Der junge Gelehrte: Ein Lustspiel in drei Aufzügen

Chapter 5

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Chrysander. Damis. Valer. Anton.

Chrysander (mit einem Zeitungsblatte in der Hand). Nun, nicht wahr, Herr Valer? mein Sohn ist nicht von der Heirat abzubringen? Sehen Sie, daß nicht sowohl ich als er auf diese Heirat dringt?

Damis. Ich? ich auf die Heirat dringen?

Chrysander. St! st! st!

Damis. Ei was st, st? Meine Ehre leidet hierunter. Könnte man nicht auf die Gedanken kommen, wer weiß was mir an einer Frau gelegen sei?

Chrysander. St! st! st!

Valer. Oh! brauchen Sie doch keine Umstände. Ich sehe es ja wohl; Sie sind mir beide entgegen. Was für ein Unglück hat mich in dieses Haus führen müssen! Ich muß eine liebenswürdige Person antreffen; ich muß ihr gefallen und muß doch endlich, nach vieler Hoffnung, alle Hoffnung verlieren. Damis, wenn ich jemals einiges Recht auf Ihre Freundschaft gehabt habe--

Damis. Aber, nicht wahr, Valer? einer Sache wegen muß man auf die Berlinische Akademie recht böse sein? Bedenken Sie doch, sie will künftig die Aufgaben zu dem Preise zwei Jahr vorher bekanntmachen. Warum denn zwei Jahr? war es nicht an einem genug? Hält sie denn die Deutschen für so langsame Köpfe? Seit ihrer Erneuerung habe ich jedes Jahr meine Abhandlung mit eingeschickt; aber, ohne mich zu rühmen, länger als acht Tage habe ich über keine zugebracht.

Chrysander. Wißt ihr denn aber auch, ihr lieben Leute, was in den Niederlanden vorgegangen ist? Ich habe hier eben die neuste Zeitung. Sie haben sich die Köpfe wacker gewaschen. Doch die Alliierten, ich bin in der Tat recht böse auf sie. Haben sie nicht wieder einen wunderbaren Streich gemacht!--

Anton. Nun, da reden alle drei etwas anders! Der spricht von der Liebe; der von seinen Abhandlungen; der vom Kriege. Wenn ich auch etwas Besonders reden soll, so werde ich vom Abendessen reden. Vom Mittage an bis auf den Abend um sechs Uhr zu fasten sind keine Narrenspossen.

Valer. Unglückliche Liebe!

Damis. Die unbesonnene Akademie!

Chrysander. Die dummen Alliierten!

Anton. Die vierte Stimme fehlt noch: die langsamen Bratenwender!

Funfzehnter Auftritt

Lisette. Damis. Valer. Chrysander. Anton.

Lisette. Nun, Herr Chrysander? ich glaubte, Sie hätten die Herren zu Tische rufen wollen? Ich sehe aber, Sie wollen selbst gerufen sein. Es ist schon aufgetragen.

Anton. Das war die höchste Zeit! dem Himmel sei Dank!

Chrysander. Es ist wahr; es ist wahr; ich hätte es bald vergessen. Der Zeitungsmann hielt mich auf der Treppe auf. Kommen Sie, Herr Valer; wir wollen die jetzigen Staatsgeschäfte ein wenig miteinander bei einem Gläschen überlegen. Schlagen Sie sich Julianen aus dem Kopfe. Und du, mein Sohn, du magst mit deiner Braut schwatzen. Du wirst gewiß eine wackre Frau an ihr haben; nicht so eine Xanthippe wie--

Damis. Xanthippe? wie verstehen Sie das? Sind Sie etwa auch noch in dem pöbelhaften Vorurteile, daß Xanthippe eine böse Frau gewesen sei?

Chrysander. Willst du sie etwa für eine gute halten? Du wirst doch nicht die Xanthippe verteidigen? Pfui! das heißt einen Abc-Schnitzer machen. Ich glaube, ihr Gelehrten, je mehr ihr lernt, je mehr vergeßt ihr.

