Der junge Gelehrte: Ein Lustspiel in drei Aufzügen
Chapter 7
Damis. Ich muß Mitleiden mit deiner Unwissenheit haben. Du kennst keine andre Arten von Gedichten, als die du im Gesangbuche gefunden hast.
Anton. Es wird gewiß noch andre geben? So lassen Sie doch hören, was Sie machen.
Damis. Ich mache--ein Epithalamium--
Anton. Ein Epithalamium? Potz Stern, das ist ein schwer Ding! Damit können Sie wirklich zurechte kommen? Da gehört Kunst dazu--Aber, Herr Damis, im Vertrauen, was ist denn das ein Epith--pitha--thlamium?
Damis. Wie kannst du es denn schwer nennen, wenn du noch nicht weißt, was es ist?
Anton. Ei nun, das Wort ist ja schon schwer genug. Sagen Sie mir nur ein wenig mit einem andern Namen, was es ist.
Damis. Ein Epithalamium ist ein Thalassio.
Anton. So, so! nun versteh ich's; ein Epithalamium ist ein--wie hieß es?--
Damis. Thalassio.
Anton. Ein Thalassio; und das können Sie machen? Wenigstens werden Sie viel Zeit dazu brauchen--Aber, hören Sie doch, wenn mich nun jemand fragt, was ein Thalassio ist, was muß ich ihm wohl antworten?
Damis. Auch das weißt du nicht, was ein Thalassio ist?
Anton. Ich für mein Teil weiß es wohl. Ein Thalassio ist ein--wie hieß das vorige Wort?
Damis. Epithalamium.
Anton. Ist ein Epithalamium. Und ein Epithalamium ist ein Thalassio. Nicht wahr, ich habe es gut behalten? Aber das möchte nur andern Leuten nicht deutlich sein, welche beide Worte nicht verstehen.
Damis. Je nun, so sage ihnen, Thalassio sei ein Hymenaeus.
Anton. Zum Henker! das heißt Leute vexieren. Ein Epithalamium ist ein Thalassio, und ein Thalassio ist ein Hymenaeus. Und so umgekehrt, ein Hym--Hym--Die Namen mag sonst einer merken!
Damis. Recht! recht! ich sehe doch, daß du anfängst einen Begriff von Sachen zu bekommen.
Anton. Ich einen Begriff hiervon? so wahr ich ehrlich bin! Sie irren sich. Der Kobold müßte mir's eingeblasen haben, wenn ich wüßte, was die kauderwelschen Worte heißen sollen. Sagen Sie mir doch ihren deutschen Namen; oder haben sie keinen?
Damis. Sie haben zwar einen, allein er ist lange nicht von der Annehmlichkeit und dem Nachdrucke der griechischen oder lateinischen. Sage einmal selbst, ob ein Hochzeitgedichte nicht viel kahler klingt als ein Epithalamium, ein Hymenaeus, ein Thalassio.
Anton. Mir nicht; wahrhaftig mir nicht! denn jenes versteh ich und dieses nicht. Ein Hochzeitgedichte haben Sie also machen wollen? Warum sagten Sie das nicht gleich?--Oh! in Hochzeitgedichten habe ich. eine Belesenheit, die erstaunend ist. Ich muß Ihnen nur sagen, wie ich dazu gekommen bin. Mein weiland seliger Vater hatte einen Vetter--und gewissermaßen war es also auch mein Vetter--
Damis. Was wird das für ein Gewäsche werden?
Anton. Sie wollen es nicht abwarten? Gut! Der Schade ist Ihre. --Weiter also: Verse auf eine Hochzeit wollten Sie machen? aber auf was denn für eine?
Damis. Welche Frage! auf meine eigne.
Anton. Sie heiraten also Julianen noch? Der Alte will es ja nicht?--
Damis. Ah der!
Anton. Es ist schon wahr; was hat sich ein Sohn um den Vater zu bekümmern? Aber sagen Sie mir doch: schickt es sich denn, daß man auf seine eigne Hochzeit Verse macht?
Damis. Gewöhnlich ist es freilich nicht; aber desto besser! Geister wie ich lieben das Besondre.
Anton (beiseite). St! jetzt will ich ihm einen Streich spielen! --(Laut.) Hören Sie nur, Herr Damis, ich werde es selbst gern sehen, wenn Sie Julianen heiraten.
Damis. Wieso?
Anton. Ich weiß nicht, ob ich mich unterstehen darf, es Ihnen zu sagen. Ich habe--ich habe selbst--
Damis. Nur heraus mit der Sprache!
