Der Jungbrunnen: Neue Märchen von einem fahrenden Schüler
Part 4
Da kam auf einmal eine steinalte Frau des Weges, einen Korb auf dem Rücken, ein Reisbündel in der Schürze vor sich, und hatte mehr Runzeln im Gesicht, als Haare auf dem Kopf. Ich aber in meiner Verdrehtheit denke: So wahr ich Paul heiße, ist die da nicht mein alter Schatz, die mir gerade vorm Jahre den Dienst aufgekündigt hat? Und da schoß mir richtig die alte Liebe wieder so stark zum Herzen, daß ich vor Wallung nimmer weiter konnte und mich der Herzallerliebsten gerade in den Weg stellte. Dabei sagte ich ungefähr folgendes:
Es weht aus einander der lose Wind Die Wellen und Wolken und Flammen. Zwei Herzen, die für einander sind, Die finden sich immer zusammen.
Mein Haar ist worden dünn und grau, Meine Wange welk und bleich. Mein Liebchen, blicke mich an genau, Und du erkennst mich gleich.
Somit breitete ich die Arme aus und wollte sie gerührt an mein Herz drücken. Da fing sie ganz entsetzlich an zu keifen, was das für ein Nestküken sei, der ein altes Weib am Narrenseil zu leiten gedächte, und ich sollte sie ihrer Wege gehn lassen. Weiß der Himmel was ich dachte! so viel ist gewiß, ich ließ sie nicht los, umfing sie vielmehr zärtlich und sang:
Kehr um, kehr um und tanz mit mir Und weich mir nicht von der Seiten. Die Vöglein singen so lockend hier, Im Takte die Bächlein gleiten.
Ich bin beglänzt, du bist beglänzt Von Maiwein und von Liebe. Der Wald der ist von Sonne beglänzt, Daß er nicht nüchtern bliebe.
Die ganze Welt hat einen Glanz, Sie tanzt mit uns in die Runde. Und sind wir Alle müde vom Tanz, Das ist die jüngste Stunde.
Und nun begann ich so ausgelassen zu tanzen, daß die Vögel im Wald glaubten, es käme ein Erdbeben, und meiner schönen Tänzerin wackelten die alten Knochen und sie schrie gar gottserbärmlich. Laßt mich los! rief sie und wollte sich mir entwinden. Ich aber immer noch in dem guten Glauben, es sei mein altes Liebchen und sie wolle nur nichts von mir wissen, hielt sie nur fester und schwätzte ihr das ungewaschenste Zeug in die Ohren. -- Er Nichtsnutz! war die Antwort, laß Er mich los, ich rath's Ihm, oder es bekommt Ihm schlimm. Joseph, Joseph! rief sie darauf. Ich meinte, sie riefe den Pflegevater des Christkindleins um Hülfe an; wie ich aber eben wieder einen prächtigen Luftsprung mit ihr gethan hatte, kam plötzlich ein stämmiger Gesell von der Seite her auf mich zu, hatte einen tüchtigen Stecken in der Hand und prügelte so wacker auf mich ein, daß mir Hören und Sehen verging und ich über eine Baumwurzel stolpernd gar unsanft zu Boden fiel.
Da lag ich nun längelangs, und der Glanz verging mir; denn ich konnte mich nicht regen, so zerschlagen war ich. Ich hörte aber, wie das Weib dem Joseph die Historie berichtete, und der darauf sagte: Er wird's nimmer wieder thun, ich hab ihm den Garaus gemacht. Was hast aber da für eine Puppe im Korb? -- Ist mir heut unter die Finger gerathen, da ich Holz sammelte, erwiederte das Weib. Wollt's unserm Enkelkind als Spielzeug geben. -- Es hat ein gefährlich Ansehn, sagte der Joseph darauf. Wirf's weg! kannst nicht wissen, ob's nicht behext ist oder der Teufel selbst, den du dir auflädst und wirst ihn nimmer los danach. -- Ich hörte was fallen ins Gras; dann schritten die Beiden weiter und ließen mich allein mit meinen Beulen und meinem Aerger, daß ich so eine alte Schachtel für mein junges Liebchen angesehn hatte.