Damis. Ich behaupte aber, daß man kein einzig tüchtiges Zeugnis für Ihre Meinung anführen kann. Das ist das erste, was die ganze Sache verdächtig macht; und zum andern--

Lisette. Das ewige Geplaudre!

Chrysander. Lisette hat recht! Mein Sohn, contra principia negantem, non est disputandum. Kommt! Kommt!

(Chrysander, Damis und Anton gehen ab.)

Valer. Nun ist alles für mich verloren, Lisette. Was soll ich anfangen?

Lisette. Ich weiß keinen Rat; wann nicht der Brief--

Valer. Dieser Betrug wäre zu arg, und Juliane will ihn nicht zugeben.

Lisette. Ei, was Betrug? Wenn der Betrug nützlich ist, so ist er auch erlaubt. Ich sehe es wohl, ich werde es selbst tun müssen. Kommen Sie nur fort, und fassen Sie wieder Mut.

Dritter Aufzug

Erster Auftritt

Lisette. Anton.

Lisette. So warte doch, Anton.

Anton. Ei, laß mich zufrieden. Ich mag mit dir nichts zu tun haben.

Lisette. Wollen wir uns also nicht wieder versöhnen? Willst du nicht tun, was ich dich gebeten habe?

Anton. Dir sollte ich etwas zu Gefallen tun?

Lisette. Anton, lieber Anton, goldner Anton, tu es immer. Wie leicht kannst du nicht dem Alten den Brief geben und ihm sagen, der Postträger habe ihn gebracht?

Anton. Geh! du Schlange! Wie sie nun schmeicheln kann!--Halte mich nicht auf. Ich soll meinem Herrn ein Buch bringen. Laß mich gehen.

Lisette. Deinem Herrn ein Buch? Was will er denn mit dem Buche bei Tische?

Anton. Die Zeit wird ihm lang; und will er nicht müßige Weile haben, so muß er sich doch wohl etwas zu tun machen.

Lisette. Die Zeit wird ihm lang? bei Tische? Wenn es noch in der Kirche wäre. Reden sie denn nichts?

Anton. Nicht ein Wort. Ich bin ein Schelm, wenn es auf einem Totenmahle so stille zugehen kann.

Lisette. Wenigstens wird der Alte reden.

Anton. Der redt, ohne zu reden. Er ißt und redt zugleich; und ich glaube, er gäbe wer weiß was darum, wenn er noch dazu trinken könnte, und das alles dreies auf einmal. Das Zeitungsblatt liegt neben dem Teller; das eine Auge sieht auf den und das andre auf jenes. Mit dem einen Backen kaut er, und mit dem andern redt er. Da kann es freilich nun nicht anders sein, die Worte müssen auf dem Gekauten sitzenbleiben, sodaß man ihn mit genauer Not noch murmeln hört.

Lisette. Was machen aber die übrigen?

Anton. Die übrigen? Valer und Juliane sind wie halb tot. Sie essen nicht und reden nicht; sie sehen einander an; sie seufzen; sie schlagen die Augen nieder; sie schielen bald nach dem Vater, bald nach dem Sohne; sie werden weiß; sie werden rot. Der Zorn und die Verzweiflung sieht beiden aus den Augen.--Aber juchhe! so recht! Siehst du, daß es nicht nach deinem Kopfe gehen muß? Mein Herr soll Julianen haben, und wenn--

Lisette. Ja, dein Herr! Was macht aber der?

Anton. Lauter dumme Streiche. Er kritzelt mit der Gabel auf dem Teller; hängt den Kopf; bewegt das Maul, als ob er mit sich selbst redte; wackelt mit dem Stuhle; stößt einmal ein Weinglas um; läßt es liegen; tut, als wenn er nichts merkte, bis ihm der Wein auf die Kleider laufen will; nun fährt er auf und spricht wohl gar, ich hätte es umgegossen.--Doch genug geplaudert; er wird auf mich fluchen, wo ich ihm das Buch nicht bald bringe. Ich muß es doch suchen. Auf dem Tische, zur rechten Hand, soll es liegen. Ja zur rechten Hand; welche rechte Hand meint er denn? Trete ich so, so ist das die rechte Hand; trete ich so, so ist sie das; trete ich so, so ist sie das; und das wird sie, wenn ich so trete. (Tritt an alle vier Seiten des Tisches.) Sage mir doch, Lisette, welches ist denn die rechte rechte Hand?

