Der Junker von Denow; Ein Geheimnis; Ein Besuch; Auf dem Altenteil: Erzählungen

Part 5

Chapter 53,541 wordsPublic domain

Am Kamin legte Margot die Picarde dem Neapolitaner das Kuvert, und der Fremde war allzu ausgehungert und allzu naß, um anfangs an etwas anderes zu denken, als den Hunger aus dem Magen und die Kälte aus den übrigen Gliedern zu verjagen. Ruhig setzte er sich auf den ihm angewiesenen Platz, aß und trank, trocknete seine Kleider, bis er allgemach wieder auflebte und fähig wurde, seine Aufmerksamkeit den Vorgängen in seiner Umgebung zuzuwenden. Der Sergeant vom Regiment Villequier erhielt richtig einen Degenstoß in die Schulter, verhaftet wurde darüber der Kornet vom Regiment Ruffey; die Bürger, Lakaien, Diebe und Tagediebe zerstreuten sich mit einbrechender Dämmerung, um sich vor der Dunkelheit zu retten, oder in der Dunkelheit ihren lichtscheuen Geschäften nachzugehen. Es wurde still in der Gargotte, nur im Hinterzimmer konnte man sich immer noch nicht beruhigen. In der Tür, welche auf die Gasse führte, stand die Kellnerin Margot und blickte in den Regen und die Nacht hinaus, das Feuer im Kamine prasselte und knatterte und warf seinen roten Schein über die Tische und Bänke des weiten Gemaches, die trübe Hängelampe qualmte an der geschwärzten Decke; niemand störte jetzt mehr den jungen Neapolitaner in seinen trüben Gedanken. Mechanisch klimperte er mit den wenigen Geldstücken in seiner Tasche; -- was sollte er beginnen, um nicht Hungers zu sterben, um nicht in den Gassen dieses schmutzigen, kalten, stinkenden Paris zu erfrieren? »O Neapel, Neapel!« seufzte Stefano Vinacche.

Jawohl, etwas anderes war es, eine Nacht obdachlos am Strande des tyrrhenischen Meeres, ein anderes, eine Nacht obdachlos am Ufer der Seine zuzubringen. Eine Art stumpfsinniger Schlaftrunkenheit überkam den jungen Italiener, seine Augen schlossen sich unwillkürlich, und immer dumpfer und verworrener vernahm er das Schluchzen der Mademoiselle Bullot und die kreischende Stimme des zornigen Vaters.

Aber was war das? Plötzlich schwand jedes Zeichen von Ermüdung, von Erschöpfung an dem Italiener. Vorgebeugt saß er auf seinem Stuhle und horchte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit nach der Tür hin, welche in das Hinterzimmer führte. Das Wechselgespräch zwischen Vater und Tochter war dem Fremden auf einmal interessant geworden durch einen Namen, der soeben mehrere Male darin vorgekommen war.

Immer gespannter horchte Vinacche.

Hatte nicht Meister Claude Bullot, ehe ihm Monseigneur der Herzog von Chaulnes die Kneipe zum Dauphinswappen einrichtete, als Seifensieder Bankerott gemacht?

War nicht Mademoiselle Bullot ein reizendes Schätzchen, dem man schon etwas zu Gefallen tun konnte?

Hoch spitzte Stefano Vinacche die Ohren beim Namen des Herzogs von Chaulnes.

»Oho, Stefano, solltest du da unvermutet in den Honigtopf gefallen sein? Oho, Glück geht immer über Verstand, -- _va' piu un' oncia di fortuna, che una libra di sapere_. Achtung, Achtung, Vinacche!«

Mancherlei sprach der Vater im Hinterzimmer der Kneipe zum Wappen des Dauphins. Mancherlei sprach das Töchterlein dagegen; immer fröhlicher rieb sich Stefano die Hände, bis endlich die Verbindungstür mit Macht aufgerissen wurde und Mademoiselle -- _éplorée_ in das Schenkzimmer stürzte. Hinter ihr erschien der zornige Papa, einen zusammengedrehten Strick in der Hand:

»Warte, Kreatur!«

Stefano Vinacche wußte schon längst, was er zu tun hatte. Er warf sich auf den ergrimmten Gargottier und packte seinen erhobenen Arm.

