, o heilige Jungfrau Maria! Schaffe Geld, holde Schutzherrin, Geld zum Kampf gegen deine und unsere Feinde! Schaffe Geld und abermals Geld und wiederum Geld, süße Mutter Gottes! Schaffe Geld, Geld, Geld, o Schutzpatronin von Frankreich und Versailles, Marly und Trianon!
Wiederum war ein Staatsrat gehalten worden zu Versailles über die besten Mittel, Geld zu bekommen, und niemand hatte Rat gewußt; weder Pontchartrain, noch Pomponne, noch du Harlay, Barbezieux, d'Argouges, d'Agnesseau. Wohl war manche neue Steuer vorgeschlagen worden; doch ohne zu einem Resultat gelangt zu sein, hatte Louis der Vierzehnte seine Räte entlassen müssen. Verstimmt im höchsten Grade, ratlos bis zur Verzweiflung schritt er auf und ab in seinem Gemach und seufzte:
»O Colbert, o Louvois!«
Der König von Frankreich befand sich vollständig in der Seelenstimmung Sauls, des Königs der Juden, als er Verlangen trug nach dem Geiste Samuels, des Hohenpriesters.
Dazu war die Frau Marquise nach Saint Cyr zu ihren jungen Damen gefahren, und der Vater La Chaise gab einigen Brüdern in Christo in der Vorstadt Saint Antoine in seinem Hause ein kleines Fest. Armer, großer Louis! zu seinem letzten Mittel mußte er greifen, um sich zu zerstreuen; -- Fagon, sein Leibarzt, wurde gerufen. In der Unterhaltung mit diesem klugen Manne ging dem Monarchen, freilich doch langsam genug, dieser trübe Oktobernachmittag des Jahres 1703 hin, und zuletzt kam auch Madame von Maintenon zurück. Der König seufzte auf, gleich einem, der von einer schweren Last befreit wird; Fagon machte seine Verbeugungen und entfernte sich, ebenfalls höchlichst erfreut über seine Erlösung.
Im klagenden Tone erzählte nun der König seiner Ratgeberin von seiner trüben Nachmittagsstimmung, von seiner Sehnsucht nach ihr, seiner einzigen Freundin, von der Dummheit der Ärzte und von der vergeblichen Ratssitzung.
»Sire,« sagte die Marquise lächelnd, »ich bin Eure demütige Dienerin; die besten Ärzte sind die, welche die Seele zu heilen verstehen, was aber die Ratlosigkeit Eurer Räte betrifft, so ist hier ein Billett, welches die Mittel angibt, dem Staat Geld zu schaffen. Von unbekannter Hand wurde es mir in den Wagen geworfen. Leset es, Sire, wir haben schon einmal über den Mann gesprochen, von dem es handelt.«
Der König nahm das Schreiben und überflog es.
»Vinacche?! der Goldmacher!« murmelte er und zuckte die Achseln.
»Ich höre Erstaunliches über den Mann,« meinte die Marquise. »Sein Luxus geht ins Grenzenlose. Die größten Herren Eures Hofes, Sire, gehen bei ihm ein und aus. Der Herzog von Brissac hat mir neulich stundenlang von dem geheimnisvollen Menschen gesprochen. Neulich war auch Madame von Chamillard bei mir; sie steht in Verbindung mit dem reichen holländischen Bankier van der Hultz. Auch dieser Mann soll vollständig überzeugt sein, Monsieur de Vinacche habe das Projektionspulver gefunden, Monsieur de Vinacche mache in Wahrheit Gold.«
»Ach, Marquise, von wie vielen haben wir das geglaubt!«
»Sire, wäre ich an Eurer Stelle, ich würde d'Argenson beauftragen, diesen Italiener etwas genauer zu beobachten.«
Der König zuckte abermals die Achseln und gab das Billett zurück.
»Wenn d'Argenson das für nötig hält, so mag er seine Anordnungen treffen; -- ich will nichts damit zu tun haben. Was beginnen Eure Fräulein zu Saint Cyr, Marquise?«
Nachdem der König das Gespräch auf eine andere Bahn geleitet hatte, war es vergeblich, von neuem den verlassenen Punkt zu berühren; aber die Marquise schob das Billett in ihre Tasche und faßte einen Beschluß. Am andern Tage schickte sie ihren Stallmeister Manceau in die Gasse Saint Sauveur zu Vinacche, unter dem Vorgeben: er solle Diamanten kaufen für eine fremde Prinzessin. Manceau, von seiner Herrin bestens instruiert, ließ nichts in dem Hause des Alchymisten außer Augen und erzählte nachher Wunder von der Pracht und dem Glanze, die darinnen herrschten. Pferde, Gemälde, Silbergeschirr, Meubles, alles taxierte er, wie ein Auktionskommissär; auf seine Frage nach Juwelen antwortete aber Vinacche, er besitze deren wohl sehr schöne, aber er handle nicht damit.
