Der Junker von Denow; Ein Geheimnis; Ein Besuch; Auf dem Altenteil: Erzählungen
Part 4
Der junge Reiter erhob das Auge; es haftete auf dem jungen Mädchen, welches hinter der Reihe der begleitenden Hellebardierer die Hände ihm entgegenstreckte; -- ein trübes Lächeln glitt über das Gesicht Christophs, dann schüttelte er das Haupt; er wollte anhalten.
»Hast doch recht gehabt, Anneke!« lachte höhnisch Valentin Weisser, der Rosenecker. »Waren unsrer doch zu wenig. Puh -- 's ist am End einerlei -- Kugel oder Strick. Vorwärts, Junker Stoffel; ich tret' dir sonst die Hacken ab!«
»Vorwärts! vorwärts!« rief der Führer der Geleitsmannschaft -- vorüber schritt Christoph von Denow. --
Im Ring aber schwuren die Richter mit aufgerichtetem Finger und lauter Stimme:
»Ich lobe und schwöre, daß ich diesen Tag und alles dasjenige, was vor diesem Malefizrecht vorkommen wird, urteilen und richten will, es sei gleich über Leib und Blut, Geld oder Geldeswert, als ich will, daß mich Gott am Jüngsten Tage richten soll -- den Armen als den Reichen. Will hierinnen weder Freundschaft noch Feindschaft, Gunst noch Ungunst, weder Haß, Geschenke, Gaben, Geld ober Geldeswert ansehen, oder mich verhindern lassen! So wahr mir Gott helfe und sein heiliges Wort!«
Alle Beisitzer saßen darauf nieder an ihren Plätzen, und nur der Gerichtsschulze blieb stehen und tat eine Umfrage. Darauf verkannte er das Recht: erstens im Namen der heiligen unzerteilbaren Dreifaltigkeit, dann im Namen des Fürsten, dem Richter und Angeklagte als Kriegsleute geschworen hatten, zuletzt kraft seines eignen angeordneten Amts und Stabes, daß »keiner innerhalb oder außerhalb dem Rechten wolle einreden. Solle auch niemand einem Richter heimlich zusprechen. Dem Profoß solle eine freie Gasse gelassen werden, damit er guten Raum habe, damit er desto baß mit den Gefangenen vom Rechten ab- und zugehen möge, bei Pön eines rheinischen Gülden in Gold«.
»Derhalben,« fuhr er fort, »wer nun vor diesem Kaiserlichen Recht zu schicken oder zu schaffen hat, es sei gleich Kläger oder Antworter oder sonsten einer, der dem löblichen Regiment etwas anzuzeigen hat: die stehen in den Ring und klagen, wie man pflegt zu klagen und Antwort zu geben, auf Red und Widerred, wie in Kaiserlichen Rechten der Gebrauch ist. -- Gerichtswebel, habt Ihr gestern den Profoß, wie auch die Angeklagten fürgeboten, zitieret und geladen?«
Und der Gerichtswebel stand auf und antwortete: »Herr Schultheiß, ich habe sie gestern früh mit drei Trommeln an den vier Orten der Welt zitieret!«
Und des Regiments Profoß, Karsten Fricke, trat in den Ring, und der Gerichtswebel führt die Angeklagten hinein, jedes Fähnlein für sich zusammengeschlossen. --
VI.
Liege still, Kind,« sagte am zwanzigsten November bei Tagesanbruch auf der Hauptwache im Schloß zu Wolfenbüttel der Gefreite Arendt Jungbluth. »Liege ruhig und schlaf weiter: der Morgen ist dunkel und dräuet Schnee. Es geht noch nicht an.«
Anneke Mey hatte sich auf der harten Holzbank, erschreckt aus tiefem Traum auffahrend, in die Höhe gerichtet, bei dem Ruf der Wacht draußen, die zur Ablösung herausrief.
»Schlafe wieder ein, Anneke, ich wecke dich, wenn es Zeit ist,« sagte Arendt, die Sturmhaube auf den Kopf stülpend.
»Der letzte Tag!« murmelte das Soldatenkind, und das müde Haupt sank wieder zurück auf das harte Lager, die Augen schlossen sich wieder.