Anton. Ich habe selbst versucht, Verse auf Ihre Hochzeit zu machen, und deswegen wollte ich nun nicht gern, daß meine Mühe verloren wäre.
Damis. Das wird etwas Schönes sein!
Anton. Freilich! denn das ist mein Fehler; ich mache entweder etwas Rechtes oder gar nichts.
Damis. Gib doch her! vielleicht kann ich deine Reime verbessern, daß sie alsdenn mir und dir Ehre machen.
Anton. Hören Sie nur, ich will sie Ihnen vorlesen. (Er sucht einen Zettel aus der Tasche.) Ganz bin ich noch nicht fertig, muß ich Ihnen sagen. Der Anfang aber, aus dem auch allenfalls das Ende werden kann, klingt so--Rücken Sie mir doch das Licht ein wenig näher!--Du, o edle Fertigkeit, Zu den vorgesetzten Zwecken Tücht'ge Mittel--
Damis. Halt! du bist ein elender Stümper! Ha! ha! ha! Das du o steht ganz vergebens. Edle Fertigkeit sagt nichts weniger, und Du, o edle Fertigkeit nichts mehr. Deleatur ergo du o! Damit aber nicht zwei Silben fehlen, so verstärke das Beiwort edel, nach Art der Griechen, und sage überedel. Ich weiß zwar wohl, überedel ist ein neues Wort; aber ich weiß auch, daß neue Wörter dasjenige sind, was die Poesie am meisten von der Prose unterscheiden muß. Solche Vorteilchen merke dir! Du mußt dich durchaus bestreben, etwas Unerhörtes, etwas Ungesagtes zu sagen. Verstehst du mich, dummer Teufel?
Anton. Ich will es hoffen.
Damis. Also heißt dein erster Vers
überedle Fertigkeit
usw. Nun lies weiter!
Anton. Zu den vorgesetzten Zwecken Tücht'ge Mittel zu entdecken Und sich dann zur rechten Zeit Ihrer Kräfte zu bedienen, Wirst, so lange, bis die Welt In ihr erstes Cha- Cha- Chaos fällt, Wie die Pappelbäume grünen.
Aber, Herr Damis, können Sie mir nicht sagen, was ich hier muß gedacht haben? Verflucht! das ist schön; ich verstehe mich selbst nicht mehr. Das erste Cha--Chaos;--ich dächte, ich hätte das Wort noch nie in meinen Mund genommen, so fürchterlich klingt es mir.
Damis. Zeige doch--
Anton. Warten Sie, warten Sie! ich will es Ihnen noch einmal vorlesen.
Damis. Nein, nein; weise mir nur den Zettel her.
Anton. Sie können es unmöglich lesen. Ich habe gar zu schlecht geschrieben; kein Buchstabe steht gerade; sie hocken einer auf den andern, als ob sie Junge hecken wollten.
Damis. O so gib her!
Anton (gibt ihm den Zettel mit Zittern). Zum Henker, es ist seine eigne Hand!
Damis (betrachtet ihn einige Zeit). Was soll das heißen? (Steht zornig auf.) Verfluchter Verräter, wo hast du dieses Blatt her?
Anton. Nicht so zornig; nicht so zornig!
Damis. Wo hast du es her?
Anton. Wollen Sie mich denn erwürgen?
Damis. Wo hast du das Blatt her, frag ich?
Anton. Lassen Sie nur erst nach.
Damis. Gesteh!
Anton. Aus--aus Ihrer--Westentasche.
Damis. Ungelehrte Bestie! ist das deine Treue? Das ist ein Diebstahl; ein Plagium.
Anton. Zum Henker! des Quarks wegen mich zu einem Diebe zu machen?
Damis. Des Quarks wegen? was? den Anfang eines philosophischen Lehrgedichts einen Quark zu nennen?
Anton. Sie sagten ja selbst, es tauge nichts.
Damis. Ja, insofern es ein Hochzeitkarmen vorstellen sollte und du der Verfasser davon wärest. Gleich schaffe die andern Manuskripte, die du mir sonst entwandt hast, auch herbei! Soll ich meine Arbeit in fremden Händen sehen? Soll ich zugeben, daß sich eine häßliche Dohle mit meinen prächtigen Pfauenfedern ausschmücke? Mach bald! oder ich werde andre Maßregeln ergreifen.
Anton. Was wollen Sie denn? Ich habe nicht einen Buchstaben mehr von Ihnen.
Damis. Gleich wende alle Taschen um!
