Der jüngste Tag: Ein groteskes Spiel
Part 2
Aber das solltest du tun! Das solltest du tun! Gerade das! Die Dummheit allein, dir seine Achillesferse zu zeigen, berechtigt dich schon, ihn an dieser Stelle zu kitzeln. Warum hast du mir das alles nicht früher gesagt?
RAINER (angewidert):
Gonn, das bist _du_, ganz _du!_
GONN:
Nun -- dann hab' ich dir meinen besten Rat gegeben.
RAINER:
Nein! -- Ich werde das nie tun, wenn er auch mein Gegner ist. -- Ich schätze jede ehrliche Überzeugung und . . .
GONN:
Lüge! Daß seine Überzeugung ehrlich ist, ist Voraussetzung. Auf den Wert kommt es an. Aber du willst seine Minderwertigkeit wieder einmal entschuldigen. Ich verstehe.
RAINER:
Ich will nichts anderes als die Taktik beibehalten und ihm zeigen, daß meine Achtung vor ihm --
GONN:
Lüge!
RAINER:
-- so stark bleibt, daß sie mich hemmt, eine Politik der Nadelstiche gegen ihn zu treiben. Ich liebe Jeanne, aber ich betrüge ihn nicht -- wie ich es auch nicht zur Zeit unserer Freundschaft getan habe. Würde ich es jetzt tun, so wäre das nur ein Beweis der unanständigsten Gesinnung, denn damals habe ich sie auch geliebt und mich trotzdem bezwungen. Ich habe ihm gestattet, mich zu verachten und an meinem Willen und Wort zu zweifeln, wenn ich jemals Jeanne gegenüber seine persönlichen Rechte weniger respektieren sollte, als zu der Zeit, wo es noch in meinem Interesse lag, es zu tun.
GONN:
Die Rede ist besser als ihr Zweck.
RAINER:
Ich habe nicht die Absicht, dich zu überzeugen. Ich weiß, daß es dich langweilt, mir zuzuhören. Ich soll etwas »unternehmen«, aber ich unternehme nichts mehr. Ich will wieder der werden, der ich war. Eine Stunde stand ich unter deiner Suggestion. Es wird nur wenige dauern, mich von ihr zu befreien. -- Das ist alles, was ich dir zu sagen habe.
GONN:
Noch eine Frage, Rainer! -- Hat Yges etwa mit dir _gewettet_, daß du ihn mit Jeanne betrügen wirst?
RAINER (widerwillig):
Ja.
GONN (lacht laut auf).
RAINER:
Ich habe dir keinen Witz erzählt.
GONN:
Göttlich!
RAINER (versucht, seine Erregung zu bezwingen).
GONN:
Was ist dein Einsatz? (Rainer schweigt.) (Befürchtend) Fällt etwa diese Wette im Einsatz mit der anderen zusammen? (Rainer schweigt.) Ja? (Rainer schweigt.) Aber ich finde nicht den Knoten, in den sich beide verschlingen. Was hat die Politik mit der Liebe zu tun?
RAINER:
Es handelt sich nicht um die Politik, und nicht um die Liebe, sondern darum, ob ich der bin, für den ich mich halte. (Schreiend) Ich will mir meine Selbstachtung nicht stehlen!!
GONN:
Wenn du verlierst, bist du also entschlossen, ihm als Knecht zu dienen?
RAINER:
Ja!
GONN:
Und die Utopie? Der »Rote Pfad«? -- Die Partei?!
RAINER:
Ich gehöre ihr, bis es sich entscheidet, ob ich das Recht habe, der erste Diener meiner Ideen zu bleiben.
GONN:
Das Recht hast du.
RAINER:
Yges behauptet, daß ich nur der Diener meiner Launen bin, daß mein soziales Gewissen für mich nur den seltenen Reiz der Neuheit hat -- daß . . . ich euch belüge. Wenn es so ist, muß ich mich meinen eigenen Gesetzen unterwerfen. Ich stehe zu meinem Wort.
