Der junge Gelehrte: Ein Lustspiel in drei Aufzügen

Chapter 3

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Valer. Legen Sie die Furcht eines Liebhabers, dessen ganzes Glück auf dem Spiele steht, nicht falsch aus. Sie lieben mich also noch? und wollen sich einem andern überlassen?

Juliane. Ich will? Könnten Sie mich empfindlicher martern? Ich will?--Sagen Sie: ich muß.

Valer. Sie müssen?--Noch ist nie ein Herz gezwungen worden als dasjenige, dem es lieb ist, den Zwang zu seiner Entschuldigung machen zu können--

Juliane. Ihre Vorwürfe sind so fein, so fein! daß ich Sie vor Verdruß verlassen werde.

Valer. Bleiben Sie, Juliane; und sagen Sie mir wenigstens, was ich dabei tun soll?

Juliane. Was ich tue; dem Schicksale nachgeben.

Valer. Ach, lassen Sie das unschuldige Schicksal aus dem Spiele!

Juliane. Das unschuldige? und ich werde also wohl die Schuldige sein? Halten Sie mich nicht länger--

Lisette. Wann ich mich nun nicht bald dazwischenlege, so werden sie sich vor lauter Liebe zanken.--Was Sie tun sollen, Herr Valer? eine große Frage! Himmel und Hölle rege machen, damit die gute Jungfer nicht muß! Den Vater auf andre Gedanken bringen; den Sohn auf Ihre Seite ziehen.--Mit dem Sohne zwar hat es gute Wege; den überlassen Sie nur mir. Der gute Damis! Ich bin ohne Zweifel das erste Mädchen, das ihm schmeichelt, und hoffe dadurch auch das erste zu werden, das von ihm geschmeichelt wird. Wahrhaftig; er ist so eitel, und ich bin so geschickt, daß ich mich wohl noch zu seiner Frau an ihm loben wollte, wenn der verzweifelte Vater nicht wäre!--Sehen Sie, Herr Valer, der Einfall ist von Mamsell Julianen! Erfinden Sie nun eine Schlinge für den Vater--

Juliane. Was sagst du, Lisette? von mir? O Valer, glauben Sie solch rasendes Zeug nicht! Habe ich dir etwas anders befohlen, als ihm einen schlechten Begriff von mir beizubringen?

Lisette. Ja, recht; einen schlechten von Ihnen--und wenn es möglich wäre, einen desto bessern von mir.

Juliane. Nein, es ist mit euch nicht auszuhalten--

Valer. Erklären Sie wenigstens, liebste Juliane--

Juliane. Erklären? und was? Vielleicht, daß ich Ihnen in die Arme rennen will und wann ich auch alle Tugenden beleidigen sollte? daß ich mich mit einer Begierde, mit einem Eifer die Ihrige zu werden bemühen will, die mich in Ihren Augen notwendig einmal verächtlich machen müssen? Nein, Valer--

Lisette. Hören Sie denn nicht, daß sie uns gern freie Hand lassen will? Sie macht es wie die schöne Aspasia--oder wie hieß die Prinzessin in dem dicken Romane? Zwei Ritter machten auf sie Anspruch. Schlagt euch miteinander, sagte die schöne Aspasia; wer den andern überwindet, soll mich haben. Gleichwohl aber war sie dem Ritter in der blauen Rüstung günstiger als dem andern--

Juliane. Ach, die Närrin, mit ihrem blauen Ritter--(Reißt sich los und geht ab.)

Zweiter Auftritt

Lisette. Valer.

Lisette. Ha! ha! ha!

Valer. Mir ist nicht lächerlich, Lisette.

Lisette. Nicht? Ha! ha! ha!

Valer. Ich glaube, du lachst mich aus.

Lisette. Oh, so lachen Sie mit! Oder ich muß noch einmal darüber lachen, daß Sie nicht lachen wollen. Ha! ha! ha!

