Der junge Gelehrte: Ein Lustspiel in drei Aufzügen

Chapter 4

Chapter 43,822 wordsPublic domain

Damis. Nun wohl, wenn es dein Ernst ist, so greife das Werk an. Es erfreut mich, der Gelehrsamkeit durch mein Exempel einen Proselyten gemacht zu haben. Ich will dich redlich mit meinem Rate und meinen Lehren unterstützen. Bringst du es zu etwas, so verspreche ich dir, dich in die gelehrte Welt selbst einzuführen und mit einem besondern Werke dich ihr anzukündigen. Vielleicht ergreife ich die Gelegenheit, etwas de Eruditis sero ad literas admissis oder de Opsimathia oder auch de studio senili zu schreiben, und so wirst du auf einmal berühmt. --Doch laß einmal sehen, ob ich mir von deiner Lehrbegierde viel zu versprechen habe? Welch Buch hattest du vorhin in Händen?

Anton. Es war ein ganz kleines--

Damis. Welches denn?--

Anton. Es war so allerliebst eingebunden, mit Golde auf dem Rücken und auf dem Schnitte. Wo legte ich's doch hin? Da! da!

Damis. Das hattest du? das?

Anton. Ja, das!

Damis. Das?

Anton. Bin ich an das unrechte gekommen? weil es so hübsch klein war--

Damis. Ich hätte dir selbst kein beßres vorschlagen können.

Anton. Das dacht' ich wohl, daß es ein schön Buch sein müsse. Würde es wohl sonst einen so schönen Rock haben?

Damis. Es ist ein Buch, das seinesgleichen nicht hat. Ich habe es selbst geschrieben. Siehst du?--Auctore Damide!

Anton. Sie selbst? Nu, nu, habe ich's doch immer gehört, daß man die leiblichen Kinder besser in Kleidung hält als die Stiefkinder. Das zeugt von der väterlichen Liebe.

Damis. Ich habe mich in diesem Buche, so zu reden, selbst übertroffen. Sooft ich es wieder lese, sooft lerne ich auch etwas Neues daraus.

Anton. Aus Ihrem eignen Buche?

Damis. Wundert dich das?--Ach verdammt! nun erinnere ich mich erst: mein Gott, das arme Mädchen! Sie wird doch nicht noch in dem Kabinette stecken (Er geht darauf los.)

Anton. Um Gottes willen, wo wollen Sie hin?

Damis. Was fehlt dir? ins Kabinett. Hast du Lisetten gesehen?

Anton. Nun bin ich verloren!--Nein, Herr Damis, nein; so wahr ich lebe, sie ist nicht drinne.

Damis. Du hast sie also sehen herausgehen? Ist sie schon lange fort?

Anton. Ich habe sie, so wahr ich ehrlich bin, nicht sehen hereingehen. Sie ist nicht drinne; glauben Sie mir nur, sie ist nicht drinne--

Fünfter Auftritt

Lisette. Damis. Anton.

Lisette. Allerdings ist sie noch drinne--

Anton. O das Rabenaas!

Damis. So lange hat Sie sich hier versteckt gehalten? Arme Lisette! das war mein Wille gar nicht. Sobald mein Vater aus der Stube gewesen wäre, hätte Sie immer wieder herausgehen können.

Lisette. Ich wußte doch nicht, ob ich recht täte. Ich wollte also lieber warten, bis mich der, der mich versteckt hatte, selbst wieder hervorkommen hieß--

Anton. Zum Henker, von was für einem Verstecken reden die? (Sachte zu Lisetten.) So, du feines Tierchen? hat dich mein Herr selbst schon einmal versteckt? Nun weiß ich doch, wie ich die gestrige Ohrfeige auslegen soll. Du Falsche!

Lisette. Schweig; sage nicht ein Wort, daß ich zuvor bei dir gewesen bin, oder--du weißt schon--

Damis. Was schwatzt ihr denn beide da zusammen? Darf ich es nicht hören?

Lisette. Es war nichts; ich sagte ihm bloß, er solle heruntergehen, daß, wenn meine Jungfer nach mir fragte, er unterdessen sagen könnte, ich sei ausgegangen. Juliane ist mißtrauisch; sie suchte mich doch wohl hier, wenn sie mich brauchte.