»Monsieur?!«

»Monsieur!«

»Laßt mich frei! was fällt Euch ein?«

»Ich leid's nicht, daß Ihr Mademoiselle mißhandelt; -- tretet hinter mich, Mademoiselle!«

»Margot, Margot!« rief endlich der Wirt zum Dauphinswappen.

Margot erschien, stemmte aber nur die Arme in die Seite und sah der Szene zu, ohne ihrem Herrn zu Hilfe zu kommen.

»Haltet ihn, um Gottes willen, haltet ihn, er wird mich ermorden, wenn Ihr ihn freilaßt!« rief Mademoiselle Bullot.

»Seid ruhig, Schönste; er soll Euch nichts zuleide tun. Pfui, schämt Euch, Monsieur, wie könnt Ihr eine liebenswürdige Tochter also behandeln?«

»Ich frage Euch zum letztenmal, wollt Ihr mich loslassen?«

»In Ewigkeit nicht, wenn Ihr mir nicht den Strick gebt, Signor, und versprecht artig zu sein gegen die Damen, Signor!«

»Morbleu!« schrie der Wirt zum Dauphinswappen, und der Himmel weiß, was geschehen wäre, wenn nicht der Eintritt eines in einen Mantel gewickelten Mannes der Szene ein Ende gemacht hätte.

Der Mantel fiel zur Erde, und Wirt und Töchterlein und Kellnerin und Italiener riefen mit einer Stimme:

»Monseigneur!«

Der Eingetretene war Karl d'Albert, Herzog von Chaulnes, Pair von Frankreich, Vidame von Amiens, ein ältlicher Mann, dem man den »großen Herrn« nicht im mindesten ansah, woran der bürgerliche Anzug durchaus nicht schuld war; ein Mann, von welchem einige Jahre später ein deutscher Schriftsteller sagte: »Er erwartet den Tod mitten in seinen Vergnügungen; er ist freigebig ohne Unterschied und von einem sehr abgenutzten Gehirne.«

»Holla, das geht ja lustig her!« rief der Herzog. »_Notre Dame de Miracle_, und auch Vinacche dabei! Sagt mir um aller Teufel willen --«

Mademoiselle Bullot ließ ihn nicht aussprechen; sie eilte auf den hohen Herrn zu und -- warf sich an seinen Hals, schluchzend, Gift und Galle speiend:

»Monseigneur, ich halt's nicht mehr aus; Monseigneur, errettet mich aus den Händen meines Vaters! Wäre dieser edle junge Mann eben nicht dazwischen gekommen, er hätte mich gewißlich zu Tode geschlagen.«

»Wieder das alte Lied? Bullot, Bullot, ich frage Euch um Gottes willen, glaubt Ihr in der Tat, ich habe Euch Eurer roten Nase wegen zum Eigentümer dieses Dauphinswappens gemacht? Ich sage Euch, auf den Knieen solltet Ihr Eure liebenswürdige Tochter verehren; -- _notre Dame de Miracle_, ich sage Euch zum allerletzten Male, behandelt Mademoiselle, wie es sich ziemt, oder --«

»O Monseigneur!« flehte Meister Claude, welcher seinen Strick längst ganz verstohlen in den Winkel geworfen hatte und katzenbuckelnd so gemein und niederträchtig aussah, wie man unter der Regierung des großen Louis nur aussehen konnte. »O Monseigneur, ich versichere Euch, =sie= hat's darauf abgesehen, ihren unglückseligen Vater in ein frühzeitig Grab zu bringen. Monseigneur, Ihr kennt sie nur von der einen Seite; aber ich -- o Monseigneur!« --

»Still! Ihr seid ein Schurke, und Mademoiselle ist ein Engel! -- beruhige dich, Kind --«

»Monseigneur, er ist zu boshaft. Monseigneur, wenn Ihr mich wirklich liebt, so laßt mich nicht in seiner Gewalt.«

»Ruhig, ruhig, süßes Kind. Was ist denn nur eigentlich vorgefallen?«

Ja, was war vorgefallen?

