Der Jungbrunnen: Neue Märchen von einem fahrenden Schüler

Part 9

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Und da flog wahrhaftig eine schwarze Rabe in die Höhe, krächzte oben noch ganz höhnisch und flog davon, nachdem sie zuvor auf des Königs Krone etwas hatte fallen lassen, wovon das blanke Gold eben so blind ward, wie des jungen Tobias Augen dereinst.

Der kleine John mit der Blindekuh war indessen immer weiter gegangen und fing allmählich an, sich nach den Brodsuppen der Melkmarei zu sehnen. Obenein sah er's auch den Spatzen an, daß sie Hunger hatten; denn es war gerade die Stunde, wo sie sonst zu Nacht aßen, da sie bei ihm in Kost gingen auf dem Futterboden. Nun schaute er ringsum, ob er keine Beeren sehn könnte; aber es wuchs auch nicht das Geringste in dem bösen öden Walde. Wie er den weißen Mond hinten durch die Bäume gucken sah, glaubte er erst, es wär' ein großer Käse, der sich irgendwie auf die Wipfel verlaufen hätte. Nachher aber sah er seinen Irrthum betrübt ein, und da wußte er gar nichts besseres anzufangen, als daß er ein altes Lied sang:

Das Fechten ist verboten, Das Mausen ist nicht erlaubt; Da dürst' ich nun nach Noten, Ermattet und verstaubt!

Auf Schusters Rappen sieht sich Die Welt passabel an, Hat man nur brav im Beutel, Womit man klimpern kann.

Doch sind dem Wandergesellen Die Taschen beide leer, Sein Magen thut ihm bellen, Sein Ränzel wird ihm schwer!

Gebraten und Gesotten, In jeder Schenk' ein Bier, Und hoch zu Rosse trotten -- Solch Wandern lob' ich mir!

Da geschah es recht zum Glück, daß die schwarze Rabe, die Melkmarei, über den Wald geflogen kam, und hörte was ihr Liebling sang. Sie hatte gar kein Rabenherz, und da sie eine Jägerhütte wußte, nicht weit von der Landstraße ab, flog sie geschwind dorthin und stahl Käse und Brod durchs offne Fenster dem Jägerskind vor dem Munde weg, um es dem kleinen Kuhjohn zu bringen. Sie warf's aber gerade in das Nest zwischen den Hörnern der Blindekuh, daß die Prinzessin ganz erschrocken war und fragte: Lieber kleiner Kuhjohn, wer warf mich da? -- Der Kleine war noch mehr erschrocken, denn er dachte, es wäre doch ganz gegen den Respeckt, wenn so das erste beste Stück Käse und Brod der Prinzessin auf den Kopf fiele; sagte also ganz schüchtern: Es muß der Wind gewesen sein, der Tannenzäpfchen abschüttelt. -- Dann rief er aber die Vögel und gab ihnen von dem Brode, und den Rest sammt dem Käse aß er allein. Und wie er den Mund mit dem Aermel geputzt hatte, sagte er: Gesegnete Mahlzeit! und war wieder ganz guter Dinge.

Nun wurde es aber stockfinster, denn der Mond war noch nicht hoch herauf. Die Prinzessin sah zwar die Finsterniß nicht, weil sie ja blind war; aber sie war doch erstaunlich müde, und der Kuhjohn merkte ihr's wohl an. Zufällig kamen sie an eine Stelle, wo ein seltsames Moos wuchs. Der junge Jäger nämlich hatte sich vor Zeiten dort seinen Backenbart abrasirt, und der hatte in dem fetten schwarzen Boden Wurzel geschlagen und mächtig gewuchert, daß man so weich drauf lag, wie auf einer Pferdehaarmatratze. Da hielt der kleine Kuhjohn still und fragte die Blindekuh, ob sie hier übernachten wollten. -- Ach ja, erwiederte das verwunschene Naserümpfchen. Es ist nur fatal, daß ich mit meinen vier Beinen so unbeholfen bin und mich nicht niederlegen kann; am Ende weiß ich mir morgen nicht wieder aufzuhelfen! Und in den Kleidern muß ich auch bleiben; denn die Kuhhaarstrümpfchen gehn nicht ab und die gespaltenen Schuhe auch nicht. Ach Gott, wenn ich nur erlös't wäre! -- Der kleine John wurde durch ihre Worte immer trauriger, nahm ihr sanft die Leine aus dem Maul, und so schlief sie ~stante pede~ die ganze Nacht, und die Spatzen schlupften in das Nest zwischen ihren Hörnern und schnarchten ein wunderschönes Concert zusammen.