Damis. Das ist vernünftig. Gleich, Anton, geh!

Anton. Das verlangst du im Ernste, Lisette?

Lisette. Freilich; fort, laß uns allein.

Damis. Wirst du bald gehen?

Anton. Bedenken Sie doch selbst, Herr Damis; wann Sie nun ihr Geplaudre werden überdrüssig sein, und das wird gar bald geschehen, wer soll sie Ihnen denn aus der Stube jagen helfen, wenn ich nicht dabei bin?

Lisette. Warte, ich will dein Lästermaul--

Damis. Laß dich unbekümmert! Wann sie mir beschwerlich fällt, wird sie schon selbst so vernünftig sein und gehen.

Anton. Aber betrachten Sie nur: ein Weibsbild in Ihrer Studierstube! Was wird Ihr Gott sagen? Er kann ja das Ungeziefer nicht leiden.

Lisette. Endlich werde ich dich wohl zur Stube hinausschmeißen müssen?

Anton. Das wäre mir gelegen.--Die verdammten Mädel! auch bei dem Teufel können sie sich einschmeicheln. (Geht ab.)

Sechster Auftritt

Lisette. Damis

Damis. Und wo blieben wir denn vorhin?

Lisette. Wo blieben wir? bei dem, was ich allezeit am liebsten höre und wovon ich allezeit am liebsten rede, bei Ihrem Lobe. Wenn es nur nicht eine so gar kitzliche Sache wäre, einen ins Gesicht zu loben! --Ich kann Ihnen unmöglich die Marter antun.

Damis. Aber ich beteure Ihr nochmals, Lisette: es ist mir nicht um mein Lob zu tun! Ich möchte nur gern hören, auf was für verschiedene Art verschiedene Personen einerlei Gegenstand betrachtet haben.

Lisette. Jeder lobte dasjenige an Ihnen, was er an sich Lobenswürdiges zu finden glaubte. Zum Exempel, der kleine dicke Mann mit der ernsthaften Miene, der so selten lacht, der aber, wenn er einmal zu lachen anfängt, mit dem erschütterten Bauche den ganzen Tisch über den Haufen wirft--

Damis. Und wer ist das? Aus Ihrer Beschreibung, Lisette, kann ich es nicht erraten--O es ist mit den Beschreibungen eine kitzliche Sache! Es gehört nicht wenig dazu, sie so einzurichten, daß man, gleich bei dem ersten Anblicke, das Beschriebene erkennen kann. Über nichts aber muß ich mehr lachen, als wenn ich bei diesem und jenem großen Philosophen, wahrhaftig bei Männern, die schon einer ganzen Sekte ihren Namen gegeben haben, öfters Beschreibungen anstatt Erklärungen antreffe. Das macht, die guten Herren haben mehr Einbildungskraft als Beurteilung. Bei der Erklärung muß der Verstand in das Innere der Dinge eindringen; bei der Beschreibung aber darf man bloß auf die äußerlichen Merkmale, auf das--

Lisette. Wir kommen von unsrer Sache, Herr Damis. Ihr Lob--

Damis. Jawohl; fahr Sie nur fort, Lisette. Von wem wollte Sie vorhin reden?

Lisette. Je, sollten Sie denn den kleinen Mann nicht kennen? Er bläset immer die Backen auf--

Damis. Sie meint vielleicht den alten Ratsherrn?

Lisette. Ganz recht, aber seinen Namen--

Damis. Was liegt an dem?--

Lisette. "Ja, Herr Chrysander", sagte also der Ratsherr, an dessen Namen nichts gelegen ist, "Ihr Herr Sohn kann einmal der beste Ratsherr von der Welt werden, wenn er sich nur darauf applizieren will." Es gehört ein aufgeweckter Geist dazu; den hat er: eine fixe Zunge; die hat er: eine tiefe Einsicht in die Staatskunst; die hat er: eine Geschicklichkeit, seine Gedanken zierlich auf das Papier zu bringen; die hat er: eine verschlagne Aufmerksamkeit auf die geringsten Bewegungen unruhiger Bürger; die hat er: und wenn er sie nicht hat--o die Übung--die Übung! Ich weiß ja, wie mir es anfangs ging. Freilich kann man die Geschicklichkeit zu einem so schweren Amte nicht gleich mit auf die Welt bringen--

Damis. Der Narr! es ist zwar wahr, daß ich alle diese Geschicklichkeiten besitze; allein mit der Hälfte derselben könnte ich Geheimter Rat werden, und nicht bloß--

Siebenter Auftritt

Anton. Lisette. Damis.

