Der Junker von Denow; Ein Geheimnis; Ein Besuch; Auf dem Altenteil: Erzählungen
Part 3
Was hatte das andächtige Volk? Statt ruhig und gemessen wie gewöhnlich am heiligen Sonntag ihren Wohnungen und dem Sonntagsbraten zuzuschreiten, blieben die Männer in Gruppen auf dem Kirchplatz stehen und steckten die Köpfe zusammen; selbst die Weiber waren von derselben Aufregung ergriffen. Kaum war nämlich der letzte Orgelton verhallt, so durchzitterte von der Dammfestung her ein anhaltender Trommelwirbel die stille Luft und schwieg dann einige Augenblicke. Darauf näherten sich die kriegerischen Klänge im Marschtakt, und manche der Bürger eilten ihnen, ihre Knaben an der Hand, entgegen; der größte Teil der Menge blieb jedoch zurück und erwartete die Dinge, welche da kommen sollten. »Nun geht es an! Das ist der Beginn!« hieß es unter dem Volk.
»Das ist der Gerichtswebel, Martin Braun von Kolberg,« sagte ein Goldschmied, der von allem genau Bescheid wußte. »Der verkündet nun das kaiserliche Malefizrecht an allen vier Orten der Welt.«
»Sie kommen! sie kommen!« hieß es unter der Menge, und eine Gasse bildete sich jetzt, um die Nahenden durchzulassen. Von der Dammbrücke her durchzog mit seinen drei Trommlern der Gerichtswebel, begleitet von einigen Hellebardierern, feierlich und langsam die Heinrichsstadt gegen das Kaisertor hin.
Wir lassen ihn ziehen und lassen das Volk seine Betrachtungen anstellen und schreiten quer über den Platz vor der Marienkapelle, durch die Löwenstraße, über die Dammbrücke an dem Schloß vorüber nach dem Mühlentorturm, dessen Eingänge von einer stärkern Wache als gewöhnlich umgeben sind. Wir führen den Leser in das obere Stockwerk des Gebäudes. Ein weites Gewölbe tut sich uns hier auf, so dunkel, daß das Auge sich erst an die Finsternis gewöhnen muß, ehe es irgend etwas in dem Raum erkennen kann. Ist das geschehen, so bemerken wir, daß das trübe, herbstliche Tageslicht, durch viele, aber enge und stark vergitterte Fenster fällt. Die Wände entlang ist Stroh aufgeschichtet, auf welchem dunkle Gestalten in den mannigfaltigsten Stellungen und Lagen sich dehnen. Von dunkeln Gestalten sind auch einige hie und da aufgestellte Tische umgeben. Ein Kohlenfeuer glimmt in dem Kamin unter dem gewaltigen Rauchfang. Allmählich erkennen wir mehr in dem dunsterfüllten Raume: bleiche, wilde Gesichter, umgeben von wirren zerzausten Haaren, schlechtverbundene, mit blutigen Binden umwickelte Glieder. Ein leiseres oder lauteres Klirren und Rasseln von Ketten erschreckt uns; -- wir sind unter den -- Meuterern von Rees! Gekommen ist's, wie es kommen mußte; morgen wird der Obriste des niedersächsischen Kreises, Herr Heinrich Julius von Braunschweig, das Gericht über sie angehen lassen. Dumpf tönt der ferne Trommelschlag des um die Wälle der Festung ziehenden Gerichtswebels Martin Braun in ihr Gefängnis herüber. Lauschen wir ein wenig den Worten der gefangenen wilden Gesellen!
»Ta, ta, ta! Was das für ein Wesen ist? Sollte man nicht meinen, der Teufel sei den Kerlen in den Lärmkasten gefahren? Es gehet alles zum Schlechteren, selbsten das Trommelschlagen,« sagte eine baumlange Gestalt, sich über die Genossen erhebend.
»Sollt' meinen, Valtin, wir hätten uns um anderes zu kümmern als den Trommelschlag,« sagte unwirsch ein zweiter Söldner.