Lisette. Das weiß ich so wenig als du. Schade auf das Buch; er mag es selbst holen. Aber Anton, wir vergessen das Wichtigste; den Brief--

Anton. Kömmst du mir schon wieder mit deinem Briefe? Denkt doch; deinetwegen soll ich meinen Herrn betrügen?

Lisette. Es soll aber dein Schade nicht sein.

Anton. So? ist es mein Schade nicht, wann ich das, was mir Chrysander versprochen hat, muß sitzenlassen?

Lisette. Dafür aber verspricht dich Valer schadlos zu halten.

Anton. Wo verspricht er mir es denn?

Lisette. Wunderliche Haut! ich verspreche es dir an seiner Statt.

Anton. Und wenn du es auch an seiner Statt halten sollst, so werde ich viel bekommen. Nein, nein; ein Sperling in der Hand ist besser als eine Taube auf dem Dache.

Lisette. Wann du die Taube gewiß fangen kannst, so wird sie doch besser sein als der Sperling?

Anton. Gewiß fangen! als wenn sich alles fangen ließe! Nicht wahr, wann ich die Taube haschen will, so muß ich den Sperling aus der Hand fliegen lassen?

Lisette. So laß ihn fliegen.

Anton. Gut! und wann sich nun die Taube auch davonmacht? Nein, nein, Jungfer, so dumm ist Anton nicht.

Lisette. Was du für kindische Umstände machst! Bedenke doch, wie glücklich du sein kannst.

Anton. Wie denn? laß doch hören.

Lisette. Valer hat versprochen, mich auszustatten. Was sind so einem Kapitalisten tausend Taler?

Anton. Auf die machst du dir Rechnung?

Lisette. Wenigstens. Dich würde er auch nicht leer ausgehen lassen, wann du mir behilflich wärest. Ich hätte alsdenn Geld; du hättest auch Geld: könnten wir nicht ein allerliebstes Paar werden?

Anton. Wir? ein Paar? Wenn dich mein Herr nicht versteckt hätte.

Lisette. Tust du nicht recht albern! Ich habe dir ja alles erzählt, was unter uns vorgegangen ist. Dein Herr, das Bücherwürmchen!

Anton. Ja, auch das sind verdammte Tiere, die Bücherwürmer. Es ist schon wahr, ein Mädel wie du, mit tausend Talern, die ist wenigstens tausend Taler wert; aber nur das Kabinett--das Kabinett--

Lisette. Höre doch einmal auf, Anton, und laß dich nicht so lange bitten.

Anton. Warum willst du aber dem Alten den Brief nicht selbst geben?

Lisette. Ich habe dir ja gesagt, was darin steht. Wie leicht könnte Chrysander nicht argwöhnen--

Anton. Ja, ja, mein Äffchen, ich merk es schon; du willst die Kastanien aus der Asche haben und brauchst Katzenpfoten dazu.

Lisette. Je nun, mein liebes Katerchen, tu es immer!

Anton. Wie sie es einem ans Herze legen kann! Liebes Katerchen! Gib nur her, den Brief; gib nur!

Lisette. Da, mein unvergleichlicher Anton--

Anton. Aber es hat doch mit der Ausstattung seine Richtigkeit?--

Lisette. Verlaß dich drauf--

Anton. Und mit meiner Belohnung obendrein?--

Lisette. Desgleichen.

Anton. Nun wohl, der Brief ist übergeben!

Lisette. Aber so bald als möglich--

Anton. Wenn du willst, jetzt gleich. Komm!--Potz Stern! wer kömmt?--Zum Henker, es ist Damis.

Zweiter Auftritt

Damis. Anton. Lisette.

Damis. Wo bleibt denn der Schlingel mit dem Buche?

Anton. Ich wollte gleich, ich wollte--Lisette und--Kurz, ich kann es nicht finden, Herr Damis.

