Der jüngste Tag: Ein groteskes Spiel
Part 3
Ich habe also doch recht gehabt! Ihr _Haß_ auf _mich_ ist die Feder Ihrer Unternehmungen. Keine »neue Erkenntnis« hat Sie gezwungen, die Tendenzen des »Prologs« fallen zu lassen. Nur einer Laune -- Ihrem ganz unbegründeten Haß auf mich -- haben Sie alles geopfert. Oder hatten Sie Gründe? Mir _danken_ müßten Sie, _Ihre_ Sehnsucht war es, den jüngsten Tag zu erleben, an dem gerichtet wird. _Ich_ habe ihn verwirklicht. Gründe, mich zu hassen, gibt es nicht, und nur, wer unrein ist, hat Grund, mich zu fürchten. Das haben Sie mir bewiesen.
RAINER:
Ich habe nicht aus persönlichen Motiven Sie und Ihre Richtung geschädigt. Ich bin nur nicht Literat geblieben und mußte die Forderungen erfüllen, zu denen mich mein neuer Beruf als Volksmann verpflichtet. Ich gebrauche mein Vermögen für meine Zwecke -- man hat mich als Kandidaten für das Parlament aufgestellt -- und ich könnte es auch sonst nicht verantworten, Ihre Literatur -- nicht zu bekämpfen.
YGES:
Was hat die Literatur mit der Politik zu tun?
RAINER:
Die Sache mit der Sache -- nichts. Aber sehr wohl dadurch, daß _ich_ bin. Sie feiern im Literaten die Wiederkunft des Heiligen, der allein mit den Problemen der Ewigkeit lebt -- unbekümmert um die sozialen Probleme der Zeit. Für mich aber ist die Zeit das Bergwerk, in dem ich Kohlen schlage, um für den Tag zu sorgen.
YGES:
Sind Sie davon »überzeugt«?
RAINER:
Ja, deshalb mußte ich mich von Ihnen trennen.
YGES (martert Rainer mit jedem Wort):
Tatsache ist aber, daß Sie durch die Annahme meiner Wette schon bewiesen haben, daß es für Sie wie für einen Heiligen nichts Wichtigeres gibt als das Wunder seines zeitlosen Ichs.
RAINER (sieht mit einem unbegreiflichen Entsetzen auf Yges).
YGES:
Ihr soziales Gewissen muß sehr schwach sein, wenn es Ihnen gestattet, Ihre Pflichten der »Zeit« gegenüber zu vernachlässigen. Die »Zeit« hat nur ein Interesse an Ihrem Arbeitswert, und den Anspruch darauf gestehen Sie ihr zu. Wie wollen Sie es begründen, daß Sie ihn ihr nehmen? (Rainer schweigt.) Sie wollen nicht mein Schüler sein. Aber zu meinem Gegner sind Sie noch nicht geworden. Sie haben mich um den Genuß einer Laune verkauft. Ein Abtrünniger sind Sie, der seinen Verrat legitimieren will. Aber eine Genugtuung habe ich, daß Sie jetzt zerplatzen an Möglichkeiten! -- Wollen Sie den Tag von heute durchstreichen und sich selbst belügen, daß nichts geschehen sei? Es wird Ihnen nicht schwer fallen. Oder wollen Sie unwahr ehrlich sein und sich erschießen? Aber ihre Freunde werden Sie verachten, daß Sie über Ihren Arbeitswert den ethischen setzen. Oder wollen Sie den »Prolog« wieder herausgeben? Aber Sie werden keine Mitarbeiter finden. Oder wollen Sie mein Sklave werden? -- Wollen Sie das? -- Sie haben die Wette nicht verloren -- wenigstens nicht juristisch, wenn auch dem Sinn nach. Meine Behauptung, daß Sie unsere Ehe brechen würden, sollte ja nur ein Beispiel dafür sein, daß Sie es nicht unterlassen werden, mich, wo es nur dankbar ist, zu ärgern, zu schädigen, zu verleumden und zu bespotten. Ich habe vergessen, daß Sie mich auch töten könnten. Um Ihrer Verpflichtung zu entschlüpfen, haben Sie eine Hintertür gefunden. Ich überlasse es Ihnen, sie zu benutzen.
JEANNE (steht auf):
Komm, Rainer, wir gehen!