Der Kuhjohn hätte sich gar zu gern auf das weiche Haarmoos gestreckt; aber das gab doch der Respekt nicht zu, daß er lag, während die Prinzessin stand. Er kauerte sich also mit untergeschlagenen Beinen neben sie und faltete die Hände, so daß es fast so aussah, als ob er sie anbete. Aber weil er so viel Sorgen hatte ihretwegen, auch gar unbequem saß, kam er zu keinem rechten Schlaf und wachte alle Augenblick auf. Nun wurde es aber nach und nach blitzeblank am Himmel; denn es war große Illumination, dem Geburtstag der Jungfrau Maria zu Ehren. Weil aber das Gewimmel von Sternen gar zu groß war, verlor hie und da ein junger unerfahrner die Balance und fiel dann radschlagend auf die Erde herunter ins Gras. Das sah der kleine Kuhjohn nicht, sondern gewahrte mit seinen verschlafenen Augen nur das gelbe Flimmern durch das Grün, und weil er in Gedanken immer bei der Prinzessin war und ihrer Erlösung, meinte er, es seien lauter Kuhblumen und machte sich halb im Traum auf, sie zu pflücken. Dazu kam noch, daß die Irrwische jedesmal, wenn ein Stern gefallen war, herbeihüpften, um wo möglich was Neues zu erfahren aus dem himmlischen Reich. Aber die Sterne fielen immer so hart auf den Kopf, daß ihr Lebensflämmchen erlosch, und da konnten sie auch nichts mehr sagen, als höchstens ein Stoßgebetlein ums ewige Leben. Da wurde der kleine Kuhjohn immer von neuem betrogen; denn es flimmerte wohl überall gelb und goldig, aber sobald er nahe kam, erlosch der Schein, daß er sich ganz erhitzte und doch nichts haschte. Und so lief er weit weit weg, immer den Kuhblumen nach, bis er ganz erschöpft ins Gras sank und einschlief.

Als die Sonne aufging am andern Morgen, wunderte sie sich nicht wenig, den kleinen Kuhjohn in der Waldwildniß zu sehn und die Blindekuh fernab am Wege auf dem weichen Bartmoos. Der Kleine aber, wie er die Augen aufthat und noch halb verschlafen fragte, wie Prinzeß Naserümpfchen geruht habe, erschrak und wurde im Gesicht so kreideweiß wie sein Miethszettel. Er lief die Kreuz und Quer zwischen dem hohen Farnkraut herum und rief nach der Prinzessin; aber da bekam er keine Antwort, kein Muh! und kein Puh! Nun malte er sich's immer deutlicher aus, wie es doch gegen den Respekt wäre, die blinde Prinzessin so im Stich zu lassen und wie übel es ihr nun ergehen könne; das machte ihm das Herz fast zerspringen. Die alte Rabe kam geflogen und brachte ihm einen Topf mit Brodsuppe, den sie irgendwo gestohlen hatte. Sie setzte ihn gerade vor seine Nase auf einen Baumstumpf; aber der Kuhjohn war ziemlich kalt dagegen. Brodsuppe hin, Brodsuppe her! sagte er. Sie hat's eingebrockt und ich muß es ausessen. Ach die arme Prinzessin! Ach mein schöner Respekt! wo ist der hin? Könnt' ich nur wenigstens den Verstand verlieren! -- Damit warf er sich längelangs in das Farnkraut und weinte, daß es nur so schwamm und alle Pilze versalzen wurden. Dann stand er wieder auf und wehklagte hin und her durch die Waldeinsamkeit, bis es zuletzt dahin kam, daß er wirklich den Verstand verlor. Da lag nun der schöne Kuhjungenverstand zwischen dem Farnkraut, und die Käfer liefen als ob's gar nichts wäre darum herum und befühlten ihn mit den dünnen Vorderbeinchen. Der frühere Besitzer aber ging weiter, hörte mit einmal auf zu weinen und sagte: Gott sei Dank! da hab' ich meinen Verstand verloren, und nun wird noch Alles gut. -- Es war zwar nicht viel, was er von Verstand bei sich führte; aber zuweilen war's ihm doch unbequem gewesen. Ei wie er nun sang und sprang, als wäre er einen Stein vom Herzen los geworden! Die Melkmarei aber, die alte Rabe, hatte sich die Stelle wohl gemerkt, wo der Verstand lag, flog nun hinter ihm her, und steckte ihm ganz sacht, so daß er's nicht inne ward, den Miethszettel hinten in die Höslein. Sie hatte ihre guten Gründe dabei, wie sie überhaupt alles bisher nur ihrem Freunde zum Besten eingerichtet hatte. Der ging immer zu, pflückte Kuhblumen ab, wo er welche sah, und sagte im Stillen: Es muß da hinten bei meinem Miethszettel etwas nicht richtig sein; am Ende hat mein Verstand darin gesessen und er ist mit verloren, denn ich fühle nichts mehr baumeln. Weiter forschte er aber nicht, weil er eben keinen Verstand mehr hatte.