Anton. Warum auch nicht? Wenn ich sie umwende, so fällt ja alles heraus, was ich darin habe.
Damis. Mach und erzürne mich nicht!
Anton. Ich will ein Schelm sein, wenn Sie nur ein Stäubchen Papier bei mir finden. Damit Sie aber doch Ihren Willen haben;--hier ist die eine; da ist die andre--Was sehen Sie?--Da ist die dritte; die ist auch leer.--Nun kommt die vierte--(Indem er sie umwendet, fallen die Briefe heraus.)--Zum Henker, die verfluchten Briefe! die hatte ich ganz vergessen--(Er will sie geschwind wieder aufheben.)
Damis. Gib her, gib her! was fiel da heraus? Ganz gewiß wird es wieder etwas von mir sein.
Anton. So wahr ich lebe, es ist nichts von Ihnen. An Sie könnte es eher noch etwas sein.
Damis. Halte mich nicht auf; ich habe mehr zu tun.
Anton. Halten Sie mich nur nicht auf. Sie wissen ja, daß ich nun bald wieder auf die Post gehen muß. Ich weiß, es sind Briefe da.
Damis. Nun so geh, so geh! Aber durchaus zeige mir erst, was du so eilfertig aufhobst. Ich muß es sehen.
Anton. Zum Henker! wenn das ist, so brauche ich nicht auf die Post zu gehen.
Damis. Wieso?
Anton. Nu, nu! da haben Sie es. Ich will hurtig gehen. (Er gibt ihm den Brief und will fortlaufen.)
Damis (indem er ihn besieht). Je, Anton, Anton! das ist ja eben der Brief aus Berlin, welchen ich erwarte. Ich kenn ihn an der Aufschrift.
Anton. Es kann wohl sein, daß er es ist. Aber, Herr Damis, werden Sie nur--nur nicht ungehalten. Ich hatte es, bei meiner armen Seele! ganz vergessen--
Damis. Was hast du denn vergessen?
Anton. Daß ich den Brief, beinahe schon eine halbe Stunde, in der Tasche trage. Mit dem verdammten Plaudern!--
Damis. Weil er nun da ist, so will ich dir den dummen Streich verzeihen.--Aber, allerliebster Anton, was müssen hierin für unvergleichliche, für unschätzbare Nachrichten stehen! Wie wird sich mein Vater freuen! Was für Ehre, was für Lobsprüche!--O Anton!--ich will dir ihn gleich vorlesen--(Bricht ihn hastig auf.)
Anton. Nur sachte, sonst zerreißen Sie ihn gar. Nun da! sagte ich's nicht?
Damis. Es schadet nichts; er wird doch noch zu lesen sein.--Vor allen Dingen muß ich dir sagen, was er betrifft. Du weißt, oder vielmehr du weißt nicht, daß die Preußische Akademie auf die beste Untersuchung der Lehre von den Monaden einen Preis gesetzt hat. Es kam mir noch ganz spät ein, unsern Philosophen diesen Preis vor dem Maule wegzufangen. Ich machte mich also geschwind darüber und schrieb eine Abhandlung, die noch gleich zur rechten Zeit muß gekommen sein.--Eine Abhandlung, Anton--ich weiß selbst nicht, wo ich sie hergenommen habe, so gelehrt ist sie. Nun hat die Akademie vor acht Tagen ihr Urteil über die eingeschickten Schriften bekanntgemacht, welches notwendig zu meiner Ehre muß ausgefallen sein. Ich, ich muß den Preis haben und kein andrer. Ich habe es einem von meinen Freunden daselbst heilig eingebunden, mir sogleich Nachricht davon zu geben. Hier ist sie; nun höre zu.
"Mein Herr,
"Wie nahe können Sie einem Freunde das Antworten legen! Sie drohen mir mit dem Verluste Ihrer Liebe, wenn Sie nicht von mir die erste Nachricht erhielten, ob Sie oder ein anderer den akademischen Preis davongetragen hätten. Ich muß Ihnen also in aller Eil' melden, daß Sie ihn nicht--(stotternd) bekommen haben und auch--(immer furchtsamer) nicht haben--bekommen können.--"
Was? ich nicht? und wer denn? und warum denn nicht?--
"Erlauben Sie mir aber, daß ich als ein Freund mit Ihnen reden darf."
So rede, Verräter!