»Hui, der Wind -- Teufel!« brummte Arendt, als die Söldner wieder zurücktraten in die Wachtstube. »Schläft sie wieder? -- Richtig! ach, ich wollt', sie verschlief' es ganz. Ruhig, Kerle -- haltet eure Mäuler! Donner -- ist es nicht grad, als ob der Sturm den alten Kasten einem über dem Kopf zusammenreißen wollte? Das wird das rechte Wetter sein für die da draußen im Ring, das bläst ihnen die Urteile vom Munde weg. Wie sie da liegt! ist das nicht ein Jammer? Ich wollt', sie verschlief' die böse Stund.«
Wild jagte der Wind die schweren Schneewolken vor sich her und heulte und pfiff in den Gängen des Schlosses wie der böse Feind, klapperte mit den Ziegeln, rüttelte an den Fenstern und trieb die Wetterfahnen mit den Löwen auf den Turmspitzen im Kreise umher, heftiger und heftiger, wie der Tag zunahm.
Anneke Mey lag noch immer, nicht im Schlaf, sondern in stumpfsinniger Erschöpfung. Was kein Kriegszug vollbracht hatte, das hatten die letzten vierzehn Tage getan; sie hatten das Kind gebrochen, es matt und müd gemacht bis zum Tode. Vergeblich sahen sich diesmal auf ihrem Wege zum Gericht Christoph von Denow und Erdwin Wüstemann nach dem abgehärmten Gesicht ihres Schutzengels um.
»Gottlob, gottlob, sie verschläft's!« murmelte Arendt Jungbluth, sich über das Lager der Armen beugend.
Im Ring, unter dem düstern, schwarzen Himmel mit den jagenden Wolken las Friedrich Ortlepp, der Gerichtsschreiber, ein Todesurteil nach dem andern; einen Stab nach dem andern brach der Schultheiß und warf ihn auf den Richtplatz.
»Gnade Gott der Seelen in Ewigkeit. Amen!« sprach er bei jeder weißen Rute, welche zerknickt auf den Boden fiel.
Und jetzt -- jetzt der letzte Spruch!
»Auf eingebrachte Klage des Profoßen, Gegenrede des Beklagten, produzierte Kundschaft und Zeugnis, ist durch einhellige Umfrage zu Recht erkannt, daß -- =Christoph von Denow= nicht gebührt hat, sich für einen Vorsprecher bei der vorgesetzten Obrigkeit, noch für einen Hauptmann aufzuwerfen, noch die Befehle zu vergeben und auszuteilen, noch die Wacht zu bestellen. Warum er dem Profoß überantwortet werden soll, welcher ihn in sein Gewahrsam führen und ihn dem Nachrichter einantworten und befehlen soll, daß er ihn hinausführe und an den nächsten Galgen hänge und mit dem Strange zwischen Himmel und Erde erwürge, damit der Wind unter ihm und über ihn durchwehen könne, ihm zu verwirkter Strafe und andern zum abscheulichen Exempel!«
Wieder fiel der gebrochene Stab zu den anderen auf die Erde.
»Gnade Gott der Seelen in Ewigkeit, Amen!«
Auf die Knie stürzten dreiundachtzig der Verurteilten: »Gnade, Gnade! Gnade ist besser denn Recht!«
Hochauf richteten sich Christoph von Denow und Erdwin Wüstemann, und der Junker hob die gefesselte Rechte zum Himmel, während der Wind seine Locken zerwühlte und die Schneewolken sich öffneten und das weiße Gestöber wirbelnd herabfuhr:
»Keine Gnade! Recht! Recht! Recht ist besser denn Gnade!«
In den Ring sprang der Profoß mit der Wache und stürzte sich auf die Gefangenen -- wild und anhaltend brach das Geschrei des Volkes los, die Kommandoworte erschallten dazwischen, die Trommeln wirbelten, die Trompeten schmetterten, aus der Erde wurden die Waffen gerissen und hoch in die Luft geschwungen, die Fähnlein entfalteten sich im Winde. Die Krähen aber schossen in einem schwarzen Haufen herab von dem Schloßturm und umflatterten krächzend die Stätte des Gerichts. Gleich dem bewegten Meer wogte und donnerte das Volk, und durch die Menschenflut kämpfte sich mit zerrissenen Kleidern, losgegangenen Haarflechten Anneke Mey.
