Der Junker von Denow; Ein Geheimnis; Ein Besuch; Auf dem Altenteil: Erzählungen

Part 2

Chapter 23,765 wordsPublic domain

Trübe dämmerte der Morgen. Auf die wüste Nacht folgte ein ebenso wüster Tag. Vergeblich hatte Herr Otto Heinrich von Beylandt, Herr zu Rethen und Brembt, Leib und Leben und Seligkeit den Meuterern zum Pfande eingesetzt, daß sie nicht von des Reichs Boden weggeführt werden sollten; vergeblich hatte der Graf von Hohenlohe geflucht, gebeten und gedroht. Zwischen sieben und acht Uhr waren zehn Fähnlein des braunschweigischen Regiments aufgebrochen und aus dem Feld gezogen, Münster zu. Weiber, Kinder, Dirnen folgten jetzt dem plündernden, ehrvergessenen, eidbrüchigen Haufen durch den grauen Nebelregen. Keiner befahl, keiner gehorchte. Die einen meinten, es gehe gradaus zum Herzog von Braunschweig, ihrem Zahlherrn, nach Wolfenbüttel; andere glaubten, es gehe gegen den Bischof von Münster; die meisten aber dachten gar nichts, und so schwankte der tolle Zug, einem Betrunkenen gleich, hier vom Wege ab, dort vom Wege ab, jetzt auf ein Dorf zu, jetzt auf ein einsames Gehöft. Kleinere Banden schweiften zur Seite, oder vor und nach -- fort und fort über die Heide; hier im Kampfe mit einer ergrimmten Bauernschar, dort im Hader untereinander. Der Nebel ward Regen und hing sich in perlenden Tropfen an die letzten Blüten des Heidekrauts und träufelte von den Stacheln und Zweigen der Dornbüsche. Krähenscharen begleiteten den Zug lautkrächzend, oder flatterten in dichten Haufen westwärts dem Rhein zu, wo von Rees her das Feuer der Berennung nur noch in einzelnen Schlägen dumpf grollte. Stärker und stärker ward der Regen, die blutigen Spuren der vergangenen Nacht, der Schlamm der Laufgräben mischten sich auf den pulvergeschwärzten Gesichtern, den zerrissenen, verbrannten Kleidern, den verrosteten Waffenstücken -- die Männer fluchten und sangen, die Weiber ächzten, die Kinder schrien, und Anneke Mey auf ihrem Wagen, mit einem Bierfaß beladen, hielt tröstend das Haupt des wunden Christoph von Denow in ihrem Schoß und sprach ihm zu und verhüllte ihn, wie eine Mutter ihr Kind, mit einem groben Soldatenmantel; während Hans Niekirche zähneklappernd das magere Roß leitete, welches vor dem Karren ging. -- Lange Zeit hatte der Junker wie besinnungslos gelegen, jetzt hob er den Kopf mühsam empor und strich die Haare aus der Stirn und warf einen Blick auf seine Umgebung.

»O Anneke, weshalb hast mich nicht gelassen in dem Wasser -- oh! oh!«

»Still, still, lieget ruhig, Herr! Die ganze Welt ist auseinander --«

»Weshalb hast mich nicht gelassen im Lager -- im Heer vor Rees?«

»Es ist aus, aus! Alles aus, sagen sie. Alles läuft auseinander --«

»Und wohin gehen wir?«

»Weiß nicht! weiß nicht!«

»Bin also so weit! Ein Spießgesell von Räubern und Mördern und landesflüchtigem Gesindel! Krächzt nur, ihr schwarzen Galgenvögel, ihr habt einen feinen Geruch, wittert den Fraß, wann er noch lustig auf den Beinen herumstolpert und den Bauerngänsen die Hälse abhaut und die Rinder aus dem Stall zieht. O Christoph! Christoph! Und du könntest einen adeligen Schild führen!«

Der junge Gesell stieß solch einen herzbrechenden Seufzer aus, daß ein neben dem Karren reitender Söldner aufmerksam wurde. Er drängte sein Pferd näher heran, zog seine Feldflasche hervor und reichte sie dem Wunden zu.