Valentin Weisser ließ sich jedoch nicht von seinem Thema abbringen. »Horchet nur, ist das die alte freudige deutsche Art? Aber jetzt will jeder ein Neues einbringen! Auch die Hispanier machen's so; da lob' ich mir die Italiener, die haben aufgehoben, was wir nicht mehr mochten, und ziehen mit den fünf gleichen Schlägen bis ans Ende der Welt. Topp, topp, topp, topp, topp! das erwecket das Herz zu Freud und Tapferkeit und hilfet zu Leibeskräften. Topp, topp, topp, topp, topp! Hüt dich Bau'r, ich komm'! -- das ist's! oder --«
»Hauptmann, gib uns Geld!« fiel lachend ein Dritter ein.
»Füg dich zu der Kann!« brummte Hans Römer von Erfurt, der Schmerbauch.
»Mach dich bald davon!« sang eine schrille Stimme dazwischen.
»Hüt dich vor dem Mann!« brummte Jobst Bengel von Heiligenstadt. »Möchte nur wissen, wie lang wir noch in diesem Loch stecken sollen? Alle blutigen Teufel, ich wollt', der Blitz schlüg' gleich mitten unter uns, und nähme uns mit herauf oder herunter, ins Paradies oder die Hölle! 's sollt' mir gleich sein -- 's wär' wenigstens eine Veränderung!«
»Das greuliche Fluchen ist auch nicht an der Zeit!« sagte eine ernste und finstere Stimme.
»Hilft auch zu nichts, Meister Wüstemann,« grinste der Vorige wieder. »Dem Galgen entläuft man nit so leichtlich -- mit Verlaub, Junker, das war nicht auf Euch gesagt.« Wir folgen dem höhnischen Blick des Sprechenden. Neben dem Kamin, an die feuchtschwarze Wand gelehnt, steht Christoph von Denow, gebrochen an Leib und Seele. Er schaute starr, gradaus vor sich hin, bei den Worten Jobsts aber fuhr er auf, sank jedoch in demselben Augenblick mit einer abwehrenden Bewegung der Hand in seine vorige Stellung zurück. Die Entgegnung übernahm Erdwin Wüstemann, der drohend seine gefesselten Fäuste nach dem schon zurückweichenden Jobst ausstreckte: »Den Schädel zerschmettere ich dir an der Wand, wenn du den Rachen nicht hältst, du Sohn einer Hündin -- sage noch ein Wort --«
»Auf ihn! so ist's recht!« schrien einige der Gefangenen. »Halt, halt! trennt sie!« riefen andere.
»Seid ruhig, Erdwin,« sagte der Junker, »laß ihn, Alter, -- er hat recht, der Strick des Hangmanns droht uns allen.«
»Euch nicht! Euch nicht!« rief der alte Wüstemann, die ihm entgegengestreckte Hand seines Schützlings fassend. »O Ihr -- Ihr in diesen Banden -- das Herz bricht mir darüber -- o die Schurken, die Schurken!«
Ein Murren, welches bald in lautere Drohungen überging, folgte den Verwünschungen des Alten, der alle ihn Umgebenden mit allen Flüchen überhäufte, welche ihm auf die Zunge gerieten.
Wer weiß, was geschehen wäre, wenn man nicht plötzlich draußen vor der eisenbeschlagenen Tür des Gefängnisses Schritte und eine befehlende Stimme vernommen hätte. Hellebardenschäfte und Musketenkolben rasselten nieder auf den Steinboden. Eine allgemeine Stille trat ein unter den Gefangenen, die Schlösser der Tür kreischten und knarrten. Sie öffnete sich, ein Gefreiter mit der Partisane auf der Schulter schritt herein mit zwei Büchsenschützen, deren Lunten glimmten. Ihnen folgte ein kleines schwarzes Männlein, welchem zur Seite, von Kopf bis zu Fuß geharnischt, der Leutnant der Festung, Hans Sivers, sich hielt. Durch die geöffnete Tür sah man den Gang angefüllt mit Bewaffneten von der Besatzung.