Nach und nach ward mir besser zu Muth; da richtete ich mich auf und schaute um. Neben mir lag mein grauer Hut und war eine einzige Beule; ich zog ihn wieder zurecht und suchte emsig umher im Grase; denn ich war neugierig auf die verdächtige Puppe der Alten. Da könnt ihr denken, wie ich froh überrascht wurde, als ich meinen Tannenmusje liegen sah und alle Schwefelhölzchen hatte er noch, die er von mir mitgenommen hatte. Er wäre mir am Ende auch wieder entwischt; aber beim Fallen aus dem Korbe hatte er das Bein verstaucht, somit war ihm das Getragenwerden bequemer.
Wir haben uns nun mitsammen auf den Weg gemacht, und wenn ich nicht die Angst um Glückspilzchen ausgestanden hätte, wäre ich leidlich fidel gewesen. Zum Glück kam da so eine alte Hexe mit einer Ruthe in der Hand hinterm Busch hervor und erzählte mir, sie sei die Frau Bösgewissen und habe für Glückspilzchen schon gesorgt und ihr die Wege gewiesen. Eigentlich habe sie mit mir auch ein Hühnchen zu rupfen, daß ich dem Maiwein so zugethan sei und den schönen Mädchen und sonst ein leichtsinniger Patron sei; aber sie wolle es diesmal noch vergeben, wenn ich Besserung angelobte. Und nun ich mein Feuerzeug wieder habe, solle ich nur gleich an mein Heldengedicht gehen und nicht auf der Bärenhaut liegen. Uebrigens wäre der Weg geradeaus der richtige.
Damit machte sich die Dame Bösgewissen wieder unsichtbar, fitzte mich nur noch leise mit der Ruthe, daß mich's im Weitergehn ein Bischen brannte. Und so fand ich bald den blonden Schusterjungen mit der Käke auf dem Arm, und der Weg zu euch war nimmermehr eine Tagereise.
Siebentes Kapitel.
Wie sie noch Einiges zu schwätzen haben und sich dann auf den Heimweg machen.
Jetzt schwieg der lange Poet, und ein Engel ging durch die Gesellschaft, wie man zu sagen pflegt. Indessen nahm Tante Buchstabiria das Wort und sagte: Lieber blonder Schusterjunge, nun erzähle auch, was dir begegnet ist und wie du zu der Käke gekommen bist. -- Ach Gott, ich bin eben an der Unterlippe! rief Tante Schönekünstchen. -- Das half aber Alles nichts; die beiden andern Tanten bestanden darauf, daß sie das Buch zumachen und der blonde Hansel erzählen sollte.
Da wurde der gar verlegen, räusperte sich und schielte nach Pedanterlieschen hinüber, und dann fing er so an: Es war mitten in der Nacht, da fuhr ich ganz erschrocken in die Höhe; denn die Maikäfer hielten Ball auf meiner Nase und das krabbelte und kribbelte, daß es nicht auszuhalten war. Ich wischte sie mit der Hand herunter, saß dann und überdachte meine Lage. Ich war ausgezogen, um die Fleischtöpfe Aegypti zu finden, und die hatte ich nicht gefunden; vielmehr war ich von der verdrehten Gärtner- und Vogler-Gesellschaft herausgeworfen worden, hatte eine halbe Nacht unter freiem Himmel geschlafen, und die Maikäfer waren mir auf der Nase herumgesprungen. Da entschloß ich mich rasch, ich wollte die Reisegesellschaft verlassen -- denn da war ich doch der Dümmste von Allen -- und auf eigne Hand und eignen Füßen nach Rom wandern, von da mich übersetzen zu lassen nach Aegyptenland. Ich nahm also meine Ziehharmonica mit acht Klappen und drei Luftlöchern, lud mein Bündel auf den Rücken und drückte dem schlafenden langen Poeten die Hand; die kleine Mamsell aber ward ich nicht gewahr. Dann suchte ich so gut es ging vorwärts zu kommen in dem stockdustern Wald; aber die Bäume mußten wohl böse sein, daß ich sie im Schlaf störte, denn sie stießen mich rechts und links und richteten mich erbärmlich zu, daß ich froh war, wie's endlich Tag wurde.