Eine Zungenfertigkeit sondergleichen entwickelten Mademoiselle Bullot und Meister Claude Bullot gegeneinander, doch haben wir mit dem Ausgangspunkte des Streites nicht das mindeste zu schaffen und brauchen nur zu sagen, daß der Herzog von Chaulnes, obgleich er im Grunde seines Herzens dem erzürnten Papa recht geben mußte, in Anbetracht seiner zarten Stellung zu Mademoiselle sich auf deren Seite stellte. Sehr ärgerlich war der Herzog von Chaulnes! In äußerst lebendiger Stimmung war er durch die Gasse Quincampoix zum Dauphinswappen geschlichen, nun fand er statt Ruhe und Behagen, Unzufriedenheit und Streit; wo er Lächeln und Lachen erwartet hatte, mußte er Tränen trocknen; -- _notre Dame de Miracle_, es war zu ärgerlich!

»Etienne,« sagte der Herzog zu Vinacche, »Etienne, ich bin dieses Lärms müde; ich will nach Haus und du magst mit mir kommen. Meister Claude, ich versichere Euch meiner gnädigsten Ungnade! Mademoiselle, Eure rotgeweinten Augen betrüben mich sehr -- gute Nacht, Mademoiselle -- dazu zweihundert Louisdor im Landsknecht verloren -- kommt, Etienne Vinacche, Ihr mögt mit mir zum Hotel fahren, ich habe Euch etwas zu sagen; ich habe eine Idee!«

Vergebens hing sich Mademoiselle Bullot an den Arm des Herzogs mit den süßesten Schmeicheleien und Liebkosungen. Er machte sich los, streckte dem niedergeschmetterten Wirt zum Dauphinswappen eine Faust entgegen, ließ sich von Vinacche den Mantel wieder um die Schultern legen und verließ, im höchsten Grade mißmutig gestimmt, mit seiner »Idee« die Gargotte, in welcher nach seinem Abzuge der Tanz zwischen Vater und Tochter von neuem anging, doch diesmal mit allem Vorteil auf Seiten von Mademoiselle. Meister Claude Bullot sah ein, daß er ein Esel -- ein gewaltiger Esel war; demütig kroch er zu Kreuze und nahm jede Injurie, welche ihm das Töchterlein an den Kopf warf, mit gekrümmtem Rücken in Empfang.

Unterdessen wateten mühsam der Herzog und der Italiener durch den Schmutz und die Gefahren der Gassen von Paris, bis sie an einer Ecke zu der harrenden Karosse des Herzogs gelangten. Mit tiefen Bücklingen riß der Lakai den Wagenschlag auf.

»Steig hinten auf, Etienne; ich habe mit dir zu reden,« sagte der Herzog und warf sich in die Kissen seiner Kutsche.

»Achtung, Stefano, jetzt mag's in deinen Topf regnen!« murmelte der schlaue Neapolitaner, und schwerfällig setzte sich die Karosse in Bewegung.

II.

Gold.

Während vor dem flackernden Kaminfeuer in seinem Hotel der Herzog von Chaulnes dem obdachlosen Vagabunden Stefano Vinacche den annehmbaren Vorschlag tut, Mademoiselle Bullot, das liebenswürdige Erzeugnis der Gasse Quincampoix, zu -- heiraten und dadurch nicht nur sich selbst, sondern auch Monseigneur aus mancherlei ärgerlichen Verdrießlichkeiten des Lebens herauszureißen, wollen wir erzählen, wer Stefano Vinacche eigentlich war. Im Jahre 1689 war der junge Neapolitaner als Lakai im Gefolge des Herzogs, dem er zu Rom mancherlei Dienste kurioser Art geleistet haben mochte, nach Frankreich gekommen, ohne jedoch in diesem Lande anfangs die Träume, welche ihm seine südliche Phantasie vorspiegelte, zu verwirklichen. Es wird uns nicht gesagt, was ihn im folgenden Jahre schon aus dem Dienste seines Gönners trieb, und ihn bewog, sich als gemeiner Soldat in das Regiment Royal-Roussillon aufnehmen zu lassen. Wir wissen nur, daß er im Jahre 1691 dem Regimentsschreiber Nicolle, seinem Schlafkameraden, einige Offiziersuniformen, welche derselbe ausbessern sollte, stahl und mit ihnen desertierte, welches Wagestück aber fast übel abgelaufen wäre. Auf dem Wege nach Paris, der Stadt, nach welcher von jeher eine dumpfe Ahnung künftiger Geschicke das seltsame Menschenkind trieb, gefangen und als Fahnenflüchtiger ins Gefängnis geworfen und zum Tode verurteilt, entging er nur durch Verwendung des Grafen von Auvergne dem Galgen. Im nächsten Jahre in Freiheit gesetzt, machte sich Stefano Vinacche von neuem auf den Weg nach Paris, und haben wir seiner Ankunft in der Gargotte zum Wappen des Dauphins in der Gasse Quincampoix soeben beigewohnt. --