Damis. Nun, was willst du schon wieder?

Anton. Mamsell Juliane weiß es nun, daß Lisette ausgegangen ist. Fürchten Sie sich nur nicht; sie wird uns nicht überraschen--

Damis. Wer hieß dich denn wiederkommen?

Anton. Sollte ich wohl meinen Herrn allein lassen? Und dazu, es überfiel mich auf einmal so eine Angst, so eine Bangigkeit; die Ohren fingen mir an zu klingen und besonders das linke--Lisette! Lisette!

Lisette. Was willst du denn?

Anton (sachte zu Lisetten). Was habt ihr denn beide allein gemacht? Was gilt's, es ging auf meine Unkosten!

Lisette. O pack dich--Ich weiß nicht, was der Narre will.

Damis. Fort, Anton! es ist die höchste Zeit; du mußt wieder auf die Post sehen. Ich weiß auch gar nicht, wo sie so lange bleibt.--Wird's bald?

Anton. Lisette, komm mit!

Damis. Was soll denn Lisette mit?

Anton. Und was soll sie denn bei Ihnen?

Damis. Unwissender!

Anton. Ja freilich ist es mein Unglück, daß ich es nicht weiß. (Sachte zu Lisetten.) Rede nur wenigstens ein wenig laut, damit ich höre, was unter euch vorgeht--Ich werde horchen--(Gehet ab.)

Achter Auftritt

Lisette. Damis.

Lisette. Lassen Sie uns ein wenig sachte reden. Sie wissen wohl, man ist vor dem Horcher nicht sicher.

Damis. Jawohl; fahr Sie also nur sachte fort.

Lisette. Sie kennen doch wohl des Herrn Chrysanders Beichtvater?

Damis. Beichtvater? soll ich denn alle solche Handwerksgelehrte kennen?

Lisette. Wenigstens schien er Sie sehr wohl zu kennen. "Ein guter Prediger", fiel er der dicken Rechtsgelehrsamkeit ins Wort, "sollte Herr Damis gewiß auch werden. Eine schöne Statur; eine starke deutliche Stimme; ein gutes Gedächtnis; ein feiner Vortrag; eine anständige Dreistigkeit; ein reifer Verstand, der über seine Meinungen türkenmäßig zu halten weiß: alle diese Eigenschaften glaube ich, in einem ziemlich hohen Grade, bei ihm bemerkt zu haben. Nur um einen Punkt ist mir bange. Ich fürchte, ich fürchte, er ist auch ein wenig von der Freigeisterei angesteckt."--"Ei, was Freigeisterei?" schrie der schon halb trunkene Medikus. "Die Freigeister sind brave Leute! Wird er deswegen keinen Kranken kurieren können? Wenn es nach mir geht, so muß er ein Medikus werden. Griechisch kann er, und Griechisch ist die halbe Medizin. (Indem sie allmählich wieder lauter spricht.) Freilich das Herz, das dazu gehört, kann sich niemand geben. Doch das kömmt von sich selbst, wenn man erst eine Weile praktiziert hat."--"Nu", fiel ihm ein alter Kaufmann in die Rede, "so muß es mit den Herrn Medizinern wohl sein wie mit den Scharfrichtern. Wenn die zum ersten Male köpfen, so zittern und beben sie; je öfter sie aber den Versuch wiederholen, desto frischer geht es."--Und auf diesen Einfall ward eine ganze Viertelstunde gelacht; in einem fort, in einem fort; sogar das Trinken ward darüber vergessen.

Neunter Auftritt

Lisette. Damis. Anton.

Anton. Herr, die Post wird heute vor neun Uhr nicht kommen. Ich habe gefragt; Sie können sieh darauf verlassen.

Damis. Mußt du uns aber denn schon wieder stören, Idiote?

Anton. Es soll mir recht lieb sein, wann ich Sie nur noch zur rechten Zeit gestört habe.

Damis. Was willst du mit deiner rechten Zeit?

Anton. Ich will mich gegen Lisetten schon deutlicher erklären. Darf ich ihr etwas ins Ohr sagen?

