Der Jungbrunnen: Neue Märchen von einem fahrenden Schüler

Part 8

Chapter 83,854 wordsPublic domain

Der König hatte einen Sohn, dessen Namen ich nicht nennen kann, weil ich ihn nicht weiß; wir wollen ihn also Veilchenprinz nennen. Daß Veilchenprinz schön war, versteht sich von selbst. Sind doch alle Prinzen und Prinzessinnen schön, und wenn sie's nicht sind, ist's wenigstens wider den Respekt, es zu sagen; dann aber wissen wir schon, daß die Veilchenelfen alle sehr schön sind, und so wird der Sohn des Königs wohl keine Ausnahme machen. Außerdem aber war Veilchenprinz in jeder Beziehung höchst ausgezeichnet, und wenn sein Herr Vater einmal gestorben wäre, hätten die Veilchen einen guten König bekommen. Der Alte aber dachte nicht ans Sterben, ließ vielmehr seinen Sohn seine ganze Kraft und Strenge fühlen und hatte immer was an ihm zu hofmeistern. Bald stand er nicht grade, bald war er schlecht frisirt, bald schaute er trüb aus den Augen; und da freute sich denn Veilchenprinz auf die Nacht, wo er unbeaufsichtigt war und hinaufschauen konnte zu den Sternen, die ihn viel freundlicher ansahen, als sein Herr Vater.

Nun wollte dieser ihn mit Gewalt verheirathen, und zwar an eine Cousine, die ziemlich nah mit dem königlichen Hause verwandt war. Veilchenprinz liebte sie nicht und dachte mit Sorgen und Kummer der Zeit, wo er sich nicht mehr mit seiner Jugend würde entschuldigen können. Seine Cousine war zwar auch schön und gut, aber nicht sehr klug und schrecklich langweilig. Denn sie konnte Stunden lang neben ihm stehen und ihn ansehen, ohne ein Wörtchen zu sprechen, und wenn sie etwas hervorbrachte, war es etwas ganz Albernes. Dazu war sie ein wenig eitel und putzsüchtig, und wenn nicht der König auf sie besonders ein scharfes Auge gehabt hätte, so würde sie der bunte Schmetterling noch viel öfter besucht haben, mit dem sie sich Abends in der Dämmerung zuweilen unterhielt. Vielleicht wären sie aber dennoch ein Pärchen geworden, wenn nicht etwas Anderes dazwischen gekommen wäre.

Eines Morgens in aller Frühe, als die Veilchen noch schliefen, aber die Sonne schon lustig auf den Wellen des Wassers tanzte, hörte Veilchenprinz leichte Schritte den Weg daherhüpfen, und eine helle, frische Stimme sang eine gar muntre Melodie. Die Worte verstand er nicht, denn die Stimme war zu weit entfernt, und er konnte auch von der Gestalt nichts erblicken, als ein weißes Kleidchen, das durch die Zweige sich bewegte. Er horchte mit verhaltenem Athem, und die Stimme kam näher, so daß er ganz deutlich folgende Worte hören konnte:

Mühlen still die Flügel drehn, Ueber die Stoppeln pfeift der Wind; Arme Hütten im Grunde stehn, Fensterlein sind schmal und blind.

Bald da kommt ein Sonnenschein, Blickt so lustig wie er kann; Mühlenflügel und Fensterlein Fangen ein Tanzen und Glitzern an.

Dürftig Herz, so bist du ganz, Blöd' und blind viel Tag und Nacht, Bis ein leiser Liebesglanz Dich unsäglich fröhlich macht.