»Tut Eure Pflicht, Herr Notarius!« sagte der Leutnant, und das kleine schwarze Männlein -- Herr Friedericus Ortlepius, _notarius publicus_ und des peinlichen Gerichts zu Wolfenbüttel bestallter und beeidigter Gerichtsschreiber, räusperte sich, nahm das Barett vom Haupt und entfaltete ein Papier, welches er in der Rechten trug. Ein Söldner, der eine Lampe hielt, näherte sich. Der Leutnant hob den Arm gegen die Gefangenen, abermals räusperte sich Herr Ortlepius und las dann seine Schrift ab wie folgt:
»Daß der Hochwürdige, Durchlauchtige, Hochgeborne Fürst und Herr, Herr Heinrich Julius, postulierter Bischof des Stifts Halberstadt, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg, unser allerseits gnädiger Fürst und Herr, unlängst nach Besage und Inhalt des Koblenzschen Abschieds, als verordneter Kriegsobrister dieses niedersächsischen Kreises, zur Beschützung des lieben Vaterlandes wider das tyrannische Einfallen des hispanischen Kriegsvolkes, unter andern ein Regiment deutscher Knechte von dreizehn Fähnlein hat werben lassen, solches ist _notorium_ und männiglich bekannt. Sind dieselben auch nachher von Seiner Fürstlichen Gnaden selbst gemustert, bewehrt, und haben sie in derselben persönlichen Gegenwart in dem Ring, altem löblichem Kriegsgebrauch nach, auf den Artikulbrief geschworen.
Ob nun wohl I. F. G. sich gänzlich versehen und verhofft, nachdem I. F. G. es so treulich gemeinet, auch dem gemeinen Vaterland zum Besten es sich so sauer haben werden lassen, -- es würde gemeldetes Regiment sich vermöge geschworenen Eides, Treu und Pflicht, wie Solches ehrlichen, redlichen Kriegsleuten eignet und gebühret, verhalten haben, so hat sich aber befunden, daß zehn Fähnlein von solchem Regiment, ohne einige rechtmäßige gegebene Ursach, wider ihre geschworene Treu und Pflicht, I. F. G. zu sonderlichen Schimpf, der ganzen deutschen Nation zum sonderlichen Spott und Hohn, dieser Kriegsexpedition zum Nachteil, dem Feind aber zum Frohlocken mit fliegenden Fähnlein aus dem Felde gezogen sind. Haben ihre verordnete Obrigkeit nicht bei sich leiden wollen, auch in solcher Meuterei so lange kontinuiret, bis daß I. F. G., zur Erhaltung Deroselben Autorität, ein' Ernst zu diesen Sachen haben tun müssen, und sie durch ihren damaligen Statthalter und Generallieutenant den Wohlgebornen und Edeln Grafen Philipp zu Hohenlohe, auf der Heide zwischen der Ucht und Barenburg, hinter dem Moor, genannt das hessische Darlaten, haben trennen und zum Gehorsam bringen lassen. Und obwohl I. F. G. damals nach Kriegsgebrauch und scharfen Rechten sie zu massakrieren und sämtlich zu Schelmen zu machen, und über sie als Schelmen die Fähnlein abreißen und schleifen zu lassen, befugt gewesen sein, so haben doch I. F. G. zu Deroselbst eigenen Glimpf den gelindesten Weg für die Hand nehmen wollen und haben sich resolviret, euch die bestrickten Knechte, welche eines Teils bei I. F. G. als die Prinzipalisten Meutemacher angegeben sind, andernteils von ihren eigenen Spießgesellen dafür geliefert worden sind, -- vor ein öffentlich Malefizrecht stellen zu lassen.
So fordere ich also auf unsers allerseits gnädigen Fürsten und Herrn gnädigen Befehl euch: Christoph von Denow, Detlof Schrader von Rendsburg, Erich Südfeld von Hannover usw. usw. -- so fordere ich euch auf morgen früh um sieben Uhr, das ist den fünften November dieses Jahres Eintausendfünfhundertneunundneunzig vor kaiserliches Recht in den Ring, wo ihr gerichtet werden sollt, wie es am Jüngsten Tage vor Gott dem Allmächtigen, wenn Gottes Sohn kommen wird zu richten die Lebendigen und Toten, zu verantworten ist!« -- --
Fünfundachtzig Namen rief der Notarius Friedrich Ortlepp auf, und jeder der Gefangenen antwortete durch ein: »Ist hier gegenwärtig.« Als die Liste zu Ende gebracht war, hob der kleine schwarze Mann noch einmal, lächelnd, die bebrillte Nase und ließ seine Äuglein wohlwollend über die Gefangenen hingleiten; dann nickte er dem Geharnischten zu, dieser winkte dem Gefreiten, welcher seine Partisane anzog, sein Kommandowort rief. Die Musketierer schulterten ihre Büchsen, und die Beamten schritten heraus aus dem Gewölbe, dessen Tür sogleich hinter ihnen wieder zufiel.