Damis. Nicht finden? Ich habe dir ja gesagt, auf welcher Hand es liegt.

Anton. Auf der rechten, haben Sie wohl gesagt; aber nicht auf welcher rechten? Und das wollte ich Sie gleich fragen kommen.

Damis. Dummkopf, kannst du nicht so viel erraten, daß ich von der Seite rede, an welcher ich sitze?

Anton. Es ist auch wahr, Lisette; und darüber haben wir uns den Kopf zerbrochen! Herr Damis ist doch immer klüger als wir! (Indem er ihm hinterwärts einen Mönch sticht.) Nun will ich es wohl finden. Weiß eingebunden, roten Schnitt, nicht? Gehen Sie nur, ich will es gleich bringen.

Damis. Ja, nun ist es Zeit, da wir schon vom Tische aufgestanden sind.

Anton. Schon aufgestanden? Zum Henker, ich bin noch nicht satt. Sind sie schon alle, alle aufgestanden?

Damis. Mein Vater wird noch sitzen und die Zeitung auswendig lernen, damit er morgen in seinem Kränzchen den Staatsmann spielen kann. Geh geschwind, wenn du glaubst, von seinen politischen Brocken satt zu werden. Was will aber Lisette hier?

Lisette. Bin ich jetzt nicht ebensowohl zu leiden als vorhin?

Damis. Nein, wahrhaftig nein. Vorhin glaubte ich, Lisette hätte wenigstens so viel Verstand, daß ihr Plaudern auf eine Viertelstunde erträglich sein könnte; aber ich habe mich geirrt. Sie ist so dumm wie alle übrige im Hause.

Lisette. Ich habe die Ehre, mich im Namen aller übrigen zu bedanken.

Anton. Verzweifelt! das geht ja jetzt aus einem ganz andern Tone! Gott gebe, daß sie sich recht zanken! Aber zuhören mag ich nicht--Lisette, ich will immer gehen.

Lisette (sachte). Den Brief vergiß nicht; geschwind!

Damis. So! hast du Lisetten um Urlaub zu bitten? Ich befehle dir: bleib da. Ich wüßte nicht, wohin du zu gehen hättest.

Anton. Auf die Post, Herr Damis; auf die Post!

Damis. Doch, es ist wahr; nun so geh! geh!

Dritter Auftritt

Damis. Lisette.

Damis. Lisette kann sich nur auch gleich mit fortmachen. Will denn meine Stube heute gar nicht leer werden? Bald ist der da, bald jener; bald die, bald jene. Soll ich denn nicht einen Augenblick allein sein? (Setzt sich an seinen Tisch.) Die Musen verlangen Einsamkeit, und nichts verjagt sie eher als der Tumult. Ich habe so viele und wichtige Verrichtungen, daß ich nicht weiß, wo ich zuerst anfangen soll; und gleichwohl stört man mich. Mit der Heirat, mit einer so nichtswürdigen Sache, ist der größte Teil des Nachmittags daraufgegangen; soll mir denn auch der Abend durch das ewige Hin- und Wiederlaufen entrissen werden? Ich glaube, daß in keinem Hause der Müßiggang so herrschen kann als in diesem.

Lisette. Und besonders auf dieser Stube.

Damis. Auf dieser Stube? Ungelehrte! Unwissende!

Lisette. Ist das geschimpft oder gelobt?

Damis. Was für eine niederträchtige Seele! die Unwissenheit, die Ungelehrsamkeit für keinen Schimpf zu halten! für keinen Schimpf? So möchte ich doch die Begriffe wissen, die eine so unsinnige Schwätzerin von Ehre und Schande hat. Vielleicht, daß bei ihr die Gelehrsamkeit ein Schimpf ist?

Lisette. Wahrhaftig, wann sie durchgängig von dem Schlage ist wie bei Ihnen--

Damis. Nein, das ist sie nicht. Die wenigsten haben es so weit gebracht--

Lisette. Daß man nicht unterscheiden kann, ob sie närrisch oder gelehrt sind?--

Damis. Ich möchte aus der Haut fahren--

Lisette. Tun Sie das, und fahren Sie in eine klügere.