Er sang auch unterwegs kuriose Lieder, die einen guten Klang hatten, und es war doch kein Verstand darin. Unter anderm:

Die Berge sind spitz Und die Berge sind kalt. Mein Schatz steigt zu Berge Und ich in den Wald.

Da tröpfelt das Laub Von Regen und Thau. Ob die Augen da tröpfeln, Wer sieht es genau?

* * *

Da drunten im Thal Da blühen die Rosen; Da will ich dich küssen Viel tausendmal.

Wer Röselein bricht, Den stechen die Dornen; Und sei mir nicht bös, Wenn mein Schnurrbart dich sticht.

* * *

Am Wildbach die Weiden Die schwanken Tag und Nacht. Die Liebe von uns beiden Hat Gott so fest gemacht.

Am Wildbach die Weiden Die haben nicht Wort und Ton. Wenn sich die Augen besprechen, So wissen die Herzen davon.

Und dergleichen mehr und dachte sich nichts dabei, eben so wenig beim Kuhblumenpflücken; aber die alte Melkmarei hatte ihren heimlichen Spaß daran.

Darüber hätt' ich aber fast zu erzählen vergessen, wie es der Blindekuh ging. Das arme Thier wachte in grauer Frühe auf; denn es war ja gar nicht gewohnt, ~stante pede~ zu schlafen. Wie es nun so mit dem Kopf ruckte, blieben die Spatzen auch nicht lange still in den Federn, reckten sich erst ein wenig und huschten dann hinaus. O weh! da war von ihrem Herrn nichts zu sehen; nur die Leine, an der er die Prinzessin geführt hatte, lag auf dem Moose. Frau! sagte der Spatzenvater zu seiner Ehehälfte, was thun wir nun? -- Hole die Leine, erwiederte die Spätzin, und bitte die Blindekuh, sie wieder ins Maul zu nehmen; und dann wollen wir weiter bis ins nächste Dorf zu dem Bauer, dessen Hausspätzin ich war, bevor du mich heirathetest. Und unsere Jungen, Gelbschnabel und Grünschnabel, können Kuhblumen besorgen, während ich die Gnitzen und Gnatzen wegfange. -- Das hatte aber die Blindekuh gehört und fragte ängstlich: Lieber Kuhjohn, wo bist du? und wann geht's weiter? Ich habe auch Appetit auf einige Kuhblumen. -- Darauf flog der alte Spatz dicht an ihr Ohr und sagte ihr Alles, wie seine Frau es gerathen hatte. Ach, da wurde Naserümpfchen betrübt! Aber weil's doch nicht anders ging, nahm sie die Leine gutwillig zwischen ihre Perlenzähne, und nun flatterte der Spatz bedächtig voran, dicht über dem Boden, da es der Blindekuh sonst zu schnell gewesen wäre, und seine Familie sorgte für das Uebrige. Es war aber doch ein schwieriges Geschäft; denn immer wenn die Blindekuh eine gelbe Blume kaute, fiel ihr die Leine aus dem Munde, und es wurde dem Spatzen schwerer, sie wieder hineinzustecken, als es dem kleinen Kuhjohn geworden war. Dabei seufzte die Prinzessin oft, und das klang jedesmal Muh! worüber die Vögel erschraken. Das einzige Gute war, daß sie Zeit genug hatte, bescheidner zu werden und eine rechte Sehnsucht nach dem guten Kuhjohn bekam, den sie früher immer nur ausgelacht hatte.