Noch einen Augenblick tiefster Stille, dann ein dumpfes Gemurmel, dann wildester Losbruch aller mächtig zusammengepreßten Gefühle und Leidenschaften der gefesselten Meuterer! Ein wildes Durcheinander, -- Ausrufe des Zorns, des Hohns, der Besorgnis, der Angst, -- Kettengerassel!
»O Junker, Junker!« rief verzweiflungsvoll der Knecht Erdwin, das Haupt seines jungen Herrn an seine breite Brust ziehend. »O Junker, Junker, wenn das Euer Vater erlebt hätte!«
»Ja, meine Mutter, meine Mutter! 's ist gut, daß sie tot ist!« seufzte Christoph von Denow, die Hand über die Augen legend. -- -- -- -- -- --
In den überfüllten Schenken der Stadt erschallte der tobende Gesang der zum Kriegsgericht eingeforderten Söldner und Hauptleute; viel Zank und Streit blieb nicht aus in den Gassen. Die Bürger zeigten sich nicht allzuhäufig außerhalb ihrer Haustüren, und wenn es ja einen Nachbar oder Gevatter allzusehr drängte, die Ereignisse des Tages mit einem Gevatter oder Nachbar zu besprechen und abzuhandeln, so schlich er so vorsichtig als möglich im Schatten der Hauswände dahin. Der Nebel ward dichter und dichter, je mehr die Dämmerung Besitz ergriff von Stadt und Land. Der Herzog auf dem Schloß ließ mehr Holz in den Kamin seines Gemaches werfen, und der Geringste seiner Untertanen ahmte ihm darin so gut als möglich nach. Immer unfreundlicher ward die Nacht.
Auf dem Prellsteine unter dem Torgewölbe des Mühlenturmes kauerte eine weibliche, verhüllte Gestalt. Einen grauen Mantel von schwerem, grobem Tuch hatte sie dicht um sich geschlagen, das spitze Hütlein, durch welches ein klein rundes Loch ging, gleich der Spur einer Büchsenkugel -- tief in die Stirn gedrückt; ein Bündel lag neben ihr. Das war Anneke Mey aus Stadtoldendorf!
Ihr Haupt stützte sie auf beide Hände und starrte regungslos auf die schwarzen Massen des fürstlichen Schlosses, welches jenseits des Ockergrabens hoch emporragte in den dunkeln Nachthimmel, und in welchem hie und da ein erleuchtetes Fenster schimmerte. -- So hatte Anneke den ganzen lieben langen Tag über gesessen, so saß sie noch, als es schon vollständig Nacht geworden war, und die Ronde sich näherte, das Tor zu schließen.
»Sitzt die Dirn da noch!« rief der Weibel. »Heda, Schätzchen, fort mit dir, daß dir das Fallgatter nicht auf den Kopf fällt. Marsch, Liebchen! weiß nicht, was du hier suchen könntest?« Anneke rührte sich nicht von ihrem Platze.
»Na, wird's bald? Nimm Vernunft an, Kind, 's gibt wärmere Nester.« Damit faßte er den Arm der Kauernden, um sie in die Höhe zu ziehen.
»O lasset mich hier! lasset mich hier!«
»Hoho, geht nicht, geht nicht. Aber nun lasset doch auch einmal Euch ins Gesicht schauen. Hebt die Laterne hoch! Mädel, Kopf in die Höhe!«
Der Schein der Laterne fiel in das bleiche gramvolle Gesicht des Mädchens. --
»Alle Teufel, das ist ja die Anneke, die Anneke Mey von Rees her!« rief einer der Büchsenschützen sich vordrängend. »Weibel, mit der mußt du säuberlich umgehen. Fürcht dich nit, Anneke -- wo kommst du her?«
»Aus dem Moor, aus dem hessischen Darlaten, Arendt Jungbluth!« sagte Anneke tonlos.