»Hoho, Junker, was spinnst für Hanf? Da wärme dir das Herz, bis wir uns den Münsterschen Dompfaffen in die warmen Nester legen! Aufgeschaut, aufgeschaut, Christoffel! 's ist beschlossen, Ihr sollt unser Obrister werden!«

Der Junker machte eine unwillige Handbewegung und antwortete nicht.

»Auch gut,« brummte der Reiter. »Der Satan hol' alle diese Maulhänger! Möcht' nur wissen, was die Gesellen für einen Narren an ihm gefressen haben. Hat den Vorspruch gemacht gestern beim Grafen nach ihrem Willen und soll den Führer spielen, und kann den Kopf nicht grad halten -- Bah! Hätten hundert Bessere gefunden; kann mit seinem Adel weder den Mantel noch die Ehre flicken. Fort, Mähre, was scheust? Dacht ich's doch, da liegt wieder einer der trunkenen Schelme im Wege. Vorwärts, Schecke, laß liegen, was nicht mehr laufen mag. Was will die Trompete? Holla, was ist das?«

Ja, was wollte die Trompete? Auf der rechten Seite des Weges der Meuterer waren zwar von Zeit zu Zeit vereinzelte Schüsse gefallen, niemand hatte sie aber beachtet, weil man sie nur den obenerwähnten Scharmützeln mit den Bauern und Hahnenfedern zuschrieb. Jetzt aber wurde das Feuer regelmäßiger, Reitertrompeten erschallten. Der Zug stutzte und hielt. Gestalten, schattenhaft, tummelten sich in dem dichten Nebel, und erschreckte Stimmen erklangen: »Die Spanier! Die Spanier!«

»Zum Henker die Spanier; wie kommen die Spanier soweit über den Rhein?« brummte der Reiter, welcher eben dem Junker die Feldflasche geboten hatte. Er lockerte aber nichtsdestoweniger das Schwert in der Scheide und wickelte den rechten Arm aus dem Mantel los.

»Der Feind! der Feind! die Speerreiter!« riefen die im Lauf rückkehrenden Plünderer, zu den Genossen stoßend, und einige brachten eine frische Wunde mit zurück. Näher und näher hörte man die Trompeten und den Schlachtruf »_España! España!_« und dann »Hohenlohe! Hohenlohe!«

Keiner von den Meutmachern machte Miene, an dem Gefechte teilzunehmen; aber die Musketen waren auf die Gabeln gelegt, die Lunten aufgeschroben, die Spieße gesenkt, und man hatte instinktmäßig einen Kreis um die Wagen mit den Weibern und Kindern und den Raub geschlossen.

Jetzt schienen die Spanier wieder zurückgedrängt zu werden; der Lärm des Kampfes verlor sich in der Ferne. Der Zug der Aufrührer wollte sich bereits wieder in Bewegung setzen.

»Halt, halt!« rief einer der Fußknechte, »da kommen sie wieder! Rossestrab!« Er kniete nieder und legte das Ohr an den Boden. »Viel Pferde im Galopp!« Man konnte kaum zehn Schritte weit im Nebel und Regen deutlich sehen; es waren wieder nur unbestimmte Schatten, die man nahen sah.

Ein »Halt« wurde ihnen zugerufen, und sie hielten, und eine einzelne Gestalt löste sich von dem Haufen ab. Aus dem Ring der aufrührerischen Söldner des Reichs traten ihr einige entgegen.

»Wer seid Ihr? Woher des Weges? Was für Begehr?«

Der Nahende ritt, ohne zu antworten, näher heran.

»Haltet, oder wir schießen!«

»Nur zu, eidbrüchig Gesindel; versucht, ob ihr einen ehrlichen Reitersmann trefft!«

Wilde Flüche und der Ruf »Feuer, Feuer!« ertönten, und manche Büchse wurde in Anschlag gebracht; aber dazwischen riefen auch Stimmen: »Halt, halt, das sind keine Spanier, keine Speerreiter!«

»Nein, das sind keine Spanier,« rief der Reisige zurück. »Das sind auch keine Meuterer, Mörder oder Diebshalunken; -- ehrliche Hohenlohesche Reiter sind's, die euch Lumpengesindel wahren sollen, daß ihr nicht dem Galgen entlauft! Glaubt's, der Graf hätte meinetwegen andere dazu schicken mögen, als uns -- nehmt das Ab -- Henkermahl drauf!«

»Der Graf von Hollach hat Euch geschickt?« fragte es verwundert aus dem Haufen, und mancher der wilden Kerle drängte sich vor, näher an den Reitersmann.