Wie sie nun so die Landstraße hinab zogen nach dem Dörfchen zu, kam ihnen eine Schaar von Schulkindern entgegen, die hinter die Schule gegangen waren, um sich im Walde lustig zu machen. Als sie die Blindekuh kommen sahen und die Vögel umher, fingen sie laut an zu lachen und waren sehr ausgelassen und unartig, daß die Vögel scheu wurden und sich zwitschernd in das Nest zwischen den Hörnern verkrochen. Da stand die arme Prinzessin still und fragte: Was ist denn das? Lassen sie mich denn Alle im Stich? -- Die Schulkinder aber umringten sie und riefen durch einander: Hört doch einmal! die Blindekuh kann sprechen. Einer von ihnen, der älteste und ein gar übermüthiger Junge, gab ihr geschwind die Leine wieder, führte sie eine Strecke vorwärts und sagte: Blindekuh, ich führe dich. -- Wohin denn? fragte die Prinzessin ganz verblüfft. -- In den Kuhstall! war die Antwort. -- Und was soll ich da? -- Milch essen, Blindekuh. -- Ach Gott, ich habe ja keinen Löffel. -- Dann such dir einen, rief der böse Bube lachend und ließ die Leine fahren. Nun tappte die Blindekuh ängstlich im Kreise herum; aber die Schulkinder wichen ihr neckend und spottend aus, und da sie nicht wußte, wohin sie ging, lief sie gerade auf die Bäume zu und hätte sich gewiß den Kopf ganz wund gestoßen. Da trat noch zur rechten Zeit der kleine Kuhjohn aus dem Walde heraus, eine Menge Kuhblumen unter dem Arm, und wie er so plötzlich Naserümpfchen vor sich sah, freute er sich wie ein König, obgleich er seinen Verstand zwischen dem Farnkraut gelassen hatte. Er ging geschwind zu ihr heran, streichelte sie und gab ihr seine Blumen zu fressen. Wie sie aber die letzte verschluckt hatte, da war's gerade der Haufen, von dem die Melkmarei in dem Zauberspruch geredet hatte, und sie stand als die wunderschöne Prinzessin da, die sie gewesen war. Nur hatte sie einen wunderlichen Kopfputz von Heu und das Nest lag oben auf. Da flogen die Spatzen lustig herunter und ihrem Herrn auf die Schultern und konnten sich gar nicht lassen vor Freude. Der aber ging muthig auf Naserümpfchen zu, umarmte sie und küßte sie wer weiß wie oft. Denn sein Respekt war mit dem Miethszettel in die Höslein gestopft und drin elendiglich erstickt.

Man begreift, was für alberne Gesichter die Schulkinder bei alle dem machten; aber die Prinzessin schenkte ihnen ihr Schnupftuch, damit sie sich die Lippen fegen und reinen Mund halten sollten, was sie auch versprachen. Dann spazierte sie mit dem Kuhjohn nach der Stadt zurück, und was sie sich alles gesagt haben, mag der Himmel wissen. Ich kann nur ein Lied verrathen, das die Prinzeß sang, und der Kuhjohn brummte die zweite Stimme. Das hieß so:

Es pirscht ein Jäger durch den Hain, Schießt allem Wild ins Herz hinein. Freikugeln hat er geladen; Die fehlen nicht und knallen nicht, Thun allerort viel Schaden.