»Wo sie die Meutmacher niedergelegt haben? Ei, ei, Anneke, und du bist mit ihnen gezogen?«
»Sie sind im Wald über uns gekommen, weil sie der Graf von Hollach abgedrängt hatt' von der Weser, und sie haben den Junker aufs Pferd gezwungen, und er hat nichts anders gekonnt, er hat sie müssen führen; nun aber haben sie doch geraubt und gebrannt und sind gezogen, wo sie wollten, und wir haben müssen mit ihnen durch die Wiehenberge, ins Land Hoya. Da ist es zum Ende gekommen -- da hat uns der Graf gestellt, und Hans Niekirche ist tot, ist auch nicht heimgekommen zu seiner Mutter -- Gnade Gott uns allen!«
Lautlos umstanden die Söldner das junge Mädchen; endlich sagte der Weibel: »So ist es geschehen, dagegen kann keiner sagen -- arm Mädel, was sitzest nur hier auf dem kalten Stein?« Stumm deutete Anneke nach dem Gefängnis im Turm über ihr; dann sagte sie: »Sie führten uns zuerst auf das feste Haus Stolzenau; nun sind wir hier zum Gericht!«
»Und der Junker, von welchem du gesprochen hast, ist da oben bei den andern?« fragte der Weibel.
Anneke nickte.
»Das ist der Knab Christoph von Denow, von den Reitern?« fragte wieder der Gefreite Arendt Jungbluth, welcher zuerst Anneke erkannt hatte. »Ist das dein Schatz?«
Ein leises Zittern überlief den Körper des Mädchens, sie antwortete nicht und schüttelte das Haupt und senkte das Gesicht in die Hände und legte den Kopf auf die Knie.
»Arm Kind! arm Mädel!« murmelten die Krieger. »Aber sie kann hier nicht bleiben,« brummte der Weibel. »Wir müssen fort, der Böse fährt uns sonst auf den Buckel!«
»Lasset mich einmal mit ihr sprechen,« sagte Arendt Jungbluth. Er beugte sich nieder zu der Armen und flüsterte ihr zu; plötzlich stieß sie einen Schrei aus, einen Freudenschrei und stand auf den Füßen: »Wirklich, wirklich? Ihr könnt? Ihr wollt? O, Gott segne Euch tausendmal!«
»Herauf die Brücke! Herunter das Gatter! Ist's geschehen? -- Fort nach der Schloßwach! -- Jürgen, marsch, voran mit der Laterne!« kommandierte der Weibel. »Anneke, Ihr gehört zu uns, niemand tut Euch was zu Leid. Marsch, marsch!«
Die Hellebarden lagen wieder auf der Schulter: inmitten der Wachtmannschaft ging Anneke Mey, und Jürgen trug außer der Laterne auch noch das Bündlein des Soldatenkindes.
V.
Eins schlug die Uhr des Schloßturmes, und die Krähen fuhren auf aus ihren Nestern und umflatterten krächzend die Spitze und die Wetterfahne, bis der Klang ausgezittert hatte.
»So geh zu ihm!« flüsterte Arendt Jungbluth. »Um drei Uhr ist meine Wacht zu Ende, dann klopf' ich und du kommst heraus. Nun gehab dich wohl; des Wärtels Margaret lauert drunten am Gang.«
»Dank Euch, dank Euch!« flüsterte Anneke Mey. Die Gefängnistür im Mühlenturm öffnete sich kaum weit genug, um das schmächtige junge Mädchen einzulassen, und schloß sich sogleich wieder.
Die qualmende Hängelampe war wie ein roter Punkt in dem dunsterfüllten Raume anzuschauen; die meisten der Gefangenen schnarchten auf dem Stroh die Wände entlang, viele hatten aber auch die Köpfe auf den Tisch gelegt und schliefen so. -- Dann und wann erklirrte leise eine Fessel, oder ein Stöhnen und Geseufz ging durch die Wölbung. Niemand hatte den Eintritt des Mädchens bemerkt.