Valer. Ich möchte verzweifeln! In der Ungewißheit, ob sie mich noch liebt--

Lisette. Ungewißheit? Sind denn alle Mannspersonen so schwer zu überreden? Werden sie denn alle zu solchen ängstlichen Zweiflern, sobald sie die Liebe ein wenig erhitzt? Lassen Sie Ihre Grillen fahren, Herr Valer, oder ich lache aufs neue. Spannen Sie vielmehr Ihren Verstand an, etwas auszusinnen, um den alten Chrysander--

Valer. Chrysander traut mir nicht und kann mir nicht trauen. Er kennt meine Neigung zu Julianen. Alle mein Zureden würde umsonst sein; er würde den Eigennutz, die Quelle davon, gar bald entdecken. Und wenn ich auch eine völlige Anwerbung tun wollte; was würde es helfen? Er ist deutsch genug, mir gerade ins Gesicht zu sagen, daß ich seinem Sohne hier nachstehen müsse, welcher wegen der Wohltaten des Vaters das größte Recht auf Julianen habe.--Was soll ich also anfangen?

Lisette. Mit den wunderlichen Leuten, die nur überall den ebenen Weg gehen wollen! Hören Sie, was mir eingefallen ist. Das Dokument, oder wie der Quark heißt, ist das einzige, was Chrysandern zu dieser Heirat Lust macht, so daß er es schon an seinen Advokaten geschickt hat. Wie wenn man von diesem Advokaten einen Brief unterschieben könnte, in welchem--in welchem--

Valer. In welchem er ihm die Gültigkeit des Dokuments verdächtig macht; willst du sagen? Der Einfall ist so unrecht nicht! Aber--wenn ihm nun einmal der Advokate ganz das Gegenteil schreibt, so ist ja unser Betrug am Tage.

Lisette. Was für ein Einwurf! Freilich müssen Sie ihn stimmen. Es ist von jeher gebräuchlich gewesen, daß es sich ein Liebhaber etwas muß kosten lassen.

Valer. Wenn nun aber der Advokat ehrlich ist?

Lisette. Tun Sie doch, als ob Sie seit vier Wochen erst in der Welt wären. Wie die Geschenke so ist der Advokat. Kommen gar keine, so ist der niederträchtigste Betrüger der redlichste Mann. Kommen welche, aber nur kleine, so hält das Gewissen noch so ziemlich das Gleichgewicht. Es steigen alsdenn wohl Versuchungen bei ihm auf; allein die kleinste Betrachtung schlägt sie wieder nieder. Kommen aber nur recht ansehnliche, so ist gar bald der ehrlichste Advokat nicht mehr der ehrlichste. Er legt die Ehrlichkeit mit den geschenkten Goldstücken in den Schatz, wo jene eher zu rosten anfängt als diese. Ich kenne die Herren!

Valer. Dein Urteil ist zu allgemein. Nicht alle Personen von einerlei Stande sind auf einerlei Art gesinnet. Ich kenne verschiedene alte rechtschaffene Sachwalter--

Lisette. Was wollen Sie mit Ihren alten? Es ist eben, als wenn Sie sagten, die großen runden Aufschläge, die kleinen spitzen Knöpfe, die erschrecklichen Halskrausen, aus welchen man Schiffssegel machen könnte, die viereckigten breiten Schuhe, die tiefen Taschen, kurz, die ganze Tracht, wie sich etwa Ihre Paten an Ehrentagen mögen ausstaffiert haben, wären noch jetzt Mode, weil man noch manchmal hier und da einige gebückte zitternde Männerchen über die Gassen so schleichen sieht. Lassen Sie nur noch die und Ihr paar alte rechtschaffene Advokaten sterben; die Mode und die Redlichkeit werden einen Weg nehmen.

Valer. Man hört doch gleich, wenn das Frauenzimmer am beredtesten ist!

Lisette. Sie meinen etwa, wenn es ans Lästern geht? O wahrhaftig! des bloßen Lästerns wegen habe ich so viel nicht geplaudert. Meine vornehmste Absicht war, Ihnen beizubringen, wieviel überall das Geld tun könne und was für ein vortreffliches Spiel ein Liebhaber in den Händen hat, wenn er gegen alle freigebig ist, gegen die Gebieterin, gegen den Advokaten und--Dero Dienerin. (Sie macht eine Verbeugung.)