GONN:
Aber du lebst nicht mehr allein, du bist Volksmann . . . -- (Jeanne tritt ein.)
JEANNE:
Also das ist eine Geschichte!
GONN:
Jeanne, kann Yges vor einer halben Stunde zurück sein?
JEANNE (sieht nach der Uhr):
Das ist nicht wahrscheinlich. Warum?
GONN:
Du mußt mich entschuldigen. Ich komme noch einmal her. Es ist schon 3/4 7, ich wollte nur wissen . . .
JEANNE:
Bleib' doch. Ich muß dir noch was erzählen. Du hast doch von meinem Unglück gehört, nicht?
GONN:
Nein.
JEANNE:
Aber es stand doch in der Zeitung?
GONN:
Ach so, diese Geschichte!
JEANNE:
Ja. Der Polizist war eben hier. Dumm ist der Mensch! Dabei habe ich es selbst gesehen! Mein Kutscher hat gar keine Schuld! (Zu Rainer) Was glaubst du denn eigentlich?
RAINER:
Ich weiß gar nicht, um was es sich handelt.
JEANNE:
Hast du denn das nicht gelesen? -- Also denk' dir, am Donnerstag -- nein, Freitag abend, als ich vom Theater nach Hause fahren will, sag' ich dem Kutscher, er soll noch so einen kleinen Umweg machen, weißt du, es war gerad' der Tag, an dem so himmelblaues Wetter war -- ja, am Freitag war's, den Tag kann ich gar nicht vergessen -- -- und da fährt er über die Wiese, und als er in die Hauptstraße einbiegen will, da kommt ein Taxi und wirft meinen Wagen um --
RAINER:
Und nun handelt es sich darum, wer den Schaden bezahlt?
JEANNE:
Und die Kosten für die Operation. Meinem armen Kutscher ist ein Bein zerquetscht worden.
GONN (sehr ungeduldig):
Ich habe keine Zeit, Jeanne. Ich weiß das ja alles. Es ist sehr traurig, aber --
JEANNE:
So. Woher weißt du, daß mein Kutscher seit gestern behauptet, daß _er_ der Schuldige ist? (Zu Rainer) Ich weiß nämlich ganz bestimmt, daß er es nicht ist. (Zu Gonn) Er sagt, an allem Unglück auf der Welt ist er schuld. -- Ist das nicht interessant?
GONN:
Der Mann leidet wahrscheinlich an einer fixen Idee.
JEANNE:
Aber das _ist_ doch interessant.
GONN:
Das ist etwas ganz Alltägliches -- auf Wiedersehen, Jeanne! (Er geht hinaus, ohne Rainer zu grüßen.)
JEANNE:
Hat er dir eben nicht Adieu gesagt?
RAINER:
Nein.
JEANNE (ruft zur Tür hinaus):
Gonn!
GONN (hinter der Szene):
Ja?
JEANNE:
Du hast etwas vergessen!
GONN (kommt zurück):
Was denn?
JEANNE:
Rainer zu grüßen.
GONN (zeigt Jeanne seine Verachtung. Zu Rainer):
Wenn ich dich nicht mehr sprechen sollte, erwarte mich im Café! (Ab.)
JEANNE:
Was wollte er denn eigentlich hier? -- Was ist denn schon wieder geschehen -- du?!
RAINER (schweigt).
JEANNE:
Soll ich dir einen Tee machen? Wir müssen uns doch die Zeit vertreiben, bis Yges kommt?
RAINER (setzt sich):
Bitte.
JEANNE (bereitet den Tee zu):
Wie du das sagst! So müde! -- Weißt du, Rainer, ich glaub' gar nicht mehr, daß du mich noch einmal überraschen wirst -- mit irgend etwas.
RAINER:
Müßte ich das -- als Kavalier?
JEANNE:
Ach -- ich meine das anders.
RAINER:
So wie Sie es meinten, empfand ich es als Beleidigung.