Die Stimme schwieg. Veilchenprinz strengte alle Kräfte an, um durch die Bäume zu sehen; aber plötzlich bogen sich die Zweige auseinander und ein junges Mädchen näherte sich dem Springbrunnen. Das weiße Kleidchen, das vorher schon verrätherisch durch die Büsche geschaut hatte, war mit blauen Schleifen zierlich garnirt, und im Haar trug sie ein Band von derselben Farbe, das zu beiden Seiten über die Schultern herunter hing. In der Hand hielt sie ein weißes Morgenhäubchen, das sie eben abgenommen zu haben schien, und ein unendlich reizender Zug von Unbefangenheit und unschuldiger Freude ging über ihr junges Gesicht. Veilchenprinz aber sah nichts von dem allen; er sah nur ihre Augen, die ihn wie mit einem gewaltigen Zauber gebannt hatten. Das war ihm auch nicht übel zu nehmen, denn sie funkelten und glänzten wie Gazellenaugen, und Veilchenprinz hatte noch nie schwarze Augen gesehen. Er selbst hatte blaue, und sein langweiliges Cousinchen auch, und so das ganze Veilchenvolk. Das Mädchen aber stand eine ganze Zeit am Brunnen und schien eine große Freude zu haben über das Geplätscher des Wassers und wie die kleinen Wellen sich jagten und hin und her hüpften. »Hier ist es einmal schön!« rief sie aus und klatschte erfreut in die weißen Händchen. Mit einem Male bückte sie sich, setzte sich nieder auf den schwellenden Rasen und zog einen ihrer blauseidenen Schuhe aus, daß das zarte Füßchen unter dem weißen Kleide neugierig hervorsah; bald folgte der andere Fuß, und nun steckte sie einen nach dem andern in das klare Wasser und ergötzte sich an der angenehmen Kühle und wie sich die Kreise der Wellen an ihren Füßchen wie an kleinen Felsen brachen. Plötzlich rief eine Stimme aus dem Garten her ihren Namen, und im Nu waren die Füßchen heraus, die Schuhe angezogen, und mit hocherröthendem Gesicht schlüpfte sie wieder durch die Zweige hin und eilte fort.

Veilchenprinz sah ihr betrübt nach und verfolgte mit den Augen den Schimmer ihres weißen Kleides, bis er nichts mehr sah; da ließ er seine Blicke nach der Stelle gehen, wo sie gesessen hatte, und dachte an ihre funkelnden Augen, und in seinem Herzen war's, wie wenn's auf einmal Tag geworden wäre. Allmählich wachten die Veilchen alle auf und keines hatte etwas gesehn. Heute aber hatte der König besonders viel an seinem Sohn zu hofmeistern, der seine Cousine mehr als je vernachlässigte und ganz verwirrt in Gedanken war. Er hoffte den ganzen Tag, das Mädchen würde wiederkommen, aber vergebens; und der Abend brach herein, und sie war noch nicht dagewesen. Veilchenprinz schlief vor vielem Denken und Sinnen ein, und im Traum sah er die funkelnden Augen und das ganze liebe Mädchen, wie es die zarten Füßchen in dem Springbrunnen badete.

Am folgenden Morgen war er mit dem ersten Sonnenstrahl wach; aber seine Sehnsucht wurde nicht gestillt. Im Lauf des Tages hörte er viele Stimmen im Garten, und es kamen Leute sogar vorbei, den Weg daher, der zur Fontäne führte; ja einmal glaubte er sogar ihre Stimme zu hören, dann aber war Alles wieder still und die Klänge verloren sich in die Tiefen des Gartens. Ganz spät aber, als schon Alles rings dämmerig verzaubert dalag und die weißen Nebel sich aus den Bäumen erhoben, vernahm Veilchenprinz einen bekannten Ton und hörte dann ganz deutlich, wie sie herzukam; aber sie schien nicht allein zu sein. Veilchenprinz durchschauerte ein süßes Gefühl, und sein kleines Herz schlug gar gewaltig, als wollt' es ihm zerspringen. Die Zweige bogen sich wieder aus einander, und sie war es wirklich, aber Arm in Arm mit einem jungen Manne, mit dem sie in vertraulichem Gespräch war. Der volle Mond küßte leise ihre weiße Stirn, und die Sterne schienen neidisch auf den Glanz der süßen Augen, die wie damals funkelten und Veilchenprinz immer fester bannten.