Lisette. Was wirst du mir ins Ohr zu sagen haben?

Anton. Nur ein Wort. (Sachte.) Du denkst, ich habe nicht gehorcht? Sagtest du nicht: du hättest nicht Herz genug dazu? doch wenn du nur erst das Ding eine Weile würdest praktizierst haben--O ich habe alles gehört--Kurz, wir sind geschiedne Leute! Du Unverschämte, Garstige--

Lisette. Sage nur, was du willst?

Damis. Gleich, geh mir wieder aus den Augen! Und komme mir nicht wieder vors Gesicht, bis ich dich rufen werde oder bis du mir Briefe von Berlin bringst!--Ich kann sie kaum erwarten. So macht es die übermäßige Freude! Zwar sollte ich Hoffnung sagen, weil jene nur auf das Gegenwärtige und diese auf das Zukünftige geht. Doch hier ist das Zukünftige schon so gewiß als das Gegenwärtige. Ich brauche die Sprache der Propheten, die ihrer Sachen doch unmöglich so gewiß sein konnten.--Die ganze Akademie müßte blind sein.--Nun, was stehst du noch da? Wirst du gehen?

Zehnter Auftritt

Lisette. Damis.

Lisette. Da sehen Sie! so lobten Sie die Leute.

Damis. Ah, wann die Leute nicht besser loben können, so möchten sie es nur gar bleiben lassen. Ich will mich nicht rühmen, aber doch so viel kann ich mir ohne Hochmut zutrauen: ich will meiner Braut die Wahl lassen, ob sie lieber einen Doktor der Gottesgelahrtheit oder der Rechte oder der Arzneikunst zu ihrem Manne haben will. In allen drei Fakultäten habe ich disputiert; in allen dreien habe ich--

Lisette. Sie sprechen von einer Braut? heiraten Sie denn wirklich?

Damis. Hat Sie denn auch schon davon gehört, Lisette?

Lisette. Kömmt denn wohl ohn' unsereiner irgend in einem Hause eine Heirat zustande? Aber eingebildet hätte ich mir es nimmermehr, daß Sie sich für Julianen entschließen würden! für Julianen!

Damis. Größtenteils tue ich es dem Vater zu Gefallen, der auf die außerordentlichste Weise deswegen in mich dringt. Ich weiß wohl, daß Juliane meiner nicht wert ist. Allein soll ich einer solchen Kleinigkeit wegen, als eine Heirat ist, den Vater vor den Kopf stoßen? Und dazu habe ich sonst einen Einfall, der mir ganz wohl lassen wird.

Lisette. Freilich ist Juliane Ihrer nicht wert; und wenn nur alle Leute die gute Mamsell so kennten als ich--

Eilfter Auftritt

Anton. Damis. Lisette.

Anton (vor sich). Ich kann die Leute unmöglich so alleine lassen. --Herr Valer fragt, ob Sie in Ihrer Stube sind? Sind Sie noch da, Herr Damis?

Damis. Sage mir nur, Unwissender, hast du dir es denn heute recht vorgesetzt, mir beschwerlich zu fallen?

Lisette. So lassen Sie ihn nur da, Herr Damis. Er bleibt doch nicht weg--

Anton. Ja, jetzt soll ich dableiben; jetzt, da es schon vielleicht vorbei ist, was ich nicht hören und sehen sollte.

Damis. Was soll denn vorbei sein?

Anton. Das werden Sie wohl wissen.

Lisette (sachte). Jetzt, Anton, hilf mir, Julianen bei deinem Herrn recht schwarz machen. Willst du?

Anton. Ei ja doch! zum Danke vielleicht--

Lisette. So schweig wenigstens.--Notwendig, Herr Damis, müssen Sie mit Julianen übel fahren. Ich bedaure Sie im voraus. Der ganze Erdboden trägt kein ärgeres Frauenzimmer--

Anton. Glauben Sie es nicht, Herr Damis; Juliane ist ein recht gut Kind. Sie können mit keiner in der Welt besser fahren. Ich wünsche Ihnen im voraus Glück.

Lisette. Wahrhaftig! du mußt gegen deinen Herrn sehr redlich gesinnt sein, daß du ihm eine so unerträgliche Plage an den Hals schwatzen willst.