»Zurück!« rief dieser, »wir gehen mit euch, wie befohlen, jagen die Speerreiter, die euch die Gurgel abschneiden könnten, -- man sparte nur die Stricke -- und schützen das arme Landvolk vor euch Hunden. Damit holla! -- na, wohin geht der Marsch?«

»Packt Euch zum Teufel, wir brauchen Euch nicht!« schrie Jobst Bengel aus Heiligenstadt. »Wer hat Euch gerufen? Sagt dem Grafen, dem Holländer, unsern schönsten Dank und wir könnten unsern Weg allein finden.«

»Geht nicht! Alles auf Befehl! Kümmert euch so wenig als möglich um uns; ihr handelt nach Belieben, wir nach Befehl!«

»Aber unser Belieben ist, daß ihr euch hinschert, woher ihr gekommen seid!« brüllte Hans Römer aus Erfurt. »Geht, oder es setzt mein' Seel blutige Köpfe!«

»Unser Befehl ist, daß wir gehen, wohin euch der Satan treibt. Am Höllentor kehren wir um, das ist der Befehl. Genug der Worte.«

Damit wandte der Hohenlohesche Rittmeister sein Roß und sprengte zurück zu seinen Reitern, welche unbeweglich auf einer kleinen Erderhöhung hielten und im Gegensatz zu dem tobsüchtigen, wüsten Gebaren der Meuterer nur leise Worte des Zorns und der Verachtung hatten.

Auf seinem Schmerzenslager hatte Christoph von Denow halbblinden Auges und klingenden Ohres den Vorgang angesehen und angehört. Jetzt mußte er auch ohnmächtiger Zeuge der wilden Reden um ihn her sein.

»Das ist solch ein falsch Spiel von dem Grafen -- das ist eine Falle. Sollen uns schützen vor den Speerreitern! -- Lauter Sorg und Lieb, bis sie uns den Hals zuschnüren! -- Nichts von dem Grafen von Hollach! Fort mit den Reitern des Holländers! Feuer auf sie! In die Spieße! in die Spieße mit ihnen!«

»Die Rasenden! die Niederträchtigen!« stöhnte Christoph von Denow, die Hände ringend. »Und hier liegen zu müssen gleich einem abgestochenen Schaflamme! Halt, halt, was wollen sie tun?!«

Seine schwache Stimme ging verloren in dem Lärm »fort mit Holländern, fort mit dem Grafen von Hollach!«

Mit einem Schlage setzte die ganze Masse der Meuterer im Sturmlauf an gegen das kleine Häuflein der Reiter.

»Hab's mir wohl gedacht,« brummte der Rittmeister in den grauen Bart. »Achtung, Gesellen! Stand gehalten -- das ist der Befehl. Herunter mit den Schuften, wenn sie euch nahe kommen.«

Sie griffen wirklich an. Im nächsten Augenblick war die Reiterschar umringt, durchbrochen. Die meisten sanken nach tapfrer Gegenwehr vom Pferd; nur wenige schlugen sich durch und flohen über die Heide. Zuletzt kämpfte noch ein einzelner. Das war der tapfere alte Führer, der sich wie ein Verzweifelter wehrte. Endlich erstach ihm Balthasar Eschholz aus Berlin das Roß, und eine Kugel durchfuhr seine treue Brust.

Einige Minuten standen die Mörder wie erstarrt. Schlug ihnen diesmal das Herz? Sie wagten es nicht, die Gefallenen zu berauben, ein plötzlicher Schrecken kam über sie, wie von Gott dem Richter gesandt, und Mann und Roß und Wagen stürzten von dannen, hinein in den Nebel, der sie verschlang, als seien sie nicht wert, von Himmel und Erde gesehen zu werden.

»Das ist ein schlechter -- schlechter Tod!« seufzte der zu Boden liegende Reiterhauptmann. »Ein schlechter Tod! -- In deine Hände -- aber alles der Befehl -- nun kann der Rat von Nürnberg mein Weib und meine Jungen auffüttern -- ein schlechter Tod -- Amen! Alles -- der -- Befehl!«

Er griff noch einmal mit beiden Händen krampfhaft in das Heidekraut -- es war vorüber.