Mir ist aber keine Seele begegnet, weder der verliebte Prinz Schnudi, noch die Alte mit dem Reisbündel, noch endlich die Dame Bösgewissen. Ich hatte nur Hunger und Durst, und das ist auch natürlich, denn ich will ein ganzer Schusterjunge sein, und die sind immer hungrig, auch wenn sie eben vom Essen kommen. So lief ich die Kreuz und Quer im Walde herum und fand nicht heraus. Auf einmal aber kam ich an drei Bächlein, die neben einander durchs Gras flossen; da stand ich still und hätte gern getrunken; aber das Wasser war bittersalzig. Ich simulirte eben, wie ich hinüber kommen sollte, da sah ich wie die Puppe der kleinen Mamsell dahergeschwommen kam, und weil ich fürchtete, sie müsse am Ende ersaufen, obwohl sie ganz gemächlich auf dem Rücken lag und ihr Kleidchen sie trug, warf ich die Jacke, das Bündel und die Ziehharmonica mit den acht Klappen und drei Luftlöchern am Ufer nieder und stürzte mich der Puppe nach.
Ich erwischte sie auch richtig und hielt sie fest; aber die Strömung war so reißend, daß ich selbst mit fortgerissen wurde und, so stark ich mit den Armen arbeitete, nicht ans Ufer gelangte. Gewiß wär' ich dabei zu Grunde gegangen, wenn nicht wie durch ein Wunder der Bach auf einmal in den Sand gelaufen wäre und mich auf dem Trocknen liegen gelassen hätte. Da stand ich ganz munter auf, nahm die Käke in den Arm und ging zu der Stelle zurück, wo meine drei Siebensachen noch ungestohlen beisammen waren. So wanderte ich weiter und traf den langen Herrn Poeten, was mir jetzunder ganz recht ist, denn -- ich habe all mein Lebtag so was Schönes nicht mit Augen gesehn -- als -- --
Da stockte der Hansel und wurde blutroth im Gesicht und schielte immer auf die Pedanterliese, die auch längst schon aufgehört hatte, sich mit der Käke abzugeben, und keinen Blick von dem blonden Schusterjungen wandte. Der Poet aber rieb sich stillvergnügt die Hände und sang leise vor sich hin:
Ein Stündlein sind sie beisammen gewest, Ein Stündlein läuft so geschwind, Und saßen einander im Herzen schon fest; Die Liebe die kommt wie ein Wind.
Du junger Gesell, nun hüte dich fein, Nun hüte dich, schönes Kind, Und verriegele gut deines Herzens Schrein; Denn die Liebe die geht wie ein Wind.
Tante Buchstabiria aber trat zu ihm und hatte eine Menge Einwendungen zu machen. Die Erziehung sei noch nicht beendet; sie müsse erst noch Stunden nehmen über die Pflichten der Gattin und Mutter; auch sei der Hansel arm, und das sei bei einer Heirath das Allerschlimmste. Auf all das hörte der Lange nicht; er sagte, so müsse es von Gottes- und Rechtswegen immer hergehn, daß der Gänsejunge die Prinzessin oder der Schusterjunge das Pedanterlieschen heirathe, und der blonde Hansel sei ein gar reputirlicher Freier und gerade wie gemacht für sie. Uebrigens sollten sie ihn nur machen lassen, er werde die ganze Geschichte nach Wunsch zu Ende bringen; denn dafür sei er Poet und könne machen, was ihm gut schiene, und die Großmuth koste ihn nichts.