"Ich habe Ihnen unmöglich den schlimmen Dienst erweisen können, Ihre Abhandlung zu übergeben.--"
Du hast sie also nicht übergeben, Treuloser? Himmel, was für ein Donnerschlag!--So soll mich deine Nachlässigkeit, unwürdiger Freund, um die verdienteste Belohnung bringen?--Wie wird er sich entschuldigen, der Nichtswürdige?
"Wenn ich es frei gestehen soll, so scheinen Sie etwas ganz anders getan zu haben, als die Akademie verlangt hat. Sie wollte nicht untersucht wissen, was das Wort Monas grammatikalisch bedeute? wer es zuerst gebraucht habe? was es bei dem Xenokrates anzeige? ob die Monaden des Pythagoras die Atomi des Moschus gewesen? usw. Was ist ihr an diesen kritischen Kleinigkeiten gelegen, und besonders alsdann, wann die Hauptsache dabei aus den Augen gesetzt wird? Wie leicht hätte man Ihren Namen mutmaßen können, und Sie würden vielleicht Spöttereien sein ausgesetzt worden, dergleichen ich nur vor wenig Tagen in einer gelehrten Zeitung über Sie gefunden habe.--"
Was lese ich? kann ich meinen Augen trauen? Ah, verfluchtes Papier! verfluchte Hand, die dich schrieb! (Wirft den Brief auf die Erde und tritt mit den Füßen darauf.)
Anton. Der arme Brief! man muß ihn doch vollends auslesen! (Hebt ihn auf.) Das Beste kömmt vielleicht noch, Herr Damis. Wo blieben Sie? Da, da! hören Sie nur!
"... gelehrten Zeitung gefunden habe.--Man nennt Sie ein junges Gelehrtchen, welches überall gern glänzen möchte und dessen Schreibesucht--"
Damis (reißt ihm den Brief aus der Hand). Verdammter Korrespondent! --Das ist der Lohn, den dein Brief verdient! (Er zerreißt ihn.) Du zerreißest mein Herz, und ich zerreiße deine unverschämte Neuigkeiten. Wollte Gott, daß ich ein gleiches mit deinem Eingeweide tun könnte! Aber--(zu Anton) du nichtswürdige, unwissende Bestie! An alledem bist du schuld!
Anton. Ich, Herr Damis?
Damis. Ja du! wie lange hast du nicht den Brief in der Tasche behalten?
Anton. Herr, meine Tasche kann weder schreiben noch lesen: wenn Sie etwa denken, daß ihn die anders gemacht hat--
Damis. Schweig! Und solche Beschimpfungen kann ich überleben?--O ihr dummen Deutschen! ja freilich, solche Werke, als die meinigen sind, gehörig zu schätzen, dazu werden andre Genies erfordert! Ihr werdet ewig in eurer barbarischen Finsternis bleiben und ein Spott eurer witzigen Nachbarn sein!--Ich aber will mich an euch rächen und von nun an aufhören, ein Deutscher zu heißen. Ich will mein undankbares Vaterland verlassen. Vater, Anverwandte und Freunde, alle, alle verdienen es nicht, daß ich sie länger kenne, weil sie Deutsche sind; weil sie aus dem Volke sind, das ihre größten Geister mit Gewalt von sich ausstößt. Ich weiß gewiß, Frankreich und Engeland werden meine Verdienste erkennen--
Anton. Herr Damis, Herr Damis, Sie fangen an zu rasen. Ich bin nicht sicher bei Ihnen; ich werde jemand rufen müssen.
Damis. Sie werden es schon empfinden, die dummen Deutschen, was sie an mir verloren haben! Morgen will ich Anstalt machen, dieses unselige Land zu verlassen--
Sechzehnter Auftritt
Chrysander. Damis. Anton.
Anton. Gott sei Dank, daß jemand kömmt!
Chrysander. Das verzweifelte Mädel, die Lisette! Und (zu Anton) du, du Spitzbube! du sollst dein Briefträgerlohn auch bekommen, Mich so zu hintergehen? schon gut!--Mein Sohn, ich habe mich besonnen; du hast recht; ich kann dir Julianen nun nicht wieder nehmen. Du sollst sie behalten.
Damis. Schon wieder Juliane? Jetzt, da ich ganz andre Dinge zu beschließen habe--Hören Sie nur auf damit; ich mag sie nicht.
Chrysander. Es würde unrecht sein, wenn ich dir länger widerstehen wollte. Ich lasse jedem seine Freiheit; und ich sehe wohl, Juliane gefällt dir--
Damis. Mir? eine dumme Deutsche?
Chrysander. Sie ist ein hübsches, tugendhaftes, aufrichtiges Mädchen; sie wird dir tausend Vergnügen machen.