»Christoph! Christoph! O du heiliger Gott im Himmel! verloren! verloren!«
Dem Herzog am geöffneten Fenster seines Gemachs riß der Sturm den Griff des Flügels aus der Hand, daß er klirrend zuschlug. Über den Schloßhof schritt der Gerichtsschultheiß Melchior Reicharts mit den Hauptleuten Georg Frost, Peter Köhler, Heinrich Jordans und Moritz Ahlemann nach getaner Pflicht den jungen Fürsten, Zahlherrn und Kreis-Obersten für die Verurteilten zu bitten. Fridericus Ortlepius trug »fürsichtiglich und sorgsamlich« die Akten und Protokolle. Tief in die Nacht hinein saß der Herzog mit den sechs Männern über diesen Papieren. Vierundzwanzig Todesurteile bestätigte er, und unter diesen befand sich das Christoph von Denows. Zweiunddreißig der Verurteilten begnadigte er dahin, »daß sie zur Straf sich verpflichten sollen, im Land zu Ungarn auf dem Grenzhause Groß-Wardein wider den Erbfeind der Christenheit zu Wasser und zu Lande, in Sturm und Schlachten jederzeit, wie ehrlichen Kriegsleuten solches gebührt, sich gebrauchen zu lassen«. -- Siebenundzwanzig Männern wurde auf einen gewöhnlichen »Urfried« das Leben und die Ehre geschenket und sie ihrem Fähnlein wieder einverleibt. -- Zweien wurde das Leben und die Ehre ohne Bedingung geschenkt. Der erste war Erdwin Wüstemann, der andere ein Söldner, genannt Klaus Rischemann von Calvörde. Alle diese Schlüsse wurden den Gefangenen noch in derselben Nacht bekannt gemacht.
VII.
Der Schnee lag hoch in den Straßen und auf den Plätzen der Stadt und Festung Wolfenbüttel. Der Sturm hatte sich mit Anbruch des Tages ganz gelegt, es war wieder still und ruhig geworden, und leise träufelte es von den Dächern, denn die Luft war warm und mit Feuchtigkeit gefüllt; mit dumpfem Geräusch bewegte sich das Volk in den Gassen.
Die Fenster der Schloßkirche glänzten rötlich in die trübe Morgendämmerung herein, und feierlich erklang die Orgel und der Gesang vieler Menschenstimmen:
Allein zu dir, Herr Jesu Christ, Mein Hoffnung steht auf Erden. --
Im Schein der Lichter und Lampen erglänzte Harnisch an Harnisch in dem heiligen Gebäude: den Verurteilten sollte ihre letzte Predigt gehalten und das Abendmahl ihnen gereicht werden. Der junge Herzog saß in seinem Stuhl, das Gebetbuch vor sich; alle Offiziere der Besatzung waren in Wehr und Waffen zugegen, und die Wände entlang und im Schiff der Kirche drängte sich ein bärtiges ernstes Kriegergesicht an das andere. Die Vierundzwanzig, die sterben sollten, saßen auf einer niedern Bank unter der Kanzel, auf welcher der Magister Basilius im schwarzen Chorrock mit der Halskrause stand, bereit, seine Rede über die beiden Schächer am Kreuz zu beginnen. In einem dunkeln Winkel unter der Orgel stand Erdwin Wüstemann und hielt die schluchzende Anneke im Arm; um sie her knieten oder standen die vom Tode losgesprochenen Meuterer, denen man die Fesseln abgenommen hatte.