Da ergab sich Tante Buchstabiria, ließ eilig anspannen, und die ganze Gesellschaft fuhr nach Hause. Die Bank hatten sie zurückgelassen vor lauter Freude, daß sie Alle wieder beisammen waren, und vollführten im Wagen eine erschreckliche Ausgelassenheit; nur der Schusterjunge und die Pedanterliese waren stumm. Der Lange aber hatte die Beine, die er im Wagen nicht unterbringen konnte, zum Schlage herausbaumeln, warf allen Bauerdirnlein, die vorbeigingen, Kußhände zu und sang:
Zehnerlei Kräuter hauchen So süßen Duft im Maien; Könnt' ich in Wein sie tauchen, Bliebe mir Sorge fern. Von Durst mich zu befreien, Auf Rath vergebens denk' ich. Ach hätt' ich Geld, wie tränk' ich Mir einen Glanz so gern!
Liebe den Andern winket In jungen Lenzes Schimmer. Wenn mir nur Maiwein blinket, Neid' ich sie nicht den Herrn. Durch schöne Augen nimmer In Leid und Kummer sänk' ich -- Ach, hätt' ich Geld, wie tränk' ich Mir einen Glanz so gern!
Muß ich auch einsam gehen, Wenn Liebe schleicht zu Zweien, Kann ich doch doppelt sehen Frühling und Mond und Stern'. Drum hoch, du Trank des Maien! Allstund an dich gedenk' ich -- Ach hätt' ich Geld, wie tränk' ich Mir einen Glanz so gern!
Und dabei jodelte er und trillerte so laut, daß die Käke, die in Glückspilzchens Arm eingeschlafen war, aufwachte, sich die Augen rieb und sagte: Ach nun haben sie Alle Geschichten erzählt, und mich fragt keiner, was mir begegnet sei. -- Du armes Dummerchen, fiel Glückspilzchen ein, wer denkt auch, daß du schon was erlebst! Erzähle aber nur. -- Da spitzten sie alle die Ohren, und die Käke fing an: Wie mich der Bach mit fortnahm, war ich sehr angst, ich möchte ertrinken. Da strampelte ich mit Händen und Füßen, und weinte. Auf einmal hörte ich wie der Bach sagte: Sei ruhig, Püppchen, will dir auch ein Märchen erzählen. Das ließ ich mir denn gern gefallen und er erzählte
Das Märlein von Perlemutter und Perlevater.
Unten tief auf dem Meeresgrunde, wo es ganz klar und stille ist, liegt eine große Wiese von Meergras, und auf der Wiese steht das Haus von Perlemutter und Perlevater. Das sind zwei uralte wunderliche Leute, können das Wasser vertragen wie die auf der Erde die Luft, und der Perlevater hat einen langen Bart von Schilfgras, aber die Perlemutter trägt ein glänzendes Kleid und eine Haube von silbernen Fischschuppen. In ihrem Hause ist ein großer Saal und stehen unzählige Bettlein darin; da schlafen die Nacht über alle ungebornen Kindlein, so noch nicht ans Tageslicht gekommen sind, und warten bis der Storch sie abholt. Tagsüber jedoch sitzen sie auf kleinen Sandbänkchen um Perlemutter und Perlevater im Kreise auf der großen Meergraswiese, und Perlemutter erzählt den Mädchen traurige Märlein, Perlevater aber den Buben, bis sie alle die Thränen nicht mehr halten können. Alle Thränen aber werden zu Perlen, die die Alten Nachts, wenn die Kinder zu Bett sind, aufsammeln, in die Perlenmuscheln thun und noch vom Mond ein bischen versilbern lassen.