Damis. Sie mögen sie loben oder schelten; mir gilt alles gleich. Ich weiß mich nach Ihrem Willen zu richten, und dieser ist, nicht an sie zu gedenken.
Chrysander. Nein, nein; du sollst dich über meine Härte nicht beklagen dürfen.
Damis. Und Sie sich noch weniger über meinen Ungehorsam.
Chrysander. Ich will dir zeigen, daß du einen gütigen Vater hast, der sich mehr nach deinem als nach seinem eignen Willen richtet.
Damis. Und ich will Ihnen zeigen, daß Sie einen Sohn haben, der Ihnen in allen die schuldige Untertänigkeit leistet.
Chrysander. Ja, ja; nimm Julianen! Ich gebe dir meinen Segen.
Damis. Nein, nein; ich werde Sie nicht so erzürnen--
Chrysander. Aber was soll denn das Widersprechen? Dadurch erzürnst du mich!
Damis. Ich will doch nicht glauben, daß Sie sich im Ernste schon zum drittenmal anders besonnen haben?
Chrysander. Und warum das nicht?
Damis. Oh, dem sei nun, wie ihm wolle! Ich habe mich gleichfalls geändert und fest entschlossen, ganz und gar nicht zu heiraten. Ich muß auf Reisen gehen, und ich werde mich, je eher, je lieber, davonmachen.
Chrysander. Was? du willst ohne meine Erlaubnis in die Welt laufen?
Anton. Das geht lustig! Der dritte Mann fehlt noch, und den will ich gleich holen. Damis will Julianen nicht, vielleicht fischt sie Valer. (Gehet ab.)
Siebzehnter Auftritt
Chrysander. Damis.
Damis. Ja, ja; in zweimal vierundzwanzig Stunden muß ich schon unterwegens sein.
Chrysander. Aber was ist dir denn in den Kopf gekommen?
Damis. Ich bin es längst überdrüssig gewesen, länger in Deutschland zu bleiben; in diesem nordischen Sitze der Grobheit und Dummheit; wo es alle Elemente verwehren, klug zu sein; wo kaum alle hundert Jahr ein Geist meinesgleichen geboren wird--
Chrysander. Hast du vergessen, daß Deutschland dein Vaterland ist?
Damis. Was Vaterland!
Chrysander. Du Bösewicht, sprich doch lieber gar: was Vater! Aber ich will dir es zeigen: du mußt Julianen nehmen; du hast ihr dein Wort gegeben und sie dir das ihrige.
Damis. Sie hat das ihrige zurückgenommen wie ich jetzt das meinige; also--
Chrysander. Also!--also!--Kurz von der Sache zu reden, glaubst du, daß ich vermögend bin, dich zu enterben, wann du mir nicht folgest?
Damis. Tun Sie, was Sie wollen. Nur, wann ich bitten darf, lassen Sie mich jetzt allein. Ich muß vor meiner Abreise noch zwei Schriften zustande bringen, die ich meinen Landsleuten, aus Barmherzigkeit, noch zurücklassen will. Ich bitte nochmals, lassen Sie mich--
Chrysander. Willst du mich nicht lieber gar zur Tür hinausstoßen?
Achtzehnter Auftritt
Valer. Anton. Chrysander. Damis.
Valer. Wie, Damis? ist es wahr, daß Sie wieder zu sich selbst gekommen sind?--daß Sie von Julianen abstehen?
Chrysander. Ach, Herr Valer, Sie könnten mir nicht ungelegener kommen. Bestärken Sie ihn fein in seinem Trotze. So? Sie verdienten es wohl, daß ich mich nach Ihrem Wunsche bequemte? Mich auf eine so gottlose Art hintergehen zu wollen?--Mein Sohn, widersprich mir nicht länger, oder--
Damis. Ihre Drohungen sind umsonst. Ich muß mich fremden Ländern zeigen, die sowohl ein Recht auf mich haben als das Vaterland. Und Sie verlangen doch nicht, daß ich eine Frau mit herumführen soll?
Valer. Damis hat recht, daß er auf das Reisen dringt. Nichts kann ihm, in seinen Umständen, nützlicher sein. Lassen Sie ihm seinen Willen, und mir lassen Sie Julianen, die Sie mir so heilig versprochen haben.
Chrysander. Was versprochen? Betrügern braucht man sein Wort nicht zu halten.