Und jetzt schwieg die Orgel und der Gesang. Das Wort des Evangelisten Lukas wurde gelesen:
»Aber der Übeltäter einer, die da gehängt waren, lästerte ihn und sprach: Bist du Christus, so hilf dir selber und uns! -- Da antwortete der andere, strafte ihn und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du in gleicher Verdammnis bist? Wir sind billig darinnen, denn wir empfangen, was unsere Taten wert sind; dieser aber hat nichts Ungeschicktes gehandelt! -- Und er sprach zu Jesu: Herr, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! -- und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir, heut wirst du mit mir im Paradiese sein!« --
Überlaut riefen bei diesen letzten Worten des Textes einige der Verurteilten: »Das helfe uns der allmächtige Gott!« und hoben die kettenklirrenden Hände gefaltet hoch empor. Das Auge Christoph von Denows aber leuchtete plötzlich in einem Glanz, welcher darin bereits für immer erloschen schien. Hatte er eine Vision? Rief ihm eine süße bekannte Stimme von oben? Erschien ihm winkend die tote Mutter?
Christoph von Denow war zum Sterben bereit. --
»Gott, Gott, laß so nicht das Haus Denow zu End kommen!« stöhnte in seinem Winkel Erdwin, der Knecht. »Herr, schenke du ihm einen adeligen Tod! Laß diesen Kelch an mir vorüber gehen!«
»Er soll mir den Kopf zertreten und über meinen leblosen Leib weggehen, wenn er mich nicht hören will!« sagte Anneke Mey tonlos.
Und Dominus Basilius Sadler begann seine Buß- und Trostpredigt und teilte sie in die zwei Punkte:
Erstlich, wie sich der »heilige« Schächer am Kreuz in einer letzten Not gehalten.
Zum andern, wie herrlich ihn Christus getröstet habe.
Der Himmel im Osten aber färbte sich immer purpurner, und die Lichter und Lampen der Kapelle erblaßten mehr und mehr vor dem Glanz, welchen Gott über die winterliche Welt leuchten ließ. Die Gefangenen neigten die Häupter tiefer und tiefer.
»-- Euer Weib und Kinder befehlet ihr, die ihr welche habt, Gott dem Allmächtigen, der ist der Waisen Vater und der Witwen Richter. Ist schon dieser Tod vor der Welt schmählich, so gedenket, wenn ihr euch bekehret, daß ihr Gottes Kinder seid, dann wird solch Leiden ehrlich und herrlich. Denn der Tod seiner Heiligen ist wert gehalten vor dem Herrn.« --
»Einen ehrlichen Tod! o Gott, schenke ihm einen adeligen Tod!« murmelte Erdwin, der Knecht.
»So gebe Gott der Allmächtige euch allen die Gnade seines heiligen Geistes, daß ihr euer' Sünd von Herzen erkennt und euch leid sein lasset, euch im wahren Glauben zu Christo wendet und darin bis ans Ende verharret, euer' Seel in Geduld fasset, allen Menschen von Herzen vergebet und verzeihet, heut, diesen Tag, Gott eure Seele opfert und überantwortet und am großen Tag des Herrn mit Freuden auferstehet und mit Leib und Seele ewig lebet! Amen, Amen, Amen!«
Der Sand war verlaufen in der Uhr auf der Kanzel. Der Herzog verließ mit seinen Hofbeamten seinen Stuhl, Anneke Mey verschwand von der Seite Erdwins, ohne daß dieser es bemerkte; -- unter den Klängen des alten traurigen Chorales: Wenn mein Stündlein vorhanden ist -- wurde den Verurteilten das Abendmahl gereicht.
Nun war auch das geschehen; in die letzten Klänge der Orgel mischte sich grell und schneidend ein anderer Klang -- der Schall des Armensünderglöckchens: Der Henker wartete an der Tür des Hauses Gottes!
Im langsamen Zug traten die Verurteilten und Gefangenen, von ihren Wächtern umgeben, hinaus aus der Schloßkirche, vor welcher sie die harrende Menge mit wildem Geschrei und Droh- und Schmähworten empfing. Der schwere Gang begann, in das goldne Morgenrot hinein, über den Schloßplatz, die Dammbrücke, durch die Heinrichsstadt dem Kaisertor zu. Alle Gassen, durch welche der Zug ging, waren mit herzoglichen Reitern und den gewaffneten Bürgern besetzt, um den Andrang des Volks zu bändigen.