JEANNE:
Warum? Bist du selbst nie stolz auf dich gewesen, wenn du etwas getan hattest, was so groß war, daß es dich selbst überraschte?
RAINER:
Nein.
JEANNE:
Aber man tut doch manchmal etwas, was man nicht gewollt hat.
RAINER:
Ja, aber man bereut es.
JEANNE:
Pfui!
RAINER:
Ich bin nicht hergekommen, um zu philosophieren. Außerdem ist der ästhetische Tee unmodern geworden. Das müßten Sie doch wissen!
JEANNE:
Um diese Zeit spricht es sich nur so gut!
RAINER:
Nur keine Sentimentalitäten!
JEANNE (hat den Tee zubereitet):
Aber -- das Gegenteil?
RAINER:
Noch weniger.
JEANNE:
(stellt die Kanne mit einem hörbaren Ruck auf den Tisch): O du dummer Mensch! (Sie setzt sich und schenkt ein.) Nimmst du etwas Rum?
RAINER:
Danke, nein.
JEANNE:
Aber eine Zigarette rauchst du mit mir.
RAINER:
Es ist eigentlich mein Prinzip, in Gesellschaft einer Frau nicht zu rauchen.
JEANNE:
Sonderbar bist du doch. Warum denn nicht?
RAINER:
Weil die Zigarette ein Hilfsmittel ist, das Ihr entbehren könnt.
JEANNE:
Und deshalb soll eine Frau nicht rauchen?
RAINER:
Sie soll es deshalb nicht tun, weil sie es aus Instinkt bis jetzt nicht getan hat.
JEANNE (lacht):
Wie ernst du alles nimmst!
RAINER (ärgerlich):
Weil ich euch verachten muß, wenn der Mann euer Ideal ist. Seid Ihr es für uns? Für Schwachköpfige vielleicht! Könnt Ihr euch langweilen? Wißt Ihr manchmal nicht, wo Ihr eure Hände lassen sollt? -- Also warum raucht Ihr?
JEANNE (lächelnd):
Du bist wohl auf die neuen Ideen nicht gut zu sprechen?
RAINER:
Wie du siehst. Für mich ist die Frauenemanzipation der umgekehrte Sündenfall. Damals aß Adam vom Apfel der Eva, heute ißt Eva vom Apfel des Adam. -- Ich stehe vom Tisch auf, wenn ein Blaustrumpf sich zu mir setzt.
JEANNE:
Bourgeois!
RAINER:
Denk' daran: Die Geusen schrieben das Schimpfwort auf ihre Fahnen! (Dozierend) Übrigens ist es auffallend, daß dieser Prozeß sich immer wiederholt. Ich habe in meiner Utopie gesagt, daß Bourgeoisie, Judentum und Sozialdemokratie --
JEANNE:
Aber Rainer! Ich habe deine Utopie angefangen zu lesen und das Buch zuklappen müssen, weil mir sonst die Lust vergangen wäre, je wieder mit dir zu plaudern.
RAINER (wütend):
Ich bin nicht interessanter als mein Buch!
JEANNE:
Unsinn! Du und dein Buch, das sind zweierlei.
RAINER:
Wenn du mein Buch verachtest, verachtest du mich.
JEANNE:
Ich glaub' nur, du bist zu was ganz anderem berufen, als Bücher zu schreiben.
RAINER:
Zu was?
JEANNE:
Tja, du müßtest so einen Beruf haben -- wie mein Prinz.
RAINER:
Wer ist denn das?
JEANNE:
Tja -- das ist ein ganz geheimnisvoller Prinz.
RAINER (trinkt Tee):
Wohl eine Bühnenbekanntschaft?
JEANNE:
O nein. Der lebt ganz einsam, ganz weit draußen und kommt gar nicht in die Stadt.
RAINER:
Und was tut er?
JEANNE:
Er liebt mich.
RAINER:
Weiter nichts?
JEANNE (schweigt).