Valer. Verlaß dich auf meine Erkenntlichkeit. Ich verspreche dir eine recht ansehnliche Ausstattung, wenn wir glücklich sind--

Lisette. Ei, wie fein! Eine Ausstattung? Sie hoffen doch wohl nicht, daß ich übrigbleiben werde?

Valer. Wann du das befürchtest, so verspreche ich dir den Mann darzu. --Doch komm nur; Juliane wird ohne Zweifel auf uns warten. Wir wollen gemeinschaftlich unsre Sachen weiter überlegen.

Lisette. Gehen Sie nur voran; ich muß noch hier verziehen, um meinem jungen Gelehrten--

Valer. Er wird vielleicht schon unten bei dem Vater sein.

Lisette. Wir müssen uns alleine sprechen. Gehen Sie nur! Sie haben ihn doch wohl noch nicht gesprochen?

Valer. Was wollte ich nicht darum geben, wenn ich es ganz und gar überhoben sein könnte! Seinetwegen würde ich dieses Haus fliehen, ärger als ein Tollhaus, wenn nicht ein angenehmerer Gegenstand--

Lisette. So gehen Sie doch, und lassen Sie den angenehmern Gegenstand nicht länger auf sich warten.

(Valer geht ab.)

Dritter Auftritt

Anton. Lisette.

Anton. Nu? was will die! in meines Herrn Studierstube? Jetzt ging Valer heraus; vor einer Weile Juliane; und du bist noch da? Ich glaube gar, ihr habt eure Zusammenkünfte hier. Warte, Lisette! das will ich meinem Herrn sagen. Ich will mich schon rächen; noch für das Gestrige; besinnst du dich?

Lisette. Ich glaube, du keifst? Was willst du mit deinem Gestrigen?

Anton. Eine Maulschelle vergißt sich wohl bei dem leicht, der sie gibt, aber der, dem die Zähne davon gewackelt haben, der denkt eine Zeitlang daran. Warte nur! warte!

Lisette. Wer heißt dich, mich küssen?

Anton. Potz Stern, wie gemein würden die Maulschellen sein; wenn alle die welche bekommen sollten, die euch küssen wollen.--Jetzt soll dich mein Herr dafür wacker--

Lisette. Dein Herr? der wird mir nicht viel tun.

Anton. Nicht? Wievielmal hat er es nicht gesagt, daß so ein heiliger Ort, als eine Studierstube ist, von euch unreinen Geschöpfen nicht müsse entheiliget werden? Der Gott der Gelehrsamkeit--warte, wie nennt er ihn?--Apollo--könne kein Weibsbild leiden. Schon der Geruch davon wäre ihm zuwider. Er fliehe davor wie der Stößer vor den Tauben. --Und du denkst, mein Herr würde es so mit ansehen, daß du ihm den lieben Gott von der Stube treibest?

Lisette. Ich glaube gar, du Narre denkst, der liebe Gott sei nur bei euch Mannspersonen? Schweig, oder--

Anton. Ja, so eine wie gestern vielleicht?

Lisette. Noch eine beßre! der Pinsel hätte gestern mehr als eine verdient. Er kömmt zu mir; es ist finster; er will mich küssen; ich stoße ihn zurück, er kömmt wieder; ich schlage ihn aufs Maul, es tut ihm weh; er läßt nach; er schimpft; er geht fort--Ich möchte dir gleich noch eine geben, wenn ich daran gedenke.

Anton. Ich hätte es also wohl abwarten sollen, wie oft du deine Karesse hättest wiederholen wollen?

Lisette. Gesetzt, es wären noch einige gefolgt, so würden sie doch immer schwächer und schwächer geworden sein. Vielleicht hätten sich die letztern gar--doch so ein dummer Teufel verdient nichts.

Anton. Was hör ich? ist das dein Ernst, Lisette? Bald hätte ich Lust, die Maulschelle zu vergessen und mich wieder mit dir zu vertragen.

Lisette. Halte es, wie du willst. Was ist mir jetzt an deiner Gunst gelegen? Ich habe ganz ein ander Wildbret auf der Spur.