Vor dem Kaisertor waren die vier Galgen gebaut, woran die vierundzwanzig Leben enden sollten. Fast eine halbe Stund verging, ehe die Verurteilten unter ihnen standen. Der Ring war geschlossen auf zwei Seiten von den Hellebardierern, auf den beiden andern Seiten von den Musketenschützen, deren Röhre auf den Gabeln lagen, deren glimmende Lunten zum augenblicklichen Gebrauch aufgeschroben waren. Dicht vor dem Gefreiten Arendt Jungbluth hielten sich Erdwin Wüstemann und der Junker Christoph von Denow.
Der Alte hatte den Arm um seinen jungen Herrn geschlungen, und dieser das Haupt an die Brust des treuen Knechts gelegt. Sie sprachen leise zueinander.
»Weiß nicht, wo sie geblieben ist! weiß nicht, wo sie bleibt!« sagte der Alte.
»Sie hat mich nicht sterben sehen wollen; -- 's ist auch besser so! O schütze sie -- halte sie, trag sie auf den Händen und im Herzen und verlaß sie nie und nimmer -- ich will meiner Mutter von ihr sagen, wenn ich zu ihr komm'.«
»O Junker, Junker, und Euer Vater« --
»Vergiß nicht, was du ihm versprochen hast.«
»Es wird geschehen, so wahr mir Gott helfe!« sagte dumpf der Alte.
»Schau, es geht an -- da hast du den Ring -- mein Schwert liegt versenkt im Moor, es ist ein gutes, tadelloses Schwert geblieben! -- Ihr sag -- o Anneke! Anneke!« Der Junker brach ab; er vermochte es nicht, weiter zu sprechen.
Unterdessen war eine Totenstille in der Menschenmenge eingetreten, die aber jedesmal, wenn die Henker einen der Meuterer des Reichsheeres von der Leiter stießen, in ein gräßliches, langanhaltendes Geheul, durch welches scharf das Wirbeln der Trommel klang, überging. -- -- Dreiundzwanzig Mal hatte das Volk aufgeschrien. --
»Christoph von Denow!« rief nun der Profoß mit lauter Stimme.
Zum letztenmal lagen sich Christoph und Erdwin in den Armen.
»Lebe wohl! lebe wohl!« flüsterte der erste -- »vergiß nicht!« --
»So gnade Gott mir und Euch!« schrie der Knecht Wüstemann und strich die langen greisen Haare aus der Stirn zurück. Der Junker von Denow stand am Fuße der Leiter!
Er drückte die Hand auf das Herz und setzte den Fuß auf die erste Staffel: »O Anneke, süße Anneke!«
Der Gedanke kam ihm, er würde sie erblicken in der Menge, welche wieder in unheimlichster Stille den Richtplatz bedeckte; mit einem Sprung war er oben an der Seite des Henkers, der ihn mit dem Strick in der Hand erwartete. Er stieß die Hand desselben zurück -- seine Augen schweiften über all die Tausende emporgerichteter Gesichter. --
»O Anneke Mey, liebe Anneke, wo bist du? wo bist du? weshalb hast du mich verlassen?!«
Wieder streckte der Henker die Hand nach ihm aus; er hielt ein Blech, auf welchem die Worte standen »Meutmacher und Meineidiger« und wollte es dem Verurteilten an einem Bande um den Hals werfen.
»Lebe wohl, süße Anneke Mey!« flüsterte Christoph von Denow; er schlug die Hand des Henkers abermals zur Seite, klirrend fiel das Blech, die Leiter nieder, zur Erde. --
Mit einem wilden, entsetzlichen Schrei sprang Erdwin Wüstemann einen Schritt zurück, mit einem Griff riß er das Feuerrohr aus den Händen Arendt Jungbluths und an seine Wange. Der Schuß krachte -- »Gnade Gott mir und dir!«
»Dank, Erdwin -- hast -- Wort gehalten!« sprach Christoph von Denow. Er schwankte -- breitete die Arme aus: »Lebe -- wohl -- süße -- Anneke!« Der entsetzte Henker wollte ihn halten, aber im dumpfen Fall stürzte der Körper die Leiter herab in den blutigen Schnee.