Damis. Wie lange soll ich noch den Beleidigungen der nichtswürdigsten Kreatur ausgesetzt sein?--Tausend würden sich glücklich preisen, wenn sie nur den zehnten Teil meiner Verdienste hätten. Ich bin erst zwanzig Jahr alt; und wie viele wollte ich finden, die dieses Alter beinahe dreimal auf sich haben und gleichwohl mit mir--Doch ich rede umsonst. Was kann es mir für Ehre bringen, eine Unsinnige von meiner Geschicklichkeit zu überführen? Ich verstehe sieben Sprachen vollkommen und bin erst zwanzig Jahr alt. In dem ganzen Umfange der Geschichte und in allen mit ihr verwandten Wissenschaften bin ich ohne gleichem--

Lisette. Und Sie sind erst zwanzig Jahr alt!

Damis. Wie stark ich in der Weltweisheit bin, bezeugt die höchste Würde, die ich schon vor drei Jahren darin erhalten habe. Noch unwidersprechlicher wird es die Welt jetzt aus meiner Abhandlung von den Monaden erkennen.--Ach, die verwünschte Post!--

Lisette. Und Sie sind erst zwanzig Jahr alt!

Damis. Von meiner mehr als demosthenischen Beredsamkeit kann meine satirische Lobrede auf den Nix der Nachwelt eine ewige Probe geben.

Lisette. Und Sie sind erst zwanzig Jahr alt!

Damis. Freilich! Auch in der Poesie darf ich meine Hand nach dem unvergänglichsten Lorbeer ausstrecken. Gegen mich kriecht Milton, und Haller ist gegen mich ein Schwätzer. Meine Freunde, welchen ich sonst zum öftern meine Versuche, wie ich sie zu nennen belieben vorgelesen habe, wollen jetzt gar nichts mehr davon hören und versichern mich allezeit auf das aufrichtigste, daß sie schon genugsam von meiner mehr als göttlichen Ader überzeugt wären.

Lisette. Und Sie sind erst zwanzig Jahr alt!

Damis. Kurz, ich bin ein Philolog, ein Geschichtskundiger, ein Weltweiser, ein Redner, ein Dichter--

Lisette. Und Sie sind erst zwanzig Jahr alt! Ein Weltweiser ohne Bart und ein Redner, der noch nicht mündig ist! schöne Raritäten!

Damis. Fort! den Augenblick aus meiner Stube!

Lisette. Den Augenblick? Ich möchte gar zu gern die schöne Ausrufung: und Sie sind erst zwanzig Jahr alt! noch einmal anbringen. Haben Sie nichts mehr an sich zu rühmen? O noch etwas! Wollen Sie nicht? Nun so will ich es selbst tun. Hören Sie recht zu, Herr Damis: Sie sind noch nicht klug und sind schon zwanzig Jahr alt!

Damis. Was? wie? (Steht zornig auf.)

Lisette. Leben Sie wohl! Leben Sie wohl!

Damis. Himmel! was muß man von den ungelehrten Bestien erdulden! Ist es möglich von einem unwissenden Weibsbilde--

Vierter Auftritt

Chrysander. Anton. Damis.

Chrysander. Das ist ein verfluchter Brief, Anton! Ei! ei! mein Sohn, mein Sohn, post coenam stabis, vel passus mille meabis. Du wirst doch nicht schon wieder sitzen?

Damis. Ein andrer, der nichts zu tun hat, mag sich um dergleichen barbarische Gesundheitsregeln bekümmern. Wichtige Beschäftigungen--

Chrysander. Was willst du von wichtigen Beschäftigungen reden?

Damis. Ich nicht, Herr Vater? Die meisten von den Büchern, die Sie hier auf dem Tische sehen, warten teils auf meine Noten, teils auf meine Übersetzung, teils auf meine Widerlegung, teils auf meine Verteidigung, teils auch auf mein bloßes Urteil.