Einige Minuten stand Anneke dicht an die Mauer gedrückt. Sie vermochte kaum Atem zu holen. Wie sollte sie in dieser Hölle den finden, welchen sie suchte?
Plötzlich ward es hell in ihr: anfangs leise, dann lauter begann sie das alte Lied vom Falkensteiner zu singen:
»Sie ging den Turm wohl um und um: Feinslieb bist du darinnen? Und wenn ich dich nicht sehen kann, So komm' ich von meinen Sinnen.
Sie ging den Turm wohl um und um, Den Turm wollt' sie aufschließen: Und wenn die Nacht ein Jahr läng wär', Keine Stunde tät' mich verdrießen!«
Von ihrem Lager richteten sich die Schläfer auf, stärker klirrten die Ketten an ihren Armen und Beinen.
»Ei, dürft' ich scharfe Messer tragen, Wie unsers Herrn sein' Knechte, Ich tät' mit dem Herrn vom Falkenstein, Um meinen Herzliebsten fechten!«
»Was ist das? Wer ist das? Wer singet hier?« tönte es wild durcheinander. »Anneke, Anneke, Anneke Mey,« rief die Stimme Christoph von Denows dazwischen, und Erdwin Wüstemann hielt das junge Mädchen in den Armen: »Hier, hier halt' ich sie, hier ist sie, wie ein Engel vom Himmel mit ihrer Lerchenstimme! O Kind, Kind, was willst hier in dieser Wüstenei? Junker, Junker, wo seid Ihr?«
»O Anneke! Anneke!« rief Christoph von Denow.
»Vivat Anneke, Anneke Mey!« riefen alle andern Gefangenen. »Das ist ein wackeres Mädel! Vivat des Regiments Schenkin!«
Es fiel keine schnöde, böse Rede: im Gegenteil, es war, als ob durch das Erscheinen des Kindes jedes trotzige wilde Herz milder geworden wäre. Man hätte sie gern auf den Händen getragen, da sie das aber nicht leiden wollte, suchte man ihr den bequemsten Platz aus und breitete Mäntel unter ihre Füße, um sie vor der feuchten Kälte der Steinplatten zu schützen. Eine Bank wurde zerschlagen, um das erlöschende Feuer im Kamin damit zu nähren.
»So hast du uns nicht verlassen, Anneke!« rief Christoph und hielt ihre beiden Hände in den seinigen, und der Knecht Erdwin wischte verstohlen eine Träne aus den grauen Wimpern. »O, wie können wir dir je das wiedervergelten?«
»Wie könnt ich Euch verlassen? Und wenn sie Euch zum Tode führen, ich geh' mit Euch!«
Sie saßen beieinander, Christoph und Anneke, neben dem Kamin, und die Dirne schluchzte und lächelte durch ihre Tränen. Sie vergaßen alles um sich her, und der alte Wüstemann stand dabei, seufzte tief und schwer und schüttelte das greise Haupt:
»Jammer, o Jammer!«
Um drei Uhr krähte zum ersten Mal der Hahn, um drei Uhr klopfte Arendt Jungbluth an die Tür.
»Nun muß ich scheiden!« sagte Anneke. »Gott schütze uns; wenn das Gericht angeht, steh' ich auf Eurem Wege, Herr.«
»Anneke, Gott lohn's dir, was du an uns tust!«
»Fahre wohl! Fahre wohl, Anneke!« riefen die gefangenen Meuterer. »Gott segne dich, Anneke!«
Christoph von Denow schlug die Hände vors Gesicht; -- die Tür war hinter dem jungen Mädchen zugefallen. Im Osten zeigte ein weißer Streif am Nachthimmel, daß der Morgen nicht mehr fern sei, und der Wind machte sich auf, fuhr von den Harzbergen nach dem deutschen Meer und verkündete dasselbe.