Du sprödes Reh, es hilft dir nicht, Gehst du abseit im Walde dicht; Bist dennoch schlecht geborgen. Des Jägers Meute find't dich doch; Das sind die bösen Sorgen.

Die Sorgen bös, die Sorgen lind, Die Wunden weh und lieblich sind. Und wer es nie empfunden, Der weiß auch nicht, wie süß es thut, An lieben Lippen gesunden.

Das sangen sie denn, und Jedes dachte sich sein Theil dabei und die Spatzen auch. Wie sie aber in die Stadt kamen zum König Grobianus, war der hocherfreut, seine Tochter wieder zu haben und wollte nun geschwind wissen, wer der fremde Herr sei; denn er erkannte ihn nicht, weil ihm der Miethszettel fehlte. Da erzählte der Kuhjohn die ganze Begebenheit und wer er wäre; aber er fand überall Unglauben, und die Bücherwürmer und Rathschläger wurden befragt. Die ersteren ließen sich's nun sehr wurmen, und die Rathschläger schlugen Rath daß sie schwitzten, erkannten aber einstimmig, der Kuhjohn wär's einmal nicht; erstens fehle der Miethszettel, und dann sei vom Kuhjungenverstand keine Spur bei ihm zu finden. Ja das sei natürlich, bemerkte der Kuhjohn; er habe ihn unterwegs im Farnkraut verloren. Da ließ der König wieder einen Steckbrief in die Zeitung setzen: wo sich ein herrenloser Kuhjungenverstand, so und so angethan, blicken ließe, der auf den Namen Kuhjohn höre, solle männiglich auf ihn fahnden und ihn dem Bräutigam von Naserümpfchen gegen eine angemessene Belohnung wieder ausliefern. Die Hochzeit aber wurde gleich gehalten, und Grobianus war die Höflichkeit selbst, zog auch mit Bleistift einen Strich mitten durch sein Reich und schenkte die eine Hälfte seinem Eidam. Weil aber Naserümpfchen das Spatzennest noch immer auf dem Haupt behielt, machten's ihr bei der Hochzeit alle Hofdamen nach und zwar von ihren eignen Haaren, so daß seitdem die Sitte, ein Nest auf dem Kopf zu tragen, sehr gewöhnlich geworden ist.

Am andern Morgen, als das junge Ehepaar aufwachte und Naserümpfchen eben zu ihrem Kuhjohn sagte: Ich weiß doch, daß du mein Kuhjohn bist, und habe dich nur noch lieber darum -- kam plötzlich die Melkmarei ins Zimmer geflogen, krächzte in einem Athem: Guten Morgen! und ade! und legte was auf den Nachttisch, worauf sie zum Fenster hinaushuschte. Als die Beiden die Bescherung besahn, da war's denn richtig des jungen Ehemanns Kuhjungenverstand. Mit dem hat er lange gerecht regiert und alle Jahr ein Fest feiern lassen, an dem die Schulkinder hinter die Schule gingen, Blindekuh spielten und jedes ein Taschentuch geschenkt bekam. Der Melkmarei wurde nach des Grobianus Tode eine herrliche Bildsäule auf demselben Platz errichtet, wo sie verbrannt worden war, und alljährlich den Armen Brodsuppe vertheilt zu ihrem Andenken. Die Nachkommen des Kuhjohn aber haben all diese Stiftungen eingehn lassen, die Brodsuppe selber gegessen und mit den Taschentüchern ihre eigne Nase geputzt. Leider schlugen sie überhaupt völlig aus der Art, schrieben sich auf französische Mode Cujon und sind weiter nichts nutz gewesen, als daß sie sprichwörtlich genannt werden, wo von einem unausstehlichen Plagegeist die Rede ist.

Fedelint und Funzifudelchen.

Erstes Kapitel.