Fast schwindelnd von dem Geschauten kam der Abgesandte der Marquise nach Versailles zurück und stattete seiner Herrin Bericht ab. Einige Tage nachher wurde Stefano Vinacche selbst nach Versailles beschieden und daselbst sehr höflich und zuvorkommend von Herrn von Chamillard empfangen! Ein langes Gespräch hatten die beiden Herren miteinander, und hinter einem Vorhange lauschte die Marquise von Maintenon demselben. Aber aalglatt entschlüpfte Vinacche jeder Frage, die sich auf seine große Kunst bezog; er nahm Abschied und bestieg seine Karosse wieder, ohne daß die Marquise und Chamillard ihrem Ziel im geringsten nähergekommen wären.
»Lassen wir d'Argenson kommen!« sagte Frau von Maintenon. »Um keinen Preis darf uns dieser Mann entgehen.«
Monsieur de Chamillard verbeugte sich bis zur Erde, und -- d'Argenson ward gerufen.
V.
Das Ende.
Und Monsieur d'Argenson streckte seine Hand aus; -- es fiel ein schwarzer Schatten über das glänzende, fröhliche Leben in der Gasse Saint Sauveur; nach allen Seiten hin zerstob das Getümmel der vornehmen, reichen und geistreichen Gäste. Die Flucht nahmen die Herzöge, die Marquis, die Chevaliers, die Abbés, die Poeten. Wer durfte wagen, da zu weilen, wohin Monsieur d'Argenson den Fuß gesetzt hatte?
Aus dem Nebel ragt düster drohend die Bastille! Sie halten den Stefano Vinacche, auf daß ihnen sein köstliches Geheimnis »nicht entgehe«, und -- am 22. März 1704, einem Sonnabend -- scharren sie ihn ein auf dem Kirchhof von Sankt Paul, unter dem Namen =Etienne Durand=.
Wer hat je das Genie durch Gewalt gezwungen, seine Schätze mitzuteilen?
So liest man in den Registern der Bastille:
»In der Nacht vom Mittwoch auf den grünen Donnerstag, als am 20. März 1704, morgens um ein Viertel auf zwei Uhr verschied in Nummer drei der Bertaudiere Monsieur de Vinacche, ein Italiener, in der Gegenwart des Schließers La Boutonnière und des Korporals der Freikompagnie der Bastille, Michel Hirlancle. Nach dem Tode des Gefangenen gingen die beiden Wächter, Monsieur de Rosarges davon zu benachrichtigen, und erhob sich dieser und verfügte sich in die Zelle des Sieur Vinacche, welcher sich selbst getötet hat, indem er sich gestern, als am Mittwoch, ungefähr um zwei Uhr nachmittags mit seinem Messer die Kehle unter dem Kinn zerschnitt und sich also eine sehr große und weite Wunde beibrachte. Obgleich ihm alle mögliche Hilfe geleistet wurde, konnte man ihn doch nicht retten. Da der Sterbende einige Zeit hindurch das Bewußtsein wieder erlangte, so hat unser Almosenierer sein Bestes getan, ihn zur Beichte zu bewegen, jedoch ganz und gar vergeblich. Gegen neun Uhr abends habe ich Monsieur d'Argenson von dem Unglück Nachricht gegeben, und ist derselbe in aller Eile sogleich erschienen, um zu dem Sterbenden zu reden, jedoch auch ihm hat der Unglückliche keine Antwort gegeben.
In diesem Schlosse der Bastille 20. März 1704.
=Dujonca=,
Königsleutnant in der Bastille.
Wohl mochte nachher d'Argenson in seinem Bericht an Chamillard von »_billonage_«, von Kipperei und Wipperei sprechen, es glaubte niemand daran, selbst der Berichterstatter glaubte nicht daran; man brauchte nur eine Rechtfertigung dem aufgeregten Publikum gegenüber. Zu Versailles wirkte die Nachricht von dem Tode Stefano Vinacches gleich einem Donnerschlag; der König Ludwig der Vierzehnte wurde darob ebenso zornig und niederschlagen, wie später in demselben Jahre über die Kunde von den Niederlagen auf dem Schellenberge und bei Höchstedt. Die Frau Marquise und die Herren de Chamillard und d'Argenson hatten einige bittere Stunden zu durchleben; aber was half das? Stefano Vinacche war tot und hatte sein Geheimnis mit in das Grab genommen!
Der Witwe des Unglücklichen meldete man offiziell, ihr Gemahl sei in der Bastille am Schlagfluß verschieden; sie blieb im ungestörten Besitze aller der auf so geheimnisvolle Weise erworbenen ungeheuren Güter. Der alte Bericht, dem wir dieses seltsame Lebensbild nacherzählen, vergleicht den gemordeten Stefano mit jenem Künstler, welcher dem Imperator Tiberius ein köstliches Gefäß von biegsamem, hämmerbarem Glas überreichte. Der Kaiser bewunderte die vortreffliche Erfindung und fragte, ob dieselbe schon andern Menschen bekannt sei, welches der Künstler verneinte. Auf diese Antwort hin ließ der Tyrann dem genialen Erfinder den Kopf abschlagen und die Werkstatt desselben zerstören, damit nicht »Gold und Silber gemein und wertlos würden, wie der Kot in den Gassen von Rom«.