So geht es tagaus tagein, bis für Jedes die Stunde schlägt, daß es auf die Welt kommen soll. Die weiß aber Perlevater und Perlemutter ganz genau, und da nehmen sie das Kind Nachts aus dem Bettchen und steigen damit hinauf an die Meeresfläche, wo der Storch schon wartet mit hübschen trocknen Windeln und es warm eingewickelt davon trägt. Am Morgen vermissen die andern das entführte Gespiel wohl; aber sie haben keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, denn sie müssen gleich wieder die Märlein von Perlemutter und Perlevater hören und Perlen weinen.
Das Kind aber, das nun droben in der Wiege liegt, ist von dem hellen Sonnenglanz und den vielen Menschen, die es auf den Arm nehmen und herzen und küssen, ganz betäubt und blöde worden, und weil es kein Wort versteht -- denn der Perlevater und die Perlemutter haben eine ganz andre Sprache geredet -- weint es und schläft es den ganzen Tag. Allmählich aber wird es inne, daß es ihm doch noch nirgends so wohl gewesen ist, als auf dem Schoß der Mutter, und da klammert es sich mit den kleinen Armen fest an sie an und hört sorgfältig auf jedes ihrer Worte, bis es alle gelernt hat. Darüber vergißt es aber alle die Märlein, die es unten auf der Schilfgraswiese gehört hat, und weiß gar nichts mehr von seinem früheren Leben, außer daß es eine Sehnsucht behält nach dem Meer, und wenn es auf einem Schifflein schwankt, lehnt es sich über Bord und kann sich gar nicht satt sehen an der blauen Tiefe.
Es ist einmal ein armer alter Mann mit schlohweißen Haaren gewesen, dem träumte von Perlemutter und Perlevater, daß er ganz bekümmert aufstand und ans Meer ging. Da setzte er sich in einen Kahn und fuhr ganz allein hinaus, und seine alten Arme erlahmten fast am Ruder. Er kam auch wirklich so weit, daß er unten das Haus auf dem Meeresgrunde sehen konnte und die beiden Alten, die den Kindlein erzählten, und es faßte ihn ein so heftiges Verlangen, wieder hinabzusteigen und über den rührenden Märlein sein ganzes Erdenleben zu vergessen, daß er die Arme ausbreitete und hinabstürzte. Aber in die Tiefe gelangt Keiner zurück; zwei mitleidige Wellen nahmen ihn und trugen ihn ans Ufer. --
Wenn du aber fleißig und fromm und artig bist, sagte der Bach zu mir, kommst du in den Himmel und wirst ein Englein, und da erzählt dir das Christkindlein tausendmal schönere Märchen, als Perlemutter und Perlevater, und keine, über die du zu weinen hast, sondern fröhliche selige Geschichten, daß du vor lauter Glückseligkeit einen goldnen Schein übers ganze Haupt bekommen wirst, der nie wieder vergeht.
Damit war des Bachs Erzählung zu Ende, schloß die kleine Käke, und das Uebrige wißt ihr, wie mich der gute Schusterjunge aufgefischt hat.
Achtes Kapitel.
Wie eine sehr gute bürgerliche Hochzeit dieser romantischen Geschichte ein Ende macht.
Während der Fahrt nach Haus hatte Tante Buchstabiria noch ernsthafte Gespräche mit dem langen Poeten; denn sie verstand sich ein wenig auf seine Kunst. Ei, sagte sie, Ihr habt ganz hübsche Geschichten erlebt; aber wenn Ihr einen Roman daraus machen wolltet, müßten nothwendig die Vogler und Gärtnerinnen wieder vorkommen, und was aus dem grillenfangenden Kegeljungen geworden, das wüßt' ein geneigter Leser auch gar zu gern. Nun steht's so lose neben einander, wie die Buchstaben im Abc. Der Poet lachte still in sich hinein und brummte: Es ist noch nicht aller Tage Abend, und was nicht ist, kann noch werden. Im Herzen aber war er doch ein bischen besorgt, wo's hinaus sollte.