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Sechs schlug die Uhr des Schloßturmes; wieder schossen die Krähen aus ihren Nestern und umflatterten die Spitze, krochen aber diesmal nicht wieder zurück in ihre Schlupfwinkel, sondern ließen sich, eine bei der andern, nieder auf dem Rande der Galerie, welche nahe dem Dach, den Turm umzieht. Neugierig reckten sie die Hälse und blickten herab in den dichten weißen Nebel unter ihnen, aus welchem kaum die höchsten Giebel der Stadt und Festung hervorlugten. Trommelschall erdröhnte auf dem Schloßhofe und hallte wider von den Wällen, während eine kriegerische Musik aus der Ferne dem Weckauf der Besatzung antwortete. Auf der Festung trat die Soldateska unter die Waffen, und in der Heinrichsstadt verkündete das klingende Spiel, daß die Bürgerschaft in Wehr und Harnisch aufzog.
Von Zeit zu Zeit löste sich einer der schwarzen Vögel aus der Reihe der Genossen los und flatterte mit kurzen Flügelschlägen hinein in den Nebel, als wolle er Kundschaft holen über das Fest, welches ihm drunten bereitet wurde. Kehrte er zurück, so wußte er mancherlei zu erzählen, und freudekreischend erhoben sich die andern und wirbelten durcheinander und überschlugen sich in der grauen Luft, um endlich wieder zurückzufallen auf ihre Plätze in Reih und Glied.
Gegen sieben Uhr verflüchtigte sich der Schleier, welcher über der Stadt lag, um sieben Uhr trat alles ins Licht! Vor dem fürstlichen Marstalle waren die Schranken aufgestellt. Ein mit rotem Tuch bekleideter Tisch und ebenso überzogene Bänke für den Gerichtsschulzen und die Beisitzer standen in der Mitte. Das Volk umwogte dicht gedrängt den Platz. Jetzt zog »mit dem Gespiel« die fürstliche Leibgarde aus dem Schloßtor, den Graben entlang, und besetzte zwei Seiten der Schranken. Nach ihr rückte in drei Fähnlein die Bürgerschaft von der Dammfestung, der Heinrichstadt und dem Gotteslager heran und schloß die beiden andern Seiten ein. Der Ring war gebildet; die Fahnen wurden zusammengewickelt und unter sich gekehrt, die Obergewehre mit den Spitzen in die Erde gestoßen, nach Kriegsgebrauch bei kaiserlichem Malefizrecht.
Abermals entstand eine Bewegung unter der Volksmenge; wieder schritt ein Zug durch die gebildete Gasse feierlich und langsam vom Schloß her. Das war der Gerichtsschulze Melchior Reicharts mit seinen einundzwanzig Richtern, Hauptleuten, Gefreiten und Gemeinen, und dem Gerichtsschreiber Fridericus Ortlepius die allesamt paarweise in den Ring eintraten.
Zuerst ließ sich der _notarius publicus_ nieder, zur linken Hand an dem roten Tisch. Er ordnete seine Papiere, guckte in sein Tintenfaß, rückte das Sandfaß zurecht, und der trübe Himmel und die Krähen auf dem Schloßturm schauten ihm dabei zu. Er prüfte die Spitze seiner Feder auf dem Daumennagel, das Murmeln und Murren der tausendköpfigen Menge machte einer Totenstille Platz; von dem Mühlenturm her erklang ein taktmäßiges Rasseln und Klirren und verkündete das Nahen der Gefangenen. -- -- -- --
»O mein Gott, hilf ihm und mir!« stöhnte Anneke Mey von Stadtoldendorf, als an dem Mühlenturm die Pforte sich öffnete und die davor aufgestellte Reiterwache, die Pferde rückwärtsdrängend, das Volk auseinander trieb.
»Da sind sie! die Meutmacher! die Schufte! Da sind die falschen Schurken!« ging der unterdrückte Schrei durch das zornige Volk. Aus der Gefängnispforte hervor glitt ein verwildertes, trotziges oder verzagtes Gesicht nach dem andern an der zitternden Anneke vorüber.
Und jetzt --
»Christoph!« durchdrang grell und schneidend ein Schrei die schwere graue Luft, daß der Herzog Heinrich Julius, welcher an einem Fenster seines Schlosses stand und auf das Getümmel unter sich finster herabblickte, unwillkürlich den Kopf nach der Richtung hin neigte.
Da schritt er einher, der Junker von Denow, bleich, wankend, gestützt auf den Arm des getreuen Knechtes Erdwin.
»O Christoph! Christoph von Denow!«