»_Par notre Dame de Miracle_, Madame, Euer Gemahl war ein großer Mann,« sagte der Herzog von Chaulnes zu der trauernden Witwe Stefanos, »Euer Gemahl war in Wahrheit ein großer Mann; aber =einen= Fehler hatte er, er war zu verschwiegen! Wie oft hab' ich ihn beschworen, mir sein großes Geheimnis anzuvertrauen, -- Madame, auf meine Ehre, Monsieur Etienne war zu verschwiegen, viel zu verschwiegen.«
»O Madame, Madame, die Welt ist nicht so beschaffen, daß sie ein großes Genie in sich dulden könnte!« sagte zur Frau Vinacche der Dichter Jean Baptiste Rousseau, der Freund Stefanos. »Madame, die Welt kann das Talent nur töten, und es gibt nur einen Trost:
_c'est le même Dieu qui nous jugera tous!_«
»Liebste Schwester,« sagte der Graf d'Aubigné zur Marquise von Maintenon, »liebste Schwester, in meinem Leben habe ich noch nichts erfunden, wohl aber traue ich mir viel Geschick zu, die Erfindungen anderer Leute herauszuholen. Ihr wißt das ja; _mon Dieu_, weshalb habt Ihr mir nicht diese Geschichte mit dem Italiener überlassen? Das war kein Charakter für die Kunst Monsieur d'Argensons.«
Die Frau Marquise seufzte, zuckte die Achseln und griff nach ihrem Gebetbuch, Mademoiselle La Caverne, ihre Kammerfrau, meldete: Seine Majestät verfüge sich soeben in die Messe. Graf d'Aubigné, welcher »sich wegen seiner Schwester Regierung einbildete, er sei die dritte Person in dem Königreiche«, ließ die Unterlippe herabsinken und legte sein Gesicht in die frömmsten Falten.
»Gehen wir, mein Bruder,« sagte die Marquise. »Wir wollen beten für die Seele dieses unglücklichen Monsieur de Vinacche und bitten, daß Gott uns seinen Tod nicht zurechne.«
****************************** * * * Ein Besuch * * * ******************************
Es war schon Dämmerung, als der Besuch kam; so sehr Dämmerung, daß es uns unmöglich ist, zu sagen, wie der Besuch aussah. Es ist uns überhaupt nicht leicht gemacht, hierüber ganz deutlich zu werden. Helfen uns die Leserinnen selber nicht dabei, so werden wir auf diesem Blatt Papier mit Feder und Tinte wenig ausrichten.
»Wieder ein Tag, Johanne, in Einsamkeit und mühseliger, geringen Nutzen bringender Arbeit; und zu der Arbeit trübe Gedanken den ganzen Tag über. Wegplaudern kann ich dir deine Sorgen nicht; da habe ich Schwestern, die das besser verstehen. Ich kann nur hier und da eine Stunde bei dir verweilen; laß mich das jetzt, vielleicht ist dir wohler nachher. Hast auch wohl schmerzende Augen von dem ewigen Schaffen so spät in den Jahren? Die darfst du dreist zumachen, derweil ich bei dir bin. Nur keine unnötigen Höflichkeiten unter Freunden. Laß dich gehen, ich lasse mich auch gehen und lege mir niemandes wegen Zwang an, und viel Zeit habe ich nie, das wißt ihr ja alle, die ihr mich dann und wann unter euerer übrigen Bekanntschaft in der Welt bei euch seht. Wo warst du eben, Johanne?«
»Sie feierten ein Fest heute drunten im Hause, daran habe ich gequält, widerwillig teilnehmen müssen. Es war so viel Wagenrollen in der Gasse und vor dem Hause, die Leute waren so laut; es drang so viel lustiger Lärm zu mir herauf. Es war töricht: aber ich ließ mich von meiner Phantasie hinabführen zu meiner jungen, reichen, glücklichen Hausgenossin; und da wurde mein Schicksal bitterer, ich war den Tag über unzufriedener denn je mit meinem Lose; ach, da es nun wieder stiller geworden ist, will ich es nur gestehen: ich war recht böse den Tag über, voll Mißgunst, Neid und Eifersucht. Es war sehr unrecht.«
»Ja freilich, du bist arm, und deine Hausgenossin ist reich; du bist alt geworden, und deine Hausgenossin ist noch jung. Niemand kommt zu dir als von Zeit zu Zeit ich, und jene führt das lebendigste Leben. Daran kann ich nichts ändern, nicht den kleinsten Stein des Anstoßes in der Körperlichkeit der Dinge kann ich dir aus dem Wege räumen; -- aber wie wäre es, wenn du dessenungeachtet jetzt doch einmal einige Wege mit mir gingest -- die ich dich führe?«