Ein Wäglein und drei Menschenkinder waren zurückgeblieben beim Fortstürzen der Mörderschar. Das waren Anneke Mey aus Stadtoldendorf, welche das Haupt des Erschlagenen stützte, das war Christoph von Denow, der auf seinem Lager das Vaterunser weiter betete, welches der Rittmeister nicht hatte zu Ende bringen können. Das war Hans Niekirche, der Trommelschläger, welcher schluchzend das Rößlein vor dem Wagen hielt!........

III.

Nicht Leben, nicht Tod; nicht Vergessenheit, nicht Sinnesklarheit; nicht Schlaf, nicht Wachen; -- alles ein wildes, wirres Chaos in dem fieberkranken Kopfe Christoph von Denows! Jetzt legte es sich ihm, einem feurigen Schleier gleich, vor die Augen, tausend Sturmglocken und der Verzweiflungsschrei einer eroberten Stadt füllten ihm Ohr und Hirn; -- jetzt versank er wieder in ein endloses graues Nichts, in welchem ihn allerlei unerkennbare Schatten umschwebten; -- jetzt vermochte er es wieder, sich und seine Umgebung zu unterscheiden, ohne sich klar darüber werden zu können, wer ihn von dannen führe und wohin man ihn führe. Manchmal war der Himmel über ihm grau und ihn fror, dann wieder schaute er empor in das reine Blau, und die Sonne schien herab auf ihn. Manchmal glaubte er sich in einem auf dem Wasser fahrenden Schifflein zu befinden, manchmal sah er wieder grüne Zweige über sich und hörte die Vögel singen. Er gab es auf, zu denken, sich zu erinnern: willenlos überließ er sich seinem Geschick. Es zog und zuckte durch seinen Geist! -- Da ist der weite, kühle Saal in der väterlichen Burg, dem einstmals am weitesten in das Polen- und Tartarenland vorgeschobenen Posten des deutschen Wesens. Durch die bunten Scheiben der spitzen Fenster fällt das Licht der Sonne und wirft die farbigen, flimmernden Schattenbilder der gemalten Wappen und Heiligen auf den Estrich. Da steht der Sessel des Ritters von Denow neben dem großen Kamine, und der Sessel und der Gebetschemel der Mutter in der Fenstervertiefung, da glitzern im Winkel auf dem künstlich geschnitzten Schenktisch die riesigen, wie Silber glänzenden Zinnkrüge und Geschirre. Da blickt ernst von der Wand der Ahnherr mit dem Ringpanzer auf der Brust, und manch wunderlich Gewaffen aus den Polen- und Preußenschlachten hängt an dem Mittelpfeiler, welcher den Saal stützt....

Feuer! Feuer! Das ist nicht der Widerschein der Abendsonne an den Wänden. Feuer! Feuer! und das Wimmern der Burgglocken und der Schall der Sturmhörner! -- Wo blieb das süße, mildlächelnde Bild der Mutter, das eben noch durch den stillen dämmerigen Saal glitt? Feuer und Sturm! Die Polen! die Polen! Allverloren! Allgewonnen! Allgewonnen!

Da taucht ein ehrliches bärtiges Gesicht auf -- das ist der Knecht Erdwin Wüstemann, welcher den kleinen Christoph aus der brennenden väterlichen Burg auf den Schultern trug und rettete.... Nun rauscht der Wald, nun murmelt der Bach -- das ist die verlorene Forsthütte, wo der treue Knecht und das Kind hausten so lange Jahre hindurch. Die Hunde zerren bellend an der Kette, der Falk schaukelt sich auf seiner Stange. Wilde Gesellen und Weiber -- fahrende Soldaten, Sänger und Studenten und demütige Juden verlangen Obdach vor dem nahen Gewitter oder dem Schneesturm. Sie lagern auf nackter Erde um das Feuer, an welchem die Hirschkeule bratet. Der Weinkrug geht im Kreise umher; Lieder erschallen! Lieder vom freien Landsknechtsleben, lutherische Lieder, Spottlieder gegen den Papst und den Türken und lateinische Lieder vom wandernden Scholarentum. Jetzt gerät der rote Heinz mit dem landflüchtigen Leibeigenen oder dem Zigeuner in Streit; die Messer blitzen, der Knecht Erdwin wirft sich zwischen die Kämpfenden -- es rauscht der Wald, es murmelt der Bach, es klingt die Harfe des blinden Sängers -- ah Wasser, Wasser und Waldfrische in dieser Glut, welche das Gehirn verdorrt und die Knochen versengt!