Wie sie nun nach Haus gekommen, lief der lange Poet viel im Hause herum, hatte mit der Köchin zu tuscheln, und ließ Keinen in die Karten sehn. Er bekam auch mehrere Briefe, die er für sich behielt, denn die Andern waren Alle in der großen Schulstube eingesperrt, wo Pedanterlieschen ihren Bräutigam in den Wissenschaften examinirte und ihm aus übergroßer Gewissenhaftigkeit eine schlechtere Censur gab, als man von einer Braut hätte erwarten dürfen. Glückspilzchen aber brachte ihre Käke zu Bett, denn das arme Kind hatte den Schnupfen gekriegt. -- Auf einmal öffnete sich die Thür, und der lange Poet lud die ganze Gesellschaft ein, ihn nach der Küche zu begleiten. Er selbst nahm den blonden Schusterjungen und Pedanterlieschen unter den Arm und ging voran.
Die Thür der Küche aber war festlich mit Blumenkränzen geschmückt und über dem Eingang stand mit goldnen Buchstaben:
Aegyptenland ist hie zu sehn, Wo die berühmten Fleischtöpf' stehn. Bitt', trete näher wem's gefällt; Es ist umsonst und kost't kein Geld.
Da traten denn Alle höchlich verwundert ein und sahen ein Dutzend großmächtiger Fleischtöpfe am Feuer stehn und das allerurwürzigste Fleisch darinnen dampfen. Rings um den Herd standen schöne bunte Pyramiden vom vorigen Weihnachten, und die Kerzen darauf brannten, daß es eine wahre Pracht war. Der Poet aber trat vor und gab dem blonden Schusterjungen zwei Briefe. In dem einen stand, sein Herr Vormund sei mit Tode abgegangen und habe ihm noch, wie er eben im besten Sterben gewesen, alle seine Geldsäcke vermacht. Im zweiten stand, der König habe ihm für seine edle Aufopferung bei Rettung der kleinen Käke die Rettungsmedaille zu verleihen geruht, habe auch dem armen Grillenfänger eine Pension ausgesetzt, damit er in Zukunft das Geschäft sorgenfrei und nicht mehr auf eigne Hand, sondern im Hause des jungen Schusters betreiben könne, falls sich Grillen darin einstellen würden. Es war das natürlich ein Ruheposten; denn bei der Vortrefflichkeit der beiden Leutchen war an Grillen kaum zu denken.
Nun begreift Jeder, welch eine fröhliche Hochzeit gefeiert wurde, und zwar an demselben Tage, an dem Prinzessin Marzebille dem Prinzen Schnudi die Hand reichte. Der aber schien den langen Poeten vergessen zu haben und galt im ganzen Lande für ein gewaltiges Licht, seitdem er die schönen Verse heimgebracht hatte.
Pedanterlieschen führte indessen ein sehr musterhaftes häusliches Leben und es hat sie nie der Schuh gedrückt; dafür sorgte ihr Mann, der sehr bequemes Fußwerk lieferte. Glückspilzchen dagegen hatte noch viel von der Erziehung auszustehn, machte sich indeß manche fröhliche Stunde in Wald und Feld, wobei sie sich freilich vor der Frau Bösgewissen in Acht nahm; und zuletzt verliebte sich ein Waldhornist Namens Eichhorn sterblich in sie, der ein schmuckes fideles Kerlchen war und von Allen hochgeehrt immerfort die Welt durchstreifte und sie einmal unversehens mitnahm. Der lange Poet aber saß nun fleißig bei seinem Heldengedicht, was er den Tanten sehr zu Dank machte. Nur war ihm Tante Buchstabiria immer noch böse wegen der Gärtnerfamilie, die nicht wieder zum Vorschein kam. Aber der Poet sagte, es sei alles eine wahre Geschichte, für die er nicht könne; denn da die Helden dieses Märleins, Gottlob! noch nicht gestorben seien, so lebten sie heute noch, und die liebe Tante sollte nur immer abwarten, ob die vermißte Gesellschaft nicht doch noch einmal ihren Besuch machte.