Aufbrüllte die Menge und tobte durcheinander, der Ring löste sich -- die Offiziere, die Beamten, der Gewaltiger stürzten sich auf den Knecht Erdwin, welcher regungslos dastand, das abgeschossene Rohr in der Hand.
Und jetzt ein neues Geschrei von der Stadt her: »Haltet, haltet!«
Ein Reiter mit einem Papier in der Hand, im Galopp ansprengend! Ihm nach ein zweiter Reiter, vor sich auf dem Pferd ein halbohnmächtiges, todtbleiches Mädchen. --
»Halt, halt! Befehl, den Verurteilten Christoph von Denow zurückzuführen ins Gewahrsam!«
Anneke Mey leblos auf dem leblosen Körper des Erschossenen -- Erdwin Wüstemann besinnungslos in den Armen Arendt Jungbluths -- -- -- Trompetenschall von der Torwache; von der Stadt her eine neue Reiterschar: »Der Herzog! der Herzog! -- Zu spät! zu spät!« -- -- -- --
In dem wiedergebildeten Ring hielt der junge Fürst mit seinem Gefolge; vor ihm stand barhäuptig der Profoß neben der schrecklichen Gruppe am Boden und erzählte das Vorgefallene. Als er geendet, stieg der junge Fürst ab von seinem Hengst und näherte sich dem treuen Knecht des Hauses Denow:
»Weshalb hast du das getan?«
Der Angeredete blickte irr und wirr im Kreise umher, antwortete nicht, sondern brach nur in ein herzzerreißendes Gelächter aus.
Der Herzog legte die Hand an die Stirn; -- dann wandte er sich:
»Hebt doch das Kind von der Leiche!«
Der Leutnant von der Festung, Johannes Sivers, beugte sich nieder, um dem Befehl nachzukommen. Es gelang ihm mit Mühe:
»O gnädiger Gott, tot, tot, fürstliche Gnaden!«
Ein dumpfes Gemurmel ging durch die lauschende Menge; der Fürst schritt finster sinnend einige Minuten auf und ab. Dann hob er das Haupt:
»Bei meinen Vätern, ich glaub', da ist ein bös Ding getan! leget die Dirne und den toten Knaben auf die Gewehrläufe -- es ist Unsere Meinung und Wille, daß das Gericht wieder beginne. Wir sind entschlossen, selbsten im Ring zu sitzen!«
Während dieser letzten Worte hatte sich Erdwin Wüstemann langsam aufgerichtet; jetzt stand er wieder fest auf den Füßen. Der Herzog bemerkte es, er legte ihm die Hand auf die Schulter:
»Ihr habet hart und schnell in unser Gericht eingegriffen. Stehet zu mir nun auch im Ring, daß die Wahrheit an den Tag kommt! Nachher, wenn's sich ausgewiesen hat, wie ich es mir zusammendenke, wollen Wir, daß Ihr die dort gen Ungarn führet als Unser Ehrbarer, Mannhafter und Getreuer! Höret Ihr, Hauptmann Erdwin Wüstemann?! Nun hebet die Leichen und rühret die Trommeln -- fort! fort!«
Über der blutigen Morgenröte hatten sich die Wolken wieder dunkel zusammengezogen. Wieder sanken leise einzelne weiße Flocken herab. Sie mehrten sich von Augenblick zu Augenblick und deckten bald, einem Leichentuch gleich, die Körper Christophs und Annas, wie sie durch die Gassen der Stadt Wolfenbüttel, dem Zuge der Krieger und Bürger voran, dicht hinter dem Gefolge des Herzogs, welcher mit gesenktem Haupte vorausritt, der Gerichtsstätte am Schloß zugetragen wurden. Der alte Knecht Erdwin ging neben seinem jungen Herrn her; aber er wußte nichts davon -- dunkel war es in ihm und um ihn! --
=So starb der Junker Christoph von Denow eines adeligen Todes!=
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I.
In der Gasse Quincampoix.