Wie es sich ereignet, daß Funzifudelchen, noch ehe sie in der Welt war, von der bösen Fee Aurora Mesopotamia verwunschen wurde.

Es war einmal ein guter kleiner König, der hieß +Muffel+ der Erste, ein gar leutseliger Herr, der, wenn er spazieren ging, vor Jedem, der ihn grüßte, seine goldene Krone abnahm. Weil er aber erschrecklich viel Zeit übrig hatte, schaffte er sich einen ganzen Marstall der allerschönsten Steckenpferde an und lebte nach dem Grundsatz: Man muß das Angenehme mit dem Angenehmen zu verbinden wissen. Morgens früh zog er eine kleine Maschine auf, die an seinem Bett stand; das war die sogenannte Staatsmaschine, und die sorgte dafür, daß die Regierung ihren gehörigen Gang nahm. Dann ging Muffel der Erste in seinen Marstall, ließ sich irgend ein Steckenpferd satteln und ritt den lieben langen Tag darauf herum, daß es so eine Art hatte.

Wie aber Jedermann weiß, ist keine Viehart kostspieliger zu unterhalten, als die Rößlein des guten Königs, so daß die armen Unterthanen oft sich das liebe Brod nicht gönnen durften, um nur die schweren Steuern zu erschwingen für den Marstall. Da thaten sie sich zusammen und beriethen sich, wie dem abzuhelfen sei. Endlich kam Einer auf den Einfall, man sollte dem gnädigen Herrn eine Frau verschaffen. Bei dem ewigen Hagestolziren käme der beste Mensch auf kostspielige Gedanken, und wenn der König gar ein Kindchen hätte, das würde ihm lieber sein, als die hölzernen Gäule. Schickten also eine Gesandtschaft an Muffel den Ersten, die ihm das Ding plausibel machte, in tiefster Ehrfurcht erstarb, und mit dem sehr tröstlichen Bescheide entlassen wurde, Seine Majestät werde sich's überlegen.

Nun ging der gute kleine Monarch in seinen Thiergarten und überlegte aus Leibeskräften. Aber es waren zu viel schöne Dinge im Garten, als daß er ungestört hätte denken können. Gleich vom Schlosse aus mußte er durch eine lange Allee von Invaliden, die Drehorgel spielten, sobald Muffel sich sehen ließ; und Jeder spielte ein anderes Stück, denn der König wollte den Künstler in seiner Eigenthümlichkeit nicht beschränken. Wie aber die Allee zu Ende war, kam man zu einem großen Drathhause, in dem lauter vergoldete Mohrenkinder auf dem Seil tanzten oder Purzelbäume schlugen. Dazwischen brüllten die wilden Bestien und die Papageien schrien: Heil dir im Siegerkranz! und die andern Vögel führten eine Pastoral-Symphonie aus, daß es einen Höllenspektakel gab.

Da drückte sich der König die Krone tiefer über die Ohren und ging nach einem stillen Plätzchen im Garten, wo lauter schwermüthige Weiden wuchsen und nur Trauermäntel und Todtenköpfe fliegen durften, weil der gute Muffel dort seine wehmüthigen Stunden abwartete, deren ja jeder Mensch hat. Nun wollte er heut nur in der Stille dort die Heirath bedenken und freute sich, daß die Löwen, Invaliden und Mohrenkinder weit genug entfernt waren, um ihn nicht zu stören. Aber wie erschrak er, als ihm aus den Schatten eine etwas abgesungene Frauenstimme entgegentönte, die folgendes Lied gar melancholisch hören ließ:

Von Sorgen wie bin ich Umstrickt und befangen! Kein Liebster herzinnig Im Arme mich hält! In Lüften da hangen Die Sterne mit Prangen; Doch ach -- ohne Liebe Wie dunkel die Welt!

Gar lustig zusammen Vier Aeugelein scheinen, In seligen Flammen Einander gesellt. Vertrübt sind die meinen Von Wachen und Weinen; Denn ach -- ohne Liebe Wie dunkel die Welt!