RAINER:
Versteh' mich nicht falsch. Ich schließe von mir auf andere. Ich würde mich verachten, wenn ich nur das Bestreben hätte, einer Frau zu gefallen. Aber vielleicht haben schon seine Ahnen die übrigen Lebensprobleme gelöst und ihm die erworbene Seelenruhe vererbt; außerdem -- pflegen Prinzen ja keinen Beruf zu haben. Von welchem Geblüt ist er denn?
JEANNE:
Das darf ich nicht verraten, sonst ist er mir böse.
RAINER:
Aber ich werde ihn nicht besuchen.
JEANNE:
Du würdest ihn auch gar nicht finden. Er lebt unter einem andern Namen.
RAINER:
Nun?
JEANNE:
Nein. Wenn ich es sage, dann meldet sich nämlich mein Gewissen, und mit dem will ich gar nichts zu tun haben.
RAINER:
Aber es erlaubt dir, deinen Mann zu betrügen?
JEANNE:
Frag' doch nicht so dumm.
RAINER:
Ich habe Yges nie gefragt, aber ich dachte, Ihr lebtet glücklicher.
RAINER:
Er ist ein bißchen roh, weißt du.
RAINER:
Schlägt er dich?
JEANNE (lacht belustigt):
Aber wie kommst du denn darauf? Weißt du denn gar nicht mehr, daß du _das da_ von mir hast? (Sie zeigt auf eine Narbe an seiner Stirn.) Erinnerst du dich? Ich hatte dich mal besucht, noch damals, als ich frei war, und da hatte ich beim Spiel gemogelt, und du versuchtest mich zu schlagen --
RAINER:
Ich _habe_ es sogar getan, und es war auch berechtigt.
JEANNE:
Nein, das war es nicht -- für so eine Kleinigkeit, und deshalb habe ich es dir auch wiedergegeben; aber daß eine Schere auf dem Tisch lag, dafür konnte ich doch nicht -- (sie streichelt die Narbe) Tut's noch weh? -- Gott, was hast du für eine weiche Haut! (plötzlich) Nein, daß du mich nicht verstanden hast, wo du mich so gut kennst!
RAINER (erschrickt):
Was?
JEANNE:
Wenn ich »roh« sage, meine ich das doch nicht so körperlich. Im Gegenteil, Yges berührt mich sogar sehr zart; er sieht mich nämlich nur an oder macht photographische Aufnahmen, und zwar wirklich sehr schöne, das muß ich ihm lassen.
RAINER (träume):
So so -- warum tut er denn das?
JEANNE:
Gott, es gibt Menschen, die nicht lieben können.
RAINER (spricht vor sich hin):
Und andere, die jeden Hund lieben und von ihm geliebt sein wollen.
JEANNE:
Wie kommst du denn darauf?
RAINER:
Ach, nur so --
JEANNE:
Mit dem Prinzen lebe ich aber desto glücklicher! Und denk' dir, er hat mich noch nie berührt! -- Ja ja, so ist's, und trotzdem -- weißt du, ich nenne das . . . unbefleckte Empfängnis.
RAINER:
Diese Kunst möchte ich gern von dem Prinzen lernen.
JEANNE:
Du unterschätzt dich.
RAINER:
Ich kenne doch aber sonst meine Fähigkeiten --
JEANNE:
Man zieht nur seinen Fähigkeiten Grenzen, um sich wundern zu können, daß man sie überschreitet -- das hat mir mal der Prinz gesagt.
RAINER:
Liebt es Seine Hoheit, solche Aphorismen zu fabrizieren?
JEANNE:
Ja, das ist seine Leidenschaft.
RAINER:
Die kann aber nicht sehr tief sein. -- Ich glaube doch, daß Yges würdiger ist, um von dir geliebt zu werden.
JEANNE:
Ach, dieser -- Geistesbeamte.
RAINER (erregt):
Wie kannst du eine scherzhafte Bemerkung ernst nehmen!
JEANNE:
Woher weißt du denn, daß der Prinz das gesagt hat?