Valer. Ich habe es Ihnen schon beschworen, daß einzig und allein Lisette diesen Betrug hat spielen wollen, ohne die wir von dem Dokumente gar nichts wissen würden.--Wie glücklich, wann es nie zum Vorschein gekommen wäre! Es ist das grausamste Glück, das Julianen hat treffen können. Wie gern würde sie es aufopfern, wenn sie dadurch die Freiheit über ihr Herz erhalten könnte.
Chrysander. Aufopfern? Herr Valer, bedenken Sie, was das sagen will. Wir Handelsleute fassen einander gern bei dem Worte.
Valer. Oh, tun Sie es auch hier! Mit Freuden tritt Ihnen Juliane das Dokument ab. Fangen Sie den Prozeß an, wenn Sie wollen; der Vorteil davon soll ganz Ihnen gehören. Juliane hält dieses für das kleinste Zeichen ihrer Dankbarkeit. Sie glaubt Ihnen noch weit mehr schuldig zu sein.--
Chrysander. Nu, nu, sie ist mir immer ganz erkenntlich vorgekommen--Aber was würden Sie denn, Valer, als ihr künft'ger Mann, zu dieser Dankbarkeit sagen?
Valer. Denken Sie besser von mir. Ich habe Julianen geliebt, da sie zu nichts Hoffnung hatte. Ich liebe sie auch noch, ohne die geringste eigennützige Absicht. Und ich bitte Sie: was schenkt man denn einem ehrlichen Manne, wenn man ihm einen schweren Prozeß schenkt?
Chrysander. Valer, ist das Ihr Ernst?
Valer. Fordern Sie noch mehr als das Dokument; mein halbes Vermögen ist Ihre.
Chrysander. Da sei Gott vor, daß ich von Ihrem Vermögen einen Heller haben wollte! Sie müssen mich nicht für so eigennützig ansehen.--Wir sind gute Freunde, und es bleibt bei dem alten: Juliane ist Ihre! Und wenn das Dokument meine soll, so ist sie um so viel mehr Ihre.
Valer. Kommen Sie, Herr Chrysander, bekräftigen Sie ihr dieses selbst! Wie angenehm wird es ihr sein, uns beide vergnügt machen zu können.
Chrysander. Wenn das ist, Damis; so kannst du meinetwegen noch heute die Nacht fortreisen. Ich will Gott danken, wenn ich dich Narren wieder aus dem Hause los bin.
Damis. Gehen Sie doch nur, und lassen Sie mich allein.
Valer. Damis, und endlich muß ich Ihnen doch noch mein Glück verdanken? Ich tue es mit der aufrichtigsten Zärtlichkeit, ob ich schon weiß, daß ich die Ursache Ihrer Veränderung nicht bin.
Damis. Aber die wahre Ursache?--(Zu Anton.) Verfluchter Kerl, hast du dein Maul nicht halten können?--Gehen Sie nur, Valer--
(Indem Chrysander und Valer abgeben wollen, hält Anton Valeren zurück.)
Anton (sachte). Nicht so geschwind! Wie steht es mit Lisettens Ausstattung, Herr Valer? und mit--
Valer. Seid ohne Sorgen; ich werde mehr halten, als ich versprochen habe.
Anton. Juchhe! nun war die Taube gefangen.
Letzter Auftritt
Damis (an seinem Tische). Anton.
Anton. Noch ein Wort, Herr Damis, habe ich mit Ihnen zu reden.
Damis. Und?--
Anton. Sie wollen auf Reisen gehen?--
Damis. Zur Sache! es ist schon mehr als ein Wort.
Anton. Je nun! meinen Abschied.
Damis. Deinen Abschied? Du denkst vielleicht, daß ich dich ungelehrten Esel mitnehmen würde?
Anton. Nicht? und ich habe also meinen Abschied? Gott sei Dank! empfangen Sie nun auch den Ihrigen, welcher in einer kleinen Lehre bestehen soll. Ich habe Ihre Torheiten nun länger als drei Jahr angesehen und selber alber genug dabei getan, weil ich weiß, daß ein Bedienter, wenn sein Herr auch noch so närrisch ist--
Damis. Unverschämter Idiote, wirst du mir aus den Augen gehen?
Anton. Je nun! wem nicht zu raten steht, dem steht auch nicht zu helfen. Bleiben Sie zeitlebens der gelehrte Herr Damis! (Gehet ab.)
Damis. Geh, sag ich, oder!--
(Er wirft ihm sein Buch nach, und das Theater fällt zu.)
Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Der junge Gelehrte, von Gotthold Ephraim Lessing.
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