Einen Augenblick lang öffnete der Kranke die Augen, er hörte Stimmen um sich her; jemand hielt ihm einen Krug voll frischen Wassers an die heißen Lippen. Er hatte nicht fragen können, wo er sei, wer ihm helfe in seiner Not? -- von neuem ergriff ihn der Fiebertraum.

Aus dem Kinde ist im lustigen Wildschützenleben ein wackerer Bub geworden. Hinaus aus dem grünen Wald zieht der Knecht Erdwin mit dem Schützling. Die Zeiten sind danach -- wer kühn die Würfel wirft, kann wohl den Venuswurf werfen. Mancher gelangte in der Fremde zu hohen Ehren und Würden, der im Vaterlande kaum den heilen Rock trug. Gern kaufen Franzosen, Spanier, Holländer mit rotem Golde rotes deutsches Blut. Ho, so hattest du dir die Welt draußen vor dem Wald wohl nicht gedacht, Christoph von Denow? Hei, das waren andere Gestalten und Bilder: Städte, Klöster und Burgen; Fürsten mit Rittern und Rossen, schöne Damen, Äbte und Bischöfe mit reichem Gefolge, Bürgeraufzüge, bunte Landsknechtsrotten auf dem Wege nach Italien, nach Frankreich -- für den Kaiser und wider den Kaiser!

Aus dem Reitersbuben ist ein Reitersmann geworden, welcher nichts sein nennt, als sein gutes Schwert, und welchem von den Vätern her nichts geblieben ist, als der eiserne Siegelring mit dem Wappen derer von Denow, welchen er am Finger trägt.

Immer weiter hinein in das bunte Leben, in den bunten Traum -- tagelang, wochenlang im Wundfieber kämpfend zwischen Sein und Vernichtung, bis endlich eine Glocke dumpf und feierlich erklingt, eine Glocke, die nicht mehr allein in dem Gehirn des Kranken läutet!

»Wo bin ich?... Die Glocke, was will die Glocke?« murmelte Christoph von Denow, die Augen aufschlagend.

Anneke Mey stieß einen Freudenschrei aus und hob das Haupt des Junkers ein wenig aus ihrem Schoße: »Er lebt, o guter Gott, er wird leben!«

»Die Glocke! die Glocke?«

»Still, lieget still, Herr! das ist Sankt Lambert zu Münster, und da -- horcht! das ist der Dom! Morgen ist der heilige Matthiastag -- still, still, lieget ruhig.«

Es wurde dunkel über dem Junker; das Wäglein fuhr in diesem Augenblick durch die Torwölbung. Der Junker schloß die Augen wieder, er glaubte einen Wortwechsel zu hören, er glaubte zu bemerken, daß der Wagen hielt, Annekes Stimme erklang ängstlich und bittend dazwischen. Er glaubte ein bärtiges Gesicht über sich zu sehen und einen Ausruf des Schreckens zu hören. Der Wagen bewegte sich wieder -- er fuhr aus dem dunklen Tor in das Licht der Straße hinein. -- --

Das war das Gesicht des alten Knechts Erdwin, welches der Junker von Denow über sich sah, bis im folgenden Moment alles verschwand und es wieder Nacht war im Geiste Christophs. -- Allmählich aber wurde diese Nacht jetzt Dämmerung; die Gedanken ordneten sich mehr und mehr. Christoph von Denow erwachte wieder zum Leben.