Anton. Ein anders? au weh, Lisette! Das war wieder eine Ohrfeige, die ich so bald nicht vergessen werde! Ein anders? Ich dächte, du hättest an einem genug, das dir selbst ins Netz gelaufen ist.

Lisette. Und drum eben ist nichts dran.--Aber sage mir, wo bleibt dein Herr?

Anton. Danke du Gott, daß er so lange bleibt; und mache, daß du hier fortkömmst. Wann er dich trifft, so bist du in Gefahr, herausgeprügelt zu werden.

Lisette. Dafür laß mich sorgen! Wo ist er denn? ist er von der Post noch nicht wieder zurück?

Anton. Woher weißt du denn, daß er auf die Post gegangen ist?

Lisette. Genug, ich weiß es. Er wollte dich erst schicken. Aber wie kam es denn, daß er selbst ging? Ha! ha! ha! "Es ist mit dem Schlingel nichts anzufangen." Wahrhaftig, das Lob macht mich ganz verliebt in dich.

Anton. Wer Henker muß dir das gesagt haben?

Lisette. O niemand; sage mir nur, ist er wieder da?

Anton. Schon längst; unten ist er bei seinem Vater.

Lisette. Und was machen sie miteinander?

Anton. Was sie machen? sie zanken sich.

Lisette. Der Sohn will gewiß den Vater von seiner Geschicklichkeit überführen?

Anton. Ohne Zweifel muß es so etwas sein. Damis ist ganz außer sich: er läßt den Alten kein Wort aufbringen: er rechnet ihm tausend Bücher her, die er gesehen; tausend, die er gelesen hat; andere tausend, die er schreiben will, und hundert kleine Bücherchen, die er schon geschrieben hat. Bald nennt er ein Dutzend Professores, die ihm sein Lob schriftlich, mit untergedrucktem Siegel, nicht umsonst, gegeben hätten; bald ein Dutzend Zeitungsschreiber, die eine vortreffliche Posaune für einen jungen Gelehrten sind, wenn man ein silbernes Mundstück darauf steckt; bald ein Dutzend Journalisten, die ihn alle zu ihrem Mitarbeiter flehentlich erbeten haben. Der Vater sieht ganz erstaunt; er ist um die Gesundheit seines Sohnes besorgt; er ruft einmal über das andre: Sohn, erhitze dich doch nicht so! schone deine Lunge! ja doch, ich glaub es! gib dich zufrieden! es war so nicht gemeint!

Lisette. Und Damis?--

Anton. Und Damis läßt nicht nach. Endlich greift sich der Vater an; er überschreit ihn mit Gewalt und besänftiget ihn mit einer Menge solcher Lobsprüche, die in der Welt niemand verdient hat, verdient, noch verdienen wird. Nun wird der Sohn wieder vernünftig, und nun--ja nun schreiten sie zu einem andern Punkte, zu einer andern Sache,--zu--

Lisette. Wozu denn?

Anton. Gott sei Dank, mein Maul kann schweigen!

Lisette. Du willst mir es nicht sagen?

Anton. Nimmermehr! ich bin zwar sonst ein schlechter Kerl; aber wenn es auf die Verschwiegenheit ankömmt--

Lisette. Lerne ich dich so kennen?

Anton. Ich dächte, das sollte dir lieb sein, daß ich schweigen kann; und besonders von Heiratssachen oder was dem anhängig ist--

Lisette. Weißt du nichts mehr? O das habe ich längst gewußt.

Anton. Wie schön sie mich über den Tölpel stoßen will. Also wäre es ja nicht nötig, daß ich dir es sagte?--

Lisette. Freilich nicht! aber mich für dein schelmisches Mißtrauen zu rächen, weiß ich schon, was ich tun will. Du sollst es gewiß nicht mehr wagen, gegen ein Mädchen von meiner Profession verschwiegen zu sein! Besinnst du dich, wie du von deinem Herrn vor kurzem gesprochen hast?

Anton. Besinnen? ein Mann, der in Geschäften sitzt, der einen Tag lang so viel zu reden hat wie ich, soll sich der auf allen Bettel besinnen?