Chrysander. Laß sie warten! Jetzt--

Damis. Jetzt kann ich freilich nicht alles auf einmal verrichten. Wann ich nur erst mit dem Wichtigsten werde zustande sein. Sie glauben nicht, was mir hier eine gewisse Untersuchung für Nachschlagen und Kopfbrechen kostet. Noch eine einzige Kleinigkeit fehlt mir, so habe ich es bewiesen, daß sich Kleopatra die Schlangen an den Arm, und nicht an die Brust, gesetzt hat--

Chrysander. Die Schlangen taugen nirgends viel. Mir wäre beinahe jetzt auch eine in Busen gekrochen; aber noch ist es Zeit. Höre einmal, mein Sohn; hier habe ich einen Brief bekommen, der mich--

Damis. Wie? einen Brief? einen Brief? Ach, lieber Anton! einen Brief? Liebster Herr Vater, einen Brief? von Berlin? Lassen Sie mich nicht länger warten; wo ist er? Nicht wahr, nunmehr werden Sie aufhören an meiner Geschicklichkeit zu zweifeln? Wie glücklich bin ich! Anton, weißt du es auch schon, was darin steht?

Chrysander. Was schwärmst du wieder? Der Brief ist nicht von Berlin; er ist von meinem Advokaten aus Dresden, und nach dem, was er schreibt, kann aus deiner Heirat mit Julianen nichts werden.

Damis. Nichtswürdiger Kerl! so bist du noch nicht wieder auf der Post gewesen?

Anton. Ich habe es Ihnen ja gesagt, daß vor neun Uhr für mich auf der Post nichts zu tun ist.

Damis. Ah, verberabilissime, non fur, sed trifur! Himmel! daß ich vor Zorn sogar des Plautus Schimpfwörter brauchen muß. Wird dir denn ein vergebner Gang gleich den Hals kosten?

Anton. Schimpften Sie mich? Weil ich es nicht verstanden habe, so mag es hingehen.

Chrysander. Aber sage mir nur, Damis; nicht wahr, du hast doch einen kleinen Widerwillen gegen Julianen? Wenn das ist, so will ich dich nicht zwingen. Du mußt wissen, daß ich keiner von den Vätern bin--

Damis. Ist die Heirat schon wieder auf dem Tapete? Wann Sie doch wegen meines Widerwillens unbesorgt sein wollten. Genug, ich heirate sie--

Chrysander. Das heißt so viel, du wolltest dich meinetwegen zwingen? Das will ich durchaus nicht. Wenn du gleich mein Sohn bist, so bist du doch ein Mensch; und jeder Mensch wird frei geboren; er muß machen können, was er will; und--kurz--ich gebe dir dein Wort wieder zurück.

Damis. Wieder zurück? und vor einigen Stunden konnte ich mich nicht hurtig genug entschließen? Wie soll ich das verstehen?

Chrysander. Das sollst du so verstehen, daß ich es überlegt habe und daß, weil dir Juliane nicht gefällt, sie mir auch nicht ansteht; daß ich ihre wahren Umstände in diesem Briefe wieder gefunden habe und daß--Du siehst es ja, daß ich den Brief nur jetzt gleich bekommen habe. Ich weiß zwar wahrhaftig nicht, was ich davon denken soll? Die Hand meines Advokaten ist es nicht--

(Damis setzt sich wieder an den Tisch.)

Anton. Nicht? oh! die Leutchen müssen mehr als eine Hand zu schreiben wissen.

Chrysander. Zu geschwind ist es beinahe auch. Kaum sind es acht Tage, daß ich ihm geschrieben habe. Sollte er das Ding in der kurzen Zeit schon haben untersuchen können? Von wem hast du denn den Brief bekommen, Anton?

Anton. Von Lisetten.

Chrysander. Und Lisette?

Anton. Von dem Briefträger, ohne Zweifel.

Chrysander. Aber warum bringt denn der Kerl die Briefe nicht mir selbst?

Anton. Sie werden sich doch in den Händen, wodurch sie gehen, nicht verändern können?

Chrysander. Man weiß nicht--Gleichwohl aber lassen sich die Gründe, die er anführt, hören. Ich muß also wohl den sichersten Weg nehmen und dir, mein Sohn--Aber, ich glaube gar, du hast dich wieder an den Tisch gesetzt und studierst?