Das machen meine Invaliden doch besser! dachte Muffel bei sich, der in der Musik sehr stark war, trat aber neugierig näher. Da hatte er den seltsamsten Anblick von der Welt. Eine fremde Dame saß auf der Rasenbank und sah halb verschämt, halb innig nach dem König um. Sie war freilich nicht mehr jung, aber auch nichts weniger als schön. Uebrigens war sie in großem Putz und nur an den Manschetten saßen einige gelehrte Tintenflecke. Um sie herum aber lag ein ganzer Haufen Bücher, auf deren Rücken in Gold gedruckt stand: Sämmtliche Werke der Fee Aurora Mesopotamia.

Der König war ein bischen verlegen geworden, drehte die Krone zwischen den Händen herum und brachte endlich heraus: Angenehme Unbekannte, wer sind Sie eigentlich? -- Die Dame spielte zierlich mit dem Fächer und flüsterte: Ich bin die Fee Aurora Mesopotamia, und diese Bücher sind meine sämmtlichen Werke. Monarch, fuhr sie dann mit Wärme fort, ich weiß, Sie gehn auf Freiersfüßen. Warum soll das Weib nicht zum Manne sagen: Ich liebe dich! Muffel meines Herzens, wirst du diese federkundige, zarte Feenhand ausschlagen? -- Sie reichte ihm gar schmachtend ihre Rechte, und meinte, er würde sie hastig ergreifen und küssen. Aber der König setzte ruhig die Krone wieder auf und sagte: Entschuldigen Sie! Sie könnten meine Großmutter sein, schon nach den sämmtlichen Werken zu urtheilen. -- Die Fee erröthete und sprach: Ich bin freilich über die Jahre thörichter Jugend hinaus. Aber ich bringe Ihnen ein Herz voll edler Weiblichkeit entgegen, voll Sinn für das Höhere und mit der Fähigkeit begabt, ein schönes Mannesherz glücklich zu machen. -- Wie der König das hörte, sagte er weiter nichts als: Es thut mir leid, Fräulein; aber aus der Partie kann nichts werden! -- und dann machte er eine Verbeugung und kehrte spornstreichs um, als wäre er dem Fegefeuer entronnen.

Die Fee aber rief ihm nach: Verblendeter! Grober Charakter! So verwünsche ich denn das Kind, das dir eine Andere schenken wird, daß es sein Lebtag die Augen nicht öffnen soll, wenn ihm nicht einer das Lied der Nixe Undula um Mitternacht vorsingen wird. -- Und dann schlug sie ein höhnisches Gelächter auf, zertrat die lieben, unschuldigen Blumen im Garten und verschwand, und es sollen, wie der Gärtner versichert, die schwermüthigen Weiden so voller Tintenflecke gewesen sein, daß aller Thau des Himmels sie nicht wieder rein waschen konnte.

Wie nun Muffel der Erste, noch ganz erschreckt von der Verwünschung und der verwünschten Person selbst, in tiefen Gedanken seinem Schlosse wieder zuging, sangen auf einmal alle Nachtigallen in den Büschen wie verabredet:

Prinzessin Rapudanzia Die hole dir zum Tanz, ja ja, Ziküth, ziküth, ziküth!

Und da fielen alle Leierkasten ein und spielten »Wir winden dir den Jungfernkranz«, daß der gute König ganz begeistert ausrief: Natur und Kunst sprechen für dich -- du mußt die Meine werden! Schrieb auch gleich ein sehr zärtliches Briefchen an die Schöne und ihren Vater, den König Lillabullero, von dem er noch denselben Tag durch einen Eilboten folgende Antwort erhielt:

König Muffel, mit Vergnügen Kannst du meine Tochter kriegen. Zeichne mich mit Achtung Dero Ew'ger Freund Lillabullero.

Die Prinzessin aber hatte ganz fein und zierlich unter den Brief geschrieben: Lieber Bräutigam, ich habe dich von Herzen lieb, und wir wollen uns vertragen wie die Engel im Himmel.

Zweites Kapitel.

Wie der alte verrückte Kapellmeister den aufrührischen Bassisten nachläuft.