Lisette. Seinen Herrn verleumden, ist etwas mehr, sollte ich meinen.

Anton. Was? verleumden?

Lisette. Ha, ha! Herr Mann, der in Geschäften sitzt, besinnen Sie sich nun? Was haben Sie vorhin gegen seinen Vater von ihm geredt?

Anton. Das Mädel muß den Teufel haben, oder der verzweifelten Alte hat geplaudert. Aber höre, Lisette, weißt du es gewiß, was ich gesagt habe? Was war es denn? Laß einmal hören.

Lisette. Du sollst alles hören, wenn ich es deinem Herrn erzählen werde.

Anton. O wahrhaftig, ich glaube, du machst Ernst daraus. Du wirst mir doch meinen Kredit bei meinem Herrn nicht verderben wollen? Wenn du wirklich etwas weißt, so sei keine Närrin!--Daß ihr Weibsvolk doch niemals Spaß versteht! Ich habe dir eine Ohrfeige vergeben, und du willst dich, einer kleinen Neckerei wegen, rächen? Ich will dir ja alles sagen.

Lisette. Nun so sage--

Anton. Aber du sagst doch nichts?--

Lisette. Je mehr du sagen wirst, je weniger werde ich sagen.

Anton. Was wird es sonst viel sein, als daß der Vater dem Sohne nochmals die Heirat mit Julianen vorschlug? Damis schien ganz aufmerksam zu sein, und--weiter kann ich dir nichts sagen.

Lisette. Weiter nichts? Gut, gut, dein Herr soll alles erfahren.

Anton. Um des Himmels willen, Lisette; ich will dir es nur gestehn.

Lisette. Nun so gesteh!

Anton. Ich will dir es nur gestehen, daß ich wahrhaftig nichts mehr gehört habe. Ich wurde eben weggeschickt. Nun weißt du wohl, wenn man nicht zugegen ist, so kann man nicht viel hören--

Lisette. Das versteht sich. Aber was meinst du, wird Damis sich dazu entschlossen haben?

Anton. Wenn er sich noch nicht dazu entschlossen hat, so will ich mein Äußerstes anwenden, daß er es noch tut. Ich soll für meine Mühe bezahlt werden, Lisette; und du weißt wohl, wenn ich bezahlt werde, daß alsdenn auch du--

Lisette. Ja, ja, auch ich verspreche dir's; du sollst redlich bezahlt werden!--Unterstehe dich!--

Anton. Wie?

Lisette. Habe einmal das Herz!--

Anton. Was?

Lisette. Dummkopf! meine Jungfer will deinen Damis nicht haben--

Anton. Was tut das?--

Lisette. Folglich ist mein Wille, daß er sie auch nicht bekommen soll.

Anton. Folglich, wenn sie mein Herr wird haben wollen, so wird mein Wille sein müssen, daß er sie bekommen soll.

Lisette. Höre doch! du willst mein Mann werden und einen Willen für dich haben? Bürschchen, das laß dir nicht einkommen! Dein Wille muß mein Wille sein, oder--

Anton. St! potz Element! er kömmt; hörst du? er kömmt! Nun sieh ja, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat. Verstecke dich wenigstens; verstecke dich! Er bringt sonst mich und dich um.

Lisette (beiseite). Halt, ich will beide betrügen!--Wo denn aber hin? wohin? in das Kabinett?

Anton. Ja, ja, nur unterdessen hinein. Vielleicht geht er bald wieder fort.--Und ich, ich will mich geschwind hieher setzen--(Er setzt sich an den Tisch, nimmt ein Buch in die Hand und tut, als ob er den Damis nicht gewahr würde.)

Vierter Auftritt

Anton. Damis.