»Sieh nur, Lieber,« rief sie lebhaft aus, »wie traulich es hier ist! Ich war gestern Morgen hier, ganz früh, als du noch schliefst; aber heute Abend ist's viel tausendmal schöner. Jetzt bin ich auch an deiner Seite; da gefällt mir's besser, weil du's mitgenießest.« Der junge Mann lächelte freundlich und sagte: »Es ist wirklich sehr schön hier und das Plätzchen mir völlig unbekannt. Im vorigen Jahr war's hier lange nicht so freundlich; weißt du noch? da war's viel wilder und unfreundlicher.« -- »Ja«, sagte das Mädchen, »das macht der neue Gärtner, der Alles so hübsch in Ordnung hält«; und indem sie das sagte, war sie schon wieder durchgeschlüpft, und Veilchenprinz hörte draußen ihr fröhliches Lachen über den jungen Mann, der nicht sogleich die Stelle finden konnte, wo die Zweige sich leicht aus einander biegen ließen. Nun hörte er, wie sie den kleinen Hügel hinangingen, und als sie oben waren, sah er ihre Köpfe über die Wipfel der Trauerweiden herausragen. Sie setzten sich, in stillem Anschaun der herrlichen Aussicht. Fern hörte man eine Flöte eine wehmüthige Melodie spielen, die langgehalten durch die reine Sommerluft hinzitterte und in einem leisen Seufzer erstarb. Rings im Grase zirpten die Heimchen, kleine Goldkäfer schwirrten durch die Nacht, und die Schmetterlinge wiegten sich wie schlaftrunken in den Kelchen der Blumen. Dazwischen plätscherte der Springbrunnen, und die Schatten des Gartens wurden immer dunkler und dunkler, je heller das Mondlicht auf den hervortretenden Zweigen sich anklammerte. Veilchenprinz hörte, wie die Beiden auf dem Hügel aufstanden und langsam hinabgingen, stumm und wortlos, überwältigt von dem allesergreifenden Zauber der Sommernacht. Und wie ihre Tritte mehr und mehr verhallten, sank auf ihn der Schlummer nieder, und er schlief unter lieben Träumen, in die nur das Bild des jungen Mannes sich störend drängte.

Eine ganze Woche hindurch sah er das junge Mädchen fast jeden Tag. Gewöhnlich kam sie des Abends an der Hand des jungen Mannes, der, wie Veilchenprinz aus ihren Worten merkte, ihr Bruder war. Sie schien ihn sehr lieb zu haben und er sie auch, und oft saßen sie zusammen auf dem Bänkchen und plauderten. Veilchenprinz konnte ganz deutlich sehen, wie sie sich traulich umschlungen hielten und die Schwester ihr Köpfchen an des Bruders Schulter lehnte. Auch schienen sie ihm immer sehr ernste Dinge zu besprechen, denn wenn sie hinabgingen, waren sie feierlich still; aber er wußte nicht, daß Worte einer reinen Liebe wie Orgelklänge die Seele ergreifen und harmonisch bis in die innersten Tiefen bewegen.

Und so hing Veilchenprinz mit ganzer Seele an dem jungen Mädchen und wußte es selbst nicht. Wenn sie einen Tag nicht kam, senkte er das Köpfchen und hatte nimmer Freude, wenn auch die Sonne noch so hell schien. Einmal aber hatte er sie schon drei Tage lang nicht gesehn und war trostlos. Alle Verweise seines Vaters, alle Bitten seiner Braut hatten nicht vermocht, seinen Trübsinn zu verscheuchen, und er wurde sichtlich blaß und mager. So merkte er es auch eines Abends nicht, daß der bunte Schmetterling herangeflogen kam, den er sonst nie hatte leiden mögen. Der war aber auch ganz trübselig, und da wurde Veilchenprinz aufmerksam und fragte, was ihm wäre. »Ach«, sagte der Schmetterling, »denk nur, Veilchenprinz, in einer Stunde muß ich sterben! und da komme ich nur her, um Abschied zu nehmen, vornehmlich von deiner Braut; und da ich nun doch bald sterben soll, so kann ich's ja sagen, wie sehr ich sie geliebt habe!« -- Veilchenprinz war bis zu Thränen gerührt; er umarmte den Schmetterling und bedauerte ihn von Herzen. »Ist denn kein Mittel, dir zu helfen, armer Schelm?« sagte er. -- »O ja, es giebt wohl eins, aber das ist so gut wie keins; denn es läßt sich nicht ausführen. Es müßt' ein Blumenelf meine Flügel nehmen und mich in seine Blume lassen; dann würd' ich fortleben, er aber würde nach einer Stunde sterben müssen. Wer wollte das wohl thun?« setzte er traurig hinzu. -- Wie ein Blitz fuhr es Veilchenprinz durch den Kopf. »Hör'«, sprach er, »ich hätte nicht übel Lust dazu. Mein Vater behandelt mich hart, meine Braut mag ich nicht, und das Leben ist mir verhaßt; also mach' ich den Tausch von Herzen gern. Ich dacht' es mir immer herrlich, so in der freien Luft herumzugaukeln, und für eine einzige Stunde solcher Lust will ich gern mein ganzes Leben hingeben.« -- Der Schmetterling war edelmüthig genug, den Vorschlag abzulehnen. Als er aber sah, daß es Veilchenprinz ganz Ernst war, ging er, wiewohl mit Widerstreben, darauf ein. Der König schlief schon, und die Braut ließ es nicht ungern geschehen, obwohl sie auch Veilchenprinz recht lieb gehabt hatte, weil er so gar sanft und gut war. In wenig Augenblicken hatte er die Flügel an den Schultern und zu seiner Freude konnte er sie ganz leicht gebrauchen. Nicht ohne Wehmuth nahm er Abschied von seinen schlummernden Freunden, und nachdem er den Springbrunnen noch einmal umkreis't hatte und auf der Stelle geruht, wo er seine Freundin zum ersten Male sah, schwang er seine Flügel höher und flog über die Trauerweiden hinweg in die kühle Nacht, durch den duftenden Garten.

Eine neue, unbekannte Welt that sich vor ihm auf. Ringsum rüttelte der Wind an den Sträuchern, und in dem Laube der Bäume wispert' es und rauschte, wie verworrene Klänge ferner Stimmen, und wunderlich streckten die Bäume ihre dunkeln Aeste heraus, wie wenn sie drohend den Finger aufheben wollten. Er aber achtete auf nichts, sondern flog weiter und weiter, nur ihr Bild im Herzen und den heißen Wunsch sie zu sehn. Das Haus konnte man mit seinen erleuchteten Fenstern durch den ganzen Garten gewahr werden, und das Ziel, das Veilchenprinz verfolgte, war zwar etwas weit, aber nicht zu verfehlen. Einigemal gönnte er sich eine kurze Ruhe; dann aber ging's um so eiliger vorwärts, und mit unendlicher Freude sah er das Haus nun vor sich. Aber ach! die ersten Fenster, an die er kam, waren verschlossen, und er flatterte ängstlich weiter von Fenster zu Fenster; das letzte von allen war offen, und der Schein der Lampe strahlte in die nächtlichen Dunkel dämmrig hinein. Drinnen saß der Bruder mit der Laute im Arm, ihm zu Füßen auf einem Bänkchen seine Schwester, weiß gekleidet und einen Kranz von frischen Rosen im Haar. Sie hatten eben gesungen und schauten nun träumerisch in die sternenhelle Landschaft. Die Jungfrau fuhr mit der Hand über die Stirn und sagte: »Bitte, singe mir die letzten Strophen noch einmal! sie haben mich tief gerührt.« Und der gefällige Bruder griff wieder in die Saiten und begleitete folgende Worte:

Und gehst du über den Kirchhof, Da find'st du ein frisches Grab; Da senkten sie mit Thränen Ein schönes Herz hinab.

Und fragst du, woran's gestorben? Kein Grabstein Antwort giebt; Doch leise flüstern die Lüftchen: Es hatte zu heiß geliebt.

Eine wehmüthige Stille durchzog das Gemach, die Keins zu brechen wagte. Endlich aber sagte der Bruder: »Sieh den schönen Schmetterling, der da hereingeflogen ist, wie er in deiner Nähe herumflattert! jetzt sitzt er auf deiner Stirn; sieh nur, wie zärtlich er thut!« Wirklich flog ein kleiner blauer Schmetterling um der Jungfrau Angesicht her und berührte sogar leise ihre Lippen. Die Geschwister lächelten. Es lag ein eigenthümlich Gemisch von Scheu und Inbrunst in den Bewegungen des kleinen Wesens, und eine ganze Zeitlang sahen sie ihm mit Vergnügen zu. Plötzlich aber taumelte er zurück und stürzte todt in den Schoß der Jungfrau. Betroffen sahen sich die Beiden an. Der zärtliche Bruder sagte: »Er ist so lange um das Licht herumgeflogen, bis er sich die Flügel verbrannt hat.« Die Schwester aber war aufgestanden, lehnte sich sinnend an das Fenster, und mit dem kleinen entseelten Schmetterling in der Hand schaute sie hinaus. Ein kühler Nachtwind fuhr durch die Saiten der Laute, und wie im Traum lispelte die Jungfrau: »Er hatte zu heiß geliebt!«

Das Märchen von Blindekuh.

Es war einmal ein kleiner königlicher Kuhjunge, der hieß John, und hatte Sonntag wie Alltag einen Miethszettel hinten heraushängen (nämlich den Hemdenzipfel, der aus den Höschen vorguckte). Darum nannten ihn die Kammerjungfern und Lakayen nie anders, als den Kuhjohn mit dem Miethszettel; und das nahm er sich sehr zu Herzen, denn er konnt' es doch einmal nicht ändern. Da seine Mutter selig ans Sterben kam, hatte sie ihm gehörig eingeschärft, er solle bei Hofe nur immer brav Respekt haben; dann werd' es ihm schon wohl gehn. Nun merkte er sich's und hatte erstaunlich viel Respekt, den ganzen Tag über bis spät in die Nacht, wo er sich auf dem Futterboden schlafen legte. Da ging's ihm denn auch wirklich recht wohl, für einen Kuhjungen zumal. Denn oben auf dem Boden hatte er ein Nest aufgespürt an der Dachluke, darin logirte eine Spatzenfamilie, die bei ihm in Kost ging. Ei, dachte er, wenn er ihnen Brodkrümchen streute, so giebt's doch auch Leute, die vor +mir+ Respekt haben! Außerdem hatte er gute Freundschaft geschlossen mit der alten Melkmarei, die ihm oft eine Brodsuppe kochte; denn das war eigentlich ihr Fach, und des Großmoguls Koch hätte es nicht besser verstanden. Nebenher aber war die Melkmarei eine richtige Hexe, und kein Mensch wußte es, und der kleine Kuhjohn auch nicht.

Der König nun, dem der Kuhstall gehörte, hieß Grobianus und hatte eine wunderschöne Tochter, die Naserümpfchen genannt wurde. Wenn der kleine Kuhjohn der Prinzessin ansichtig ward, hatte er noch zehnmal so viel Respekt als sonst, und noch weit mehr, als vor ihrem Vater, weil der sich mit all seinen Leuten gar so gemein machte und ihm selbst einmal höchsteigenhändig einen Fußtritt gab. Dergleichen fiel Naserümpfchen nicht ein; sie zuckte nur immer die Achseln und sagte zu Allem, was ihr nicht recht war, auf Französisch: puh!

Eines Tages ging sie gerade beim Kuhstall vorbei und bekam Lust, die Nase hineinzustecken. Der kleine Kuhjohn machte eben dem lieben Rindvieh die Streu und war so geschäftig, daß ihm sein Miethszettelchen fleißig hin und her wackelte. Wie er die Prinzessin in der Stallthür stehen sah, zog er seine Kappe in aller Eile und präsentirte seine Mistgabel nach Art der Soldaten. Darüber fing Naserümpfchen laut an zu lachen und sagte: Puh! 's ist doch entsetzlich muffig hier. Ach, und der kleine Kuhjohn mit dem Miethszettel ist ein rechter Mistfink! -- Zufällig saß die Melkmarei auch im Stall und hörte das Alles. Es griff aber sehr an ihre Ehre; denn der Kleine war ja ihr Freund und für den Stall hatte sie mit zu sorgen. Da wurde sie so erbos't, daß sie ihren Topf mit Brodsuppe Naserümpfchen über den Kopf goß und dabei folgenden Hexenspruch sagte:

~Panorama Diorama Spargnapani Cosmorama.~ Naserümpfchen, werde zu Einer weißen Blindekuh! Sollst so lang vierfüßig laufen, Bis du einen ganzen Haufen Von Kuhblumen aufgefressen Und den Hochmuth hast vergessen. Will sich dann ein Mensch mit Grämen Dein Geschick zu Herzen nehmen, Daß er den Verstand verliert, Dann ist Blindekuh kurirt. Hokuspokus, Naserümpfchen Mit den weißen Kuhhaarstrümpfchen! ~Maccaroni Melodrama Capuletti Monodrama!~

Sie war kaum damit fertig, da war auch die Verwandlung schon vollendet, und statt der schönen Prinzessin stand eine gar zierliche weiße Blindekuh vor dem Stalle. Die Melkmarei ging hustend und schmunzelnd ihrer Wege und warf kaum noch einen Blick auf das arme verwunschene Naserümpfchen. Aber der kleine Kuhjohn bekam einen so gewaltigen Schreck, daß ihm die Mistgabel aus der Hand fiel. Darauf überlegte er, ob es nicht gegen den Respekt wäre, wenn er zu der Prinzessin ginge und sich erkundigte, ob er ihr was helfen könne. Er that's endlich und sagte ganz sanft: Königliche Hoheit, befehlt nur, was Ihr von mir wollt; ich bin Euer unterthäniger Diener. -- Die arme Blindekuh konnte zuerst nichts weiter antworten, als Muh!! und da erschrak der Kleine wieder, denn es klang ihm fast wie ihr gewöhnliches Puh! Dann aber kam die Prinzessin wieder zur Besinnung und sagte ganz verständlich: Ach lieber Freund! so kann ich mich doch nirgend sehn lassen; also sei so gut und führe mich weg, irgendwohin; denn ich fühle wohl, ich bin eine abscheuliche Kuh geworden, und blind wie ich bin, weiß ich auch nicht Weg und Steg. -- Das rührte den Kleinen; er sagte, er werde gleich wieder da sein und stieg hinauf in den Futterboden, um ein wenig Heu zu holen und es um ihre Hörner zu wickeln, damit sie nicht so drückten. Wie er bei seiner Spatzenfamilie vorbeiging, riefen die kleinen Vögelchen:

Bitte bitt', Nimm uns mit, Liebster Kuhjohn! Verdienst dir Gotteslohn.

Da nahm er das ganze Nest mit und befestigte es zwischen den Hörnern der Blindekuh auf dem Heu. Es ist zwar eigentlich gegen den Respekt, dacht' er, aber sie sieht's ja nicht. Darauf holte er noch eine lange Schnur, bat die Prinzessin, das eine Ende in den Mund zu nehmen, und so führte er sie von dannen, die Landstraße entlang, die durch den dicken dicken Wald läuft.

Nun ging die Blindekuh gesenkten Hauptes fürbaß, denn sie war sehr betrübt. Der kleine Kuhjohn schritt auch ganz verlegen nebenher und wußte sich nicht recht zu benehmen. Es ist doch eigentlich gegen den Respekt, sagte er sich, daß ich die Prinzeß so an der Nase herumführe. -- Aber es half einmal nichts. Wenn die Fliegen und Bremsen kamen und die Blindekuh stechen wollten, hätte er sie gern mit seinem Taschentuch weggejagt. Das ging aber nicht an; einmal besaß er keins und dann hätte er ja die Prinzessin schlagen können, und es war ein Glück, daß er seine Spatzen mit hatte, denen rief er leise:

Fangt, liebe Spatzen, Die Gnitzen und Gnatzen, Die Fliegen und Mücken Von Prinzeß Naserümpfchens Rücken!

Da waren die Vögel flink hinterher und schnappten das Geziefer alles weg. Dabei schaute der kleine Kuhjohn beständig um sich, ob er keine Kuhblume entdecken könne. Leider waren sie in dem Jahre gerade schlecht gerathen und fanden sich nur hier und da am Wege. Nun durfte der Kleine aber die Leine nicht los lassen, an der er die Prinzessin führte, rief also wieder den Vögeln:

Liebe Spatzen, pflückt geschwind Gelbe Blumen, so viel da sind! Bringt sie her mit Stengel und Stümpfchen; Heilsam sind sie Naserümpfchen.

Da flogen die Spatzen wieder gar eifrig nach den Blumen, bissen sie ganz unten ab mit ihren scharfen Schnäbeln und brachten sie ihrem Herrn. Der sagte ganz leise Brrrr! und fragte dann die Prinzessin, ob sie die Kuhblumen wohl aus seiner Hand essen wolle; einen Teller habe er leider nicht, aber sie sei ganz appetitlich und sauber. Die Blindekuh erwiederte: Danke schön, und mach' nur keine Umstände! Darauf fraß sie die Blumen betrübt in sich hinein und ging weiter, und das wiederholte sich, so oft die Vögel einige zusammengeholt hatten. Ach, dachte der Kuhjohn, zu einem Haufen ist es doch zu wenig! Und wie soll ich's nun gar anfangen, mein bischen Verstand zu verlieren? O die böse Melkmarei! ich hätt' ihr so was nimmer zugetraut. -- In solchen Gedanken machte er die Reise niedergeschlagen weiter und sein Miethszettel wedelte wehmüthig hinterdrein.

Der König Grobianus aber, wie er merkte, daß seine Tochter verschwunden war, gerieth in einen kirschbraunen Zorn und ließ sogleich nachforschen, wie es wohl zugegangen sein könne. Da fand sich denn, daß der kleine Kuhjohn auch vermißt wurde, und der König kam auf den Verdacht, der Kleine habe die Prinzessin entführt, worüber er sehr grob wurde. Er schickte sogleich eine Menge Soldaten nach allen Richtungen aus, um die Entflohenen zu suchen, und ließ von allen Thürmen Sturm läuten, damit der Skandal in der Stadt noch lauter würde, als die skandalöse Entführung. Die Soldaten fanden auch nichts; denn als der eine Trupp den Weg entlang kam, den die Blindekuh mit ihrem Gefolge eingeschlagen hatte, hörte die Prinzeß schon von ferne das Pferdegetrappel und flüsterte ihrem Führer ängstlich zu: Ach, das sind meines Vaters Reiter, die er uns nachgeschickt hat. Versteck mich irgendwo! -- Der Kuhjohn aber war gescheidt genug; er rief den Vögeln und sagte:

Der Prinzessin zu Gefallen Nehmet Sand in Schnabel und Krallen, Streut ihn in der Reiter Augen, Daß sie nicht zum Spähen taugen; Aber Spätzlein, macht geschwind, Eh ein böser Blick uns find't!

Nun hätte man die Vögel sehen sollen, wie geschickt sie den Reitern Sand in die Augen streuten, daß die ganz betroffen umkehrten und einfach sagten, sie hätten nichts gefunden. Da wurde der König noch böser und ließ einen langen Steckbrief in die Zeitung setzen, in welchem dem ehrlichen Finder, der die Prinzessin und einen sichern Kuhjohn mit dem Miethszettel wiederbrächte, die Prinzessin und das halbe Königreich versprochen wurde. Die Melkmarei aber, die von bösen Zungen als Hexe verschrieen wurde, ließ der König auf offnem Markte verbrennen. Da ward es klar, daß sie eine richtige Hexe war. Denn als die Lohe hoch aufschlug, hörte man inmitten der Flammen eine heisere Stimme singen:

Der König Rex Hat Macht so viel, Ist doch ein Spiel Griesegrauer Hex!

Sein Töchterlein, Vom Zauber bezwungen, Läuft mit dem Kuhjungen In die Welt hinein.

Weh, Windchen weh! Dann geht's in die Höh. Herr König, ade! Siehst sie nimmermeh!