RAINER:
_Ich_ habe es gesagt, sogar in Yges' Gegenwart. Das Wort ist mir entschlüpft, weil es so -- glatt war.
JEANNE:
Ach, du warst es? Weißt du, ich bring' die Männer immer alle durcheinander. Ihr verwechselt uns, wenn zwei Freundinnen einmal den Hut tauschen, und wir verwechseln euch, wenn einer mal sagt, was der andere gesagt haben könnte. Ich glaube, dadurch ist schon manche unglückliche Liebe geheilt worden . . .
RAINER:
Und manche unerwartete zustande gekommen.
JEANNE:
So ist es mir mit Yges und dir ergangen. -- Wir verstehen uns eigentlich recht gut. Findest du nicht?
RAINER (versteht jetzt erst, was er gesagt hat, und sucht seine Verlegenheit zu verbergen):
Wir waren doch auch sehr befreundet.
JEANNE:
Warum sind wir es nicht _mehr?_
RAINER:
Wie soll ich das verstehen?
JEANNE:
Beichte mir mal -- soll ich da hinter den Schirm gehen?
RAINER:
Warum quälst du mich? -- Willst du dich von Yges scheiden lassen?
JEANNE:
Vielleicht . . .
RAINER:
Aber wenn ich dir nun sage, daß das nichts an unseren Beziehungen ändern würde?
JEANNE:
Es würde sie ändern.
RAINER:
Du bist so zuversichtlich . . .
JEANNE:
Warum schämst du dich schöner zu sein als Yges? Warum nimmst du dir nicht die Rechte, auf die dir die Natur einen Anspruch gab? -- Du bist ja unwürdig, so schön zu sein.
RAINER:
Ich bin dem Zufall nicht verpflichtet.
JEANNE:
Wenn du als Mann so leicht denken darfst, dann habe ich es als Frau schwerer.
RAINER:
Wenn du in der Koketterie eine Pflicht siehst -- vielleicht wäre damals alles anders geworden, wenn du diese Pflicht weniger gut erfüllt hättest.
JEANNE:
Ich weiß, daß ich dir gefallen habe.
RAINER:
Das wäre nur möglich, wenn ich ein Laffe oder du eine Kokotte wärst.
JEANNE:
Da ich _auch_ eine Kokotte bin, bist du vielleicht _auch_ ein Laffe. (Plötzlich) Muß man dich denn an sämtlichen Zipfeln deiner Seele packen, um dich über einen Abgrund zu schleppen, der gar nicht da ist?
RAINER:
Für dich nicht da ist.
JEANNE:
Wenn du nun all das moralische Gepäck abwirfst, und ich dir helfe . . . was hat dich denn damals gehindert? Du weißt, ich mußte heiraten. Das sahst du selbst ein. Also warum? Leben die Gründe denn immer noch?
RAINER:
Ja . . .
JEANNE (lächelnd):
Kann ich sie nicht beseitigen?
RAINER (schweigt).
JEANNE:
Du hättest mich aber doch zum wenigsten besuchen können, wenn du Gründe hattest, mich nicht zu heiraten. Oder hattest du Furcht -- hattest du Furcht? Sag' einmal die Wahrheit --
RAINER:
Nein.
JEANNE:
Du lügst!
RAINER (apathisch):
Ich lüge nicht.
JEANNE:
Schau mich einmal an. (Rainer sieht auf.) In die Augen! (Er tut es.) So -- fest -- ganz fest -- (sie steht langsam auf) ganz fest -- ganz -- ganz fest. (Sie ist auf ihn zugegangen. Als sie ihn küssen will, läßt die Spannung in seinem Körper plötzlich nach und sein Kopf fällt über die Stuhllehne.) Du -- du, Rainer! (Sie küßt ihn. Rainer läßt es geschehen.) Lieber! Solange habe ich gewartet -- solange! (Sie küßt ihn oft hintereinander, plötzlich) Gott, das ist ja -- Rainer, wie glücklich du mich machst!!
RAINER (richtet sich auf):
Was, -- was denn?