Damis. Mein Gott! ich habe zu tun, ich habe sogar viel zu tun.

Chrysander. Drum mit einem Worte, damit ich dich nicht um die Zeit bringe: die Heirat mit Julianen war nichts als ein Gedanke, den du wieder vergessen kannst. Wann ich es recht überlege, so hat doch Valer das größte Recht auf sie.

Damis. Sie betrügen sich, wenn Sie glauben, daß ich nunmehr davon abgehen werde.--Ich habe alles wohl überleget, und ich muß es Ihnen nur mit ganz trocknen Worten sagen, daß eine böse Frau mir helfen soll, meinen Ruhm unsterblich zu machen; oder vielmehr, daß ich eine böse Frau, an die man nicht denken würde, wann sie keinen Gelehrten gehabt hätte, mit mir zugleich unsterblich machen will. Der Charakter eines solchen Eheteufels wird auf den meinigen ein gewisses Licht werfen--

Chrysander. Nun wohl, wohl; so nimm dir eine böse Frau; nur aber eine mit Gelde, weil an einer solchen die Bosheit noch erträglich ist. Von der Gattung war meine erste selige Frau. Um die zwanzigtausend Taler, die ich mit ihr bekam, hätte ich des bösen Feindes Schwester heiraten wollen--Du mußt mich nur recht verstehen: ich meine es nicht nach den Worten.--Wann sie aber böse sein soll, deine Frau, was willst du mit Julianen?--Höre, ich kenne eine alte Witwe, die schon vier Männer ins Grab gezankt hat; sie hat ihr feines Auskommen: ich dächte, das wäre deine Sache; nimm die! Ich habe dir das Maul einmal wäßrig gemacht, ich muß dir also doch etwas darein geben. Wann es einmal eine Xanthippe sein soll, so kannst du keine beßre finden.

Damis. Mit Ihrer Xanthippe! ich habe es Ihnen ja schon mehr als einmal gesagt, daß Xanthippe keine böse Frau gewesen ist. Haben Sie meine Beweisgründe schon wieder vergessen?

Chrysander. Ei was? mein Beweis ist das Abc-Buch. Wer so ein Buch hat schreiben können, das so allgemein geworden ist, der muß es gewiß besser verstanden haben als du. Und kurz, mir liegt daran, daß Xanthippe eine böse Frau gewesen ist. Ich könnte mich nicht zufriedengeben, wenn ich meine erste Frau so oft sollte gelobt haben. Schweig also mit deinen Narrenspossen; ich mag von dir nicht besser unterrichtet sein.

Damis. So wird uns gedankt, wenn wir die Leute aus ihren Irrtümern helfen wollen.

Chrysander. Seit wenn ist denn das Ei klüger als die Henne? he? Herr Doktor, vergeß Er nicht, daß ich Vater bin und daß es auf den Vater ankömmt, wenn der Sohn heiraten soll. Ich will an Julianen nicht mehr gedacht wissen--

Damis. Und warum nicht?

Chrysander. Soll ich meinem einzigen Sohne ein armes Mädchen aufhängen? Du bist nicht wert, daß ich für dich so besorgt bin. Du weißt ja, daß sie nichts im Vermögen hat.

Damis. Hatte sie vorhin, da ich sie heiraten sollte, mehr als jetzt?

Chrysander. Das verstehst du nicht. Ich wußte wohl, was ich vorhin tat: aber ich weiß auch, was ich jetzt tue.

Damis. Gut, desto besser ist es, wann sie kein Geld hat. Man wird mir also nicht nachreden können, die böse Frau des Geldes wegen genommen zu haben; man wird es zugestehen müssen, daß ich keine andere Absicht gehabt als die, mich in den Tugenden zu üben, die bei Erduldung eines solchen Weibes nötig sind.

Chrysander. Eines solchen Weibes! Wer hat dir denn gesagt, daß Juliane eine böse Frau werden wird?

Damis. Wenn ich nicht, wie wir Gelehrten zu reden pflegen, a priori davon überführt wäre, so würde ich es schon daraus schließen können, weil Sie daran zweifeln.