Ei, wie wunderlich, wunderlich spinnt sich ein Menschenleben ab! Wir armen blinden Leutlein auf diesem Erdenballe wandern freilich in einem dichten Nebel, der sich nur zeitweilig ein wenig hier und da lüftet, um im nächsten Augenblicke desto dichter sich wieder zusammenzuziehen. Wir getriebenen und treibenden Erdbewohner haben freilich nur eine dumpfe Ahnung von dem, was im Getümmel ringsumher vorgeht. Warum sollten wir uns auch in der kurzen Spanne Lebenszeit, die uns gegeben ist, viel um andere Leute bekümmern, da wir doch so viel mit uns selbst zu tun haben? Über allen Nebeln ist Gott; der mag zusehen, daß alles mit rechten Dingen zugeht; der mag acht geben, daß sich der Faden der Geschlechter, welchen er durch die Jahrtausende von dem Erdknäuel abwickelt, nicht verwirrt. Nur weil sie abgewickelt werden, drehen sich Sonne, Mond, Sterne; -- von jeder leuchtenden Kugel läuft ein Faden zu dem großen Knäuel in der Hand Gottes, zu dem großen letzten Knäuel, in welchem jeglicher Knoten, der unterwegs entstanden sein mochte, gelöst sein wird, in welchem alle Fäden nach Farben und Feinheit harmonisch sich zusammenfinden werden.

Da ist solch ein Knötlein im Erdenfaden! wir finden es in unsrer Erdgeschichte am Ende des siebenzehnten und Anfang des achtzehnten Jahrhunderts nach Jesu Geburt, wo viel Sünde, Schande und Verderbnis sich häßlich ineinander schlingen, wo Krieg und Sittenlosigkeit das abscheulichste Bündnis geschlossen haben, daß das jetzige Gechlecht schaudernd darob die Hände über dem Kopfe zusammenschlägt.

Der Erzähler aber, des letzten großen knotenlosen Knäuels in der Hand Gottes gedenkend, schlägt nicht die Hände über dem Kopfe zusammen; -- den Handschuh hat er ausgezogen, mutig in die Wüstenei hineingegriffen, einen längst begrabenen, vermoderten, vergessenen Gesellen hervorgezogen. Da ist er -- =Stefano Vinacche= -- späterhin Monsieur Etienne de Vinacche, großer Arzt, berühmter Chemiker, -- Goldmacher, nächst Samuel Bernard der reichste Privatmann seiner Zeit!...

»Also Etienne,« sprach der Herzog von Chaulnes zu dem halb verhungerten, obdachlosen Vagabunden, »eine allerliebste Frau und eine vortreffliche Aussteuer....«

»_Servitore umilissimo!_«

»Und, Etienne, eine Empfehlung an meinen Freund, den Herzog von Brissac. Ihr geht nach Anjou, -- lebt auf dem Lande, wie die Engel _à la Claude Gillot_, -- ich besuche Euch -- stehe Gevatter --«

»Ah!« machte der Italiener mit einer unbeschreiblichen Bewegung des ganzen Oberkörpers.

»_Plait-il?_«

»O nichts, Monseigneur!« sagte der Italiener. »Ihr seid mein gnädigster, gütigster Herr und Gebieter.« Er machte eine Verbeugung bis auf den Boden.