JEANNE:
Ich hab' die Stellung für den 4. Akt! Bleib' doch so liegen -- so nach hinten mit dem Kopf über die Lehne. (Sie nimmt seinen Kopf in ihre Hände.) Mein Rainer!
RAINER (springt plötzlich auf und würgt sie):
Du -- du probst mit mir?! -- Jeanne! Eigne ich mich besser dazu als dein Hund? Du?!
JEANNE:
Hilfe! Hilfe! (Das Mädchen stürzt herein.)
RAINER (läßt Jeanne frei):
Sie können wieder gehen.
DAS MÄDCHEN (sieht fragend auf Jeanne).
JEANNE:
Es ist nichts.
DAS MÄDCHEN (ab).
RAINER (will gehen).
JEANNE (umarmt ihn von hinten und wirft ihn auf die Chaiselongue):
JEANNE:
Rainer! Rainer! Glaub' mir. Ich habe nicht gespielt!
RAINER:
Doch!
JEANNE:
Ich reiß dich auseinander! Ich küß dich tot! Du mußt mich lieben! Bleib' bei mir! Du mußt! Du mußt!
RAINER
(kann nicht antworten, da sie sich an seinem Munde festgesaugt hat).
JEANNE:
Sag', daß du mich liebst!
(Man hört eine Tür klappen und eine männliche Stimme. Jeanne springt auf, rennt zum Toilettentisch, ordnet ihre Haare und läuft zur Tür.)
Yges, bist du es?
YGES (hinter der Szene):
'n Tag, Jeanne!
JEANNE:
Komm hier herein, es erwartet dich jemand!
YGES (tritt ein).
(Als er Rainer bemerkt, fragt er hastig): Habe ich die Wette gewonnen?
RAINER:
Nein.
YGES:
Für andere Mitteilungen bin ich nicht zu sprechen.
RAINER:
Mein Gewissen gestattet es mir nicht, in diesem Tone zu antworten, trotzdem wir -- bis jetzt -- gleiche Rechte haben.
YGES (zu Jeanne):
Es ist wohl besser, Jeanne, wenn du uns allein läßt.
RAINER:
Mich stört die Gegenwart Ihrer Gemahlin nicht. Vielleicht überlassen wir Frau Jeanne die Entscheidung.
JEANNE:
Ich bleibe. Ich setz' mich in die Ecke.
YGES:
Ich hoffe, daß Ihnen die unparteiliche Ehrlichkeit jedes Kontrahenten als Richter genügt.
RAINER:
Davon werden Sie sich gleich selbst überzeugen können.
YGES:
Bitte, nehmen Sie Platz. -- Es ist auffallend, daß Sie _mich_ in meiner _Wohnung_ besuchen?
RAINER:
Im Café hätte ich Sie vielleicht nicht getroffen, und ich _mußte_ Sie sprechen. Ihre Gemahlin hat mich unterhalten, während ich auf Sie wartete. Ich finde keinen Grund zum Verdacht. Ich sagte Ihnen schon einmal: Sie haben nicht gewonnen.
JEANNE:
Aber wenn Ihr in diesem Tone fortfahrt, gehe ich hinaus.
YGES:
Das war mein Wunsch.
RAINER:
Frau Jeanne hat recht; ich hätte die Pflicht, bescheidener zu reden.
YGES:
Das verlange ich nur, wenn Sie die Wette verlieren.
RAINER:
Sie brauchten es nicht zu verlangen, ich wäre gedemütigt schon dadurch, daß ich sie verliere.
YGES:
Ich glaube, daß unser Vertrag eines psychologischen Kommentars nicht mehr bedarf. Um was handelt es sich?
RAINER:
Nicht um die Wette. Wenigstens nicht unmittelbar.
YGES:
Sondern . . .
RAINER (nach kleiner Pause):
Um meinen Tod.
JEANNE (unfreiwillig):
Rainer!