Er fühlte den wohltuenden Strahl der milden Herbstsonne, er vernahm die Worte der Freunde um sich her. Jetzt erzählte Erdwin, der Knecht, jetzt sprach Anneke Mey, jetzt lachte Hans der Trommelschläger. Die Landschaft glitt an ihm vorüber, Städte, Dörfer, Flecken, er sah blaue Höhenzüge im Osten auftauchen und vernahm, wie ein Wanderer dem Knechte Erdwin sagte, das sei der altberühmte große Teutoburger Wald. Er schlummerte abermals ein, und als er abermals erwachte, fand er sich mitten in den Bergen, und ein Wasser rauschte seitwärts in das Dickicht. »Das Wässerlein kenn' ich,« rief Anneke, »das ist die Else, die fließt in die Werre, und die Werre fließt in die Weser, nun sind wir der Heimat nahe.«

»Und wie ziehen wir nun, Anneke?« fragte der getreue Knecht Erdwin, welcher munter neben dem Wagen, den Spieß auf der Schulter, herschritt.

»Wo die Sonne aufgeht, fahren wir zu; aus dem Teutoburger Wald in den Lippeschen Wald, zuletzt wird doch mal ein Berg kommen, von dem wir die Weser glitzern sehen können. Dann sind wir zu Hause!«

»Anneke, Anneke!« murmelte Christoph.

»O, wachet Ihr wieder, Junkerlein? geduldet Euch und lieget still, wir sind alle noch da, und der Meister Erdwin ist auch da und hat mir alles von Euch erzählt und ich ihm auch alles von Euch.«

»O Junker, Junker, seid Ihr wach?« rief der Knecht Erdwin und schauete über den Rand des Wagens. »Das Mütterlein im Himmel muß über uns wachen, daß ich Euch grad am Tor zu Münster treffen mußt'. Von der Reichsschanze bis nach Münster bin ich kreuz und quer Euern Spuren nachgezogen. Habt mich schön in Angst und Not gebracht! Haltet das Maul, Junkerlein. Dem Herzmädel da dankt Ihr Euer jung Leben. Lasset Euch tränken und atzen und schlaft wieder ein, wir halten Euch oben, Hans und Anneke und ich!«

Christoph drückte schwach die Hand des wackern Alten, er wollte nach dem Heere fragen, nach den Meuterern, aber er vergaß es. Sein wunder Kopf ruhte noch immer an der Brust der jungen Dirne. Aus schwimmenden Augen blickte er auf zu dem braunen, wildfreundlichen Gesicht über ihm.

»Ach, Anneke Mey, Anneke Mey, wohin willst du mich führen?«

»In meiner Heime ist es gar schön,« sagte das Mädchen. »Da sind die Berge und die Wiesen so grün, da schaut die alte Burg, sie heißen sie die Homburg herab auf das Städtel. Da sind die hohen weißen Felsen ganz weiß, weiß -- da wohnen die klugen Zwerge in tiefen runden Löchern. Das ist wahr, ganz gewiß wahr! Es ist auch schaurig da, manchmal rührt sich der Boden, und der Wald sinkt ein in die Erde, tief, tief, -- und ein Wässerlein springt dann unten in dem Grund auf; das Wasser trinken die Leut nicht gern. Aber mitten in den Bergen, da ist ein kühler Bronn, der Wellborn geheißen, aus dem kommt das Wasser durch Röhren in die Stadt, und die Brunnen rauschen und plätschern immer zu. Und vor dem Burgtor ist ein klein Haus dicht an der Stadtmauer, da sitzt meine alte Muhme, die Alheit -- mein Vater und Mutter sind lang tot im Lager von Lafere, wo wir mit dem französischen König Heinrich waren -- und ihre Katz sitzt neben ihr, und wenn sie, ich mein' die Muhme -- an mich gedenkt, so brummt und keift und bet't sie ein Vaterunser, grade weil sie mich gern hat. Schläfst noch nicht, Junkerlein? Mach die Augen zu und kümmre dich nicht um die Welt.«

Mit leiser Stimme fing das Mädchen an zu singen:

»Musikanten zum Spielen, Schöne Mädchen zum Lieben: So lasset uns fahren, Mit Roß und mit Wagen, In unser Quartier! In unser Quartier!«

»Ach, der Wagen stößt zu hart; wisset Ihr was, Meister Erdwin? singet Ihr weiter.«

»Wollen's versuchen!« sagte der Knecht Wüstemann und begann im Ton der Schlacht von Pavia das Lied von der Schlacht vor Bremen, in welche er als junger Bursch mit den Reitern des Grafen von Oldenburg gezogen war, und frisch schallte sein Baß in den Wald hinein.