Anton. Noch weit redlicher mußt du gegen deine Mamsell sein, daß du ihr einen so guten Ehemann, als Herr Damis werden wird, mißgönnest.

Lisette. Einen guten Ehemann? Nun wahrhaftig, ein guter Ehemann, das ist auch alles, was sie sich wünscht. Ein Mann, der alles gut sein läßt--

Anton. Ho! ho! alles? Hören Sie, Herr Damis, für was Sie Lisette ansieht? Aus der Ursache möchtest du wohl selbst gern seine Frau sein? Alles? ei! unter das alles, gehört wohl auch--? du verstehst mich doch?

Damis. Aber im Ernste, Lisette; glaubt Sie wirklich, daß Ihre Jungfer eine recht böse Frau werden wird? Hat sie in der Tat viel schlimme Eigenschaften?

Lisette. Viel? Sie hat sie alle, die man haben kann; auch nicht die ausgenommen, die einander widersprechen.

Damis. Will Sie mir nicht ein Verzeichnis davon geben?

Lisette. Wo soll ich anfangen?--Sie ist albern--

Damis. Kleinigkeit!

Anton. Und ich sage: Lügen!

Lisette. Sie ist zänkisch--

Damis. Kleinigkeit!

Anton. Und ich sage: Lügen!

Lisette. Sie ist eitel--

Damis. Kleinigkeit!

Anton. Lügen! sag ich.

Lisette. Sie ist keine Wirtin--

Damis. Kleinigkeit!

Anton. Lügen!

Lisette. Sie wird Sie durch übertriebenen Staat, durch beständige Ergötzlichkeiten und Schmausereien, um alle das Ihrige bringen--

Damis. Kleinigkeit!

Anton. Lügen!

Lisette. Sie wird Ihnen die Sorge um eine Herde Kinder auf den Hals laden--

Damis. Kleinigkeit!

Anton. Das tun die besten Weiber am ersten!

Lisette. Aber um Kinder, die aus der rechten Quelle nicht geholt sind.

Damis. Kleinigkeit!

Anton. Und zwar Kleinigkeit nach der Mode!

Lisette. Kleinigkeit? aber was denken Sie denn, Herr Damis?

Damis. Ich denke, daß Juliane nicht arg genug sein kann. Ist sie albern? ich bin desto klüger; ist sie zänkisch? ich bin desto gelassener; ist sie eitel? ich bin desto philosophischer gesinnt; vertut sie? sie wird aufhören, wenn sie nichts mehr hat; ist sie fruchtbar? so mag sie sehen, was sie vermag, wann sie es mit mir um die Wette sein will. Ein jedes mache sich ewig, womit es kann; das Weib durch Kinder, der Mann durch Bücher.

Anton. Aber merken Sie denn nicht, daß Lisette ihre Ursachen haben muß, Julianen so zu verleumden?

Damis. Ach freilich merk ich es. Sie gönnt mich ihr und beschreibt sie mir also vollkommen nach meinem Geschmacke. Sie hat es ohne Zweifel geschlossen, daß ich ihre Mamsell nur eben deswegen, weil sie das unerträglichste Frauenzimmer ist, heiraten will.

Lisette. Nur deswegen? nur deswegen? und das hätte ich geschlossen? Ich müßte Sie für irre im Kopfe gehalten haben. Überlegen Sie doch nur--

Damis. Das geht zu weit, Lisette! Traut Sie mir keine Überlegung zu? Was ich gesagt habe, ist die Frucht einer nur allzu scharfen Überlegung. Ja, es ist beschlossen: ich will die Zahl der unglücklich scheinenden Gelehrten, die sich mit bösen Weibern vermählt haben, vermehren. Dieser Vorsatz ist nicht von heute.

Anton. Nein, wahrhaftig!--Was aber der Teufel nicht tun kann! Wer hätte es sich jetzt sollen träumen lassen, jetzt da es Ernst werden soll? Ich muß lachen; Lisette wollte ihn von der Heirat abziehen und hat ihm nur mehr dazu beredt; und ich, ich wollte ihn dazu bereden und hätte ihn bald davon abgezogen.