»Wann soll die Hochzeit sein, Monseigneur?«

»So schnell als möglich -- ach!«

»Monseigneur seufzt?!« rief Stefano schnell. »Noch ist's Zeit, daß Monseigneur Sein Wort zurücknehme; Mademoiselle Bullot ist ein reizendes Mädchen; aber wenn Monseigneur die hohe Gnade haben wollte, mich wieder zu seinem Kammerdiener zu machen --«

»Nein, nein, nein, es bleibt dabei, Vinacche; Ihr heiratet die Schöne, und ich -- _ah notre Dame de Miracle_ -- ich will hingehen und sorgen, daß Madame von Maintenon und der Pater La Chaise davon zu hören bekommen. Also geht, Vinacche; bis zur Hochzeit gehört Ihr wieder zu meinem Haus. Der Intendant soll für Euch sorgen.«

»Monseigneur ist der großmütigste Herr der Welt!« rief Vinacche, dem Herzog die Hand küssend. Unter tiefen Bücklingen schritt er rücklings zur Tür hinaus, und tief seufzend blickte ihm sein Gönner nach.

Als sich die Tür hinter dem Italiener geschlossen hatte, murmelte dieser: »_Corpo di Bacco_, Achtung, Achtung, Vinacche, Stefano mein Söhnchen! Halte die Augen offen, mein Püppchen! Ist's mir nicht versprochen bei meiner Geburt, daß ich vierspännig fahren sollte in der Hauptstadt der Franzosen?!«

Drinnen rieb sich der Herzog die Stirn und ächzte:

»Ach, Madame von Maintenon ist eine große Dame! _Vive la messe!_«

Acht Tage nach dem eben Erzählten war eine Hochzeit in der Gasse Quincampoix. Der Wirt zum Dauphinswappen Claude Bullot verheiratete zu seiner eigenen Verwunderung und zur Verwunderung sämtlicher Nachbaren und Nachbarinnen seine hübsche Tochter mit einem ganz unbekannten jungen Menschen, der nicht einmal ein Franzose war. Mancherlei Glossen wurden darüber gemacht, und allgemein hieß es, Mademoiselle Bullot sei eine Törin, welche nicht wisse, was man mit einem hübschen Gesicht und tadellosen Wuchs in Paris anfangen könne.

Da aber Mademoiselle Bullot und Stefano Vinacche mit ziemlich vergnügten Mienen ihr Schicksal trugen, so mochten Papa und Nachbarschaft nach Belieben sich wundern, nach Belieben Glossen machen. Sämtliche Dienerschaft des Herzogs von Chaulnes verherrlichte die Hochzeit durch ihre Gegenwart; Flöten und Geigen erklangen in der Gargotte zum Wappen des Dauphins. Man sang, jubelte, trank auf das Wohl der Neuvermählten bis tief in die Nacht. Zuletzt artete das Gelage nach der Sitte der Zeit in eine wahre Orgie aus; blutige Köpfe gab's, und zum Schluß mußte der Polizeileutnant einschreiten und die ausgelassene Gesellschaft auseinander treiben. Am folgenden Tage machte das junge Paar sich auf den Weg zum Gouverneur von Anjou, dem Herzog von Brissac, einem »armen Heiligen, dessen Name nicht im Kalender steht«.

Ein tüchtiges Schneegestöber wirbelte herab, als der Wagen der Neuvermählten hervorfuhr aus der Gasse Quincampoix. Auf der Schwelle seiner Tür stand der Vater Bullot mit der Kellnerin Margot, und beide blickten dem Fuhrwerk nach, so lange sie es sehen konnten. Dann zog der Wirt zum Dauphinswappen die Schultern so hoch als möglich in die Höhe und trat mit der Picarde zurück in die Schenkstube, welche noch deutlich die Spuren der Hochzeitsnacht an sich trug.

»Alles in allem genommen, ist's doch ein Trost und ein Glück, daß ich sie los bin,« brummte der zärtliche Papa. »Es hätte noch ein Unglück gegeben; das war ja immer, als brenne der Scheuerlappen zwischen uns. Vorwärts, Margot! einen Kuß und an die Arbeit, mein Liebchen, auf daß das Haus rein werde.«