Anton (vor sich). Ja, die Gelehrten--wie glücklich sind die Leute nicht!--Ist mein Vater nicht ein Esel gewesen, daß er mich nicht auch auf ihre Profession getan hat! Zum Henker, was muß es für eine Lust sein, wenn man alles in der Welt weiß, so wie mein Herr!--Potz Stern, die Bücher alle zu verstehn!--Wenn man nur darunter sitzt, man mag darin lesen oder nicht, so ist man schon ein ganz andrer Mensch!--Ich fühl's, wahrhaftig ich fühl's, der Verstand duftet mir recht daraus entgegen.--Gewiß, er hat recht; ohne die Gelehrsamkeit ist man nichts als eine Bestie.--Ich dumme Bestie!--(Beiseite.) Nun, wie lange wird er mich noch schimpfen lassen?--Wir sind doch närrisch gepaaret, ich und mein Herr!--Er gibt dem Gelehrtesten und ich dem Ungelehrtesten nichts nach.--Ich will auch noch heute anfangen zu lesen.--Wenn ich ein Loch von achtzig Jahren in die Welt lebe, so kann ich schon noch ein ganzer Kerl werden.--Nur frisch angefangen! Da sind Bücher genug! --Ich will mir das kleinste aussuchen; denn anfangs muß man sich nicht übernehmen.--Ha! da finde ich ein allerliebstes Büchelchen.--In so einem muß es sich mit Lust studieren lassen.--Nur frisch angefangen, Anton!--Es wird doch gleichviel sein, ob hinten oder vorne?--Wahrhaftig, es wäre eine Schande für meinen so erstaunlich, so erschrecklich, so abscheulich gelehrten Herrn, wenn er länger einen so dummen Bedienten haben sollte--

Damis (indem er sich ihm vollends nähert). Ja freilich wäre es eine Schande für ihn.

Anton. Hilf Himmel! mein Herr--

Damis. Erschrick nur nicht! Ich habe alles gehört--

Anton. Sie haben alles gehört?--ich bitte tausendmal um Verzeihung, wenn ich etwas Unrechtes gesprochen habe.--Ich war so eingenommen, so eingenommen von der Schönheit der Gelehrsamkeit--verzeihen Sie mir meinen dummen Streich--, daß ich selbst noch gelehrt werden wollte.

Damis. Schimpfe doch nicht selbst den klügsten Einfall, den du zeitlebens gehabt hast.

Anton. Vor zwanzig Jahren möchte er klug genug gewesen sein.

Damis. Glaube mir, noch bist du zu den Wissenschaften nicht zu alt. Wir können in unsrer Republik schon mehrere aufweisen, die sich gleichfalls den Musen nicht eher in die Arme geworfen haben.

Anton. Nicht in die Arme allein, ich will mich ihnen in den Schoß werfen.--Aber in welcher Stadt sind die Leute?

Damis. In welcher Stadt?

Anton. Ja; ich muß hin, sie kennenzulernen. Sie müssen mir sagen, wie sie es angefangen haben.--

Damis. Was willst du mit der Stadt?

Anton. Sie denken etwa, ich weiß nicht, was eine Republik ist?--Sachsen, zum Exempel--Und eine Republik hat ja mehr wie eine Stadt? nicht?

Damis. Was für ein Idiote! Ich rede von der Republik der Gelehrten. Was geht uns Gelehrten Sachsen, was Deutschland, was Europa an? Ein Gelehrter, wie ich bin, ist für die ganze Welt; er ist ein Kosmopolit: er ist eine Sonne, die den ganzen Erdball erleuchten muß--

Anton. Aber sie muß doch wo liegen, die Republik der Gelehrten.

Damis. Wo liegen? dummer Teufel! die gelehrte Republik ist überall.

Anton. Überall? und also ist sie mit der Republik der Narren an einem Orte? Die, hat man mir gesagt, ist auch überall.

Damis. Ja freilich sind die Narren und die Klugen, die Gelehrten und die Ungelehrten überall untermengt, und zwar so, daß die letztern immer den größten Teil ausmachen. Du kannst es an unserm Hause sehen. Mit wieviel Toren und Unwissenden findest du mich nicht hier umgeben? Einige davon wissen nichts, und wissen es, daß sie nichts wissen. Unter diese gehörst du. Sie wollten aber doch gern etwas lernen, und deswegen sind sie noch die erträglichsten. Andre wissen nichts und wollen auch nichts wissen; sie halten sich bei ihrer Unwissenheit für glücklich; sie scheuen das Licht der Gelehrsamkeit--

Anton. Das Eulengeschlecht!