Damis. Einmal soll geheiratet sein. Auf eine recht gute Frau darf ich mir nicht Rechnung machen; also wähle ich mir eine recht schlimme. Eine Frau von der gemeinen Art, die weder kalt noch warm, weder recht gut noch recht schlimm ist, taugt für einen Gelehrten nichts, ganz und gar nichts! Wer wird sich nach seinem Tode um sie bekümmern? Gleichwohl verdient er es doch, daß sein ganzes Haus mit ihm unsterblich bleibe. Kann ich keine Frau haben, die einmal ihren Platz in einer Abhandlung de bonis Eruditorum uxoribus findet, so will ich wenigstens eine haben, mit welcher ein fleißiger Mann seine Sammlung de malis Eruditorum uxoribus vermehren kann. Ja, ja; ich bin es ohnehin meinem Vater, als der einzige Sohn, schuldig, auf die Erhaltung seines Namens mit der äußersten Sorgfalt bedacht zu sein.

Lisette. Kaum kann ich mich von meinem Erstaunen erholen--Ich habe Sie, Herr Damis, für einen so großen Geist gehalten--

Damis. Und das nicht mit Unrecht. Doch eben hierdurch glaube ich den stärksten Beweis davon zu geben.

Lisette. Ich möchte platzen!--Ja, ja, den stärksten Beweis, daß niemand schwerer zu fangen ist als ein junger Gelehrter; nicht sowohl wegen seiner Einsicht und Verschlagenheit als wegen seiner Narrheit.

Damis. Wie, so naseweis, Lisette? Ein junger Gelehrter?--ein junger Gelehrter?--

Lisette. Ich will Ihnen die Verweise ersparen. Valer soll gleich von allem Nachricht bekommen. Ich bin Ihre Dienerin.

Zwölfter Auftritt

Anton. Damis.

Anton. Da sehen Sie! Nun läuft sie fort, da Sie nach ihrer Pfeife nicht tanzen wollen.--

Damis. Mulier non Homo! bald werde ich auch dieses Paradoxon für wahr halten. Wodurch zeigt man, daß man ein Mensch ist? Durch den Verstand. Wodurch zeigt man, daß man Verstand hat? Wann man die Gelehrten und die Gelehrsamkeit gehörig zu schätzen weiß. Dieses kann kein Weibsbild, und also hat es keinen Verstand, und also ist es kein Mensch. Ja, wahrhaftig ja; in diesem Paradoxo liegt mehr Wahrheit als in zwanzig Lehrbüchern.

Anton. Wie ist mir denn? Ich habe Ihnen doch gesagt, daß Sie Herr Valer gesucht hat? Wollen Sie nicht gehen und ihn sprechen?

Damis. Valer? ich will ihn erwarten. Die Zeiten sind vorbei, da ich ihn hochschätzte. Er hat seit einigen Jahren die Bücher beiseite gelegt; er hat sich das Vorurteil in den Kopf setzen lassen, daß man sich vollends durch den Umgang und durch die Kenntnis der Welt geschickt machen müsse, dem Staate nützliche Dienste zu leisten. Was kann ich mehr tun als ihn bedauern? Doch ja, endlich werde ich mich auch seiner schämen müssen. Ich werde mich schämen müssen, daß ich ihn ehemals meiner Freundschaft wert geschätzt habe. O wie ekel muß man in der Freundschaft sein! Doch was hat geholfen, daß ich es bis auf den höchsten Grad gewesen bin? Umsonst habe ich mich vor der Bekanntschaft aller mittelmäßigen Köpfe gehütet; umsonst habe ich mich bestrebt, nur mit Genies, nur mit originellen Geistern umzugehen: dennoch mußte mich Valer, unter der Larve eines solchen, hintergehen. O Valer! Valer!

Anton. Laut genug, wenn er es hören soll.

Damis. Ich hätte über sein kaltsinniges Kompliment bersten mögen! Von was unterhielt er mich? von nichtswürdigen Kleinigkeiten. Und gleichwohl kam er von Berlin, und gleichwohl hätte er mir die allerangenehmste Neuigkeit zuerst berichten können. O Valer! Valer!

Anton. St! wahrhaftig er kömmt. Sehen Sie, daß er sich nicht dreimal rufen läßt?

Dreizehnter Auftritt

Damis. Valer. Anton.

Valer. Verzeihen Sie, liebster Freund, daß ich Sie in Ihrer gelehrten Ruhe störe--

Anton. Wenn er doch gleich sagte, Faulheit.