Liebe Freunde, wer das Leben Stefano Vinacches beschreibt, der muß recht acht geben, daß er seinen Weg im Nebel nicht verliere. Schattenhaft gleitet die Gestalt des Abenteurers vor dem Erzähler her, bald zu einem Zwerg sich zusammenziehend, bald riesenhaft anwachsend, gleich jener seltsamen Naturerscheinung, die den Wanderer im Gebirge unter dem Namen des Nebelgespenstes erschreckt. Bald klarer, bald unbestimmter tritt Stefano Vinacche aus den Berichten seiner Zeitgenossen uns entgegen. Wir wissen nicht, was ihn mit seiner Frau so schnell aus Anjou nach Paris zurücktrieb; wir wissen nur, daß am neunten April 1693, an dem Tage, an welchem Roger von Rabutin, Graf von Bussy, sein wechselvolles Leben beschloß, der Papa Bullot in höchster Verblüffung die Hände über dem Kopfe zusammenschlug, als er Tochter und Schwiegersohn zu Fuß, kotbespritzt, mit höchst winziger Bagage, durch die Gasse Quincampoix auf das Dauphinswappen zuschreiten sah. Der gute Alte traute seinen Augen nicht und überzeugte sich nicht eher von der Wirklichkeit dessen, was er erblickte, bis ihm Madame Vinacche schluchzend um den Hals fiel, und Stefano ihn herzzerbrechend anflehte, ihn und sein Weib für eine Zeit wieder unter sein Dach zu nehmen.

»Wir wollen auch recht artige Kinder sein!« bat Madame Vinacche.

»Und wir werden nicht lange Euch zur Last sein!« rief Stefano.

»_Diable! diable!_« ächzte Meister Claude Bullot, und Margot, die Picarde, gab ihm verstohlen einen Rippenstoß, daß er fest bleibe und sich nicht beschwatzen lasse.

Wer hätte aber den beredten Worten Stefano Vinacches widerstehen können? Das Ende vom Liede war, daß das junge Ehepaar mit seinen armen Habseligkeiten einzog in die Kneipe zum Dauphinswappen, und daß Meister Bullot und Margot, die Kellnerin, nachdem Madame Vinacche die Schwelle überschritten hatte, seufzend sich in das Unvermeidliche fügten.

»Ach, Margot, Margot, nun sind die schönen Tage wieder vorüber!« seufzte Meister Claude, und während die Heimgekehrten im oberen Stockwerk des Hauses ihre Einrichtungen trafen, saßen am Kamin in der leeren Schenkstube der Wirt und seine Kellnerin trübselig einander gegenüber und konnten sich nur durch das weise Wort, daß man das Leben nehmen müsse, wie es komme, -- trösten. Dann schlossen die beiden Parteien einen Kompromiß, in welchem festgestellt wurde, daß weder Monsieur Etienne noch Madame in die Angelegenheiten des Papas und der Kellnerin Margot sich mischen sollten, und daß sie durch ihnen passend scheinende Mittel für ihrer Leiber Nahrung und Kleidung selbst zu sorgen hätten. Wohnung, Licht und Feuerung versprachen Meister Bullot und Margot die Picarde zu liefern.

Feierlich wurde dieser Vertrag von einem Stammgast der Gargotte, dem Sieur Le Poudrier, einem Winkeladvokaten, verbrieft und besiegelt, und man lebte fortan miteinander, wie man konnte.

Da der Herzog von Chaulnes seine Verpflichtungen gegen das junge Ehepaar glänzend abgetragen zu haben glaubte, so floß die Quelle seiner Gnaden immer spärlicher und versiegte zuletzt ganz. Die Haushaltung im zweiten Stockwerk des Dauphinswappens mußte für Eröffnung anderer Geldquellen sorgen, zumal da noch im Laufe des Sommers ein kleiner Vinacchetto das Licht der Gasse Quincampoix erblickte. Die Not und der Zug der Zeit machten Stefano zu einem Charlatan; aber jedenfalls zu einem genialen Charlatan.

»_Anima mia_, laß den Mut nicht sinken, wir fahren doch noch vierspännig!« sagte er zu seiner hungernden Frau und fing an, den Nachbarn und Nachbarinnen, sowie den Gästen, welche die Gargotte seines Schwiegervaters besuchten, Mittel gegen das Fieber und andere unangenehme Übel zu verkaufen.