RAINER:
Ich komme zu Ihnen, Yges, um Sie zu bitten, den Vertrag zu lösen, den wir geschlossen haben. Trotzdem ich mein Recht auf den eigenen Tod nicht verkauft habe . . . ich fühle mich unfrei. Verstehen Sie mich, ich will Sie nicht betrügen, da ich Ihnen einen Anspruch auf mein Leben gegeben habe.
YGES:
Ich habe kein größeres Interesse an Ihrem Leben, als Sie es selbst haben müßten.
RAINER:
Yges -- ich habe Ihnen während der vielen Jahre unserer Freundschaft den Einblick in meine Seele wie ein Kaufmann in seine Geschäftsbücher gestattet. Ich hatte den Ehrgeiz Ihnen über meine Einnahmen und Ausgaben Rechenschaft ablegen zu können. Sie sollten das Recht haben zu urteilen, ob ich mit meinem menschlichen Vermögen gut gewirtschaftet habe oder nicht. Ich wollte nicht an meine Ehrlichkeit glauben, wenn Sie sie nicht bestätigen konnten. Sie konnten es nicht. Ich habe mich erboten Ihnen Ihren Irrtum nachzuweisen. Aber ich erkannte vor einer Stunde, daß es zwecklos ist. Was ich nur verwickelt glaubte, ist -- ist wirr.
YGES:
Das würde also meine Vermutung bestätigen.
RAINER:
Ja und nein. Richtungslos habe ich nicht gelebt. Ich kenne mein Ziel, aber ich kenne mich selbst nicht mehr.
YGES:
Hm -- also Sie kennen Ihren Beruf, aber Sie wissen, daß Sie sich dazu nicht eignen. (Er lacht.)
RAINER:
Das habe ich nicht gesagt. Sie können mich verstehen, Yges!
YGES:
Nein. Sie sind lebensüberdrüssig. Weiter nichts. Sie haben kein Recht auf den Tod. Sichtbare Gründe, die Ihr Verlangen rechtfertigen, kann ich nicht finden. Ich habe nichts anderes behauptet, als daß Sie Ihren Beruf nicht kennen. Würde ich die Wette rückgängig machen, so würde der Verzicht zugleich mein Gewinn sein. (Lächelnd) Ich will Sie nicht betrügen.
RAINER (leise):
Dann verachten Sie mich.
YGES:
Ich habe kein Recht dazu.
RAINER:
Wenn -- ich Ihnen aber nun -- das Recht gebe?
YGES:
Dann habe ich die Wette gewonnen.
RAINER:
Nein. Ich habe nicht aus unsauberen Motiven Anarchie gepredigt. Ich kann die Verantwortung für meine Politik tragen. Ich habe keine Gelegenheit gesucht . . . (er sieht auf Jeanne und schweigt) Yges, warum gönnen Sie mir nicht meinen Tod? Verstehen Sie doch! Es ist niemand auf der Welt, der meine Leiche waschen könnte. Ich muß es selbst tun, bevor ich sterbe. Verstehen Sie doch, ich kann nicht dulden, daß Sie mir Feigheit nachrufen.
YGES:
Verwischen Sie die Klarheit der Situation nicht durch Sentimentalität! Warum wollen Sie sich und die Politik an den Nagel hängen, -- etwas tun, was ich nur verlangt haben würde, wenn Sie die Wette verlieren?
RAINER (schweigt).
YGES:
Ich wollte niemals etwas anderes als Ihren Hochmut niederreißen und Ihre Armseligkeit Ihnen und Ihrer Glaubensgemeinde dokumentieren! -- Wollen Sie mir zuvorkommen?
RAINER:
Ich habe noch nicht erkannt, daß meine Ideale falsch sind.
YGES:
Der »Rote Pfad« wird also auch nach Ihrem Tode erscheinen?
RAINER (nach kurzer Überlegung):
Ja.
YGES:
Und warum wollen Sie nicht mehr als Herausgeber verantwortlich zeichnen?
RAINER:
Ich fühle mich nicht mehr berechtigt, als Pfeil auf einem Bogen zu liegen, den andere spannen.