YGES (beherrscht sich durch ein Lächeln):
Wie gut, daß Sie es sich erst dreimal verbeten haben, daß ich Sie verdächtige! Beim vierten Male behalte ich desto sicherer recht!
RAINER (tonlos):
Ihre Frau hat mich geküßt, und dann sprach sie von einem Prinzen . . .
JEANNE (zeigt Rainer ihre Verachtung).
YGES (sehr ruhig):
Nicht nur verlogen sind Sie, sondern auch dumm. Jetzt haben Sie sich sogar Jeannes Hilfe verscherzt. (Boshaft) Was werden Sie nun tun?
RAINER:
Das -- zu dem ich mich verpflichtet habe -- wenn ich die Wette verliere.
YGES (läuft mit großer Schnelligkeit zum Schrank und entnimmt ihm ein Livree):
Hier ist die Livree, die du als mein Sklave tragen wirst. Du erhältst ein eigenes Zimmer und ißt mit dem Mädchen. Sonstige Ansprüche zu stellen, hast du nach unserer Vereinbarung nicht das Recht. -- Kleide dich um, sofort und schnell!
RAINER (nimmt die Kleider, die Yges auf die Chaiselongue geworfen hat, und geht in das Nebenzimmer).
JEANNE:
Würdest du auch ihm gedient haben, wenn du verloren hättest?
YGES:
So lautete nicht die Abmachung.
JEANNE:
Wie lautete sie denn?
YGES (schweigt).
JEANNE:
Ich verstehe ja noch nicht ganz, um was es sich handelt. Aber so viel weiß ich, daß bei einer solchen Wette vorher bestimmt wird, was jeder zu leisten hat, wenn er verliert.
YGES:
Ich habe mich verpflichtet, ihm 2000 Stimmen für seine Kandidatur zu gewinnen.
JEANNE (lacht).
RAINER (tritt ein).
YGES (setzt sich in einen Fauteuil im Erker):
Gewöhn' dich daran zu klopfen, wenn du eintrittst. -- Jeanne, mach bitte Licht! Ich möchte sehen, ob es wahr ist, daß Kleider Leute machen. (Jeanne geht zum Erkerfenster, um die Rouleaux: herunter zu lassen.) Ach so, die Leute! Wenn du doch auch solch Mitleid mit mir haben wolltest, Jeanne, wie mit deinem -- Diener!
JEANNE (hat, während Yges dies sagt, die Gardienenschnur zu einer Schlinge gelegt und wirft sie ihm schnell um den Hals. Yges will aufspringen, fällt aber zurück und stirbt. Rainer will hinzuspringen, wendet sich aber dann plötzlich ab).
JEANNE (umarmt ihn):
Rainer! Mein armer Rainer! (Sie küßt ihn.) Küß mich wieder!
RAINER (hastig):
Mach doch Licht!
JEANNE:
Küß mich!
RAINER:
Warum hast du das getan?
JEANNE (küßt ihn).
RAINER:
Er bewegt sich noch!
JEANNE:
Ach, das ist die Gardine. -- Siehst du?
RAINER:
Mach doch Licht, es ist hier so dunkel.
JEANNE:
Ich kenne mein Zimmer, ich werde dich führen. Komm!
RAINER:
Warum hast du das getan? (Jeanne küßt ihn.)
JEANNE:
Küß mich! (Rainer tut es) -- -- noch einmal! -- auch dahin -- und dahin --
RAINER:
Da steht jemand, da!
JEANNE:
Das ist doch der Ofen!
RAINER:
Der Ofen . . .?
JEANNE:
Faß ihn doch an!
RAINER:
JEANNE:
Bleib' mal so stehen -- so -- wie blaß und krank du aussiehst!
RAINER (schreit):
Ich habe zugesehen -- _ich_ habe ihn getötet!
JEANNE (küßt ihn):
Ganz ruhig -- so -- ganz, ganz ruhig bleiben -- sei lieb -- komm!
RAINER:
Warum hast du denn das getan?
JEANNE:
Komm! komm! (sie zieht ihn hinter den Bettschirm; man hört die Betten) Lieber! Lieber!
RAINER:
Nein!!
JEANNE:
Komm, komm -- mein Prinz!
RAINER (befreit):
Jeanne! Jeanne! Jeanne!
JEANNE:
Du! Warum hast du mich nicht geheiratet?
RAINER:
Frag' nicht mehr nach der Vergangenheit! (Es klopft.)