Damis. Noch andre aber wissen nichts und glauben doch etwas zu wissen; sie haben nichts, gar nichts gelernt, und wollen doch den Schein haben, als hätten sie etwas gelernt. Und diese sind die allerunerträglichsten Narren, worunter, die Wahrheit zu bekennen, auch mein Vater gehört.

Anton. Sie werden doch Ihren Vater, bedenken Sie doch, Ihren Vater, nicht zu einem Erznarren machen?

Damis. Lerne distinguieren! Ich schimpfe meinen Vater nicht, insofern er mein Vater ist, sondern insofern ich ihn als einen betrachten kann, der den Schein der Gelehrsamkeit unverdienterweise an sich reißen will. Insofern verdient er meinen Unwillen. Ich habe es ihm schon oft zu verstehen gegeben, wie ärgerlich er mir ist, wenn er, als ein Kaufmann, als ein Mann, der nichts mehr als gute und schlechte Waren, gutes und falsches Geld kennen darf und höchstens das letzte für das erste wegzugeben wissen soll; wenn der, sage ich, mit seinen Schulbrocken, bei welchen ich doch noch immer etwas erinnern muß, so prahlen will. In dieser Absicht ist er ein Narr, er mag mein Vater sein, oder nicht.

Anton. Schade! ewig schade! daß ich das insofern und in Absicht nicht als ein Junge gewußt habe. Mein Vater hätte mir gewiß nicht so viel Prügel umsonst geben sollen. Er hätte sie alle richtig wiederbekommen; nicht insofern als mein Vater, sondern insofern als einer, der mich zuerst geschlagen hätte. Es lebe die Gelehrsamkeit!--

Damis. Halt! ich besinne mich auf einen Grundsatz des natürlichen Rechts, der diesem Gedanken vortrefflich zustatten kömmt. Ich muß doch den Hobbes nachsehen!--Geduld! daraus will ich gewiß eine schöne Schrift machen!

Anton. Um zu beweisen, daß man seinen Vater wiederprügeln dürfe?--

Damis. Certo respectu allerdings. Nur muß man sich wohl in acht nehmen, daß man, wenn man ihn schlägt, nicht den Vater, sondern den Aggressor zu schlagen sich einbildet; denn sonst--

Anton. Aggressor? Was ist das für ein Ding?

Damis. So heißt der, welcher ausschlägt--

Anton. Ha, ha! nun versteh ich's. Zum Exempel; Ihnen, mein Herr, stieße wieder einmal eine kleine gelehrte Raserei zu, die sich meinem Buckel durch eine Tracht Schläge empfindlich machte: so wären Sie--wie heißt es?--der Aggressor; und ich, ich würde berechtiget sein, mich über den Aggressor zu erbarmen, und ihm--

Damis. Kerl, du bist toll!--

Anton. Sorgen Sie nicht; ich wollte meine Gedanken schon so zu richten wissen, daß der Herr unterdessen beiseite geschafft würde--

Damis. Nun wahrhaftig, das wäre ein merkwürdiges Exempel, in was für verderbliche Irrtümer man verfallen kann, wenn man nicht weiß, aus welcher Disziplin diese oder jene Wahrheit zu entscheiden ist. Die Prügel, die ein Bedienter von seinem Herrn bekommt, gehören nicht in das Recht der Natur, sondern in das bürgerliche Recht. Wenn sich ein Bedienter vermietet, so vermietet er auch seinen Buckel mit. Diesen Grundsatz merke dir.

Anton. Aus dem bürgerlichen Rechte ist er? O das muß ein garstiges Recht sein. Aber ich sehe es nun schon! die verzweifelte Gelehrsamkeit, sie kann ebenso leicht zu Prügeln verhelfen als dafür schützen. Was wollte ich nicht darum geben, wenn ich mich auf alle ihre wächserne Nasen so gut verstünde als Sie--O Herr Damis, erbarmen Sie sich meiner Dummheit!