Das Märchen von Musje Morgenroth und Jungfer Abendbrod.
Erstes Kapitel.
Wie Musje Morgenroth in noble Verhältnisse kommt und wo er die Nacht darauf zubringt.
Es war einmal ein gewisser Musje Morgenroth, der war Stiefelputzer, und zwar ein sehr vornehmer, denn er putzte nur die Stiefel von Geheimeräthen. Außerdem besaß er ein absonderliches Genie für die edle Musica, denn er war eines Organisten Sohn und hatte von seinem siebenten Jahr an Bälge treten müssen, war also von schönen alten Liedern voll und klimperte auf der Guitarre gar herzbrechend die Begleitung. Das Stöckchen von Pfefferrohr, ohne das kein ehrlicher Stiefelputzer sich durch die Welt schlagen kann, ließ er den ganzen Tag nicht von sich, und Nachts legte er's in ein Puppenbettchen, das von seinem jüngsten Schwesterlein her, Gott habe es selig! als Erbstück auf ihn gekommen war; denn er liebte beide sehr, Stöcklein und Schwesterlein. Er hatte nur einen Rock und einen Wunsch, die er beide schon sehr lange mit sich herum trug. Dem Rock ging es umgekehrt wie dem Wunsch; er wurde immer schäbiger und bequemer, während der Wunsch stärker ward und unbequemer. Dieser bestand aber in nichts geringerem, als ob's nicht möglich wäre, daß er einmal dahin käme, wo der Pfeffer wächst. Da müßte ja, meint' er, recht das Land für die Stiefelputzer sein, wo die Pfefferröhre wild wüchsen, und nicht so ein Heidengeld kosteten. Ja, wer doch da einmal hinkönnte!
Eines schönen Abends, da der Mond eben aufgegangen war, wanderte Musje Morgenroth zum Thor hinaus, an den Landhäusern der reichen Leute vorbei, hatte die Guitarre im Arm, das Pfefferröhrchen guckte ihm hinten aus der Rocktasche und der Hut saß recht windschief auf dem linken Ohre. Meiner Seel, sagte er und sah zu den Sternen hinauf, was der liebe Herrgott für Arbeit haben muß, bis er Sonne, Mond und Sterne blank geputzt hat! Wundert mich aber doch, daß er den Mond nicht blanker kriegt. Die dummen Flecken da scheinen sich schon lange eingenistet zu haben. -- Er schüttelte den Kopf und that sich heimlich auf seine Stiefelputzerweisheit nicht wenig zu Gute. Es war nur sein Glück, daß er nicht mehr in die Höh' sah; denn der Mond schnitt ihm ein spöttisch Gesicht und die Sternlein warfen mit Schnuppen nach ihm, um ihn zu necken, von denen aber keine traf. Er nahm wieder seine Guitarre vor, schlug einige Accorde an und sang dann folgendes Lied:
Spazier' ich so die Gass' entlang, Wenn kaum der Tag verrauschet, Dann heb' ich an einen trauten Sang, Dem manch ein Dirnlein lauschet. Wo eins in Liebchens Armen ruht, Dem dünkt das Liedel wundergut; Wo einsam weint ein junges Blut, Dem soll's gar tröstlich frommen.
So weit der goldne Sonnenschein Mag auf die Erde blicken, Will sich zusammen nichts so fein Als Lieb' und Musik schicken. Das wußt' auch König David wohl Und sang zur Harf' in Dur und Moll Höchst meisterlich und wundervoll Die allerbesten Lieder.
Und dies geschah vor Alters schon, Ist dennoch wahr geblieben; Ich mein', ich säß' auf Davids Thron, Sing' ich ein Lied vom Lieben. Und wer dies Liedel hat erdacht, Der hat so manche liebe Nacht Ein Ständchen seinem Schatz gebracht. Die ließ ihn ein zum Danke.