JEANNE (schreit auf):
Mein Mann! (Sie lacht nervös über ihren Irrtum.)
RAINER (leise):
Ist der Riegel vor?
JEANNE:
Nein, wo ist denn das Mädchen?
RAINER (springt auf und läuft zur Tür):
Wer ist da?
STIMME:
Ich! Gonn! Ich muß dich sprechen!
RAINER:
Warte! (Zu Jeanne) Es ist besser, wenn wir ihn herein lassen.
JEANNE:
Aber mach schnell. (Sie springt auf und läuft aus dem Zimmer. Rainer zündet Licht an und versteckt die Livree.) (Gonn tritt ein und drückt Rainer ein Paket in die Hand.)
GONN:
Ich konnte es nicht lassen, dir noch einmal zu helfen. Aber diesmal garantiere ich für den Erfolg.
RAINER:
Wem gehört das Geld?
GONN:
Dir.
RAINER:
Ich habe dir nur 1000 Mark geborgt.
RAINER:
Die habe ich für dich gesetzt. Um 7 Uhr habe ich die Renndepeschen gelesen, um 1/2 8 war ich beim Buchmacher. -- Ich schenke dir natürlich nicht das Geld.
RAINER:
Ich gehe keine Verpflichtungen mehr ein.
GONN:
Wenn nun aber dadurch der Wette die Voraussetzung genommen wird?
RAINER:
Ich verstehe dich nicht. --
GONN:
Die Wette ist eine geschickte Spekulation Yges'. Nicht wahr? Er hat sie nicht aus denselben Gründen vorgeschlagen, aus denen du sie angenommen hast. Er wollte sich dafür rächen, daß du ihn zwangst, als Phonograph ohne Trichter, als Ausrufer ohne Klingel zu leben. Wenn ich dir nun dieses Geld zur Verfügung stelle, damit er eine neue Zeitschrift gründet, vielleicht unter dem alten Namen?
RAINER:
Aber damit wäre doch nichts gebessert.
GONN:
Glaubst du wirklich, daß er deine »Verlogenheit« entdeckt hätte, wenn er seinen Scharfsinn weiter dazu hätte verwenden dürfen, Literaturpolitik zu treiben? Damals fehlte dir Geld, um ihm den »Prolog« zu schenken. Das hast du mir selbst gesagt. Heute habe ich es dir verschafft, und sämtliche Konflikte und Wetten sind nun, hoffe ich, ebenso nichtig und wertlos wie das Mittel, durch das ich sie beseitigt habe. (Er streckt ihm die Hand entgegen.) Aber -- wie siehst du denn aus?
RAINER:
Ich habe im Dunkeln gesessen -- Jeanne mußte sich anziehen -- zum Theater. Das Licht blendet mich noch.
GONN:
Wo hast du denn deinen Rock?
RAINER (lächelnd):
Ach, -- Jeanne ärgerte es, daß mir ein Knopf am Jackett fehlte. Sie wird gleich kommen. Yges wird auch bald kommen. Jaa -- was ich dir sagen wollte --
GONN:
Was verwirrt dich? Mein Vorschlag ist gut und diesmal ohne Gefahr für dich.
RAINER:
Er nimmt kein Geld. Der Gewinn wäre auch nicht selten genug.
GONN:
Er nimmt es.
RAINER (schweigt).
GONN:
Rainer, es gibt nur zwei Mächte auf dieser Erde: die Seele und das Geld. Wer beide verachtet, ist verloren.
RAINER (zögernd):
Ich möchte mich -- chemischer von ihm scheiden.
GONN:
Das wolltest du schon vor zwei Stunden, und ich half dir es zu tun; aber da du ihm scheinbar trotz alledem diese Absicht beichten willst, muß ich annehmen, daß deine Wahlverwandtschaft zu ihm stärker ist als dein Wille.
RAINER (entschlossen):
Nein! -- Würdest du mir noch einmal helfen, wenn ich es -- endgültiger tue?
GONN (nach kurzer Überlegung):
Wenn du mich nicht noch einmal im Stich läßt --
RAINER (schiebt den Sessel beiseite, hinter dem Yges liegt). (Gonn schweigt lange.)
GONN:
War das die einzige Möglichkeit?
RAINER:
Ja. Ich hatte die Wette verloren.
GONN:
Dann allerdings. . . (Er drückt Rainer die Hand.)