Wenn man bedenkt, was für wunderliche Geschichten in dieser Welt tagtäglich geschehen, so muß man sich sehr wundern, daß es immerfort Leute gegeben hat und noch gibt, welche sich abmühten und abmühen, selbst seltsame Abenteuer zu erfinden und sie ihren leichtgläubigen Nebenmenschen durch Schrift und Wort für Wahrheit aufzubinden. Die Leute, die solches tun, verfallen denn auch meistens -- wenn sie ihr leichtfertig Handwerk nicht ins Große treiben und was man nennt große Dichter werden, -- der öffentlichen Mißachtung als Flausenmacher und Windbeutel, und alle Vernünftigen und Verständigen, die sich durch ein ehrlich Handwerk ernähren, als wie Prediger, Leinweber und Juristen, Bürstenbinder, Ärzte, Schneider, Schuster und dergleichen, blicken mit mitleidiger Geringschätzung auf sie herab, und das mit Recht!
So sage ich denn reu- und wehmütig _confiteor, confiteor; -- mea culpa, mea culpa!_ so beginne ich denn meine -- =wahre Geschichte=.
Es war in dem durch die Seeschlacht von La Hogue für das Glück und den Glanz des französischen Königs und Volkes so unheilvollen Jahre 1692. Viel Not und Elend herrschte im Lande; in Guienne, Bearn, Languedoc und der Dauphinée starben die Menschen zu Tausenden vor Hunger; Bankerotte, greuliche Mordtaten, Aufstände waren an der Tagesordnung; -- es war, als wolle es abwärts gehen mit dem großen Louis. Es regnete, und der Novemberwind fuhr in kurzen Stößen scharf über die Stadt Paris und durch die Gasse Quincampoix, welche letztere gar wüst, schmutzig und verwahrlost ausschauete. Und sah die Gasse Quincampoix an diesem düstern Novembernachmittag häßlich aus, so gewährten die Menschen, welche sie bevölkerten, einen noch schlimmern Anblick. War es nicht, als ob das allgemeine Unglück jedem Gesicht seinen Stempel aufgedrückt habe? -- O wie verkommen erschien diese französische Nation, welche sich für die erste der Welt hielt.
Vier Uhr schlug's, als ein junger Mensch von ungefähr achtundzwanzig Jahren, hager, bleichgelblich von Gesicht, schwarzhaarig, schwarzäugig, in luftigen, ärmlichen, schäbigen Kleidern, in der Gasse Quincampoix in die Kneipe zum Dauphinswappen trat, um seine letzten Sols an eine Mahlzeit zu wenden. =Stefano Vinacche= hieß dieser junge Mann; ein Neapolitaner war er von Geburt, ein Abenteurer vom reinsten Wasser. Als er in die Gargotte eintrat, herrschte in derselben ein wahrer Höllenlärm; ein Sergeant vom Regiment Villequier war mit einem Kornet vom Regiment Ruffey über dem Spiele in Streit geraten, ein Perückenmacher zankte mit einem Lakaien der Prinzessin von Conti über die Frage: ob es recht sei, daß Monsieur de Pomponne, der Staatsminister, so viel einzunehmen habe, als ein Prinz von Geblüt; -- andere Gäste unterhielten sich über andere Gegenstände mit so viel Lärm als möglich. Im Hinterzimmer, welches an die Kneipstube grenzte, war ein äußerst hitziger Wortkampf ausgebrochen zwischen dem Wirt zum Dauphinswappen, Claude Bullot, und seiner hübschen galanten Tochter, -- kurz, alles ging drunter und drüber, und nur Margot die Kellnerin, eine Picarde, bewahrte ihren Gleichmut, blickte vom Kamin aus mit untergeschlagenen Armen in das Getümmel und gab Achtung, daß dem Sergeanten und dem Kornet jede zerbrochene Flasche, jedes zertrümmerte Glas richtig angekreidet wurden. Margot die Picarde wußte, daß im Notfall die Marechaussée in der Gaststube alles schon ins Gleichgewicht bringen würde, und was im Hinterzimmer vorging, zwischen ihrem Herrn und der Mademoiselle, machte ihr das höchste Vergnügen. --