»-- Unser Feldherr das vernahm, Graf Albrecht von Mansfelde, Sprach zu seinem Kriegsvolk lobesam: Ihr lieben Auserwählten, Nun seid ganz frisch und wohlgemut, Ritterlich wolln wir fechten; Gewinnen wolln wir Ehr und Gut, Gott wird helfen dem Rechten.«

Als der Endvers kam, war Christoph wirklich eingesungen zu sanftem Schlummer, und Hans Niekirche behielt den braunschweigschen Gassenhauer, den er eben zum besten geben wollte, auf das Ersuchen des alten Erdwins für sich. Mit einbrechender Nacht wurde bei einem Köhler mitten im Forst das Nachtquartier aufgeschlagen.

»Was ist denn da draußen vorgegangen in der Welt?« fragte der schwarze Waldmann. »Ihr seid die Ersten nicht, die hier durchkommen sind und hier angehalten haben. Das ist ja auf einmal, als ob alles Kriegsvolk im deutschen Land sich hier auf den Wald niedergeschlagen hätt', wie ein Immenschwarm auf den Schlehenbusch. Ist es wahr, daß das Reichsheer auseinandergelaufen ist?«

»Es ist wahr,« sagte der Knecht Erdwin düster. »Es ist aus, -- alles vorbei!«

»Vorgestern zog hier ein Trupp durch, fast zehn Fähnlein stark, aber anzusehen wie ein wüst Raubgesindel, Fußvolk und Reiter durcheinander. Wollten gen die Weser und ließen sich vernehmen, sie wollten ihrem Zahlherrn, dem Braunschweiger Herzog --«

»Die Braunschweiger?!« riefen Erdwin und Anneke und Hans Niekirche. »Die Braunschweiger?!« murmelte Christoph von Denow und richtete sich halb auf seinem Lager auf.

»Gehöret Ihr zu ihnen?« fragte der Köhler mißtrauisch. »Nehmt Euch in acht; ich hab' einen gesprochen, der sagte, der Braunschweiger habe seine Leibguardia und Reiter die Menge abgesandt, ihnen den Weg zu verlegen. Sein Feldhauptmann, der Graf von Hohenlohe, ist auch, von Mitternacht her, gegen sie aufgebrochen. Das kann ein übel Ende nehmen!«

»Gegen die Weser sind sie gezogen?«

»Wie ich Euch sagte, Maidlein.«

»Herr Gott, so müssen wir ab vom Weg!«

»Ihr gehört also nicht zu ihnen?«

»Nein! nein! nein!« riefen Christoph und Erdwin und Anneke.

»Und Ihr wollt auch über die Weser?«

»In meine Heimat!« rief Anneke.

»Mit dem wunden Mann? Geht nicht, wahrlich geht nicht! Weg und Steg sind verlegt.«

Alle schwiegen erschrocken und verstört einige Minuten.

»Saget doch,« fuhr der Köhler dann fort, »weshalb wollt Ihr nicht bei mir bleiben im Walde, bis der Kopf des Burschen dort wieder heil und ganz ist? Hunger und Durst sollt Ihr nicht leiden. Ihr erzählet mir alles, was da draußen in der Welt vorgegangen ist, dafür geb' ich Euch Futter und Obdach. Gefällt's Euch?«

»Ihr wolltet --?«

»Gewiß will ich; ich will Euch sogar noch großen Dank schuldig sein dafür!«

»Angenommen, Landsmann!« rief der Knecht Wüstemann freudig. »Junker, nun streckt Euch lang auf Euerm Lager, und wehe dem ersten Rehbock, der mir vor die Armbrust gerät, welche ich dort an der Wand sehe.«

So kamen am Tage Cornelii des Hauptmanns die vier Flüchtlinge des Reichsheeres zum ersten Mal zu Ruhe.

IV.

Dominus Basilius Sadler, der heiligen Schrift Doktor und fürstlicher Hofprediger zu Wolfenbüttel, hatte seine Predigt beendet und das Vaterunser gebetet. Unter den letzten Klängen der Orgel strömte die Menge aus der Marienkapelle in den dunkeln nebligen Herbsttag hinaus. Man schrieb den vierten November 1599.