JEANNE (tritt ein. Sie trägt ein Straßenkostüm).
GONN (erschrickt, als er Jeanne bemerkt).
JEANNE (ruhig):
Du wirst uns behilflich sein?
GONN:
Nur dir! Rainer wird nicht fliehen!
RAINER:
Soll Jeanne steckbrieflich verfolgt werden und ich mich zum Abgeordneten wählen lassen?
GONN:
Ja.
JEANNE:
Komm, Rainer.
GONN (erregt):
Ich denunziere dich lieber, als daß ich dulde, daß du uns Bettgenüssen opferst!
RAINER:
Ich habe der Bewegung die Richtung gegeben. Ich bin überflüssig.
GONN (geschäftlich):
Ich werde der Partei davon Mitteilung machen. (Er will gehen.)
RAINER (zu Jeanne):
Ich bitte dich, -- auf wenige Minuten! (Jeanne geht hinaus.)
GONN:
Wenn du fliehst, kann mich nichts mehr davon überzeugen, daß die Utopie für dich mehr als eine Laune war. -- Tust du es, ja oder nein? Alles übrige interessiert mich nicht.
RAINER:
Ich liebe diese Frau.
GONN:
Ja oder nein?
RAINER:
Ich liebe Jeanne . . .
GONN:
Warum?
RAINER (überrascht):
Gründe gibt es dafür nicht.
GONN:
Du kannst Jeanne doch nicht -- sinnlos lieben.
RAINER (lächelnd):
Woher weißt du, daß der Meeresgrund des Ozeans kein Loch hat? Würde die Liebe da sein wie das Meer, wenn nicht ein festgefügter Grund sie tragen würde?
GONN (überrascht):
Das ist -- falsch.
RAINER:
Damals, wie heute, finde ich keine tieferen Gründe, sie nicht zu heiraten. Damals habe ich es nicht getan. Heute tue ich es. Und beide Male bin ich mit mir zufrieden.
GONN (gehässig):
Nur mit dem Unterschied, daß es dich damals befriedigte, stolz zu sein, und heute nicht.
RAINER:
Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, -- daß ich Jeanne liebe . . .
GONN:
Du glaubst wohl, daß dieses Wörtchen genügt, um der Sache eine Bedeutung zu geben. Liebe! Etwas, was seine Bedeutung seiner Popularität verdankt!
RAINER:
Vielleicht. Aber die Popularität mindert nicht ihren Wert.
GONN:
Wert!
RAINER:
Ja, Wert! Das versteht deine Armut nicht!
GONN (verächtlich):
Vielleicht lernst _du_ mich ihn schätzen.
RAINER:
Gern. Hör' gut zu, Gonn! Ich brauchte nicht zu fliehen und auch nicht zu dulden, daß Jeanne den Verdacht auf sich lenkt! _Sie_ hat es getan! Ich bin unschuldig! Und _trotzdem_ -- (Jeanne stürmt herein).
JEANNE:
Das ist nicht wahr -- das ist nicht wahr -- _er_ hat es getan! Glaub' ihm nicht, Gonn! Er _mußte_ es ja tun! Yges hat ihn gemartert und in seine Seele geschlagen, daß es klatschte! Und dann mußte er eine Livree anziehen, die Yges für ihn schon gekauft hatte! Denk' dir, die hatte er schon gekauft . . .
GONN (zu Rainer):
Und diese Erniedrigung war noch nicht tief genug, um dich hochzuschnellen? Du bist ja noch weniger, als ein Gummi!
JEANNE:
Aber Rainer hat es getan! Ich schwöre, daß er es getan hat!
GONN (blickt auf Rainer, während er zu Jeanne sagt):
Ich glaube dir nicht, du hast schon mal einen Meineid geleistet!
JEANNE (zu Rainer, mit einem verächtlichen Blick auf Gonn):
Er will dich moralisch erpressen! Du sollst mich verachten lernen!
GONN (versucht sich zu beherrschen).
JEANNE:
Komm, Rainer!
RAINER (zu Gonn):
Willst du mir deinen Paß geben -- für den Notfall? (Gonn gibt ihm das Schriftstück.) Danke. (Jeanne geht zur Tür.)
GONN:
Sage mir nur noch das: Verachtest du dich nicht selbst? (Rainer sieht flüchtig zu Gonn auf, dann verläßt er mit Jeanne das Zimmer.)