YGES:
Und warum »unterschätzen« Sie sich? Der Glaube an Ihr Unrecht berechtigt Sie ebensowenig wie mich, diese Vermutung als Tatsache zu behandeln. Wenn ich das getan hätte, wäre die Wette unnötig gewesen.
RAINER (schweigt).
YGES:
»Ich schätze Ihre Überzeugung«, -- doch ich suche die Wahrheit! Geben Sie mir Tatsachen! Ich muß Sie gegen Sie selbst in Schutz nehmen, denn ich weiß nicht, warum Sie sich verachten müßten.
RAINER (sieht ihn dankbar an).
YGES:
Ich kenne keine Sympathien oder Antipathien, mein Urteil über Sie mache ich allein abhängig von einer wissenschaftlich begründeten Erkenntnis -- wenn sie mir möglich ist.
RAINER:
Ich danke Ihnen, Yges.
YGES:
Da die Wette noch unentschieden ist, ist es nur notwendig, daß ich auf Ihre Selbstanklagen weder mit Achtung noch mit Verachtung reagiere. -- Geben Sie mir Tatsachen!
RAINER (stockend):
Ich habe Sie verachtet und gehaßt . . .
YGES:
Auch meine Selbsterziehung hat es noch nicht vermocht, daß meine rechtlosen Gefühle ihre Ansprüche aufgegeben haben. Sie mögen mich hassen, wenn Sie nur nicht handeln. Was Sie tun, untersteht Ihrer Verantwortung, nicht, was Sie fühlen. Erinnern Sie sich an den zweiten Teil unserer Wette, Sie werden vielleicht jetzt die Bedeutung verstehen, die _ich_ ihm gebe.
RAINER:
Ich _habe_ gehandelt.
YGES (triumphierend):
Jetzt verstehe ich, warum Sie die Anwesenheit meiner Frau wünschten.
RAINER:
Sie verdächtigen mich zum dritten Male. Mein Verhältnis zu Frau Jeanne ist dasselbe geblieben wie zur Zeit unserer Freundschaft. Ich wiederhole es.
YGES:
Dann haben Sie wohl noch eine feinere Rache gefunden.
RAINER (leise und bestimmt):
Ich hatte die Absicht, Sie zu töten.
YGES (erregt):
Mich?
RAINER:
Ich hatte einen Golem nach Ihrem Bilde geknetet.
JEANNE:
Rainer! Du?!
YGES (sieht flüchtig, aber scharf auf Jeanne):
(Zu Rainer) Was ist das?
RAINER (zögernd):
Eine Wachsfigur . . .
YGES:
Was macht man mit einem solchen Menschen aus Wachs?
RAINER:
Man setzt ihn auf einen glühenden Ofen . . .
YGES:
Und?
RAINER:
Und blickt ihn starr an und denkt nur an seinen Haß . . .
YGES:
Und?
RAINER:
Und quält ihn mit Nadeln und schneidet ihm die Glieder vom Rumpf.
YGES:
Und dann?
RAINER (erregt):
Dann -- dann stirbt er! (Pause.)
YGES (steht auf und lehnt sich mit dem Rücken gegen die Tür).
RAINER (bittend):
Yges!
YGES:
Das Glück klebt ja noch in Ihren Augen. Sie bereuen nicht!
RAINER:
Würde ich Sie sonst darum gebeten haben, unsern Vertrag zu lösen, damit ich tun kann, was ich jetzt tun muß? (Yges schweigt.) Gonn hat mir einmal erzählt, daß der Wahnsinn bei vielen Menschen nur in besonderen Augenblicken durchbricht. Zu anderen Zeiten ist es unmöglich, den Kranken von einem gesunden Menschen zu unterscheiden --
YGES (unterbricht ihn):
Plaidieren Sie für mildernde Umstände?
RAINER (verzweifelt):
Wie soll ich es mir erklären, daß ich Sie foltern konnte?!
YGES: