Der Jungbrunnen: Neue Märchen von einem fahrenden Schüler
Part 6
Wie nun das Jahr fast um war -- es war aber nur noch ein Tag dazwischen -- erinnerte Musje Morgenroth die Excellenz an ihr Versprechen, ihm einen Wunsch, wie groß er auch wäre, zu erfüllen. Ja wohl, sagte die Fee, denkt Euch nur was Hübsches aus! Das war aber recht schlecht von ihr, daß sie das sagte; denn sie hatte doch vor, den armen Menschen zu betrügen, weil sie so filzgeizig war. Musje Morgenroth aber ging spornstreichs zu seiner Jungfer Liebsten, um ihr all sein Glück zu erzählen. Er fand sie am Herd stehen, und über dem Feuer hing ein großer Waschkessel. Was kocht Ihr da, Jungfer Abendbrod? sagte er. -- Kaffee, liebster Musje Morgenroth. Unser ältestes Fräulein giebt heut einen großen Klatschkaffee, wozu hundert und ein Geheimerathsfräulein eingeladen sind. -- Indem hörten sie etwas die Treppe heraufkommen. Horcht! sagte die Jungfer, da kommen sie. Musje Morgenroth aber war nicht faul, rückte einen Stuhl vor die Küchenthür und sah oben durch die Ritze. Da kamen die hundert und ein Geheimerathsfräulein richtig dahergewackelt -- denn das Wackeln galt für vornehm -- und alle trugen schwarzseidne Kleider mit silbernen Sternen und hatten Nähkästchen von schwarzem Ebenholz in der Hand, die auch mit silbernen Sternen eingelegt waren. In der Stadt herrschte nämlich der sogenannte Kastengeist; denn die Töchter in den verschiedenen Ständen unterschieden sich durch die Nähkasten, und eine Professorstochter mußte einen andern haben als eine Geheimerathstochter, und eine Schneiderstochter wieder einen andern als ein Professorsfräulein. Das war auch ganz in der Ordnung; denn es wäre doch entsetzlich gewesen, wenn die hohen Herrschaften nicht was Apartes gehabt hätten. Die Nähkästchen der Geheimerathsfräulein waren aber deshalb schwarz mit Sternen, weil das die Nacht vorstellt, die doch alle heimlichen Leiden der Menschheit beschützt und somit auch die Geheimenräthe.
Da sie nun vorüber waren, stieg Musje Morgenroth herunter und sagte: weißt du, Schatz? morgen ist das Jahr um; da thu' ich meinen Wunsch. Ei was ich fidel bin! Er setzte sich wieder auf den Küchentisch und stimmte die Guitarre. Ach laßt lieber das Singen! sagte die Jungfer; denn wenn ich nicht Acht gebe, verbrennt mir der Kaffee. Ihr Liebster aber sagte: Wir werden doch wohl den Vorabend vor unserm fabelhaften Glück eins singen dürfen! schlug ein paar Accorde an, und Jungfer Abendbrod mochte wollen oder nicht, sie mußte mitsingen, wie er folgendes Lied anstimmte:
Wie trag' ich doch im Sinne So wunderfrohen Muth! Das kommt von süßer Minne, Die heimlich brennen thut. Dadraußen lacht der Mai, Nun geht's ans Wandern frei; Und böt' man hundert Gulden mir, Ich wär' nicht mit dabei.
Mein Schatz hat lichte Haare Und Wänglein weiß und roth; Von ihr will ich nicht fahren, Es scheid' uns denn der Tod. In aller weiten Welt Mir nichts so wohl gefällt; Seit ich mein'n Schatz zuerst erschaut, Ist's Wandern mir vergällt.
Drei Wochen nach Michaele Geht's an ein lustig Frei'n. So froh mag keine Seele Auf dieser Erde sein. Ein eigen Haus und Herd Ist Kaiserkronen werth, Und kommt mir je das Wandern an, Ich mach' schon zeitig Kehrt.
Das Lied war eben aus, da trat der Bediente herein und trug ein großmächtiges Brett, auf dem hundert und ein schwarze Kaffeetassen mit silbernen Sternen und eine riesenhafte Kanne stand. Jungfer Köchin, sagt' er, gießt mir flugs die Kanne voll; die Fräuleins haben sich schon die Zungen trocken geschwatzt. -- Jungfer Abendbrod trat zu dem Waschkessel, aber mit einem lauten Schrei stürzte sie zurück. Ein unausstehlicher Brandgeruch stieg vom Kaffee in die Höh und durchräucherte die ganze Küche. Ach Gott, ach Gott! jammerte sie, was wird die Frau Geheimeräthin sagen! -- Die aber trat in demselben Augenblick zur Thür herein und rief: Johann, wie lange wirds? Johann machte ein verlegenes Gesicht und deutete ausdrucksvoll nach dem Waschkessel und Jungfer Abendbrod. Da begriff die Geheimeräthin den ganzen Zusammenhang und rief: Den Augenblick packst du deine Sachen zusammen und scherst dich aus dem Hause! Und wie sie das gesagt hatte, wurde sie blau und roth vor Zorn, verließ die Küche und warf die Thür hinter sich zu, daß die kupfernen Kessel ganz erschrocken einander anstießen, als wollten sie sagen: habt ihr gehört? Die ist einmal böse!
Jungfer Abendbrod lehnte an der Wand und weinte die langen bittern Zähren. Musje Morgenroth saß noch immer auf dem Küchentisch und hatte Augen und Mund weit offen stehn vor Schreck; aber Johann hatte sich leise davon gemacht. Endlich trocknete die Jungfer ihre Thränen und fing an, in stummem Gram ihr bischen Kleider in ein Bündel zu packen. Aber, liebster Schatz, sagte Musje Morgenroth, was härmt Ihr Euch so gar grausam? Morgen thu' ich meinen Wunsch, und dann heirathen wir uns. -- Ach nein! schluchzte Jungfer Abendbrod, daraus wird nichts; unsereins hat auch seine Ambition, und so ein fortgejagtes Ding ohne Schein, die den Kaffee hat anbrennen lassen, sollt Ihr nimmermehr freien. Das könnten wir nie verantworten vor unsern Kindern; die müßten sich ja schämen vor den Leuten. Ach Gott! -- und da fing sie wieder an zu weinen. -- Seid doch nur ruhig, liebste Jungfer! sagte Musje Morgenroth und sprang vom Küchentisch, ich habe Euch nicht minder lieb darum daß Ihr den Kaffee habt anbrennen lassen und fortgejagt werdet außer der Zeit und keinen Schein bekommt; denn an all dem bin ich ja Schuld! -- Die Jungfer aber wollte sich nicht trösten lassen, sagte immerfort, er solle sich eine Andre suchen, die nicht so in Schimpf und Schande gekommen wäre, und hatte indeß ihr Bündel fertig geschnürt. -- Und wo wollt Ihr nun hin? sagte ihr Liebster. -- Ich habe noch die alte Cousine hier in der Stadt, Jungfer Gretchen Leisegang; die wird mich wohl aufnehmen in meinem Unglück. -- Nun denn kommt in Gottes Namen! sagte Musje Morgenroth, machte die Thür auf, blieb aber wie versteinert stehn. Die hundert und ein Geheimerathsfräulein kamen nämlich eben wieder dahergewackelt; denn sie hatten in der höchsten Entrüstung Abschied genommen und wollten wieder nach Haus. Sie sahen alle bitterbös aus, und wie sie an der Küche vorbeikamen, warf eine jede der Jungfer Abendbrod einen verachtenden Blick zu und dann rauschten sie vorüber.
Ach Gott, lieber Musje Morgenroth! rief die Jungfer weinend aus, habt Ihr wohl die Blicke gesehn? -- Der aber stand selbst wie versteinert. Verachtet von hundert und ein Geheimerathsfräulein! sagte er vor sich hin; das ist hart! -- Und in stiller schweigender Verzweifelung stiegen sie die Treppen hinunter und gingen selbander zu Jungfer Gretchen Leisegang, die die weinende Jungfer Abendbrod mitleidig und tröstend aufnahm.
Viertes Kapitel.
Wie es Musje Morgenroth wider seinen Willen nach Wunsch geht.
Als Musje Morgenroth am andern Morgen in seiner Kammer saß, war ihm recht betrübt zu Muth. Seine schönsten Luftschlösser waren zerstört, seine jahrelange Mühe umsonst. Ach! seufzte er halb ärgerlich, halb traurig, ich wollt' daß ich wäre wo der Pfeffer wächst! -- Der Wunsch soll Euch erfüllt werden, sagte Excellenz Claribella, die eben in die Kammer trat. Da fiel dem armen Musje Morgenroth erst wieder ein, daß heute das Jahr um sei und er einen Wunsch frei habe; aber so hatte er's gar nicht gemeint. Doch wußte er, daß die Fee ihren Willen haben mußte, auch wenn's einem Andern einmal nach Wunsch gehn sollte, sagte also, es wär' ihm ganz recht so; und halb recht war's ihm auch; denn es lag ihm an gar nichts mehr viel, seit er Jungfer Abendbrod nicht haben sollte. Die Fee aber war heimlich sehr froh, daß sie Musje Morgenroth so belauert hatte, führte ihn in eine Rumpelkammer, wo viele alte verstaubte Zaubersachen herumlagen, und nachdem sie einige diamantene Schwerter, Drachen, Wünschelruthen und Quecksilberseen bei Seite geschoben hatte, holte sie einen alten Stuhl hervor, der gar seltsam aussah. Statt der vier Beine hatte er vier Gänseflügel; ein kleiner Schornstein war an der Rückenwand befestigt, und unter dem Sitz saß eine ganz kleine Dampfmaschine. Auf der Lehne aber stand mit goldnen Buchstaben: Concessionirter Dampfstuhl zur Reise ins Pfefferland.
Wie Musje Morgenroth des Dampfstuhls ansichtig ward, verschwand sein Trübsinn. Ei, sagte er, wie bequem muß sich's da reisen lassen! Aber wißt Ihr was, Excellenz? wollt Ihr einmal ein christlich Werk thun, so kümmert Euch, wenn ich fort bin, ein bischen um Jungfer Abendbrod und schreibt mir, wie ihr's geht. -- Ich habe schon die ganze Geschichte im Morgenblatt gelesen, sagte die Fee. Wenn Ihr ein paar Zeilen an Euren Schatz schicken wolltet zum Valet, so könnt Ihr ihr vorschlagen, während Ihr auf Reisen geht, an Eurer Stelle in meinen Dienst zu treten. Nachher geb' ich ihr einen guten Schein; dann wird sie wohl nichts dagegen haben, Euch zu heirathen. Freilich bekommt sie keinen Lohn, hat aber alles frei, wie Ihr, und das Hungertuch laßt ihr nur auch hier. -- Da war denn Musje Morgenroth wie im Himmel, und was das Hungertuch betraf, dacht' er: Sie hat ja die Cousine hier, die Jungfer Gretchen Leisegang, da wird sie's wohl nicht nöthig haben; setzte sich also hin und schrieb seinem Schatz folgenden schönen Brief:
Liebste Jungfer Abendbrod! Dein getreuer Morgenroth Reiset, weil du ihn nicht magst, Dahin wo der Pfeffer wachst. Woll' indessen dich bequemen, Dienst bei Excellenz zu nehmen. Was zu thun ist, weißt du schon; Doch bekommst du keinen Lohn, Aber Holz und Essen frei, Auch das Hungertuch dabei. Fürchte nicht die Geographie! Lori ist ein gutes Vieh, Und die Fee hält ihm die Stange; Drum, mein Feinslieb, sei nicht bange! Werd' ich einstens wiederkehren, Darfst du dich nicht länger wehren, Stell' ich mich als Freier ein; Kriegst auch einen guten Schein. Nun ade, herzliebster Schatz! Habe nimmer Zeit noch Platz, Bitt' indeß, noch vor dem Schließen, Gretchen Leisegang zu grüßen. Punktum. Streusand. Bis zum Tod Dein getreuer Morgenroth!
Diesen Brief siegelte er zu, schrieb die Adresse drauf: »An Jungfer Abendbrod, Wohlgeboren, wohnhaft bei Jungfer Gretchen Leisegang, ihrer Cousine, Allhier«, und gab ihn einem kleinen zerlumpten Straßenjungen, und seinen letzten Dreier dazu, er sollt's auch pünktlich ausrichten. Denn, hatte ihm die Fee gesagt, Reisegeld braucht Ihr nicht; ich weiß, Ihr werdet im Pfefferland Euer Glück machen. Da trug denn Musje Morgenroth den Dampfstuhl in den Garten, heizte die Maschine, und als er Guitarre und Rohrstöckchen hatte und das Bündel mit den drei Hemden und drei Paar Socken, zog er die Liverey von Weihnacht an, setzte das Hütchen aufs linke Ohr und sich in den Stuhl, und nun -- hast du nicht gesehn, so siehst du nicht -- in die blaue Luft und in die weite Welt.
Der Dampfstuhl aber stieg so ein zweihundert Fuß senkrecht in die Höhe, dann machte er linksum und flog über den Berg fort immer in einem Strich. Hei, schrie Musje Morgenroth, das ist einmal eine flinke Fahrt! Es saß sich da ganz behaglich; freilich war's ein bischen warm unter dem Sitz und der Schornstein blies ihm den Rauch gerade in den Nacken; aber man konnte weit in die Thäler hineinsehn und die Häuserchen lagen gar sauber in den grünen Büschen. Wie er nun über das nächste Dorf flog, sah er da im Kruge das hübsche Anneli, die trug drei große Schoppen Landwein. Brrr! schrie er. Halt, Schwager! Halt! Will einen Schoppen mit auf die Reise nehmen! -- Ja da schwagerte sich aber gar nichts; der Dampfstuhl flog seinen Weg unaufhaltsam weiter, und Musje Morgenroth mußte sich den Durst vergehen lassen, so viel er auch schimpfte, was das für eine grobe Wirthschaft sei, einen honnetten Reisenden nicht einmal aussteigen zu lassen! -- So flog er eine Strecke weiter, gerade über einen großen Wald weg. Da sah er auf der Straße, die durchging, drei kleine Kinderchen kommen, barfuß, ein Jüngelchen und zwei Mädchen, und weil's so schöne Kinder waren, dachte er: willst ihnen was Liebes thun! zog die drei Paar Socken aus seinem Bündel und warf sie ihnen hinunter. Zwei kamen richtig zur Erde, gerade den Mägdlein vor die Füße. Dem Bübchen seine blieben oben in einer Tanne hängen, aber es war gar nicht faul und fing an hinaufzuklettern. Ob es sie noch erwischt hat, erfuhr Musje Morgenroth nicht; denn in der nächsten Minute war er schon weit, weit weg.
Da sah er wieder unten am See ein wunderhübsches Dirnlein stehn, die wusch Hemden in den klaren blauen Wellen. Sie hatte genau so flachsblonde Zöpfe, als wie Jungfer Abendbrod, und schöne rothe Wangen. Ach Himmel! seufzte Musje Morgenroth und dachte recht sehnsüchtig an seinen fernen Schatz. Unten das Dirnlein sah zufällig hinauf; wie sie aber das seltsame Fuhrwerk durch die Luft daherkommen sah, that sie einen lauten Schrei und das Hemd, daran sie eben wusch, glitt ihr aus den Händen und schwamm in den See hinaus. Das hatte Musje Morgenroth kaum gesehn, als er in sein Bündel griff, zwei Hemden herausholte und sie eilig hinabwarf. Wozu brauch' ich auch so viel Wäsche? sagte er bei sich; mach' ich doch im Pfefferland mein Glück! Er hatte aber eben nur Zeit, die Kußhände zu sehn, die das Dirnlein ihm nachwarf; dann trug ihn der Dampfstuhl wie der Wind aus dem Bereich ihrer blauen Veilchenaugen.
Er griff leise in seine Guitarre, und das nahm sich in der stillen Höhe gar eigen aus. Dann sang er:
All meine Herzgedanken Sind immerdar bei dir; Das ist das stille Kranken, Das innen zehrt an mir. Da du mich einst umfangen hast, Ist mir gewichen Ruh und Rast; All meine Herzgedanken Sind immerdar bei dir.
Der Maßlieb und der Rosen Begehr' ich fürder nicht; Wie kann ich Lust erlosen, Wenn Liebe mir gebricht! Seit du von mir geschieden bist, Hab ich gelacht zu keiner Frist; Der Maßlieb und der Rosen Begehr' ich fürder nicht.
Gott wolle Die vereinen, Die für einander sind! Von Grämen und von Weinen Wird sonst das Auge blind. Treuliebe steht in Himmelshut; Es wird noch Alles, Alles gut. Gott wolle die vereinen, Die für einander sind!
Er hatte die letzten Verse immer leiser gesungen und sich schwermüthig zurückgelehnt. Wie nun das Lied verklungen war, schlief er ein, und berührte nur noch im Traum leise die Guitarre. Die prächtige Nacht zog herauf, die Sterne glitzerten und die alten Sterngucker stiegen aufs Dach und besahn sie mit den langen Fernröhren. Da sahn sie auch den Dampfstuhl durch den Himmel kutschieren, und weil sie nicht draus klug werden konnten, auch auf keiner Sternkarte ihn verzeichnet fanden, und ein Komet konnt' es nicht sein, weil er einen +schwarzen+ Schwanz hatte, den Rauch nämlich: prophezeiten sie daraus Wunder und Zeichen, daß viele Menschen in dem Jahr sterben würden, und bei vielen Bäckern würde es kleines Brod geben, und in Spanien wär's wahrscheinlich, daß es zu blutigen Köpfen käme, was Alles nachher richtig eingetroffen; weiß aber nicht, ob zu Ehren Musje Morgenroths und seines Dampfstuhls. Die beiden jedoch kümmerten sich nicht um die Sterngucker und ihre Prophezeiungen, sondern flogen immer weiter in die stille dunkle Welt hinaus.
Fünftes Kapitel.
Wie Musje Morgenroth zum Pikbuben kommt.
Es war ganz früh, alle Vögel schliefen noch: da senkte sich der Dampfstuhl, dem das Holz ausgegangen war, ins weiche Gras nieder und Musje Morgenroth wachte davon auf. Es war eine überaus lustige Gegend, ein breiter grüner Grund, rings von gewaltigen Bergen umschlossen, und auf der einen Seite ging eine großmächtige Höhle tief ins Gebirg hinein, und das war eine Tropfsteinhöhle. In der Runde standen gar herrliche antike Bildsäulen, die hatte die Höhle allzusammen getropft, und andre waren noch in Arbeit. Vorn aber war ein lichterlohes Feuer gemacht; drüber hing ein Kessel, von dem viel Dampf in die Höhe stieg. Da sperrte nun Musje Morgenroth die Augen groß auf, wie er die Herrlichkeiten sah, stieg ganz munter von seinem Dampfstuhl ab und machte sich nahe herzu. Ei, sagte er, das ist ja eine bequeme Art, Bildsäulen zu machen! Wie er aber das sagte, bekam er einen gewaltigen Schreck; denn aus der Höhle trat ein Riese, der war wirklich ganz unwahrscheinlich groß. Guten Morgen, Kleiner! sagte der Riese und hatte für seine Größe eine gar liebliche Stimme. Großen Dank, Excellenz! sagte Musje Morgenroth und lupfte sein Hütchen. -- Hört einmal, fing der Riese wieder an, wer mir hier einen Besuch macht, muß mir dienen; es kommt nur drauf an, ob er ein gebildeter Mann ist, oder so dem lieben Gott sein gar Nichts. Seid Ihr nun ein gebildeter Mann, so braucht Ihr nur Ein Jahr zu dienen; sonst müßt Ihr drei Jahr aushalten. -- Verzeihen Excellenz, erwiederte Musje Morgenroth, ich reise in Geschäften in das Land, wo der Pfeffer wächst; denn ich soll da mein Glück machen. -- Ach was! sagte der Riese ärgerlich, ich bin der Pikbube; Ihr müßt wissen, daß Ihr nur zu gehorchen habt, denn ich bin Trumpf. Dabei schnitt er ein fürchterliches Gesicht, und Musje Morgenroth sah nun erst, daß er nur ein Auge hatte; das saß ihm mitten auf der Stirn und sah gerade so aus, wie ein Pik-Aß. -- Ja, sagte der Kleine, wenn's denn sein muß, thu' ich's von Herzen gern. Uebrigens wäre mir's doch lieb, wenn ich ein gebildeter Mann wäre; denn drei Jahr Ew. Excellenz zu dienen, ist ein bischen viel; unterdeß freit ein Andrer die Jungfer Abendbrod und ich habe das Zusehn. -- Wir wollen's gleich herauskriegen, sagte der Pikbube; gebt nur gescheidt Antwort auf das, was ich frage. Damit setzte er sich gar gemüthlich nieder und hob den Musje Morgenroth auf sein Knie. Dem war dabei nimmer wohl; aber der Riese sprach ihm Muth ein und sagte, er würde wohl nicht durchfallen im Examen; er säh' ihm ganz aus, wie ein gebildeter Mann; und da war Musje Morgenroth wieder getrost und sagte: Fragen Sie nur immer drauf los, Excellenz!
Da fing also der Pikbube an und fragte: Was haltet Ihr von den stehenden Heeren? -- Ich meine, daß es wackrer ist, sie stehn vorm Feinde, als sie laufen davon.
Dagegen wußte der Riese nichts einzuwenden, fragte also weiter: Warum haben die Chineser so schiefe Ansichten von der Welt? -- Musje Morgenroth besann sich, sagte aber ganz munter: Ei, sie werden ja auch immer mit schiefen Augen abgemalt.
Gut, sagte der Riese. Nun kommt aber alte Geschichte: Wie urtheilt Ihr über Nero? -- Er ist ein ganz gutes Vieh, sagte das Stiefelputzerchen; aber er frißt zu viel Fleisch weg aus Jungfer Abendbrods Küche, und hat mich einmal ins Bein gepackt, wie ich zu Fresco's kam. Es ist freilich schon eine alte Geschichte, setzte er hinzu; aber ich fühl's noch immer.
Weiter, fragte der Pikbube: Wer hat's Pulver erfunden? -- Ich, weiß Gott, nicht! gab der Musje zur Antwort, kann mich auch nicht besinnen, wer's war; ich muß damals noch ganz klein gewesen sein.
In der Geschichte wißt Ihr nicht sonderlich Bescheid; woll'n was Anders fragen, sagte der Pikbube. -- Wo wachsen die meisten Pflaumen? -- Auf den Zwetschgenbäumen, war die Antwort. -- Wie kann ein armer Schlucker in theuren Zeiten satt werden! -- Er muß eine Köchin zum Schatz haben, wie ich Jungfer Abendbrod. -- Wenn Einer aber viel Geld hat, was soll der am besten damit thun? -- Was der Pfarrer Asmann that. -- Nun, und was that der? -- Was ihm halt gefiel. -- Nun sagt noch zu guter Letzt: Was ist die Liebe? -- Da weiß ich Euch genau Bescheid zu geben, antwortete Musje Morgenroth. Liebe ist, wenn ich Jungfer Abendbrod auf den Mund küsse und sage: Behüt dich Gott, du bist und bleibst mein herzallerliebster Schatz!
Wie er das gesagt hatte, schmunzelte der Riese und sagte: Ich sehe, Ihr seid überall gar bewandert und gelehrt; darum braucht Ihr nur Euer Jahr abzudienen. Aber wie heißt Ihr eigentlich und weß Standes seid Ihr? -- Da nun Musje Morgenroth ihm das berichtet hatte, wollt' es der Riese erst gar nicht glauben, daß er Stiefelputzer sei; denn, sagt' er, ich hielt Euch zum wenigsten für einen Oberlehrer oder gar für einen Professor. Nachher aber meinte er: Es ist mir doch lieb; so werdet Ihr meine Siebenmeilenstiefel gehörig putzen; die haben die Herrn Professoren, wenn sie hier ihr Jahr abdienen mußten, nie blank machen können. Außerdem muß jeden Morgen die Höhle ausgefegt und die Tröpfe da (so nannte er nämlich die Bildsäulen, die die Höhle getropft hatte) sauber abgekehrt werden. Mittags macht Ihr Feuer an unter dem Kessel, darin wird das Essen gekocht, jedes Mal ein ganzes Rind; das giebt kräftige Fleischbrüh, die Euch wohl munden wird, und ein Hinterviertel mögt Ihr auch erhalten. Zu Abend trink' ich Kamillenthee, denn hier in der Gegend wächst nichts andres, und dann geh' ich zu Bett. Ihr müßt Euch aber schon bequemen, unter meiner hohlen Hand zu schlafen; denn sonst lauft Ihr mir einmal fort, und daraus wird nichts, bis das Jahr um ist.
Darauf setzte der Pikbube Musje Morgenroth von seinem Knie herunter, stand auf und ging in die Höhle, wohin ihm Musje Morgenroth folgen mußte. Drinnen war's gar so übel nicht; überall standen kleine niedliche Tröpfe, die Jungfrau von Orleans zum Exempel und der große Kurfürst und Schiller und Goethe und viele Andre. Ganz hinten stand das Bett; das war aber einmal lang und breit! da hätte ein ganzes Regiment Dragoner sammt ihren Rößlein drin Platz gehabt. Hinter der Bettstelle standen die Siebenmeilenstiefeln. Der Tausend! sagte Musje Morgenroth, das wird viel Wichse kosten! -- Seid ohne Sorgen, erwiederte der Pikbube, Ihr sollt Wichse genug kriegen. -- Nachdem sie nun Alles gemustert und der Riese dem Kleinen noch genau gesagt hatte, wie er's haben wolle, sah er nach einer allerliebsten Thurmuhr, die er in der Westentasche trug, und sagte: Ihr mögt nur immer die Siebenmeilenstiefel vornehmen! trug sie ihm also hinaus ins Freie und sah ihm zu. Musje Morgenroth war nun wohl flink dabei; aber dennoch brauchte er ganzer fünf Minuten, um mit der Bürste von der Fußspitze bis zum Hacken zu fahren, und die Schäfte konnte er nicht anders erreichen, als mit einer Leiter. Doch war der Pikbube ausnehmend zufrieden; denn er macht's so blank, daß man's ohne Augenschmerzen gar nicht ansehn konnte.
Wie's nun gegen Mittag war, holte der Riese ein Rind von seiner Heerde, die im Gebirg weidete, drückte ihm mit dem kleinen Finger den Schädel ein, zog's ab und warf's in den Kessel. Das gab eine kräftige Bouillon, so daß Musje Morgenroth des Rühmens kein Ende wußte. Auch das Rindfleisch gefiel ihm; er dachte: ob jetzt Jungfer Abendbrod am Hungertuch nagen muß? und wenn ich ihr doch was abgeben könnte! Und da überkam ihn das Heimweh; er nahm die Guitarre vor und klimperte ein Liedchen. Das gefiel dem Riesen gar sehr, und er sang ihm zum Dank auch was vor und fragte ihn dann um sein Urtheil. Ihr habt eine schöne Fistel, sagte Musje Morgenroth, und singt mit viel Ausdruck. Aber das Piano will Euch nicht gelingen. -- Es ist ein Erbfehler in unsrer Familie, sagte der Pikbube; wenn meine Mutter sang, die Pikdame, Gott habe sie selig, lief Alles davon; denn sie vermochten's nicht auszuhalten, so laut war's; und mein seliger Vater, der Pikkönig, konnte sie noch überschreien. -- Danke schön, sagte Musje Morgenroth. Da wäre mir doch mein Trommelfell zu lieb gewesen!
Am Abend trank der Riese einen ganzen Kessel voll Kamillenthee; aber den mochte Musje Morgenroth nicht, weil er nicht durchgesiebt war. Er hatte sich noch Fleischbrühe vom Mittag aufgehoben, daran hatte er genug. Hernach stieg der Pikbube ins Bett; Musje Morgenroth streckte sich neben ihn, und sein Schlafkamerad legte ganz sacht die hohle Hand über ihn; da war er warm und hatte doch Raum genug, sich nach Lust zu bewegen und herumzuwälzen, wie er immer im Schlafe that. So schlief er bald ganz fidel ein und ließ sich von seiner Herzallerliebsten was Angenehmes träumen.
Sechstes Kapitel.
Wie Musje Morgenroth das Wandern ankommt, ohne daß er Kehrt macht.