Allmählich verwandelte sich das Wohngemach der kleinen Familie in ein schwarzangeräuchertes chemisches Laboratorium; mit wahrer Leidenschaft warf sich Stefano Vinacche, obgleich er bis an sein Ende weder lesen noch schreiben lernte, auf das Studium der Simpla und der Mineralien.

Eine gewaltige Veränderung ging mit dem seltsamen Menschen vor; -- nicht mehr war er der vagabondierende Abenteurer, der das Glück seines Lebens auf den Landstraßen, in den Gassen suchte. Tag und Nacht schritt er grübelnd einher, das Haupt zur Brust gesenkt, die Arme über der Brust gekreuzt. Wer konnte sagen, was er suchte?

Eine fast ebenso überraschende Veränderung kam über das junge Weib Vinacches. Die frühere Mätresse des Herzogs von Chaulnes verehrte den ihr aufgedrungenen Mann auf den Knien, sie war die treuste, liebendste Gattin geworden, und ist es über den Tod Stefanos hinaus geblieben.

=Sie= konnte lesen, =sie= konnte schreiben: --wie viele alte vergilbte Bouquins hat sie dem suchenden Forscher, in stillen Nächten, während sie ihr Kind wiegte, vorgelesen!

Der Vater Bullot hatte nicht mehr Ursache, sich über das wilde, unbändige Gebaren seiner Tochter zu beklagen. Die eigentümliche Gewalt, welche Stefano Vinacche späterhin über die schärfsten, klarsten Geister hatte, trat auch jetzt in der engeren Sphäre schon bedeutend hervor. Papa Claude, Margot die Picarde, Gratien Le Poudrier der Rabulist, alle Nachbaren und alle Nachbarinnen beugten sich dem schwarzen, funkelnden Auge Stefanos. Der Stein war ins Wasser gefallen, und die Wellenringe liefen in immer weitern Kreisen fort; -- weit, weit über die Gasse Quincampoix hinaus verbreitete sich der Ruf Stefano Vinacches!

Unterdessen schlug man sich in Deutschland, Flandern, Spanien, Italien und auf der See. In Deutschland verbrannte Melac Heidelberg, und der Feldmarschallleutnant von Hettersdorf, der »die _poltronnerie_ seines Herzens mit großen _Peruquen_ und bebremten Kleidern zu bedecken pflegte«, -- Hettersdorf, der elende Kommandant der unglücklichen Stadt, wurde auf einem Schinderkarren durch die Armee des Prinzen Ludwig von Baden geführt, nachdem ihm der Degen vom Henker zerbrochen worden war. Aus Flandern schickte der Marschall von Luxemburg durch d'Artagnan die Nachricht vom Sieg bei Neerwinden. Roses in Katalonien wurde erobert. Zu Versailles, zu Paris in der Kirche unserer lieben Frau sang man _Te Deum laudamus_; aber im Bischoftum Limoges starben gegen zehntausend Menschen Hungers. Zu Lyon wie zu Rouen fiel das Volk in den Gassen wie Fliegen, und ihrer viel fand man, welche den Mund voll Gras hatten, ihr elendes Leben damit zu fristen.

Stefano Vinacche, nach einer Reise in die Bretagne, verließ die Gasse Quincampoix und das Haus seines Schwiegervaters und zog in die Gasse Bourg l'Abbé. Strahlend brach die Glückssonne Stefanos durch die Wolken. Fünf Monate war er in der Bretagne gewesen, und niemand hat jemals erfahren, was er dort getrieben, -- gesucht, -- gefunden hat! Zu Fuß zog er aus, in einer zweispännigen Karosse kehrte er zurück. Zwei Lakaien und ein Kammerdiener bedienten ihn in der Straße Bourg l'Abbé, wohin er aus der Gasse Quincampoix zog. Von neuem errichtete er in seiner jetzigen Wohnung seine chemischen Feuerherde, von neuem braute er seine Rezepte, und das Gerücht ging aus, Monsieur Etienne Vinacche suche den Stein der Weisen, und es sei Hoffnung vorhanden, daß er denselben binnen kurzem finden werde; und wieder tritt dem Erzähler der alte Gönner des unbegreiflichen Mannes, der Herzog von Chaulnes, entgegen, welcher ihm zum Ankauf von Kohlen, Retorten und dergleichen Apparaten zweitausend Taler gibt.