Damis. Stören? Ich sollte glauben, daß Sie mich zu stören kämen? Nein, Valer, ich kenne Sie zu wohl; Sie kommen, mir die angenehmsten Neuigkeiten zu hinterbringen, die der Aufmerksamkeit eines Gelehrten, der seine Belohnung erwartet, würdig sind.--Einen Stuhl, Anton! --Setzen Sie sich.

Valer. Sie irren sich, liebster Freund. Ich komme, Ihnen die Unbeständigkeit Ihres Vaters zu klagen; ich komme, eine Erklärung von Ihnen zu verlangen, von welcher mein ganzes Glück abhängen wird.--

Damis. Oh! ich konnte es Ihnen gleich ansehen, daß Sie vorhin die Gegenwart meines Vaters abhielt, sich mit mir vertraulicher zu besprechen und mir Ihre Freude über die Ehre zu bezeigen, die mir der billige Ausspruch der Akademie--

Valer. Nein, allzu gelehrter Freund; lassen Sie uns einen Augenblick von etwas minder Gleichgültigem reden.

Damis. Von etwas minder Gleichgültigem? Also ist Ihnen meine Ehre gleichgültig? Falscher Freund!--

Valer. Ihnen wird diese Benennung zukommen, wann Sie mich länger von dem, was für ein zärtliches Herz das wichtigste ist, abbringen werden. Ist es wahr, daß Sie Julianen heiraten wollen? daß Ihr Vater dieses allzu zärtliche Frauenzimmer durch Bande der Dankbarkeit binden will, in seiner Wahl minder frei zu handeln? Habe ich Ihnen jemals aus meiner Neigung gegen Julianen ein Geheimnis gemacht? Haben Sie mir nicht von jeher versprochen, meiner Liebe behilflich zu sein?

Damis. Sie ereifern sich, Valer; und vergessen, daß ein Weibsbild die Ursache ist. Schlagen Sie sich diese Kleinigkeit aus dem Sinne--Sie müssen in Berlin gewesen sein, da die Akademie den Preis auf dieses Jahr ausgeteilet hat. Die Monaden sind die Aufgabe gewesen. Sollten Sie nicht etwa gehört haben, daß die Devise--

Valer. Wie grausam sind Sie, Damis! So antworten Sie mir doch!

Damis. Und Sie wollen mir nicht antworten? Besinnen Sie sich; sollte nicht die Devise Unum est necessarium sein gekrönt worden? Ich schmeichle mir wenigstens--

Valer. Bald schmeichle ich mir nun mit nichts mehr, da ich Sie so ausschweifend sehe. Bald werde ich nun auch glauben müssen, daß die Nachricht, die ich für eine Spötterei von Lisetten gehalten habe, gegründet sei. Sie halten Julianen für Ihrer unwert, Sie halten sie für die Schande ihres Geschlechts, und eben deswegen wollen Sie sie heiraten? Was für ein ungeheurer Einfall!

Damis. Ha! ha! ha!

Valer. Ja, lachen Sie nur, Damis, lachen Sie nur! Ich bin ein Tor, daß ich einen Augenblick solchen Unsinn von Ihnen habe glauben können. Sie haben Lisetten zum besten gehabt oder Lisette mich. Nein, nur in ein zerrüttetes Gehirn kann ein solcher Entschluß kommen! Ihn zu verabscheuen braucht man nur vernünftig zu denken und lange nicht edel, wie Sie doch zu denken gewohnt sind. Aber lösen Sie mir, ich bitte Sie, dieses marternde Rätsel!

Damis. Bald werden Sie mich, Valer, auf Ihr Geschwätze aufmerksam gemacht haben. So verlangen Sie doch in der Tat, daß ich meinen Ruhm Ihrer törichten Neigung nachsetzen soll? Meinen Ruhm!--Doch wahrhaftig, ich will vielmehr glauben, daß Sie scherzen. Sie wollen versuchen, ob ich in meinen Entschließungen auch wankelhaft bin.

Valer. Ich scherzen? der Scherz sei verflucht, der mir hier in den Sinn kommt!--

Damis. Desto lieber ist mir es, wann Sie endlich ernsthaft reden wollen. Was ich Ihnen sage: die Schrift mit der Devise Unum est necessarium--

Vierzehnter Auftritt